Wie man Marx und Engels nicht interpretieren sollte

„Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen“. (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,391). Proletariat und Philosophie sind aufeinander angewiesen, um sich wechselseitig aufzuheben. War für den jungen Marx Anfang 1844 noch die Philosophie die Schlüsselwissenschaft, so wird das in Kürze für ihn die politische Ökonomie werden, in ihr liegt für ihn die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Verbindung von Gedankenblitz und Naivität kann leicht dazu führen, das deutsche Volk als ein geniales zu deuten, denn dem Genialischen hängt immer auch ein Quäntchen Naivität, ein ‚Michel‘ an. Das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED hatte im Vorwort zur deutschen Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels geschrieben, dass beide in allen Etappen ihres kämpferischen Lebens sich besonders Deutschland und der deutschen Arbeiterbewegung verbunden gefühlt hätten. „Wahrhaft patriotisches Denken und Handeln erfüllte das Leben dieser größten deutschen Wissenschaftler und Revolutionäre. (Vergleiche Vorwort zur deutschen Ausgabe vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,XV). Man beachte, dass das 1957 geschrieben worden ist, zwölf Jahre, nachdem das deutsche Spießbürgertum Deutschland über alles, über alles auf der Welt gestellt hatte und ein Jahr nach dem XX. Parteitag. Das im Vorwort Stehende ist sachlich falsch. Abgesehen davon, dass es niemals im Interesse einer internationalen Emanzipationsbewegung stehen kann, ein Land, ein Volk besonders hervorzuheben,  Engels betont dies in seiner Einleitung zum ‚Deutschen Bauernkrieg‘, so waren für den jungen Marx Anfang 1844 die Deutschen, und zwar alle, nicht nur bestimmte Klassen, noch keine Menschen. Das ist aber kein wahrhaft patriotisches Denken. Marx und Engels gossen ihren proletarischen Klassenhass gleich tonnenweise auf das deutsche Spießbürgertum und man braucht seine Nase nicht wirklich tief in die Werke von Marx und Engels gesteckt zu haben, um zu bemerken, dass sie drei sogenannte historische Persönlichkeiten des deutschen Volkes besonders hassten: Luther, Friedrich der sogenannte Große und Bismarck. Alle drei wurden aber in der DDR nach und nach aufgewertet, und eines Tages  prangte das Reiterstandbild von Friedrich wieder vor der Humboldt-Universität. Besser hätten es die ‚deutschen wahren Sozialisten‘ auch nicht machen können. Die Frage ist berechtigt, worin in diesem Akt die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Kommunismus bestehen sollte ? Bei Büchner war es Ausdruck eines Geschichtsfatalismus, dass sein Revolutionsdrama ‚Dantons Tod‘ mit dem Ausruf endete: ‚Es lebe der König !‘ Friedrich kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz: Als Volksfeind ! „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageront“: (Ich glaube, ich werde euer Spiel spielen, bekomme ich die Asse, so teilen wir) – das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog“. (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,418f.) Selbst wenn man sich mit der sehr fragwürdigen Auffassung von Alexis de Tocqueville anfreundet, dass Friedrich als Vorläufer der französischen Revolution zu betrachten sei, ja bereits als deren „Agent“, so bleibt die Frage,  ob das bereits hinreichend ist, ihn in einer Hauptstadt einer Arbeiter- und Bauernrepublik zu huldigen. (Vergleiche Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1969,15). 

Im gleichen Vorwort wird der Gedanke vorgetragen, dass der Marxismus-Leninismus die tiefste Sehnsucht des deutschen Volkes „nach einem glücklichen Leben in einem einheitlichen, friedliebenden und demokratischen Deutschland, in dem die Werktätigen die Macht in den Händen halten“ (a.a.O.,XVIII), verkörpert. Wenn die Werktätigen die Macht in Händen halten, dann beginnt aber nach Engels die Demokratie einzuschlafen und nach Lenin abzusterben, was letztendlich auf das Gleiche hinauskommt. Dass der Kerngehalt der sozialistischen Demokratie ihre Selbstaufhebung beinhaltet, daran scheiterten die Revisionisten und Opportunisten, Lenin gibt uns in seinem ‚Staat und Revolution‘ eine Reihe von Beispielen. Dort kann man auch nachlesen, dass Demokratie und Staat noch immer aufeinander verweisen, folglich  hatten der Opportunismus und Revisionismus auch gegenüber dem Anarchismus, der in der Frage des Zieles mit dem Marxismus übereinstimmt, eine schiefe Position bezogen. „Man könnte wetten, daß von 10 000 Menschen, die vom „Absterben des Staates“ gelesen oder gehört haben, 9 990 überhaupt nicht wissen, oder sich nicht entsinnen, daß Engels seine Schlußfolgerungen aus diesem Satz nicht nur gegen die Anarchisten richtete. Und von den übrigen zehn Menschen  wissen neun sicherlich nicht, was der ‚freie Volksstaat‘ ist und warum in dem Angriff auf diese Losung ein Angriff auf die Opportunisten steckt. So wird Geschichte geschrieben ! So wird die große revolutionäre Lehre unmerklich dem herrschenden Spießbürgertum angepaßt“. Als Chrutschow 1956 den Marxismus-Leninismus mit den Losungen vom ‚freien Volksstaat‘ und  von der ‚Partei des ganzen Volkes‘ förmlich entmannte, wäre es da nicht Pflicht der Marxisten-Leninsten in der SED gewesen, diese Losungen anzugreifen ?

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: