Lenin, gestorben am 21. Januar 1924 in Gorki

Am 21. Januar 2017 werden Millionen und Abermillionen Lohnsklavinnen und Lohnsklaven weltweit mit tiefer Trauer im Herzen aufwachen. 92 Jahre sind es dann her, dass Lenin im achten Jahr der Oktoberrevolution an den Folgen eines Pistolenattentats durch die linke Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan starb. Er konnte von keinem Berufsrevolutionär seiner Garde ersetzt werden. Im Gegensatz zu dem eitlen Trotzki, der sich nach Lenins Tod vergeblich als Lenin ebenbürtig vor der Weltöffentlichkeit prostituierte, bezeichnete sich Stalin bis in seine letzten Tage als ‚Schüler Lenins‘, was den Nagel auf den Kopf traf. Wir sind auch heute noch alle nur Schüler von Marx, Lenin und Stalin und sollten einmal bedenken, wie es ganz jämmerlich um unser Leben bestellt sein dürfte, wären wir nicht nach diesen lichtbringenden Giganten, sondern vor ihnen geboren worden und wie es um unsere wissenschaftliche Qualifikation stehen würde, wäre der Rousseau’sche Gesellschaftsvertrag für uns das letzte Wort der Revolutionswissenschaft.

Das Ende der Biografie Lenins (von 1917 bis 1924) ist zugleich auch eine Geschichte der Oktoberrevolution. Millionen und Abermillionen Arbeiter und Bauern gerieten durch die Revolution in Gärung und doch könnte man die Revolution in ihrem Massenverlauf fast als die Teilbiografie eines Mannes darstellen. Die tiefste Revolution in der Weltgeschichte ist dank der Schriften von Lenin die am einfachsten zu verstehende, in seinen Schriften verständigte Lenin sich selbst und seine Leser vor den politischen Taten, die aus ihnen folgten.Der russische Historiker Suchanow, ein Menschewik, verglich Lenin mit der Sonne. Wie die Planeten um sie kreisen, so kreisten die höchsten Parteikader um ihn. Stalin nannte Lenin den genialsten unter den genialen Führern des Proletariats und sehr bezeichnend ist, dass Stalin bei seinem ersten persönlichen Zusammentreffen mit Lenin 1905 im finnischen Tammersfors sofort die „unwiderstehliche Kraft der Logik in Lenins Reden“ hervorhob, „die zwar ein wenig trocken ist, dafür aber die Zuhörer in ihren Bann schlägt“. „Ein wenig trocken“ ist nicht negativ zu deuten, der wissenschaftliche Sozialismus ist in der Tat „ein wenig trocken“. In einem Brief an Kugelmann schreibt Marx am 17. April 1871 aus London, dass sich Zufälligkeiten in der Weltgeschichte kompensieren und dass Beschleunigung und Verzögerung geschichtlicher Prozesse sehr von solchen ‚Zufälligkeiten‘ abhängen, „unter denen der „Zufall“ des Charakters der Leute, die zuerst an der Spitze der Bewegung stehen, figuriert“.

Für Stefan Engel ist die proletarische Denkweise der Schlüssel zu Lenins Genialität. 1. Das ist falsch, das ist grundfalsch. In der Tat kann man so etwas nur behaupten, beweisen kann man es nicht und es wird auch gar nicht erst die Mühe aufgewand, einen Zusammenhang herzustellen. Ein Materialist, für den  nach Friedrich Engels das „Denken, so übersinnlich es scheint, das Erzeugnis eines stofflichen , körperlichen Organs, des Gehirns ist“ 2. packt die Sache anders an, wie denn auch die Materialisten in der Sowjetunion zwei Jahre nach Lenins  Tod Lenins Gehirn von dem führenden Gehirnforscher Professor Oskar Vogt aus Berlin, der nach Moskau gekommen war, nach der zytoarchitektonischen Methode  untersuchen ließen. Professor Vogt las an Lenins Ausnahmegehirn nach seinem Tod seine genialen Fähigkeiten ab.  3. Bleiben wir nocht etwas beim Kopf des Menschen. Schon sehr früh in ihrer Entwicklung konnten Menschen im Kopf geplante Arbeit von Händen ausführen lassen, zu denen andere Köpfe gehörten. Die Quellen des Nils sind in gewisser Weise die Quellen der Bürokratie, die Quellen für die Teilung der Arbeit in körperliche und geistige, denn durch seine Überschwemmungen wurde die Erde so fruchtbar, dass ein Überschuss an Lebensmitteln für unproduktive Klassen herauskam und darauf bildete sich allmählich eine von der wirklichen Arbeit befreite kleine Priesterkaste, die „in Staatsgeschäften machte“, für die der Mehrheit der Malocherkaste jetzt keine Zeit mehr blieb.  Alle produktiven und unterdrückten Klassen hatten danach den schwierigen Spagat zwischen produktiver und politischer Tätigkeit zu vollführen, während die Müßiggänger Zeit für politische Geschäftchen aller Art zur persönlichen Bereicherung und zur Einfädelungen von Kriegen zwecks dieser hatten und haben. Das gab den Menschen jahrtausendelang dem Irrtum anheim, dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns allen Fortschritt der menschlichen Zivilisation zuzuschreiben. Dieser Irrtum war zur Gewohnheit geworden und brachte schließlich unter Verdrängung des urwüchsigen antiken Materialismus‘ die idealistische Weltanschauung und die platonisch-christliche Leibfeindlichkeit als Reflex von arbeitsteiliger Klassenherrschaft hervor. Noch heute leiden wir unter dem Idealismus und der Leibfeindlichkeit. Der klassischen deutschen Philosophie, die eine übergewichtig idealistische war, galt die Philosophie deshalb als die höchste Wissenschaft, weil ihr Gegenstand reine Gedanken waren, so dass sie als die nur durch das menschliche Denken zustande gekommene Wissenschaft erfolgreich Führung der anderen, unreinen  Wissenschaften beanspruchen konnte.

Auch die bürgerlichen Ideologen, mechanische Materialisten, die die französische Revolution vorbereiteten, verhedderten sich noch in etwas Zwitterhaftes: Sie erkannten als Materialisten zwar die objektive Existenz einer Materie unabhängig vom unserem Bewußtsein an,  behaupteten aber zugleich, dass unsere Ansichten die Welt regieren und dass man zwischen guten und schlechten Ansichten zu unterscheiden lernen müsse. Holbach gibt hierfür das beste Beispiel ab. Der Baron erwartete von einem charakterlich starken, vor allem aufgeklärten Monarchen ein harmonisches Zusammenleben der Gesellschaft. Die Bourgeoisie konnte sich ideologisch nicht selbst ans Messer liefern, Philosophen hatten Interpreten der Welt zu bleiben, um Ideen zu kultivieren. Und nach der idealistischen Weltanschauung haben die menschlichen Tätigkeiten ihren Ursprung im Denken und nicht in den menschlichen Bedürfnissen. 4. Von allen französischen Aufklärern kam Helvètius dem richtigen Gegenteil am nächsten. Der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft ist nicht im menschlichen Denken zu suchen, sondern in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit. 5. Die ganze sogenannte Weltgeschichte ist nichts anderes als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit. 6.  Zwischen Friedrich Engels und Stefan Engel liegen Lichtjahre. Und in dieser Entwicklungsgeschichte der Arbeit ist die Frage des Eigentums (an den Produktionsmitteln) besonders zu beachten, die Marx im ‚Achtzehnten Brumaire‘ mit der Denkweise der Menschen in Zusammenhang bringt. Man beachte diese Eigentumsfrage, und die Lehre von der Denkweise erweist sich als gegen den Marxismus gerichtet. „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlage heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum … kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden“. (kursiv/H.A.). 7. Stalin sagte, wie die Lebensweise der Menschen, so ihre Denkweise. 8.

Stefan Engel und seine Mitläufer/innen haben Stalin um 180 Grad gedreht … und das soll eine Weiterentwicklung des Marxismus-Leninsmus sein ! Engel entwickelte sich von einem Handwerker zu einem Journalisten, der ein Werkzeug nach dem anderen aus der Hand legte, um dann einseitig nur noch Papier in die Hand zu nehmen, auf das er etwas über Dialektik und Denkweise schrieb. Er bildet sich nach seiner „Emanzipation“ aus der Welt der Arbeit heute ein, sein Tun, das Tun der Arbeiterklasse, das Tun der ganzen Menschheit aus sogenannten proletarischen und kleinbürgerlichen Denkweisen erklären zu können. Er hätte lieber bei seinen Leisten bleiben sollen, anstatt sich von seiner Jüngerschar als Erbe Dickhuts und Weiterentwickler des Leninsmus ausrufen zu lassen. Läge der Schlüssel zu Lenins Genialität in einer sogenannten proletarischen Denkweise, so wäre Lenins Kritik am Idealismus des Empiriokritizismus nicht so genial ausgefallen. Das Leninsche Denken fand seine Wurzeln im dialektischen und historischen Materialismus, den er im Gegensatz zu Stefan Engel essentiell weiterentwickelte.

Die Lehre von der Denkweise verbaut den Weg zu einer Weiterentwicklung. Wie will man auf die „Triebkräfte der Triebkräfte historischer Prozesse“ (Engels) stoßen, wenn man behauptet, eine proletarische Revolution hänge von dem Höhegrad einer proletarischen Denkweise der Arbeiterinnen und Arbeiter ab ? „Die Philosophen wurden … von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil. Was sie vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. 9. Die MLPD ist bis heute der Arbeiterbewegung den Nachweis schuldig geblieben, wie die Lehre von der Denkweise von dem gewaltigen und immer schneller voranstürmenden Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie vorangetrieben worden ist. Heute wäre insbesondere der Zusammenhang zwischen der „Theorie der Denkweise“ und der rasanten Entwicklung der Computerindustrie wissenschaftlich nachzuweisen.  Die Partei führt uns stattdessen eine Narrenposse auf, als könne man durch die proletarische Denkweise, nicht durch die kleinbürgerliche, auf die Triebkräfte der ‚Triebkraft Denkweise‘ stoßen. Die MLPD glaubt dies und stellt sich außerhalb des wissenschaftlichsn Sozialismus auf. Eigentore bringen die Arbeiterbewegung nicht voran, sondern werfen sie zurück.

Auch kann man Engel nicht folgen in seiner Lobpreisung Lenins, dieser sei stets mit den Massen der Arbeiter und Bauern verbunden gewesen. 10. Hier kommt es auf eine wichtige Nuancierung an. (Vielleicht ist das Wort ‚Nuancierung‘ zu schwach ?). Lenin lehrte den Bolschewiki, sich stets mit den Massen zu verschmelzen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. 11. Warum ? Weil nur diese Distanz den Marxismus vor seinem Untergang bewahrt, dieser ist eben kein Produkt der Arbeiterbewegung und wohin es führt, wenn man die Würfel verdreht, die Nuance missachtet, dass haben die russische ‚Partei des ganzen Volkes‘ und der sogenannte ‚Staat des ganzen Volkes‘, verbunden mit der These, man könne bürgerkriegsfrei zum Sozialismus gelangen, gezeigt. In seiner Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution wiederholte Gorbatschow 1987 Chrutschows Leier von der Partei des ganzen Volkes. 12.

Die unmittelbar in der Produktion Tätigen bringen keinen wissenschaftlichen Sozialismus hervor, heute noch weniger als zu Zeiten Kautskys, denn heute haben bürgerliche Ideologen ein viel feineres Werkzeug, die Massen von der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital durch Vermittlung von bildungsbürgerliches, zusammenhangloses technisches Wissen abzubringen. Das geht heute so weit,  dass durch Quizsendungen die Demontage dialektischen Denkens, das Denken der Zusammenhänge im Gesamtzusammenhang, bei Millionen und Abermillionen Menschen betrieben wird. Die Zusammenkünfte der Programmdirektoren „unserer“ Medienzaren, deren Hauptzweck darin besteht, den Volksmassen Einsicht in die Bedingungen ihrer Befreiung vom kapitalistischen Joch unmöglich zu machen, scheinen mir Wannseekonferenzen zu sein, auf denen die Endlösung der Dialektikfrage besprochen wird. Die Ära der fröhlichen Wissenschaften soll anheben, als ob man im Kapitalismus alles nach dem Lustprinzip ausrichten könne.  Vergegenwärtigen wir uns nur für einen kurzen Augenblick das Pathos der klassischen deutschen Philosophie und wir können schon den ganzen Kultur- und Sittenverfall ermessen, der seit dieser zweiten großen Blüte der Weltphilosophie seinen Lauf nahm: „Das Leben Gottes und das göttliche Erkennen mag also wohl als ein Spielen der Liebe mit sich selbst ausgesprochen werden; diese Idee sinkt zur Erbaulichkeit und selbst zur Fadheit herab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Negativen darin fehlt“.  13. Die Philosophie müsse sich hüten, erbaulich sein zu wollen, hatte Hegel in der Vorrede zur ‚Phänomenologie des Geistes‘ angemahnt und der Weg der Philosophie sei nicht der des Zweifels, sondern der der Verzweiflung. Der Philosoph ist von Gott dazu verdammt, unglücklich zu sein. Die klassische deutsche Philosophie, und das ist als Hochblüte der Weltphilosophie das Wahre an ihr,  ist abgepresst dem Schmerz und dem Elend des weltgeschichtlichen Prozesses, den sie als einen Arbeitsprozess Gottes begreift und in dem sie sich zu einem Kult der Arbeit versteift, ohne die Bedeutung des natürlichen Reichtums der Natur für die Befreiung der Menschheit zur Natürlichkeit durch den Geldfetisch hindurch zu erkennen. Das ist auch bis heute der Kardinalfehler der Sozialdemokratie, die den Reichtum der Natur den Kapitalisten zueignet statt der arbeitenden Menschheit. Solange der Kult der Arbeit den Kult der Natur bricht, solange verkrüppelt der Mensch sein Leben ängstlich kauern unter einem ‚Ora et labora‘.

Aber was darf man in einem Abschnitt der Weltgeschichte erwarten, den Lenin als stinkenden, faulenden und parasitären Kapitalismus bestimmt hat ? Kann es in dieser schrecklichen Dekadenzphase eine Kultivierung der höchsten Form des Denkens, des dialektischen Denkens geben ? Wir sind in der Phase des Imperialismus Zeugen zweier heißer Weltkriege und nach der zutiefst schmerzhaften Abweisung der Stalin-Note Zeugen eines dritten, kalten Weltkrieges.  Ein vierter Weltkrieg wird von den Imperialisten gierig fieberhaft, gleichwohl planmäßig vorbreitet. Zu diesen Vorbereitungen gehört auf dem Gebiet der Ideologie die systematische Zerstörung dialektischen Denkens. Es war den Kulturbarbaren ein Leichtes, die Lesekultur der Jugend zu zerstören. Ich sehe heute in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Jugendlichen mehr, die in einem Buch lesen, ich sehe nur noch Jugendliche, die mit flinken Fingern auf einer kleinen, kalten  Platte spielen. Ohne Buch aber geht die Wissenschaft und ohne Wissenschaft geht die Menschheit zugrunde. Die technische Intelligenz hat die Jugend der Völker in eine Wüste ohne Kultur manipuliert. Man hat Mao vorgeworfen, die chinesische Jugend aufs Land geschickt zu haben. In den imperialistischen Kernländern wird die Jugend in die glitzernden Metropolen gezogen, um durch technischen Schnickschnack zu verblöden.

Die Kehrseite der Medaille des technischen Fortschritts wird immer unterbelichtet: Wie der Computer die geistige Arbeit des Menschen mehr und mehr minimisieren kann, so der Roboter die körperliche. Aber gerade bei der geistigen Arbeit kann der Computer nicht in die Tiefe gehen, er arbeitet begriffsassoziativ, also oberflächlich, und summarisch, ohne ein Thema ganz durchdringen zu können. Durch Textverarbeitungsprogramme ist die Gefahr gegeben, dass der Text dem Autor mehr und mehr entgleitet, ich will schon gar nicht an den intellektuellen Eros erinnern, der nach Plato zwischen Autor und Text in Beziehung tritt. Durch die Übernahme geistiger Arbeit durch einen technischen Apparat, der nicht dialektisch denken kann, ist die Gefahr der Infantilisierung der Menschen groß geworden. Es ist nicht immer vorteilhaft, wenn andere oder etwas anderes dem Menschen Arbeit abnimmt. Gerade die Oktoberrevolution Lenins hat doch deutlich gemacht, dass Analphabeten politisch weiterentwickelt sein können als die damals fortschrittlichsten Industriearbeier in den imperialistischen Kernländern. Ihre „Oktoberrevolutionen“, etwa in Ungarn oder Deutschland (Kiel, Bayern, Thüringen, Hamburg) endeten kläglich. Außer dem bolschewistischen Kern war die Oktoberrevolution eine Revolution der Ungebildeten, ja der Analphabeten. Sie bestätigte Rousseaus Erkenntnis, die im Zeitalter der Aufklärung wie ein Schock wirkte: dass zwischen Wissenschaft und Kultur keine Affinität bestehe. Noch mehr als im Osten Europas wurde Rousseau im 20. Jahrhundert in Westeuropa bestätigt. In Deutschland, das Land. auf das Lenin so große Hoffnungen gesetzt hatte, hatten von den Teilnehmern der Wannseekonferenz zur Endlösung der Judenfrage ausser dem Vorsitzenden SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich alle maßgebenden Teilnehmer den Doktorgrad einer deutschen Universität.

Dass im Vertragsverhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital im Schein der Unmöglichkeit von Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft durch das Kapital diese gerade stattfindet, das hat im Schatten einer Glitzerwelt betäubender Unterhaltung zu bleiben. Der Mund des Volkes kann ruhig aussprechen,  dass die Armen immer ärmer, die Reichen immer reicher werden, solange sein Gehirn nicht dahinter kommt, wie das geschieht. Würden die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Stadt und auf dem Land morgens mit der Frage auf den Lippen aufwachen, wie es kommt, dass durch die Arbeit der Vielen, durch ihre Arbeit, die Wenigen immer reicher werden, wenn ihnen in der Mittagspause durch den Kopf geht, dass die entscheidende Frage heute nicht mehr lauten kann, ob sie das kapitalistische Ausbeutungssystem überwinden müssen, sondern allein wie, wenn ihnen abends der tiefe Sinn des Schlußwortes ‚Proletarier aller Länder, vereingt Euch‘ ! durch den Kopf geht, dann beginnt bereits die Stunde der kapitalistischen Blutsauger zu schlagen, und die bisherigen Malocher kommen unter Einsatz modernster Robotertechnologie (auch in der Landwirtschaft) dahin, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen und abends Viehzucht zu treiben. Dahin können sie ohne Führung durch eine kommunistische Kaderpartei nicht gelangen, die sich aber davor hüten muss, zur Stärkung einer proletarischen Denkweise sich in einem Bierzelt auf einem Volksfest auf lumpenproletarische Manier mit den ‚Massen‘ vollaufen zu lassen, als Ausdruck einer steten Engelschen Verbundenheit mit den Massen der Arbeiter und Bauern. Wir achten hier lieber auf die rote Linie, die Lenin gezogen hat. Hatte sich Lenin zum Beispiel nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges mit den Massen verschmolzen ? Nein ! Er isolierte sich von ihnen, zog sich in die  Bibliotheken zurück und las philosophische Bücher.

Die von Hegel den Philosophen zugewiesene Sonderstellung in der Gesellschaft, sie seien ein „isolierter Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf“ 14., hat sich als Form, nicht inhaltlich,  bis in unsere Zeit durchzuhalten, wenn auch nur noch als nicht ganz leicht zu erkennende Spur. Aber es gibt sie, soll denn das Adjektiv ‚vulgärmarxistisch‘ überhaupt einen Sinn haben. Lenins Organisation von Berufsrevolutionären, die einen ganz anderen Tatinhalt haben als die Hegelschen ‚Heroen der denkenden Vernunft‘, die im Grunde in christlicher Tradition nicht weltorientiert sind, ist dennoch als eine Art Orden zu deuten, dem anzugehören laut Stalin nicht jedem gegeben ist. In der Tat ist es nicht jedem gegeben, die materialistische Dialektik auf die gesellschaftliche Praxis der Klassenkämpfe anzuwenden und die Stürme und Unbilden zu ertragen, die mit der Mitgliedschaft in der Partei Lenins verbunden sind. Selbst Gewerkschaftsmitglieder kommen in der Regel über ein trade-unionistisches Bewußtsein nicht hinaus, ja bei den sogenannten Spitzengewerkschaftlern liegt mittlerweile ein solches gar nicht mehr vor, sondern ein staatserhaltendes-konterrevolutionäres Bewußtsein ins Quadrat erhoben. 

Was Lenin auch charakterisierte, war die permanente Abwehr des Dionysischen, dem nur ein rigoros geringer Platz eingeräumt wurde, sei es Musik, Sexualität und Drogen, ja Drogen überhaupt nicht. Wir finden hierzu sehr Interessantes in Clara Zetkins „Erinnerungen an Lenin“. 15. Immer wieder richtete er seine Konzentration auf die sozialen und politischen Fragen, auf den dialektischen und historischen Materialismus, von dem stets auszugehen war. Dieser Materialismus ist eine Art Zwangsjacke (ich meine das hier nicht im negativen Sinn), man darf ihn nicht aus dem Kopf lassen, denn die konterrevolutionären Ideologen suchen ja gerade nach Lücken im dialektisch operierenden Gehirn des Revolutionärs. 1905, im Jahr der Revolution, schrieb Lenin: „Die Arbeiter müssen um die Freiheit kämpfen, ohne auch nur einen Augenblick aufzuhören, an den Sozialismus zu denken, ohne aufzuhören, für die Verwirklichung des Sozialismus zu arbeiten …“ 16. Er war hart gegen sich selbst, schlicht bis an die Grenze des Asketischen und wusste schon in jungen Jahren, dass man ohne Disziplinierung seiner Neigungen nicht zum Revolutionsführer taugt. Er wusste um sich. Der Sieg ist uns sicher, denn das Volk ist am Rande der Verzweiflung, wir aber weisen dem Volk den sicheren Ausweg“. 17. Er war ein Mann der Revolution und der Wissenschaft durch und durch. Auf dem Gebiet der Wissenschaft war er rigoros in guter Tradition Bacons. Kritiker wie Fritz Klein werfen ihm vor, der Illusion der Weltrevolution aufgesessen zu sein. 18. Lenin konnte gar nicht anders, und das war seiner wissenschaftlichen Weltanschauung geschuldet. Seine dialektischen Studien hatten ihn zu der Auffassung geführt, dass in der Gesellschaft fundamental die gleichen dialektischen Gesetze wirken wie in der Natur. Einer Aufzählung von Naturwissenschaften fügt er nahtlos die Gesellschaftswissenschaft an mit dem ihr folgenden Wort ‚Klassenkampf‘. Dieser bedeute in der Gesellschaft das Gleiche wie die Wirkung und die Gegenwirkung in der Mechanik oder wie die positive und die negative Elektrizität in der Physik. 19.

Hätte Lenin, der Mann, der sein Gesicht der Zukunft zugewandt hatte, zur Zeit der romantischen 68er Bewegung gelebt, die Parole ‚Sex, Drugs & Rock’n Roll‘ wäre ihm zutiefst zuwider gewesen. Im Wort ‚Revolution‘ klingt das sich ständig Steigernde an, das stets über sich Hinausgehende, (sie ist hier dem dialektischen Denken gleich), das bis an die Grenze seiner Kräfte Gehende. Wer in die Breite wirken will, muss sich auf sein Innersten zurückziehen und das In-sich-Konzentrierte aus sich weit herauswerfen können, es Kreise aus Kreisen gebären lassen. Wie ein sehr religiöser Mensch seine Gebetsstunden streng einhält, so hielt Lenin seine Bibliotheksstunden streng ein. Er konnte wie ein Uhrwerk arbeiten, um der Weltuhr einen neuen Gang zu diktieren. Was im Umkreis der französischen Revolution von 1789 noch auseinander fiel, Rousseau, der einen markerschütternden Aufsatz über die Entstehung der sozialen Ungleichheit unter den Menschen geschrieben hatte, und Robespierre, der Rousseau als seinen Stichwortgeber ansah, fiel in Lenin zusammen. Rousseau hatte in seinem ‚Gesellschaftsvertrag‘ geschrieben: „Man wird mich fragen, ob ich Fürst oder Gesetzgeber sei, weil ich über Politik schreibe. Nein, antworte ich, gerade deswegen schreibe ich über Politik. Wenn ich Fürst oder Gesetzgeber wäre, würde ich meine Zeit nicht damit verlieren, zu sagen, was getan werden müßte. Ich würde es tun oder schweigen“. 20. Der Citoyen Rousseau steht noch in der platonischen Tradition eines intimen Verhältnisses des Autors zu seinem Text, er endete in einer permanenten Selbstbespiegelung seiner Person, um die es nur noch in seinen letzten Schriften geht (Rousseau richtet über Jean Jacques). Der Berufsrevolutionär Lenin indess musste diese Tradition sprengen, um mit seinem Schreiben auf die Volksmassen einzuwirken, sich und sie zu verändern.  Während Rousseau in seinen letzten traurigen Lebensjahren als ein völlig vereinsamter Spaziergänger sein Dasein fristet, hat Lenin einen Grad der Ausstrahlung erreicht, der ihn in eins setzt mit dem Weltproletariat. Es kam bei ihm noch etwas hinzu, was bei Rousseau nicht vorlag und was in der russischen Militärtradition stand: wir finden in den Werken Lenins einen absoluten Vernichtungswillen des Feldherren, wie er Suworow eigen war. Vergessen wir niemals Lenins Vermächtnis, seine Bestimmung des Hauptinhaltes der proletarischen Revolution: „die völlige Vernichtung der Bourgeoisie“. 21. 

1.Vergleiche Stefan Engel, Die Oktoberrevolution lebt, Zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Neuer Weg Verlag, Düsseldorf,1987,40

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen dutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,277

3. Siehe Dokument Nr. 18: Das Gehirn W.I. Lenins, in: Jochen Richter: Rasse, Elite, Pathos. Eine Chronik zur medizinischen Biographie Lenins und zur Geschichte der Elitegehirnforschung in Dokumenten, Centaurus Verlag, Herbolzheim, 2000, 187 f.

4. Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379

5. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,307

6. Vergleiche Karl Marx, MEGA, Berlin, 1932, Erste Abteilung, Band 3,125. Hegel dringt zwar tiefer in die Materie der Geschichte ein als die französischen Materialisten und erkennt, dass in ihr hinter den vordergründigen Triebkräften noch verborgene hausen müssen. Sein Fehler war, diese Kräfte nicht in der Geschichte selbst, sondern in der Philosophie zu suchen. Hegel ist damit unfähig geworden, ein Historiker zu sein, er ist immer ein Geschichtsphilosoph. Der wahre Mensch ict für ihn nicht der Mensch, sondern der Philosoph.

7. Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960,139

8. Vergleiche Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volksverlag Singen (Hohenwiel), 1946,32). So auch Lenin: „Der entsprechende Umschwung in den Lebensbedingungen (und folglich auch in der Denkweise) der einfachen werktätigen Masse hat eben erst eingesetzt“. (Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,261). Was in einem Satz in Klammern steht, ist immer das Unwesentliche. Die Lehre von der Denkweise ist eine Perversion des historischen Materialismus.

9. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,277 

10. a.a.O.,41

11. Vergleiche Lenin, Der ‚Linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit des Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,567

12. Michail Gorbatschow: Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozeß und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,51

13. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademie-Ausgabe, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,18.

14. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden von Hermann Glockner, Band 16, Friedrich Fromann Verlag, Stuttgart Bad Canstatt, 1965,356

15. Vergleiche Clara Zetkin, Erinnerungen an Lenin, in: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Band III, Dietz Verlag Berlin, 1960,93ff. Als die Sitzung, auf der es um den bewaffneten Aufstand in Petrograd ging, sich mit zehn Ja- gegen zwei Neinstimmen für einen Aufstand mit Waffen ausgesprochen hatten, wollte Sinowjew den Tag mit einer Runde Wodka beenden, aber Lenin stieß die Flasche vom Tisch: „Dies ist eine Revolution der Reinen“.

16. Lenin, Ein neuer revolutionärer Arbeiterbund, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960,505 

17. Lenin, Marxismus und Aufstand, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,6

18. Vergleiche Fritz Klein, Schicksaljahr 1917: Wilson oder Lenin ?, in: Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, „Die Wache ist müde“, Neue Sichten auf die russische Revolution von 1917 und ihre Wirkungen, hrsg. Von Wladislaw Hedeler / Klaus Kinner, Dietz Verlag Berlin, 2008,21

19. Vergleiche Lenin, Zur Frage der Dialektik, Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin, 1960,338f.

20. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 1960,5

21. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,425. Die völlige Vernichtung der Bourgeoisie ist ohne Kampf gegen den Revisionismus, Opportunismus, Sozialdemokratismus, Trotzkismus und ohne die völlige Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates nicht möglich. Nicht aufgezählt werden darf in dieser Beziehung der Anarchsimus, denn in den Fragen der völligen Vernichtung des bürgerlichen Staates und des Zieles der Bewegung stimmen Anarchismus und Marxismus überein. Es geht im Sozialismus nicht um die Menschheit, wie es Gorbatschow zum Besten gab.  Der Kult des Menschen und seiner Rechte wurde im 18. Jahrhundert geprägt. Liest man das Kommunistische Manifest aufmerksam, so wird man zugeben müssen, dass das Wort Menschheit in ihm nicht vorkommt.  Es geht im Sozialismus um die Niederringung der kapitalistischen Klasse und ihrer Mitläufer durch eine harte Diktatur, die sich gegen ihre Feinde nicht immer human verhalten kann.

 

 

 

 

 

 


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