Trotzki und die Oktoberrevolution

 

Gern stellen die Trotzkisten die Sache so dar, als habe nur Trotzki mit seiner Theorie der permanenten Revolution die Februarrevolution über ihren bürgerlichen Horizont hinausgedacht und nur Lenin hätte von den Bolschewiki die Richtigkeit der Einsichten Trotzkis erkannt und diese übernommen. Nicht nur die Schriften Lenins widerlegen diese Geschichtsfälschung. Als Lenin seine berühmten Aprilthesen verkündete, die den kleinbürgerlich beschränkten Horizont der Februarrevolution aufsprengten, saß Trotzki in einem Internierungslager in Hallifax fest. Er kam erst Anfang Mai nach Russland, am zweiten Tag des Eintritts der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre in die Koalitionsregierung.

Um sich als Mann der Stunde zu präsentieren, tritt Trotzki mit der Mär von den zwei Etappen der Oktoberrevolution auf. Entscheidend sei die erste in der ersten Oktoberhälfte gewesen, als Lenin wegen politischer Verfolgung noch abwesend war: Die Weigerung der Petrograder Garnison, sich von Kerenski zu zwei Dritteln an die Front verlegen zu lassen. Mit dieser Weigerung sei man de facto in den bewaffneten Aufstand eingetreten – eine sehr gewagte Behauptung.  Lenin habe diesen Umstand nicht in seiner ganzen Bedeutung erkannt, habe nicht erkannt, dass der berühmte Aufstand vom 25. Oktober bereits durch diesen Umstand zu drei Viertel, wenn nicht mehr, entschieden war (Vergleiche Leo Trotzki, 1917 – Die Lehren des Oktobers, in: Leo Trotzki, Revolution in Russland, manifest marxistische schriften, Berlin, 2017,139).  Trotzkis Mär von den zwei Etappen der Oktoberrevolution könnte auch nur auf Petrograd zutreffen, in Moskau gab es ja keinen Befehl an die Garnison, die Stadt zu verlassen.

Was aber hier neben der dreisten Behauptung Trotzkis, das Entscheidende der Oktoberrevolution habe sich in Abwesenheit von Lenin vollzogen, zum Ausdruck kommt, ist wiederum eine mechanische Denkweise Trotzkis. Dass ein großer Teil einer Garnison in einer Hauptstadt verbleibt ist zwar gewichtig, hat aber als Einzelpunkt nicht die dezisionistische Allgewalt, die allein in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution liegt, ein komplexer Prozess, der im entscheidenden Umschlagsblitz mehr intuitiv denn mathematisch den Ausschlag gibt. In ihm, im Blitz, liegt das, was man das „Genie der Revolution“ nennt.   Allein die Tatsache der Abzugsverweigerung, Trotzki spricht vom ‚Garnisonsexperiment‘, machte nicht zwei Drittel der Garnison automatisch bolschewistisch oder zur Anhängerschaft eines bewaffneten Aufstandes.

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Schriften Lenins zum bewaffneten Aufstand im Jahr 1917, und nicht nur in diesem, die Befürchtung, dass die mit ihm Befassten das mathematische Räsonnement favorisieren und einknicken, denn die numerische Lage neigte sich recht eindeutig zur Konterrevolution. Die noch immer in der weiten Provinz unter der ideologischen Fuchtel der Sozialrevolutionäre stehenden Millionenmassen von Kleinbauern standen der Kommune ablehnend oder neutral gegenüber. Die Oktoberrevolution war zunächst eine Revolution in den Industriemetropolen Petrograd und Moskau, in denen die Sowjets im Oktober 1917 mehrheitlich bolschewistisch ausgerichtet waren. Das russische Dorf zog erst nach einem Jahr nach. Ohne diese urbanen Mehrheitsverhältnisse wäre ein bewaffneter Aufstand ein zum Scheitern verurteiltes Abenteuer gewesen. Für Lenin waren diese sowjetischen Mehrheitsverhältnisse ausschlaggebend und nicht irgendwelche Stimmungen in  der Petrograder Garnison.

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