Wie sich im Spätwerk von Marx und Engels eine radikale soziale Revolution in Russland abzeichnet

Die  vor hundert Jahren ausgebrochene Oktoberrevolution  hat das ganze 20. Jahrhundert geprägt und darüber hinaus. Vieles ist 2017 schon zu dieser epochalen Revolution geschrieben worden und  wird noch geschrieben werden. Ich möchte heute den theoretischen Unterbau skizzieren, den die Vorläufer von Lenin und Stalin angelegt hatten und den Lenin und Stalin weiterentwickelten. Marx und Engels wandeln sich in ihrer Einschätzung Russlands in dem Maße, in dem der Schwerpunkt der Revolution von Westen nach Osten wanderte. Die Dreh- und Angelpunkte sind dabei die Niederlage Russlands im Krimkrieg und die Niederlage der Pariser Kommune im Jahr 1871.

Am Anfang ihres theoretischen Schaffens waren Marx und Engels von zwei Ländern in Europa wenig angetan: Deutschland und Russland. In einer seiner ersten Veröffentlichungen in den ‚Deutsch-Französischen Jahrbüchern‘, in der ‚Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung‘  hebt Marx sowohl die politische Rückständigkeit Deutschlands als auch die politische Rückständigkeit Russlands besonders hervor 1. Der junge Engels legt seinen Schwerpunkt ganz auf das Studium der sozialen Bewegung in England (siehe: Die Lage der arbeitenden Klasse in England).  Liest man das 1848 geschriebene ‚Kommunistische Manifest‘ aufmerksam, so fällt auf, dass die Lethargie in Bezug auf Deutschland  gewichen ist, nicht aber in Bezug auf Russland. „Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht und weil es diese Umwälzung unter fortgeschritteneren Bedingungen  der europäischen Zivilisation überhaupt und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als England im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert, die deutsche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann“ 2.  Dieser hier von Marx und Engels skizzierte Ablauf fand erst cirka 70 Jahre später in Russland statt, während 1848 Russland im Kommunistischen Manifest‘, das erst 1869 in Genf von Bakunin ins Russische übersetzt wurde, nicht einmal erwähnt worden ist. So sehr lag Russland in der Mitte des 19. Jahrhunderts abseits der Weltstraße des Sozialismus und ein Jahr später wird diese Abseitsstellung noch verstärkt. Mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch die Truppen des Zaren wird Russland auf Jahrzehnte  zum Gendarmen der europäischen Konterrevolution. In diesem Milieu konnte kein Lenin groß werden. Und gegen dieses Milieu richteten Marx und Engels die Hauptaufmerksamkeit des Proletariats, indem sie 1848 zum Krieg gegen Russland aufriefen. Den ersten ernsthaften Hieb erhielt das Bollwerk der europäischen Reaktion durch den Krimkrieg, der 1853 ausbrach und 1856 mit einer Niederlage Russlands endete. Dieser Krieg, der einen europäischen Charakter angenommen hatte,  deckte schonungslos auf, wie hoffnungslos unterlegen eine auf einer alten Produktionsform beruhende Armee einer modernen war. Die Leibeigenschaft geriet auf den Prüfstand und das Tor zu einer umfassenden Industriealisierung wurde in diesem riesigen Agrarland aufgestoßen. Die Leibeigenschaft wurde 1861 eher formal als wirklich abgeschafft, aber immerhin breitete sich  eine  warenproduzierende Landwirtschaft aus. Die Naturalwirtschaft machte der Tauschwirtschaft Platz und der russiche Grund und Boden wurde in eine Ware verwandelt.

Ich sprach von dem Dreh- und Angelpunkt der Pariser Kommune. Die Niederlage des Pariser Proletariats bewirkte, dass sich der Schwerpunkt der Revolution nach Osten verschob.  Aber schon vor der Pariser Kommune hatte Marx aus der Lektüre des Buches von Flerowski ‚Die Lage der Arbeiterklasse in Rußland‘ heraus in einem Brief an Engels vom 12. Februar 1870 prophezeit, dass für Russland eine furchtbare soziale Revolution bevorstehe. Und knapp sechs Wochen später, am 24. März 1870, schrieb Marx an die Mitglieder des Komitees der russischen Sektion der I. Internationale, dass Russland an der allgemeinen Bewegung des Jahrhunderts teilzunehmen beginne. Das Wesen der Kommune bestand aus zwei sich auseinander ergebenden Kernelementen: sie war eine Regierung der Arbeiterklasse, die die Abschaffung der Klassen, dieses wahre Geheimnis der proletarischen Bewegung, intendierte. Anlässlich des Slawischen Meetings zum 10. Jahrestag der Pariser Kommune schrieben Marx und Engels 1881 an den Vorsitzenden dieser Kundgebung: „Als die Pariser Kommune dem furchtbarem Massaker unterlagen, das die Verteidiger der Ordnung organisiert hatten, dachten die Sieger wohl nicht daran, dass keine zehn Jahre vergehen würden, bis sich im fernen Petersburg ein Ereignis abspielen würde, das, wenn auch vielleicht nach langen und heftigen Kämpfen letzten Endes und mit Sicherheit zur Errichtung einer russischen Kommune führen müsse“. 3.  Ich weise in diesem Zusammenhang auf eine Studie von Bernhard Dohm aus dem Jahr 1955 hin, in der er zu folgendem Ergebnis kommt: „Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune und nach dem Eintritt einer Ebbe in der revolutionären Bewegung im Westen sahen Marx und Engels allein in Rußland das Land, von dem eine Neubelebung dieser revolutionären Bewegung ausgehen werde, mehr noch: Sie sahen in der bevorstehenden russischen Revolution das Signal für die Revolution des Proletariats im Westen“. 4. Die Vorzeichen wechselten also.

Ist nicht das Aufkommen eines Titans des Marxismus wie Lenin Ausdruck eines revolutionären Potentials, das in der russischen Arbeiterklasse schlummerte ?  1902 hatte Kautsky den Artikel ‚Die Slawen und die Revolution‘ in der revolutionären ‚Iskra‘ veröffentlicht, in dem er darlegte, dass Russland längst aufgehört habe, für Westeuropa ein bloßer Hort der Reaktion und des Absolutismus zu sein. Wörtlich schrieb er: „Die Slawen waren 1848 der eisige Frost, der die Blüten des Völkerfrühlings tötete. Vielleicht ist es ihnen beschieden, nun zum Föhnsturm zu werden, der das Eis der Reaktion zum Bersten bringt und einen neuen, glücklichen Völkerfrühling mit Macht herbeiführt“ 5. Auch Stalin hatte diesen Aufsatz aufmerksam gelesen. Das Denken der russischen Revolutionäre wandelte sich, immer weniger waren sie bereit, in politischer Hinsicht vom Westen zu lernen, in ökonomischer und technischer Hinsicht natürlich immer noch. Anfang August 1917 fielen im Vorfeld der Oktoberrevolution Stalins berühmte Sätze: „Man muß die überlebte Vorstellung fallen lassen, daß nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren“. 6. Schon hier liegt wohl die erste Äußerung Stalins vor, dass Russland den Sozialismus auch ohne westliche Revolutionsunterstützung wird aufbauen können. In der Tat haftete den Kritikern Stalins ein Dogmatismus an, der sie die tiefe Bedeutung der Oktoberrevolution nicht erkennen ließ, die sie zu eingefleischt immer nur mit westeuropäischen Augen anstierten und bewerten wollten. Die Dogmatiker kannten nur einen eurozentristischen Marxismus. Die Oktoberrevolution gehört nicht nur in den Kontext rein europäischer Revolutionen, sie schert als eurasische aus ihm aus.  Das wird wichtig für die Kontroverse mit Trotzki, der letztendlich auf dem Standpunkt von 1848 verharrte: Die Rettung der europäischen Arbeiterrevolution kann nur aus dem Westen Europas kommen ! Trotzki hatte nichts vergessen und nichts gelernt. Der Imperialismus und der erste imperialistische Krieg hatten zur Folge, dass durch beide die Auffassung außer Kraft gesetzt wurde, die Sache der Demokratie und die Sache des Sozialismus seien nur mit Europa verknüpft.

 Im Hintergrund von Stalins Äußerung stand also der Gedanke, dass sich das Zentrum der revolutionären Bewegung vom Westen nach Osten verlagert habe, das Zentrum der Reaktion aber immer mehr nach Westen. In diesem Zusammenhang ist auch Stalins Kritik an der Auffassung des alten Friedrich Engels aus dem Jahr 1890 zu sehen, Russland sei, so seine Darlegung in dem Artikel ‚Die Außenpolitik des russischen Zarentums‘ nach wie vor das Bollwerk der Reaktion in Europa. Stalin führt an, dass die Bedeutung Russlands in Europa nach seiner Niederlage im Krimkrieg ständig gesunken sei und dass es im ersten Weltkrieg nur noch eine Art ‚Hilfsreserve‘ für die Hauptmächte Europas dargestellt habe. 7. Erst zwischen 1891 und 1893 erkennt Engels die unumkehrbare Gebrechlichkeit des alten Gendarmen im Osten.  Er fiel in der Februarrevolution, aber erst die Oktoberrevolution gab ihm in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 in Jekaterinburg   den Todesstoß.

Die Oktoberrevolution stellte alles auf den Kopf. Hatte der junge Marx um die Jahreswende 1843/44 zwischen der russischen Rückständigkeit und der deutschen noch ein Gleichheitszeichen gesetzt, so geriet dieses in Lenins Bild von den zwei Küken ins Positive: Lenin erspürte bereits Anfang 1921 bei der Begründung der NEP eine Art zwillingshafter Verwandtschaft zwischen beiden Ländern: Sozialismus wäre, wenn Rußland Deutschland politisch und Deutschland Rußland ökonomisch ergänze. „Die Geschichte (von der niemand, vielleicht außer den menschewistischen Flachköpfen ersten Ranges, erwartet hatte, daß sie uns glatt, ruhig, leicht und einfach den „vollen“ Sozialismus bringen werde) nahm einen so eigenartigen Verlauf, daß sie im Jahr 1918 zwei getrennte Hälften des Sozialismus gebar, eine neben der anderen, wie zwei künftige Küken unter einer Schale des internationalen Imperialismus. Deutschland und Rußland verkörpern 1918 am anschaulichsten die materielle Verwirklichung einerseits der ökonomischen, produktionstechnischen, sozialwirtschaftlichen Bedingungen und anderseits der politischen Bedingungen für den Sozialismus“. 8. Kurz: Sozialismus wäre ein Sowjetstaat vom Typus der Pariser Commune plus einer Wirtschaft mit großkapitalistischer Technik und planmäßiger Organisation, noch kürzer: Pariser Commune und deutsche Post, Sowjetmacht und Elektrifizierung.

1. Vergleiche Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,383

2. Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,493

3. Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Briefe, Dietz Verlag Berlin, 1953,411

4. Bernhard Dohm, Marx und Engels und ihre Beziehungen zu Russland, Schriftenreihe Vorlesungen des Marx-Engels-Lenin-Stalin Instituts, Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Dietz Verlag Berlin, 1955,23

5. Karl Kautsky, Die Slawen und die Revolution, in: Iskra Nr. 18 vom 10. März 1902. Lenin bringt dieses Zitat in seinem ‚Linken Radikalismus‘ von 1920 mit dem anschließenden (negativen) Werturteil: „Wie gut schrieb Karl Kautsky doch vor 18 Jahren“ (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,7).

6. Josef Stalin, Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (B), Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,173

7. Vergleiche Josef Stalin, Über Engels‘ Artikel ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums‘, in: Marx/Engels/Lenin/Stalin, Zur deutschen Geschichte, Band II, Dietz Verlag Berlin, 1952,1211f.

8. Lenin, Über die Naturalsteuer, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1961,346f.

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