Lenins Kritik an der Junius-Broschüre Rosa Luxemburgs

 

Lenins Kritik an der Junius-Broschüre Rosa Luxemburgs

 

„ … und wir begrüßen den Autor von ganzem Herzen“.

Lenin schrieb diese Kritik im Juli 1916, 15 Monate, nachdem Rosa Luxemburg ihre Kritik vornehmlich an der deutschen Sozialdemokratie unter dem Titel: „Die Krise der Sozialdemokratie“ geschrieben hatte. Ihre Arbeit wird positiv bewertet. „Die überaus lebendig geschriebene Broschüre von Junius hat zweifellos im Kampf gegen die auf die Seite der Bourgeoisie und der Junker übergegangene ehemals sozialdemokratische Partei Deutschlands eine große Rolle gespielt und wird sie weiterhin spielen, und wir begrüßen den Autor von ganzem Herzen …  Die Junius-Broschüre ist im großen und ganzen eine ausgezeichnete marxistische Arbeit, und es ist sehr wohl möglich, daß ihre Mängel bis zu einem gewissen Grade zufälligen Charakters sind“. (Lenin, Über die Junius-Broschüre, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,310f.). Doch Lenin sah sich gezwungen, auf einige Fehler in ihr aufmerksam zu machen, Fehler, die der im wissenschaftlichen Sozialismus nicht so tief Geschulte wohl nicht bemerkt hätte. Rosa Luxemburg hatte die Stellung zum imperialistischen Krieg in den Mittelpunkt ihrer Broschüre gestellt und von diesem Mittelpunkt aus die deutsche Sozialdemokratie angegriffen (Kreditbewilligung, Burgfrieden). Als besonders perfide hatte sie die Irreführung der Massen durch die falsche Arbeiterpartei gegeißelt, die den imperialistischen Krieg zu einem nationalen Befreiungskrieg (gegen die russische Barbarei) umlog und damit den Imperialismus reinzuwaschen versuchte. Das ist sehr verdienstvoll, aber von welchen Mängeln spricht Lenin? Verschwiegen hätte Rosa Luxemburg den Zusammenhang zwischen dem Sozialchauvinismus und dem Opportunismus, zudem schone sie zu sehr Kautsky, den Lenin schärfer angegriffen hätte („seine Prostituierung des Marxismus“). Überhaupt hält Lenin Kautsky für einen recht raffinierten Würfelverdreher, raffinierte als die meisten anderen Opportunisten. Immer wieder richtet er den Lichtkegel der Aufklärung auf ihn. Rosa Luxemburg hatte nicht erwähnt, dass die Opportunisten sich für den 4. August vorgenommen hatten, „ … in jedem Fall für die Kredite zu stimmen“.  (a.a.O.,312). xZu wenig hatte Rosa Luxemburg ihr Augenmerk auf den Zusammenhang des Imperialismus mit der Spaltung des Sozialismus gelegt, die Notwendigkeit seiner Spaltung wird nicht heraus gearbeitet. Das sei ein Schritt zurück hinter Otto Rühle, der in einem Artikel im ‚Vorwärts‘ vom 12. Januar 1916  deren Unvermeidlichkeit nachgewiesen hatte. In ihrer Broschüre hatte Rosa Luxemburg geschrieben, dass es in der Ära des entfesselten Imperialismus keine nationalen Kriege mehr geben könne. Lenin hält das für falsch, für eine schablonenhafte Anwendung des Begriffes ‚Imperialismus‘  und beweist über eine Kritik an der Unzulänglichkeit ihrer Dialektikentfaltung das Gegenteil. Bei Lenin fällt der Satz, Luxemburg wende die Dialektik nur halb an.  (Vergleiche a.a.O.,322). xx Sie missachtet, dass alle Grenzen in der Natur und in der Gesellschaft bedingt und beweglich sind, daher wäre es falsch, Imperialismus und nationale Kriege abstrakt gegenüberzustellen. Lenin lehrt, dass ein nationaler Krieg in einen imperialistischen umschlagen kann und umgekehrt. (Vergleiche a.a.O.,314). Es kann nicht bestritten werden, dass die Meisterschaft der Klassiker in ihren souveränen Anwendungen der dialektischen Methode in den wissenschaftlichen Disziplinen auf deren Materien in ihrem Milieu und ihrer Entwicklung besteht. 1. Ihnen gelingt die richtige Widerspiegelung der Wirklichkeit und der in ihr begründeten Tendenz über sie hinaus. „Nationale Kriege der Kolonien und Halbkolonien sind in der Epoche des Imperialismus nicht nur wahrscheinlich, sondern unvermeidlich.“ (a.a.O.,315).  So ist es dann auch gekommen. Dieser Begriff des nationalen Krieges ist positiv besetzt, während er als Vaterlandsverteidigung in den hochentwickelten, imperialistischen Ländern deplatziert ist. Darum geht es in den Friedendebatten in der Ära des Finanzkapitals. Der Imperialismus kann aus sich nur räuberische, sklavenhalterische und reaktionäre Kriege hervorbringen, denen die Sozialisten sie umwandelnd Bürgerkriege, die letzten ihrer Art, entgegensetzen müssen. Der Sozialismus ist die Epoche der finalen Bürgerkriege, die noch unter Stalin andauerten und unter den Revisionisten versandeten. Den Revolutionären wurde das Lebenselixier genommen, denn nur in diesem Krieg fühlen sie sich wohl, da nur dieser eine ernste Vorwärtsbewegung, eine Wohltat bisher geknechteter Menschen bedeutet. Und in diesem Themenkomplex ist Rosa Luxemburg ein merkwürdiger und äußerst seltener Fehler unterlaufen. Nach dem Vorbild einer bürgerlichen 48er Revolution stellt sie den imperialistischen Kriegsherren ein nationales Programm   entgegen, die Losung einer Einigung, einer einigen großen deutschen Republik, die damals fortschrittlich war und hinter der 1848 auch Marx und Engels standen, die sie sogar zum ersten Punkt ihrer ‚Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland‘ machten: ‚1. Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt‘. Damit war aber 1916 die falsche Taste angeschlagen worden, die richtige wäre die der 71er Pariser Commune. Engels schreibt über die 48er Zeit, dass Deutschland damals noch ein Land des Handwerks und der auf Handarbeit beruhenden Hausindustrie war. (Vergleiche Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in: Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag 1960,471). Dieses soziale, vom Übergang des Handwerkers ins Proletariat geprägte Milieu kann man in der Mitte des imperialistischen Weltkrieges nicht mehr zu Grunde legen. Ganz offensichtlich wirft sie hier den klassischen Kapitalismus und den Monopolkapitalismus durcheinander. Es muss hier aber gesagt werden, und Lenin schleicht hier um den Brei herum, dass dieser Brei von Engels angerührt und dass sie eben von Engels irregeleitet worden ist. Sie beruft sich auf Engels, ohne zu merken, dass man nicht an den Buchstaben der Klassiker haften darf. Es ist aufschlussreich, Lenin mit Engels zu konfrontieren, und dabei kann Luxemburg nur gewinnen. Lenin schreibt: Der fortschrittlichen Klasse schlägt Luxemburg vor, „sich der Vergangenheit und nicht der Zukunft zuzuwenden! 1793 und 1848 stand objektiv sowohl in Frankreich als auch in Deutschland und in ganz Europa die bürgerlich-demokratische Revolution auf der Tagesordnung“. (a.a.O.,321). Und nun zu Engels: „ … daß die deutschen Proletarier von heute der französischen Sansculotten von vor hundert Jahren nicht unwürdig sind und daß 1893 sich sehen lassen kann neben 1793“.  (Friedrich Engels, Der Sozialismus in Deutschland, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,255f.). Im übrigen setzt sich Engels hier auch gegenüber Marx in die Nesseln, denn Marx hatte die Pariser Communarden 1871 davor gewarnt, nicht nach hinten zu schauen, gerade nicht auf die Jakobinerkriege, gerade nicht auf das Jahr 1793. Es ist also zur Herausbildung von Oppositionen gekommen: Engels-Luxemburg contra Marx-Lenin.

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