Archive for April 2018

Stringenz und Ausdruck

25. April 2018

Mit dem Aufkommen des Imperialismus und der ihm anhängenden Arbeiteraristokratie ist eine zunehmende Verflachung dialektischen Denkens in maßgebenden Kreisen der Arbeiterbewegung zu verfolgen. Man begriff im westeuropäischen Sozialdemokratismus schon um die Jahrhundertwende die Notwendigkeit quantitativen Wachstums, und nur diese, der revolutionäre Sprung (zum Endziel der Bewegung) blieb im Ungewissen, im Nebel der Zukunft. So verfährt die Gegenaufklärung.  Gegen die Evolutionisten war sich Rosa Luxemburg mit Lenin einig, dass in der Geschichte phantastische Zickzackbewegungen zu registrieren sind.   Vor den Aprilthesen Lenins standen die Evolutionisten fassungslos und Rosa Luxemburg gesteht ein, dass Volksmassen in einer revolutionären Situation in alte Passivität zurückfallen können. Da scheint noch der Impuls durch, den der DialektikerRousseau gegen die Bildungsseligkeit und den Wachstumsfetischismus der bürgerlichen Aufklärung geschleudert hatte. Dem Vernunftoptimismus der aufblühenden, damals noch fortschrittlichen Bourgeoisie und der diesem anhängenden Perfektibilité stellen etwa  Selbstmorde, Totgeburten und monströse Missgeburten Probleme dar wie dem gesättigten Sozialdemokraten eruptive Massenausbrüche und deren Wut. Er gerät bei Wutausbrüchen in der Geschichte ins Schleudern und Revolutionen sind Bürgerkriege und Wutausbrüche in einem. Er sehnt sich zurück nach Kant und schleudert die satanische Dialektik beiseite. Dem zärtlichen Rosaroten wird die auf der blutigen Weltstraße des Krieges voranstürmende rote Fahne so zum roten Tuch.

Die orgiastischen Momente der Geschichte können für jede Organisation, auch für die einer revolutionären Partei, gefährlich werden, tödlich gefährlich, sie aber sind das Lebenselixier jeder Revolution und es kann Situationen geben, in denen die Träger einer alten Weltanschauung vor dem chaotischen Treiben Schutz in einer revolutionären Parteiorganisation suchen, um ihre alte Rationalität, um ihre alte Zivilisation vor dem Untergang zu retten. Dann steht der Hauptfeind in der eigenen Partei.   Ohne Säuberung kann diese kippen zum Triumph der alten Welt.  

So, auf diesem Hintergrund, ist die Kontroverse zwischen Luxemburg und Kautsky ab 1910 zu interpretieren, der Rationalist gegen die Kreative. Die letztere siegt wie der Poet Mao über den Mathematikprofessor Tschiang-Kai-Check. Der letzteren verbietet sich der Satz: ‚Die Partei hat immer Recht‘. Die letztere wird von der Parteiorthodoxie, die die Kette der Stringenz in Händen hält, als expressionistische ‚Anbeterin der Spontaneität‘ denunziert. Die letztere hält den Massenstreik gegen gleichförmiges Fortschrittsallerlei hoch. 

Die SPD hängt noch heute einer perversen, konterrevolutionären Rationalität an wie es schon zu Lebzeiten Luxemburgs der Fall war, bis die Revolutionärin von ihr am 15. Januar 1919 mit Hilfe einer im Weltkrieg verrohten Soldateska in den Landwehrkanal beiseite geschoben wurde. Sie besteht in einer volksverachtenden Machtbesessenheit, die sie nur für ein paar Wochen in der Opposition hält. Jawohl, Marxisten sind machtbesessen, aber nicht in der Einseitigkeit metaphysischer Ewigkeit, in der arbeitende Menschen auf immer versklavt sein werden unter der Fuchtel ausbeutender Minderheiten und im Milieu irrationaler Unproduktivität, sei es die des Pauperismus, sei es die des Parasitismus.

So hält die SPD selbst Kernaussagen von Luxemburg virulent: die Führer müssen danach streben, sich selbst überflüssig zu machen und die Massen werden ihre Führer beiseiteschieben. Was den Sozialfaschisten auch heute ein Horror ist, das sind natürliche Beziehungen unter den arbeitenden Menschen als vollendeter Humanismus ohne Dazwischenkunft der Werts. Nichts Gierigeres konnte es für A. Nahles geben, als die Stiefel einer Domina anzuziehen, um ihre Peitsche ins Gesicht arbeitender Menschen zu schlagen. Nun ist klar, dass dabei auch nur Anales herauskommen kann: Schmutzige Wäsche, Kriegskredite, Verlängerungen der Auslandseinsätze der Bundeswehr, stinkender Leichnam, Befehl und Gehorsam, das scheinbar ewige Einerlei sadomasoschistischer Menschheitsgeschichte.

 

 

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Ein Mosaiksteinchen zum Fall Radek

23. April 2018

In seiner Biografie über Rosa Luxemburg führt Karl Radek 1922 aus, dass ihr methodologisch das Beste gelungen sei, „… was zur theoretischen Beleuchtung des Opportunismus geschrieben wurde“. (Karl Radek, Leben und Kampf unserer Genossin Rosa Luxemburg, in: Ernest Mandel/Karl Radek, Rosa Luxemburg, Leben-Kampf-Tod, isp-pocket 16, isp-Verlag, Frankfurt am Main,1986,22f). Überhaupt trägt dann Radek in seiner Biografie über Rosa Luxemburg doch zu dick auf und leistet einer innerlich hohlen rosaroten Schickeria Vorschub, die mehr mit dem Namen als mit den Werken von Luxemburg Schindluder treibt. Rosa Luxemburg ist in bestimmten linksliberalen gebildeten Kreisen, die mit Nickelbrille auf der Nase und mit Palästinensertuch um den Wendehals bei Demos erscheinen,  die ihre geistige Nahrung vorwiegend aus den neuesten Zeitschriften beziehen, immer auf der Jagd nach dem ‚dernier cri‘, zur Ikone geworden. Rosa hier, Rosa da, Rosa in allen vier Himmelsrichtungen, Rosa überall. Es bleibt zunächst festzuhalten, dass von ihr keine essentielle Weiterentwicklung des Marxismus ausgeht. Mit Verlaub Mister Sobelsohn, ist ihnen das Werk von Lenin unbekannt? Ein Marxismus-Luxemburgismus hat die Massen bis jetzt noch nicht ergriffen. Es ist nicht der Schatz Luxemburgs, der dem Proletariat die größten Dienste erweisen kann, wie Radek meint, teilweise geht sie in die Irre, teilweise schreibt sie wirr. Radek ruft sie 1922 dennoch unverfroren zur Führerin des Proletariats aus, als Lenin noch lebte. „ … daß mit Rosa Luxemburg der größte, der tiefste theoretische Kopf des Kommunismus gestorben ist, daß sie unsere Führerin ist, von der die kommunistischen Arbeiter noch Jahrzehnte lang zu lernen haben werden“. (a.a.O.,43).  So hätte es die Schickeria wohl gerne. Es lässt tief blicken, wenn der Pole Radek uns weismachen will, dass die Polin Lenin überrage.  Ein Luxemburgkult kann nur Unheil in der kommunistischen Arbeiterbewegung anrichten. Sie ist nach Marx, Engels, Lenin und Stalin das fünfte Rad am Wagen. Pannekoek hatte zu Recht ihre ‚Akkumulationtheorie‘ kritisiert. Aber die Schule Luxemburg bleibt trotz alledem eine gute Schule. Zustimmen kann man dem Schlusssatz von Radeks Luxemburg-Biografie: „Die Berliner Arbeiter zogen in Hundertausenden hinter diesen von den Schergen der Konterrevolution verborgenen Leichnam, und die Todesfeier für Rosa Luxemburg wird alljährlich zeigen, wie groß die Massen derer sind, die ihren Ruf aus dem Grabe vernehmen“. (a.a.O.,45). Das hat sich denn auch bewahrheitet.

Rosa Luxemburgs halbe Dialektik

17. April 2018

 

„das ist Konterrevolution, wie sie leibt und lebt!“ (Rosa Luxemburg über die SPD).

 Lenin bemerkt in seiner Kritik  der Junius-Broschüre (hinter Junius verbirgt sich Rosa Luxemburg), dass „Junius“ die Dialektik nur halb zur Anwendung bringe. Betrachten wir zunächst die negative Seite dieser ‚Halbherzigkeit‘. In ihrer Rede zum Programm der Kommunistischen Partei am 31. Dezember 1918 rechnet Rosa Luxemburg gnadenlos mit der alten SPD ab. Diese habe die Zeichen der Zeit, imperialistische Zeichen, verschlafen. Und es unterläuft ihr ein merkwürdige Fehler. Um ihn überspitzt zu formulieren, sie hängt ganz wie in der Milizfrage ihrem 48er-Fetisch an, sie betont die Bedeutung der bürgerlichen Revolution mehr als die der Pariser Commune. Darin liegt eben ihr ganzes politisches Schicksal, dass der gegen die Partei Kautskys erhobene Vorwurf, die Zeichen der Zeit verschlafen zu haben, auf sie selbst zurückfällt. Man kann Ende 1918 nicht mehr einfach an den Faden anknüpfen, den Marx und Engels 1848 gesponnen hatten, nach 70 Jahren hat die Gesellschaft ein völlig neues Gesicht bekommen, das man 1918 und 2018 nur mit der Imperialismusanalyse Lenins lesen kann. Lassen wir uns einmal ganz genau folgenden Satz aus ihrer Rede durch den Kopf gehen: „Parteigenossen, wir stehen also heute … geführt durch den Gang der historischen Dialektik und bereichert um die ganze inzwischen zurückgelegte siebzigjährige kapitalistische Entwicklung, wieder an der Stelle, wo Marx und Engels 1848 standen, als sie zum erstenmal das Banner des internationalen Sozialismus aufrollten“ (Rede zum Programm, gehalten auf dem Gründungsparteitag der KPD (Spartakusbund), in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag, Leipzig, 1970,390). Der Satz entbehrt nicht einer gewissen Komik. Sie sieht den Wald und die Bäume und sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die ganze Entwicklung der menschlichen Gesellschaft ist derart, dass sie nicht mehr an der Stelle von 1848 steht. Schon 1849 war dies nicht mehr der Fall. Die Umwandlung des Kapitalismus in sein höchstes Stadium beinhaltet einen qualitativen Sprung. Auch in der Frage der Machteroberung, man nehme nur ihr bekanntes Bild, dass sich die Kommunisten in den bürgerlichen Staat hineinpressen sollen (Vergleiche a.a.O., 411). übersieht sie, dass der Umschlag von Quantität in Qualität nach dem Wort des Altmeisters Hegel blitzartig geschieht. Die meisten Menschen sind anwesend-abwesend,  sind so in ihren Alltagstrott versumpft, dass ihnen dialektisches Denken gar nicht gegenwärtig ist, sie sind so sehr der Wissenschaft entfremdet, dass diese ihnen etwas Unheimliches ist, gegen das sie sich sogar abweisend verhalten. Diese Geisteshaltung gibt natürlich den idealen Nährboden ab für sozialdemokratische Massenverdummung ab. Damit hängt die zwielichtige Rede vom vollständigen Umbau des Staates durch die Revolution zusammen. (Vergleiche Rosa Luxemburg, Programm der Kommunistischen Partei Deutschlands, angenommen am 31. Dezember 1918 auf dem Gründungsparteitag der KPD, in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag, Leipzig,1970,416). Nein! Umbau ist zu harmlos,  zu positiv und auch zu doppeldeutig. Der bürgerliche Staat muss völlig vernichtet, zerstört, zerschlagen, ausgerottet werden. Es darf, wie Lenin sagt, kein Stein auf dem anderen stehenbleiben.

Zwar heben sich im dialektischen Entwicklungsweg auch immer wieder Wiederholungen früherer Prozessentfaltungen hervor, aber immer neu, auf höherer Stufe. Dialektik steht nicht stille, in ihr wird ständig die abstrakte Identität zerstört, in ihr kann es zu keinen puren Wiederholungen kommen.  Bekanntlich hatten Marx und Engels das 48er Manifest auf Grund der Erfahrungen der Pariser Commune geändert, dessen pure Identität zerstört. Man verfällt leicht darauf, wenn eine opportunistische Partei wie die SPD die Leitsterne der sozialistischen Bewegung, den fundamentalen Gegensatz zur kapitalistischen Gesellschaft, das Anstreben der Gütergemeinschaft, die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt, verdunkelt, zunächst diese Fundamente in ihrer Reinheit freizulegen, aber selbst diese Fundamente sind keine festgefrorenen Kristalle. Die Dialektik ist ruhelos, tief innerlich, flexibel, es sei nur an die NEP (Rückschritt als Fortschritt) erinnert.

Wenn man eine halbe Dialektik anwendet, kann es aber auch eine positive Seite geben, und die liegt bei Rosa Luxemburg unbedingt vor. Es war dem sozialdemokratischen Opportunismus geschuldet, dass Rosa Luxemburg den Satz gegen ihn schleudern musste: „Wir sind wieder bei Marx, unter seinem Banner“. Und unter diesem Banner hatte Rosa Luxemburg die Spitzen ihrer Pfeile, die sie gegen die SPD abschoss, vortrefflich vergiftet. Es waren tödliche Pfeile. Sie charakterisierte die führenden Genossen der SPD als „Kuppler der Konterrevolution“. Die Opportunisten liebten es, als was sich von links gegen den parlamentarischen Kretinismus richtete, als Anarchismus zu verschreien. Die SPD war für Rosa Luxemburg durch falsche Berufung auf den späten Engels auf einen reinen „Nur-Parlamentarismus“ heruntergekommen, der mit dem Verzicht der Partei zusammenhing, in den Kasernen antimilitaristische Propaganda zu betreiben. In keinem Land habe die „Versumpfung und Verlotterung der Arbeiterbewegung“ soweit Platz gegriffen wie in Deutschland, „schon Jahrzehnte vor dem 4. August“.  Und doch erschien den aufrechten Sozialisten die Zustimmung zu den Kriegskrditen am 4. August 1914 als unerwarteter Radikalschritt. Das alles also im – übertrieben formuliert – klassischen Land der Dialektik. Die Versumpfung der Arbeiterbewegung und die der materialistischen Dialektik gingen und gehen immer Hand in Hand. „Der offizielle Marxismus sollte als Deckmantel dienen für jede Rechnungsträgerei, für jede Abschwenkung von dem wirklichen revolutionären Klassenkampf, für jede Halbheit, die die deutsche Sozialdemokratie und überhaupt die Arbeiterbewegung, auch die gewerkschaftliche, zu einem Dahinsiechen im Rahmen und auf den Boden der kapitalistischen Gesellschaft verurteilte, ohne jedes ernste Bestreben, die Gesellschaft zu erschüttern und aus den Fugen zu bringen“. (Rosa Luxemburg, Unser Programm und die politische Situation, in: Rosa Luxemburg, Politische Schriften, Reclam Verlag, Leipzig, 1970,389). Das eben ist Versumpfung, die Arbeiterbewegung ist genuin staatsfeindlich gegenüber dem Staat der Kapitalisten, die SPD pervertierte zu einer staatserhaltenden Partei. Ganz folgerichtig forderte nun Rosa Luxemburg, „den Kapitalismus mit Stumpf und Stiel auszurotten“. (a.a.O.). Die tödliche Konfrontation zwischen der KPD und der SPD konnte nicht ausbleiben. Eine der Lehren aus der Geschichte der Arbeiterbewegung ist doch die, dass man auch die SPD, die „sogenannte offizielle deutsche Sozialdemokratie“ (Rosa Luxemburg) ausrotten muss, dass der Vernichtungsfeldzug gegen diese konterrevolutionären Parasiten, die sich in einem ‚bellum omnium contra omnes‘ heimisch fühlen,  einen absoluten Charakter trägt. Man muss den Sumpf des falschen Marxismus trockenlegen, statt immer tiefer in ihn einzutauchen, um die Einheit mit ihm zu suchen.  In ihrer Rede am Silvesterabend 1918 tötete Rosa Luxemburg die SPD nur verbal. Die SPD tötete die Totengräberin a fortnight later real. So, und nur so, steht die Front zwischen der sogenannten offiziellen deutschen Sozialdemokratie und der revolutionären Partei des deutschen Proletariats.

Lenins Kritik an der Junius-Broschüre Rosa Luxemburgs

14. April 2018

 

Lenins Kritik an der Junius-Broschüre Rosa Luxemburgs

 

„ … und wir begrüßen den Autor von ganzem Herzen“.

Lenin schrieb diese Kritik im Juli 1916, 15 Monate, nachdem Rosa Luxemburg ihre Kritik vornehmlich an der deutschen Sozialdemokratie unter dem Titel: „Die Krise der Sozialdemokratie“ geschrieben hatte. Ihre Arbeit wird positiv bewertet. „Die überaus lebendig geschriebene Broschüre von Junius hat zweifellos im Kampf gegen die auf die Seite der Bourgeoisie und der Junker übergegangene ehemals sozialdemokratische Partei Deutschlands eine große Rolle gespielt und wird sie weiterhin spielen, und wir begrüßen den Autor von ganzem Herzen …  Die Junius-Broschüre ist im großen und ganzen eine ausgezeichnete marxistische Arbeit, und es ist sehr wohl möglich, daß ihre Mängel bis zu einem gewissen Grade zufälligen Charakters sind“. (Lenin, Über die Junius-Broschüre, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,310f.). Doch Lenin sah sich gezwungen, auf einige Fehler in ihr aufmerksam zu machen, Fehler, die der im wissenschaftlichen Sozialismus nicht so tief Geschulte wohl nicht bemerkt hätte. Rosa Luxemburg hatte die Stellung zum imperialistischen Krieg in den Mittelpunkt ihrer Broschüre gestellt und von diesem Mittelpunkt aus die deutsche Sozialdemokratie angegriffen (Kreditbewilligung, Burgfrieden). Als besonders perfide hatte sie die Irreführung der Massen durch die falsche Arbeiterpartei gegeißelt, die den imperialistischen Krieg zu einem nationalen Befreiungskrieg (gegen die russische Barbarei) umlog und damit den Imperialismus reinzuwaschen versuchte. Das ist sehr verdienstvoll, aber von welchen Mängeln spricht Lenin? Verschwiegen hätte Rosa Luxemburg den Zusammenhang zwischen dem Sozialchauvinismus und dem Opportunismus, zudem schone sie zu sehr Kautsky, den Lenin schärfer angegriffen hätte („seine Prostituierung des Marxismus“). Überhaupt hält Lenin Kautsky für einen recht raffinierten Würfelverdreher, raffinierte als die meisten anderen Opportunisten. Immer wieder richtet er den Lichtkegel der Aufklärung auf ihn. Rosa Luxemburg hatte nicht erwähnt, dass die Opportunisten sich für den 4. August vorgenommen hatten, „ … in jedem Fall für die Kredite zu stimmen“.  (a.a.O.,312). xZu wenig hatte Rosa Luxemburg ihr Augenmerk auf den Zusammenhang des Imperialismus mit der Spaltung des Sozialismus gelegt, die Notwendigkeit seiner Spaltung wird nicht heraus gearbeitet. Das sei ein Schritt zurück hinter Otto Rühle, der in einem Artikel im ‚Vorwärts‘ vom 12. Januar 1916  deren Unvermeidlichkeit nachgewiesen hatte. In ihrer Broschüre hatte Rosa Luxemburg geschrieben, dass es in der Ära des entfesselten Imperialismus keine nationalen Kriege mehr geben könne. Lenin hält das für falsch, für eine schablonenhafte Anwendung des Begriffes ‚Imperialismus‘  und beweist über eine Kritik an der Unzulänglichkeit ihrer Dialektikentfaltung das Gegenteil. Bei Lenin fällt der Satz, Luxemburg wende die Dialektik nur halb an.  (Vergleiche a.a.O.,322). xx Sie missachtet, dass alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, daher wäre es falsch, Imperialismus und nationale Kriege abstrakt gegenüberzustellen. Lenin lehrt, dass ein nationaler Krieg in einen imperialistischen umschlagen kann und umgekehrt. (Vergleiche a.a.O.,314). Es kann nicht bestritten werden, dass die Meisterschaft der Klassiker in ihren souveränen Anwendungen der dialektischen Methode in den wissenschaftlichen Disziplinen auf deren Materien in ihrem Milieu und ihrer Entwicklung besteht. 1. Ihnen gelingt die richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit und der in ihr begründeten Tendenz über sie hinaus. „Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich.“ (a.a.O.,315).  So ist es dann auch gekommen. Dieser Begriff des nationalen Krieges ist positiv besetzt, während er als Vaterlandsverteidigung in den hochentwickelten, imperialistischen Ländern deplatziert ist. Darum geht es in den Friedendebatten in der Ära des Finanzkapitals. Der Imperialismus kann aus sich nur räuberische, sklavenhalterische und reaktionäre Kriege hervorbringen, denen die Sozialisten sie umwandelnd Bürgerkriege, die letzten ihrer Art, entgegensetzen müssen. Der Sozialismus ist die Epoche der finalen Bürgerkriege, die noch unter Stalin andauerten und unter den Revisionisten versandeten. Den Revolutionären wurde das Lebenselixier genommen, denn nur in diesem Krieg fühlen sie sich wohl, da nur dieser eine ernste Vorwärtsbewegung, eine Wohltat bisher geknechteter Menschen bedeutet. Und in diesem Themenkomplex ist Rosa Luxemburg ein merkwürdiger und äußerst seltener Fehler unterlaufen. Nach dem Vorbild einer bürgerlichen 48er Revolution stellt sie den imperialistischen Kriegsherren ein nationales Programm   entgegen, die Losung einer Einigung, einer einigen großen deutschen Republik, die damals fortschrittlich war und hinter der 1848 auch Marx und Engels standen, die sie sogar zum ersten Punkt ihrer ‚Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland‘ machten: ‚1. Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt‘. Damit war aber 1916 die falsche Taste angeschlagen worden, die richtige wäre die der 71er Pariser Commune. Engels schreibt über die 48er Zeit, dass Deutschland damals noch ein Land des Handwerks und der auf Handarbeit beruhenden Hausindustrie war. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag 1960,471). Dieses soziale, vom Übergang des Handwerkers ins Proletariat geprägte Milieu kann man in der Mitte des imperialistischen Weltkrieges nicht mehr zu Grunde legen. Ganz offensichtlich wirft sie hier den klassischen Kapitalismus und den Monopolkapitalismus durcheinander. Es muss hier aber gesagt werden, und Lenin schleicht hier um den Brei herum, dass dieser Brei von Engels angerührt und dass sie eben von Engels irregeleitet worden ist. Sie beruft sich auf Engels, ohne zu merken, dass man nicht an den Buchstaben der Klassiker haften darf. Es ist aufschlussreich, Lenin mit Engels zu konfrontieren, und dabei kann Luxemburg nur gewinnen. Lenin schreibt: Der fortschrittlichen Klasse schlägt Luxemburg vor, „sich der Vergangenheit und nicht der Zukunft zuzuwenden! 1793 und 1848 stand objektiv sowohl in Frankreich als auch in Deutschland und in ganz Europa die bürgerlich-demokratische Revolution auf der Tagesordnung“. (a.a.O.,321). Und nun zu Engels: „ … daß die deutschen Proletarier von heute der französischen Sansculotten von vor hundert Jahren nicht unwürdig sind und daß 1893 sich sehen lassen kann neben 1793“.  (Friedrich Engels, Der Sozialismus in Deutschland, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,255f.). Im übrigen setzt sich Engels hier auch gegenüber Marx in die Nesseln, denn Marx hatte die Pariser Communarden 1871 davor gewarnt, nicht nach hinten zu schauen, gerade nicht auf die Jakobinerkriege, gerade nicht auf das Jahr 1793. Es ist also zur Herausbildung von Oppositionen gekommen: Engels-Luxemburg contra Marx-Lenin.

Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Rudi Dutschke

12. April 2018

 

Noch vor der Oktoberrevolution drang Lenin darauf, den Namen der Partei zu ändern, er wollte das ‚Sozialdemokratische‘, das er als schmutzige Wäsche bezeichnete, weghaben. ‚Wir müssen uns Kommunisten nennen, wie Marx und Engels sich Kommunisten nannten. Im Geburtsland von Marx und Engels versumpfte dagegen die sozialistische Partei immer mehr, es zieht sich eine schwarze reaktionäre Linie durch die SPD, angefangen mit Bernsteins Revision, der Bewilligung von Kriegskrediten am 4. August 1914, die mit dem  konterrevolutionären Wesen der SPD zugleich ihre Kapitulation vor dem Imperialismus an den Tag legte, der Einleitung der Ermordung von Karl und Rosa 1919 als eine Konsequenz dieses Wesens, der Erschießung wehrloser Arbeiter in der Weimarer Republik, zum Beispiel 1929 durch die Zörgiebel-Polizei am 1. Mai in Berlin, seit diesem ‚Berliner Blutmai‘ gelten die Sozialdemokraten als ‚gemäßigter Flügel des Faschismus‘ (Stalin), Unterschlupf vieler Nazis in diese Partei nach 1945 (siehe etwa Günther Grass), über das ‚Godesberger Programm‘ bis hin zur menschenverachtenden Hartz-IV-Gesetzgebung durch den bis auf die Knochen asozialen Gerhard Schröder, einem der schäbigsten Parvenues des 20. Jahrhunderts. Aus ihren eigenen Eingeweiden muss diese in ihrem Kern total verfaulte Partei immer wieder ihre Eberts, ihre Noskes, ihre Scheidemänner, ihre Schröders und Schulzes produzieren. Spätestens seit dem 4. August 1914, der Tag, an dem in Deutschland die Kriegspartei gesiegt hatte, konnte man sehen, wozu diese Partei fähig war bzw. wie unfähig sie war.  Die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht war kein Ausrutscher, sondern sie ist zu deuten im Kontext eines kleinbürgerlichen Klassenhasses gegen Fortschritt und gegen die soziale Revolution der Arbeitstiere der Lohnsklaverei. Wer nach diesem Tag noch daran zweifelt, dass die SPD eine Partei der Konterrevolution ist, der hat die politische Orientierung verloren und irrt als Blinder durch die politische Landschaft. Die Ermordung der Führer der proletarischen Revolution in Deutschland war sozusagen das Zwischenereignis, das nötig war, damit sich der erste, allseitig imperialistische Weltkrieg, ausgelöst durch ein Attentat, das die Friedensperiode abbrach und in ganz Europa die chauvinistischen Eiterbeulen zum Platzen brachte,  auf höherer, auch mit der rassistisch-genoziden Komponente auf auch kriegstechnisch höherer Stufenleiter noch einmal über die Völker ergoss. Beide Weltkriege waren nur die Fortsetzung der imperialistischen Politik der vorhergehenden Jahrzehnte, beide Kriege wurden jahrzehntelang mehr oder weniger offen vorbereitet. Man brauchte kein tiefer Kenner der politischen Materie zu sein, um festzustellen, dass der Krieg keine Überraschung war. Auch mit der Ausschaltung der beiden führenden Köpfe, mit dem Doppelmord, stehen die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts in Verbindung untereinander. Insofern hat dieser Doppelmord eine viel tiefere weltgeschichtliche Bedeutung als der Eispickelmord am 21. August 1940 in Coyoacán, denn die kleine Clique trotzkistischer Terroristen konnte nur noch Sekundärschäden in der Sowjetunion anrichten, immerhin aber noch die Ermordung einzelner Funktionsträger des Systems.  Auch das Attentat von Sarajewo hatte eine viel wuchtigere weltgeschichtliche Substanz als die Ermordung Trotzkis, der sich in der Endphase seiner Wirkmächtigkeit befand, ein Auslaufmodell war.

Die Sozialdemokratie des 20. Jahrhunderts war nicht mehr die des 19. Jahrhunderts, und wieder markiert die Jahrhundertwende die Schnittstelle. Mit dem Aufkommen der Monopole, der Extraprofite, die diese abwerfen, mit der durch sie möglichen Bestechung von Lohnsklaven, die ihr Joch egozentriert bequem abwerfen wollen, die vergessen haben, dass sich Karl Marx für die proletarische Sache auch gesundheitlich aufgerieben hatte, die sich täuschen, dass mit dem Wegwerfen der roten Fahne kein verpfuschtes Leben beginne, mit dem Aufkommen einer reaktionär-verbürokratisierten Arbeiteraristokratie, die nach kleinen, aber feinen Pöstchen Ausschau hält, ist es dem Monopolkapital gelungen, eine empfindliche Bresche in die Arbeiterbewegung zu schlagen und den Sturz des Kapitalismus künstlich aufzuhalten. Hinzu kam eine geschickte Leitung der sogenannten öffentlichen Meinung, anfangs fast ausschließlich über große bürgerliche Zeitungen der Monopole. Die sogenannten Massenmedien, die in Wirklichkeit kapitalistische Medien, Medien in der Hand einer eindeutigen Minderheit sind. Extraprofite, Bestechung und Herausbildung einer Arbeiteraristokratie, Manipulierung der öffentlichen Meinung, das waren neue Ketten der Lohnsklaverei, für das 20. Jahrhundert spezifische. Im 19. Jahrhundert war das noch die von Marx und Engels konstatierte englische Ausnahme auf Grund des Kolonialmonopols Englands. In einem Brief vom 7. Oktober 1858 an Marx schreibt Engels, dass „das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, so daß diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen“. 25. Der Imperialismus des 20. Jahrhunderts mit seinem Hang zur politischen Reaktion wurde in seiner politischen Spitze von zwei Aristokratien gebildet. Aus der Analyse der Niederlage der Pariser Commune hatte Marx bereits die Schlussfolgerung gezogen, dass die Bourgeoisie die Stellung des Feudaladels eingenommen habe. Die bürgerlichen französischen Feudalherren, die Lysis und Lenin Wucherer Europas nannten, unterstützen zum Beispiel das Blutzarentum, das ohne Pariser Finanzspritzen nicht mehr lebensfähig war. Und zu diesen Feudalherren aus dem bürgerlichen Lager gesellten sich nun Feudalherren, die dem Lager der Arbeiterklasse entstammten. Und diese Minderheit der Arbeiteraristokraten war natürlich taub gegenüber Rosa Luxemburgs Forderungen, dass angesichts der neuen, imperialistischen Erscheinungen in der Weltpolitik auch neue Formen der Massenaktionen erforderlich seien.

Es war 1910 interessant, Notiz zu nehmen vom Verhalten der SPD anlässlich des Besuches des blutbesudelten Zaren in Potsdam. Sie schwieg, von ihr fiel kein Wort des Protestes. Und als am Abend des 2. Juni 1967 deutsche Sozialdemokraten zusammen mit dem Schah von Persien, der nicht weniger blutbesudelt war, in der ‚Deutschen Oper‘ Mozarts ‚Zauberflöte‘ lauschten, floss draußen Blut, wurde der wenig politisierte Student Benno Ohnesorg von der Polizei ermordet. Es war richtig von den Studenten, den geistigen Brandstifter Axel Springer anzugreifen, der fortgesetzt die Biedermänner aufhetzte und der auf den Studentenführer Rudi Dutschke zielte. („Volksfeind Nr. 1 Rudi Dutschke“). Das Attentat auf ihn am 11. April 1968 stand zeitlich in der Mitte zwischen der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und heute. Konnte die von beiden gegründete Partei die politische Macht in Deutschland nicht erobern, so musste die 68er-Bewegung erst recht scheitern und die Moralisten unter ihnen wurden mit einem fanatischen Idealismus, man denke nur an die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin, in die terroristischen Wirren gehetzt. Die angeblichen Freveltaten der RAF waren nur eine Marginalie im Vergleich mit dem barbarischen konterrevolutionären Terror, der bis 1968 und darüber hinaus das deutsche Volk und Ausländer heimgesucht hat und bis heute heimsucht, es sei nur auf die Verbrennung von Ouri Jalloh im Polizeigefängnis von Dessau hingewiesen. Mit dem Attentat auf Dutschke endete die antiautoritäre Revolutionsspielerei, die anfangs einen harmlosen, Herrschaftsverhältnisse bunt und grell entlarvenden Charakter trug und in die Irre ging, man könne Revolutionen machen und ein, zwei, drei, viele Vietnams schaffen. Die Studentenbewegung lebte von Illusionen, eine essentielle Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus war ihr nicht gelungen. Dutschke zum Beispiel lief mit der Grille im Kopf herum, die DDR im rätedemokratischen Sinn zu befreien, und deshalb blieb die 68er-Bewegung trotz Berkeley und dem Pariser Mai eine lokale, mehr subkutan wirkende Angelegenheit mit marginalen Ausläufen der chinesischen Kulturrevolution (MLPD), während die Gründung der KPD und die Ermordung ihrer Führer dank Lenin und der Oktoberrevolution in einem weltrevolutionären Kontext standen. Der 68er-Aufbruch war zusammengebrochen, es schlug die Stunde der Reaktion. Wie die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ein Mittelglied zwischen den Weltkriegen bildet, so das Attentat auf Dutschke den Umschlag von Kulturrevolution in Reaktion. Und wieder waren es führende Sozialdemokraten, die aktiv anwesend waren, repressiver Gewalt Gestalt zu geben. Wieder spielte die SPD mit Willy Brandts Berufsverboten, in Kraft ab dem 18. Februar 1972, eine düstere Rolle, zirka vier Jahre nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze am 30. Mai 1968. Die Kinder der Republik wurden von Lehrerinnen und Lehrern mit einer auf das Mittelalter ausgerichteten Weltanschauung und von Pfaffen geistig ruiniert. Was 1919 am Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, beide Opfer zweier Aristokratien, galt, das gilt auch – mutatis mutandis – heute noch. Zwei parasitäre Aristokratien sind es, die das deutsche Volk unterdrücken, es wird unterdrückt durch eine bürgerliche Finanzoligarchie und durch eine sozialdemokratische Aristokratie, die der Oligarchie zuarbeitet und die Lohnsklaven wie Dreck behandelt (siehe zum Beispiel Hartz IV, siehe auch den Boykott des gleichen Lohnes der Frauen für gleiche Arbeit durch die Sozialdemokratin Schwesig. Für diese Politikerin besteht der gleiche Lohn für gleiche Arbeit darin, dass die Frauen angeblich die Lohnlisten in den größeren Firmen einsehen dürfen.). Diese beiden an das Ancien Régime gemahnenden Aristokratien sind es, die das deutsche Volk in einen Bürgerkrieg der schrecklichsten Art treiben, in dessen Verlauf es gilt, die Aristokratien völlig zu vernichten. Dieser Bürgerkrieg ist unvermeidbar und am Ende werden nur die Waffen kommunizieren. Rosa Luxemburg schrieb, dass die Reaktion „Himmel und Hölle gegen das Proletariat in Bewegung setzen wird … sie wird mit Offizieren Metzeleien anstiften“ (Rosa Luxemburg, Unser Programm und die politische Situation, Rede zum Programm, gehalten auf dem Gründungsparteitag der KPD). Welch weise Voraussicht! Es wäre völlig falsch, in diesen Aussagen ‚Schnee von gestern‘ zu sehen. Durch den Imperialismus ist etwas Neues entstanden: die internationale Spaltung des Sozialismus. Die revolutionäre Arbeiterklasse wird einen Zweifrontenkrieg zu führen haben, gegen die Imperialisten und gegen die falschen, durch und durch bürgerlichen Freunde in der Arbeiterbewegung. Ein italienisches Sprichwort lautet ungefähr so: Gegen unseren Feind wird uns Gott schon schützen, aber gegen unsere falschen Freunde müssen wir uns selbst in Acht nehmen.