Der Atheismus und die technisch-industrielle Revolution

 

Die Degradierung der Philosophie im Gefolge der Feuerbachschen Religionskritik, nach seiner 1841 im ‚Wesen des Christentums‘ veröffentlichten Feststellung, dass sie nur eine andere Form  der Theologie sei, ging bereits gegen die Ideen von 1789, denn die bürgerliche Aufklärung hatte die Philosophie gegen die Theologie nach oben gehievt, über sie, während Feuerbach beide ineinander schob. 1789 wurde die alte Welt auf den Kopf gestellt, was auch beinhaltet, dass die bürgerliche Revolution eine von Philosophen vorangetriebene war, eine von politisierenden Kopfarbeitern für politisierende Kopfarbeiter. Die Revolution von 1789 war keine menschliche Revolution; gerade die das kulturelle Leben dominierenden bürgerlichen Intellektuellen verhinderten die Erkenntnis und Organisation der ‚forces propres‘ als gesellschaftliche.

Hegel nun ist noch sehr stark ein sich selbst genügender Denker der vorindustriellen Zeit, er ist nach Löwith ein philosophierender Theologe. Auch für Hegel beginnt der Tag mit dem Sonnenaufgang, aber am Ende des Tages wird der Mensch ein Gebäude vollendet haben, eine innere Sonne, und diese wird er höher schätzen als die äußere des Morgens. Aber in dieser Überlegung Hegels aus der ‚Philosophie der Weltgeschichte‘ steckt beides: Idealismus und die universelle Bedeutung der menschlichen Arbeit. Mit gleichem Recht kann gesagt werden, die Hegelsche Philosophie sei eine ‚Theologie der Arbeit‘, eine inkommensurable Komposition aus Mittelalter und Neuzeit. In dem Schlusssatz der Philosophie der Geschichte heißt es am Ende des 51. Kapitels: „Nur die Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist“. 1. Gott verwirklicht sich als geschichtliche Vernunft und man kann sich gegen eine Interpretation, die den Schwerpunkt auf das ‚Wirken‘, auf das „Werk“ legt, nicht ohne weiteres abweisen. Hegel und auch noch Feuerbach, dieser in gewissen Passagen seines Werkes, gehen noch von einer zweigeteilten, einer himmlischen und einer irdischen Welt aus und es kam gegen sie auf eine Verbindung von Atheismus und Technik an, die Marx und Engels zunächst unabhängig voneinander herstellten. 

Erst die technisch-industrielle Revolution mit ihren phantastischen Möglichkeiten, in das Naturgeschehen einzugreifen und sie zu bearbeiten, ausreichend Lebensmittel für alle zu produzieren und sich die Natur untertan zu machen, hat das Studierzimmer des Philosophen verwüstet und ihn in eine Weltwirksamkeit zur Gründung einer neuen atheistischen Gesellschaft hinausgeschleudert, in der der Mensch frei und weltimmanent schöpferisch sein kann. Es war die Bearbeitung der Natur, durch die seine Intelligenz wuchs und Gott dahinsiechte, das Werk seiner selbst schon längst aus der Hand gegeben. Die durch die technisch-industriellen Revolution auf der praktischen Seite freigesetzte, bis an den Rand des Größenwahns gehende Omnipotenz menschlicher Gestaltungsmöglichkeiten, unvereinbar mit dem Christentum, entsprach auf der theoretischen Seite die Entthronung Gottes, der Sieg des Atheismus, die Einsetzung des Menschen als Prometheus, beides zusammen ergab einen Eingriff in das Weltgeschehen, das in der bisherigen Weltgeschichte nicht für möglich gehalten wurde.

Dadurch, dass durch die technisch-industrielle Revolution, diese wirklich große Revolution hinter den politischen Ereignissen, Engels sagt einmal, James Watt habe eine größere Bedeutung für die Weltgeschichte als Robespierre, dadurch also, dass alle Menschen der Welt eines Tages ein gutes und sorgenfreies Leben führen können, wird der Atheismus garantiert werden. Marx recht verstanden: Das allgemeine Elend ist die Wurzel der Religion („Kommt zu mir ihr mühselig Beladenen“), der allgemeine Wohlstand die des Atheismus. Spätestens seit Spinozas Analyse der Bibel ist davon auszugehen, dass auch diese von Menschenhand geschrieben und gesellschaftliche Verhältnisse wiederspiegelt: ‚Kommt zu mir, ihr mühselig Beladenen‘. Mit seiner Industriereligion stellt sich der utopische Sozialist Claude Henri Saint-Simon noch als Mittelglied dar. Mit dem Tod Gottes ist die Welt nicht sich selbst überlassen worden, im Gegenteil, dieser „kolossale“ Tod war notwendig zur projizierten Freisetzung eines eigenmächtig Megapotenzen entwickelnden Kollektivs, in der zehnten Feuerbachthese „gesellschaftliche Menschheit“. 2. genannt. Der ganze industrielle Komplex blieb bei fast allen bürgerlich-professoralen Stubenhockern in der Anmerkung, auch hier musste vom Kopf auf die Füße gestellt werden, die Anmerkung wurde Haupttext und Gott geriet in die Anmerkung zur Industrie.

Deshalb reichte das von Feuerbach angebotene ‚Du‘ außerhalb des Studierzimmers in diesem Zusammenhang nicht hin. Die sich bisher schwer depressiv gestaltende Weltgeschichte ohne Aussicht auf positive Umkehr verleitete zu ihrer metaphysischen Betrachtung. Hegel legt sie trotz der Not und des Elends aus als eine von Vernunft geprägte. Saint-Simon, der den Spruch prägte: ‚Jeder nach seinen Fähigkeiten – jedem nach seinen Werken‘, sah in der industriellen Revolution die richtige Weichenstellung für eine positive Entwicklung bis hin zu einem vereinten Europa. Marx reinigt nüchtern die von ihm auf eine materialistische Basis gestellte Geschichte von jedem Aberglauben und Fideismus, also auch von Hegels Vernunft, Feuerbachs Geschichtsidealismus und Saint-Simons Utopismus. Für Marx bedingen sich die Geschichte der Natur und die Geschichte des Menschen, Naturgeschichte und Gattungsgeschichte gegenseitig. Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte des Menschen, der selbst ein Naturwesen ist.

So sah alles in der Theorie aus, und doch barg der gigantische Wurf der technisch-industriellen Revolution einen Widersinn in sich. Das Ergebnis der technischen Entwicklung scheint zu sein, dass materielle Kräfte mit geistigem Leben ausgestattet werden und der Mensch zu einer materiellen Kraft verdummt wird. Es verschwand der Revolution die richtige Proportion zwischen Produktion und Konsumtion und Prosperität und Depression wechselten einander ab. „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion“. 3.  Die technisch-industrielle Revolution zerschnitt auch die schwachen Netze sozialer Absicherung von christlicher Barmherzigkeit aus, die vorkapitalistischen ökonomischen Gesellschaftsformationen noch eignete.

Mit der Hartz-IV-Gesetzgebung bestätigt sich die Aussage von Lenin, dass Revisionisten es fertig bringen, eine schlechtere sogenannte Sozialgesetzgebung zu fabrizieren als konservative bürgerliche Regierungen. Ohne Zweifel gehört diese sogenannte Gesetzgebung zu den schmutzigsten und schäbigsten Stücken in der Geschichte der deutschen Sozialgesetzgebung. Sie verhindert den Durchbruch zum frei-schöpferischen und atheistischen Menschen und lässt über den in bürgerlichen Gesellschaften so heimtückisch grassierenden Kult der Arbeit den Arbeistlosen mit dem subjektiven Bewußtseins eines Sündenkrüppels zum Altar des Herren kriechen. Es ist gerade ein paar Wochen her, dass ein Kumpel von mir aus Angst vor Hartz-IV Suizid beging. In der Tat, kann man die Bundesagenturen für Arbeit anders bezeichnen als ‚Houses of Terror‘ ?

1. Georg Wilhelm Friedrich  Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Reclam Verlag, Leipzig, 1924,311

2. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,7

3. Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,468

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