Archive for August 2017

Trotzki und die Oktoberrevolution

31. August 2017

 

Gern stellen die Trotzkisten die Sache so dar, als habe nur Trotzki mit seiner Theorie der permanenten Revolution die Februarrevolution über ihren bürgerlichen Horizont hinausgedacht und nur Lenin hätte von den Bolschewiki die Richtigkeit der Einsichten Trotzkis erkannt und diese übernommen. Nicht nur die Schriften Lenins widerlegen diese Geschichtsfälschung. Als Lenin seine berühmten Aprilthesen verkündete, die den kleinbürgerlich beschränkten Horizont der Februarrevolution aufsprengten, saß Trotzki in einem Internierungslager in Hallifax fest. Er kam erst Anfang Mai nach Russland, am zweiten Tag des Eintritts der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre in die Koalitionsregierung.

Um sich als Mann der Stunde zu präsentieren, tritt Trotzki mit der Mär von den zwei Etappen der Oktoberrevolution auf. Entscheidend sei die erste in der ersten Oktoberhälfte gewesen, als Lenin wegen politischer Verfolgung noch abwesend war: Die Weigerung der Petrograder Garnison, sich von Kerenski zu zwei Dritteln an die Front verlegen zu lassen. Mit dieser Weigerung sei man de facto in den bewaffneten Aufstand eingetreten – eine sehr gewagte Behauptung.  Lenin habe diesen Umstand nicht in seiner ganzen Bedeutung erkannt, habe nicht erkannt, dass der berühmte Aufstand vom 25. Oktober bereits durch diesen Umstand zu drei Viertel, wenn nicht mehr, entschieden war (Vergleiche Leo Trotzki, 1917 – Die Lehren des Oktobers, in: Leo Trotzki, Revolution in Russland, manifest marxistische schriften, Berlin, 2017,139).  Trotzkis Mär von den zwei Etappen der Oktoberrevolution könnte auch nur auf Petrograd zutreffen, in Moskau gab es ja keinen Befehl an die Garnison, die Stadt zu verlassen.

Was aber hier neben der dreisten Behauptung Trotzkis, das Entscheidende der Oktoberrevolution habe sich in Abwesenheit von Lenin vollzogen, zum Ausdruck kommt, ist wiederum eine mechanische Denkweise Trotzkis. Dass ein großer Teil einer Garnison in einer Hauptstadt verbleibt ist zwar gewichtig, hat aber als Einzelpunkt nicht die dezisionistische Allgewalt, die allein in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution liegt, ein komplexer Prozess, der im entscheidenden Umschlagsblitz mehr intuitiv denn mathematisch den Ausschlag gibt. In ihm, im Blitz, liegt das, was man das „Genie der Revolution“ nennt.   Allein die Tatsache der Abzugsverweigerung, Trotzki spricht vom ‚Garnisonsexperiment‘, machte nicht zwei Drittel der Garnison automatisch bolschewistisch oder zur Anhängerschaft eines bewaffneten Aufstandes.

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Schriften Lenins zum bewaffneten Aufstand im Jahr 1917, und nicht nur in diesem, die Befürchtung, dass die mit ihm Befassten das mathematische Räsonnement favorisieren und einknicken, denn die numerische Lage neigte sich recht eindeutig zur Konterrevolution. Die noch immer in der weiten Provinz unter der ideologischen Fuchtel der Sozialrevolutionäre stehenden Millionenmassen von Kleinbauern standen der Kommune ablehnend oder neutral gegenüber. Die Oktoberrevolution war zunächst eine Revolution in den Industriemetropolen Petrograd und Moskau, in denen die Sowjets im Oktober 1917 mehrheitlich bolschewistisch ausgerichtet waren. Das russische Dorf zog erst nach einem Jahr nach. Ohne diese urbanen Mehrheitsverhältnisse wäre ein bewaffneter Aufstand ein zum Scheitern verurteiltes Abenteuer gewesen. Für Lenin waren diese sowjetischen Mehrheitsverhältnisse ausschlaggebend und nicht irgendwelche Stimmungen in  der Petrograder Garnison.

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ZUM ENDE DES PARLAMENTARISMUS IN RUSSLAND

30. August 2017

Es erwies sich, dass nach der Revolution vom 27. Februar 1917 in Abwesenheit von Lenin das erste Dekret der Kommune von Paris nicht verkündet worden war: die Unterdrückung des Heeres- und Beamtenapparates und seine Ersetzung durch die allgemeine Volksbewaffnung, obwohl diese Forderung in den Programmen der linken Parteien standen, und alle täuschten die Massen mit der Propaganda, dass das allgemeine Stimmrecht im heutigen Staat den Willen der Mehrheit zum Ausdruck bringen könne. Die aus der Pariser Kommune stammende Forderung, das stehende Heer zu unterdrücken  und es durch das bewaffnete Volk zu ersetzen, stand zwar in den Programmen der Parteien, die sich als sozialistisch ausgaben … aber alle kleinbürgerlichen Demokraten hatten sich als unfähig erwiesen, in einer revolutionären Situation den Staatsfetisch abzulegen.  So steuerten sie ihr klappriges Februarschiff in den Orkan des Oktober. Der Sinn der Oktoberrevolution in der Staatsfrage war, den bürgerlichen Staat durch eine Macht aufzuheben, die sich unmittelbar auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützt und die die Bedingungen schafft, damit der proletarische sofort abzusterben beginnt. Engels sprach bewusst vom Einschlafen des Staates und der Demokratie, Kautsky hingegen entstellte den Marxismus direkt, indem er zunächst die marxistische Auffassung, der bürgerliche Staat sei ein parasitärer Organismus, zur Sichtweise nur der Anarchisten verdrehte und sodann in seiner im August 1918 erschienenen Broschüre „Die Diktatur des Proletariats“ diese direkt ablehnte. Wäre die Arbeiterklasse in Russland Kautsky gefolgt, so wäre sie im Sumpf der Duma, im Sumpf des Parlamentarismus gelandet und damit im Wechselspiel von bestimmender bürgerlicher Regierung und einer ohnmächtigen ‚linken‘ Opposition, die waffenlos das Recht der Regierungskritik gehabt  hätte, deren politische Bedeutung noch unterhalb der der Räte der Zwischenperiode gewesen wäre. Kautsky begriff in seiner „mitleiderheischenden Altersschwäche“ (Clara Zetkin) nicht den Doppelcharakter der proletarischen Diktatur, demokratisch für die große Mehrheit der Proletarier und Besitzlosen und diktatorisch gegen die Bourgeoisie zu sein. Die Oktoberrevolution war die zweite große Mehrheitsrevolution nach der Pariser Kommune in der Menschheitsgeschichte und deshalb und als Projekt der Organisation der Produktion durch die Arbeiter selbst brauchte sie wie die Kommune schon keinen Staat im eigentlichen Sinne mehr.  Lenins Konzept der Volksmiliz sieht die Bewaffnung aller armen und ausgebeuteten Schichten vor, damit sie so selbst die Staatsmacht bilden. Die Sprengung der Duma durch revolutionäre Truppen, die auf Anweisung Lenins agierten,  ergab sich zwangsläufig, denn ein Parlament ist die Krönung einer bürgerlichen Revolution, nicht einer proletarischen. Genosse Uritzki, der am 30. August 1918 von dem jüdischen Kadetten Leonid Kannegiesser erschossen wurde, sagte in einem Referat am 12. Dezember 1917: „Einige Genossen glauben aber, daß wir eine bürgerliche Revolution machen, deren Endziel die konstituierende Versammlung sein soll“. 1. In einem Artikel aus dem Jahre 1923: „Lieber weniger, aber besser“, der der Verbesserung der Arbeiter- und Bauerninspektion gewidmet ist, schreibt Lenin von der Möglichkeit einer eigenartigen Verschmelzung von Partei- und Sowjetinstitutionen. Aber aus der Sonderstellung des Proletariats, einer „besonderen Klasse“ im Produktionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, die der Sonderstellung der Kapitalisten, dieser modernen Sklavenhalter korrespondiert, ergab sich zwingend, dass dessen politische Kampfpartei auch eine einnimmt. Am Ende hatte die Partei immer Recht. Es ist sehr fragwürdig, ob das marxistisch ist, es steht aber außer Frage, dass man im Ozean der Revolution zunächst das Schiff der Partei sichern musste. Diese ist nach Stalin eine Art Schwertträgerorden, dessen Mitglieder nach ihm „aus besonderem Material geformt“ sind und die alle Formen des Krieges zu meistern haben. 2. Über die Auflösung des Parlaments machten und machen bürgerliche Ideologen viel Krakeel, dabei hatte die Partei der Bourgeoisie, die Kadetten (kadety), in den Wahlen weniger als 2,5 Prozent erhalten. 

Wir, die wir unter dem Joch des Kapitals aufgewachsen sind und heute darunter leben und leiden, sind viel zu sehr befangen in Denkkategorien mit schwerer Vergangenheitslast und in alltäglichen Vorurteilen. Unser Denken kann nicht vollständig frei und vollständig revolutionär sein. Deshalb spricht Engels von einer zukünftigen, unter dem Sozialismus aufgewachsenen Generation, die dereinst erst in der Lage sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzuwerfen. Dazu müssten freiere Gesellschaftszustände gekommen sein, man kann den Staatsplunder, der zugleich auch Demokratieplunder ist, nicht im Sinne der Anarchisten von heute auf morgen einfach wegwerfen. Der Sozialismus wächst in den Kommunismus hinüber, nachdem und wie schon die bürgerliche Revolution in die sozialistische hinübergewachsen ist.  Gern stellen die Trotzkisten die Sache so dar, als habe nur Trotzki mit seiner Theorie der permanenten Revolution die Februarrevolution über ihren bürgerlichen Horizont hinausgedacht und nur Lenin hätte von den Bolschewiki die Richtigkeit der Einsichten Trotzkis erkannt und diese übernommen. Die Schriften Lenins widerlegen diese Geschichtsfälschung. Und solange ein Staatsplunder noch existiert, ist die Klage Rosa Luxemburgs nachvollziehbar, dass es in jedem sibirischen Dorf humaner zugehe als unter deutschen Sozialdemokraten, die in der Regel aus Geldgier von einem Staatsfetisch regelrecht verblendet sind. Nur naive Menschen leben konfliktfrei im Gegebenen und können sich nicht vorstellen, dass Menschen ohne Staat zusammenleben können.

Wer an sich arbeitet, wer sich entwickelt, wer in seinem Denken eine Ebene erreicht hat, von der aus die gesellschaftlichen Klassenverhältnisse in ihren objektiven Zusammenhängen erfasst werden können, der bricht heraus aus den vom Kapital vorgegebenen engen Lebensstrukturen, aus dem Ekel vor dem Alltag, der muss auf eine befreiende Explosion gegen die Mächte der Vergangenheit und Finsternis, die unseren Horizont einschnüren, hinarbeiten, kurz: er steht vor der Alternative: Revolutionär zu werden oder weiterhin auf dem Friedhof des Kapitals dahinzuvegetieren bis ins Grab, das für die Armen früher kommt als man denkt. Reiche leben laut Statistik länger. Das Kapital, das keinen Tag, keine Stunde, keine Minute zurückgibt, das Kapital und sein Staat brauchen in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht unreife Menschen. So haben zum Beispiel die Pariser Kommune, die russische demokratische Revolution von 1905 mit ihrer Herausbildung der Räte, besonders die proletarischen Revolutionen im 20. Jahrhundert den Beweis erbracht, dass Demokratie und Parlamentarismus sich ausschließen. Der Parlamentarismus basiert auf einem Gedankengut der bürgerlichen Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert, das vornehmlich zuerst in vornehmen Kreisen Englands und dann in Frankreich durch Montesquieu und der Gironde gepflegt wurde. Der Parlamentarismus gehört heute zu den Mächten der Finsternis und der Vergangenheit, die unser Gehirn vernebeln. Man frage heute 10. 000 Menschen, was Engels unter dem „Absterben der Demokratie“ verstand und wie er dieses Absterben mit dem „Absterben des Staates“ verband … und 9. 999 beginnen … zu stottern, wenn überhaupt etwas über ihre Lippen kommt. Das Privateigentum hat uns so einseitig und dumm gemacht. Heute gibt die Befangenheit im parlamentarischen Denken ein Beispiel ab, wie Aufklärung bei Höherentwicklung der Produktivkräfte in Finsternis umschlagen kann.

Historisch hat die Pariser Kommune diesen Umschlag bewirkt, sie war nicht nur in der Staatsfrage der Leuchtturm in den Wogen der Oktoberrevolution, die das prostitutive Treiben der Duma beendete. Denn die Pariser Proletarierinnen  und Proletarier hatten die Alternative aufgetan: Diktatur der Bourgeoisie oder Diktatur des Proletariats ? Wer besiegt wen ? Besiegen kann das Proletariat die Bourgeoisie auch ohne Diktatur, diese ist aber notwendig, so Stalin, um deren Widerstand zu brechen. Die Bourgeoisie bleibt auch nach dem Sieg des Proletariats mächtiger. In der gesamten Epoche nach dem Sieg des Proletariats, Marx sprach von 15, 20, 50 Jahren Bürgerkrieg, sind zeitweilige Niederlagen des Proletariats nicht ausgeschlossen. 3. Auch die Oktoberrevolution war gegen eine Niederlage nicht gefeit, aber selbst im Falle einer Niederlage wären ihre Erfahrungen kommenden Revolutionen lehrreich. Hatte sich mit dem Aufkommen des Kapitalismus der moderne Staat in seinem eigentlichen Sinne herausgeputzt, so hatte die Kommune den Beweis erbracht, dass ein Zusammenleben befreiter Arbeiterinnen  und Arbeiter möglich ist mit objektiv gesellschaftlichen Strukturen, von denen man behaupten kann, dass sie schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr sind.  Der „Staat“ der Pariser Kommune war ein ‚Übergangsstaat‘ zum Kommunismus hin. Im Zahn der bürgerlichen Zeit war die Kommune der erste Stich des Schmerzes, der ankündigte, dass der Zahn von Fäulnis befallen ist und der zweite Weltkrieg gegen die Sowjetunion war die heftige Reaktion auf die zunehmenden Schmerzen, die von der  Oktoberrevolution bewirkt wurden. Können sich Kleinbürger ein Leben ohne Staat gar nicht vorstellen, so bildet für die Kapitalisten, für die modernen Sklavenhalter diese Vorstellung verständlicherweise ein Horrorszenario, denn eine Kommune beginnt mit der einfachen Organisation der bewaffneten Massen, sie ist ein Staat, den die bewaffneten Arbeiter als Keim einer neuen Armee bilden, die dazu übergehen, das gesamte Volk zur Beteiligung an der Miliz heranzuziehen…“  4., Volk und Miliz in eins zu setzen. In Kanawino, Gouvernement Nishi-Nowgorod, hatte sich in fast allen Bertrieben eine von der Betriebsleitung bezahlte Arbeitermiliz gebildet, Lenin maß dieser gigantische Bedeutung bei. Den „richtigen Weg betreten die Arbeitermassen selber. Das Beispiel der Nishni-Nowgoroder Arbeiter muß zum Vorbild für ganz Rußland werden“. 5.. Ist aber das gesamte Volk, also auch die Frauen, bewaffnet und ist es als bewaffnetes Volk selbst die Regierung, dann ist darunter kein Platz für die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten mehr möglich. Und deshalb ist der Staat der Kommune schon kein Staat im eigentlichen Sinne. Die höchste Reife, die in der Natur und in der Geschichte erreicht wird, ist diejenige, in der der Untergang beginnt. Und das gilt auch für die Demokratie, die erst als Kommune ihre höchste historische Stufe erreicht hat. „Je vollständiger die Demokratie, umso näher der Zeitpunkt, zu dem sie überflüssig wird. Je demokratischer der „Staat“, der aus bewaffneten Arbeitern besteht und „schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ ist, umso rascher beginnt jeder Staat abzusterben“. 6. Die Lehre aus der Pariser Kommune bestätigte, was Marx und Engels fast vierzig Jahre, von 1852 bis 1891, ‚predigten‘, dass in einer Revolution der Arbeiter und Arbeiterinnen der bürgerliche Staatsapparat zerschlagen werden und dass man ihn durch einen neuen ersetzen muss, ein zweiter Schritt, den die Anarchisten nicht mitvollzogen, im „Ersetzen“ sahen sie den Kardinalfehler der marxistischen Sozialisten. Und gerade vor dem „Zerschlagen“ wichen sowohl Kautsky als auch Bernstein, der vor einem ‚doktrinären Demokratismus‘ warnte, aus, nicht aber Proudhon und Bakunin.  Engels hatte mit seiner Aussage Recht, dass die deutschen Sozialisten abergläubisch den Staat als Staat verehren, hatte Recht mit seiner Aussage, dass die deutsche Philosophie dazu mitgewirkt hatte. Aber die Notwendigkeit der Zerschlagung der Staatsmaschine war gerade die große Lehre aus der Kommune: Proletariat und Bourgeoisie waren in ihr direkt entgegengesetzt: bürgerliche Revolutionen geben die Staatsmaschine von einer Hand in die andere weiter, proletarische Revolution zerbrechen die Staatsmaschine, die durch tausend Fäden mit der Bourgeoisie verbunden ist, und ersetzen sie durch eine neue. Sie ist destruktiv und konstruktiv in einem, sie kommandiert und regiert mit einer neuen Maschine, die es aber aufzuheben gilt: „Im Sozialismus werden alle der Reihe nach regieren und sich schnell daran gewöhnen, daß keiner regiert“. 7. Daß keiner regiert ! Nur das kann die Quintessenz der Weltgeschichte sein, so sie Sinn hat. Man begreift in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der Erkenntnis, dass die Geschichte gesetzmäßig ablaufe, obwohl ihre Gesetze und ihre finale Anarchie nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen, ja sich auf den ersten Blick auszuschließen scheinen. Nur die Negation der Negation: Urgesellschaft – Klassengesellschaft – Urgesellschaft auf der höchsten Form macht eine finale Geschichtsbetrachtung zwingend. Man entferne die Dialektik aus dem geschichtlichen Ablauf und er wird anarchisch. Die naiven, Politik ablehnenden Anarchisten verfahren in ihrer Negativität nur eindimensional, man könne den Staat von heute auf morgen abschaffen.  Die Geschichte verläuft aber prozesshaft und gesetzmäßig in ihr Gegenteil hinein: in die Gesetzlosigkeit, im Zusammenleben der Menschen ohne Staat. Die objektive Gesetzmäßigkeit der Geschichte endet in politische, Politik negierende Gesetzlosigkeit. Hier ist nun der Punkt erreicht, sich Lenins politischem Hauptwerk zuzuwenden.

1. Moissei Uritzki, Referat auf der Sitzung des Petrograder Komitees der SDAPR, in: Leo Trotzki, Die Lehren des Oktobers, in: Oktoberrevolution, Oberbaumpresse Berlin, 1967,54. „Mit der Auflösung der konstituierenden Versammlung schließt nicht nur ein großes Kapital der Geschichte Russlands, sondern ein nicht weniger bedeutsamer Abschnitt unserer Parteigeschichte“ (Leo Trotzki, 1917 – Die Lehren des Oktobers, in: Leo Trotzki, Revolution in Russland, manifest. Marxistische Schriften, Berlin, 2017,132). 

2. Vergleiche Josef Stalin, Zur Frage der Strategie und Taktik der russischen Kommunisten, Werke Band 5, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,148. Alle Formen des Krieges meistern ! Bekanntlich vollzog sich der Aufbau des Sozialismus unter dem Feuer der imperialistischen Artillerie. „Stellen Sie sich einen Maurer vor, der mit einer Hand baut und mit der anderen das Haus verteidigt, das er baut“. (Josef Stalin, Drei Jahre proletarische Diktatur, Werke Band 4, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,342f.). Auf Clara Zetkin geht der Satz zurück: „Das russische Proletariat philosophiert mit Schwert und Kelle“ (Clara Zetkin, Im revolutionären Rußland, in: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1989,257).

3. Vergleiche Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,96ff.

4. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,487

5. Lenin, Über die proletarische Miliz, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,170

6. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,489

7. a.a.O., 503

 

Partei und Räte – ein Problem der Oktoberrevolution

28. August 2017

Warum muss die bolschewistische Partei die Räte dominieren, obwohl die Parole vor, während und nach der Oktoberrevolution lautete: ‚Alle Macht den Sowjets‘ ? Alle Macht den Sowjets beinhaltet zweifelsfrei, dass die ganze Regierungsgewalt in den Händen der Räte liegt. Waren also die Kronstädter Anarchisten und Matrosen die wahren Helden der Revolution, die die parteibolschewistisch entartete Revolution auf Ihren Grund zurückführen wollten ?  

Die Räte dürfen nicht zu einem Fetisch gemacht werden. Sowjets ohne Bolschewiki hätte bedeutet, die Oktoberrevolution zu halbieren. Im Russland des Jahres 1917 bestand der politische Fortschritt darin, dass die Räte jederzeit abwählbar waren, legislative und exekutive Gewalt vereinigten und nach Arbeiterlohn bezahlt wurden. Der Wahlkreis der Räte war zudem nicht territorial definiert, wie im bürgerlichen Parlamentarismus, sondern bestimmte sich in und aus der Arbeitswelt: Fabrik, Regiment, Bauernhof (Arbeiter-, Soldaten und Bauernsowjet). Die Eroberung des allgemeinen politischen Wahlrechts gegenüber den feudalen Mächten war einst zweifelsfrei eine progressive Angelegenheit. Heute aber ist die Demokratie gegen den Feudalismus nicht nur in ihrer parlamentarischen Variante zu einer reaktionären Sache verkommen. Die Reaktion ist heute demokratisch, Demokratie ist das große Wort im Munde aller Klassenpolitiker, Demokratie ist die Selbstverständlichkeit unserer Zeit. Aber hat nicht der Volksmund Recht, wenn er ausspricht, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist und den Charakter verdirbt ? Und wenn es das Volk ist, das herrscht, ist das Volk dann nicht schmutzig und hat nicht das Volk dann einen verdorbenen Carakter ? In der Tat haben wir es in der modernen Demokratietheorie mit schmutzigen und vrdorbenen Völkern zu tun. In einer proletarischen Erhebung wird der Versuch unternommen werden, den ganzen perversen politischen Dreck von sich abzuwerfen. Lenin pflegte zu sagen, dass wir in der Frage des Zieles mit den Anarchisten gar nicht auseinandergehen. Die Völker tappen heute politisch weitgehend im Dunkeln, als gäbe es nur in den Naturwissenschaften Gesetze. Die frühere Verdopplung der Welt durch die Metaphysik hat sich als Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften kontinuiert. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution ist auch ein Kampf zwischen einer monistischen und dualistischen Weltanschauung. Die Sklaven der Konterrevolution sind in sich gebrochene Individuen, jenseits der Einheit von Mensch und Natur. Immer verdrängt Ideologie den Menschen als Naturwesen, um sich als ‚Zwei-Welten-Theorie‘ festzusetzen.

Wer kommt schon in der Ekelwelt des Alltäglichen dazu, sich ernsthafte Gedanken zu machen, was es bedeutet, wenn Lenin davon spricht, dass in der Politik die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. 1. Die sowjetische Sphinx gibt den bürgerlichen Politikern Rätsel auf. Grundsätzlich sind die Sowjets Keimformen des Absterbens jedes Staates, sie sind nicht nur die höchste Form des Demokratismus, sondern auch der Anfang der sozialistischen Form des Demokratismus. 2. Die Räte sind die „zweckmäßigste Organisationsform für den Kampf der Arbeiterklasse um die Macht“, sind „Totengräber der bürgerlichen Staatsmaschine“, in ihnen liegt der Keim dafür, dass die Revolution den Krieg besiegen kann. 3.   Für Stalin war der Sowjet ein „neuer Typus des Staates, der nicht den Aufgaben der Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Massen angepaßt ist, sondern den Aufgaben ihrer völligen Befreiung von jeder Unterdrückung und Ausbeutung“. 4. Natürlich ist der Wähler seinem Gewählten in der Rätedemokratie näher als in der parlamentarischen Republik. Der Gewählte kann in jedem Augenblick gemaßregelt, auch abgewählt werden. Der Parlamentarismus hat nicht die für die Demokratie notwendige Formierung der Massen zur Voraussetzung, er geht von lockeren Massen aus, wobei er nicht zugeben kann, dass diese in Klassen aufgeteilt sind und hinterläßt am Ende ein vom imperialistischen Krieg verwüstetes Land.  Es hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts auf der anderen Seite herausgestellt, dass die Existenz der Sowjetunion mehr an die Kaderpartei gebunden war als an die Institution, die ihr den Namen gab. Der Theorie nach sollten die Arbeiterräte alle Macht im Staate haben. Als im roten Oktober die revolutionäre Sache auf Messers Schneide stand, fand Stalin am 15. Oktober 1917 in der ‚ Rabotschi Putj‘ die Worte: „Ist es nicht klar, daß die Sowjets und nur die Sowjets berufen sind, die Revolution vor der nahenden Konterrevolution zu retten ?“ 5. Nur die Sowjets !! Der Sieg im bewaffneten Oktoberaufstand war zugleich der Höhepunkt der Sowjetbewegung, denn der Petrograder Sowjet, der Leuchtturm für alle anderen Sowjets in Russland, erhielt ja tatsächlich die Staatsgewalt durch den Aufstand, allerdings nicht aus den Händen einer kommunistischen Partei, sondern aus den Händen des aus Bolschewisten gebildeten ‚Revolutionären Militärkomitees‘. So war der konkrete historische Ablauf.

Es ist an dieser Stelle angebracht, zur Thematik des Verhältnisses von Partei und Rat Grundsätzliches herauszuheben: Dass die Sowjets Keimformen des Absterbens jedes Staates sind, das war bewußtseinsmäßig nicht intern in den Sowjets. Die Sowjets waren Ausdruck eines an sich seienden Marxismus, der noch nicht ein Marxismus für sich geworden war und seit der Februarrevolution auch nicht werden konnte. Sie konnten daher das Volk nicht auf die lichten Höhen des Kommunismus führen. Wie die Gewerkschaften nur ein trade-unionistischen Bewußtsein haben konnten, so die theoriedefizitären Räte nur ein demokratisches. Die große Mehrheit der Sowjetmitglieder konnte sich unter der Aussage von Engels, dass die Demokratie im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus einschläft, nichts vorstellen. Vor der kommunistischen Partei als oberste Erziehungsinstanz der Volksmassen sterben auf einer hohen Entwicklungsstufe der Revolution zunächst die Räte ab. Auch die Partei ist dann im weiteren eine sich selbst aufhebende. Dass sowohl die Partei als auch der Rat den Todeskeim in sich tragen, das ist etwas Gemeinschaftliches zwischen beiden.   Gorki verstand nach einer Feststellung von Lenin wenig von Politik, er nahm die Räte gegen die Partei Lenins in Schutz. Die Räte herrschten für Gorki nur auf dem Papier. Der amerikanische Journalist Louis Fischer, der neben einer Biografie über Lenin auch eine über Gandhi verfasst hat, schrieb kurz und lapidar: „Die Sowjets wurden zu Werkzeugen der Kommunistischen Partei“. 7. Festzuhalten ist, dass die Sowjets nach der Oktoberrevolution qualitativ andere waren als nach der Februarrevolution. So klingt es gut in den Ohren des offiziellen Marxismus. Oder ist nicht vielmehr festzuhalten, dass sich die Sowjets vorher und nachher als Fetischdiener erwiesen hatten ? In der Periode zwischen den Revolutionen ist das ganz deutlich zu sehen. Obwohl die Kadetten bei Wahlen durchgefallen waren, hatten die kleinbürgerlichen Sowjets nichts Eiligeres zu tun als diese wieder aufzuwerten, ihnen gleich nach den Wahlen, nach einem Wort Trotzkis, einen „Ehrenplatz“ in der Koalitionsregierung anzubieten.

Die Frage des Verhältnisses von Kaderpartei und Sowjetmacht hängt eng mit der Frage der Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. Die Missachtung dieser Sonderstellung führt zu Missverständnissen während der Beleuchtung des Verhältnisses zwischen proletarischer Partei und proletarischem Rat. Eine in der politischen Praxis beschränkte, ideologisch überhöhte bürgerliche Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), in der das Kapital aus allen Poren bluttriefend zur Welt gekommen war, wurde vollzogen im Licht eines in der ‚Enzyklopädie‘ Diderots angeblich vorliegenden Weltwissens (siehe auch Hegels absolutes Weltgeistwissen) und im Namen des ganzen Volkes; eine totale kommunistische kam ohne eine solche Erkenntnis und ohne ein solches Wissen aus und vollzog sich im Namen einer besonderen Klasse, die wie die kapitalistische eine Sonderstellung in der modernen Gesellschaft einnimmt.  Die Sonderstellung der Kapitalisten und die Sonderstellung der Proletarier in der bürgerlichen Gesellschaft sind antagonistisch entgegengesetzte Stellungen. Nimmt man die Parole der französischen Revolution „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ an, nimmt man sie plakativ, so hätte es auf den ersten Blick einer Arbeiterrevolution, also einer Oktoberrevolution nicht mehr bedurft. Aber die Bürgerlichen legten diese Parole primär politisch-juristisch aus, nicht primär sozial. Der bürgerliche Vernunftstaat endete in der Anarchie der Produktion und vor allem in der Lohnsklaverei, aus der die Sozialisten einen Ausweg suchten und auch fanden:  Die Sonderstellung des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft ist eine gedoppelte: Im kapitalistischen Produktionsprozess ist es eine geknechtete Klasse, in dem der Verlust des Menschen durch Entwertung seiner Arbeit stattfindet. Nur der Speer, der die Wunde schlug, kann sie auch wieder heilen. Zugleich führt dieser völlige Verlust des Menschen zu seiner Umkehr durch diesen Produktionsprozess selbst: die ökonomische Rolle des Proletariats in der Großproduktion ergibt die zu einer erfolgreichen Revolution notwendige Disposition: das Proletariat wird unter kapitalistischen Produktionsbedingungen nicht wie die anderen Klassen zersplittert, sondern vereint, konzentriert, zu intensiver Schlagkraft geformt. „Die Herrschaft der Bourgeoisie stürzen kann nur das Proletariat als besondere Klasse, deren wirtschaftliche Existenzbedingungen es darauf vorbereiten, ihm die Möglichkeit und die Kraft geben, diesen Sturz zu vollbringen. Während die Bourgeoisie die Bauernschaft und alle kleinbürgerlichen Schichten zersplittert und zerstäubt, schließt sie das Proletariat zusammen, einigt und organisiert es. Nur das Proletariat ist – kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion – fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, … die zu einem selbständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind“. 8. Eine soziale Revolution, noch notwendig, die letzte der Weltgeschichte, schleudert, wie es Marx formulierte „die politische Hülle fort“. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und es galt, die Gesellschaft von den Klassenkämpfen zu befreien durch Abschaffung der Klassen selbst. Man kann das Wesen des Marxismus und das Wesen des Leninismus nicht erfassen, wenn man nicht die ausgesprochene Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt. Lenin hat diese schon sehr früh erkannt, im Alter von 27 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert hatte er eine kleine Schrift verfasst, die mit Bedacht gelesen sein will und die zwei charakteristische Elemente des Leninismus enthält, sie trägt bezeichnenderweise den Titel: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie“. In Weiterführung der Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ 9.  haben und dass nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse ist, dass alle übrigen Klassen mit der großen Industrie verkommen und untergehen 10., pocht er vehement auf die proletarische Sonderrolle 11., zugleich betont er vehement die Hauptwaffe des Proletariats, seine Organisation. 12. Man kann es als einen Merksatz aufstellen: Für den Leninismus liegt die Befreiung in der Organisation, die wiederum Disziplin voraussetzt. Organisation ! Organisation ! Organisation ! „Die Kraft der Arbeiterklasse ist die Organisation. Ohne Organisation der Massen ist das Proletariat nichts. Organisiert ist es alles“. 13. Schon 1897 zeichnet sich im Denken Lenins, Marx und Engels gedanklich fortsetzend, Sozialismus als Parteidiktatur ab, eine Gesellschaftsformation geleitet und angeleitet von einer Kaderpartei, die gegenüber allen anderen Organistionen des Proletariats einen Sonderstatus einnimmt, denn nur diese Partei hat auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung inne. Die Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft bedingt den Sonderstatus der kommunistischen Partei in der sozialistischen. Diese Sonderrolle der Arbeiterklasse hatte der junge Marx 1843/44 in seiner kritischen Auseinandersetzung mit Hegels Staatskonzept in dessen Rechtsphilosophie zuerst prägnant auf den Begriff gebracht. Das Proletariat ist eine Klasse, die „kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird …“. 14. Schon allein in der Existenz des Proletariats liege die Auflösung der inhumanen bürgerlichen Gesellschaft. Das staatlich fixierte „Unrecht schlechthin“ muss der totalen Emanzipation zu einem staatsfreien Zusammenleben vorausgehen.

Könnte es denn für einen Kommunisten den leisesten Zweifel geben, wenn es um die Wahl zwischen Parteidiktatur und Rätediktatur ginge ? Besteht nicht die Aufgabe dieser Partei darin, das Streben der Ausgebeuteten nach Befreiung bewusst zum Ausdruck zu bringen. Um dieses Bewusstsein, respektive um den wissenschaftlichen Sozialismus kreist das parteimäßig organisierte Proletariat im ersten Orbit, die Räte im zweiten. Dem trug auch Stalin Rechnung, indem er in seiner Rede zum Tode Lenins als wichtigste Vemächtnisse des gerade Einbalsamierten hervorhob, die Reinheit und die Einheit der Partei zu bewahren. Die Räte werden in dieser Rede nicht einmal erwähnt, sie sind für Stalin wohl nicht wie die Bolschewiki aus besonderem Material geformt.  Alle Versuche, am Sonderstatus der selbstkritischen kommunistischen Partei zu rütteln, wie es die Matrosen 1921 in Kronstadt taten, enden in der Auflösung der Diktatur des Proletariats.

1. Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8 

2. Vergleiche Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,259

3. Vergleiche Lenin, Krieg und Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,411

4. Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,106

6. Josef Stalin, Die Streikbrecher der Revolution, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,355 

7. Louis Fischer, Das Leben Lenins, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1970,302

8. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,416. Insbesondere aus der politischen Unselbständigkeit der russischen Bauern leitete Trotzki zum Überleben der Oktoberrevolution die Notwendigkeit eines Bündnisses des russischen Proletariats mit dem westeuropäischen ab, während nach dessem Ausbleiben und seiner Unwahrscheinlichkeit in der nächsten Zukunft, auf die der Faschismus Anspruch erhob, ab 1925 die Clique um Stalin immer mehr die Notwendigkeit eines rein innerrussischen Bündnisses zwischen proletarischen Lohnarbeitern und Kleinbauern auf dem Land und städtischen Proletariern betonte, bei zeitweiliger Neutralisierung des Mittelbauern

9. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474

10. a.a.O.,472

11. Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,337

12. a.a.O.,332 

13. Lenin, Der Kampf gegen die kadettisierenden Sozialdemokraten, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1960,314

14. Karl Marx, Kritik der HegelschenRechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,390

 

 

 

Die weltgeschichtliche Bedeutung Josef Stalins

23. August 2017

 

DIE WELTGESCHICHTLICHE BEDEUTUNG JOSEF STALINS

 

Stalin, der Sohn eines Schusters, war im Mai 1917 zum Mitglied des Politbüros gewählt worden, war also schon fast ein Vierteljahrhundert in dieser Position, als die deutschen Faschisten sein Land überfielen, und blieb Politbüromitglied bis zu seinem Tod, 36 Jahre. Stalin hatte ein phänomenales Gedächtnis und merkte sich sehr genau die Fehler der anderen Revolutionäre, die Abweichungen vom Leninismus, noch zu Lebzeiten von Lenin. Fünf Jahre nach Lenins Rückkehr aus dem Schweizer Exil wurde Stalin am dritten April 1922 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt und blieb es bis an sein Lebensende, 31 Jahre. Wer die Zentrale der revolutionären Monopolpartei inne hatte, konnte in den Besitz des Monopols der Macht gelangen. Man nehme nun nur noch das sogenannte Testament Lenins hinzu (Stalins Grobheit), und fertig ist der Diktator, Tyrann und Unmensch. Dass die Position eines Generalsekretärs der Kommunistischen Partei im Rätekomplex der Diktatur des Proletariats brisant ist, dürfte klar sein und dürfte auch im Hintergrund von Lenins Personalüberlegungen gestanden haben. Aber so einfach ist der – man erlaube mir hier einmal dieses Wort  – ‚Mechanismus‘ der Diktatur des Proletariats natürlich nicht, es gab zum Beispiel in Moskau einen Stalin-Wahlbezirk, in dem er sich regelmäßig zur Wahl stellen musste.  Bei der Untersuchung dieser Sachverhalte darf man nicht den aus der bürgerlichen Ideologie stammenden personalpolitischen Ansatz auswählen: der Charakter des Führers präge die Politik des Landes, sondern man muss u. a. (also nicht nur) die Dialektik von Revolution und Konterrevolution zu Grunde legen, und da zeigt sich, dass Stalin zwar nicht bei jeder Klippe, aber insgesamt den Kurs der Revolution gehalten hat. Den Kurs bei jeder Klippe ganz korrekt halten ? – einen solchen Kapitän gibt es nicht, und die 72 Tage ‚Pariser Commune‘ gaben für den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR zum Beispiel auf dem Gebiet der Ökonomie nicht viel her. Aber auf dem theoretischen Gebiet konnte er aus den Spätschriften Lenins profitieren und Stalin kannte alle wichtigen Passagen Lenins zum Aufbau des Sozialismus in der UdSSR wie aus dem Effeff, und nicht nur diese. Diese Kenntnis galt für das Gesamtwerk Lenins. Natürlich kannte auch Trotzki die Passagen zum nationalen Aufbau des Sozialismus, aber diese waren für ihn ‚kalter Kaffee‘, er hielt sie für falsch.

In seiner Rede vom 24. Mai 1945 zur Siegesfeier im Kreml, als Hitler schon durch eigene Hand tot war, sagte Stalin, dass es das Vertrauen des russischen Volkes zu seiner Regierung gewesen sei, das der entscheidende Faktor gewesen sei, der den Sieg über den Faschismus, den Feind der Menschheit, gebracht habe. 1. Lenin blieb das Ausnahmewesen, schon allein das Mausoleum sorgte dafür, Lenin galt als derjenige, der den Grundstein für den Sozialismus gelegt hatte. Aber als Baumeister des Sozialismus ging Stalin in die Geschichtsbücher ein, ja in seiner letzten großen Schrift ‚Ökonomische Probleme in der UdSSR‘ trat er bereits als Planungsarchitekt des Kommunismus auf.  Welche Erfolge waren aber auch mit seinem Namen verknüpft ! 1929 gab es kein Privateigentum an den Produktionsmitteln mehr, 1935 Eintritt in den Völkerbund, der Aufbau des Sozialismus galt schon ab 1937 als ‚im wesentlichen‘ abgeschlossen, unter Stalins Federführung galt bereits das Gesetz der Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit den Produktivkräften in der UdSSR, die unvorstellbar harte Bewährungsprobe dieses Sozialismus‘ im zweiten Weltkrieg wurde bestanden und nach 1945 blühte das teilweise sehr verwüstete Land erstaunlich schnell wieder aus. Mit der Ausrufung der Volksrepublik China am ersten Oktober 1949 durch Mao und mit dem Satellitenstaatengürtel im Westen war eine kapitalistische Einkreisung nicht mehr gegeben. Der japanische Militarismus galt nach Hiroshima und Nagasaki als gezähmt. 1949 wurde der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) gegründet. Das alles war mit dem Namen ‚Stalin‘ verbunden. Dieser strahlte für die Sowjetrussinnen und Sowjetrussen Sicherheit aus und er stand für eine Kontinuität eines Erfolges, an dem alle, außer den Konterrevolutionärinnen und Konterrevolutionären, partizipierten.

Für Stalin war das Wertgesetz eine historische Kategorie. Nach Stalins Tod und nachdem man einen anderen Plan dem Kommunismus zugrunde gelegt hatte, sozusagen einen Kommunismus auf Grundlage des Wertgesetzes, ging es durch die Erweiterung  des Wirkungsbereiches der Warenproduktion bergab. Das war auch von wachen Marxisten weltweit bemerkt und kritisiert worden. Vor dieser Erweiterung, die noch zu Lebzeiten Stalins in sowjetischen Fachzeitschriften im Schwange war, hatte Stalin immer gewarnt, besonders in seiner letzten großen Schrift über die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR. Stellt sich Arbeit im Wert dar und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsproduktes, so bedeutet das, dass der Produktionsprozess die Menschen, nach dem Ausdruck von Karl Marx, „bemeistert“. 2. Man kann den Zusammenbruch der Sowjetunion ohne Stalins Ökonomieschrift nicht verstehen. Diese vermittelt immerhin schon den Eindruck, dass der Kommunismus in bescheidener Form nicht mehr in weiter Ferne liegt. Stalin war es nicht mehr vergönnt, er, der zusammen mit Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern, mit Millionen Bauern und Bäuerinnen die Bedingungen des gesellschaftlichen Glücks geschaffen hatte, die glückliche, sozial homogene Gesellschaft im sozialen Paradies selbst noch zu erleben.

Er ahnte, dass das Schiff der Revolution nach ihm wohl auf der Sandbank des Revisionismus stranden wird. Die Völker der Sowjetunion standen schon vor dem Tor des sozialen Paradieses, als die Umkehr zur Höllenfahrt in den Kapitalismus begann. Die Chrutschowianer haben ganz gegen den Geist der Schrift Stalins (Versuch der Ersetzung der Warenproduktion durch den Produktenaustausch) gehandelt, womit aber nicht umgekehrt gesagt werden kann, dass bei Beachtung der Hinweise Stalins die Sowjetunion heute noch existent wäre.  Das kann keiner wissen. Aber das führt gerade vom Kommunismus ab. Hier scheint sich die Weltgeschichte einen Scherz erlaubt zu haben, indem sie durch den Professor Ostrowitjanow das Verkehrteste vom Verkehrten hat initiieren lassen. So hatte die internationale Konterrevolution eine dritte Militärintervention, auf die sie gierig fieberhaft, gleichwohl planmäßig, Tag und Nacht draufhin gearbeitet hatte, gar nicht mehr nötig, der Sowjetkoloss implodierte, zerstörte sich von innen heraus. Heute ist die russische Gesellschaft eine voll warenproduzierende Gesellschaft und nur ganz oberflächliche Menschen stellen Putin in eine rosarote Ecke. Er ist kein Sozialist, gerade er ist einer der Nutznießer der größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. In ein paar Wochen wird in Russland nicht der hundertste Geburtstag der ‚Großen Sozialistischen Oktoberrevolution‘ gefeiert, sondern eine ‚russische Revolution‘.  Die Sowjetunion ist über ihre Grenze hinausgegangen und wurde dadurch ein Opfer der Weltgeschichte.

Die Abwehr der Konterrevolution gegen den Oktober, die Siege in den Bürgerkriegen, die Abwehr der kapitalistischen Interventen Anfang der 20er Jahre und Anfang der 40er Jahre ließen den Eindruck entstehen, der ‚Koloss Sowjetunion‘ sei unvernichtbar. Der Koloss konnte nur durch sich selbst fallen und ist durch sich selbst gefallen. Die DDR war ein Kind der Roten Armee, das sich von ihr nicht hat abnabeln können, so dass mit dem Rückzug der Mutter das Kind bodenlos wurde und in ein tödliches tiefes Loch fiel. Es fehlte im Geburtsland von Marx und Engels ein eigener revolutionärer Ansatz, die Bürger der DDR hatten die Revolution nur in der Form einer progressiven, auch mit für sie entsetzlichen Reparationen verbundenen Eroberung kennengelernt und der Zusammenbruch der Sowjetunion gab den westdeutschen Spaltern der Nation (Adenauers Abweisung der Stalin-Note 1952) und Kaltekriegsgewinnlern die Chance, die Leiche der Revolution noch einmal zu schänden.

Es ist während dieses Zusammenbruchs des sowjetischen Sozialismus kaum beachtet worden, was denn Lenin als Kriterium der Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus ausgemacht hatte – eine höhere Arbeitsproduktivität –  und damit ein Phasendenken untermauerte, das oberflächliches marxistisches Denken mechanisch auffasste, so dass der Sozialismus für dieses als historisch unumkehrbar galt. Das Gleichgewicht des ‚Kalten Krieges‘, mehr noch die europäische Entspannungspolitik ließen eine große Katastrophe für Millionen Menschen in weite Ferne rücken zu Lasten des dialektischen Denkens, dass gerade in Krisen- und Kriegssituationen im Vordergrund steht. Lenin hatte als Dialektiker beachtet, dass die Geschichte auch im global-epochalen Rahmen manchmal Riesensprünge rückwärts machen kann und mehrmals Überlegungen angestellt, dass der Sozialismus seiner Prägung auch wieder einbrechen kann. Von Stalin liegt die Äußerung vor, dass die Sowjetunion durch Versagen der revolutionären Wachsamkeit zusammenbrechen kann. Nach genuin marxistisch-dialektischem Maßstab ist der reale Sozialismus in der Arbeitswelt zusammengebrochen, denn Lenin sah in der Tatsache, dass der Sozialismus sich durch eine „höhere Organisation der Arbeit“ 3., geplante Arbeit, auszeichnet das entscheidende Unterpfand der Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus in seinem höchsten imperialistischen Stadium, der letztendlich den Idiotismus und die millionenfache Qual, die in der Anarchie der Produktion, in der kleinbürgerlichen Desorganisation als dem Hauptfeind des Sozialismus liegen, nicht überwinden kann. Entscheidend sind Erkenntnisse von Lenin wie diese: Die soziale Unterdrückung im Kapitalismus nimmt Formen an, die den einfachen arbeitenden Menschen „täglich und stündlich tausendmal mehr entsetzlichste Leiden und unmenschlichste Qualen bereitet als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. …“. 4. 

Der Kapitalismus ist in seinem Wesen zutiefst inhuman und nicht mit der kreativen Natur des Menschen vereinbar, sich durch Arbeit zu entfalten und sich durch sie und in ihr selbst zum Ausdruck zu bringen. Im Kapitalismus vegetiert die große Mehrheit des Volkes in einer menschenunwürdigen Arbeitswelt als Objekte des Kapitals, als seine Lastesel dahin und wird durch ihre eigene Arbeit geknechtet. Im kapitalistischen Produktionsprozess ist der Mensch eine Ware unter Waren, eine Sache, wie denn Aristoteles den Sklaven der Antike als vernunft- und seelenloses Werkzeug bestimmte. In einer klassenantagonistischen Gesellschaft können die Menschen nicht mehr füreinander da sein wie in der urwüchsigen kommunistischen Urgesellschaft. Man hat in der französischen Revolution wie übrigens auch bourgeoise Ideologen während der Oktoberrevolution immer Analogien zu einem angeblich antiken Republikanismus gezogen und kam nicht auf den Gedanken, dass die Parole ‚Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit‘ viel tiefer in die Geschichte zurückreicht. Alle Revolutionen, die einen sozialen Fortschritt brachten und der Zukunft zugewandt waren, hatten im Unterbewusstsein eine Sehnsucht nach dem Mutterbauch der Geschichte, in dem die Menschen an sich frei waren, eine Sehnsucht nach einer „Renaissance des Urkommunismus“, die nicht einmal industrielle Revolutionen kappen konnten. Marx brachte in seiner Theorie den Urkommunismus und die Industrialisierung zusammen, um die arbeitenden Menschen nicht nur an sich, sondern auch für sich frei gestalten zu lassen, lange vor Morgans ‚Ancien Society‘, ein Werk, das 1877 erschien und Marx bestätigte. 5.

1.Vergleiche Josef Stalin, Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau, 1946,222f.

 2. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,95

 3. Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,455

 4.Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Lenin, Marx-Engels-Marxismus, Grundsätzliches aus Schriften und Reden, Dietz Verlag Berlin,1967,261f.

 5. Der Fortschritt, den wir den Kämpfern der französischen Revolution, mehr noch denen der Oktoberrevolution zu verdanken haben, liegt darin, dass der kapitalistische Unternehmer seine Lohnsklaven nicht mehr straffrei töten kann. Allerdings haben die faschistischen Vernichtungslager mit ihrem Konzept der Vernichtung durch Arbeit die antiken Sklavenhalter, die ja gar kein Interesse an der Tötung ihrer Sklaven haben konnten, weit in den Schatten gestellt. Vernichtungslager bleiben, solange Kapitalisten das Blut der Völker zum Vorteil von einem Prozent der Weltbevölkerung aussaugen, eine Variante bürgerlicher Herrschaft. Dass der Lohnsklave 1917 aufgestanden war, aus einem Objekt Subjekt wurde, das konnten die Kapitalisten nicht überwinden und nachdem die liberal-demokratischen Warlords mit ihren Vernichtungsfeldzügen gegen das sowjetische Russland gescheitert waren, ließen die Plutokraten in London und Washington Hitler mit seiner „Theorie“ vom bolschewistischen Untermenschen“ ran, dieselben Plutokraten, die Hiroshima und Nagasaki dem Erdboden gleichmachten. Diese Plutokraten dachten gar nicht daran, Hitler zu stürzen, wie sie mit links linke Staatsmänner nach Belieben in allen Teilen der Welt stürzten. Wer heute im Kapitalismus noch einen Funken Humanität entdeckt, gehört ganz einfach mit einem Lasso eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt. Es fällt auf, dass auch die bürgerliche Konterrevolution nach 1917 antike Anklänge aufwies. So sagte der Petrograder Bürgermeister gegen die Bolschewiki: „ … nur über unsere Leichname werden sie in diesen Saal eindringen, wir werden, den römischen Senatoren der Antike gleich, mit Würde das Kommen der Barbaren erwarten …“. (John Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, Dietz Verlag Berlin, 1983,217).

Auf diesen Artikel habe ich eine  email folgenden Inhalts erhalten, die ich nicht vorenthalten will. Möge jede Leserin / jeder Leser sich selbst ein Urteil bilden über einen Mann, der von sich gibt, die Rote Armee hätte im zweiten Weltkrieg Panzer gegen Kartoffeln und Benzin gegen Brot getauscht. “ … wurden die Waren mit der Roten Armee ausgetauscht“. Wie aufschlussreich ! Wie wissenschaftlich ! Lernt man wirklich so etwas bei Enver Hodscha ? In Wirklichkeit stand darauf die Todesstrafe:

Hallo Heinz,
Du hast Stalin nicht kapiert. Solltest hierzu mal Enver Hoxha studieren.
Aber den verschmähst Du lieber. Da war ja Kurt Gossweiler weiter.
Produktionsverhältnisse sind Verhältnisse, die die Menschen eingehen um
zu produzieren und um ihre Produkte auszutauschen. Hätte dieser Tausch
nicht funktioniert, wäre die Rote Armee auf ihrem Marsch nach Berlin
verhungert. Aus den Fabriken und Äckern wurden die Waren mit der Roten
Armee ausgetauscht. Und selbst die war eine Arbeitsarmee und sorgte nach
dem Krieg auf Äckern für ihre Nahrung. Sozialistische
Produktionsverhältnisse sind die Vereinigung von Arbeiter, Bauern und
Soldaten. Alle Revisionisten meinen der Sozialismus bedürfe keine solche
Produktionsverhältnisse und scheitern regelmäßig. Chruschtschows
Gulaschkommunismus verhieß was in den Topf und dabei wurde er immer
leerer und die Felder darbten mit seinem Hybridmais. Darum wurde er auch
Mister Kukurush genannt.
L.

 

 

 

 

Der Atheismus und die technisch-industrielle Revolution

19. August 2017

 

Die Degradierung der Philosophie im Gefolge der Feuerbachschen Religionskritik, nach seiner 1841 im ‚Wesen des Christentums‘ veröffentlichten Feststellung, dass sie nur eine andere Form  der Theologie sei, ging bereits gegen die Ideen von 1789, denn die bürgerliche Aufklärung hatte die Philosophie gegen die Theologie nach oben gehievt, über sie, während Feuerbach beide ineinander schob. 1789 wurde die alte Welt auf den Kopf gestellt, was auch beinhaltet, dass die bürgerliche Revolution eine von Philosophen vorangetriebene war, eine von politisierenden Kopfarbeitern für politisierende Kopfarbeiter. Die Revolution von 1789 war keine menschliche Revolution; gerade die das kulturelle Leben dominierenden bürgerlichen Intellektuellen verhinderten die Erkenntnis und Organisation der ‚forces propres‘ als gesellschaftliche.

Hegel nun ist noch sehr stark ein sich selbst genügender Denker der vorindustriellen Zeit, er ist nach Löwith ein philosophierender Theologe. Auch für Hegel beginnt der Tag mit dem Sonnenaufgang, aber am Ende des Tages wird der Mensch ein Gebäude vollendet haben, eine innere Sonne, und diese wird er höher schätzen als die äußere des Morgens. Aber in dieser Überlegung Hegels aus der ‚Philosophie der Weltgeschichte‘ steckt beides: Idealismus und die universelle Bedeutung der menschlichen Arbeit. Mit gleichem Recht kann gesagt werden, die Hegelsche Philosophie sei eine ‚Theologie der Arbeit‘, eine inkommensurable Komposition aus Mittelalter und Neuzeit. In dem Schlusssatz der Philosophie der Geschichte heißt es am Ende des 51. Kapitels: „Nur die Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist“. 1. Gott verwirklicht sich als geschichtliche Vernunft und man kann sich gegen eine Interpretation, die den Schwerpunkt auf das ‚Wirken‘, auf das „Werk“ legt, nicht ohne weiteres abweisen. Hegel und auch noch Feuerbach, dieser in gewissen Passagen seines Werkes, gehen noch von einer zweigeteilten, einer himmlischen und einer irdischen Welt aus und es kam gegen sie auf eine Verbindung von Atheismus und Technik an, die Marx und Engels zunächst unabhängig voneinander herstellten. 

Erst die technisch-industrielle Revolution mit ihren phantastischen Möglichkeiten, in das Naturgeschehen einzugreifen und sie zu bearbeiten, ausreichend Lebensmittel für alle zu produzieren und sich die Natur untertan zu machen, hat das Studierzimmer des Philosophen verwüstet und ihn in eine Weltwirksamkeit zur Gründung einer neuen atheistischen Gesellschaft hinausgeschleudert, in der der Mensch frei und weltimmanent schöpferisch sein kann. Es war die Bearbeitung der Natur, durch die seine Intelligenz wuchs und Gott dahinsiechte, das Werk seiner selbst schon längst aus der Hand gegeben. Die durch die technisch-industriellen Revolution auf der praktischen Seite freigesetzte, bis an den Rand des Größenwahns gehende Omnipotenz menschlicher Gestaltungsmöglichkeiten, unvereinbar mit dem Christentum, entsprach auf der theoretischen Seite die Entthronung Gottes, der Sieg des Atheismus, die Einsetzung des Menschen als Prometheus, beides zusammen ergab einen Eingriff in das Weltgeschehen, das in der bisherigen Weltgeschichte nicht für möglich gehalten wurde.

Dadurch, dass durch die technisch-industrielle Revolution, diese wirklich große Revolution hinter den politischen Ereignissen, Engels sagt einmal, James Watt habe eine größere Bedeutung für die Weltgeschichte als Robespierre, dadurch also, dass alle Menschen der Welt eines Tages ein gutes und sorgenfreies Leben führen können, wird der Atheismus garantiert werden. Marx recht verstanden: Das allgemeine Elend ist die Wurzel der Religion („Kommt zu mir ihr mühselig Beladenen“), der allgemeine Wohlstand die des Atheismus. Spätestens seit Spinozas Analyse der Bibel ist davon auszugehen, dass auch diese von Menschenhand geschrieben und gesellschaftliche Verhältnisse wiederspiegelt: ‚Kommt zu mir, ihr mühselig Beladenen‘. Mit seiner Industriereligion stellt sich der utopische Sozialist Claude Henri Saint-Simon noch als Mittelglied dar. Mit dem Tod Gottes ist die Welt nicht sich selbst überlassen worden, im Gegenteil, dieser „kolossale“ Tod war notwendig zur projizierten Freisetzung eines eigenmächtig Megapotenzen entwickelnden Kollektivs, in der zehnten Feuerbachthese „gesellschaftliche Menschheit“. 2. genannt. Der ganze industrielle Komplex blieb bei fast allen bürgerlich-professoralen Stubenhockern in der Anmerkung, auch hier musste vom Kopf auf die Füße gestellt werden, die Anmerkung wurde Haupttext und Gott geriet in die Anmerkung zur Industrie.

Deshalb reichte das von Feuerbach angebotene ‚Du‘ außerhalb des Studierzimmers in diesem Zusammenhang nicht hin. Die sich bisher schwer depressiv gestaltende Weltgeschichte ohne Aussicht auf positive Umkehr verleitete zu ihrer metaphysischen Betrachtung. Hegel legt sie trotz der Not und des Elends aus als eine von Vernunft geprägte. Saint-Simon, der den Spruch prägte: ‚Jeder nach seinen Fähigkeiten – jedem nach seinen Werken‘, sah in der industriellen Revolution die richtige Weichenstellung für eine positive Entwicklung bis hin zu einem vereinten Europa. Marx reinigt nüchtern die von ihm auf eine materialistische Basis gestellte Geschichte von jedem Aberglauben und Fideismus, also auch von Hegels Vernunft, Feuerbachs Geschichtsidealismus und Saint-Simons Utopismus. Für Marx bedingen sich die Geschichte der Natur und die Geschichte des Menschen, Naturgeschichte und Gattungsgeschichte gegenseitig. Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte des Menschen, der selbst ein Naturwesen ist.

So sah alles in der Theorie aus, und doch barg der gigantische Wurf der technisch-industriellen Revolution einen Widersinn in sich. Das Ergebnis der technischen Entwicklung scheint zu sein, dass materielle Kräfte mit geistigem Leben ausgestattet werden und der Mensch zu einer materiellen Kraft verdummt wird. Es verschwand der Revolution die richtige Proportion zwischen Produktion und Konsumtion und Prosperität und Depression wechselten einander ab. „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion“. 3.  Die technisch-industrielle Revolution zerschnitt auch die schwachen Netze sozialer Absicherung von christlicher Barmherzigkeit aus, die vorkapitalistischen ökonomischen Gesellschaftsformationen noch eignete.

Mit der Hartz-IV-Gesetzgebung bestätigt sich die Aussage von Lenin, dass Revisionisten es fertig bringen, eine schlechtere sogenannte Sozialgesetzgebung zu fabrizieren als konservative bürgerliche Regierungen. Ohne Zweifel gehört diese sogenannte Gesetzgebung zu den schmutzigsten und schäbigsten Stücken in der Geschichte der deutschen Sozialgesetzgebung. Sie verhindert den Durchbruch zum frei-schöpferischen und atheistischen Menschen und lässt über den in bürgerlichen Gesellschaften so heimtückisch grassierenden Kult der Arbeit den Arbeistlosen mit dem subjektiven Bewußtseins eines Sündenkrüppels zum Altar des Herren kriechen. Es ist gerade ein paar Wochen her, dass ein Kumpel von mir aus Angst vor Hartz-IV Suizid beging. In der Tat, kann man die Bundesagenturen für Arbeit anders bezeichnen als ‚Houses of Terror‘ ?

1. Georg Wilhelm Friedrich  Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Reclam Verlag, Leipzig, 1924,311

2. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,7

3. Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,468

Rousseau Hegel Marx und die Theorie menschlicher Befreiung

16. August 2017

 

Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im ‚Mercure de France‘ 1749 die gleichjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen ?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch. In diesem Augenblick war ihm alles klar, alle aus dieser oder auf diese Metanoia folgenden Schriften sind für Rousseau eher krampfhafte, zum Scheitern verurteilte Versuche, sich der Reinheit des sogenannten Vincenneserlebnisses erneut zu vergegenwärtigen. Seine Schriften reichen im Zeitalter des Lichts nicht hin an dieses, Rousseau ist so Aufklärer und Gegenaufklärer in einem.

Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die ‚Phänomenologie des Geistes‘ am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der ‚Phänomenologie‘ hatte Hegel in der Differenzschrift 1802 den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, desto greller die Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos. Hegel transformiert den ökonomischen Inhalt der französischen Revolution, die Durchsetzung der kapitalistischen Warenproduktion, ins Idealistische und Politische als die die Anarchie zu konstituieren strebende Anarchie. Eine Welt ohne Herrschaft aus freien und gleichen Brüdern,  dieses Prinzip der Anarchie in die Weltgeschichte einzubilden, bleibt die gigantische Aufgabe, die noch heute vor uns liegt.

Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine schwere seelische Krise, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt ‚Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: „Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher … und wollte jeden Eckensteher umarmen“. 1. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 2. konnte einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten umher.

Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht mitteilen könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. Marx wurde krank. Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. „Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen …“. 3. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: „Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler, kennengelernt“. 4. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes  hervor.

Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Aber wenig später, nachdem Feuerbach Hegels Idealismus 1841 religionsphilosophisch widerlegt hatte,  werden Gedanken bei ihm rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere die Symbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Das nimmt den noch nicht festgeformten Marx, wie ihn die Propaganda nicht weitergibt, mit. Zeitzeugen, seine Tochter und Ruge, teilen uns übereinstimmend mit, dass Marx ein besessen lesendes Arbeitstier war. Es ist aufschlussreich, was Ruge Feuerbach in einem Brief mitteilte: „Marx … liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensität .., aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer“. 5. Diese Bemerkungen von Ruge treffen zu auf die geniale Kritik des Hegelschen Staatsrecht, sie bleibt unvollendet. Ist die Hektik ein Preis subjektiver Genialität oder Ausdruck des objektiven Zwanges der bürgerlichen Produktionsweise, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse im Zuge der technisch-industriellen Revolution fortwährend zu revolutionieren, ohne den Menschen selbst als frei gestalten zu können ?

Ich tendiere zum letzteren. Durch Hegel erlas er sich, wie schwer, wie gewaltsam, wie  unentrinnbar und allumfassend der uns überwölbende, für Marx atheistische Himmel gesellschaftlicher Objekivität ist, ein Gewaltzusammenhang, in den die Menschen eingezwängt sind, so dass sich ihnen die Möglichkeit gar nicht eröffnen kann, andere Menschen zu werden und  andere Universen zu sehen. Schließlich sagt Hegel, die existierende Welt sei die existente Vernunft. Eine Identität, die für Marx falscher Schein ist. Im Gegensatz zu Hegel gilt: Der Arbeiter ist eine Ware und die Arbeiter stellen die Mehrheit des Volkes, das verstümmelte Milieu, in dem wir alle leben. Die Rechnung der reichen Kapitalisten, die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, zu schinden, um in Saus und Braus zu leben, geht nicht auf.  Statt ein anderer Mensch wird der Arbeiter ein „bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird … Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die andern Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.“. 6.

Es sieht also zunächst nicht so aus, als sei hier eine emanzipative Kehrtwendung zu erwarten. Dass sie historisch notwendig sei, dieser Nachweis wird zur Lebensaufgabe von Marx. Die gigantische Objektivität, die im Vollzug der technisch-industriellen Revolution liegt, enthält in sich die Potenz, aus Objekten Subjekte zu machen. Die Ketten der Sklaverei von 1789 hatte noch Marat in der französischen Revolution deutlich genug gesehen und noch einen subjektiven Ansatz zur Befreiungslösung angeboten, Fourier sah das Allheilmittel in der Auflösung der bürgerlichen Familie; die industrielle Großraumproduktion, das Gegenteil des Idiotismus des Landlebens, entwertet alle subjektiven Ansätze in der Emanzipationstheorie und lehrt dem genauen Prozessbeobachter die Macht des Kollektiven, in ihm liegt der Zauberschlüssel, der nun das Tor zu subjektiven Freiheit des je Einzelnen aufschließt. Die Menschen können ohne kollektive Befreiung nicht freie Subjekte werden. Das alles entscheidende Resultat der großen industriellen Revolution ist ein Objektives, die bisher individuellen Arbeitsmittel sind in nur noch gemeinsam verwendbare verwandelt worden.  7.  Nur ergibt sich die Theorie des Marxismus nicht aus dieser Kollektivität, aus ihr ergibt sich auch keine proletarische Denkweise. Träger des wissenschaftlichen Sozialismus sind bürgerliche Wissenschaftler, „welche zum theoretischen Verständnis der ganzen gesellschaftlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben“. 8. Die nur noch gemeinsam verwendbaren Arbeitsmittel bilden auch die Linie, an der sich die Gewerkschaften bilden, denen es primär nicht theoretisch um die Erfassung des Zusammenhangs zwischen Lohnarbeit und Kapital und ihrer Unversöhnlichkeit geht, sondern um die Verbesserung der Bedingungen des Verkaufs der Ware des Arbeiters, seiner Arbeitskraft. Die Führungen der Gewerkschaften richten sich im Kapitalismus antikommunistisch aus, nachdem sie im Verlauf ihrer Karriere die antagonistischen Fundamentakategorien ‚Lohnarbeit und Kapital‘ in ihrem Gehirn ausgeblendet haben. Über die Gemeingefährlichkeit, kriminelle Energie und Asozialität dieses Abschaums der Arbeiterbewegung braucht man wohl keine Worte mehr zu verlieren.

In der von Bourgeoisideologen, die sich nicht zu dieser Höhe des theoretischen Verständnisses emporgarbeitet haben, abgefassten bürgerlichen Freiheitsideologie werden die Subjekte dagegen frei nur gegen das Kollektiv, als einzelne, als bezugslose Monaden. Das ist auch ganz stimmig und trifft zu auf die Eigner der Produktions- und Lebensmittel, für die die Masse nur aus Ausbeutungsobjekten existieren kann. Für diese ist das Tierische, der Konsum, menschlich, und das Menschliche, die Selbstbestätigung durch Arbeit, tierisch. Alle bürgerlichen Befreiungstheorien sind Ideologie, in der ein Humanismus nur auf dem Papier bleiben kann, weil sie auf das angebliche Axiom ‚Lohnarbeit-Kapital‘ festgeschrieben bleiben müssen. Das ‚Kapital‘ von Marx dient dem wissenschaftlichen Nachweis, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem ein historisch vorübergehendes ist. Wer heute noch darüber grübelt, ob der Kapitalismus durch den Sozialismus überwunden werden muss, gehört der Welt von gestern an und es ist ihm zu wünschen, dass er sich erhebt zu der heute allein aktuellen Fragestellung, wie ist der Kapitalismus zu zerschlagen ? Wer heute noch darüber grübelt, ob der Kapitalismus friedlich oder gewaltsam überwunden werden muss, gehört ebenfalls noch der Welt von gestern an. Unter imperialistischen Bedingungen kann der Spätkapitalismus nur mit Feuer und Schwert ausgerottet und niedergebrannt werden.

1. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

2. Vergleiche die Broschüre „Karl Marx, Der größte Sohn des deutschen Volkes, Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“, Kongress Verlag Berlin, 1953

3. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

4. a.a.O.,10

5. Arnold Ruge, Briefwechsel und Tagebuchblätter 1825 bis 1880, hrsg. von Paul Nerrlich, 2 Bände, Berlin, 1886, Band 1,343   

6. Karl Marx /  Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlg Berlin, 1960,468f.

7.  Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,790

8. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,472

 

 

Helmut Kohl – der ‚Kanzler der Einheit‘

12. August 2017

Ich schreibe diesen Artikel bewusst am 13. August, am 56. Jahrestag des Berliner Mauerbaus. Am 16. Juni 2017  ließ die Partei DIE LINKE zum Ableben von Helmut Kohl verlauten, mit ihm verliere Deutschland eine prägende Persönlichkeit. Träfe das zu, so wäre das schlimm für das deutsche Volk, man muss sich von solch einem Konterrevolutionär nicht prägen lassen, sondern man muss solche Type weit von sich spucken. Kohl wurde 1930 geboren und trat mit 16 Jahren, also 1946, in die Partei Adenauers ein. Bekanntlich wies Adenauer 1952 die Stalin-Note zurück, Kohl hätte als Mann der Einheit des deutsche Volkes sofort aus dieser spalterischen Verräterpartei am deutschen Volk austreten müssen, aber dieser  Konterrevolutionär war insgesamt 71 Jahre, bis zu seinem Tod, Mitglied der Partei, die die Spaltung Deutschlands zu verantworten hat. Gerhard Schiller hat in seinem Aufsatz ‚Gedanken über und um Kohl‘ betont, dass die Wiedervereinigung Kohl nur zugefallen sei (Vergleiche Gerhard Schiller, Gedanken über und um Kohl, in: offensiv, Nummer 4 / 2017,25).  Das ist richtig, deshalb gilt: Josef Stalin – ein Freund des deutschen Volkes / Helmut Kohl – ein Feind des deutschen Volkes.

Können wir denn überhaupt von einer deutschen Einheit sprechen, wenn zur Einheit einer Nation auch die territoriale Souveränität gehört ? Noch immer gibt es auf dem Territorium des deutschen Volkes imperialistische Militärbasen, auf denen jeden Morgen ausländische Fahnen hochgezogen werden. Die bürgerliche Kompradorenregierung steht aus Angst vor einer Volksbewaffnung unter proletarischer Führung vor allem unter dem us-amerikanischen Militärstiefel, den sie  begierig leckt. Sie macht sich vor aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen lächerlich, wenn sie das Wort von der deutschen Einheit in dem Mund nimmt.

Die Bourgeoisie hat zwar stets die grossen Wörter ‚Einheit des Volkes‘ und ‚Einheit der Nation‘ in den Mund genommen, aber schon während der französischen Revolution verbot die französische Bourgeoisie der Arbeiterklasse Frankreichs durch ein Dekret vom 14. Juni 1791, sich zu vereinigen, spaltete also das Volk. Selbst die Jakobiner, die das Land ein Jahr lang, vom Juni 1793 bis Juni 1794, regierten, ließen dieses Dekret unangetastet und traten die Rechte der Mehrheit des französischen Volkes mit Füßen. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,769f.). Die französische Revolution von 1789 wird von interessierten Kreisen gern als eine große Revolution verbreitet, aber wir müssen bedenken, dass es in ihr gerade nicht zur Zerschlagung des Staatsapparates der absoluten Monarchie gekommen war, sondern zu seiner Weiterentwicklung und Vollendung durch Napoleon. Die Dialektik der Geschichte des klassischen bürgerlichen Staatsapparates verlief gerade so, dass die Bourgeoisie das Instrument, das zur halbherzigen Befreiung vom Feudalismus diente, umschlug in einen Repressionsapparat des Kapitals gegen die Arbeit. Die Herrschaft der Bourgeoisie bedeutet Volksausplünderung, die schon der bürgerliche Aufklärer, der nicht gerade arme Voltaire als die wahre Staatskunst des Bourgeois denunzierte. Die Kunst der Politik bestand für Voltaire darin, das Geld aus der Tasche von Leuten einer Klasse in die Taschen von Leuten einer anderen Klasse zu bewegen. Das fand auch unter Helmut Kohl in unverschämter Weise statt und er selbst wirtschaftete Beträge in seine eigene Tasche. Marx hatte schon 1844 im ‚Elend der Philosophie‘ die wechselseitige Bedingtheit von Reichtum und Armut als Fundamentalkonstellation der bürgerlichen Gesellschaft herausgearbeitet. Deshalb  können nur  proletarische Revolutionäre die großen Einiger der Völker sein, die nach Einheit, Frieden und Beseitigung von Klassenunterschieden streben.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 kam es in der Generallinie zur Verwässerung, ja zur Fälschung dialektischen Denkens, was zur Folge hatte, dass die Revisionisten auf den revolutionären Klassenkampf verzichteten und den nationalrevolutionären Gedanken von der Einheit der Nation preisgaben. In Berlin wurde 1961 eine Mauer errichtet, im gleichen Jahr, als man in Moskau Stalin, der der  Garant der deutschen Einheit gewesen war, aus dem Lenin-Mausoleum entfernte. Ich erinnere mich noch an einen Vortrag des DDR-Chefphilosophen Manfred Buhr im Jahr 1982 im Leibniz-Saal der niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover. In der dem Vortrag folgenden Diskussion belog er dreist die Anwesenden mit der Aussage, dass für Lenin die Einheit der Gegensätze absolut, der Kampf der Gegensätze nur relativ sei. Genau umgekehrt verhält es sich. Aber diese Vertauschung war notwendig, um die friedliche Koexistenz zu rechtfertigen. Es gibt keine Dialektik der Welt, die die Errichtung des Reiterdenkmals Friedrichs des sogenannten Großen vor der Humboldt-Universität mit Blick auf das damals abgeriegelte Brandenburger Tor zusammenbringen kann mit dem von Chrutschow und seinen DDR-Ablegern proklamierten Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus, insbesondere, wenn man sich vor Augen hält, was Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum geschrieben haben. Es stehen einem nicht nur die Haare zu Berge, sie fallen aus. Friedrich der II. kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz; als Volksfeind. „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageron“ (ich glaube, ich werde euer Spiel spielen; bekomme ich die Asse, so teilen wir) – das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog.“ (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,418f.)   Man war außerdem auf den Lassalleanismus zurückgefallen, bekanntlich nannte Marx die Lassalleaner „königlich preußische Sozialisten“. (Vergleiche Lenin, Über den Nationalstolz der Russen, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1960,36).

Dem deutschen Volk steht also der große Befreiungskrieg noch bevor, in dem die ausländischen NATO-Militärbasen durch die Wucht eines Volkskrieges zermalmt werden. Natürlich haben proletarische Revolutionäre ihren Schwerpunkt auf den Verfolg der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital zu  setzen, um den geeigneten Augenblick zu erfassen, in dem diese unter der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates gesprengt werden kann. Für die Vorbereitung der großen Volkserhebung gegen den Imperialismus sind die militärtehoretischen Schriften von Engels, Lenin, Stalin, Mao und Giap kein Schnee von gestern. Stalin wies uns nach dem zweiten Weltkrieg darauf hin, dass man heute nicht mehr bei Clausewitz in die Schule gehen könne. Was noch, allerdings sehr bedingt, von Interesse ist, das sind die Schriften von Gneisenau und Scharnhorst zur Kleinkriegführung. Ein großer Befreiungskrieg schließt eine Guerillakriegführung unbedingt ein. Es versteht sich von selbst, dass das höhere Offizierskorps der Bundeswehr, das durch Belecken imperialistischer Militärstiefel schon ganz wunde Zungen bekommen hat, weder für den großen noch für den kleinen Verwendung finden kann, ohnehin wird man es in den Kasernen  der Imperialisten wiederfinden.

Anmerkungen zur ‚Schizophrenie in der Bundestagswahl 2017‘

6. August 2017

Alle bisher in der Geschichte der Religion und Philosophie vorgebrachten Beweise für das Dasein Gottes sind für Marx ebensosehr  Beweise für sein Nichtdasein, also für den Atheismus. Die Beweise widerlegen sich selbst, sie müssten, und hier belegt bereits der junge Marx in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation aus dem Jahr 1841 seine in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht tiefe Einsicht in den Zusammenhang zwischen einer verkehrten Welt, einer verkehrt eingerichteten Welt und einer religiösen Verkehrung, (sprich: Perversion), umgekehrt lauten. Die Religion ist der himmlische Widerschein, Reflex einer verkehrten Welt, keine Erfindung von Priestern. Vielmehr gilt es, von der Erde, von der Natur ausgehend, den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen einer unvernünftigen Welt und unvernünftigen Religionen. Den weltlichen Perversionen entspricht die religiöse Perversion. „Weil eine unvernünftige Welt ist, ist Gott“ (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,373). Die Existenz der Religion verweist auf eine gedoppelte Perversion. Das Verkehrte ergänzt sich verkehrt. Die Religion ist Ausdruck des Perversen schlechthin, der verkehrten Welt des Geldes, auch Ausdruck einer perversen Weltverdopplung.   Die perverse Religion ist zugleich auch Ausdruck und Protestation gegen eine perverse Welt. Alle philosophisch-theologischen Beweise  eines überirdischen Wesens enthalten den Verweis auf den wechselseitigen Verweis einer perversen Verdopplung in zwei Reiche. Bernard Delfgaauw hat in seinem kleinen Buch über den jungen Marx das Wort ‚Entdoppelung‘ ins Spiel gebracht, programmatisch ginge es dem jungen Marx um eine ‚Entdoppelung der Wirklichkeit‘. (Vergleiche Bernard Delfgaauw, Der junge Marx,Manz Verlag München, 1962,37). Nach seinem ersten Semester schreibt der Student Marx in einem Brief vom 10. November 1837 aus Berlin  an seinen Vater: „Hatten die Götter früher über der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben“ (Karl Marx, Brief an den Vater vom 10. November 1837, in Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 8).  Ganz offensichtlich ein Zwischenstadium, es galt nun die Götter im Zentrum der Erde zu vernichten.

So können zum Beispiel sich auf ein religiöses Fundament beziehende politische Parteien gar kein Interesse an einer sozial befriedeten Gesellschaft Gleicher, an einer Demokratie, haben, sie müssen die in Klassen gespaltene Gesellschaft aufrecht erhalten, denn die Qual der Ausgebeuteten ist zugleich ihr Lebenselexier. Die Aufrechterhaltung der Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche koppelt die Armen auf der Suche nach einem Ausweg aus der sozialen Misere immer auch schafsköpfig an eine jenseitige Lösung. Die ausgebeuteten Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter dürfen nicht mit der Wissenschaft ihrer Befreiung in Berührung kommen, die mit der Kritik der Religion anhebt, denn „die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,378). Der Kommunismus beginnt sogleich mit dem Atheismus. Die sich in einer Sackgasse befindliche niedergedrückte Kreatur kann als niedergedrückte nicht anders als hoffen, dereinst zu einem selbstbewusstem Wesen, gegebenenfalls im Jenseits, erlöst zu werden, das heißt im Himmel ein Leben zu führen, wie ein Reicher es ihm hier bereits auf Erden vorgelebt hat. Das Bildungssystem der spätkapitalistischen Gesellschaft hält zu diesem das Lebensglück vertagenden Versäumnis an. Religiös bedingte Barmherzigkeit wird hier und da gewährt, ein ordentliches, warmes Essen einmal im Jahr am sogenannten Heiligen Abend, ein Wintermantel gegen die Eiseskälte,Winterwagen, Tafeln, Suppenküchen, Klosterspeisung,  Marx und Engels sprechen im ‚Kommunistischen Manifest‘ vom pfäffischen Sozialismus, aber in ihrem politisch-sozialen Kern schützen die das Volk mit der Religion verdummenden Politiker  die Reichen und Mächtigen und sind hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Immer wieder muss die spätkapitalistische Gesellschaft ihre Maske der Humanität fallen lassen, damit ihre terroristische Visage zum Vorschein komme. Diese Politiker sind falsche Menschen, Heuchler durch und durch. Marx gibt uns diesbezüglich in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation einen bemerkenswerten Hinweis zum Verhältnis von fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräften (die aus Linkshegelianern bestehende liberale Partei) und reaktionären (die religiös-dogmatische Partei der Rechtshegelianer). „Die erste aber ist sich … des Prinzips im allgemeinen bewußt und ihres Zweckes. In der zweiten erscheint die Verkehrtheit, sozusagen die Verrücktheit, als solche. (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,331). Die Heuchler spiegeln ihre Seele in der Reinheit des himmlischen Lichtes, während sie ihre Exkremente auf die von den Kapitalisten ausgebeuteten Völker fallen lassen. Denn ihr Reich ist ja nicht von dieser Welt. Auch wenn es verrückt ist, so ist es  in bürgerlichen Wahlsystemen gang und gäbe, Parteien zur Wahl zuzulassen, die im Kern auf einem anderen Planeten im Jenseits wohnen. Eine dem gesellschaftlichen Fortschritt dienende Demokratie beginnt mit dem Verbot von sich auf  religiöse Fundamente beziehenden „politischen“Parteien.