Die Einheit der Welt – ein Artikel zur Adventszeit

Auf Grund der ihn auszeichnenden Warenproduktion wird der Kapitalismus die Religion nicht los. Wenn die Produzenten ihre Produkte unmittelbar austauschen ohne Dazwischenkunft des Wertes, wird auch die Anerkennung der Produzenten untereinander ohne den Umweg der Religion möglich sein. So können zum Beispiel sich auf ein religiöses Fundament beziehende politische Parteien gar kein Interesse an einer sozial befriedeten Gesellschaft Gleicher haben, sie müssen spalten, eine Verdopplung der Gesellschaft in Arme und Reiche aufrechterhalten, denn diese Verdopplung koppelt die Armen auf der Suche nach einem Ausweg aus der sozialen Misere immer schafsköpfig auch an eine jenseitige Lösung. Die niedergedrückte Kreatur kann als niedergedrückte nicht anders als hoffen, dereinst zu einem selbstbewussten Wesen, gegebenenfalls im Jenseits, zu mutieren. Das Bildungssystem der spätkapitalistischen Gesellschaft hält zu diesem das Lebensglück vertagenden Irrweg an. Religiös bedingte Barmherzigkeit wird hier und da gewährt, ein ordentliches, warmes Essen einmal im Jahr am sogenannten Heiligen Abend, aber in ihrem politisch-sozialen Kern schützen die sogenannten Christenmenschen die Reichen und Mächtigen und sind hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Sie sind falsche Menschen, Heuchler durch und durch. Sie spiegeln ihre Seele in der Reinheit des himmlischen Lichtes, während sie ihre Exkremente auf die von den Kapitalisten ausgebeuteten Völker fallen lassen.

Die Verdopplung der Welt durch die metaphysische Weltanschauung ist bedingt durch die Verdopplung der Menschheit in Herren und Knechte. Gleichheit und Einheit werden zurückgewiesen, um durch eine Pseudokomplexität des Weltzusammenhangs die Machtposition der Ideologen gegenüber den Unterdrückten, die Machtposition der Kopfarbeiter gegenüber den Handarbeitern, die Machtposition der abstrakten Arbeit über die konkrete zu festigen. Die Konterrevolution zwingt die Menschen immer zu einem Doppelleben, sie zerstört damit auch menschliches Leben. 1584 veröffentlichte Giordano Bruno in London eine Serie von Büchern, die der katholische Klerus sofort als ketzerische auffassen musste. Bruno vertrat in ihnen die Lehre von der physischen Homogentät der Welt , die Idee der Einheit der unendlichen Substanz, womit er sich gegen die Annahme eines Vakuums durch die griechischen  Atomisten wandte, und die Idee von der Allpräsenz  und alles bewegenden Weltverstandes,  der nicht irgendwo hinter dem Mond haust, sondern in jedem Ding auf Erden. Das war genug, Bruno wurde am 17. Februar 1600 auf Geheiß des Vatikans nach acht Jahren Kerker  in Rom auf dem Campo di Fiori verbrannt.

1860 entwickelte der russische Gelehrte Tschernyschewski in seiner Schrift ‚Das anthropologische Prinzip in der Philosophie‘, dass man den Menschen als ein Wesen betrachten muss, welches nur eine Natur hat. Man dürfe nicht das menschliche Leben in zwei Hälften zerschneiden, die zu verschiedenen Naturen gehören.Dieses Postulat erscheine sehr einfach, aber die Mehrheit der Gelehrten fahre fort, so klagte Tschernyschewski, den Menschen nach der früheren phantastischen Methode zu zerspalten. Und am sogenannten Heiligen Abend werden die Kirchen wieder voll sein von gespaltenen Persönlichkeiten. Für Marx bedingen sich die Geschichte der Natur und die Geschichte des Menschen, Naturgeschichte und Gattungsgeschichte gegenseitig. Die Geschichte ohne materialistische Basis war bisher immer eine übernatürliche, das Verhältnis zwischen den Produzenten und der Natur war weitgehend ausgeschlossen, „wodurch der Gegensatz von Natur und Geschichte erzeugt wird“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,39). Der in den Köpfen der Historiker spukende Gegensatz von Natur und Geschichte führte diese in eine Einseitigkeit, die die Geschichte falsch widerspiegeln musste. Man kann sagen, die Historiker sahen nur die im Lichte (Staatsmänner, große Männer), die im Schatten sahen sie nicht, die geschundenen und ausgebeuteten  Völker, Bäuerinnen kamen in den Geschichtsbüchern nicht vor). Geschichtliche Prozesse wurden oft dargeboten, als würden sie einen Anhang zur Kirchengeschichte abgeben.  Der Mensch ist ein Naturwesen. Man gerät sofort auf Abwege, separiert man ihn aus ihr. In der Geschichte werden immer wieder neue Verhältnisse der Produzenten zur Natur und untereinander geschaffen.  Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte des Menschen. Ich möcht noch kurz auf Feuerbach eingehen: Im Denken Feuerbachs liegen ohne Zweifel fruchtbare Ansätze vor. Zum Beispiel der Gedanke, dass bald die Polizei die Basis der Theologie sein wird, zum Beispiel der Gedanke, dass man in einem Palast anders denkt als in einer Hütte. Aber er nutzt sie nicht aus, ist zu wenig politisch. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse, heißt es in der ‚Deutschen Ideologie‘ (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,44). Dort heißt es auch: Für den Materialisten Feuerbach kommt die Geschichte nicht vor, und soweit er sie betrachtet, ist er kein Materialist (Vergleiche a.a.O.,45).

Solange es Staaten und Politik gibt, behauptet sich auch eine perverse Religion. Dass die politische Revolution der Religion kein Haar krümmen kann, dass ihr die Betäubung des Menschen durch religiösen Fusel gleichgültig ist, das war bereits dem 25jährigen Marx klar, die bürgerliche Gesellschaft ist pervers durch und durch und die bürgerliche Gesellschaft ist religiös durch und durch: „Religiös sind die Glieder des politischen Staats durch den Dualismus zwischen dem individuellen und dem Gattungsleben, zwischen dem Leben der bürgerlichen Gesellschaft und dem politischen Leben, religiös, indem der Mensch  sich zu dem seiner wirklichen Individualität jenseitigen Staatsleben als seinem wahren Leben verhält, religiös, insofern die Religion hier der Geist der bürgerlichen Gesellschaft, der Ausdruck der Trennung und der Entfremdung des Menschen vom Menschen ist“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,360). Man hört auf, ein Marxist zu sein, wenn man aufhört, gegen das Pfaffenpack, gegen die Religion gleich welcher perversen Spielart, gegen die asozialen Dunkelmänner, gegen diesen perversen Abschaum des Mittelalters zu kämpfen.  Wer Toleranz etwa gegenüber dem Islam predigt, spuckt der fortschrittlichen Menschheit mitten ins Gesicht. Es kann keinen atheistischen Staat geben und je mehr Marx sich in ökonomischen Studien vertieft, desto deutlicher wird ihm, dass der Pfaffe nicht der Hauptfeind des Proletariats sein kann. Der Hauptfeind steht in Gestalt der Ankäufer der Ware Arbeitskraft im eigenen Land.

Die Pariser Commune hatte diesen für soziale Revolutionen charakteristischen Zug zur Einfachheit, während konterrevolutionäre Ideologie die Gesellschaft als etwas spezifisch Widersprüchliches und Komplexes darstellen muss. Die Konterrevolution fürchtet sich, wenn sich die Revolution wie ein Mann erhebt. Lenin führt uns die westeuropäischen und russischen Philister vor, die „mit ein paar bei Spencer oder Michailowski entlehnten Phrasen … auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen u. dgl. m.“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,401) hinweisen. Das hat Lenin am Anfang seines Fundamentalwerkes ‚Staat und Revolution‘ geschrieben und das ganze Werk ist ein Plädoyer für die primitive Demokratie, ist ein Plädoyer gegen die Bürokratie, für die Köchin, die die vier Grundrechenarten beherrscht, ausreichend, den „Staat“ bzw. den Halbstaat zu regieren. Der Metaphysiker Hegel, der Apologet der preußischen Bürokratie, hatte nach der Oktoberrevolution, die eine Revolution der Einheit war, in Russland keine Chance mehr. In den großen Sowjetenzyklopädien der Stalinzeit ist eine völlig korrekte Einschätzung der Philosophie Hegels zu finden, sie wird angegeben als eine aristokratisch-feudale Reaktion auf die bürgerliche Revolution in Frankreich aus dem Jahr 1789. Hegels Servilität liegen offen zu Tage, man lese nur die untertänigsten Briefe an Autoritäten, besonders an Altenstein, seinem Minister. Hardenberg macht er zum Genie. Hegel schreibt an Kreaturen, die 1793 in Frankreich hätten dranglauben müssen. Die im Kern kleinbürgerliche 68er Bewegung musste zwangsläufig eine Hegelrenaissance mit sich bringen. Nicht aufgeworfen wurde in dieser Bewegung die Frage, warum sich der junge Marx kritisch gerade auf Hegels Darstellung des inneren Staatsrechtes warf, wo doch nach dem System Hegels  das äußere und die Weltgeschichte auch noch zur Disposition gestanden hätten? Weil er hier die Hegelsche Staatsphilosophie als Legitimationswissenschaft der Konterrevolution am besten entlarven und weil er hier den spezifischen Idiotismus der Bürokratie am besten darstellen konnte. Nichts kommt der stets Privilegien verteidigenden Bürokratie mehr entgegen als eine angebliche Komplizierung des öffentlichen Lebens, als eine ‚neue Unübersichtlichkeit‘. „Friede, Einigkeit und Gleichheit sind Feindinnen politischer Spitzfindigkeiten“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag oder die Grundsätze des Staatsrechts, Reclam Verlag, Stuttgart, 1963,149).

Wie sehr der Hitler-Faschismus, die Adenauersche Restauration und die Springer-Presse das gesellschaftswissenschaftliche Denken misshandelt hatten, wurde deutlich in der Hysterie um die Gründung der ‚Kommune No 1‘ in West-Berlin Ende der 60er Jahre. Das war eine Farce. Der Marxismus folgt den großen Spuren der geschichtlichen Entwicklungen, er ist kein Quereinsteiger in die Geschichte, mit der er gleichwohl quasi aus ihr heraus brechen muss. Der Marxismus tritt der Weltgeschichte nicht doktrinär mit einem autonomen Gesellschaftskonzept entgegen, nach dem die Geschichte zu modeln sei. Die Entwicklung des Sozialismus kommt aus dem Kapitalismus her, sie steht zunächst nicht auf eigenen Beinen auf einer eigenen Grundlage. Deshalb die Zwecklosigkeit von lokalen Kommunegründungen.

Die frühere Verdopplung der Welt durch die Metaphysik hat sich als Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften kontinuiert. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution ist auch ein Kampf zwischen einer monistischen und dualistischen Weltanschauung. Die nichtkämpfenden Sklaven der Konterrevolution sind in sich gebrochene Individuen, jenseits der Einheit von Mensch und Natur. Immer verdrängt Ideologie den Menschen als Naturwesen, um sich als ‚Zwei-Welten-Theorie‘ festzusetzen. Feuerbach löste dieses Problem nur zur Hälfte. Er entdeckt die irdische Familie als den Grund der heiligen, tastet aber die irdische nicht an. Die ‚Ehe für alle‘ ist keine progressive, sondern eine reaktionäre Angelegenheit. Man lese diesbezüglich nur mal in den Schriften Fouriers.

Der Tod des Leibes kann für religiöse Menschen kein endgültiger sein und die Philosophie ist dem sehr entgegenkommend weitgehend gefolgt. Hegel sprach vom Tod als dem absoluten Herrn, Fouché aber bodenständig nur von einem ewigen Schlaf. Feuerbach erst erwies sich als der Epikur unserer Zeit, indem er den Tod des Menschen als endgültigen rehabilitierte. Es gibt einen wahrhaftigen Tod, also gilt es, hier das Leben zu genießen, weil man es nur hier kann. Für Menschen gibt es kein Jenseits. Das Unendliche ist nicht ideell, sondern materiell. In der so gewonnenen Radikalität des Lebens lag für Feuerbach zugleich die Renaissance des Fleisches. Der Sex war für ihn die neue Religion; Marx und Engels setzten an die Stelle der Religion, von der selbst gebildetste Menschen annahmen, durch sie  in den Himmel geführt zu werden, den wissenschaftlichen Sozialismus, der zum Glück der Volksmassen auf Erden durch Anleitung bei der Ausrottung der kapitalistischen Klasse führt. Wie bereits Spinoza, der als Pantheist Wesen und Erscheinung Gottes nicht mehr auseinander hielt, Gott und Natur in eins setzte, erkannte: Was braucht der Mensch mehr als gesunde Nahrung und gute wissenschaftliche Bücher? Soweit ist der Kapitalistenabschaum heute noch nicht und er wird ohne Erziehung durch die Arbeiterklasse dieses Niveau auch nicht erreichen.

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