Archive for Mai 2018

LENINS IMPERIALISMUSTHEORIE UND DIE SPALTUNG DES SOZIALIAMUS

21. Mai 2018

LENINS IMPERIALISMUSTHEORIE UND DIE SPALTUNG DES SOZIALISMUS

TEIL 1: Der Imperialismus

Im am 6. Juli 1920 geschriebenen Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe seines im Frühjahr 1916 in Zürich geschriebenen ökonomischen Hauptwerkes ‚Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus‘ spricht Lenin von der „ungeheuren Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens“. 1. Am Ende seines Hauptwerkes wirft Lenin den bürgerlichen Ökonomen vor, nicht das Wesen des Imperialismus aufgetan zu haben , da sie in ihren Werken sklavisch Chaotisches kopierten. 2. Nimmt man ein Drittes von Lenin hinzu, dass die Menschen in der Politik stets die „einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug“3. gewesen sind und noch sind, so kann man die geniale Leistung Lenins ermessen, um die Jahrhundertwende die neuen Erscheinungsformen des Kapitalismus, der sich aus dem  freien Konkurrenzkapialismus zum Monopolkapitalismus entwickelt hatte, wissenschaftlich bestimmt und in ihrem Zusammenhang aufgezeigt zu haben. Damit hatte Lenin dem 20. Jahrhundert dessen ökonomische Basis entwickelt und mit Bewußtsein dargelegt, diese zugleich auch gegen die des 19. Jahrhundert, in dem der klassische Konkurrenzkapitalismus vorlag, kontrastiert.

Man wird durch eine tägliche Zeitungslektüre noch kein Politiker, der sich und andere betrügt, schon gar nicht ein Gesellschaftswissenschaftler. Dem Pressemann, der für seine Gläubigen das Chaotische an der Oberfläche des Spätkapitaismus abbildet, es etwas besser als sie abbildet, wird das Wesen seiner Epoche, das Wesen des Finanzkapitalismus, das monopolistiche Stadium  des Kapitalismus verschlossen bleiben. Er richtet die Leserinnen und Leser ab, das Beschauen ihres eigenen Nabels als weltpolitischen Akt auffassen zu lassen. Der Knoten der Gesellschaftswissenschaften liegt darin, dass es sehr schwiering ist, die gesellschaftliche  Wirklichkeit und die in ihr wirkende Gesetzmäßigkeit theoretisch richtig widerzuspiegeln, und fast jeder Zeitgenosse politische Mündigkeit dadurch unter Beweis stellen zu müssen meint, dass er, so wie er geht und steht, drauflos politisiert, den ‚Stein der Weisen‘ schon in der Tasche zu haben glaubt, auch wie sie so eine Idee entwickeln zu können, ohne die Gesetzmäßigkeit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft präsent zu haben, überhaupt von ihr jemals gehört zu haben. Mit dem Anhäufen von Zeitungs- und Lexikawissen allein verliert man noch nicht den Status einer Klatschbase, die sich in sog. Talk-Shows  prostituiert, in denen immer derselbe Brei aufgekocht wird. Es sind nur wenige Politikwissenschaftler, die bei der Entwicklung der Idee ihrer Wissenschaft nicht fehlten. Lenin warnte uns, sich völlig mit den Massen zu verschmelzen, sondern nur bis zu einem gewissen Grad, denn die Masse wird aus Monaden gebildet, die nur das Chaos auf der Weltoberfäche unzulänglich kopieren.

Exkurs: In Deutschland irrt ein Doktor der Philosophie umher, der auf den Namen Robert Habeck hört. Der hat in Freiburg i. Br. und Hamburg Philosophie studiert – und mit welchem Ergebnis? „Politik ist eine Beziehung zur Welt. Sie macht aus einer Reihe von subjektiven Erfahrungen objektive Tatsachen. Sie verallgemeinert. Das ist ihr Spannungsbogen und ihr Sinn. Was man sich allein denkt und vornimmt, wird in einer Demokratie durch die Gruppe Wirklichkeit“. 4. Das ist schon als kindlich-naiv zu bezeichnen. Politik macht aus Erfahrungen Tatsachen, aus Subjektivem Objektives. Der Grundirrtum dieses Philosophen besteht darin, dass er sich selbst als Nabel der Politik prostituiert, wie denn auch sein Buch ‚Wer wagt, beginnt‘ den Untertitel trägt: ‚Die Politik und ich‘. Ich politisiere, also bin ich. In der Politik geht es am allerwenigsten um Robert Habeck. Lenin lehrte uns: „Jedermann weiß, daß die Massen sich in Klassen teilen, … daß die Klassen gewöhnlich und in den meisten Fällen, wenigstens in den  modernen zivilisierten Ländern von politischen Parteien geführt werden; daß die politischen Parteien in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der autoritativsten , einfußreichsten, erfahrensten , auf die verantwortungsvollstenPosten gestellten Personen geleitet werden, die man Führer nennt. Das alles sind Binsenweisheiten. Das alles ist einfach und klar“. 5. Politik ist der Kampf dieser Parteien um die Macht im Staat, wer die politische Macht hat, das entscheidet in der bürgerlichen Gesellschaft alles. Das ist einfach und klar, offensichtlich nicht für den Philosophen Habeck, der zudem noch die bügerliche Demokratie beschönigt, die im Grunde Anwendung staatlicher Gewalt beinhaltet, in der bürgerliche Gesellschaft nur eine Demokratie für die Reichen ist, ein Werkzeug in der Hand der aus dem Wahlkampf als Sieger hervorgehenden Politiker ist, das Volk auszubeuten. (Ende des Exkurses).

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte sich der klassische Konkurrenzkapitalismus zum Monopolkapitalismus entwickelt, war das Monopol aus der Konkurrenz herausgewachsen. Es musste erst zu dieser Ausprägung des Kapitalismus gekommen sein, um eine umfassende Imperialismusanalyse erbringen zu können, Marx hatte zwar einige Konturen eines anderen, höher entwickelten Kapitalismus  gesehen, so zum Beispiel die Tatsache, dass mit den Banken“die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter gegeben“ sei, „aber auch nur die Form“. 6. Aber eine Wesensbestimmung des Imperialismus konnten Marx und auch Engels, der Marx zwölf Jahre überlebte und 1895 verstarb, noch nicht erbringen, weil es zu ihren Lebzeiten einen ausgeprägten Imperialismus noch nicht gegeben hatte. Die Zeit war noch nicht reif, es gab nur Konturen, keine Gestalt.  Aber 2016, 16 Jahre nach seiner Geburt, lag Lenin der erwachsen gewordene Imperialismus mit einem Weltkrieg im Gepäck vor und er konnte zum genialen Fortsetzter des ökonomischen Hauptwerks von Marx werden. Jede Beschäftigung mit dem ‚Kapital‘ von Marx, will man sich nicht mit einem Torso oder mit einer Analyse der Ökonomie des 19. Jahrhunderts begnügen, hat heute mit Lenin zu beginnen und mit Lenin zu enden.

Der Imperialismus ist keine autonome ökonomische Gesellschaftsformation, er gehört zum Kapitalismus, er ist nur ein besonderes, das höchste Stadium des Kapitalismus, zwar ein Übergangskapitalismus, aber der Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung wird in ihm nicht aufgehoben, sondern vielmehr ins Extrem gesteigert. DAS WESEN DES IMPERIALISMUS IST DER ÜBERGANG AUS DER FREIEN KONKURRENZ INS MONOPOL. Dabei wird die freie Konkurrenz nie ganz beseitigt, sie ist aber wesentlich in ihr Gegenteil, ins Monopol umgeschlagen. Im Gegensatz zum 19. Jahrhundert hatten nun die kapitalistischen Monopole in der Volkswirtschaft und Politik den ersten Platz eingenommen. Diesen ökonomischen Grundzug gilt es zur Gegenwart zu bringen, zugleich auch den politischen Grundzug, der mit dem Imperialismus verbunden ist, die Spaltung des Sozialismus. Beschränken wir uns zunächst auf die Ökonomie und führen wir das Wesen des Imperialismus, den Umschlag der freien Konkurrenz ins Monopol, noch etwas näher aus. Das Monopol ist bereits sterbender Kapitalismus, denn es bedeutet das Ende der Konkurrenz, zugleich den Übergang in eine höhere Form, den Sozialismus. Der Übergang zum Sozialismus erfolgt aus einem besonderen Kapitalismus, aus seinem höchsten Stadium. Der Imperialismus kann deshalb auch als Übergangskapitalismus bestimmt werden oder als die Herrschaft des Finanzkapitals. Wie das? Das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist das des Finanzkapitals, denn eine Monopolisierung ist sowohl in der Produktion als auch im Bankwesen zu verfolgen. Man spricht von einer Konzentration der Produktion und vom Terrorismus der Großbanken, die sich das Industriekapital völlig unterworfen haben. Das Industriekapital verliert an Bedeutung und wird schließlich vom Finanzkapital dominiert. Dieses ist in wenigen monopolistischen Großbanken konzentriert und verschmilzt mit wenigen monopolistischen Industrieverbänden, so dass es zur Herausbildung einer Bourgeoisie mit ausgesprochen reaktionären Zügen kommen kann. So hat der Anfang des 20. Jahrhundert ein anderes ökonomische Gesicht als das Ende des 19. Jahrhundert. Das Finanzkapital wirft seine Netze über alle Länder der Erde und es versteht sich von selbst, dass in diesem Netz der Kapitalexport gegenüber dem Warenexport bereits eine dominante Position eigenommen hat. War im 19. Jahrhundert im klassischen Konkurrenzkapitalismus die Rolle des Vermittlers noch dem Kaufmann zugekommen, so tritt im 20. Jahrhundert der Finanzmann an dessen Stelle. Der deutsche Ökonom Kestner spricht 1914 von einem spekulativen Genie, das jetzt gefragt ist, weil es in der Lage ist, die Beziehungen zwischen den einzelnen internationalen Monopolverbänden, vor allem aber deren Beziehungen zu den Trusts der Großbanken herauszufühlen. Das Spekulative zieht mit mit der Konzentration der Produktion und deren technischen Vervollkommnung als das im Prozessvollzug  zunehmender Verobjektivierung der Arbeitsprozesse unausrottbare subjektive Moment. Industriekapital und Bankkapital verschmelzen immer mehr zum Finanzkapital, das das vor Kraft nur so strotzende Kind dieser Vereinigung ist. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war das Interesse der führenden Industrienationen an Kolonien nicht sonderlich groß, Disraeli sprach 1852 von ihnen als von Mühlsteinen am Halse Englands, auch hier schlug alles ins Gegenteil um, Cecil Rhodes forderte 1895 vehement eine Vergrößerung des ohnehin schon großen britischen Kolonialbesitzes. Die imperialistischen Industriestaaten wurden zu regelrechten Gläubigerstaaten.

MONOPOL FINANZKAPITAL KAPITALEXPORT – das sind die Schlüsselbegriffe der Ökonomie in dem Umschlag des klassischen Kapitalismus in den modernen. Ich habe oben die Makrostrukturen der klassischen Ökonomie und der modernen angegeben, ohne die weder das 19. noch das 20. Jahrhundert in ihrer ökonomischen Substanz erfasst werden können. Indem Lenin die ökonomische Megastruktur des Imperialismus entfaltet, was ohne Verbindung mit der Ökonomie des 19. Jahrhunderts und im Kontrast zu ihr nicht möglich ist, beleuchtet er den klassischen ökonomischen Prozess des 19. Jahrhunderts zugleich im Licht des 20. Eine retrospektive Lektüre Lenins zum Studium des klassischen Kapitalismus ist und bleibt angesagt.

Gehen wir jetzt mehr ins Detail und wenden uns den Hauptformen des Monopolismus zu:

– Die Konzentration der Produktion

– Die Konzentration der Produktion hat zur Bildung von Kartellen, Syndikaten und Trusts geführt. 1907 waren in Deutschland in 0,9 % der Fabriken, es handelt sich hier ausschließlich um Großbetriebe, 57 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigt, das waren 39,4 % von 144 Millionen. „Einige zehntausend Großbetriebe sind alles, Millionen von Kleinbetrieben sind nichts“. 7. Die Vergesellschaftung der Produktion hat ungeheure Ausmaße angenommen. Zehntausende von Arbeitern werden in Werkskolonien kaserniert und diese Großbetriebe haben eigene Bahnen und Häfen. Die Konzentration, sagt Lenin, führt dicht an das Monopol heran. Die Verwandlung der Konkurrenz zum Monopol ist eine der wichtigsten Erscheinungen -wenn nicht die wichtigste- in der Ökonomik des modernen Kapitalismus. 1904 schreibt der deutsche Ökonom Heymann: „Der einzelne Betrieb wird stetig größer; immer mehr Betriebe  der gleichen oder verschiedener Art ballen sich zu Riesenunternehmungen zusammen, die in einem halben Dutzend Berliner Großbanken ihre Stützen und ihre Leiter finden. Für die Montanindustrie ist die  Richtigkeit der Konzentrationslehre von Karl Marx exakt nachgewiesen …Die Montanindustrie Deutschlands ist reif zur Expropriation .“ 8. Im 19. Jahrhundert ließen sich die industriellen Unternehmer“persöhnlichkeiten“ noch nicht von großen Banken leiten, auch waren die zersplitterten Einzelunternehmen noch nicht reif zur Expropriation auf hoher gesellschaftlicher Stufenleiter.

– Die neue Rolle der Banken

– Eine ähnliche Konzentrationsentwicklung wie in der Produktion können wir auch im Bankwesen beobachten, die Kleinbanken werden verdrängt, noch lieber zu Zweigstellen der Großbanken degradiert. Die grundlegende Operation im Bankengewerbe ist die Zahlungsvermittlung. Brachliegendes Kapital soll in funktionierendes verwandelt werden. Die Banken haben sich aber aus bescheidenen Vermittlern zu allseitigen Monopolinhabern verwandelt. Ein Industrieller legt ein Konto an, die Bank kann seine Kapitalbewegungen verfolgen, sammelt Informationen über ihn und verfügt am Ende über die Kreditwürdigkeit. 1912/13 verfügten neun Berliner Großbanken über 49 % aller Einlagen und 83 % des gesamten Bankkapitals. Es springt in die Augen, dass man bei 83 % bereits über die Rolle des kleinen Vermittlers hinaus ist, im Gegenteil, die Großbanken sind schicksalsbestimmend für die ganze Volkswirtschaft geworden. Man spricht deshalb auch vom ‚Terrorismus der Banken‘. Bereits 1901 kann dafür ein Beleg angeführt werden. Es handelt sich um eine Passage aus einem Brief einer großen Berliner Bank an den Vorstand des nordwestmitteldeutschen Zementsyndikats. „Nach der im Reichsanzeiger vom 18. cr. veröffentlichten Bekanntmachung Ihrer Gesellschaft müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, daß in der am 30. des Monats stattfindenden Generalversammlung Beschlüsse gefaßt werden, die geeignet sein können, Veränderungen uns nicht genehmer Art in ihrem Geschäftsbetrieb herbeizuführen. Aus diesem Grunde müssen wir zu unserem lebhaften Bedauern den Ihnen eingeräumten Kredit hiermit zurückziehen … Wenn indes in der angegeben Generalversammlung nichts beschlossen wird, was uns nicht genehm ist, … so erklären wir uns gern bereit, wegen Gewährung eines neuen Kredits mit ihnen in Verhandlung zu treten“. 9. Man kann also mit der Kreditpeitsche drohen, jedenfalls haben wir einen eindeutigen Beleg vor uns, wie sehr das industrielle Kapital dem Bankkapital bereits ausgeliefert ist. Das kleine Kapital klagt hier gegen das Großkapital, nur auf unvergleichlich höherer Stufenleiter. Immer mehr können wir ein aktives Eingreifen der Großbanken in die Gesamtentwicklung der Industrie verfolgen sowie eine Herausbildung einer Personalunion zwischen Bankkapital und Industriekapital. Bankdirektoren treten in Vorstände der Großbetriebe ein und vice versa. Bankkapital und Industriekapital verbinden sich, „verwachsen“, wie Bucharin treffend sagt. Und dieses Finanzkapital beginnt jetzt zusammen mit den internationalen Trusts die Inbesitznahme von Rohstoffquellen. Rohstoffe werden besonders wichtig im Imperialismus. Die grundlegende Besonderheit des modernen Kapitalismus ist die Herrschaft der Monopolverbände der Großunternehmer. Diese sind am festesten, wenn alle Rohstoffquellen in einer Hand zusammengefasst werden.Marx hatte bereits im Kapitel über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation auf die Keckheit und kriminelle Energie des Kapitals verwiesen. Dass es ängstlicher Natur ist, ist zwar wahr, aber nicht die ganze Wahrheit, für 300 % Profit riskiere es jedes Verbrechen, selbst auf Gefahr des Galgens. 10. Im Imperialismus steigert sich dies alles, die Korruption wird ins Quadarat erhoben. „Korruption, Bestechung im Riesenausmaß, Panamaskandale jeder Art“. 11. Das hat Lenin 1916 geschrieben. Und gab es nicht auch 2016 einen Panamaskandal?

– Finanzkapital und Finanzoligarchie

1910 verfügten Deutschland, England, Frankreich und die USA über 80 % des Weltfinanzkapitals, nimmt man noch Russland hinzu, so verfügten diese fünf Länder auch über 80 % des Eisenbahnnetzes. Es ist ein internationales Netz entstanden und es liegt auf der Hand, dass in diesem Netz nicht mehr die Warenproduktion ausschlaggebend ist, sondern der Kapitalexport. FINANZKAPITAL IST KAPITAL IN DER VERFÜGUNG DER BANKEN UND IN DER ANWENDUNG VON INDUSTRIELLEN. Die Bank wird in immer größeren Umfang industrieller Kapitalist. 1908 erschien in Frankreich ein Buch von Lysis ‚Gegen die Finanzoloigarchie in Frankreich‘. Das Kapital, das als kleines Wucherkapital begonnen hat, ruft er aus, beendet seine Entwicklung als riesiges Wucherkapital. „DIE FRANZÖSISCHE REPUBLIK IST EINE FINANZMONARCHIE, DIE VOLLE HERRSCHAFT DER FINANZOLIGARCHIE. SIE HERRSCHT UNUMSCHRÄNKT ÜBER PRESSE UND REGIERUNG“.12.

– Warenexport

Es ist ein großer Kapitalüberschuss in den sog. fortgeschrittenen imperialistischen Ländern entstanden. Geldkapital ist in wenigen Ländern angehäuft worden und eine Schicht von ‚Rentnern‘ entstanden, die den Müßiggang zum Beruf gemacht haben. Um die Profite dieses Geldkapitals zu steigern, darf das Geld keineswegs im Inneren Verwendung zur Hebung des Lebensniveaus der Volksmassen finden. Der Überschuss wird ins Ausland geleitet, insbesondere in rückständige Länder. In diesen wird das Geldkapital angelockt durch billige Arbeitskräfte, wenig eigenes nationales Konkurrenzkapital, niedrige Bodenpreise und billige Rohstoffe. Dieser Kapitalexport beschleunigt natürlich die kapitalistische Entwicklung in den zurückgebliebenen Ländern, die an die Schwelle geführt werden, an der sie bei den imperialistischen Großbanken Kredite aufnehmen müssen, an denen Auflagen geknüpft sind, zum Beispiel die, von der Anleihe bestimmte Produkte der Geberländer erwerben zu müssen, meistens Waffen und Schiffe. So wird der Kapitalexport ein Mittel, den Warenexport zu fördern. Das Finanzkapital wirft seine Netze über alle Länder aus und man muss unterscheiden zwischen der ökonomischen Aufteilung der Welt unter den internationalen Kapitalistenverbände, die um 1900 gerade beginnt, und der territoralen Aufteilung der Welt unter die Großmächte, die um 1900 gerade abgeschlossen ist. Beide Prozesse hängen zusammen und verlaufen nebeneinander.

– Die Aufteilung der Welt unter die internationalen Kapitalistenverbände

Wir sind Zeuge einer Internationalisierung des Kapitals geworden. Es ist eine neue Stufe in der Weltkonzentration des Kapitals und der Produktion erreicht. Man nehme nur den Vertrag, den die AEG und die General Electric Company 1907 über die Aufteilung der Welt geschlossen haben, als es auf der ganzen Welt keine mehr von ihnen unabhängige Elektromächte gab. „Und nun schließen 1907 der amerikanische und der deutsche Trust einen Vertrag über die Aufteilung der Welt. Die Konkurrenz wird ausgeschaltet. Die GEC ‚erhält‘ die Vereinigten Staaten und Kanada; der AEG werden Deutschland, Österreich, Rußland, Holland, Dänemark, die Schweiz, die Türkei und der Balkan ‚zugeteilt‘. Besondere – natürlich geheime – Verträge werden über die ‚Tochtergesellschaften‘ abgeschlossen, die in neue Industriezweige und in ’neue‘, formell noch unverteilte Länder eindringen. Erfindungen und Erfahrungen werden gegenseitig ausgetauscht. Man versteht ohne weiteres, wie schwierig die Konkurrenz gegen diesen faktisch einheitlichen, die gesamte Welt umspannenden Trust ist, der über ein Kapital von mehreren Milliarden verfügt und seine ‚Niederlassungen‘, Vertretungen, Agenturen, Verbindungen usw. an allen Ecken und Enden der Welt hat“. 13. Nur darf man daraus keinen Ultra-Imperialismus konstruieren, als könne nach Kautsky ein globaler Trust den Weltfrieden sichern. Eine Neuaufteilung der Welt ergibt sich im Imperialismus zwangsläufig und geteilt werden kann nur nach der Macht des Kapitals. Kriege sind dem Wesen des Imperialismus inhärent.

– Die Aufteilung der Welt unter die Großmächte

Um 1900 gibt es kein herrenloses Land mehr, die Welt ist zum ersten Mal aufgeteilt. Die Fieberjagd nach Kolonien, die 1885 begann, ist um 1900 abgeschlossen. Disraeli wollte 1852 Kolonien am liebsten loswerden, aber schon 1895 verfolgte Cecil Rhodes das Gegenteil: „Ich war gestern im Ostende von London (Arbeiterviertel) und besuchte eine Arbeitslosenversammlung. Und als ich nach den dort gehörten wilden Reden, die nur ein Schrei nach Brot waren, nach Hause ging, da war ich von der Wichtigkeit des Imperialismus mehr denn je überzeugt … Meine große Idee ist die Lösung des sozialen Problems, d. h. um die vierzig MillionenEinwohner des Vereinigten Königsreichs vor einem mörderischen Bürgerkrieg  zu schützen, müssen wir Kolonialpolitiker neue Ländereien erschließen, um den Überschuß an Bevölkerung aufzunehmen, und neue Absatzgebiete schaffen für die Waren, die sie in ihren Fabriken und Minen erzeugen. Das Empire, das habe ich stets gesagt, ist eine Magenfrage. Wenn sie den Bürgerkrieg nicht wollen, müssen sie Imperialisten werden“. 14.

– Lenins Zusammenfassung:

„Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Fianzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist“. 15.

Teil 2: Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus

Um die historische Notwendigkeit der Spaltung des Sozialismus im 20. Jahrhundert zu entwickeln, ist es zweckdienlich, sich mit der Bestimmung des Imperialismus auseinanderzusetzen, die Kautsky uns gibt: „Der Imperialismus ist ein Produkt des hochentwickelten industriellen Kapitalismus. Er besteht in dem Drange jeder industriellen kapitalistischen Nation, sich ein immer größeres agrarisches Gebiet zu unterwerfen und anzugliedern …“ 16. Die Untauglichkeit  dieser Bestimmung fällt sofort in die Augen. Erstens ist der Imperialismus ein Produkt des Finanzkapitals und zweitens strebt eine imperialistische Nation nicht nur nach Agrargebieten, sondern nach beliebigen Ländern. Nicht von ungefähr führt Lenin gegen Kautsky den englischen Ökonomen J.A. Hobson ins Feld, dem trotz pazifistischer und liberaler Vorurteile tiefere Einsichten in das Wesen des Imperialismus und seiner Widersprüche gelungen sei als dem ‚Marxisten‘ Kautsky. 1902 erscheint in London und New York Hobsons Hauptwerk ‚Imperialism‘. Zwei Umstände sind es nach Hobson, die zur Schwächung der alten Imperien beigetragen haben: Erstens ‚ökonomischer Parasitismus‘ und zweitens das Aufstellen von Eingeborenenarmeen unter britischen Kommando. Anlässlich der damaligen Überlegungen der imperialistischen Länder, China aufzuteilen, entwirft Hobson ein Panorama, wie es in Westeuropa nach dieser Aufteilung aussehen könnte: „Der größte Teil Westeuropas könnte dann das Aussehen und den Charakter annehmen, die einige Gegenden in Südengland, an der Revieira sowie in den von Touristen am meisten besuchten  und von reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens und der Schweiz bereits haben: ein Häuflein reicher Aristokraten, die Dividenden  und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer etwas größeren Gruppe von Angestellten und Händlern und einer noch größeren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien wären verschwunden, die Lebensmittel und die Industriefabrikate für den Massenkonsum  würden als Tribut aus Asien und Afrika kommen“.“Wir haben die Möglichkeit einer noch umfassenderen Vereinigung der westlichen Länder angedeutet, eine europäische Föderation der Großmächte, die, weit entfernt, die Sache der Weltzivilisation voranzubringen, die ungeheure Gefahr eines westlichen Parasitismus heraufbeschwören könnte, eine Gruppe fortgeschrittener Industrienationen, deren obere Klassen aus Asien und Afrika gewaltige Tribute beziehen und mit Hilfe dieser Tribute große Massen gefügiges Personal unterhalten, die nicht mehr in der Produktion von landwirtschaftlichen und industriellen Massenerzeugnissen, sondern mit persönlichen Dienstleistungen oder untergeordneter Industriearbeit unter der Kontrolle einer neuen Finanzaristokratie beschäftigt werden“. 17. Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien aus- und sie von der großen Masse abzusondern. Im Imperialismus entsteht sowohl eine Finanz- als auch eine Arbeiteraristokratie, denn er schafft die Möglichkeit, einen Extraprofit zu erwirtschaften, d.h. einen „Profitüberschuß über den in der ganzen Welt üblichen, normalen Profit“ 18., um so  ökonomisch die Bestechung der Minderheit der Oberschicht des Proletariats zu ermöglichen. Durch den Extraprofit bereichert sich die herrschende Klasse und, so Hobson, sie erkauft sich „die Fügsamkeit seiner unteren Klassen durch Bestechung“. 19. Dieser ökonomische Zusammenhang ist die tiefste Wurzel der Verbindung zwischen der imperialistischen Bourgeoisie und den Opportunisten, ist die tiefste Wurzel der Spaltung des Sozialismus. Es kommt zwangsläufig zur Auswicklung von zwei Tendenzen in der Arbeiterbewegung.  „Einzelne von den jetzigen sozialchauvinistischen Führern mögen zum Proletariat zurückkehren. Aber die sozialchauvinistische oder (was dasselbe ist) opportunistische Strömung kann weder verschwinden nochzum revolutionären Proletariat ‚zurückkehren“. 20. Die Spaltung des Sozialismus ist unter imperialistischen Bedingungen eine historische Gesetzmäßigkeit. Eigentümlich ist nun, dass diese Spaltung schon unter präimperilistischen Bedingungen zu beobachten war, unter kolonialen, auch nur in einem Land, in England. Nur in England hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine dünne Schicht von Arbeiteraristokraten herausgebildet. Marx und Engels verfolgten diesen Prozess der Verbürgerlichung von Teilen der englischen Arbeiterbewegung durch Englands Kolonialmonopol. In einem Brief an Marx vom 7. Oktober 1858 schrieb Engels, dass das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbürgert, „so daß diese bürgerlichste aller Nationen es schließlich dahin bringen zu wollen scheint, eine bürgerliche Aristokratie und ein bürgerliches Proletariat  neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt expolitiert, ist das allerdings gewissermaßen gerechtfertigt“. In einem Brief von Engels, geschrieben am 19. April 1890 lesen wir: „… die Bewegung (der Arbeiterklasse in England) geht unter der Oberfläche fort, ergreift immer breitere Schichten und gerade meist unter der bisher stagnierenden untersten Masse und der Tag ist nicht mehr fern , wo diese Masse plötzlich sich selbst findet, wo es ihr aufleuchtet, daß sie diese kolossale sich bewegende Masse ist“. Im Vorwort zur zweiten Auflage der ‚Lage der arbeitenden Klasse in England‘ fällt 1892 das Wort ‚Arbeiteraristokratie‘ und im gleichen Vorwort betont Engels die Notwendigkeit, sich auf die Organisationen ungelernter Arbeiter zu konzentrieren, da sie noch frei von bürgerlichen Vorurteilen seien. Was im 19. Jahrhundert nur für England als Ausnahme galt, das ist nach 1900 zur Regel für alle fortgeschrittenen Industrienationen geworden: sie alle verfügen jetzt über Kolonien und Extraprofite. In seiner Kritik des imperialistischen Opportunismus im 20. Jahrhundert konnte Lenin daher auf die Kritik von Marx und Engels am spezifischen Opportunismus der englischen Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert zurückgreifen.

Kautsky übersieht bewußt die Bedeutung des imperialistischen Kolonialmonopols, das ab 1900 nicht länger auf England beschränkt blieb. Er gründet seine Friedenshoffnung allein auf die Tatsache, dass das engliche Industriemonopol längst gebrochen sei. Durch diesen Bruch gäbe es nichts mehr, „worum Krieg zu führen wäre“. Die Quelle des Krieges liegt aber woanders – gerade im Kolonialmonopol, das sich außerordentlich verstärkt hat. Also gibt es heute nicht nur etwas, worum die kapitalistischen Länder Krieg zu führen haben (um die Neuaufteilung der Welt), „sondern sie können auch nicht anders, sie müssen Krieg führen, wenn sie den Kapitalismus erhalten wollen, denn ohne eine gewaltsame Neuverteilung der Kolonien können die neuen imperialistischen Länder nicht die Privilegien erlangen, die die älteren (und weniger starken) imperialistischen Länder genießen“. 21. Die opportunistische Strömung in der Arbeiterbewegung strebt nach Privilegien und bildet sich zu einer Arbeiteraristokratie heraus, deren Kennzeichen sowohl ökonomische als auch politische Privilegien sind: bessere Arbeitsplätze, höhere Bezahlung, Extrazahlungen, Büroposten, Posten im Parlament, im Industriekomitee, in verschiedenen Kommissionen. Politische Privilegien bilden sich aus den ökonomischen zu einem ganzen System heraus. „Die Mechanik der politischen Demokratie wirkt in der gleichen Richtung. Ohne Wahlen geht es in unserem Zeitalter nich; ohne die Massen kommt man nicht aus, die Massen aber können im Zeitalter des Buchdrucks und des Parlamentarismus nicht geführt werden ohne ein weitverzweigtes, systematisch angewandtes, solide ausgerüstetes System von Schmeichelei, Lüge, Gaunerei, das mit populären Modeschlagworten jongliert, den Arbeitern alles mögliche, beliebige Reformen und beliebige Wohltaten verspricht – wenn diese nur auf den revolutionären Kampf für den Sturz der Bourgeoisie verzichten. Ich möchte dieses System Lloyd- Georgeismus nennen, nach einem der maßgebendsten und geschicktesten Vertreter dieses Systems in dem klassischen Land der ‚bürgerlichen Arbeiterpartei‘, nach dem englischen Minister Lloyd-George“. 22. Durch die Arbeiteraristokratie hat die Bourgeoisie die Gelegenheit, ständig bürgerliche Ideologie in die Arbeiterbewegung fließen zu lassen.

Vor der sozialistischen Revolution werden weder die opportunistischen Parteien verschwinden noch die opportunistischen Strömungen versiegen. „Wir haben nicht den geringsten Grund zu der Annahme, daß diese Parteien  vor der sozialen Revolution verschwinden können. Im Gegenteil, je näher wir dieser Revolution sein werden, je machtvoller sie entbrennen wird, je schroffer und heftiger die Übergänge und Sprünge im Prozeß der Revolution sein werden, eine um so größere Rolle wird in der Arbeiterbewegung der Kampf des revolutionären Stroms, des Stroms der Massen gegen den opportunistischen, den kleinbürgerlichen  Stromspielen“. 23. Kautsky will nicht mit den Massen brechen, aber er bezieht sich nur auf die organisierten Massen, die aber im Kapitalismus immer eine Minderheit darstellen werden. 1916 war nur ein Fünftel des Proletariats organisiert. Lenin nennt es die Pflicht jedes Sozialisten, „tiefer, zu den untersten, zu den wirklichen Massen zu gehen: darin liegt die ganze Bedeutung des Kampfes gegen den Opportunismus und der ganze Inhalt dieses Kampfes“. 24. Die Opportunisten strampeln sich nach oben, die Bolschewiki gehen tiefer in die Massen nach unten, ohne sich aber ganz mit ihnen zu verschmelzen. Der wissenschaftliche Sozialismus darf nicht von einer kleffenden Meute zerrissen werden, der bürgerliche Massenmedien täglich, stündlich die Tollwut des Antikommunismus einimpfen.

 

1.  Lenin, Vorwort zur französischen und deutschen Ausgabe zu: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22, Dietz Verlag Berlin, 1960,194

2. Vergleiche a.a.O.,308

3. Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, 1960,8f.

4. Robert  Habeck, Wer wagt beginnt, Die Politik und ich, Kiepenheuer & Witsch, 2016,15

 5.Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag, Moskau, 1975,582

6. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,144

7. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, Werke Band 22,201

8. Hans Gideon Heymann, Die gemischten Werke im deutschen Großeisengewerbe, in: a.a.O.,203

9. Dr. Oskar Stillich, Geld- und Bankwesen, Berlin, 1907,147

10.Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,788

11. Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,103

12. Lysis, Contre l‘ oligarchie financière en France, 5.éd, Paris, 1908,11ff.,in Lenin, a.a.O.,238

13. Lenin, a.a.O.,252

14. a.a.O.,261

15. a.a.O.,271

16. Karl Kautsky, in der ‚Neuen Zeit‘, 11. IX. 1914

17.J.A. Hobson, Imperialism, in: Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,106 

18. Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialimus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,111f.

19. a.a.O.,105

20. a.a.O.,115

121. a.a.O.,111

22. a.a.O.,114f.

23. a.a.O.,116

24. a.a.O.,117

 

Zum Machtverzicht der Räte in der Novemberrevolution 1918

19. Mai 2018

 

Vom 16. bis 20. Dezember fand in Berlin der Kongress der Arbeiter und Soldatenräte aus ganz Deutschland unter der Leitung des Vorsitzenden des Vollzugsrates Richard Müller statt, der weder der Revolutionssoldatin Luxemburg noch dem Revolutionssoldaten Liebknecht Zugang gewährte, auch nicht mit beratender Stimme, mit dem fadenscheinigen ‚Argument‘, da beide weder Arbeiter noch Soldaten seien. „Der Kongress vertrat die Vergangenheit, nicht die Gegenwart, die zurückgebliebenen Klein- und Mittelstädte, nicht die Großstädte und wichtigsten Industriegebiete“. (Paul Frölich, Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main1967,324). Dieses Verhalten gegenüber den beiden Revolutionären war außerdem der Tatsache geschuldet, dass die Mehrheit der Räte sozialdemokratisch orientiert war und sich selbst entmachtete, diese Tatsache ähnelte ebenfalls russischen Verhältnissen Mitte 1917. Die Räte dankten selbst ab und übertrugen die gesamte politische Macht, die gesetzgebende und vollziehende Gewalt bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung dem Rat der Volksbeauftragten, also Ebert und Konsorten. Die Mehrheit der Arbeiterklasse unterstützte die ihrem Wesen nach bürgerliche, sozialistisch verbrämte Regierung Ebert-Haase und die USPD war auch gegen die Räte. Die Räterevolution beging also Suizid. Die Wurzeln dieses Phänomens gehen zurück bis auf Luther, der die deutschen Mönche in sich gekehrt hatte bis zur Erstarrung, der deutsche Mensch wurde durch die Reformation ein zutiefst in sich versinkender Grübler, nicht aus sich herauskommend, nur Weltgeschichte erduldend, unfähig, sie zu gestalten, ohne Führer zu leben.  Der deutsche Spießer schaudert zurück, er weiß um sein innere Haltlosigkeit, seine Unzulänglichkeit, seinen Selbsthass und seinen Selbstzweifel, verzweifelnd am Ideal der Reinheit und an seiner totalen Sündhaftigkeit, die ihm Luther und die Reformatoren und Fichte und die deutschen Idealisten eingeredet hatten.   Engels hat uns auf den Zusammenhang zwischen dem deutschen Idealismus  und dem Katzenbuckeln vor allem Staatlichen hingewiesen. Man muss Großes wagen können in der Weltgeschichte, aus dem Milieu herausexplodieren und das Tabu brechen; der spießerhafte Sündenkrüppel kann es nicht und das zerreißt ihn durch und durch, denn er wähnt sich trotz alledem als etwas Besonderes, da die anderen Völker in seinem Gehirn noch sündhafter sind als er selbst. Es lag im November 1918 etwas ganz Großes in der Luft, zu groß für schwache Geister. Wir sind schwach und jämmerlich, sagten die Räte zu sich selbst. Nein, der Rätekongress in Berlin, das war nicht die Blüte des deutsche Volkes, das war der Spartakusbund und die Kämpferinnen und Kämpfer um Rosa Luxemburg. Hatte nicht Marx von der unbestimmten Ungeheuerlichkeit gesprochen, die dem Proletariat durch seine Revolution bevorstand? Und dieses Unbestimmte lähmte den kleinbürgerlich infizierten Teil der Arbeiterbewegung sowohl in Russland als in Deutschland, die Rätebewegung kam in beiden Ländern nicht über den Menschewismus hinaus. Durch den Kongress ging der Riss zwischen den Anhängern einer Rätemacht und denjenigen eines Parlamentes, letztere argumentativ positioniert, dass die Entente ein Rätedeutschland nicht dulden würde.   

Am 23. Dezember nahm die zirka 3 000 Mann starke und zunächst unter dem Kommando des Grafen Wolff-Metternich stehende ‚Volksmarinedivision‘, die die USPD unterstützte, den Berliner Stadtkommandanten Wels fest und erklärte der Regierung, sie stünde unter Hausarrest. Was dann folgte, ging als die ‚Blutweihnacht von Berlin‘ in die Geschichte ein und das Duo Ebert und Scheidemann wurde zu Recht als ‚Matrosenmörder‘ beschimpft, auch wenn die geheime Telefonverbindung zwischen Ebert und dem OKH (Oberkommando des Heeres) noch nicht aufgeflogen war. Die bürgerlichen Geschichtbücher wischen gern das Blut von diesen Noskes ab, aber es bleibt Tatsache, dass die SPD während der Novemberrevolution knöcheltief im Blut der besten Arbeiterinnen und Arbeiter Deutschlands watete. 

Die KPD rief zum Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung auf und setzte auf den bewaffneten Aufstand. Generalstreik und bewaffneter Aufstand in Berlin vom 5. Bis 12. Januar 1919. So war es um den Anfang der Dreigroschenrepublik bestellt, die 1933 starb, weil sie eine von der SPD abgewürgte Revolution zur Mutter hatte, eine Revolution, die allein hätte Ordnung in die Wirren bringen können. Ganz erfolglos war die Novemberrevolution indes nicht. Tarifverträge, Betriebsräte (in Betrieben ab 50 Beschäftigte) und ein Achtstundentag ohne Lohneinbuße – das kann sich durchaus sehen lassen. Aber das Unternehmertum konnte durch diese Zugeständnisse gerettet werden, es blieb dabei, es hatte dank der SPD, dem Stinnes-Legien-Pakt und der Kontinuität der Beamtenschaft, die von der SPD-Regierung nicht gesäubert worden war, noch immer das ‚Sagen‘. Die SPD hat vor jeder revolutionären Regung der Arbeiterklasse mehr Angst als vor jeder beliebigen Reaktion. Und war es nicht der Gewerkschaftsvorsitzende Carl Legien, der als erster Liebknechts Ausschluss aus der SPD gefordert hatte? Beschäftigt man sich mit dem rechten Flügel der deutschen Arbeiterbewegung, so besteht die Gefahr, von einer Erschütterung in die andere, von einem inneren Würgen zum anderen zu fallen.

Der junge, globale und aktuelle Marx

5. Mai 2018

Der junge Marx

Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im ‚Mercure de France‘ 1749 die diesjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut sei und dass es nur die Institutionen seien, die ihn verdorben haben. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch. Und dass diese Natur rein blieb, darauf achtete Maximilien Robespierre. Marx hat am eigenen Geist und am eigenen Leib die Verdorbenheit der Institutionen gespürt, an denen die meisten Intellektuellen vorbeiglitten. Marx hatte erkannt, dass die Institutionen mächtiger sind als die Menschen. Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die ‚Phänomenologie des Geistes‘ am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der ‚Phänomenologie‘ hatte Hegel in der Differenzschrift den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, desto greller die Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos. Zum Vermächtnis des deutschen Idealismus gehört, dass Wissenschaft nicht der Erbauung dient, sondern unter Geduld, Ernst und Schmerz der „Arbeit des Negativen“ (Hegel) als bewegendes Motiv. Hegel nennt Goethes Mephisto eine „gute Autorität“. Mephisto verkörpert das Negative als das Fruchtbare. Feuerbach spricht sogar von einer „Tortur“ des spekulativen Idealismus, um nicht länger subjektiv denken zu können. 1. Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine seelische Erschütterung, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt ‚Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“, mit dem er Hegel überwinden wollte, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: „Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher … und wollte jeden Eckensteher umarmen“. 2. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 3. konnte einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten umher, konnte Hegel nicht überwinden, schrieb dem Vater, dass alles Wirkliche für ihn verschwimme. Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht berichten könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. „Reformprogramme werden in dichter Folge entworfen und verworfen“. 4. Marx hat den Zweck antiken Philosophierens, das Finden der Seelenruhe, das Finden zu sich selbst, verfehlt. Der Vater beklagt sich, dass mühsam erwirkte Arbeiten zerrissen werden. Der Vater musste bremsen: ‚Übertreibe das Studieren nicht!‘ Er spricht von einer Tollheit des Studierens. ‚Schmutziges Spreewasser, das Seelen wäscht und Tee verdünnt‘, ‚lief wie toll im Garten umher‘, Hegels tiefe Lehre über den Widerspruch, der die Welt bewegt, innerste Triebkraft des Weltgeschehens, konnte natürlich zur Ataraxie nicht beitragen. War nicht alles ein ‚Quidproquo‘?, auf dem Kopf wandelnd?  Da schlummert etwas, was immer begleitet: Stellten sich nicht ordinäre sinnliche Dinge anderen ordinären sinnlichen Dingen gegenüber auf dem Kopf? Entwickelten Grillen, viel wunderlicher, als wenn sie aus freien Stücken zu tanzen begännen? 5. Marx erkennt, dass das Menschliche das Tierische, das Tierische das Menschliche ist. Das, was dem auch bereits in den Werken Hegels vorliegenden faustischen Grundzug entspringt, wäre damals für so manchen Irrenarzt ein gefundenes Fressen gewesen. Marx wurde krank. Er stürzt aus geistigen Höhenflügen in kränkelnde Empfindlichkeit und phantastisch schwarze Gedanken, man spürt die Depression förmlich. (An der auch Engels in späten Jahren leiden wird).  Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. „Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen …“. 6. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: „Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler, kennengelernt“. 7. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes 8. hervor, so dass davon auszugehen ist, dass er nicht ganz gesund aus Stralow zurückgekommen ist, jedenfalls nach seinem Selbstverständnis. Kein Wunder auch, wenn Hegel im Kopf herumspukt: ‚Was die Welt bewegt, das ist der Widerspruch‘. Wer diesen Satz Hegels vertiefen will, schläft nachts nicht unbedingt ruhiger. Aber bewirkt nicht der Kommunismus, auf den alles hinausläuft, die totale Ataraxie für die ganze Menschheit? Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Gedanken werden aber bald bei ihm unter dem Einfluss Feuerbachs rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere die Symbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Es kehrt sich für Marx alles um und die Denkgestik des Umkehrens, des ‚Vom Kopf auf die Füße Stellens‘, schon bei Feuerbach vorhanden, wird symptomatisch für Marx, das geht bis in den Sprachstil hinein. Wörter werden vertauscht, zum Beispiel in der ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ der wohl bekannteste, gegen den Idealismus gerichtete Austausch von Bewusstsein und Sein. Es wird dann immer die Wortkombination ‚sondern umgekehrt‘ in Anspruch genommen  9.,  werkimmanent folgerichtig am meisten in der ‚Heiligen Familie‘ und in der ‚Deutschen Ideologie‘. Der Mensch ist nicht des Gesetzes willen da, sondern umgekehrt, das Gesetz ist des Menschen willen da. Uns steht heute der Gärungsprozess vor der 48er Revolution zeitlich und gefühlsmäßig fern, wir lesen die Werke des jungen Marx einfach runter, ohne die Qual zu empfinden, aus der die welterschütternden Schriften quollen. Für Lukacs kommt der wissenschaftliche Sozialismus 1843 aus einer theoretischen Krise, „aus der  dann in verblüffend kurzer Zeit der wissenschaftliche Sozialismus samt seiner weltanschaulichen Grundlage, dem dialektischen und historischen Materialismus, entspringt“. 

Der globale Marx

Karl Marx wurde 29 Jahre nach der französischen Revolution geboren und starb 34 Jahre vor der Oktoberrevolution. In seinem Leben vollzieht er selbst die Wende von einem Anhänger der bürgerlichen Demokratie zum praktischen und theoretischen Vorbereiter einer proletarischen Revolution. In der 48er Revolution trägt seine in Köln erscheinende Zeitung ‚Neue Rheinische Zeitung‘ noch den Untertitel ‚Organ der Demokratie‘ aus taktischen Gründen, Karl Marx hatte sich bereits vom Demokraten zum Kommunisten entwickelt. Er erlebte 1848 die bürgerliche Revolution hautnah, sein Freund Engels griff in sie sogar als Soldat unter dem Kommando Willichs ein. Noch der Glogauer Gesellenverein schreibt in einem Brief vom 26. März 1849 an das Zentralkomitee der Arbeiterverbrüderung in Leipzig, dass der Wahlspruch, den sich hiesiger Gesellenverein als Devise in seine neue Fahne gesetzt hat: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bald in allen deutschen Gauen widerhallen wird. 1851 besucht Marx in London die erste industrielle Weltausstellung und vergegenwärtigt sich und erahnt die kolossalen Potenzen, die durch die industrielle Revolution bereits freigesetzt worden sind und noch freigesetzt werden. Die Entwicklung der Industrie ist für Marx das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte. Eine gigantische Urbanität wird sich entwickeln, das Dorf unterjochend, eine bisher in der Geschichte noch nicht gekannte Arbeitsteilung zwischen geistiger und materieller Tätigkeit. Die Landbauarbeit, die noch bei den Physiokraten und in den Gesellschaftskonzepten Fouriers im Mittelpunkt stand, wird ein Anhängsel der industriellen Tätigkeit. Schon Feuerbach hatte seine Zeit gedeutet als eine, die unverkennbar den Keim großartiger Entwicklung in sich trage. 10. Aus dem Besuch erwachsen drei Erkenntnisse. Der Kommunismus hat eine materielle Grundlage, das Paradies für wenige kann ein Paradies für alle werden, und zugleich gilt es von den jugendlichen Träumen einer in Kürze nach jakobinischem Muster bevorstehenden Revolution Abschied zu nehmen, gegen den sich Weitling hartnäckig sperrte. Für Marx wird durch diesen Besuch die Zeit eigentümlich zerrissen: Das Ende der Klassenkämpfe ist dank der ‚Großen Industrie‘ nahe, ruft er seinen Anhängern zu, zugleich mahnt er sie, abzuwarten, die Produktivkräfte ausreifen zu lassen. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktion bereitet den Boden für den Sozialismus vor, ohne ihn antizipieren zu können. Der wissenschaftliche Sozialismus verbittet sich jegliches Apriori, das vom aktuellen Klassenkrieg nur ablenkt. Der Kommunismus bleibt im Marxismus abstrakt, wir wissen von einem demokratisch-diktatorischen, seine Funktionalität einstellenden Übergangsstaat, in dem mit dem geringsten Kraftaufwand produziert wird. 11. Im Grunde gibt der Kommunismus Antworten auf ganz simple Fragen: Sind menschliche Freiheit und Staat vereinbar und sind sie es für immer? Der Marxismus verneint wie der Anarchismus beide Fragen.  Und dann:  Die Bourgeoisie, obwohl in der Minderheit, ist stärker als zunächst angenommen. Je erwachsener Marx wird, desto mehr schwindet das Vorbild von 1792. Drei Jahre zuvor wollte er die 48er Revolution noch nach diesem ausrichten als Hauptrepräsentant des am weitesten linksstehenden jakobinischen Flügels der republikanischen Bewegung. Und drittens liegt nun der endgültige Durchbruch von der Politik zur Ökonomie vor. Ohnehin befindet sich Marx mit der Dialektik im Kopf, in dem sich immense Kenntnisse über revolutionäre Prozesse befinden, nun im klassischen Land der politischen Ökonomie. Die Bewegungen des Proletariats werden nun durch die ökonomische Brille studiert.   Marx wird ab jetzt immer in London wohnen, dort wird er Zeuge des Krimkrieges und vor allem der ‚Pariser Commune‘, die er als Bestätigung seiner revolutionären Lehre und als weltweit erste ‚Diktatur des Proletariats‘ feiert. Gegen Ende seines Lebens, zwei Jahre vor seinem Tod, kann er noch vernehmen, dass in Sankt Petersburg anlässlich des zehnten Jahrestages der Pariser Kommune eine Gruppe von Revolutionären die ‚Pariser Commune‘ hochleben lässt. Zusammen mit Engels schreibt er an diese Gruppe, dass auch Russland die Entwicklung zu einer russischen Kommune erfolgreich wird gehen können. Das war eine geniale Vorahnung. Es vergehen weitere zehn Jahre und 1891 findet die erste noch illegale Maifeier in Russland statt. Lenin wurde ein Jahr vor der Pariser Commune geboren und starb sieben Jahre nach der Oktoberrevolution. Mit ihm tritt ein Titan der praktischen Revolution in die Weltgeschichte ein, der sowohl die ökonomische Theorie von Marx über die Ausbeutung der Arbeiterklasse über unbezahlte Mehrarbeit durch die Kapitalistenklasse  beim Schein einer Vertragsgleichheit zwischen beiden als Einheit der Gegensätze  unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt als auch Marxens politische Theorie der Notwendigkeit der Diktatur der Arbeiterklasse über die Kapitalistenklasse als Kampf der Gegensätze zwecks Überwindung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenfalls nicht nur unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt, sondern auch  unter denkbar schwierigsten Voraussetzungen in die Weltgeschichte als Zweck der Oktoberrevolution einbilden wird. Kein Deutscher hat die Weltgeschichte damit mehr beeinflusst als Karl Marx, weil er in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft. Die Weltgeschichte ist nichts anderes als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit. 12. Wenn überhaupt etwas als die unentrinnbare Schicksalsmacht der menschlichen Gattung gelten kann, so ist es überhaupt die Arbeit, die alle zunächst unbewusst verbindet und durch bewusste Verbindung qua Revolution und Plan der Produzenten durch Enteignung der den Nichtproduzenten gehörenden Produktionsmittel ihr Schicksalhaftes abwirft; es ist zum Beispiel nicht die Religion, die die Menschen verbindet oder die Philosophie; es gibt verschiedene Religionen und auch Atheisten, Materialisten und Idealisten.

Der aktuelle Marx

Es gibt verschiedene, motivationsgesteuerte Zugangswege zum Marxismus. Einer der logisch sinnvollsten wäre doch der, chronologisch mit den allerersten Schriften des jungen Marx zu beginnen. Das ist aber selten der Fall, sie sind weitgehend unbekannt. In den Universitäten werden heute die jungen Menschen in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr zu einem systematischen Studium der fundamentalen Werke der Klassiker angehalten, man hetzt sie in Sekundärliteratur umher und gefällt sich darin, die Zerrissenheit der Zeit widerzuspiegeln. Ein merkwürdiger Begriff von Moderne! Es sind wirklich nur Experten, die wissen, dass Marx seine journalistische Tätigkeit Anfang 1842 mit einem Artikel über die Pressefreiheit in Preußen begann, die am 24. Dezember 1841 noch mehr eingeschränkt worden war. Bequemer ist da der Griff nach Sekundärliteratur.  Es gibt Chrestomathien, die ‚auf die Schnelle‘ alles Wesentliche enthalten, was ein Durchschnittskenner des Marxismus wissen müsste, es gibt Kurzfassungen des Kapitals für die Jackentasche.  Oft auch schlittern Studentinnen und Studenten gesellschaftswissenschaftlicher Fakultäten durch eine ihnen gestellte bzw. von ihnen ausgesuchte Thematik in den Marxismus hinein. Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich im Kapitalismus zu Recht unterdrückt und ausgebeutet fühlen, versuchen sich aus den Werken, die primär für sie geschrieben worden sind, Klarheit über die Frage zu verschaffen, wie es kommt, dass die Arbeit von Millionen und Abermillionen nur eine sehr kleine, unproduktive Minderheit des Volkes wirklich reich und sorgenfrei macht? Am 14. Juni 2017 erschien im Wirtschaftsteil der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ ein interessanter Artikel. Nüchtern stellte das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse fest: „Die Reichen werden immer reicher“. 10. Der Artikel nimmt Bezug auf die alljährlich erscheinende Studie der BCG (Boston Consulting Group), die sich darauf spezialisiert hat, weltweit die Millionärsentwicklung zu beobachten. In dieser Studie ‚Global Wealth 2017‘ wird hervorgehoben, dass die Zahl der Millionäre besonders schnell im Raum Asien-Pazifik wachse, vor allem aber sagt die Gruppe voraus, dass im Jahr 2021 die 50-%-Schallmauer durchbrochen sein wird. In diesem Jahr wird es den Millionären der Welt, derzeit 17,9 Millionen, zum ersten Mal gelingen, über 50 % des Weltvermögens an sich zu raffen. Millionen und Abermillionen Kinder werden bis dahin weltweit an Hunger gestorben sein. So wird in der bürgerlichen Welt brüderlich geteilt. Eines der Motive für die anstrengende theoretische Arbeit des jungen Marx war der Kontrast zwischen einer politisch und religiös proklamierten Gleichheit aller Menschen und der dieser diametral entgegenstehenden sozialen Zerrissenheit der bürgerlichen Gesellschaft. Schon Marx und Engels hatten im ‚Kommunistischen Manifest‘ festgestellt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Eigentum in wenigen Händen konzentriert wird. 11. Die Tendenz ist natürlich steigend und es muss notwendig zu einem ‚point of no return‘ in dem  der Kapitalentwicklung inhärenten Bürgerkrieg kommen. Was wiederum Marx und Engels schon 1845/46 in der ‚Deutschen Ideologie‘ sahen, die Notwendigkeit der Aneignung der Totalität der Produktivkräfte, um die Existenz der Menschheit sicherzustellen, dem ist in Kürze nicht mehr auszuweichen. Man kann keine konkreten Angaben über den Verlauf des künftigen Weltbürgerkrieges machen, aber seine Unvermeidlichkeit liegt schon beschlossen allein im vorliegenden Zahlenmaterial. Nach der weltberühmt gewordenen zynischen Aussage des US-Dollar-Milliardärs Warren Buffets in einem Interview mit der ‚New York Times‘ vom 26. November 2006 finde dieser bereits statt, er werde geführt von der Klasse der Reichen, die ihn gewinnen werde. In dieser Aussage eines US-Dollar-Milliardärs steckt mehr Weisheit als in den Vorlesungen mancher Soziologieprofessoren, die über das angebliche Problem der Aktualität des Marxismus-Leninismus vor Studentinnen und Studenten dozieren. Jawohl, Buffet hat es auf den Punkt gebracht. Was Marx bereits 1871 in seiner Analyse der Niederschlagung der Pariser Commune herausfand, dass der Staat das Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist, das wird heute glänzend bestätigt, nicht nur in den USA. In England, Frankreich, Deutschland, Russland, China … usw., überall ist der Staat ein Werkzeug in den Händen von blutsaugenden, voll gefressenen Volksfeinden, die mit ihm das Volk knechten, lähmen, quälen, ideologisch vergiften und krankmachen.  Der Widerspruch zwischen den Armen und den Reichen, letztere also schon im vollen Bewusstsein eines Weltbürgerkriegs lebend und sich immer mehr auf seine Eskalation vorbereitend, wird in einer Brutalität ohnegleichen aufbrechen und seine Lösung suchen, indem die Volksmassen durch marxistisch-leninistischen Parteien auf kollektive Kampfformen gegen die technisch hochgerüsteten Terror- und Militärapparate ausgerichtet werden. Die Armeen und Polizeien, die sich die Millionäre angekauft haben, zum Beispiel ist die Bundeswehr keine Volksarmee, werden in den Ozeanen der Massen untergehen.  Die Menschheit wird unter Leitung der international tätigen Arbeiterklasse aus Gründen ihres Überlebens gezwungen sein, 18 Millionen Millionäre zu enteignen und niederzuhalten. Wir nähern uns diesem Punkt unaufhaltsam, unumkehrbar und es stellt sich schon heute die Frage, ob ein nur friedlicher Protest beim G-20 Weltgipfel 2017 in Hamburg legal war oder ob dieser angesichts weltweit verhungernder Kinder in Millionenzahl schon als kriminell, gewiss aber als obszön zu bezeichnen ist?

1.Vergleiche Ludwig, Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main, 1983,71. Wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass die klassische deutsche Philosophie den Schmerz als ein Leitmotiv menschlichen Daseins ausgab und sich damit in eine negative Linie abendländischen Denkens stellte, in die christlich-platonische Leibfeindlichkeit, die durch die Mystik und durch Augustinus, durch ihn noch einmal einen mächtigen sexualfeindlichen Schub bekam. Die deutsche Klassik hat christliches Gedanken- und Schriftgut nicht effektiv bekämpft, die Franzosen waren da viel weiter, und so schon geballtes konterrevolutionäres Gewicht auf die Köpfe der Menschen gelegt.  Sogar noch für Feuerbach, den Philosophen der Liebe, ist der Schmerz Beweis des Seins. Eine Konsequenz des objektiven Idealismus als Profilierung gegen die kantische Anthropologie und gegen das Fichtesche ‚Ich‘ sieht Feuerbach darin, dass wir das Leid auf uns nehmen sollen, das Unsrige nicht als das Unsrige zu denken. Damit nähme Hegel uns den Sinn des Denkens und setzt an dessen Stelle den Unsinn des Absoluten. „Unsinn ist das höchste Wesen der Theologie – der gemeinen wie der spekulativen“ (a.a.O.). Fast alle Dinge, klagt Feuerbach, verkehrt Hegel aus theologischem Motiv, nimmt ihnen ihren wirklichen Sinn, sie zu absoluten machend, dass sie unerkennbar werden. Aus theologischem Motiv, das betont Feuerbach immer wieder, besonders er unternimmt den Versuch, nachzuweisen, dass der deutsche Idealismus viel theologischer und weniger philosophisch ist, als er vorgibt. Je mehr Hegel die Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt aufschlüssele, das Jenseits ausleuchte, Gott in den Begriff verwandele, desto fremder werde uns die diesseitige Welt, wenn wir sie mit der Begriffsbrille Hegels betrachten. Hegel setzt das Wesen des Subjekts metaphysisch außer diesem, das Marx als proletarischen Weltgewinn durch Weltrevolution einholen will. Erst in der praktischen Tätigkeit ist der Mensch ganz bei sich, die metaphysische Spekulation wird durch kollektive Tätigkeit in den Tod gearbeitet. Erst jetzt beginnt die fröhliche Wissenschaft. Das Kollektiv darf dann dabei natürlich nicht als ein Abstraktum dem Subjekt gegenübergestellt werden.

2. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9. Hierzu zählen auch Aussagen wie diese: In Berlin angekommen, brach ich alle bis dahin bestandenen Verbindungen ab und machte mit Unlust seltene Besuche. (Vergleiche a.a.O.,4). Es mag sich im Unterbewusstsein die große Auseinandersetzung mit der klassischen deutsche Philosophie angebahnt haben, die wie ein Alp auf dem Gehirn des jungen Marx gelegen haben mag. Dafür spricht, dass der junge Marx in einem Hegel- Epigramm dem Altmeister die Eigenschaft zuschob, sich „in Dunkel“ zu verhüllen. Hegel, der in seiner Logik alle Kernaussagen Heraklits, den man den ‚Dunklen‘ nannte, eingeflochten haben wollte, war die große philosophische Herausforderung seines Lebens und der Jüngling mag darunter gelitten haben, noch über keine tiefen Kenntnisse Hegels zu verfügen. Denn das Studium Hegels ist eine Ochsentour. Karl Hugo Breuer verkürzt in seiner Dissertation ‚Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus‘ aus dem Jahr 1952 die Bedeutung Hegels für Marx, wenn er lediglich von einem Bildungserlebnis spricht. Hegel begleitet ihn sein Leben lang, denn die Anwendung materialistischer Dialektik kann nicht ohne Orientierung an der idealistischen gelingen. Auch Lenin studierte Hegel mehr als Feuerbach. Überhaupt ist die Dissertation von Breuer recht dünne geraten, das ist seinem biographisch-psychologischen Ansatz geschuldet, der der Mode des Existentialismus geschuldet ist. Das Werk wird gedeutet als Ausformung der Persönlichkeitshaltung. Marx entfaltet sich dann so: Der unbedingte Marx, der radikale Marx, der widersprechende und sich im Widerspruch festbeißende Marx, der ein „gewaltiger Hasser“ war, der jüdische Marx, der antisemitische Marx, und in der Tat hat Marx in einem Brief an Ruge im März 1843 geschrieben, der israelitische Glaube sei ihm widerlich, der depressive Marx, der polemische Marx, der für die Menschheit wirken wollende, also der praktische Marx, der aus dem Schattenreich des Amenthes hervortretende Marx, der stilistische, sprachstilistische Marx, sein Denken in Oppositionen, der späte bzw. ‚marxistische Marx‘ (Seite 103), das alles interessiert Heuer und um dem näher zu kommen, wertet er vornehmlich Briefe aus. Seine Dissertation steht somit an der Kippe zur Biographie, zur Spielerei. Weder Marx noch Engels, weder Lenin noch Stalin hatten Zeit zur Abfassung einer Autobiografie, aber Trotzki. Es stimmt nicht, dass immer der Mensch im Mittelpunkt der Wertewelten des jungen Marx steht (Vergleiche Karl Hugo Breuer, Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,10), das trifft auf Feuerbach zu. Feuerbach doktert am Menschen als Naturwesen herum, Marx am Gesellschaftswesen resp. an der Arbeiterklasse. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, Gegen Bruno Bauer und Konsorten, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,38). Der Romantiker Novalis segnete einst die „heilige Eigentümlichkeit“ des je Individuellen ab, das passte nicht mehr in eine Zeit der Wölfe und Maschinen.). Hier liegt die Unbedingtheit Hegels, des Bewunderers Tamerlans, vor. Breuer beklagt, dass für die meisten Marxforscher Marx erst mit seiner Auseinandersetzung mit Hegel wissenschaftlich interessant wird. Aber wenn die Wissenschaft es mit dem Substantiellen zu tun hat, so ist tatsächlich diese Konjunktion ‚Hegel – Marx‘ es, die bis heute überdauert. Immer noch geht es um ‚Hegel – Marx‘. Das ist schon Arbeit genug und nur wenige erweitern diese Jahrhundertkonstellation durch Hinzuziehung Feuerbachs, der tatsächlich in der Mitte zwischen beiden steht. Im Denken Feuerbachs liegen ohne Zweifel fruchtbare Ansätze vor. Zum Beispiel der Gedanke, dass bald die Polizei die Basis der Theologie sein wird, zum Beispiel der Gedanke, dass man in einem Palast anders denkt als in einer Hütte. Aber er nutzt sie nicht aus, ist zu wenig politisch. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse, heißt es in der ‚Deutschen Ideologie‘ (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,44). Dort heißt es auch: Für den Materialisten Feuerbach kommt die Geschichte nicht vor, und soweit er sie betrachtet, ist er kein Materialist (Vergleiche a.a.O.,45). Auf dem Gebiet der Philosophie ist ohne Zweifel die Auseinandersetzung mit der Hegelschen der zentrale Weg Marxens zum Kommunismus, zur Kollektivierung des Menschen als Bedingung des Aufblühens seiner Originalität. Wer es anders deutet, muss die klassische deutsche Philosophie als Quelle des Marxismus in Frage stellen. Engels hatte Anfang 1886 geschrieben, dass aus der Auflösung der Hegelschen Schule der Marxismus hervorgegangen sei (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,291). Breuer sieht hierin eine Vereinseitigung (Vergleiche Karl Hugo Breuer, Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,61). Es verwundert nicht, dass er den Kern der Sache, Marxens kritische Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Staatsrecht, allenfalls touchiert. Wenn man wie er das Werk eines Theoretikers der Arbeiterbewegung als dessen Persönlichkeitsentfaltung liest, dann brauchen die Arbeiteraufstände in Lyon oder die Chartistenbewegung in England keine Erwähnung. Und war es nicht der schlesische Weberaufstand, der die sozialistischen Gedankengänge von Marx erweiterte? Er sieht in Marx insgesamt einen Kämpfer gegen den Egoismus, wählt selbst aber einen subjektiv-psychologisierenden Ansatz bei der Durchleuchtung und Explikation von Leben und Werk des jungen Marx.

3.Vergleiche die Broschüre „Karl Marx, Der größte Sohn des deutschen Volkes, Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“, Kongress Verlag Berlin, 1956

4.Karl Hugo Breuer, Der junge Marx, Sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,46.

5.Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,85f.

6.Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

7.a.a.O.,10

8.a.a.O.,11. Ihr glücklichen Roboter in Nordkorea, ihr habt heute nicht mehr die seelischen Qualen eures Gründungsvaters.

9.Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Werke Band 13, Dietz Verlag Berlin, 1960,9. Es ist nicht das Bewusstsein, das das Leben bestimmt, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein. „Das Bewußtsein kann nie etwas Anderes sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,26). Es ist im Zusammenhang der Ideologiekritik immer hervorzuheben, dass eben eine Umkehrung zu erfolgen hat, ein ‚Auf-die-Füße-Stellen‘, hindrehen, was die camera obscura verdreht hat, ganz handgreiflich formuliert: Von der Erde, vom Leben ausgehend, nicht vom Himmel, nicht von der Einbildung, Illusion, Ideologie. Es muss immer überprüfend darauf geachtet werden, ob wir die Wirklichkeit richtig widerspiegeln. Der Marxismus kocht mit Wasser wie überall nur mit Wasser gekocht wird. Das Leben bestimmt das Bewusstsein. Er aber hat entwickelt, dass es einen wirklichen Lebensprozess und einen ideologischen gibt, und dass der ideologische nur ein Echo, ein Reflex des wirklichen ist. (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,26). Jeder sich entwickelnde marxistische Revolutionär muss diese Umkehrung in sich vornehmen, heute mehr denn je abwehrend, denn die bürgerliche Ideologie fotografiert ihn mit tausend obskuren Kameras, täglich, stündlich, massenmedial. Wenn aber der ideologische Prozess nur ein Echo des Produktionsprozesses ist, so gibt es nur eine, seine Geschichte, der ideologische hat keine (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,26f.).

10.Vergleiche Ludwig Feuerbach, Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, Vorwort des Herausgebers, 1830,

    1. 10.Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juni 2017, Seite 27
    2. 12.Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,467