Revolutionen im Kollektiv darstellen

REVOLUTIONEN IM KOLLEKTIV DARSTELLEN
„ … die Souveränität des Denkens verwirklicht sich in einer Reihe höchst unsouverän denkender Menschen; die Erkenntnis, welche unbedingten Anspruch auf Wahrheit hat, in einer Reihe von relativen Irrtümern …“. 1. 
Es ist ganz offensichtlich widersinnig, dass ein Fachmann, etwa ein Historiker, ein Buch über eine Revolution für Fachmänner, etwa für Historiker schreibt, Expertenkollektive müssen Bücher über eine Revolution für Völker schreiben, für wen denn sonst ? Schon von ihrer Komplexität her erheischt die Darstellung einer Revolution ein Kollektiv von Experten auf Fachgebieten, die von der Außenpolitik bis zum Zentralismus reichen. Überhaupt ist die Wissenschaft in ihrem Kern kollektivistisch angelegt, es ist nur ein spezifischer Idiotismus der bürgerlichen Gesellschaft, der das nicht permanent präsent werden lässt. Wer sich mit dem Individualitätsprinzip  der bürgerlichen Gesellschaft abfindet, muss selbst an einem gewissen Grad an Idiotismus leiden. „Es ist mir immer idiotisch vorgekommen“, schrieb van Gogh an seinen Bruder, „daß Maler für sich allein leben“. Die Dominanz der bürgerlichen Gesellschaft über frühere gesellschaftliche Formationen hat keinesfalls abgebrochen, dass auch Idioten an die Spitze von Staaten treten können. Die bürgerliche Revolution wollte das vereiteln, sprengte aber die Menschen als egoistische Monaden aus den Feudalverbänden heraus. Jetzt war der Weg frei für ein Klima wie es für Misstrauensgesellschaften, für das Gewimmele von Privatproduzenten charakteristisch ist.  Im bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb tut jeder so, als ob er ein Napoleon wäre. Das ist sehr fraglich, nur eins ist sicher, früher oder später ereilt dem Individualwissenschaftler sein Waterloo, das unvermeidbar ist, wenn sich ein Einzelwissenschaftler der Weltgeschichte ausliefert. Hegel hatte sich als einzelner der Weltphilosophie ausgeliefert und versuchte sich an der Aufgabe, die Geschichte der Menschheit durch alle scheinbaren Zufälligkeiten hindurch als Entwicklungsprozess der Menschheit selbst darzustellen. Nach Engels erlitt er gerade hierin sein Waterloo, denn er wollte eine Aufgabe lösen, die kein einzelner Mensch je wird lösen können. 2.
Napoleon hatte während der Schlacht mit den Mameluken beobachtet, dass seine Kavallerie die glänzendsten Einzelreiter der Mameluken, die jedem französischen Einzelreiter haushoch überlegen waren, durch Kollektivität in disziplinierter Form unterlegen machte. Gesamtkraft erzeugt eine zusätzliche, neue Kraftpotenz, was Marx im Kapital am Beispiel der Kooperation bewies. Friedrich Engels machte die Arbeiterklasse im Anti-Dühring darauf aufmerksam, dass Einzeldenker ohne Ausnahme mehr Patzer als wissenschaftlich Wertvolles zu Tage zu bringen.  Die Weltgeschichte und ihre Revolutionen sind ein Komplex von Prozessen und in einer tiefgehenden Revolution verdichten diese sich ineinander noch mehr. Neben dem Zusammenlegen der Puzzlesteine der Fakten ist der Historiker ein Entwirrer sich überlappender Stränge im klassischen analytischen Sinn, (er fügt zusammen und) er legt auseinander. In der Wiedergabe geschichtlicher Prozesse liegt somit ein Moment der Ideologie, denn sie lassen sich nicht ‚eins zu eins‘ abbilden, da das Abbilden selbst ein Prozess, mithin historisch ist.
Der marxistische Erkenntnisgewinn gegenüber den bürgerlichen Ökonomen bestand darin, dort ein Verhältnis von Menschen zu sehen, wo jene ein Verhältnis von Dingen sahen (Austausch von Ware gegen Ware).  Das Abbilden der Geschichte kann nur selbst geschichtlich sein, so dass sich ‚eins in zwei‘ geteilt hat. So ist die Geschichte Objekt und Subjekt in einem und zur Praxis des marxistischen Historikers gehört es, selbst Subjekt der Geschichte zu werden. In seinem Hauptwerk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ schrieb der Philosoph Helmuth Plessner 1928, dass der Geist in einer „Wir-Sphäre“ angesiedelt sei. Geist habe der Mensch nicht in der Weise, wie er einen eigenen Körper habe. Kann ein in den Gesellschaftswissenschaften wirkender Mensch einen Gedanken als seinen ureigensten behaupten ? Um zu ganz großen und tiefen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Kollektiv zu gelangen, muss die bürgerliche Gesellschaft überwunden werden, in der sich über den Markt nur eine Pseudokollektivität herstellen läßt. Der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb spiegelt nur den Sachverhalt der ökonomischen Basis des Kapitalismus wider: Die Tatsache, dass die Ware Produkt unabhängig betriebener, in Konkurrenz stehender Privatarbeit ist, spiegelt sich bereits im Schulbetrieb der bürgerlichen Gesellschaft wider, in der junge Menschen nach dem Motto: ‚Jeder für sich, Gott für uns alle‘ deformiert werden zu asozialen Individuen. „Es heißt noch immer: der Mensch denkt und Gott (das heißt die Fremdherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise) lenkt“. 3.
Selbst einem höchstentwickelten Expertenkollektiv kann es nicht gelingen, eine Revolution wirklich erschöpfend darzustellen, zumal die komplexen Prozesse der Oktoberrevolution, deren Originalität  darin besteht, zum ersten Mal eine erfolgreiche Revolution der ungeheuren Mehrheit der großen Masse der Besitz- und Namenlosen über die Minderheit kapitalistischer Ausbeuter und menschewistischer Kriegstreiber gewesen zu sein, mit der Intention, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen für immer zu beenden und diese nicht, wie es außer der Pariser Commune fast immer der Fall war, zu verewigen. „In allen Revolutionen war der Wille der Mehrheit der Arbeiter und Bauern, d.h. ohne Zweifel der Wille der Mehrheit der Bevölkerung, für die Demokratie, und dennoch endete die überwiegende Mehrzahl aller Revolutionen mit einer Niederlage der Demokratie“. 4. Was war zum Beispiel die Folge der niedergeschlagenen bürgerlichen Revolution von 1905 im zaristischen Russland ? Nun, zur Lösung der Bauernprobleme wurde ein ‚Zentralkomitee für landwirtschaftliche Angelegenheiten‘ gegründet – und wieviel Bauern nahmen an diesem offiziellen Komitee teil ? Es waren gerade mal zwei Prozent. So verhöhnen reiche Ausbeuter unterkonsumierende Ausgebeutete. 
Selbst der Cambridgeprofessors Edward Hallett Carr muss eingestehen, dass die Oktoberrevolution der Ausgangspunkt tiefgreifenderer und nachhaltigerer Auswirkungen in der ganzen Welt war als irgendein anderes Ereignis der neueren Zeit. 5. Eine Revolution kann sich nicht halten, wenn die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nicht ihre aktuelle Notwendigkeit erkannt hat. Diese zeitlose Wahrheit hatte Lenin in die Köpfe der Bolschewiki eingehämmert. Carr, dem man nicht gerade Sympathien für den Leninismus nachsagen kann, verortet also die Oktoberrevolution zum Epizentrum der neueren Geschichte, was auch insofern stimmig ist, als der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht gleich das Ende der weltgeschichtlichen Wirkung des Leninismus bedeutete und bedeutet, im Gegenteil, Volksfeinde schütten Kübel voller Verleumdungen über Lenins Haupt – die ‚einfachen Leute‘ stehen auch heute „trotz alledem“ noch Schlange vor seinem Mausoleum. Warum ? Sie spüren, dass hier ein Licht in der Finsternis des imperialistischen Terrors flackert.
1. Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,80
2. Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,23. Das Epochale an Hegels System war, dass er eine Aufgabe falsch löste, die er richtig gestellt hatte.
3. a.a.O.,295
4. Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,299
5. Vergleiche Edward Hallet Carr, Die Russische Revolution, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 1977,182
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