Die Konsequenz der technisch-industriellen Revolution

Die politische Reaktion in Europa war im Zuge der technisch-industriellen Revolution bemüht,  ‚Beten und Arbeiten‘ wenigstens noch in einer Balance halten, eine göttliche Substanz bzw. Instanz metaphysisch wenigstenz noch absichern zu wollen. Der Atheist Feuerbach bemerkte über den Metaphysiker Hegel ganz richtig: „Die Hegel’sche Philosophie ist der letzte großartige Versuch, das verlorene, untergegangene Christenthum durch die Philosophie wieder herzustellen, und zwar dadurch, daß, wie überhaupt in der neuern Zeit, die Negation des Christenthums mit dem Christenthum selbst identifcirt wird“ (Ludwig Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Klostermann Texte Philosophie, Frankfurt am Main, 1983,301f.). Aber unbarmherzig hat die Industrialisierung das Beten auf den Sonntag verdrängt.

Was Rousseau 1743 während seines Aufenthaltes in Venedig aufleuchtete, dass in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt sein wird wie bisher von Metaphysik und Religion, das hatte Napoleon am 2. Dezember 1804 für ganz Europa symbolträchtig in der Kirche ‚Notre-Dame‘ gezeigt, als er während seiner Krönung zum Kaiser Papst Pius VII. als Handlanger der Krone vorführte. Die Frühromantiker vergossen bittere Tränen über diese Szene, die die ganze Halbheit der bürgerlichen Revolution anzeigte: ein Kaiser als Resultat einer bürgerlichen Revolution – kann man da überhaupt noch von einer klassischen Revolution sprechen? –  ein Kaiser also, der durch Terraingewinn den Bereicherungstaumel der französischen Bourgeoisie vervielfältigt – der Louvre in Paris ist ein einzigartiges Denkmal krimineller Energie – und der durch eine Geste den Pöbel blendet.

Hegel, der 1806 in seiner ‚Phänomenologie‘ die Philosophie vor der Religion rangierte, kann nach Feuerbach  sich dennoch hier nicht anschließen, denn seine Philosophie sei, wie er im Paragraph 21 in den ‚Grundsätzen der Philosophie der Zukunft‘ betont, die Negation der Religion, die selbst wiederum nur, und zwar durch die Philosophie selbst, Religion ergibt.  (a.a.O.,65). Am Ende verkommt dem Metaphysiker die Philosophie wieder zur Magd der Theologie. Im Gesamtwerk Hegels lässt sich nicht zweifelsfrei klären, ob die philosophische Magd der Theologie oder ob diese der Philosophie die Krone des Absoluten zu reichen hat. War Hegels Gott ein philosophisch-atheistischer oder ein theologisch-christlicher? Man berücksichtigt in der Regel nur die bekannten Hauptwerke Hegels und den sich aus diesen ergebenden Verschnitt in landläufigen Philosophiegeschichten; durch die stiefmütterliche Behandlung der extrem reaktionären Hegelschen ‚Philosophie der Religion‘, passagenweise noch reaktionärer als die Rechtsphilosophie, ergibt sich hier ein schiefes Hegelbild. Feuerbach hatte aufgepasst: „Das Geheimniß der Hegel’schen Dialektik ist zuletzt nur dieses, daß er die Theologie durch die Philosophie, und dann wieder die Philosophie durch die Theologie negirt“. (a.a.O.,67).

Für Friedrich Engels war die Dialektik Hegels in der vorliegenden Form „unbrauchbar“ (MEW 212,92).  Wäre diese Aussage bürgerlichen Professoren bekannt, welche Menge unnützer, verworrener  Dissertationen und Magisterarbeiten über das Verhältnis zwischen Hegelscher und Marxscher Dialektik wäre uns erspart geblieben! Auch Sahra Wagenknecht hat sich an dieser Materie versucht und man kann nur sagen, sie hätte lieber über Goethe schreiben sollen. Sowohl für Engels als auch für Feuerbach steht am Anfang und Ende im Denken Hegels die Theologie. Sahra Wagenknecht kommt zu einem anderen Ergebnis: die Hegelsche Dialektik sei der des jungen Marx überlegen. Das ist erstens sachlich falsch und zweitens hat der reife Marx seine vorher angewandte dialektische Methode nie fundamental geändert.

Hegel reagiert auf eine bestimmte spießbürgerlich-chauvinistische Art auf die technisch-industrielle Revolution, die auf diese oder jene Art die ganze Epoche bestimmte und ohne die es nicht zur Herausbildung des Marxismus gekommen wäre. In der Heidelberger Niederschrift seiner Berliner Antrittsvorlesung lesen wir, dass wir Deutschen von der Natur den höheren Beruf erhalten hätten, die Bewahrer des heiligen philosophischen Feuers zu sein, wie der eumolpidischen Familie zu Athen die Bewahrung der eleusinischen Mysterien, den Inselbewohnern von Samothrake die Erhaltung und Pflege eines höheren Gottesdienstes. Im Zeitalter der Dampfmaschinen wird dagegen überall nur nüchtern mit Wasser gekocht und Marx schreibt in seinen Studien zur Dissertation: ‚Nehmen wir die Wirklichkeit, wie sie ist, seinen wir keine Ideologen‘. Die geringe religiöse Bindung Marxens im Elternhaus und die Erläuterung des Wesens des Christentums durch Feuerbach kreuzen sich in diesem Satz. Ein Ergebnis der technisch-industriellen Revolution war für Marx und Engels, dass durch sie die Menschen laut Manifest endlich gezwungen sind, „ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen“ (MEW 4,465). Die Beziehungen unter den Menschen bzw. Klassen endlich mit nüchternen Augen zu betrachten, das ist ein Wesenszug des Marxismus. In ihm geht es bis zur Warenanalyse im ‚Kapital‘, in dem der Fetischcharakter der Ware mit nüchternen Augen analysiert und entlarvt wird.

Feuerbach und Marx, reagieren jeder auf seine Art auf den Entwertungsprozess der Philosophie, den beide helfen, zu beschleunigen, ersterer will die Philosophie ganz abschütteln, was ihm nie ganz gelingt, letzterer die Welt verändern. Für beide trifft zu, dass sie qua bestimmter Negation aus dem Hegelschen Denken auch schöpfen konnten, wobei Feuerbach, der bei Hegel in Berlin noch Vorlesungen hörte und dem er seine Dissertation zuschickte,  vieles recht unkritisch übernimmt. Erst Gott abzuschütteln, den Philosophen abzuschütteln, die Welt zu verändern … und am Ende stehen die Berufsrevolutionäre Leninscher Prägung, die organisiert die perverse und vollgefressene bürgerliche Gesellschaft aus den Angeln heben werden.

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