Revisionismus in der DDR am Beispiel einer Broschüre zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution

Das Jahr 2016 neigt sich dem Ende zu.  2017 ist nicht nur  der 500. Wiederkehr des Thesenanschlags Martin Luthers an die Schloßkirche zu Wittenberg zu gedenken, der den deutschen Bauernkrieg auslöste, es ist auch das Jahr der 100. Wiederkehr der großen sozialistischen Oktoberrevolution. Manche meinen, diese Revolution sei so gewaltig, dass man die  Adjektive mit großen Anfangsbuchstaben schreiben müsse. Ich mache das bewußt nicht mit, eingedenk der Worte Lenins, dass Revolutionäre sich hüten sollten, das Wort ‚Revolution‘ mit großen Buchstaben zu schreiben. Beim Durchlesen von Artikeln zu den Jahrestagen der Oktoberrevolution stieß ich auf eine Broschüre, die mich mehr als nur einmal stutzig machte.

Die Oktoberrevolution war gerade ein halbes Jahrhundert alt, da erschien 1967 im Akademie-Verlag zu Berlin eine interessante Broschüre zu ihrem 50. Jahrestag. Der Titel lautet schlicht „Oktoberrevolution“ und die Verfasser sind Manfred Buhr und Matthäus Klein. Aber der Untertitel lässt aufhorchen: „Grundanliegen der Menschheit – Humanismus, Menschenrechte, Frieden“. Das ist unscharf genug, denn natürlich gehören auch die Imperialisten zur Menschheit, die ökonomisch bedingt objektiv zum Krieg gegen die Oktoberrevolution gezwungen sind. Sie haben also ein entgegengesetztes Grundanliegen und der präzise Untertitel hätte lauten müssen: Grundanliegen des Weltproletariats und der armen Bauernklassen weltweit.

„Humanismus, Menschenrechte, Frieden“, das sind gewiss süße Worte, bei denen aber revolutionäre Wachsamkeit angebracht ist. Für Karl Marx blieb jede soziale Reform eine Utopie, „bis die proletarische Revolution und die feudalistische Konterrevolution sich in einem Weltkrieg (kursiv von Marx) mit den Waffen messen“. 1. Das sind nun schon bittere Worte, die so gar nicht in das Konzept einer friedlichen Koexistenz passen. Beide Autoren ergeben sich in einer allgemeinen Menschheitsduselei, als ob das Proletariat eine menschheitsbefreiende Mission hätte, eine Duselei, in der das Feindbild immer mehr verwischt. Schließlich muss die Oktoberrevolution herhalten, um mit ihr den Prozess, „die Rechte der Menschheit herzustellen“ (Imanuel Kant) beginnen zu lassen. Die Revolution wird hier verbal in eine zu mildes Licht getaucht. Sie hat endlich einen richtigen Begriff von Asozialität geprägt. Es galt, die bisher schmarotzende Minderheit der Kapitalisten zu stigmatisieren, auszugrenzen, vom Wahlrecht auszuschließen, nicht die Rechte der Menschheit herzustellen, sondern den gleichen Arbeitszwang für alle einzuführen. Die Commune hatte keide Ideale zu verwirklichen, schrieb Marx über das Pariser Revolutionsereignis von 1871. Die Tscheka wurde bestimmt nicht gegründet, die Rechte der Menschheit im kantischen Sinne herzustellen, sondern die Asozialen zu disziplinieren. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen und nicht wählen. Auf der Tagesordnung stand ein Bürgerkrieg der schrecklichsten Art als ein weltgeschichtlicher Endkampf mit militärischen Operationen, die mittels der Diktatur des Proletariats das Krebsgeschwür ‚Kapital‘ zu entfernen hatten. In diesem Zusammenhang bemerken die Autoren der Broschüre, dass der „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ einer sei, dessen Funktionen sich von denen eines Klassenstaates qualitativ unterscheiden. 2. 

Broschüre hin, Broschüre her – man kann das nicht passieren lassen, denn das ist falsch, das ist grundfalsch. Auch für den Staat, der sich als Folge einer proletarischen Revolution herausbildet, gilt zunächst die umfassende Bestimmung eines Klassenstaates, wie sie Marx und Engels im ‚Manifest‘ gegeben haben: „Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern“. 3. Der „Arbeiter-und-Bauern-Staat, ist ein Klassenstaat, eine Maschine zur Unterdrückung der alten Ausbeuterklassen, er ist eine Diktatur, die an keinerlei Gesetz gebunden ist und sich unmittelbar auf Gewalt stützt. Naiv schreiben die Autoren: „Ein Staat, der nicht mehr gegen, sondern für den Menschen und sein Glück besteht, braucht keinen Angriff und verdient ihn nicht“. (kursiv von M.B /M.K.) 4. Die Existenz eines Staates ist immer Ausruck der Tatsache, dass eine Gesellschaft sich mit sich selbst in einem Widerspruch befindet, das gilt auch noch für eine aufsteigende sozialistische Gesellschaft. Je mehr sie sich entwickelt, desto mehr schläft der Staat aber ein.

Der Faschist Carl Schmitt gab mal den Satz zum Besten: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Die Autoren der Broschüre bemühen sich, angebliche Entwicklungslinien von der klassischen deutschen Philosophie zum Marxismus-Leninismus nachzuzeichnen. Herders Briefe zur Beförderung der Humanität kommen da gerade Recht, in ihnen ruft Herder aus: „Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts !“ 5. Ich kontrastiere das gerne mit einer Feststellung von Friedrich Engels, dass es gerade die schlechten Eigenschaften der Menschen sind, Habgier und Herrschsucht, die zwar nicht die Humanität, aber den geschichtlichen Fortschritt befördern. 6. Wir tun gut daran, an die Parteilichkeit des Marxismus-Leninismus zu erinnern, an ihr festzuhalten und statt einer allgemeinen Formel den Begriff des Weltproletariats zu präzisieren. Im Licht des Marxismus-Leninismus ist der Begriff ‚Menschheit‘ kein wissenschaftlicher, für die Revolutionstheorie verwertbarer Begriff. Er kommt im ‚Kommunistischen Manifest‘ nicht vor, stattdessen: Die kommunistische Partei unterläßt keinen Augenblick, „bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten“. 7.

„Wir kämpfen nicht nur für Frankreich, sondern für die ganze Menschheit“, sagte Robespierre, der die rote Fahne mit der Trikolore niederschlug, damit der Weltbourgeoisie kosmopolitische Nahrung gebend, nach der sie verlangt. Das Weltproleariat kämpft keineswegs für die ganze Menschheit, sondern primär natürlich nur für sich und wenn es die weltpolitische Konstellation ergibt, auch primär für den Aufbau des Sozialismus nur in einem Land. Im Trotzkismus, der diesen Aufbau ablehnte, wurden die ihm immanenten kosmopolitischen Züge immer deutlicher. Schließlich warf Trotzki Stalin vor, sich nationalsozialistisch nur um Russland, nicht um die Menschheit zu kümmern

Nachweislich falsch ist die Behauptung von Buhr und Klein, Marx hätte durch seine Theorie von der Gesetzlichkeit der Geschichte dafür gesorgt, „daß der Humanismus vollkommen politisch und die Politik wahrhaft humanistisch werden konnten“. 8. Es gibt im Werk von Marx keine Stelle, an der er Politik und Humanismus gleichsetzt, stattdessen: „Die Revolution überhaupt – der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse – ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg“. 9. Aus humanistischer Intention schleudert Marx die Politik gerade fort. Politik hat eine Affinität zum Krieg, nicht zum Humanismus. Die sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft wird immer mehr eine unpolitische werden. Die Vorgeschichte mit ihren Mythen hört auf, die eine von Klassenkämpfen und damit eine politische war. Marx unterscheidet ja gerade die politische Revolution von der menschlichen. In Russland gab es 1917 eine Doppelrevolution, eine politische im Februar und eine menschliche im Oktober. Das erste Dekret der Oktoberrevolution war das Dekret über den Frieden und bereits in ihm sehen Buhr und Klein die Leninsche Idee von der Möglichkeit der Koexistenz zweier Systeme mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen. Tatsache ist, dass Lenin zu diesem Zeitpunkt auf eine proletarische Revolution in Westeuropa setzte, nicht auf eine längerfristige Koexistenz zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Eine längere Koexistenz zweier entgegengesetzter Gesellschaftssysteme (sie waren nicht nur unterschiedlich) hielt Lenin im übrigen für ausgeschlossen.

Es mag nun schon fast 30 Jahre her sein, dass ich in der Leibniz-Gesellschaft zu Hannover einen philosophischen Vortrag von Manfred Buhr lauschte. Er sprach über Leibniz, an den genauen Titel kann ich mich nicht einmal mehr erinnern, aber ein Lüge des Professors aus Ostberlin hat sich mir bis heute tief in mein Gehirn eingebrannt, zumal ich ihm diese die Dialektik betreffende Frage gestellt hatte, auf die er antwortete: Lenin hätte nicht den Kampf der Gegensätze, sondern deren Einheit primär gesetzt. (Eben friedliche Koexistenz). So meinte er, mich korrigieren und belehren zu müssen. Zu dieser Zeit konnte man in den Buchläden der DDR schon Bücher erwerben, die im Titel einen status quo festschrieben: ‚Ewige Freundschaft UdSSR-DDR‘. Hier verstummen nun alle und das Grübeln über die Vergänglichkeit des Ruhmes kann einsetzen.

1. Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital, Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin, 1960,397f.

2. Vergleiche Manfred Buhr, Matthäus Klein: Oktoberrevolution, Grundanliegen der Menschheit, Humanismus Menschenrechte Frieden, Akademie Verlag Berlin, 1967,45. Zwanzig Jahre nach Buhr und Klein trat Gorbatschow hervor mit einer Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution: ‚Der Faktor Mensch dringt unmittelbar ins Weltgeschehen ein‘. (Vergleiche Michail Gorbatschow, Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozess und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,89).

3. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,482

4. Manfred Buhr, Matthäus Klein: Oktoberrevolution, Grundanliegen der Menschheit, Humanismus Menschenrechte Frieden, Akademie Verlag Berlin, 1967,47

5. Johann Gottfried Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, Werke Band 5, Weimar, 1957,102f.

6. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,287

7. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,492

8. Manfred Buhr, Matthäus Klein: Oktoberrevolution, Grundanliegen der Menschheit, Humanismus Menschenrechte Frieden, Akademie Verlag Berlin, 1967,28

9. Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen‘ Vorwärts Nr. 60, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,409

 

 

 

 

 

 

 

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