Gegen die Pluralisten

War Russland zwischen 1907 und 1917 keine reine Autokratie mehr, immer wieder musste der angeschlagene Zarismus eine Duma einberufen, so lag in Russland ab dem März 1917 kein reiner Parlamentarismus vor, es gab eine in der Geschichte des westeuropäischen Parlamentarismus unbekannte Doppelherrschaft, die balancierte und bis zum Oktober weder eine reine Rätediktatur noch einen reinen demokratischen Parlamentarismus emporkommen ließ. Die bürgerliche Revolution ging mit einer proletarischen schwanger. Die Februarrevolution, die die deutsche Spartakusgruppe als „proletarische Übergangsrevolution“ deutete, lief im Gegensatz zur Oktoberrevolution ohne die Führung durch eine kommunistische Kaderpartei ab. Es ist daher ganz natürlich, dass in den Augen der Bourgeoisie die Februarrevolution eine viel demokratischere Revolution war als die Oktoberrevolution, wie es andererseits ganz natürlich ist, dass eine proletarische Revolution im Zuge einer zunehmenden Demokratisierung und Volksaufklärung notwendig zu einer Einparteienherrschaft der Revolutionspartei führt, deren Generalsekretär die Einheit des Volkes und die Diktatur des Proletariats schützt.

Nichts ist unerträglicher als Widersprüche im Volk und die Geburtenrate und die Selbstmordstatistik zeigen neben der Höhe der Arbeitsproduktivität das Glück der Völker an. Regierungen manipulieren an Statistiken, sei es an der über die Arbeitslosigkeit, sei es an der über die Selbstmorde in einem Land. In einem Land, in dem es der Regierung gelänge, eine innere Wohlfühlwärme des Volkes zu fördern, fühlen sich kleine Kinder wohl und kein Ewachsener denkt an Selbstmord. Es liegt nun aber in der Natur des Kapitalismus/Imperialismus, dass er mit zunehmender Lebensdauer Brutalität und Amokläufe, Mord und Totschlag und Weltkriege fördert. Deshalb sind bürgerliche Regierungen quasi gezwungen, das Volk mit Hilfe von manipulierten Statistiken zu betrügen. Die Versprechungen vor den Wahlen schlagen nach ihnen in ihr Gegenteil um.

Ein Volksfreund eint die Völker, ebnet Unterschiede, ebnet Klassen ein; ein Volksfeind spaltet Völker und verschärft die Klassenkonturen, mischt Buntes mit Buntem, weil man gespaltene Völker sowohl vom Inland als auch vom Ausland her leichter ausbeuten kann. Den Kurs auf die Einheit des Volkes nahm Russland erst durch die Oktoberrevolution, während in der Februarrevolution eine Doppelherrschaft durch eine andere abgelöst wurde. Kurz nach der Februarrevolution zog Lenin noch aus dem Schweizer Exil für die Bolschewiki eine ganz klare Trennungslinie: Keine Zusammenarbeit mit den Menschewiki, die mit dem Klassenfeind paktierten. Zum Vokabular der Perestroika hingegen gehörten die Worte: Vielfältigkeit, Pluralismus, Nuancierung  und Offenheit. Rosa Luxemburgs tölpelhafter Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenken“, sogar noch als Kritik an Lenins Oktoberrevolution vorgetragen, erschien den rosarot angemalten Jüngern Gorbatschows als das Nirwana politischer Klugheit. Ein Adler darf indess keine zwei Köpfe haben.

Die Pluralisten bilden sich auf eine vielfältige, bunte Gesellschaft wunder was ein, weil sie unfähig sind, antagonistische soziale Probleme zu erkennen und zu lösen und sich in Wirklichkeit vom Volk absetzen wollen. Kriminelle Grenzüberschreitungen fallen in einer bunten Gesellschaft weniger auf als in einer einheitlichen. Den Pluralisten, die Probleme mit den Gesetzen haben, ist nicht bewußt, dass sie nur die Anarchie der Produktion widerspiegeln und dass sie leugnen, dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gesetzmäßig verläuft. Sie verfallen ohne  Reflexion einem ausgelaugten Begriff der Toleranz, der französischen Intellektuellen vor 1789 in Pariser Kaffeehäusern zu Kopfe gestiegen war. Der Pluralismus ist heute eine zutiefst reaktionäre Ideologie, weil in seinem Traum einer vielfältigen und bunten Welt Platz für die kapitalistischen Volksfeinde bleibt, er mogelt sich gerade um das Entscheidende herum: die völlige Vernichtung der Bourgeoisie, mit der keine physische gemeint ist, „ … man kann ihnen das Eigentumsrecht an vielen Gegenständen des persönlichen Gebrauchs und eine gewisses bescheidenes Einkommen lassen“. (Lenin, Wie schüchtern die Kapitalisten das Volk ein ?, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,440). So stand es im Prospekt der Oktoberrevolution. Die Verdammung der braunen Farbe ist das Vordergründige, in der bunten Welt saugt der kapitalistische Parasit und er saugt bis zum Nerobefehl. Die Pluralisten sollten sich die Bilder von der Verwüstung Europas und Asiens aus dem Jahr 1945 ansehen, so schlägt die bunte Welt in Verwüstung und Heimsuchung um.

Unfähig, in die tiefen Schluchten der Politik zu blicken, Politik als Klassenkampf zu begreifen, übertragen sie den Begriff der Promiskuität aus dem privaten Sexualbereich auf die öffentlichen Plätze vor den Rathäusern. Eine offensichtlich unzulässige Übertragung.  Für einen Revolutionär kann die endgültige Parole nicht lauten: ‚Bunt statt braun‘, sondern sie kann nur lauten: ‚Rot statt braun‘. Der Parasit tarnt sich heute mit aller Couleur. In seiner biographischen Skizze über Friedrich Engels, ein Nachruf aus dem Jahr 1896, schrieb Lenin, dass Marx und Engels stets „als Einiger“ der Arbeiterklasse tätig waren. (Vergleiche Lenin, Friedrich Engels, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,12). Als Russland im Inneren auf eine große soziale Krise zusteuerte, einte Lenin seine Partei, verbot 1921 Fraktionen. Er zog es vor, mit einer Partei ‚Grau in Grau‘ in die Schlacht zu ziehen als mit einem bunten verlotterten Haufen. Er sah die Gefahr jenseits der Grenzen auch und wappnete Russland vier Jahre vor seinem Tod durch Einheit, so dass das Land mit Stalin an der Spitze der größten Militärmaschine der Welt, der deutschen Wehrmacht, widerstehen konnte. Der Faschismus wurde im von ihm ausgelösten zweiten Weltkrieg weniger durch die Stärke der Waffen geschlagen, als durch eine politisch-moralische Einheit der Völker der Sowjetunion, aus der sich eine machtvolle Partisanenbewegung entwickeln konnte. In einer bunten Gesellschaft ist jeder ein Partisan für sich selbst, ein klägliches Subjekt, das nur für irgendeine Statistik lebt. Wenn man sich vor Augen hält, dass die Sowjetunion von innen heraus ihre Auflösung fand, so war ein Grund hierfür in der systematischen Zerstörung der Einheit des Volkes eben von innen heraus zu sehen.

Durch Gorbatschows Perestroika wurde eine immer weniger rote Gesellschaft endgültig durch eine bunte abgelöst.  „Wir gehen davon aus, daß der Sozialismus eine Gesellschaft der zunehmenden Mannigfaltigkeit von Urteilen, Beziehungen und Tätigkeitsformen der Menschen ist“: (Michail Gorbatschow, Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozess und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,57). Hier geht jemand in die Irre und verhält sich destruktiv zum Sozialismus, in dem es darauf ankommt, in dem darauf hingewirkt werden muss, dass alle, außer den mundtot zu machenden Konterrevolutionären, wie Lenin denken. „Die gesamte Gesellschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1060,488). Der Jakobiner St. Just, der Chef der politischen Geheimpolizei Robespierres, schlug schon auf dem Höhepunkt der französischen Revolution vor, dass alle französischen Staatsbürger die gleiche Uniform tragen sollten. Verwirklicht wurde seine Idee erst in der maoistischen Kulturrevolution, in der mit diesem ganzen herabwürdigenden modischen Plunder aufgeräumt wurde. Je modebewußter, je narzistischer ein Mensch ist, desto mehr konterrevolutionäre und antikollektivistische Energie steckt in ihm.

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