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Der junge Marx und die ‚kritischen Kritiker‘ des Linkshegelianismus

30. Januar 2018

Der junge Marx hatte in seiner Dissertation mit stolzer Brust geschrieben, dass das Bekenntnis des Prometheus ‚Mit einem Wort: Ich hasse alle Götter‘ sein eigenes Bekenntnis, sein eigner Spruch gegen alle himmlischen und irdischen Götter sei.  Der Idealismus, ein vom Subjekt getrenntes Denken, hat eine doppelte Welt zur Voraussetzung, die er in ihrer Entgegensetzung auch noch verkehrt deutet, stets aber von einer Weltschöpfung ausgehen muss. Deshalb auch knüpft Hegel, kein Nachkomme des Prometheus, das Band zwischen Religion und idealistischer Philosophie so eng.

Heinrich Heine hatte eine esoterische und eine exoterische Seite in Hegels Philosophie entdeckt. Der Inhalt liege im exoterischen Teil. Das Interesse des esoterischen ist immer das, die Geschichte des logischen Begriffs im angeblich wissenschaftlich zu behandelnden Gegenstand  wiederzufinden. Um ein Beispiel zu geben: Nicht die Familie und die bürgerliche Gesellschaft sind für Hegel die eigentlich Tätigen, sich selbst zum Staat machenden, sie sind ‚getan‘ durch die Idee. Sie haben keinen eigenen Lebenslauf, der nur der wirklichen Idee zukommt. Jeder Idealismus hat metaphysische Wurzeln, hat die Prämisse, dem Endlichen durch das Endliche nicht beikommen zu können. Die Metaphysik ist eine im Übermenschlichen und Überweltlichen endende überwältigende Mystifikation, das Transzendieren des Hier und Jetzt muss ihr markant sein, also das Sichfremdwerden auf Erden, die die Verlagerung des Schwerpunktes in ein Jenseitiges gestattet. Diese Verlagerung ist die Mystifikation der Metaphysik. So wurden dann die Dinge Gedankendinge, das Sein eine bloße Gedankenbestimmtheit. Die gesamte Hegelsche Philosophie stinkt also nach Religion.

Großes in der Geschichte, hier der wissenschaftliche Sozialismus, eröffnet sich nicht direkt aus Vorgegebenen, sondern aus einem Umweg. Der junge Marx entwickelte sich aus einem Idealisten zu einem Materialisten, aus einem Demokraten zu einem  Kommunisten, von einem Philosophen zu einem proletarischen Revolutionär. Die Naturwissenschaften vermeiden diesen Umweg, sie kämen auch nicht weit, gingen sie ebenfalls  davon aus, dass dem Endlichen mit dem Endlichen nicht beizukommen sei. Nach Hegels Tod im Jahr 1831 entwickelte sich seine Philosophie in einer eigentümlichen Bewegung: Die Schule spaltete sich in Links- und Rechtsheglianer, letzere suchten das Bündnis von Philosophie und Religion und von Thron und Altar. Es war das Bestreben der Linkshegelianer um  Bruno Bauer, den Idealismus Hegels und seine verdoppelte Welt auf einen Monismus des Selbstbewusstseins zu einen. „Das Selbstbewußtsein ist die einzige Macht der Welt und der Geschichte, und die Geschichte hat keinen anderen Sinn als des Werdens und der Entwicklung des Selbstbewußtseins“. (Bruno Bauer, Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel, den Atheisten und Antichristen. Ein Ultimatum, in: Die Hegelsche Linke, Dokumente zu Philosophie und Politik im deutsche Vormärz, Röderberg Verlag, Frankfurt / Main, 1986,291). Bauer meinte, so den esoterischen Teil der Hegelschen Philosophie entwickelt, den verborgenen Atheisten und Revolutionär, der sich im esoterischen Teil verbarg, herausgestellt zu haben. Der exoterische Teil war zu verzeichnen als die sogenannte Akkomodation aus Vorteil an die reaktionären politischen Mächte seiner Zeit. Dabei nahm Bauer eine schematische Trennung vor, er meinte, „man müsse nur den esoterischen revolutionären Kern aus Hegels Lehre herausschälen, dann könne man die exoterische Schale … liegen lassen und die Philosophie der neuen Periode sei fertig“. (Georg Lukacs, Der junge Marx, Seine philosophische Entwicklung von 1840 bis 1844, Neske Verlag, Pfullingen, 1965,9). Die Echtheit des philosophischen Denkens Hegels lag für Bruno Bauer im esoterischen Teil und es ist ganz offensichtlich, dass Bauer die Geschichte in Hegels Selbstbewusstseinsphilosophie enden lässt, dann aber nicht mehr zur Erkenntnis der ökonomischen Bedingungen von Geschichte überhaupt kommen kann.  Bauer lässt die Geschichte der Völker und die Geschichte der Philosophie in Hegels Selbstbewusstsein enden, waszugleich Niedergang und Ende des Linkshegelianismus anzeigte. Gerade die Sonne des Selbstbewusstseins ist die Todesbringerin der ganzen idealistischen Strömung.

In einem Brief an Feuerbach vom 11. August 1844 aus Paris lässt Marx sich über Bruno Bauer aus und geht auf dessen Gebrechen und auf die seiner ‚Allgemeinen Literatur Zeitung‘ ein. „Der Charakter dieser Literaturzeitung läßt sich darauf reduzieren: Die Kritik wird in ein transzendentes Wesen verwandelt. Jene Berliner halten sich nicht für Menschen, die kritisieren, sondern für Kritiker, die nebenbei das Unglück haben, Menschen zu sein“. (Karl Marx, Brief an Ludwig Feuerbach vom 11. August 1844, in: Werner Schuffenhauer, Feuerbach und der junge Marx, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1972,204). Einseitig hätten sie sich auf die theoretische Kritik versteift, um dann zum Beipiel Proudhon vorzuwerfen, dass er in seiner Gesellschaftsanalyse wirkliche praktische Bedürfnisse zu Grunde gelegt hätte, gibt es für sie eben doch nur das Bedürfnis der theoretischen Kritik. Aber, so betont Marx, diese „Kritik verläuft sich daher in einen traurigen und vornehmtuenden Spiritualismus“. (a.a.O.) Das Bewusstsein oder das Selbstbewusstsein würde als die einzige menschliche Qualität betrachtet und die Kritik wird als das einzige aktive Element hochstilisiert. Der Kritik gegenüber „ … steht die ganze Menschheit als Masse, als träge Masse, die nur durch den Gegensatz zum Geist Wert hat“ (a.a.O.) Die Kritiker um Bruno Bauer mimen erhabene, über den Dingen stehende Gelehrte. Sie haben die Dialektik nicht verstanden, denn die waltet im Wesen der Dinge, nicht um sie sonst wo herum. Man kann nicht über den Dingen stehen, wenn man nicht vorher diese Dinge untersucht hat. Auch politisch: Der ‚kritische Kritiker‘ nimmt nicht am Volksleben und dessen Leidenschaften teil, er schwebt über den Klassenkampf und lokalisiert sich in himmlischer Ferne in einem – wie wir heute sagen – Elfenbeinturm. Diese Position kann als eine Konsequenz der Hegelschen Philosophie nicht überraschen, ist eine in ihr angelegte Ausformulierung ihrer selbst. Die kritische Theorie ist viel zu spirituell, um die Volksmassen zu erreichen, eine ‚kritische Theorie‘ habe ihnen daher nichts zu bieten. Im Gegenteil, die Hohepriester teilen die Massen in verschiedene Gruppen ein und jede bekommt von der Hegelkaste ihr Armutszeugnis zugeteilt. Ist der Hegelschen Philosophie ein Zug zum Größenwahnsinn eigen, so schlägt sich dessen Impuls bis in die ‚Kritische Theorie‘ durch, ohne ganz konform zu sein, denn bei aller himmelhochjauchzenden Spekulation war Hegel als Denker eines depressiven Volkes auch wieder zu Tode betrübt, dann war er durchaus realistisch, nüchtern, und deshalb war im Denken Hegels mehr Wert für Marx als in den Schriften seiner entarteten linken Kinder des Bauerkreises.

Im Brief an Feuerbach kündigt Marx an, gegen die Verwirrung der Kritik eine Broschüre zu schreiben. Dieses Vorhaben verwirklichte er zusammen mit Engels in der ‚Heiligen Familie‘. Der Brief an Feuerbach vom 11. August 1844 ist für die Forschung über den jungen Marx insofern bemerkenswert, als wir in ihm schon eine Skizze der beabsichtigten Broschüre vorliegen haben. Wie Marx teilt auch Engels nicht die Bauersche Hypertrophie des Selbstbewusstseins. „Was dem alten Hegel nicht alles zugeschoben wird!“ ruft er aus und fügt dann an: „Atheismus, Alleinherrschaft des Selbstbewußtseins, revolutionäre Staatslehre …“ (Friedrich Engels, Alexander Jung, Vorlesungen über die moderne Literatur der Deutschen, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,435). Eine Aufzählung, direkt gegen Bauer gerichtet. „Man braucht aber nicht eben bewandert im Hegel zu sein, um zu wissen, …“daß er einen ungeheuren Respekt vor der Objektivität hatte, die Wirklichkeit, das Bestehende weit höherstellte als die subjektive Vernunft des einzelnen, und gerade von diesem verlangte, die objektive Wirklichkeit als vernünftig anzuerkennen. Hegel ist nicht der Prophet der subjektiven Autonomie …“ (a.a.O.,536). Sätze, die sich direkt gegen Bauer richten. Deshalb war es ja auch so leicht für Marx und Engels, gemeinsam die ‚Heilige Familie‘ zu verfassen.