Zum Machtverzicht der Räte in der Novemberrevolution 1918

 

Vom 16. bis 20. Dezember fand in Berlin der Kongress der Arbeiter und Soldatenräte aus ganz Deutschland unter der Leitung des Vorsitzenden des Vollzugsrates Richard Müller statt, der weder der Revolutionssoldatin Luxemburg noch dem Revolutionssoldaten Liebknecht Zugang gewährte, auch nicht mit beratender Stimme, mit dem fadenscheinigen ‚Argument‘, da beide weder Arbeiter noch Soldaten seien. „Der Kongress vertrat die Vergangenheit, nicht die Gegenwart, die zurückgebliebenen Klein- und Mittelstädte, nicht die Großstädte und wichtigsten Industriegebiete“. (Paul Frölich, Rosa Luxemburg, Gedanke und Tat, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main1967,324). Dieses Verhalten gegenüber den beiden Revolutionären war außerdem der Tatsache geschuldet, dass die Mehrheit der Räte sozialdemokratisch orientiert war und sich selbst entmachtete, diese Tatsache ähnelte ebenfalls russischen Verhältnissen Mitte 1917. Die Räte dankten selbst ab und übertrugen die gesamte politische Macht, die gesetzgebende und vollziehende Gewalt bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung dem Rat der Volksbeauftragten, also Ebert und Konsorten. Die Mehrheit der Arbeiterklasse unterstützte die ihrem Wesen nach bürgerliche, sozialistisch verbrämte Regierung Ebert-Haase und die USPD war auch gegen die Räte. Die Räterevolution beging also Suizid. Die Wurzeln dieses Phänomens gehen zurück bis auf Luther, der die deutschen Mönche in sich gekehrt hatte bis zur Erstarrung, der deutsche Mensch wurde durch die Reformation ein zutiefst in sich versinkender Grübler, nicht aus sich herauskommend, nur Weltgeschichte erduldend, unfähig, sie zu gestalten, ohne Führer zu leben.  Der deutsche Spießer schaudert zurück, er weiß um sein innere Haltlosigkeit, seine Unzulänglichkeit, seinen Selbsthass und seinen Selbstzweifel, verzweifelnd am Ideal der Reinheit und an seiner totalen Sündhaftigkeit, die ihm Luther und die Reformatoren und Fichte und die deutschen Idealisten eingeredet hatten.   Engels hat uns auf den Zusammenhang zwischen dem deutschen Idealismus  und dem Katzenbuckeln vor allem Staatlichen hingewiesen. Man muss Großes wagen können in der Weltgeschichte, aus dem Milieu herausexplodieren und das Tabu brechen; der spießerhafte Sündenkrüppel kann es nicht und das zerreißt ihn durch und durch, denn er wähnt sich trotz alledem als etwas Besonderes, da die anderen Völker in seinem Gehirn noch sündhafter sind als er selbst. Es lag im November 1918 etwas ganz Großes in der Luft, zu groß für schwache Geister. Wir sind schwach und jämmerlich, sagten die Räte zu sich selbst. Nein, der Rätekongress in Berlin, das war nicht die Blüte des deutsche Volkes, das war der Spartakusbund und die Kämpferinnen und Kämpfer um Rosa Luxemburg. Hatte nicht Marx von der unbestimmten Ungeheuerlichkeit gesprochen, die dem Proletariat durch seine Revolution bevorstand? Und dieses Unbestimmte lähmte den kleinbürgerlich infizierten Teil der Arbeiterbewegung sowohl in Russland als in Deutschland, die Rätebewegung kam in beiden Ländern nicht über den Menschewismus hinaus. Durch den Kongress ging der Riss zwischen den Anhängern einer Rätemacht und denjenigen eines Parlamentes, letztere argumentativ positioniert, dass die Entente ein Rätedeutschland nicht dulden würde.   

Am 23. Dezember nahm die zirka 3 000 Mann starke und zunächst unter dem Kommando des Grafen Wolff-Metternich stehende ‚Volksmarinedivision‘, die die USPD unterstützte, den Berliner Stadtkommandanten Wels fest und erklärte der Regierung, sie stünde unter Hausarrest. Was dann folgte, ging als die ‚Blutweihnacht von Berlin‘ in die Geschichte ein und das Duo Ebert und Scheidemann wurde zu Recht als ‚Matrosenmörder‘ beschimpft, auch wenn die geheime Telefonverbindung zwischen Ebert und dem OKH (Oberkommando des Heeres) noch nicht aufgeflogen war. Die bürgerlichen Geschichtbücher wischen gern das Blut von diesen Noskes ab, aber es bleibt Tatsache, dass die SPD während der Novemberrevolution knöcheltief im Blut der besten Arbeiterinnen und Arbeiter Deutschlands watete. 

Die KPD rief zum Boykott der Wahlen zur Nationalversammlung auf und setzte auf den bewaffneten Aufstand. Generalstreik und bewaffneter Aufstand in Berlin vom 5. Bis 12. Januar 1919. So war es um den Anfang der Dreigroschenrepublik bestellt, die 1933 starb, weil sie eine von der SPD abgewürgte Revolution zur Mutter hatte, eine Revolution, die allein hätte Ordnung in die Wirren bringen können. Ganz erfolglos war die Novemberrevolution indes nicht. Tarifverträge, Betriebsräte (in Betrieben ab 50 Beschäftigte) und ein Achtstundentag ohne Lohneinbuße – das kann sich durchaus sehen lassen. Aber das Unternehmertum konnte durch diese Zugeständnisse gerettet werden, es blieb dabei, es hatte dank der SPD, dem Stinnes-Legien-Pakt und der Kontinuität der Beamtenschaft, die von der SPD-Regierung nicht gesäubert worden war, noch immer das ‚Sagen‘. Die SPD hat vor jeder revolutionären Regung der Arbeiterklasse mehr Angst als vor jeder beliebigen Reaktion. Und war es nicht der Gewerkschaftsvorsitzende Carl Legien, der als erster Liebknechts Ausschluss aus der SPD gefordert hatte? Beschäftigt man sich mit dem rechten Flügel der deutschen Arbeiterbewegung, so besteht die Gefahr, von einer Erschütterung in die andere, von einem inneren Würgen zum anderen zu fallen.

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