Das 20. Jahrhundert endete düster

Das 20. Jahrhundert ist ganz eigentlich das Jahrhundert der Revolutionen und Konterrevolutionen: Aus historischer Sicht wären die idealen Lebensdaten im 20. Jahrhundert: 1905 geboren worden zu sein und zu leben, sagen wir, bis 1995. In diesen 90 Jahren hätte ein europäischer Mensch, wenn er denn zu den Überlebenden zählte, folgende Globalereignisse mit Bewußtsein registrieren und miterleben können: Den ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution, den Aufstieg Stalins und Hitlers, den zweiten Weltkrieg, den kalten Krieg und den Aufstieg Maos, endlich seine Kulturrevolution und schließlich als Letztes den Zerfall des real existierenden Ostblocks. Wir müssen nur bewusst leben, um bemerken zu können, dass sich eigentlich in jeder Sekunde unseres Lebens eine Totalität von Weltgeschichte konzentriert wie in einem Tropfen Wasser das ganze Universum.

Die Wurzeln von 1917 reichen politisch und geschichtlich zurück in die die Aufstandsbemühungen des ‚Bundes der Gleichheit‘ unter Babeuf. Der Bund repräsentierte den sogenannten vierten Stand der Lohnarbeiter und Handwerker, die 1789 in der bürgerlichen Revolution zu kurz gekommen waren. Ideologisch reichen die Wurzeln zurück bis in die die Frühschriften von Marx und besonders in die geniale ökonomische Skizze des jungen Friedrich Engels ‚Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie‘ aus dem Jahr 1844. Alle genannten Ereignisse interessieren uns heute noch so, als gehörten sie nicht zur neueren Geschichte, sondern zur Gegenwart. Kein Mensch kann heute ihre Auswirkungen in die Zukunft bemessen.

In dieser konzentrierten Fülle der Ereignisse im 20. Jahrhundert halten positive und negative Züge nicht das Gleichgewicht, die Perestroika, die die Weltgeschichte auf Richelieu (als Figur des prärevolutionären Zustandes) zurückgeworfen hat, hat den zukünftigen Weg der Menschheit in eine Dunkelheit getaucht, die keine verlässlichen Konturen mehr zuzulassen scheint. Demnach wäre der Zerfall des aus der Oktoberrevolution geborenen Staatsgebildes das epochemachende Ereignis des 20. Jahrhunderts, nicht der zweite Weltkrieg, der die Hölle selbst war, und nicht die Wirbel des Jahres 1917 selbst. Das 21. Jahrhundert hat ein ganz schweres Erbe angetreten und die politische Entwicklung zu seinem Beginn hat die Menschheit vehement unter den Schatten einer terroristischen Geschichtsauffassung gebannt. Es scheint sich nichts zum Besseren zu entwickeln und es bleibt auch nicht so wie es ist.

Eine Schlüsselfigur für das Ende des 20. Jahrhunderts wurde der wackelige Greis Chomeni, der ausgerechnet aus Paris kommend in das Vakkum stieß, das durch die Auflösung einer bipolaren Welt entstanden war. Er prägte einen Steinzeitislam, der sich auf eine Weltmission begab und den Maoismus als weltrevolutionäres Potential verdrängte. Chomeni personifizierte wie kein anderer, dass die grosse rote Flutwelle, die aus der Oktoberrevolution entsprang, sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts verbraucht hatte. Das Schiff der Weltrevolution war auf der Sandbank der Endlichkeit, auf einem muslimischen Gebetsteppich gestrandet.

 Kein Jahrhundert der Weltgeschichte hat so erwartungsvoll begonnen (der Sieg des kleinen gelben Japans 1905 über das große weite und weiße Russland des Zaren / die drei russischen Revolutionen) und kein Jahrhundert endete so kläglich, mit so düsteren Aussichten für das nächste. Kriege, Terror und Gewalt stehen heute auf der Tagesordnung und Freund-Feind-Konstellationen beherrschen den ganzen Erdball. Wie schon vor der Oktoberrevolution verzeichnen wir heute wieder mehr reaktionäre als revolutionäre Kriege. Soll der Gaul der Geschichte auf ewig hinken, zieht der Mensch eine gebückte Haltung einem aufrechten Gang vor ?

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