Die russische Revolution von 1905 ohne Sowjets und die russische Februarrevolution ohne Frauen – Wie die MLPD zwei russische Revolutionen darstellt

Ausgerechnet in der Ausgabe der ‚Roten Fahne‘ vom 17.2. 2017, die cirka 20 Tage vor dem Internationalen Frauentag 2017 erschien, fällt eine Merkwürdigkeit bezüglich der Bedeutung revolutionärer Frauen für ein historisches Ereignis auf, das Lenin als weltgeschichtlich gewertet wissen wollte. Dieses Ereignis war die russische Februarrevolution 1917. „Solche Etappen wie der Oktober 1905, der Februar und Oktober 1917 haben welthistorische Bedeutung“. (Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,262). Auf Seite 38 ist in der ‚Roten Fahne‘ ein schwarz-weiß Bild einer Massenversammlung mit dem Untertitel „Arbeiter der Putilow-Werke demonstrieren am 23. Februar 1917“ bedacht worden. Nur – auf dem Bild sind fast ausschließlich Frauen und Kinder abgebildet. Die Februarrevolution war keine „reine Männersache“, wie es der Artikel unterstellt.

Im Gegenteil: Der Ursprung der auf acht Tage zu begrenzenden Februarrevolution, der ersten siegreichen Volksrevolution in der Epoche des Imperialismus, war feminin: Die von Männern dominierten Arbeiterkomitees, einschließlich der bolschewistischen, hatten sich gegen Streiks ausgesprochen, aber am 8. März, am Internationalen Frauentag, hielten sich die Frauen aus Brotknappheit nicht mehr daran. Die Februarrevolution, die sich nach westlichem Kalender im März vollzog, begann unter dem Schatten des Weltkrieges, der für Russland erhebliche militärische Niederlagen und von allen kriegführenden Ländern die größten Erschütterungen brachte, durch Streiks von Textilarbeiterinnen, Müttern und Hausfrauen, also von den am meisten Ausgebeuteten, unter der Lebenmittelkrise am meisten Leidenden, im Petrograder Stadtteil Wyborg. Am nächsten Tag entbrannte der Protest auch in andern Stadtteilen. 1917 verdienten die Frauen nur halb so viel wie die Männer. Lenin hatte Recht, dass die Revolutionäre tiefer in die Gesellschaft eindringen müssen, zu den Untersten der Unteren. Diese Arbeiterinnen initiierten alles und schickten Delegationen zu den schlagkräftigen Metallarbeitern, die sich überzeugen ließen. So kam die Lawine von unten in Gang, am Nachmittag des 8. März streikten 90. 000. Es liegt eine eindeutige Revolution von unten, eine spontane gegen die eigenen revolutionären Organisationen vor, die Fahnen der Frauen und des Frauentages rissen die rote Fahne mit sich, und insofern gebührt den vom Kapital exzessiv ausgebeuteten Beginnerinnen der Februarrevolution ein Ehrenplatz in der Geschichte der sozial ausgerichteten Revolutionen. Die Februarrevolution kam für die Berufsrevolutionäre überraschend. Der Stein war ins Rollen gekommen … hin zur Februarrevolution … hin zu Oktoberrevolution … hin zur Weltgeschichte. Ohne die Frauen hätten wir nicht gesiegt, wird Lenin später sagen.

Schon in der Ausgabe vom 20.1.1917 brachte die ‚Rote Fahne‘ einen Artikel zur russischen Revolution von 1905. Diese war für Lenin nicht nur ein weltgeschichtliches Ereignis (siehe oben), sondern die Generalprobe für die Oktoberrevolution. Und mit wieviel Sätzen wird die Arbeiterklasse abgespeist ? Mit 14 Sätzen ! Man stelle sich das einmal vor: Menschen, die sich dem Anspruch verpflichtet wissen, den wissenschaftlichen Sozialismus weiterzuentwickeln, handeln im 100. Jahr des Ausbruchs der Oktoberrevolution deren Generalprobe mit 14 Sätzen ab. Das wirkt für jede kritische und wissenschaftlich gebildete Arbeiterin, für jeden kritischen und wissenschaftlich gebildeten Arbeiter wie dahingeschissen. Was sind 14 Sätze mehr als eine Kalendernotiz ? Für dieses komplexes Thema stellte die ‚Rote Fahne‘ eine Seite zur Verfügung ! Und die eine Hälfte der Seite nahm noch ein Bild von Lenin in Anspruch ! Wohlgemerkt, also ein halbe Seite für die erste Volksrevolution unter imperialistischen Bedingungen im 20. Jahrhundert. Es gibt einen komplexen inneren Zusammenhang zwischen dem Oktober 1905, der Februar- und der Oktoberrevolution, der auch bereits bei der wissenschaftlichen Behandlung der ersten Revolution aufgezeigt werden muss. Zum Beispiel bilden die Sowjets einen roten Faden, der in allen drei Revolutionen gefasst werden muss. Das Wort „Sowjet“ kommt in dem Artikel gar nicht vor, gerade der russische Sowjet aber war die wichtigste, über die Pariser Commune hinausgehende politische Errungenschaft des Massenkampfes gegen den Zarismus, das reaktionärste und das demokratischste Organ Europas standen nebeneinander, mehr noch: antagonistisch blutsonntaglich gegeneinander, die Doppelherrschaft nach der Februarrevolution 1917 im Keim enthaltend.  Auch das Wort ‚Februarrevolution‘ kommt in dem Artikel über die Revolution von 1905 nicht einmal vor, kein Wunder, wenn man nur eine halbe Seite zur Verfügung hat. Und doch haben wir es hier nicht nur mit Weltgeschichte zu tun, sondern auch  mit Kettenglieder eines Prozesses, in dem kein Kettenglied ausgelassen werden darf, mit welcher der drei Revolutionen man sich inhaltlich auch auseiandersetzt. Schon allein dadurch, dass Lenin allen drei Revolutionen eine weltgeschichtliche Bedeutung bescheinigt, liegt zwischen ihnen ein innerer Zusammenhang vor, die weltgeschichtliche Bedeutung ist die markanteste, aber man muss wesentlich tiefer gehen. Die bürgerliche Revolution wächst in die proletarische hinüber, und gerade den Aprilthesen Lenins (ein weiteres Kettenglied) und den Sowjets kommen in diesem Prozess eine ganz wesentliche Rolle zu.

In dem Artikel über die Februarrevolution vom 17.2.1917 scheint sich die Verfasserin/der Verfasser nur auf ein Buch gestützt zu haben. Am Schluss des Textes heißt es: „Alle Zitate Lenins und Stalins sind dem 1939 im Verlag für fremdsprachige Literatur Moskau erschienenen Samelband ‚Lenin, Stalin – das Jahr 1917‘ entnommen“.  Zitate von anderen Autoren gibt es nicht. Das ist natürlich auch eine Masche: Im Text keine Seitenzahlen zu den Zitaten, aber am Ende das Buch angeben. So wird wissenschaftlich nicht gearbeitet. Die Leserin/der Leser, der einen bestimmten Zusammenhang nachlesen will, ist gezwungen, das Buch von Anfang an zu lesen, bis er die entsprechende Stelle gefunden hat !! Man stelle sich einmal diese Vergeudung wissenschaftlicher Kapazitäten vor ! Dahin ist es also gekommen: Eine Darstellung der russichen Revolution von 1905 ohne Sowjets und eine der russischen Februarrevolution ohne Frauen !! Dafür Bilder, Bilder, Bilder … Kurz: Im Mittelalter verdummten die katholischen Pfaffen die Bauern, indem sie ihre Predigt in lateinischer Sprache hielten, die niemand verstand, heute wird die ‚Rote Fahne‘ durch eine Bilderflut auf das Niveau einer Illustrierten, einer BILD-Zeitschrift herabgewürgt, der Arbeiterklasse wird der wissenschaftliche Sozialismus in Diätform verabreicht, als ob es sich um eine kranke, siechende, geistig minderbemittelte Klasse handelt. Ohne Zweifel reiht sich die ‚Rote Fahne‘ der MLPD ein in die Reihe kleinbürgerlicher Massenmedien, die auf die Köpfe der Arbeiterklasse einprügeln.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: