Die Herausbildung elementarer Leitsätze des historischen Materialismus durch Marx und Engels in der kritisch-revolutionären Auseinanderserzung mit dem Linkshegelianismus

 

In der Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie wird zunächst die atheistische Weltanschauung, die Kritik der Religion als Bedingung revolutionärer Tätigkeit hervorgehoben. Feuerbach hatte uns den Übermenschen im Himmel als potenzierten Widerschein des einzig existierenden irdischen Menschen erklärt, der nach der Religionskritik nur noch eine wahre Wirklichkeit auf Erden hatte. 1. Der Mensch hatte sich wiedergewonnen und dieser Schritt zusammen mit dem Erkenntnisschritt, dass der Mensch kein abstraktes, einzelnes Wesen, sondern ein gesellschaftliches ist, sind wichtige Schritte auf dem Weg zum wissenschaftlichen Sozialismus. Die Frage der Religion war natürlich auch schon im Vorfeld der 48er Revolution sowohl in politischer als auch in weltanschaulicher Hinsicht eine kardinale Frage. Trotz aller politischen Radikalität ist zum Beispiel Bakunins kleine Schrift ‚Die Reaktion in Deutschland‘ aus dem Jahr 1842 von ihr noch völlig durchtränkt, es gibt in ihr nicht mal einen winzigen Ansatz, die Reaktion in Deutschland aus ökonomischer Wurzel abzuleiten. Wir müssen in unserer Politik auch religiös, also extrem entfremdet handeln, ruft er aus, selbst die dialektische Negation ist bei ihm noch ein religiöser Akt. 2. Marx weist so etwas natürlich ab. Denn der Mensch, der sich nicht um seine eigene Sonne dreht, kann nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse radikal verändern. Es war der Philosoph Feuerbach, der im Vorfeld der bürgerlichen Revolution den Atheismus mit dem Credo: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen, philosophisch gegen die trunkene Spekulation Hegels begründete.

War für Hegel der Geist die Mutter der Natur, so wies Feuerbach auf den simplen Umstand hin, dass es eine Natur vor der Philosophie gegeben habe. Am Ende einer Trunkenheit beginnt man wieder mit dem Rudimentären. „Das wahre Verhältnis vom Denken zum Sein ist nur dieses … Das Denken ist aus dem Sein, aber das Sein nicht aus dem Denken. Sein ist aus sich und durch sich – Sein wird nur durch Sein gegeben -, Sein hat seinen Grund in sich, weil nur Sein Sinn, Vernunft, Notwendigkeit, Wahrheit, kurz, alles in allem ist. – Sein ist,  weil Nichtsein Nichtsein , d. h. nichts, Unsinn ist“. 3. Und wenige Seiten vorher schreibt Feuerbach: „Die Philosophie ist die Erkenntnis dessen, was ist. Die Dinge und Wesen so zu denken, so zu erkennen, wie sie sind – dies ist das höchste Gesetz, die höchste Aufgabe der Philosophie“. 4. Zu notieren ist schlicht, dass für Feuerbach die Natur ihren Grund in sich selbst hat, damit aber nicht die Philosophie. Mit dieser Feststellung Feuerbachs revolutioniert die Philosophie gegen sich selbst und entwickelt das Denken aus der materiellen Natur, die Hegel in ein metaphysisches Axiom verdreht hatte. Das Göttliche war in sich selbst begründet, jetzt ist es die Natur.  Der berühmte Ausspruch von Marx und Engels, das Sein bestimmt das Bewusstsein, bedurfte deshalb noch einer Einleitung, die lautet: „Es ist nicht das Bewußtsein, das das Sein bestimmt …“. Wäre die Welt ohne die Philosophie Hegels geblieben, hätte man diese Einleitung wahrscheinlich weglassen können. Das Sein bestimmt das Bewusstsein.  Wäre die Welt ohne die Philosophie Feuerbachs geblieben, wer weiß, vielleicht wäre dieser Satz bis heute nicht formuliert worden. Es ist zugleich vom zweifachen Tod der Philosophie die Rede. Sie stirbt durch Hegel philosophisch und durch Feuerbach wirklich. Die Religion hatte einen schlichten Tod, sie lebt nicht vom Himmel, sondern von der Erde. Damit war alles klar. Nach dem Tod Hegels trat eine Phase der Ernüchterung ein, aber nicht sogleich.  Es ist nämlich zugleich zu bemerken, dass die Breitenwirkung Hegels erst nach seinem Tod einsetzt und zehn Jahre währt, in denen in Deutschland durch Zeitungen und Zeitschriften ausgewälzt wurde, was früher nur wenige im Hörsaal vernehmen konnten. Die Philosophie Hegels war „Tagesmode“ (Marx) geworden. Das Geistige war aus dem Hörsaal herausgetreten und sollte sich jetzt verwirklichen, darin waren sich Links- und Rechtshegelianer philosophisch einig. Es war Hegels Vorhaben gewesen, seine Zeit in Gedanken zu fassen, nach seinem Tod fängt die Zeit an, sich durch den Verstorbenen sich ihrer zu vergewissern. Auf dem Höhepunkt der ‚Hegelei‘, wir schreiben das Jahr 1840, setzt dann der Verfaulungsprozess des absoluten Geistes ein, metaphysische Systeme purzeln zusammen wie Kartenhäuser, ein Prozess, der als ungeheure ‚Weltgärung‘ ausgegeben wurde.  Ab September 1845 setzten sich Marx und Engels in der ‚Deutschen Ideologie‘ kritisch vernichtend mit den Repräsentanten der neuesten deutschen revolutionären Philosophie auseinander, ein Werk, das sie im Sommer 1846 im Wesentlichen abgeschlossen hatten. Das war ihre Generalabrechnung mit den Linkshegelianern, die angetreten waren, die Menschen von ihren Hirngespinsten zu befreien und richtige Weltvorstellungen, die dem Wesen der Menschen entsprechen, an Stelle von falschen zu setzen. Zugleich war es eine zusammen mit der Kritik am Linkshegelianismus entwickelte erste, umfassendere, manchmal noch rohe, von Engels später als stellenweise einseitig bestimmte Darlegung des historischen Materialismus. Die Produktion der Ideen sei zum Beispiel lapidar die „Sprache des wirklichen Lebens“, es musste eben der Gegensatz scharf herausgearbeitet werden.  Dieser beginnt schlicht mit wirklichen Voraussetzungen, wirklichen Individuen, mit ihren Aktionen und ihren materiellen Lebensbedingungen, „sowohl die vorgefundenen wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar. Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. 5.  Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch die Lebensmittelproduktion. Bestimmte Individuen sind auf bestimmte Weise produktiv tätig, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. „Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozess bestimmter Individuen hervor …“. 6. Dies ist nun nach Marx und Engels der Wendepunkt, das Ende des (nicht nur deutschen) Idealismus. „Da, wo die Spekulation aufhört, beim wirklichen Leben, beginnt also die wirkliche, positive Wissenschaft, die Darstellung der praktischen Betätigung, des praktischen Entwicklungsprozesses der Menschen“. 7.  Und dann der epochale Satz, der das vorläufige Todesurteil über die Philosophie verkündet: „Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium“. 8. Es ist eine Eigentümlichkeit, dass der Satz davor lautet: „Die Phrasen vom Bewußtsein hören auf, wirkliches Wissen muß an ihre Stelle treten“ 9.

Ein höchst komplexes Gebilde der Weltphilosophie hat in ganz elementaren, alltäglichen Verrichtungen sein Ende gefunden, ist eingemündet in einen neuen Ausgangspunkt, der ihm diametral entgegensteht und den er als von einer höheren Macht produziertes Objekt inferior, nach materialistischer Auffassung muss man sagen, misshandelt hat.  Das vom durch Arbeitsteilung entstandene Idealismus gehätschelte „Bewußtsein“, seine philosophische Basis, kommt bei der Aufzählung der Grundbedingungen menschlichen Lebens auf Erden erst an fünfter Stelle, mit dem Fluch der Materie behaftet. Die Teilung der Arbeit in materielle und geistige ist die Voraussetzung, dass sich das Bewusstsein einbilden kann, etwas anderes als Praxisbewusstsein zu sein, wirklich etwas vorzustellen, ohne etwas Wirkliches vorzustellen und sich zur Philosophie, Religion und Ideologie ganz allgemein hochzutreiben. Und: Marx und Engels kamen zu dem Schluss, dass die Deutschen bisher keine Historiker gehabt haben und dass die Hegelsche Geschichtsphilosophie die auf ihren Begriff gebrachte ‚Deutsche Geschichtsschreibung‘ verkörpere.  Zur oben ausgeführten Alltäglichkeit produktiver Verrichtungen der Individuen als der Basis kontrastiert der linke Hegelianismus, er sei aus dem Bereich unzulänglicher, sich im reinen Gedanken bewegender Weltinterpretation und der Verteufelung der Religion als Erzfeind nicht herausgekommen, sondern hätte immer nur weitere, sich steigernde, als über Hegel angeblich hinaus seiende Weltinterpretationsangebote unterbreitet, ohne ihre idealistische Schranke durchbrechen zu können. „Ihre Polemik gegen Hegel und gegeneinander beschränkt sich darauf, daß Jeder eine Seite des Hegelschen Systems herausnimmt und diese sowohl gegen das ganze System wie gegen die von den Andern herausgenommenen Seiten wendet“. 10. Immer blieb noch für sie die wirkliche Welt ein Produkt der ideellen, so dass beide die linken Hegelianer als Schafe im biblischen Sinn bezeichneten, als Schafe, die sich für Wölfe ausgaben, während sie nur Vorstellungen der deutschen Bürger nachblökten.  Auch wurden sie als ‚philosophische Industrielle‘ bezeichnet, die sich marktprahlerisch als Befreier von Hirngespinsten überboten. Die Deutschen seien besonders anfällig für idealistische Phrasen, für Produktionen „des Begriffs“, aber auch die anderen Völker seien noch ideologiebehaftet. Ein Anliegen der Kritik der neuesten deutschen Philosophie ist der Nachweis, dass die Philosophen keine Geschichte machen und dass es in ihr keine Oberherrlichkeit des Geistes weder gegeben habe noch geben kann und dazu der Nachweis, wie die spezifisch deutsche Ideologie entstanden ist. Man muss die Gedanken von den Taten trennen, diese Gedanken in eine der Objektivität analoge Ordnung bringen, was nicht schwer ist, und sodann diese Gedanken mit Philosophen personifizieren, diese sodann als Fabrikanten der Geschichte auftreten lassen. „Hiermit hat man dann sämtliche materialistischen Elemente aus der Geschichte beseitigt und kann nun seinem spekulativen Roß ruhig die Zügel schießen lassen“. 11.   Feuerbach äußerte bereits, dass die wahre Philosophie keine Philosophie sei, schließlich sehen nach Marx und Engels die Produzenten als Folge der Industrialisierung die Welt endlich mit nüchternen Augen an. 12. Und nicht mit spekulativen, wie es Hegel, und nicht durch eine philosophische Brille, wie es Feuerbach immer noch getan hat. 13. Es wird also auch das Todesurteil der kritischen Kritik ausgesprochen. Statt einer theoretischen Deduktion komme es auf die Veränderung der Umstände an. Nicht die Kritik, die REVOLUTION wird nun von Marx und Engels als treibende Kraft der Geschichte gewürdigt.

1. Das ‚Wahre‘ ist für Marx eine Klasse, das Proletariat, das endlich von ihm um die Jahreswende 1843/44 entdeckte, nicht Stirners ‚Einzige‘. Für Nietzsche wird es ein Übermensch sein. In der 298.Ära Stalins tauchte der Hauer Stachanow auf in einer Zeit des Kollektivismus.

2. Vergleiche Michail Bakunin, Die Reaktion in Deutschland, Nautilus Nemo Press, Edition Moderne, Hamburg 1984,36. Auch bezeichnet er die Konstellation ‚Revolution-Konterrevolution‘ als ewigen Gegensatz, der in allen Zeiten derselbe ist, nur sich in der Geschichte immer mehr steigernd (Vergleiche a.a.O.,45). Das ist ein schematisches, aber kein dialektisches Geschichtsbild.

3.Ludwig Feuerbach, Vorläufige Thesen zur Reform der Philosophie, in: Philosophische Kritiken und Grundsätze (1839 – 1846), Leipzig, 1969,186

4. a.a.O.,178

5. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,20 und 25

6. a.a.O.,25

7. a.a.O.,27

8. a.a.O.

9. a.a.O. Die Forderung nach wirklichem Wissen ist eine, die auch Hegel gegen seine zeitgenössische Philosophiererei in der Tradition der Liebe zur Weisheit eingeklagt hatte.

10. a.a.O.,19. Die Linkshegelianer erlagen der Illusion, die idealistische Schranke durchbrochen zu haben, indem sie die Menschen als ‚in letzter Instanz‘ für religiös befangen ausgaben. „Nach und nach wurde jedes herrschende Verhältnis für ein Verhältnis der Religion erklärt …“ (a.a.O.)

11. Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,49

12. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,465. Gegen die Hegelsche Spekulation gebürstet kann ihre Theorie als konsequente Folge der großen technisch-industriellen Revolution ausgelegt werden, ein Zusammenhang, den bürgerliche Ideologen zu wenig beachten und auch nicht richtig würdigen können, da er nur auf der Grundlage des historischen Materialismus richtig erfasst werden kann. Es gibt eine Passage im Brief von Marx an Engels vom 7. Juli 1866 (im Anhang), in der von ihrer Bestimmung der Theorie als eine der Organisation der Arbeit durch die Produktionsmittel gesprochen wird. (Karl Marx an Friedrich Engels in Manchester. London, Samstag, 7. Juli 1866. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe digital. Hg. Von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, Berlin. URL: http: // megadigital. Bbaw.de / briefe / detail.xgl?id=BOO133. Abgerufen am 26.11.2017).

13. Feuerbach schaut die Welt immer noch doppelt an: profan und philosophisch, so dass er sich zur Objektivität, die er für ewig hält, rein kontemplativ verhält, ohne zu sehen, dass diese „ein Produkt der Industrie und des Gesellschaftszustandes“, ein historisches Produkt ist. Feuerbach ist Materialist, aber er ist kein historischer Materialist. Der Mensch ist ihm sinnlich gegenständlich, nicht sinnlich tätig. Ihm lösen sich philosophische Probleme nicht in empirische Fakten auf. Das Verhältnis des Menschen zur Natur ist zu deuten als ein Prozess reziproker natürlicher Geschichte und geschichtlicher Natur.  (Das Beispiel mit dem Kirschbaum in der ‚Deutschen Ideologie‘).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: