Liu Xiaobo – Zum Tode eines edlen Menschen

Am 14. Juli 2017, am 228. Jahrestag des Sturms auf die Bastille, flossen in den bürgerlichen Massenmedien breite Krokodilstränen. In der fernen chinesichen Stadt Shenyang war am Vortag im Alter von 61 Jahren der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo an einem Krebsleiden gestorben, den die bürgerliche Journaille stets als edlen Menschen hervorgehoben hatte. Schauen wir uns diesen edlen Menschen einmal näher an. Als Maßstab der Beurteilung können wir nur die Frage zulassen, ob sein ganzer Lebenswandel den Idealen der Revolution entsprach oder nicht ? Positiv sieht ihn Angela Merkel, sie würdigte ihn als „mutigen Kämpfer für Bürgerrechte“, die ‚Süddeutsche Zeitung sprach von „Chinas großem Menschenrechtler“.  Ich werde zu einer entgegengesetzten Beurteilung kommen.

Liu wurde am 28. Dezember 1955 als Sohn eines Professors für chinesische Sprache geboren und zeigte schon in der Schule schöne Neigungen zu den schönen Künsten. Er studierte Literaturwissenschaften, auch in den USA, als sich im Frühjahr 1989 in Peking auf dem ‚Platz des Himmlischen Friedens‘ Studentendemonstrationen in Gang setzten.  Liu stieg in den USA ins nächste Flugzeug nach Peking, um nichts zu verpassen. Diese Studentenunruhen sind natürlich nicht vom Himmel gefallen. Nach der Großen Proletarischen Kulturrevolution verfiel die Kommunistische Partei Chinas in schwere revisionistische Fehler, indem sie auf der Linie Tengs korrupten und geldbesessenen Karrieristen den Druck wegnahm, damit diese sich bereichern konnten. Unter diesen mischte Liu als Theoretiker, denen Krümel abgegeben wurden, kräftig mit. Das ging soweit, dass er 2008 mit einigen Spießgesellen (eine Schickeria aus Künstlern, Schriftstellern, Publizisten und Anwälten) eine ‚Charta O8‘ veröffentlichte, in der ein Mehrparteiensystem und Privatisierungen gefordert wurde.

Das war natürlich ein Angriff auf den Marxismus-Leninismus, konterrevolutionäre Forderungen, denn im bunten Spektrum der Parteien können kapitalistische Parasiten gut gedeihen. Hierzulande kommt man sich mächtig fortschrittlich vor, wenn man die Parole ‚Bunt statt braun‘ auftsellt, man übersieht aber all zu leicht, dass kapitalistische Parasiten heute so geschickt sind, außer rot jede beliebige Farbe anzunehmen, auch eine LINKS-rosarote, um die rote besser bekämpfen zu können. Beim Lesen der Charta O8, die sich stark an die tschechische ‚Charta 77‘ unter Federführung von Václav Havel anlehnte, atmet man Modergeruch, denn die ‚belebende Seele der Dialektik von Revolution und Konterrevolution‘ ist in ihr nicht vorhanden. Liu nannte Havel seinen „spirituellen Vater“, über Mao aber sagte er, dieser sei  ein Teufel in Menschengestalt  – eine Ehre übrigens, denn schon der Bauernfeind Martin Luther, der im deutschen Bauernkrieg zum Massenmord am deutschen Volk aufgerufen hatte,  nannte Thomas Müntzer den „Teufel von Allstedt“.  Es passt zu dem Nietzscheaner Liu auch die folgende Äußerung über Mao: Keiner habe die Chinesen so verstanden, wie Mao, „daher sei zuvor niemand in der Lage gewesen, das Volk so zu verdummen wie er“ (Jens Christoph Damm, Liu Xiaobo Ein moderner Ikonoklast in der Tradition des vierten Mai, Magisterarbeit im Fachbereich Sinologie, Universität Trier, Seite 23, siehe: google: damm ikonoklast liu xiaobo. (Ein Ikonoklast zerstört die Bilder der eigenen Religion). Auch Rosa Luxemburg begriff zu Beginn der russischen Oktoberrevolution die Dialektik von Revolution und Konterrevolution nicht sofort und forderte (wie die Chartisten von 2008) gegen die Leninisten eine Presse- und Versammlungsfreiheit für Russland. Später korrigierte sie diese Fehler und setzte durch, dass der im Frauengefängnis Breslau geschriebene Text mit starken anti-bolschewistischen Untertönen zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde.

Liu wurde wegen der Charta zu elf Jahren Haft verurteilt. In einer für seinen Gerichtsprozess vorbereiteten Rede hatte er den Satz hineingeschrieben, dass er in einem Land leben möchte, wo alle (!) politischen Ansichten unter der Sonne ausgebreitet werden dürfen. Das kommt davon, wenn man sich der Belletristik zuwendet, ohne dass die Kardinalbücher des Marxismus-Lenismus daneben  liegen und wenn man ohne die Dialektik politisch-historischer Prozesse im Kopf zu haben durch die Gegend geistert. Vor allem aber meinte er die Gedanken Friedrich Nietzsches, den manche Rechte  für einen Philosophen halten. Liu trat vor Gericht als Ökonom des Reformismus auf. „Schritt für Schritt, friedlich, geregelt, kontrollierbar und Interaktion zwischen Von-unten-nach-oben und Von-oben-nach-unten sind für mich die Schlüsselbegriffe für politische Reformen in China, denn auf diese Weise erzielt man mit den geringsten Kosten den größten Effekt“ (Mark Siemons, Der große Einsame, Aus dem intellektuellen Rauhbein wurde ein Kämpfer für ein demokratisches, nichtzynisches China: Zum Tod des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juli 2017, Seite 11). Das ist ein Musterbeispiel für Anti-Dialektik. Der Dialektik ist das Blitzartige immanent, Lenins Aprilthesen waren Gedankenblitze, die der junge Marx Anfang 1844 für den naiven Volksboden Deutschlands vergebens herbeigesehnt hatte.

Ich habe eben aus einem Nachruf der FAZ zitiert, in dem klipp und klar die Sätze zu lesen sind: „Sein Vorbild war Nietzsche, dessen Mut zum Selberleben im Angesicht unausweichlicher Tragödien er seinen Studenten anempfahl. Die üblichen politischen Streitthemen langweilten ihn dagegen. ‚Wer sich auf einen trivialen Kampf einlässt, wird selbst trivial‘, schrieb er 1983“. Eben eben, die schönen Künste, neben denen der Klassenkampf natürlich trivial ist. Und weiter: „Rationalität und Ordnung , Ruhe und Ausgeglichenheit müssen die Regeln unseres Kampfes für Demokratie sein“ (a.a.O.). Hier kommt nun schon einiges zusammen: Ein Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse stellt am Tag der Bastille kritiklos Nietzsche als Vorbild hin ! Ganz offensichtlich spekuliert man hier auf die Unwissenheit der Leser. Nehmen wir zur Kenntnis, wie der grundlegende Theoretiker der bürgerlichen Demokratie den Kampf und Einsatz für sie gestaltet wissen wollte: „In dieser Verfassung muß der Bürger … jeden Tag im Grunde seines Herzens wiederholen, was ein tugendhafter Woiwode im polnischen Landtag gesagt hat: Malo periculosam libertatem quam quietum servitium“. (Ich ziehe eine gefährdete Freiheit einer ruhigen Knechtschaft vor)“ (Jean Jacques Rousseau, Von der Demokratie, in: Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 1968,72). Hier haben wir einen wirklich ‚mutigen Kämpfer für Bürgerrechte‘ vor uns.

Nietzsches Mut zum Selberleben endete kläglich. Als habe Karl Marx Anfang der 40er Jahre diesen Typ vorausgesehen, als er von „Exkrementenphilosophen“ sprach. (Vergleiche Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin,1974,331). Die letzten neun Jahre seines Lebens vermelden die Krankenakten der Psychatrie, dass Nietzsche weder Stuhl noch Urin an sich halten konnte. „Schmiert oft mit Kot“, „Ißt Kot“ (Vergleiche Wilhelm Lange-Eichbaum, Nietzsche als psychiatrisches Problem, Hamburg, 1945,4).  Was für ein edler Mensch. Der Arzt Möbius warnte die Leser Nietzsches: ‚Seid mißtrauisch, denn dieser Mann ist ein Gehirnkranker‘. Wir sehen an dieser Stelle, wo die Bourgeoisie, die 1789 vorgab, durch eine Revolution alle Menschen zu Brüdern zu fügen, gelandet ist. Wie sieht er aus, Nietzsches Kampf für Demokratie ? Der deutsche Philosophieprofessor Karl Löwith bezeichnete Nietzsche als ‚umgekehrten Rousseau‘. (Vergleiche Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1964,281). In der Tat: Hatte Rousseau die Herrschaftssysteme seiner Zeit  kritisiert, da in ihnen die Regierten Tiere und die Regierenden Menschen oder die Regierten Menschen und die Regierenden Götter seien, so kehrt Nietzsche das um, er bejaht diesen von Rousseau verachteten Zustand: Die Demokratie wird die Menschen zu Herdentieren verkleinern, damit die Herrenmenschen erscheinen. Diese Herrenmenschen werden den Herdenmenschen der Demokratie ein Ziel ihres Daseins geben. Mit den Herdentieren entstehen die Führertiere, die ersteren bilden die leicht dressierbare große Masse der Mittelmäßigkeit, die letzteren die Ausnahmen. Die Demokratie erzeugt eine gefügige Masse in der Hand der ‚großen Politik‘. So hätte es Angela Merkel auf dem G-20-Gipfel in Hamburg wohl gern gehabt. Nietzsche forderte, dass die neuen Herren der Erde den ungläubig gewordenen Massen Gott ersetzen sollen. Die Arbeitermassen werden unter der Führung der Herrenmenschen soldatisch diszipliniert und ausführen, was man ihnen befiehlt (Vergleiche a.a.O.,282f.). Wer wirft denn da mit Molotowcocktails ? Endlich, am Jahrestag des Sturms auf die Bastille ist es geschafft, die bürgerliche Revolution ist mit Liu und Nietzsche endlich auch noch abgewürgt. Es gelte, hatte Liu nach seiner Haftentlassung geschrieben, die in der kommunistischen Kultur tief verankerte ‚Obsession mit der Revolution‘ loszuwerden (Vergleiche FAZ, a.a.O.). Allerdings famose ‚mutige Kämpfer für Bürgerrechte‘, die da Merkel, Tillerson, Trump und das norwegische Nobelkomitee ausgesucht haben.

Natürlich ging und geht es den Imperialisten nicht um Liu. Mit der Marionette Liu hatten die Imperialisten versucht, an die von der chinesischen Arbeiterklasse geschaffenen Reichtümer heranzukommen. Das steckt hinter dem mutigen Kampf für Demokratie, den die US-Marionette Merkel der Marionatte Liu attestiert. Marionetten können Marionetten nicht als Marionetten erkennen, in der Politik sind die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8). Liu war eine Edelmarionette, die 2010 ganz bewusst vom Nobelpreiskomittee in Oslo unter Vorsitz des Sozialdemokraten Jagland den Friedensnobelpreis zugedacht bekommen hatte. Es war der erste Nobelpreis  für  einen  Chinesen. Weltweit täuschten damals die sich in den Händen der Kapitalisten befindlichen Massenmedien die Öffentlichkeit: der Friedensengel wurde für 1,3 Milliarden Chinesen und für den Rest der Welt als Vorbild für gewaltfreies demokratisches Verhalten dargestellt, die Peitsche Nietzsches war nicht zu sehen. Übersehen wurde auch, dass derjenige, der sich für Demokratie einsetzt, sich auch für Gewalt einsetzt. Denn „Demokratie ist eine Staatsform, einer der Spielarten des Staates“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960,486). Landläufig wird Demokratie so erklärt, dass sich in ihr die Minderheit der Mehrheit zu beugen hätte. „Demokratie ist NICHT (kursiv von Lenin) identisch mit Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Demokratie ist ein die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit anerkennender STAAT (kursiv von Lenin), d.h. eine Organisation zur systematischen GEWALTANWENDUNG (kursiv von Lenin) einer Klasse gegen die andere, eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen“ (a.a.O., 469). Der Friedensnobelpreis wurde also einem Sträfling zugesprochen, der sich für die systematische Gewaltanwendung eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen ausgesprochen hatte. Das Nobelpreiskomittee hat noch nie geprüft, ob es sich um eine Unterdrückerdemokratie der reichen Minderheit gegen die Volksmassen oder um eine Demokratie in Gestalt der Diktatur des Proletariats gegen reiche Volksfeinde handelt, deren Beschneidung ihrer demokratischen Rechte durchaus zulässig ist.


 


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Eine Antwort to “Liu Xiaobo – Zum Tode eines edlen Menschen”

  1. dierostigelaterne Says:

    hallo Baba Jaga
    da habe ich nicht aufgepasst
    VIELEN DANK !!
    habe bereits korrigiert

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