Zur Rolle Kerenskis in der russischen Februarrevolution 1917 (erweiterte Fassung)

 

Kerenski kam die Aufgabe zu, für die bürgerliche Regierung der rote Köder zu sein, auf den die sozialistisch orientierten Arbeiter und Soldaten Petrograds hereinfallen sollten. Der Geruch eines Revolutionärs haftete Kerenski u. a. auch deshalb an, weil er nach der Revolution von 1905 einmal vier Monate im Gefängnis gesessen hatte. Sowohl der deutsche Sozialdemokrat Friedrich Ebert als auch der russische Sozialrevolutionär Kerenski, der mit Robespierre nur den Beruf und ein rhetorisches Geschick gemeinsam hatte, waren im Grunde ihres Herzens Monarchisten, Kerenski selbst gibt uns in seinen Memoiren preis, dass er bei der Nachricht, Zar Alexander der III. sei verstorben (am ersten November 1894) ganz bitterlich zu weinen angefangen habe. Da war Kerenski bereits dreizehn Jahre alt, wenn man bedenkt, dass Lenin bereits im Alter von vierzehn Jahren sein Taufkreuz in den Mülleimer warf. XX Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,25 und 35 xx Es passte zu Kerenski, dass er den deutschen Vaterlandssozialdemokraten Friedrich Ebert, seit 1913 so verhängnisvoll Vorsitzender der SPD, als Ideal eines Staatsmannes hinstellte. (Friedrich Ebert, ein ehemaliger Sattler, war von 1919 bis zu seinem Tod am 28. Februar 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik). In seinen Memoiren liegt die klare Aussage vor, und wir sind Kerenski für seine Offenheit dankbar, dass er sich vom Marxismus abgestoßen gefühlt habe und die christliche Ethik überzeugend finde (Vergleiche a.a.O.,42 und 52). Im Einklang zu bringen mit dieser Ethik war wohl auch sein Kriegsplan für den ersten Weltkrieg, den er auf die Versöhnung zwischen dem Zaren und dem Volk stützte XX (Vergleiche a.a.O.,151). xx In seinen Memoiren entlarvt sich Kerenski mehrmals als Girondist, um neben der Befürwortung eines föderalistischen Bundesstaates („Marx war Zentralist“ / Lenin) und neben der Kriegsbereitschaft auf ein weiteres Beispiel zu verweisen: Er schreibt, „unter keinen Umständen dürfe die Menge selbst das Gesetz in die Hand nehmen“. Darin kommt schon eine Ablehnung des Rätegedankens zum Vorschein, denn nach diesem bestimmt die Menge selbst den Termin der Wahlen und die Kandidaten, bestimmt die Menge die Offiziere, Richter und alle anderen Beamten per Wahl. Für die Jakobiner nimmt gerade die Menge selbst das Gesetz in die Hand und es gibt in Revolutionen Perioden, in denen die Menge bestimmt, dass jetzt kein Gesetz gelte, diese Perioden fürchten Kerenski und die Reaktionäre am meisten. In Petrograd, wie Sankt Petersburg seit dem 14. Augsut 1918 hieß, hatten die Jakobiner zum Beispiel wie es sich gehört, das Hauptquartier der folternden Geheimpolizei, die Polizeistationen und die Gerichtsgebäude in Brand gesteckt, sie taten gut daran, denn wie verdorben müssen Menschen sein, die sich unter reaktionären Regimes der Exekutive anbiedern ? „Überhaupt“, schreibt Kerenski, „besuchte ich die Zusammenkünfte des Sowjets und seine Exekutivkomitees nur selten“ XX (a.a.O.,221). Xx Eben, eben, da ist ja die Menge ! In seinen Memoiren erklärt er seinen Schritt, Justizminister im ersten Februarkabinett zu werden: er mache sich Sorgen um die gefangegenen zaristischen Minister. „Wenn irgendein Minister des ‚Fortschrittlichen Blocks‘ sie wirksam vor der Wut der Massen schützen und so die Revolution frei von Blutvergießen halten konnte, dann war ich es“. XXX a.a.O.,229 xx Leider muss ich Kerenski hier vorführen: „Ganz allgemein unternahm die Provisorische Regierung alles nur Erdenkliche, um die organisierte Arbeiterschaft zu einer dem industriellen Management gleichwertigen Kraft zu erheben“. Xx a.a.O.,247 Das ist köstlich, man stelle sich das vor: Die Regierung erhebt die Arbeiterklasse auf Augenhöhe zu den Kapitalisten. Das ist eine Perle ! Ein Musterbeispiel für parlamentarischen Kretinismus. Das ist Lichtjahre von der Diktatur der organisierten Arbeiterschaft entfernt. Regierungen des gehobenen Mittelstandes mit einem Tribun an der Spitze können nicht das Menschenrecht für die Arbeiterklasse erkämpfen, Friedrich Engels erkannte bereits während seines ersten Manchesteraufenthaltes 1842 bis 1844, dass sich die Arbeiterklasse nur selbst befreien kann und so heißt es dann auch in der ‚Internationalen‘: Aus unserem Elend können wir uns nur selbst befreien. Aber noch musste die ‚Internationale‘ warten, die Stimmung war noch mehr nach der ‚Marseillaise‘. Ende Februar war der bürgerliche und der sowjetische Block, in dem nur sehr wenig Kommunisten waren, zu einem ‚Agreement des Nebeneinander‘ gekommen, ein harter Klassenkampf zeichnete sich ab, war aber noch nicht akut und ließ Platz für den Gedanken einer friedlichen Revolution. „Wir hielten es für dringend notwendig“, schrieb Kerenski, „den Eindruck auszulöschen, die Kräfte der Revolution seien in zwei Lager gespalten, in ein ‚revolutionäres‘ und in ein ‚bourgeoises’“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rwohlt Verlag, Hamburg, 189,253 xx Der Girondist Kerenski befürchtete lediglich, dass die Sowjets sich selbst zur höchsten Autorität Russlands erklären könnten, was sie während seiner Amtszeit bekanntlich nicht taten, aber durchaus hätten tun können, erst die Bolschewiki taten dies durch die Oktoberrevolution. In der russischen Revolution sind die Sowjets von sich aus nicht machtaktiv geworden, waren sie immer nur ein Spielball im Machtkampf zwischen den Weißen und den Roten ? Die Sowjets als auch die Februarregierung hatten sich spontan aus der Februarrevolution ergeben, beiden fehlte die Legitimation durch Wahlen, das gilt besonders für die offizielle Regierung. Diese Dumaregierung hatte keinesfalls eine demokratische Legitimation, die sich aus allgemeinen, direkten und freien Wahlen herleiten konnte, sie hatte das Volk um seine Revolution betrogen, konnte sich aber als oberste Macht halten, weil die Sowjets nichts gegen sie unternahmen, jedenfalls nichts Revolutionäres. Und aus dieser Machtanmaßung heraus beklagte sich Kerenski noch darüber, dass sich die führenden Repräsentanten der Sowjets nicht mit vernünftiger Kritik begnügten, „sondern versuchten, sich aktiv in die Politik einzuschalten“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 198,256 xx Diese vollksfeindliche Äußerung darf selbst einem Ministerpräsidenten nicht zukommen, der aus Volkswahlen Regierungsaoberhaupt geworden wäre, denn natürlich haben die Massen, die durch die Sowjets repräsentiert wurden, jederzeit das Recht, sich aktiv in die Politik einzuschalten, dies um so mehr, als die Kerenskis nur die Gunst der revolutionären Stunde ausgenutzt hatten, um sich als Staatsmacht zu proklamieren. „Wir glaubten nun, daß das Land auf unserer Seite stehe und daß wir den unvermeidlichen Trend zur Disziplinlosigkeit und zur Anarchie überwinden würden“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,261 xx Aber ‚glauben‘ heißt nicht ‚wissen‘. Die bonapartistische Demokratie nach der Februarrevolution war nur eine sich im Glauben der Regierung an angeblich hohe Werte (Disziplin, Notwendigkeit von Herrschaft) gründende, vor Wahlen darf spekuliert werden, nach Wahlen weiß man. Die Sowjets verstanden sich dieser künstlichen Macht gegenüber als Kritikorgane und verkannten sich als Kontrollorgane, so dass eine wirkliche Machtrivalität nicht vorlag. Wer die sich aus der Februarrevolution ergebenden politischen Konstallationen nur ein wenig aufmerksam verfolgte, dem musste das Missverhältniss zwischen der Zusammensetzung der Regierung und den Kräfteverhältnissen im Volk aufgehen. Das war korrekturbedürftig. Die Periode der Lwow-Kerenski-Regierungen blieb Episode, weil sie eine Periode der Revolutionsgewinnler war, im Gegensatz zur französischen Revolution, in der die Abstimmung nach Köpfen den Ausschlag gab zuungunsten der Abstimmung nach Ständen, die immer mit einer 2:1-Niederlage geendet hätte. Was 1789 epochal war, war 1917 Episode und musste Episode bleiben. Die offizielle Regierung benutzte zur Absegnung ihrer Machenschaften die Formeln: „im Einverständnis mit der gesamten Nation“ und / oder nach den Worten Kerenskis: „die gesunden politischen Kräfte an der Front und in der Heimat“ sehen sich veranlasst, das und das zu tun … Ein Einverständnis mit der gesamten Nation kann es in der Politik nicht geben, das war Wunschdenken. Und natürlich mussten die Massen gegen diese Regierung einschreiten, als sie zum Beispiel jeden Gedanken an einen Seperatfrieden mit der Formulierung „im Einverständnis mit der gesamten Nation“ ablehnte. Die Episode kündigte sich bereits mit der Benennung der wichtigsten Aufgabe der ‚Provisorischen Regierung‘ an, sie sah diese in der Erhöhung der Schlagkraft der Truppe, nicht nur für die Defensive, sondern auch für die Offensive. Über die Armee wurde ein dichtes Spitzelnetz geworfen, um eine kommunistische Beeinflussung der Armee abzuwehren. Den Satz aus dem Manifest, die Arbeiter hätten unter dem kapitalistischen Regime kein Vaterland, wurde von den Kerenskis mit Füßen getreten. „ Ich lade euch nicht zu Feierlichkeiten ein, sondern zum Tode !“ XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,300 xx Das waren die Worte Kerenskis, die er an die Fronttruppe richtete und der er eintrichtern wollte, es gäbe einen imperialistischen Krieg rein defensiven Charakters. Das Scheitern der Brusilow-Offensive nach kleineren Anfangserfolgen an der Westfront, deren Entwicklung Lenin mit „krankhaften Interesse“, so Kerenski in seinen Memoiren, verfolgt hätte, ihr Sichtotlaufen trug somit zum Genickbruch der Zwischenregierung erheblich bei. Zum Machtwechsel im Oktober, zum Sturz eines künstlichen bonapartistischen Regimes ist es gekommen, weil die Bolschewiki die Stürmer und Dränger waren und nach Lenin eine „knochenbrecherische Politik“ betrieben. In den Sowjets gab es Schwankungen, Lenins Partei trat geschlossener auf, wenn man sie auch nicht ganz als ‚Partei aus einem Guss‘ ansehen konnte, es gab zwei Streikbrecher und bei den Abstimmungen auch Gegenstimmen und Enthaltungen. Was die Bolschewiki auszeichnete: sie hatten ein klares Feindbild, einen gesunden Klassenhass und waren von einer ständigen Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft gegenüber dem alten, bürgerlich-zaristischen Staatsapparat wie besessen. Sowohl die Jakobiner in der französischen Revolution als auch die Bolschewiki in der russischen geben Beispiele ab für die positive Bedeutung des Fanatismus in der Geschichte, aus dem sich nicht nur für sie der politische Horizont erweiterte: es gibt unveräußerliche Menschenrechte und die produktiven Menschen, die durch ihrer Hände Arbeit das Volk am Leben halten, sind keine Menschen zweiter Klasse. Es zeigt den politischen Horizont Kerenskis an, dass er Russland für eine Republik hielt von dem Augenblick an, an dem Großfürst Michael darauf verzichtete, Nachfolger seines Bruders als Zar zu werden. So einfach vollzieht sich Geschichte nicht. Ein Verzicht auf die Monarchie durch ein Subjekt macht noch keine Republik aus. Diejenigen, die das Hauptquartier der zaristischen Geheimpolizei in Brand steckten, waren näher an der Republik als es Kerenski jemals war. Für diesen setzte sich die ‚Provisorische Regierung‘ aus ‚Vertretern des gehobenen Mittelstandes‘ zusammen, und Mitglieder des gehobenen Mittelstandes machen sich nicht mehr die Hände schmutzig. Der Rechtsanwalt aus dem gehobenen Mittelstand war in den Februartagen glücklich. „Ein Mensch, der einen schickshaften Wendepunkt der Weltgeschichte miterlebt, ist gesegnet, weil er die Möglichkeit hat, die Tiefen der Menschheitsgeschichte auszumessen, Zeuge der Zerstörung einer alten und des Entstehens einer neuen Welt zu werden“. XX a.a.O.,239 xx Kerenski hätte ungefähr 105 Jahre alt werden müssen, um noch die Perestroika und den Zerfall von Lenins Machtzenrum, das Platzen des revolutionären Herzens mitzuerleben, der und dem er sicherlich Beifall gespendet hätte. Er starb am 11. Juni 1970 im New Yorker Exil. Wäre er nicht für eine Sekunde in der Weltgeschichte der Gegenspieler Lenins gewesen, sein Name wäre heute so vergessen wie die Namen der anderen Minister der Privisorischen Regierung aus dem Jahr 1917 in Petrograd, Lenin hat ihn ‚in die Ewigkeit mitgenommen‘. Über die Vergänglichkeit des Ruhmes brauchte Kerenski im Exil, das über ein halbes Jahrhundert währte, jedenfalls nicht zu grübeln, während uns die Frage zu beantworten aufgegeben bleibt: War der Zusammenbruch der Sowjetunion nur ein Rückschritt oder etwas unheilbar zerbrochen Fundamentales ? Bei der Beantwortung dieser Frage bilden sich zwei Lager und das eine wünscht den Kommunismus seinem religiösen Weltbild gemäß für immer zum Teufel. Hat der Marxismus eine innere eschatologische Kraft, seine Krise durchzustehen, um gegen die widerwärtigen Zeitströmungen in der Gesetzmäßigkeit der Geschichte und der gesellschaftlichen Prozesse den Schlüssel in der Hand zu behalten, der das Tor zum Endschicksal der Menschheit dereinst aufschließt ? Die aus Sozialrevolutionären, Parteilosen und Menschewiki gegründeten Sowjets und die büsich noch nicht feindselig gegenüber und die Kommunisten sahen, dass ohne Zerstörung der Vertrauensseligkeit, ohne Entfachung eines gesunden Klassenhasses, nach Lenin „aller Weisheit Anfang“, die ganze Macht nicht den Sowjets zufallen konnte. Am heftigsten wurde im Kabinett und in den Räten über die Frage gestritten, ob die bürgerliche Regierung das Recht habe, Truppen aus der Hauptstadt zu verlegen ? Das wurde im Oktober eine sehr wichtige Frage, wie brisant, wurde am Beginn der Oktoberrevolution deutlich. Valentin Gitermann weist auf den Umstand hin, dass die Petrograder Bolschewiki in der Illegalität gelebt hatten und außerhalb konspirativer Kreise wenig bekannt waren. XXX Vergleiche Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band III, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,481 xx Tatsächlich war die politische Bedeutung der Bolschewiki beim Ausbruch der Februarrevolution marginal und damit lag eine Diktatur des Proletariats noch in weiter Ferne. Das bürgerliche Lager hatte eine 12jährige Dumaberatung des Zaren mit Unterbrechungen vorzuweisen, während Räte seit 1905 nicht mehr getagt hatten. Wie jede Bourgeoisie verstand es auch die russische, sich als Repräsentatntin der Nation auszugeben, besonders in einem rückständigen, politisch wenig aufgeklärtem Land. Die Duma galt ja neben den Sowjets als revolutionäre Errungenschaft von 1905. Die Forderung nach einer Diktatur des Proletariats wurde 1917 in Petrograd nur im Wyborger Stadtteil aufgestellt, dieser 170 000 Einwohner zählenden Hochburg der Bolschewiki, deren Sowjet sie bereits Ende Juni völlig unter Kontrolle hatten. In Wyborg wohnten viele klassenbewußte Arbeiter aus der Metallindustrie, von denen 5. 000 in Lenins Partei organisiert waren. In Wyborg wurde auch unter Anleitung von Nadeshda Krupskaja, die sich für den bewaffneten Aufstand ausgesprochen hatte, begonnen, in den Fabriken Räume einzurichten, um Analphabeten zu unterrichten. XXX Vergleiche Volker Hoffmann, Ich war Zeugin der größten Revolution in der Welt; Leben, Kampf und Werk der Frau und Weggefährtin Lenins, Verlag Neuer Weg, Essen, 2013,108 xx Bei Demonstrationen sah man Wyborger mit der Parole: „Das Recht auf Leben steht über dem Recht auf Privatbesitz“. Die Zeit arbeitete für die Bolschewiki, bereits am 16. Mai wurde im Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets mehrheitlich der Plan befürwortet, die gesamte Volkswirtschaft staatlicher Leitung zu unterwerfen. XXX Vergleiche Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band III, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,506 xx Zwischen Sozialisten und Bürgerlichen lag nach der Februarrevolution zunächst eine Pattsituation vor. Dieses ‚Patt‘ war natürlich für die Lösung sozialer Probleme und für eine energische Regierung, die laut Marx nach einer Revolution erste Pflicht war, nicht förderlich und man hatte die Bequemlichkeit, Probleme unter Berufung auf eine erst noch zu bildende ‚Konstituierende Nationalversammlung‘ vor sich herzuwälzen. Diese noch kommen sollende Nationalversammlung musste auch argumentativ herhalten, den Großgrundbesitz zu schützen, an dem die bäuerliche Untertanenhand nach Auffassung der Liberalen eigenmächtig nichts zu suchen hatte. Nicht der geschundene Gaul der Agrargeschichte hatte über die Bodenfrage zu entscheiden, sondern rechtskundige Advokaten mit ihren zarten Händen. So schlängelten sich die bürgerlichen Regierungen bis zum Oktober an der Wand der Macht entlang und für die kleinbürgerlichen Sozialisten war die ‚Diktatur des Proletariats‘ ein Fremdwort. Gitermann spricht richtig von einem Selbstverständnis der Sowjets als Interessenvertreter ohne Machtambitionen, nachdem ein halbherziger Versuch der embryonalen Sowjets, dem Duma-Komitee die Macht zu entreißen, am 27. Februar gescheitert war. Einen Tag später brach der Aufstand in Moskau los. XXX a.a.O.,480f. Xx Wenn es Anhaltspunkte für die Macht der Sowjets gab, so lagen sie in den Tatsachen, dass die in Verhaftungswellen festgenommen Schergen des Zarismus nicht dem Parlament, sondern den Sowjets übergeben wurden, dass die Sowjets die konterrevolutionäre Presse unterdrückte und stattdessen die ‚Iswetija‘ herausgaben Xx a.a.O.,481f. Xx In ihr stand der legendäre „Befehl Nr. 1“. Dieser Befehl ist für alle bürgerlich-imperialistischen Offiziere ein rotes Tuch, denn er zeigt deren menschenverachtende-feudalistische Fratze auf: Er beinhaltete, dass alle Komitees nur von unten zu wählen seien und dass den Parlamentsbefehlen nur zu gehorchen sei, wenn sie zu den Befehlen der Sowjets nicht im Widerspruch stünden, dass den Offizieren die Verfügung über die Waffen zu entziehen sei und dass nur im militärischen Sektor eine Grußplicht gegenüber den Offizieren bestehe. Gab es in der französischen Revolution ein Dekret, dass alle Franzosen untereinander Brüder seien und sich duzen sollten, so war es im militärischen Sektor in der Februarrevolution umgekehrt: die Offiziere sollten die sogenannten einfachen Soldaten nicht mehr duzen dürfen. Etwas ‚Kommunistisches‘ findet man in diesem „Befehl Nr. 1“ noch nicht, aber er steht in einer gut-humanistischen Tradition bürgerlicher Aufklärung. Überhaupt gibt es zwischen der klassischen bürgerlichen Revolution und der Oktoberrevolution eine gewissen Ähnlichkeit von Konturen an der Oberfläche als auch in der Tiefe, wenn auch beide Revolutionen in ihrem qualitativen Kern sogar entgegengesetzt sind. Eine Beispiel für eine oberflächliche Analogie: Sowohl Marie-Antoinette als auch die Zarin mussten sich aus der Gosse kommende Obszönitäten gefallen lassen. Und es ist bezeichnend, das sich die Girondisten mit Kerenski an der Spitze schützend vor die kriminelle Zarensippe stellten. Immer wird der Satz an Kerenski haften bleiben: „Niemals werde ich der Marat der russischen Revolution sein“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1889,260 xx Minimale Kenntnisse über den großen Jakobiner lagen bei Kerenski gewiss vor, so dass seine Äußerung die ganze Charakterlosigkeit eines Girondisten zeigt. Schon tiefer geht die Tatsache, dass es beiden Revolutionen eignet, dass der Lebensstandard nach dem Machtwechsel zunächst gesunken war und teilweise erheblich unter dem des ‚Ancien Regimes‘ lag. Wie alle Religionen irgendwie ein Paradies im Jenseits versprechen, so versprechen soziale Revolutionen eine Verbesserung der Lage der Massen, besonders der sozialen, im Diesseits. Mit der Verbesserung der sozialen Lage wachse der Atheismus, alle sozialen Revolutionen hätten einen Zug gegen die Religion und in der Tat müsste diese mit dem Aufkommen des Paradieses auf Erden schrumpfen. Je weniger sich die Massen ein Paradies im Himmel vorstellen müssen, desto weniger verstellt die Religion das Paradies auf Erden. Die Gegensätze der Paradiese schlagen ineinander um, und in der Beantwortung der Fragen des Abbé Sièyes: ‚Was ist der dritte Stand ?‘ Er sei nichts; und: ‚Was könnte er sein ?‘: Er könnte alles sein ! zeichnet sich der Umschlag ab, der das alles vertauschende Ideal der bürgerlichen Revolution beinhaltet. Nebenbei sei bemerkt, dass es in der klassischen französischen Revolution nur eine kurze, aber heftige Entchristaianisierungsbewegung gegeben hatte. Auch das Proletariat war zunächst – frei nach Sièyes – nichts. 1917 wurde eine vom dritten Stand und vom Adel in ihrer Gewichtigkeit völlig verkannte Partei Staatspartei, wodurch Russland und Deutschland im ‚Jahrhundert der Extreme‘ die Länder der Extreme wurden. Die Schlacht von Stalingrad wurde zur extremsten des 20. Jahrhunderts. Auch an Verschwörungstheorien hat es beiden Revolutionen nicht gefehlt, die bekannteste (Pseudo-)Theorie der französischen Revolution war die, sie als Folge einer Freimaurerverschwörung auszugeben, wie es der Jesuit Abbé Barruel getan hatte. Zu Phasen, in denen Volksmassen sich und die Verhältnisse wie eine Naturkraft umwälzen, können Verschwörungstheorien am allerwenigsten etwas zur Erklärung beitragen, in diesen Zeiten werden die Regierungsagenten auf ein ganz peripheres Gleis der Geschichte abgestellt. Geheimdienste können einer Volksrevolution gelegentlich das eine oder andere Bein stellen, generell aufhalten können sie sie nicht. Sie halten allenfalls her für Satanisierungen der Revolution, aber weder haben Satan noch Gott Einfluss auf die Geschichte. In der russischen Revolution war verschwörungstheoretisch federführend der abergläubige Kerenski, der, sekundiert von G. Katkow (Russia 1917, The February Revolution, London, 1966 – Die Februarrevolution war eine Agentenrevolution.) LITLI, Lenins Rückkehr nach Russland mit den Worten begleitete, er sei gekommen, „um bei der Durchführung der Pläne General Hoffmanns zu helfen“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,285. Siehe auch Seite 407, auf dieser gelingt ihm die Konjunction Ludendorff-Lenin und auf Seite 424 gar Lenin-Mussolini-Hitler, die er in einem Atemzug nennt. Von der historischen Bedeutung her genügt es, Kerenskis Sichtweise der politischen Dinge in eine Anmerkung zu packen: „Nach dem Sturz der Monarchie hatte Rußlands Kampf an der deutschen Front zu einer bizarren Verteilung der Kräfte geführt. Es gab nicht nur zwei einander feindlich gegenüberstehende Lager – Rußland und die Verbündeten versus Deutschland und Lenin -, sondern ein Dreiecksverhältnis: Rußland und die Provisorische Regierung, Kornilow und die Verbündeten Russlands, und Ludendorff und Lenin“ (a.a.O.,407). Eine fürwahr bizarre Konstellation, ich möchte vom spezifischen Dreieck Kerenskis reden. „Es war fast so“, fährt Kerenski fort, „als sei jemand in London und Paris hinter den Kulissen am Werke, um die Sache Ludendorffs und Lenins zu fördern und den Zusammenbruch einer Regierung herbeizuführen, die ihre ‚Verbündeten‘ auf dem Schlachtfeld unter unglaublich schwierigen Umständen fortgesetzt unterstützt hatte“. (a.a.O.,408). Kein Land hätte durch den Weltkrieg mehr gelitten als Russland, das im übrigen aber für Kerenski immer noch eine Großmacht darstellte. Es gab nach diesen Ausführungen nicht nur die Spaltung der Imperialisten in zwei Militärblöcke, sondern auch zumindest Risse unter den Alliierten, die durch diplomatisches Lächeln kaschiert wurden. Kerenski war insgesamt eine bejammernswerte Gestalt, die sich für die Seite der Imperialisten entschieden hatte und merken musste, dass auch diese sein Ideal („mein Russland“) zertraten. Im Licht linker Scheinwerfer war er ein ‚Söldling des britischen Kapitals‘ und ein ‚Bonaparte‘, im Licht rechter ein ‚Semi-Bolschewik‘ (Vergleiche a.a.O.,415).

Bereits in seiner ersten Rede auf dem Bauernkongress im Mai 1917, auf dem sich mehrheitlich Sozialrevolutionäre trafen, erklärte der neue Kriegsminister Kerenski, der Geschichte („Ich las viel über primitive Völker“) und Rechtswissenschaft studiert hatte, in der Armee wieder eine eiserne Disziplin herstellen zu wollen. Er verbot zunächst Meetings an der Front und ließ sich vom Exekutivkomitee des Arbeiter- und Soldatensowjets außerordentliche Vollmachten zur Unterdrückung bolschewistischer Umtriebe, zur strengen Disziplierung der Eisenbahner und zur Wiedererrichtung der Disziplin in der Armee geben. XXX Zur Problematik der Todesstrafe hat sich Lenin dezidiert im September 1917 geäußert: „Ich hatte bereits Gelegenheit, in der bolschewistischen Presse darauf hinzuweisen, daß als triftiges Argument gegen die Todesstrafe nur gelten kann, daß sie von den Ausbeutern im Interesse der Erhaltung der Ausbeutung gegen die Massen der Werktätigen angewandt wird. Ohne die Todesstrafe gegen die Ausbeuter (d.h. die Gutsbesitzer und Kapitalisten) wird eine wie immer geartete revolutionäre Regierung wohl kaum auskommen können“. (Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,351). ENDE DER ANM Eine ‚Deklaration der Rechte des Soldaten‘ wurde von den Kerenskianhängern ersonnen, die demokratische Errungenschaften der Februarrevolution, hier konkret den ‚Befehl Nr. 1‘ zurücknahm (zum Beispiel Wahl der Kommandeure) und Befehlsverweigerern auf Drängen auch des Sozialrevolutionärs Sawinkow wieder mit der Todesstrafe bedrohte. Vergatterung und Bindung der Soldaten zu einer geschlossenen Armee machten deutlich, dass eine Agrarumwälzung nicht auf dem Tagesplan der Provisorischen Regierung stand, denn diese Umwälzung hätte unweigerlich zur Auflösung der noch immer von zaristischen Generalen kommandierten Armee geführt. Ende Februar 1917 konnte man von dem Rechtsanwalt Kerenski noch ganz andere Töne vernehmen. Um sich bei den Soldatenmassen beliebt zu machen, rief er aus, dass das russische Volk von Eroberungen nichts wissen wolle. Deshalb konnte die Bourgeoisie den „Sozialisten“ Kerenski gut gebrauchen, er entpuppte sich aber bald als ein Kriegshetzer, der auch vor der Todesstrafe für Deserteure nicht zurückschreckte. In seinen Memoiren tat er andersherum, er bezeichnete dort die Abschaffung der Todesstrafe als eines der heiligsten Ziele der russischen Befreiungsbewegungen. XX Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,122 xx Es ist an dieser Stelle zu Kerenski nur so viel zu bemerken, dass er sich in seinen Memoiren mit Jesus Christus vergleicht und meinte vor der Lesewelt ausbreiten zu müssen, dass er sich in Analogie zum Opferjesus in der Religion auf dem Feld der Politik für das russische Volk aufgeopfert habe. So wohl auch in der ersten Duma, die für ihn „Herz und Seele Rußlands“ verkörperte. Das ist ziemlich dick aufgetragen, das liest und hört man ganz ganz selten über ein bürgerliches Parlament, zumal nach der Verfassung des russischen Reiches die Außenpolitik ausschließliche Angelegenheit des Zaren war, dem zudem Heer und Flotte direkt unterstanden. Das Wahlrecht der Semstwo (Landschaft) war ein großer Volksbetrug. Basierend auf ein Kurienwahlrecht von 1890, das bis zum ersten Weltkrieg nicht gelöscht worden war, konnte die große Masse der Bauern nie mehr als zehn Prozent der Sitze erhalten, während dem Schmarotzerauswurf der Landadeligen immer die Mehrheit gesichert war. Schon allein wegen dieser Verhöhnung des Volkes konnte der Zar aus der Revolution nicht straffrei hervorgehen.

Der Sekretär der Sozialistischen Partei der Schweiz, Robert Grimm, der die Möglichkeit eines Separatfriedens zwischen Deutschland und Russland ermitteln wollte, wurde von Kerenski des Landes verwiesen. Ein Staatssicherheitsgesetz für „Ruhe im Staate“ war von Minister Perewersew in Planung gegeben worden. Miljukow warf die Frage auf, warum Lenin und Trotzki noch frei spazieren konnten ? Derselbe Miljukow, der vor der Revolution noch erklärt hatte, wenn der Weg zum Sieg über die Revolution führe, dann sei er gegen den Sieg.

 
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: