Partei und Räte – ein Problem der Oktoberrevolution

Warum muss die bolschewistische Partei die Räte dominieren, obwohl die Parole vor, während und nach der Oktoberrevolution lautete: ‚Alle Macht den Sowjets‘ ? Alle Macht den Sowjets beinhaltet zweifelsfrei, dass die ganze Regierungsgewalt in den Händen der Räte liegt. Waren also die Kronstädter Anarchisten und Matrosen die wahren Helden der Revolution, die die parteibolschewistisch entartete Revolution auf Ihren Grund zurückführen wollten ?  

Die Räte dürfen nicht zu einem Fetisch gemacht werden. Sowjets ohne Bolschewiki hätte bedeutet, die Oktoberrevolution zu halbieren. Im Russland des Jahres 1917 bestand der politische Fortschritt darin, dass die Räte jederzeit abwählbar waren, legislative und exekutive Gewalt vereinigten und nach Arbeiterlohn bezahlt wurden. Der Wahlkreis der Räte war zudem nicht territorial definiert, wie im bürgerlichen Parlamentarismus, sondern bestimmte sich in und aus der Arbeitswelt: Fabrik, Regiment, Bauernhof (Arbeiter-, Soldaten und Bauernsowjet). Die Eroberung des allgemeinen politischen Wahlrechts gegenüber den feudalen Mächten war einst zweifelsfrei eine progressive Angelegenheit. Heute aber ist die Demokratie gegen den Feudalismus nicht nur in ihrer parlamentarischen Variante zu einer reaktionären Sache verkommen. Die Reaktion ist heute demokratisch, Demokratie ist das große Wort im Munde aller Klassenpolitiker, Demokratie ist die Selbstverständlichkeit unserer Zeit. Aber hat nicht der Volksmund Recht, wenn er ausspricht, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist und den Charakter verdirbt ? Und wenn es das Volk ist, das herrscht, ist das Volk dann nicht schmutzig und hat nicht das Volk dann einen verdorbenen Carakter ? In der Tat haben wir es in der modernen Demokratietheorie mit schmutzigen und vrdorbenen Völkern zu tun. In einer proletarischen Erhebung wird der Versuch unternommen werden, den ganzen perversen politischen Dreck von sich abzuwerfen. Lenin pflegte zu sagen, dass wir in der Frage des Zieles mit den Anarchisten gar nicht auseinandergehen. Die Völker tappen heute politisch weitgehend im Dunkeln, als gäbe es nur in den Naturwissenschaften Gesetze. Die frühere Verdopplung der Welt durch die Metaphysik hat sich als Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften kontinuiert. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution ist auch ein Kampf zwischen einer monistischen und dualistischen Weltanschauung. Die Sklaven der Konterrevolution sind in sich gebrochene Individuen, jenseits der Einheit von Mensch und Natur. Immer verdrängt Ideologie den Menschen als Naturwesen, um sich als ‚Zwei-Welten-Theorie‘ festzusetzen.

Wer kommt schon in der Ekelwelt des Alltäglichen dazu, sich ernsthafte Gedanken zu machen, was es bedeutet, wenn Lenin davon spricht, dass in der Politik die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. 1. Die sowjetische Sphinx gibt den bürgerlichen Politikern Rätsel auf. Grundsätzlich sind die Sowjets Keimformen des Absterbens jedes Staates, sie sind nicht nur die höchste Form des Demokratismus, sondern auch der Anfang der sozialistischen Form des Demokratismus. 2. Die Räte sind die „zweckmäßigste Organisationsform für den Kampf der Arbeiterklasse um die Macht“, sind „Totengräber der bürgerlichen Staatsmaschine“, in ihnen liegt der Keim dafür, dass die Revolution den Krieg besiegen kann. 3.   Für Stalin war der Sowjet ein „neuer Typus des Staates, der nicht den Aufgaben der Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Massen angepaßt ist, sondern den Aufgaben ihrer völligen Befreiung von jeder Unterdrückung und Ausbeutung“. 4. Natürlich ist der Wähler seinem Gewählten in der Rätedemokratie näher als in der parlamentarischen Republik. Der Gewählte kann in jedem Augenblick gemaßregelt, auch abgewählt werden. Der Parlamentarismus hat nicht die für die Demokratie notwendige Formierung der Massen zur Voraussetzung, er geht von lockeren Massen aus, wobei er nicht zugeben kann, dass diese in Klassen aufgeteilt sind und hinterläßt am Ende ein vom imperialistischen Krieg verwüstetes Land.  Es hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts auf der anderen Seite herausgestellt, dass die Existenz der Sowjetunion mehr an die Kaderpartei gebunden war als an die Institution, die ihr den Namen gab. Der Theorie nach sollten die Arbeiterräte alle Macht im Staate haben. Als im roten Oktober die revolutionäre Sache auf Messers Schneide stand, fand Stalin am 15. Oktober 1917 in der ‚ Rabotschi Putj‘ die Worte: „Ist es nicht klar, daß die Sowjets und nur die Sowjets berufen sind, die Revolution vor der nahenden Konterrevolution zu retten ?“ 5. Nur die Sowjets !! Der Sieg im bewaffneten Oktoberaufstand war zugleich der Höhepunkt der Sowjetbewegung, denn der Petrograder Sowjet, der Leuchtturm für alle anderen Sowjets in Russland, erhielt ja tatsächlich die Staatsgewalt durch den Aufstand, allerdings nicht aus den Händen einer kommunistischen Partei, sondern aus den Händen des aus Bolschewisten gebildeten ‚Revolutionären Militärkomitees‘. So war der konkrete historische Ablauf.

Es ist an dieser Stelle angebracht, zur Thematik des Verhältnisses von Partei und Rat Grundsätzliches herauszuheben: Dass die Sowjets Keimformen des Absterbens jedes Staates sind, das war bewußtseinsmäßig nicht intern in den Sowjets. Die Sowjets waren Ausdruck eines an sich seienden Marxismus, der noch nicht ein Marxismus für sich geworden war und seit der Februarrevolution auch nicht werden konnte. Sie konnten daher das Volk nicht auf die lichten Höhen des Kommunismus führen. Wie die Gewerkschaften nur ein trade-unionistischen Bewußtsein haben konnten, so die theoriedefizitären Räte nur ein demokratisches. Die große Mehrheit der Sowjetmitglieder konnte sich unter der Aussage von Engels, dass die Demokratie im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus einschläft, nichts vorstellen. Vor der kommunistischen Partei als oberste Erziehungsinstanz der Volksmassen sterben auf einer hohen Entwicklungsstufe der Revolution zunächst die Räte ab. Auch die Partei ist dann im weiteren eine sich selbst aufhebende. Dass sowohl die Partei als auch der Rat den Todeskeim in sich tragen, das ist etwas Gemeinschaftliches zwischen beiden.   Gorki verstand nach einer Feststellung von Lenin wenig von Politik, er nahm die Räte gegen die Partei Lenins in Schutz. Die Räte herrschten für Gorki nur auf dem Papier. Der amerikanische Journalist Louis Fischer, der neben einer Biografie über Lenin auch eine über Gandhi verfasst hat, schrieb kurz und lapidar: „Die Sowjets wurden zu Werkzeugen der Kommunistischen Partei“. 7. Festzuhalten ist, dass die Sowjets nach der Oktoberrevolution qualitativ andere waren als nach der Februarrevolution. So klingt es gut in den Ohren des offiziellen Marxismus. Oder ist nicht vielmehr festzuhalten, dass sich die Sowjets vorher und nachher als Fetischdiener erwiesen hatten ? In der Periode zwischen den Revolutionen ist das ganz deutlich zu sehen. Obwohl die Kadetten bei Wahlen durchgefallen waren, hatten die kleinbürgerlichen Sowjets nichts Eiligeres zu tun als diese wieder aufzuwerten, ihnen gleich nach den Wahlen, nach einem Wort Trotzkis, einen „Ehrenplatz“ in der Koalitionsregierung anzubieten.

Die Frage des Verhältnisses von Kaderpartei und Sowjetmacht hängt eng mit der Frage der Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. Die Missachtung dieser Sonderstellung führt zu Missverständnissen während der Beleuchtung des Verhältnisses zwischen proletarischer Partei und proletarischem Rat. Eine in der politischen Praxis beschränkte, ideologisch überhöhte bürgerliche Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), in der das Kapital aus allen Poren bluttriefend zur Welt gekommen war, wurde vollzogen im Licht eines in der ‚Enzyklopädie‘ Diderots angeblich vorliegenden Weltwissens (siehe auch Hegels absolutes Weltgeistwissen) und im Namen des ganzen Volkes; eine totale kommunistische kam ohne eine solche Erkenntnis und ohne ein solches Wissen aus und vollzog sich im Namen einer besonderen Klasse, die wie die kapitalistische eine Sonderstellung in der modernen Gesellschaft einnimmt.  Die Sonderstellung der Kapitalisten und die Sonderstellung der Proletarier in der bürgerlichen Gesellschaft sind antagonistisch entgegengesetzte Stellungen. Nimmt man die Parole der französischen Revolution „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ an, nimmt man sie plakativ, so hätte es auf den ersten Blick einer Arbeiterrevolution, also einer Oktoberrevolution nicht mehr bedurft. Aber die Bürgerlichen legten diese Parole primär politisch-juristisch aus, nicht primär sozial. Der bürgerliche Vernunftstaat endete in der Anarchie der Produktion und vor allem in der Lohnsklaverei, aus der die Sozialisten einen Ausweg suchten und auch fanden:  Die Sonderstellung des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft ist eine gedoppelte: Im kapitalistischen Produktionsprozess ist es eine geknechtete Klasse, in dem der Verlust des Menschen durch Entwertung seiner Arbeit stattfindet. Nur der Speer, der die Wunde schlug, kann sie auch wieder heilen. Zugleich führt dieser völlige Verlust des Menschen zu seiner Umkehr durch diesen Produktionsprozess selbst: die ökonomische Rolle des Proletariats in der Großproduktion ergibt die zu einer erfolgreichen Revolution notwendige Disposition: das Proletariat wird unter kapitalistischen Produktionsbedingungen nicht wie die anderen Klassen zersplittert, sondern vereint, konzentriert, zu intensiver Schlagkraft geformt. „Die Herrschaft der Bourgeoisie stürzen kann nur das Proletariat als besondere Klasse, deren wirtschaftliche Existenzbedingungen es darauf vorbereiten, ihm die Möglichkeit und die Kraft geben, diesen Sturz zu vollbringen. Während die Bourgeoisie die Bauernschaft und alle kleinbürgerlichen Schichten zersplittert und zerstäubt, schließt sie das Proletariat zusammen, einigt und organisiert es. Nur das Proletariat ist – kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion – fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, … die zu einem selbständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind“. 8. Eine soziale Revolution, noch notwendig, die letzte der Weltgeschichte, schleudert, wie es Marx formulierte „die politische Hülle fort“. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und es galt, die Gesellschaft von den Klassenkämpfen zu befreien durch Abschaffung der Klassen selbst. Man kann das Wesen des Marxismus und das Wesen des Leninismus nicht erfassen, wenn man nicht die ausgesprochene Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt. Lenin hat diese schon sehr früh erkannt, im Alter von 27 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert hatte er eine kleine Schrift verfasst, die mit Bedacht gelesen sein will und die zwei charakteristische Elemente des Leninismus enthält, sie trägt bezeichnenderweise den Titel: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie“. In Weiterführung der Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ 9.  haben und dass nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse ist, dass alle übrigen Klassen mit der großen Industrie verkommen und untergehen 10., pocht er vehement auf die proletarische Sonderrolle 11., zugleich betont er vehement die Hauptwaffe des Proletariats, seine Organisation. 12. Man kann es als einen Merksatz aufstellen: Für den Leninismus liegt die Befreiung in der Organisation, die wiederum Disziplin voraussetzt. Organisation ! Organisation ! Organisation ! „Die Kraft der Arbeiterklasse ist die Organisation. Ohne Organisation der Massen ist das Proletariat nichts. Organisiert ist es alles“. 13. Schon 1897 zeichnet sich im Denken Lenins, Marx und Engels gedanklich fortsetzend, Sozialismus als Parteidiktatur ab, eine Gesellschaftsformation geleitet und angeleitet von einer Kaderpartei, die gegenüber allen anderen Organistionen des Proletariats einen Sonderstatus einnimmt, denn nur diese Partei hat auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung inne. Die Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft bedingt den Sonderstatus der kommunistischen Partei in der sozialistischen. Diese Sonderrolle der Arbeiterklasse hatte der junge Marx 1843/44 in seiner kritischen Auseinandersetzung mit Hegels Staatskonzept in dessen Rechtsphilosophie zuerst prägnant auf den Begriff gebracht. Das Proletariat ist eine Klasse, die „kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird …“. 14. Schon allein in der Existenz des Proletariats liege die Auflösung der inhumanen bürgerlichen Gesellschaft. Das staatlich fixierte „Unrecht schlechthin“ muss der totalen Emanzipation zu einem staatsfreien Zusammenleben vorausgehen.

Könnte es denn für einen Kommunisten den leisesten Zweifel geben, wenn es um die Wahl zwischen Parteidiktatur und Rätediktatur ginge ? Besteht nicht die Aufgabe dieser Partei darin, das Streben der Ausgebeuteten nach Befreiung bewusst zum Ausdruck zu bringen. Um dieses Bewusstsein, respektive um den wissenschaftlichen Sozialismus kreist das parteimäßig organisierte Proletariat im ersten Orbit, die Räte im zweiten. Dem trug auch Stalin Rechnung, indem er in seiner Rede zum Tode Lenins als wichtigste Vemächtnisse des gerade Einbalsamierten hervorhob, die Reinheit und die Einheit der Partei zu bewahren. Die Räte werden in dieser Rede nicht einmal erwähnt, sie sind für Stalin wohl nicht wie die Bolschewiki aus besonderem Material geformt.  Alle Versuche, am Sonderstatus der selbstkritischen kommunistischen Partei zu rütteln, wie es die Matrosen 1921 in Kronstadt taten, enden in der Auflösung der Diktatur des Proletariats.

1. Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8 

2. Vergleiche Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,259

3. Vergleiche Lenin, Krieg und Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,411

4. Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,106

6. Josef Stalin, Die Streikbrecher der Revolution, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,355 

7. Louis Fischer, Das Leben Lenins, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1970,302

8. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,416. Insbesondere aus der politischen Unselbständigkeit der russischen Bauern leitete Trotzki zum Überleben der Oktoberrevolution die Notwendigkeit eines Bündnisses des russischen Proletariats mit dem westeuropäischen ab, während nach dessem Ausbleiben und seiner Unwahrscheinlichkeit in der nächsten Zukunft, auf die der Faschismus Anspruch erhob, ab 1925 die Clique um Stalin immer mehr die Notwendigkeit eines rein innerrussischen Bündnisses zwischen proletarischen Lohnarbeitern und Kleinbauern auf dem Land und städtischen Proletariern betonte, bei zeitweiliger Neutralisierung des Mittelbauern

9. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474

10. a.a.O.,472

11. Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,337

12. a.a.O.,332 

13. Lenin, Der Kampf gegen die kadettisierenden Sozialdemokraten, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1960,314

14. Karl Marx, Kritik der HegelschenRechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,390

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: