1789 und 1917

 

Die menschliche Erkenntnis geht den Weg vom Nichtwissen zum Wissen, allerdings nicht linear. Aufklärung wäre sinnlos, ginge sie nicht diesen Weg. Kant hielt es allerdings für vermessen, ein totales Weltwissen anzustreben, das in Frankreich die Enzyklopädisten zumindest ebenso anvisierten wie Condorcet in seinem Plan der Entfaltung der menschlichen Vernunft. Hegel steht den Enzyklopädisten viel näher, er spricht vom Weltwissen, vom absoluten Wissen und von der Weltvernunft. Der Marxismus steuert keine absolutes Weltwissen an, obwohl dieses ihm besser zu Gesicht stehen würde als das absolute Wissen Hegel, also schon ein erreichtes Weltwissen, der partiellen Revolution von 1789. Eine in der politischen Praxis beschränkte, ideologisch überhöhte (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bürgerliche Revolution, in der das Kapital aus allen Poren bluttriefend zur Welt gekommen war, wurde vollzogen im Licht einer absoluten Erkenntnis und im Namen des ganzen Volkes. Eine totale kommunistische kam ohne eine solche aus und vollzog sich im Namen einer besonderen Klasse, die wie die kapitalistische eine Sonderstellung in der modernen Gesellschaft einnimmt. Die Sonderstellung der Kapitalisten und die Sonderstellung der Proletarier in der bürgerlichen Gesellschaft sind antagonistisch entgegengesetzte Stellungen. Nimmt man die Parole der französischen Revolution „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ an, nimmt man sie plakativ, so hätte es auf den ersten Blick einer Oktoberrevolution nicht mehr bedurft. Aber die Bürgerlichen legten diese Parole primär politisch aus, nicht primär sozial. Der bürgerliche Vernunftstaat endete in der Anarchie der Produktion, aus der die Sozialisten einen Ausweg suchten. Eine soziale Revolution, noch notwendig, die letzte der Weltgeschichte, schleudert, wie es Marx formulierte „die politische Hülle fort“. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und es galt, die Gesellschaft von den Klassenkämpfen zu befreien durch Abschaffung der Klassen selbst. Man kann das Wesen des Marxismus und das Wesen des Leninismus nicht erfassen, wenn man nicht die ausgesprochene Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt. Lenin hat diese schon sehr früh erkannt, im Alter von 27 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert hatte er eine kleine Schrift verfasst, die mit Bedacht gelesen sein will und die zwei Elementarien des Leninismus enthält, sie trägt bezeichnenderweise den Titel: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie“. In Weiterführung der Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Karl Marx,  Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474) haben, pocht Lenin vehement auf die proletarische Sonderrolle (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,337), zugleich betont er vehement die Hauptwaffe des Proletariats, seine Organisation. (Vergleiche a.a.O.,332). Schon 1897 zeichnet sich im Denken Lenins, Marx und Engels gedanklich fortsetzend, Sozialismus als Parteidiktatur ab, eine gesellschaftliche Formation geführt von einer Kaderpartei, die gegenüber allen anderen Organistionen des Proletariats einen Sonderstatus einnimmt, denn nur diese Partei hat auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung inne. Die Matrosen von Kronstadt hatten 1921 diese Entwicklungsgesetze nicht präsent und das Fatale an der Perestroika war, dass diejenigen, die nicht richtig und scharf genug hinschauten, Gorbatschow als wissenschaftlichen Sozialisten fassten, während er nur eine peinliche Zwergmißgeburt war. Er war am 2. März 1931 zur Welt gekommen und hatte den Marxismus-Leninismus schon in der Dekadenzphase der Sowjetunion zu sich genommen, als dieser zum Fusel verkommen war. Was für eine praktische Politik aus diesem folgte, haben die Älteren unter uns noch alle erleben müssen. Gorbatschow hat dreimal den Lenin-Orden erhalten, angebrachter wäre ein Orden für hervorragende Verdienste bei der Verstümmelung der materialistischen Dialektik gewesen.


					
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