Zur Rolle Kerenskis in der russischen Februarrevolution 1917

Die Februarrevolution, die sich nach westlichem Kalender im März vollzog, begann unter dem Schatten des Weltkrieges, der für Russland erhebliche militärische Niderlagen und von allen kriegführenden Ländern die größten Erschütterungen brachte, durch Streiks von Textilarbeiterinnen, Müttern und Hausfrauen, also von den am meisten Ausgebeuteten, im Petrograder Stadtteil Wyborg. Am nächsten Tag entbrannte der Protest auch in andern Stadtteilen. 1917 verdienten die Frauen nur halb so viel wie die Männer. Diese Arbeiterinnen initiierten alles und schickten Delegationen zu den schlagkräftigen Metallarbeitern, die sich überzeugen ließen. So kam die Lawine von unten in Gang. Auslöser der Februarunruhen war die Brotknappheit, Ende 1916 waren die Preise sprunghaft angestiegen, während die Warenmenge abnahm, ab dem 16. Januar wurden in Petrograd Brotkarten ausgegeben, einige Plünderungen waren bereits zu verzeichnen. Die „einfachen“ Soldaten der Petrograder Garnison weigerten sich, gegen die Demonstrationen vorzugehen und gingen eher auf Polizisten los, die auf Arbeiter schossen. Den Polizisten wurden die Waffen abgenommen, damit die Arbeiter sich bewaffnen konnten. In Petrograd hatte sich durch die Lebensmittelunruhen, die es zeitgleich auch in Berlin und anderen deutschen Städten gab, ein Dumakomitee, das sich aus Angst vor zaristischen Repressalien als „rein privat“ bezeichnete, herausgebildet und Keimformen eines Sowjets, in Moskau ein Volkskomitee, dem sich die Moskauer Garnison unterstellte, ebenfalls mit Keimformen einer Gegenmacht. In Petrograd setzte sich das Exekitivkomitee des Sowjets aus sechs Menschewiken, zwei Sozialrevolutionären, zwei Bolschewiken und fünf Parteilosen zusammen. Zugleich rang sich die liberale Bourgeoisie, fern vom Pulvergeruch der Revolution, zu einem „Provisorischen Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“ durch, aus dem sich die sogennante ‚Provisorische Regierung‘ bildete, deren Ministerkabinette bis zum Machtantitt der Bolschewiki insgesamt sechsmal wechselten. Kerenski übernahm im Juli 1917 den Vorsitz der ‚Provisorischen Regierung‘ als Ministerpräsident, zusätzlich zu seinen bereits bestehenden Ämtern eines Kriegs- und Marineministers. Auch er packte das heißeste Eisen, die Beendigung des imperialistischen Krieges, nicht an, im Gegenteil er forcierte eine militärische Offensive gegen das deutsche Heer, das in einem Desaster endete und nicht unerheblich zum Sieg der Bolschewiki im Oktober beitrug. Während die französische Revolution bereits 1789 gleich zu Beginn eine Konstituante hatte, wurde deren Einberufung in Russland von der ‚Provisorischen Regierung‘ immer wieder hinausgeschoben.

Kerenski kam die Aufgabe zu, für die bürgerliche Regierung der rote Köder zu sein, auf den die sozialistisch orientierten Arbeiter, Arbeiterinnen und Soldaten Petrograds hereinfallen sollten. Sowohl der deutsche Sozialdemokrat Friedrich Ebert als auch der russische Sozialrevolutionär Kerenski, der mit Robespierre nur den Beruf und ein rhetorisches Geschick gemeinsam hatte, waren im Grunde ihres Herzens Monarchisten, Kerenski selbst gibt uns in seinen Memoiren preis, dass er bei der Nachricht, Zar Alexander der III. sei verstorben (am ersten November 1894) ganz bitterlich zu weinen angefangen habe. Da war Kerenski bereits dreizehn Jahre alt, wenn man bedenkt, dass Lenin bereits im Alter von vierzehn Jahren sein Taufkreuz in den Mülleimer warf.  Es passte zu Kerenski, dass er den deutschen Vaterlandssozialdemokraten Friedrich Ebert, seit 1913 so verhängnisvoll Vorsitzender der SPD, als Ideal eines Staatsmannes hinstellte. (Friedrich Ebert, ein ehemaliger Sattler, war von 1919 bis zu seinem Tod am 28. Februar 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik). In Kerenskis Memoiren liegt die klare Aussage vor, und wir sind Kerenski für seine Offenheit dankbar, dass er sich vom Marxismus abgestoßen gefühlt habe und die christliche Ethik überzeugend finde (Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989, a.a.O.,42 und 52). Im Einklang zu bringen mit dieser Ethik war wohl auch sein Kriegsplan für den ersten Weltkrieg, den er auf die Versöhnung zwischen dem Zaren und dem Volk stützte (Vergleiche a.a.O.,151). In seinen Memoiren entlarvt sich Kerenski mehrmals als Girondist, um neben der Befürwortung eines föderalistischen Bundesstaates („Marx war Zentralist“ / Lenin) und neben der Kriegsbereitschaft auf ein weiteres Beispiel zu verweisen: Er schreibt, „unter keinen Umständen dürfe die Menge selbst das Gesetz in die Hand nehmen“. Darin kommt schon eine Ablehnung des Rätegedankens zum Vorschein, denn nach diesem bestimmt die Menge selbst den Termin der Wahlen und die Kandidaten, bestimmt die Menge die Offiziere, Richter und alle anderen Beamten per Wahl. Für die Jakobiner nimmt gerade die Menge selbst das Gesetz in die Hand und es gibt in Revolutionen Perioden, in denen die Menge bestimmt, dass jetzt kein Gesetz gelte, diese Perioden fürchten Kerenski und die Reaktionäre am meisten. In Petrograd, wie Sankt Petersburg seit dem 14. Augsut 1918 hieß, hatten die Jakobiner zum Beispiel wie es sich gehört, das Hauptquartier der folternden Geheimpolizei, die Polizeistationen und die Gerichtsgebäude in Brand gesteckt, sie taten gut daran, denn wie verdorben müssen Menschen sein, die sich unter reaktionären Regimes der Exekutive anbiedern ? „Überhaupt“, schreibt Kerenski, „besuchte ich die Zusammenkünfte des Sowjets und seine Exekutivkomitees nur selten“  (a.a.O.,221).  Eben, eben, da ist ja die Menge ! Der Pöbel ! In seinen Memoiren erklärt er seinen Schritt, Justizminister im ersten Februarkabinett zu werden damit, dass er sich Sorgen mache um die gefangenen zaristischen Minister. „Wenn irgendein Minister des ‚Fortschrittlichen Blocks‘ sie wirksam vor der Wut der Massen schützen und so die Revolution frei von Blutvergießen halten konnte, dann war ich es“.  (a.a.O.,229). 

Leider muss  Kerenski hier vorgeführt werden: „Ganz allgemein unternahm die Provisorische Regierung alles nur Erdenkliche, um die organisierte Arbeiterschaft zu einer dem industriellen Management gleichwertigen Kraft zu erheben“.  (a.a.O.,247). Das ist köstlich, man stelle sich das vor: Die Regierung erhebt die Arbeiterklasse auf Augenhöhe zu den Kapitalisten. Das ist eine Perle ! Ein Musterbeispiel für parlamentarischen Kretinismus. Das ist Lichtjahre von der Diktatur der organisierten Arbeiterschaft entfernt. Regierungen des gehobenen Mittelstandes mit einem Tribun an der Spitze können nicht das Menschenrecht für die Arbeiterklasse erkämpfen, Friedrich Engels erkannte bereits während seines ersten Manchesteraufenthaltes 1842 bis 1844, dass sich die Arbeiterklasse nur selbst befreien kann und so heißt es dann auch in der ‚Internationalen‘: Aus unserem Elend können wir uns nur selbst befreien. Aber noch musste die ‚Internationale‘ warten, die Stimmung war noch mehr nach der ‚Marseillaise‘. Ende Februar war der bürgerliche und der sowjetische Block, in dem nur sehr wenig Kommunisten waren, zu einem ‚Agreement des Nebeneinander‘ gekommen, ein harter Klassenkampf zeichnete sich ab, war aber noch nicht akut und ließ Platz für den Gedanken einer friedlichen Revolution. „Wir hielten es für dringend notwendig“, schrieb Kerenski, „den Eindruck auszulöschen, die Kräfte der Revolution seien in zwei Lager gespalten, in ein ‚revolutionäres‘ und in ein ‚bourgeoises’“. (a.a.O.,253). Der Girondist Kerenski befürchtete lediglich, dass die Sowjets sich selbst zur höchsten Autorität Russlands erklären könnten, was sie während seiner Amtszeit bekanntlich nicht taten, aber durchaus hätten tun können, erst die Bolschewiki taten dies durch die Oktoberrevolution.

In der russischen Revolution sind die Sowjets von sich aus nicht machtaktiv geworden, waren sie immer nur ein Spielball im Machtkampf zwischen den Weißen und den Roten ? Die Sowjets als auch die Februarregierung hatten sich spontan aus der Februarrevolution ergeben, beiden fehlte die Legitimation durch Wahlen, das gilt besonders für die offizielle Regierung. Diese Dumaregierung hatte keinesfalls eine demokratische Legitimation, die sich aus allgemeinen, direkten und freien Wahlen herleiten konnte, sie hatte das Volk um seine Revolution betrogen, konnte sich aber als oberste Macht halten, weil die Sowjets nichts gegen sie unternahmen, jedenfalls nichts Revolutionäres. Und aus dieser Machtanmaßung heraus beklagte sich Kerenski noch darüber, dass sich die führenden Repräsentanten der Sowjets nicht mit vernünftiger Kritik begnügten, „sondern versuchten, sich aktiv in die Politik einzuschalten“. (a.a.O.,256).  Diese vollksfeindliche Äußerung darf selbst einem Ministerpräsidenten nicht zukommen, der aus Volkswahlen Regierungsaoberhaupt geworden wäre, denn natürlich haben die Massen, die durch die Sowjets repräsentiert wurden, jederzeit das Recht, sich aktiv in die Politik einzuschalten, dies um so mehr, als die Kerenskis nur die Gunst der revolutionären Stunde ausgenutzt hatten, um sich als Staatsmacht zu proklamieren.

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