Der junge, globale und aktuelle Marx

Der junge Marx

Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im ‚Mercure de France‘ 1749 die diesjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut sei und dass es nur die Institutionen seien, die ihn verdorben haben. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch. Und dass diese Natur rein blieb, darauf achtete Maximilien Robespierre. Marx hat am eigenen Geist und am eigenen Leib die Verdorbenheit der Institutionen gespürt, an denen die meisten Intellektuellen vorbeiglitten. Marx hatte erkannt, dass die Institutionen mächtiger sind als die Menschen. Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die ‚Phänomenologie des Geistes‘ am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der ‚Phänomenologie‘ hatte Hegel in der Differenzschrift den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, desto greller die Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos. Zum Vermächtnis des deutschen Idealismus gehört, dass Wissenschaft nicht der Erbauung dient, sondern unter Geduld, Ernst und Schmerz der „Arbeit des Negativen“ (Hegel) als bewegendes Motiv. Hegel nennt Goethes Mephisto eine „gute Autorität“. Mephisto verkörpert das Negative als das Fruchtbare. Feuerbach spricht sogar von einer „Tortur“ des spekulativen Idealismus, um nicht länger subjektiv denken zu können. 1. Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine seelische Erschütterung, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt ‚Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“, mit dem er Hegel überwinden wollte, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: „Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher … und wollte jeden Eckensteher umarmen“. 2. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 3. konnte einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten umher, konnte Hegel nicht überwinden, schrieb dem Vater, dass alles Wirkliche für ihn verschwimme. Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht berichten könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. „Reformprogramme werden in dichter Folge entworfen und verworfen“. 4. Marx hat den Zweck antiken Philosophierens, das Finden der Seelenruhe, das Finden zu sich selbst, verfehlt. Der Vater beklagt sich, dass mühsam erwirkte Arbeiten zerrissen werden. Der Vater musste bremsen: ‚Übertreibe das Studieren nicht!‘ Er spricht von einer Tollheit des Studierens. ‚Schmutziges Spreewasser, das Seelen wäscht und Tee verdünnt‘, ‚lief wie toll im Garten umher‘, Hegels tiefe Lehre über den Widerspruch, der die Welt bewegt, innerste Triebkraft des Weltgeschehens, konnte natürlich zur Ataraxie nicht beitragen. War nicht alles ein ‚Quidproquo‘?, auf dem Kopf wandelnd?  Da schlummert etwas, was immer begleitet: Stellten sich nicht ordinäre sinnliche Dinge anderen ordinären sinnlichen Dingen gegenüber auf dem Kopf? Entwickelten Grillen, viel wunderlicher, als wenn sie aus freien Stücken zu tanzen begännen? 5. Marx erkennt, dass das Menschliche das Tierische, das Tierische das Menschliche ist. Das, was dem auch bereits in den Werken Hegels vorliegenden faustischen Grundzug entspringt, wäre damals für so manchen Irrenarzt ein gefundenes Fressen gewesen. Marx wurde krank. Er stürzt aus geistigen Höhenflügen in kränkelnde Empfindlichkeit und phantastisch schwarze Gedanken, man spürt die Depression förmlich. (An der auch Engels in späten Jahren leiden wird).  Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. „Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen …“. 6. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: „Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler, kennengelernt“. 7. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes 8. hervor, so dass davon auszugehen ist, dass er nicht ganz gesund aus Stralow zurückgekommen ist, jedenfalls nach seinem Selbstverständnis. Kein Wunder auch, wenn Hegel im Kopf herumspukt: ‚Was die Welt bewegt, das ist der Widerspruch‘. Wer diesen Satz Hegels vertiefen will, schläft nachts nicht unbedingt ruhiger. Aber bewirkt nicht der Kommunismus, auf den alles hinausläuft, die totale Ataraxie für die ganze Menschheit? Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Gedanken werden aber bald bei ihm unter dem Einfluss Feuerbachs rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere die Symbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Es kehrt sich für Marx alles um und die Denkgestik des Umkehrens, des ‚Vom Kopf auf die Füße Stellens‘, schon bei Feuerbach vorhanden, wird symptomatisch für Marx, das geht bis in den Sprachstil hinein. Wörter werden vertauscht, zum Beispiel in der ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ der wohl bekannteste, gegen den Idealismus gerichtete Austausch von Bewusstsein und Sein. Es wird dann immer die Wortkombination ‚sondern umgekehrt‘ in Anspruch genommen  9.,  werkimmanent folgerichtig am meisten in der ‚Heiligen Familie‘ und in der ‚Deutschen Ideologie‘. Der Mensch ist nicht des Gesetzes willen da, sondern umgekehrt, das Gesetz ist des Menschen willen da. Uns steht heute der Gärungsprozess vor der 48er Revolution zeitlich und gefühlsmäßig fern, wir lesen die Werke des jungen Marx einfach runter, ohne die Qual zu empfinden, aus der die welterschütternden Schriften quollen. Für Lukacs kommt der wissenschaftliche Sozialismus 1843 aus einer theoretischen Krise, „aus der  dann in verblüffend kurzer Zeit der wissenschaftliche Sozialismus samt seiner weltanschaulichen Grundlage, dem dialektischen und historischen Materialismus, entspringt“. 

Der globale Marx

Karl Marx wurde 29 Jahre nach der französischen Revolution geboren und starb 34 Jahre vor der Oktoberrevolution. In seinem Leben vollzieht er selbst die Wende von einem Anhänger der bürgerlichen Demokratie zum praktischen und theoretischen Vorbereiter einer proletarischen Revolution. In der 48er Revolution trägt seine in Köln erscheinende Zeitung ‚Neue Rheinische Zeitung‘ noch den Untertitel ‚Organ der Demokratie‘ aus taktischen Gründen, Karl Marx hatte sich bereits vom Demokraten zum Kommunisten entwickelt. Er erlebte 1848 die bürgerliche Revolution hautnah, sein Freund Engels griff in sie sogar als Soldat unter dem Kommando Willichs ein. Noch der Glogauer Gesellenverein schreibt in einem Brief vom 26. März 1849 an das Zentralkomitee der Arbeiterverbrüderung in Leipzig, dass der Wahlspruch, den sich hiesiger Gesellenverein als Devise in seine neue Fahne gesetzt hat: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bald in allen deutschen Gauen widerhallen wird. 1851 besucht Marx in London die erste industrielle Weltausstellung und vergegenwärtigt sich und erahnt die kolossalen Potenzen, die durch die industrielle Revolution bereits freigesetzt worden sind und noch freigesetzt werden. Die Entwicklung der Industrie ist für Marx das aufgeschlagene Buch der menschlichen Wesenskräfte. Eine gigantische Urbanität wird sich entwickeln, das Dorf unterjochend, eine bisher in der Geschichte noch nicht gekannte Arbeitsteilung zwischen geistiger und materieller Tätigkeit. Die Landbauarbeit, die noch bei den Physiokraten und in den Gesellschaftskonzepten Fouriers im Mittelpunkt stand, wird ein Anhängsel der industriellen Tätigkeit. Schon Feuerbach hatte seine Zeit gedeutet als eine, die unverkennbar den Keim großartiger Entwicklung in sich trage. 10. Aus dem Besuch erwachsen drei Erkenntnisse. Der Kommunismus hat eine materielle Grundlage, das Paradies für wenige kann ein Paradies für alle werden, und zugleich gilt es von den jugendlichen Träumen einer in Kürze nach jakobinischem Muster bevorstehenden Revolution Abschied zu nehmen, gegen den sich Weitling hartnäckig sperrte. Für Marx wird durch diesen Besuch die Zeit eigentümlich zerrissen: Das Ende der Klassenkämpfe ist dank der ‚Großen Industrie‘ nahe, ruft er seinen Anhängern zu, zugleich mahnt er sie, abzuwarten, die Produktivkräfte ausreifen zu lassen. Die Entwicklung der kapitalistischen Produktion bereitet den Boden für den Sozialismus vor, ohne ihn antizipieren zu können. Der wissenschaftliche Sozialismus verbittet sich jegliches Apriori, das vom aktuellen Klassenkrieg nur ablenkt. Der Kommunismus bleibt im Marxismus abstrakt, wir wissen von einem demokratisch-diktatorischen, seine Funktionalität einstellenden Übergangsstaat, in dem mit dem geringsten Kraftaufwand produziert wird. 11. Im Grunde gibt der Kommunismus Antworten auf ganz simple Fragen: Sind menschliche Freiheit und Staat vereinbar und sind sie es für immer? Der Marxismus verneint wie der Anarchismus beide Fragen.  Und dann:  Die Bourgeoisie, obwohl in der Minderheit, ist stärker als zunächst angenommen. Je erwachsener Marx wird, desto mehr schwindet das Vorbild von 1792. Drei Jahre zuvor wollte er die 48er Revolution noch nach diesem ausrichten als Hauptrepräsentant des am weitesten linksstehenden jakobinischen Flügels der republikanischen Bewegung. Und drittens liegt nun der endgültige Durchbruch von der Politik zur Ökonomie vor. Ohnehin befindet sich Marx mit der Dialektik im Kopf, in dem sich immense Kenntnisse über revolutionäre Prozesse befinden, nun im klassischen Land der politischen Ökonomie. Die Bewegungen des Proletariats werden nun durch die ökonomische Brille studiert.   Marx wird ab jetzt immer in London wohnen, dort wird er Zeuge des Krimkrieges und vor allem der ‚Pariser Commune‘, die er als Bestätigung seiner revolutionären Lehre und als weltweit erste ‚Diktatur des Proletariats‘ feiert. Gegen Ende seines Lebens, zwei Jahre vor seinem Tod, kann er noch vernehmen, dass in Sankt Petersburg anlässlich des zehnten Jahrestages der Pariser Kommune eine Gruppe von Revolutionären die ‚Pariser Commune‘ hochleben lässt. Zusammen mit Engels schreibt er an diese Gruppe, dass auch Russland die Entwicklung zu einer russischen Kommune erfolgreich wird gehen können. Das war eine geniale Vorahnung. Es vergehen weitere zehn Jahre und 1891 findet die erste noch illegale Maifeier in Russland statt. Lenin wurde ein Jahr vor der Pariser Commune geboren und starb sieben Jahre nach der Oktoberrevolution. Mit ihm tritt ein Titan der praktischen Revolution in die Weltgeschichte ein, der sowohl die ökonomische Theorie von Marx über die Ausbeutung der Arbeiterklasse über unbezahlte Mehrarbeit durch die Kapitalistenklasse  beim Schein einer Vertragsgleichheit zwischen beiden als Einheit der Gegensätze  unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt als auch Marxens politische Theorie der Notwendigkeit der Diktatur der Arbeiterklasse über die Kapitalistenklasse als Kampf der Gegensätze zwecks Überwindung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenfalls nicht nur unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt, sondern auch  unter denkbar schwierigsten Voraussetzungen in die Weltgeschichte als Zweck der Oktoberrevolution einbilden wird. Kein Deutscher hat die Weltgeschichte damit mehr beeinflusst als Karl Marx, weil er in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft. Die Weltgeschichte ist nichts anderes als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit. 12. Wenn überhaupt etwas als die unentrinnbare Schicksalsmacht der menschlichen Gattung gelten kann, so ist es überhaupt die Arbeit, die alle zunächst unbewusst verbindet und durch bewusste Verbindung qua Revolution und Plan der Produzenten durch Enteignung der den Nichtproduzenten gehörenden Produktionsmittel ihr Schicksalhaftes abwirft; es ist zum Beispiel nicht die Religion, die die Menschen verbindet oder die Philosophie; es gibt verschiedene Religionen und auch Atheisten, Materialisten und Idealisten.

Der aktuelle Marx

Es gibt verschiedene, motivationsgesteuerte Zugangswege zum Marxismus. Einer der logisch sinnvollsten wäre doch der, chronologisch mit den allerersten Schriften des jungen Marx zu beginnen. Das ist aber selten der Fall, sie sind weitgehend unbekannt. In den Universitäten werden heute die jungen Menschen in den Gesellschaftswissenschaften nicht mehr zu einem systematischen Studium der fundamentalen Werke der Klassiker angehalten, man hetzt sie in Sekundärliteratur umher und gefällt sich darin, die Zerrissenheit der Zeit widerzuspiegeln. Ein merkwürdiger Begriff von Moderne! Es sind wirklich nur Experten, die wissen, dass Marx seine journalistische Tätigkeit Anfang 1842 mit einem Artikel über die Pressefreiheit in Preußen begann, die am 24. Dezember 1841 noch mehr eingeschränkt worden war. Bequemer ist da der Griff nach Sekundärliteratur.  Es gibt Chrestomathien, die ‚auf die Schnelle‘ alles Wesentliche enthalten, was ein Durchschnittskenner des Marxismus wissen müsste, es gibt Kurzfassungen des Kapitals für die Jackentasche.  Oft auch schlittern Studentinnen und Studenten gesellschaftswissenschaftlicher Fakultäten durch eine ihnen gestellte bzw. von ihnen ausgesuchte Thematik in den Marxismus hinein. Arbeiterinnen und Arbeiter, die sich im Kapitalismus zu Recht unterdrückt und ausgebeutet fühlen, versuchen sich aus den Werken, die primär für sie geschrieben worden sind, Klarheit über die Frage zu verschaffen, wie es kommt, dass die Arbeit von Millionen und Abermillionen nur eine sehr kleine, unproduktive Minderheit des Volkes wirklich reich und sorgenfrei macht? Am 14. Juni 2017 erschien im Wirtschaftsteil der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ ein interessanter Artikel. Nüchtern stellte das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse fest: „Die Reichen werden immer reicher“. 10. Der Artikel nimmt Bezug auf die alljährlich erscheinende Studie der BCG (Boston Consulting Group), die sich darauf spezialisiert hat, weltweit die Millionärsentwicklung zu beobachten. In dieser Studie ‚Global Wealth 2017‘ wird hervorgehoben, dass die Zahl der Millionäre besonders schnell im Raum Asien-Pazifik wachse, vor allem aber sagt die Gruppe voraus, dass im Jahr 2021 die 50-%-Schallmauer durchbrochen sein wird. In diesem Jahr wird es den Millionären der Welt, derzeit 17,9 Millionen, zum ersten Mal gelingen, über 50 % des Weltvermögens an sich zu raffen. Millionen und Abermillionen Kinder werden bis dahin weltweit an Hunger gestorben sein. So wird in der bürgerlichen Welt brüderlich geteilt. Eines der Motive für die anstrengende theoretische Arbeit des jungen Marx war der Kontrast zwischen einer politisch und religiös proklamierten Gleichheit aller Menschen und der dieser diametral entgegenstehenden sozialen Zerrissenheit der bürgerlichen Gesellschaft. Schon Marx und Engels hatten im ‚Kommunistischen Manifest‘ festgestellt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft das Eigentum in wenigen Händen konzentriert wird. 11. Die Tendenz ist natürlich steigend und es muss notwendig zu einem ‚point of no return‘ in dem  der Kapitalentwicklung inhärenten Bürgerkrieg kommen. Was wiederum Marx und Engels schon 1845/46 in der ‚Deutschen Ideologie‘ sahen, die Notwendigkeit der Aneignung der Totalität der Produktivkräfte, um die Existenz der Menschheit sicherzustellen, dem ist in Kürze nicht mehr auszuweichen. Man kann keine konkreten Angaben über den Verlauf des künftigen Weltbürgerkrieges machen, aber seine Unvermeidlichkeit liegt schon beschlossen allein im vorliegenden Zahlenmaterial. Nach der weltberühmt gewordenen zynischen Aussage des US-Dollar-Milliardärs Warren Buffets in einem Interview mit der ‚New York Times‘ vom 26. November 2006 finde dieser bereits statt, er werde geführt von der Klasse der Reichen, die ihn gewinnen werde. In dieser Aussage eines US-Dollar-Milliardärs steckt mehr Weisheit als in den Vorlesungen mancher Soziologieprofessoren, die über das angebliche Problem der Aktualität des Marxismus-Leninismus vor Studentinnen und Studenten dozieren. Jawohl, Buffet hat es auf den Punkt gebracht. Was Marx bereits 1871 in seiner Analyse der Niederschlagung der Pariser Commune herausfand, dass der Staat das Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist, das wird heute glänzend bestätigt, nicht nur in den USA. In England, Frankreich, Deutschland, Russland, China … usw., überall ist der Staat ein Werkzeug in den Händen von blutsaugenden, voll gefressenen Volksfeinden, die mit ihm das Volk knechten, lähmen, quälen, ideologisch vergiften und krankmachen.  Der Widerspruch zwischen den Armen und den Reichen, letztere also schon im vollen Bewusstsein eines Weltbürgerkriegs lebend und sich immer mehr auf seine Eskalation vorbereitend, wird in einer Brutalität ohnegleichen aufbrechen und seine Lösung suchen, indem die Volksmassen durch marxistisch-leninistischen Parteien auf kollektive Kampfformen gegen die technisch hochgerüsteten Terror- und Militärapparate ausgerichtet werden. Die Armeen und Polizeien, die sich die Millionäre angekauft haben, zum Beispiel ist die Bundeswehr keine Volksarmee, werden in den Ozeanen der Massen untergehen.  Die Menschheit wird unter Leitung der international tätigen Arbeiterklasse aus Gründen ihres Überlebens gezwungen sein, 18 Millionen Millionäre zu enteignen und niederzuhalten. Wir nähern uns diesem Punkt unaufhaltsam, unumkehrbar und es stellt sich schon heute die Frage, ob ein nur friedlicher Protest beim G-20 Weltgipfel 2017 in Hamburg legal war oder ob dieser angesichts weltweit verhungernder Kinder in Millionenzahl schon als kriminell, gewiss aber als obszön zu bezeichnen ist?

1.Vergleiche Ludwig, Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main, 1983,71. Wir dürfen nicht darüber hinwegsehen, dass die klassische deutsche Philosophie den Schmerz als ein Leitmotiv menschlichen Daseins ausgab und sich damit in eine negative Linie abendländischen Denkens stellte, in die christlich-platonische Leibfeindlichkeit, die durch die Mystik und durch Augustinus, durch ihn noch einmal einen mächtigen sexualfeindlichen Schub bekam. Die deutsche Klassik hat christliches Gedanken- und Schriftgut nicht effektiv bekämpft, die Franzosen waren da viel weiter, und so schon geballtes konterrevolutionäres Gewicht auf die Köpfe der Menschen gelegt.  Sogar noch für Feuerbach, den Philosophen der Liebe, ist der Schmerz Beweis des Seins. Eine Konsequenz des objektiven Idealismus als Profilierung gegen die kantische Anthropologie und gegen das Fichtesche ‚Ich‘ sieht Feuerbach darin, dass wir das Leid auf uns nehmen sollen, das Unsrige nicht als das Unsrige zu denken. Damit nähme Hegel uns den Sinn des Denkens und setzt an dessen Stelle den Unsinn des Absoluten. „Unsinn ist das höchste Wesen der Theologie – der gemeinen wie der spekulativen“ (a.a.O.). Fast alle Dinge, klagt Feuerbach, verkehrt Hegel aus theologischem Motiv, nimmt ihnen ihren wirklichen Sinn, sie zu absoluten machend, dass sie unerkennbar werden. Aus theologischem Motiv, das betont Feuerbach immer wieder, besonders er unternimmt den Versuch, nachzuweisen, dass der deutsche Idealismus viel theologischer und weniger philosophisch ist, als er vorgibt. Je mehr Hegel die Gedanken Gottes vor der Schöpfung der Welt aufschlüssele, das Jenseits ausleuchte, Gott in den Begriff verwandele, desto fremder werde uns die diesseitige Welt, wenn wir sie mit der Begriffsbrille Hegels betrachten. Hegel setzt das Wesen des Subjekts metaphysisch außer diesem, das Marx als proletarischen Weltgewinn durch Weltrevolution einholen will. Erst in der praktischen Tätigkeit ist der Mensch ganz bei sich, die metaphysische Spekulation wird durch kollektive Tätigkeit in den Tod gearbeitet. Erst jetzt beginnt die fröhliche Wissenschaft. Das Kollektiv darf dann dabei natürlich nicht als ein Abstraktum dem Subjekt gegenübergestellt werden.

2. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9. Hierzu zählen auch Aussagen wie diese: In Berlin angekommen, brach ich alle bis dahin bestandenen Verbindungen ab und machte mit Unlust seltene Besuche. (Vergleiche a.a.O.,4). Es mag sich im Unterbewusstsein die große Auseinandersetzung mit der klassischen deutsche Philosophie angebahnt haben, die wie ein Alp auf dem Gehirn des jungen Marx gelegen haben mag. Dafür spricht, dass der junge Marx in einem Hegel- Epigramm dem Altmeister die Eigenschaft zuschob, sich „in Dunkel“ zu verhüllen. Hegel, der in seiner Logik alle Kernaussagen Heraklits, den man den ‚Dunklen‘ nannte, eingeflochten haben wollte, war die große philosophische Herausforderung seines Lebens und der Jüngling mag darunter gelitten haben, noch über keine tiefen Kenntnisse Hegels zu verfügen. Denn das Studium Hegels ist eine Ochsentour. Karl Hugo Breuer verkürzt in seiner Dissertation ‚Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus‘ aus dem Jahr 1952 die Bedeutung Hegels für Marx, wenn er lediglich von einem Bildungserlebnis spricht. Hegel begleitet ihn sein Leben lang, denn die Anwendung materialistischer Dialektik kann nicht ohne Orientierung an der idealistischen gelingen. Auch Lenin studierte Hegel mehr als Feuerbach. Überhaupt ist die Dissertation von Breuer recht dünne geraten, das ist seinem biographisch-psychologischen Ansatz geschuldet, der der Mode des Existentialismus geschuldet ist. Das Werk wird gedeutet als Ausformung der Persönlichkeitshaltung. Marx entfaltet sich dann so: Der unbedingte Marx, der radikale Marx, der widersprechende und sich im Widerspruch festbeißende Marx, der ein „gewaltiger Hasser“ war, der jüdische Marx, der antisemitische Marx, und in der Tat hat Marx in einem Brief an Ruge im März 1843 geschrieben, der israelitische Glaube sei ihm widerlich, der depressive Marx, der polemische Marx, der für die Menschheit wirken wollende, also der praktische Marx, der aus dem Schattenreich des Amenthes hervortretende Marx, der stilistische, sprachstilistische Marx, sein Denken in Oppositionen, der späte bzw. ‚marxistische Marx‘ (Seite 103), das alles interessiert Heuer und um dem näher zu kommen, wertet er vornehmlich Briefe aus. Seine Dissertation steht somit an der Kippe zur Biographie, zur Spielerei. Weder Marx noch Engels, weder Lenin noch Stalin hatten Zeit zur Abfassung einer Autobiografie, aber Trotzki. Es stimmt nicht, dass immer der Mensch im Mittelpunkt der Wertewelten des jungen Marx steht (Vergleiche Karl Hugo Breuer, Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,10), das trifft auf Feuerbach zu. Feuerbach doktert am Menschen als Naturwesen herum, Marx am Gesellschaftswesen resp. an der Arbeiterklasse. „Es handelt sich nicht darum, was dieser oder jener Proletarier oder selbst das ganze Proletariat als Ziel sich einstweilen vorstellt. Es handelt sich darum, was es ist und was es diesem Sein gemäß geschichtlich zu tun gezwungen sein wird“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Die heilige Familie oder Kritik der kritischen Kritik, Gegen Bruno Bauer und Konsorten, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,38). Der Romantiker Novalis segnete einst die „heilige Eigentümlichkeit“ des je Individuellen ab, das passte nicht mehr in eine Zeit der Wölfe und Maschinen.). Hier liegt die Unbedingtheit Hegels, des Bewunderers Tamerlans, vor. Breuer beklagt, dass für die meisten Marxforscher Marx erst mit seiner Auseinandersetzung mit Hegel wissenschaftlich interessant wird. Aber wenn die Wissenschaft es mit dem Substantiellen zu tun hat, so ist tatsächlich diese Konjunktion ‚Hegel – Marx‘ es, die bis heute überdauert. Immer noch geht es um ‚Hegel – Marx‘. Das ist schon Arbeit genug und nur wenige erweitern diese Jahrhundertkonstellation durch Hinzuziehung Feuerbachs, der tatsächlich in der Mitte zwischen beiden steht. Im Denken Feuerbachs liegen ohne Zweifel fruchtbare Ansätze vor. Zum Beispiel der Gedanke, dass bald die Polizei die Basis der Theologie sein wird, zum Beispiel der Gedanke, dass man in einem Palast anders denkt als in einer Hütte. Aber er nutzt sie nicht aus, ist zu wenig politisch. Gibt keine Kritik der jetzigen Lebensverhältnisse, heißt es in der ‚Deutschen Ideologie‘ (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,44). Dort heißt es auch: Für den Materialisten Feuerbach kommt die Geschichte nicht vor, und soweit er sie betrachtet, ist er kein Materialist (Vergleiche a.a.O.,45). Auf dem Gebiet der Philosophie ist ohne Zweifel die Auseinandersetzung mit der Hegelschen der zentrale Weg Marxens zum Kommunismus, zur Kollektivierung des Menschen als Bedingung des Aufblühens seiner Originalität. Wer es anders deutet, muss die klassische deutsche Philosophie als Quelle des Marxismus in Frage stellen. Engels hatte Anfang 1886 geschrieben, dass aus der Auflösung der Hegelschen Schule der Marxismus hervorgegangen sei (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,291). Breuer sieht hierin eine Vereinseitigung (Vergleiche Karl Hugo Breuer, Der junge Marx und sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,61). Es verwundert nicht, dass er den Kern der Sache, Marxens kritische Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Staatsrecht, allenfalls touchiert. Wenn man wie er das Werk eines Theoretikers der Arbeiterbewegung als dessen Persönlichkeitsentfaltung liest, dann brauchen die Arbeiteraufstände in Lyon oder die Chartistenbewegung in England keine Erwähnung. Und war es nicht der schlesische Weberaufstand, der die sozialistischen Gedankengänge von Marx erweiterte? Er sieht in Marx insgesamt einen Kämpfer gegen den Egoismus, wählt selbst aber einen subjektiv-psychologisierenden Ansatz bei der Durchleuchtung und Explikation von Leben und Werk des jungen Marx.

3.Vergleiche die Broschüre „Karl Marx, Der größte Sohn des deutschen Volkes, Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“, Kongress Verlag Berlin, 1956

4.Karl Hugo Breuer, Der junge Marx, Sein Weg zum Kommunismus, Inauguraldissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Universität Köln, 1952,46.

5.Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Band 1, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,85f.

6.Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

7.a.a.O.,10

8.a.a.O.,11. Ihr glücklichen Roboter in Nordkorea, ihr habt heute nicht mehr die seelischen Qualen eures Gründungsvaters.

9.Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Werke Band 13, Dietz Verlag Berlin, 1960,9. Es ist nicht das Bewusstsein, das das Leben bestimmt, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein. „Das Bewußtsein kann nie etwas Anderes sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozess. Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,26). Es ist im Zusammenhang der Ideologiekritik immer hervorzuheben, dass eben eine Umkehrung zu erfolgen hat, ein ‚Auf-die-Füße-Stellen‘, hindrehen, was die camera obscura verdreht hat, ganz handgreiflich formuliert: Von der Erde, vom Leben ausgehend, nicht vom Himmel, nicht von der Einbildung, Illusion, Ideologie. Es muss immer überprüfend darauf geachtet werden, ob wir die Wirklichkeit richtig widerspiegeln. Der Marxismus kocht mit Wasser wie überall nur mit Wasser gekocht wird. Das Leben bestimmt das Bewusstsein. Er aber hat entwickelt, dass es einen wirklichen Lebensprozess und einen ideologischen gibt, und dass der ideologische nur ein Echo, ein Reflex des wirklichen ist. (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,26). Jeder sich entwickelnde marxistische Revolutionär muss diese Umkehrung in sich vornehmen, heute mehr denn je abwehrend, denn die bürgerliche Ideologie fotografiert ihn mit tausend obskuren Kameras, täglich, stündlich, massenmedial. Wenn aber der ideologische Prozess nur ein Echo des Produktionsprozesses ist, so gibt es nur eine, seine Geschichte, der ideologische hat keine (Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,26f.).

10.Vergleiche Ludwig Feuerbach, Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, Vorwort des Herausgebers, 1830,

    1. 10.Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juni 2017, Seite 27
    2. 12.Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,467

 

 

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