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Zum Tag der deutschen Einheit 2017 im 100. Jahr der Oktoberrevolution Die weltgeschichtliche Bedeutung Deutschlands

3. Oktober 2017

Karl Marx wurde 29 Jahre nach der französischen Revolution geboren und starb 34 Jahre vor der Oktoberrevolution. In seinem Leben vollzieht er selbst die Wende von einem Anhänger der bürgerlichen Demokratie zum praktischen und theoretischen Vorbereiter einer proletarischen Revolution. In der 48er Revolution trägt seine in Köln erscheinende Zeitung ‚Neue Rheinische Zeitung‘ noch den Untertitel ‚Organ der Demokratie‘ aus taktischen Gründen, Karl Marx hatte sich bereits vom Demokraten zum Kommunisten entwickelt. Er erlebte 1848 die bürgerliche Märzrevolution hautnah, sein Freund Engels griff in sie sogar als Soldat unter dem Kommando Willichs ein. Noch der Glogauer Gesellenverein schreibt in einem Brief vom 26. März 1849 an das Zentralkomitee der Arbeiterverbrüderung in Leipzig, dass der Wahlspruch, den sich hiesiger Gesellenverein als Devise in seine neue Fahne gesetzt hat: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ bald in allen deutschen Gauen widerhallt.    1851 besuchte er in London die erste industrielle Weltausstellung und vergegenwärtigte sich und erahnte die kolossalen Potenzen, die durch die industrielle Revolution bereits freigesetzt worden sind und noch freigesetzt werden. Aus diesem Besuch erwachsen drei Erkenntnisse. Der Kommunismus hat eine materielle Grundlage, das Paradies für wenige kann ein Paradies für alle werden, und zugleich gilt es von den jugendlichen Träumen einer in Kürze nach jakobinischem Muster bevorstehenden Revolution Abschied zu nehmen, gegen den sich Weitling so hartnäckig weigerte.  Je erwachsener Marx wird, desto mehr schwindet das Vorbild von 1792. Drei Jahre zuvor wollte er die 48er Revolution noch nach diesem ausrichten als Hauptrepräsentant des am weitesten linksstehenden jakobinischen Flügels der republikanischen Bewegung. Und drittens liegt nun der endgültige Durchbruch von der Politik zur Ökonomie vor. Ohnehin befindet sich Marx mit der Dialektik im Kopf, in dem sich immense Kenntnisse über revolutionäre Prozesse befinden, nun im klassischen Land der politischen Ökonomie. Die Bewegungen des Proletariats werden nun durch die ökonomische Brille studiert.   Marx wird ab jetzt immer in London wohnen. Dort wird er auch Zeuge des Krimkrieges und vor allem der ‚Pariser Commune‘, die er als Bestätigung seiner revolutionären Lehre und als weltweit erste ‚Diktatur des Proletariats‘ feierte. Gegen Ende seines Lebens, zwei Jahre vor seinem Tod, konnte er noch vernehmen, dass in Sankt Petersburg anlässlich des zehnten Jahrestages der Pariser Kommune eine Gruppe von Revolutionären die ‚Pariser Commune‘ hochleben lässt. Zusammen mit Engels schrieb er an diese Gruppe, dass auch Russland die Entwicklung zu einer russischen Kommune erfolgreich wird gehen können. Das war eine geniale Vorahnung.

Lenin wurde ein Jahr vor der Pariser Commune geboren und starb sieben Jahre nach der Oktoberrevolution. Mit ihm tritt ein Titan der praktischen Revolution in die Weltgeschichte ein, der sowohl die ökonomische Theorie von Marx über die Ausbeutung der Arbeiterklasse über unbezahlte Mehrarbeit durch die Kapitalistenklasse  beim Schein einer Vertragsgleichheit zwischen beiden als Einheit der Gegensätze  unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt als auch Marxens politische Theorie der Notwendigkeit der Diktatur der Arbeiterklasse über die Kapitalistenklasse als Kampf der Gegensätze zwecks Überwindung jeglicher Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ebenfalls nicht nur unter imperialistischen Bedingungen weiterentwickelt, sondern auch  unter denkbar schwierigsten Voraussetzungen in die Weltgeschichte als Zweck der Oktoberrevolution einbilden wird.

Kein Deutscher hat die Weltgeschichte damit mehr beeinflusst als Karl Marx, weil er in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schlüssel erkannte zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft. Wenn überhaupt etwas als die unentrinnbare Schicksalsmacht der menschlichen Gattung gelten kann, so ist es überhaupt die Arbeit, die alle zunächst unbewusst verbindet und durch bewusste Verbindung qua Revolution und Plan der Produzenten durch Enteignung der den Nichtproduzenten gehörenden Produktionsmittel ihr Schicksalhaftes abwirft; es ist zum Beispiel nicht die Religion, die die Menschen verbindet oder die Philosophie; es gibt verschiedene Religionen und auch Atheisten, Materialisten und Idealisten.

Wie wertvoll die theoretische Arbeit von Marx war, wird zum Beispiel deutlich, wenn man sie mit der Ludwig Feuerbachs vergleicht. Dieser Schüler des Idealisten Hegel wendet sich ab einem bestimmten persönlichen Erkenntnissprung zwar vordergründig radikal gegen seinen Meister und bezieht vordergründig eindeutig materialistische und atheistische Positionen, erweist sich aber wie alle Materialisten vor Marx als unfähig, den Materialismus auf die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft anzuwenden. So kam ein Zwitter heraus, unten Materialist, oben Idealist. Für den Atheisten und Materialisten Feuerbach unterscheiden sich die geschichtlichen Perioden der Menschheit durch religiöse Veränderungen! Was hatte Feuerbach noch nicht erkannt? Es ist der Umstand, dass die Arbeit den entscheidenden Anteil an der Menschwerdung des Affen hat und dass in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens nach einem der bekanntesten Sätze von Marx die Menschen gezwungen sind, gewisse notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse einzugehen und dies können nur Produktionsverhältnisse sein. Für Marx ist primär nicht so wichtig, was produziert wird, sondern wie. Die Geschichte der Arbeit, der Produktion, liefert nicht nur den Schlüssel zur Periodisierung der Weltgeschichte, der in der Zukunft liegende Kommunismus kann nicht eingeführt werden, sondern ergibt sich aus dem Verlauf der Geschichte selbst. Für Feuerbach blieb die Philosophie die oberste Wissenschaft, kein Wunder, dass er nicht auf die zentrale Bedeutung der Ökonomie für die Gesellschaftswissenschaften stoßen konnte. Er verfolgte die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft vorwiegend  anthropologisch und konnte so den produzierenden und theoretisierenden Menschen nicht als Ensemble der gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse nehmen.Und was für Feuerbach galt, galt auch für Darwin. Noch die materialistischsten Naturforscher der Darwinschen Schule hatten sich keine klare Vorstellung von der Entwicklung des Menschen machen können, weil sie unter dem Einfluss von Rückständen idealistischen Denkens die Rolle nicht erkennen konnten, die die menschliche Arbeit bei der Entwicklung der Menschheit spielt (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379).

Wie Hegel die im kantischen Erkenntnisprozess fixierte sterile Subjekt-Objekt-Konstellation dialektisch zu einem vielgestaltigen historischen und gesellschaftlichen  Entwicklungsweg menschlicher Erkenntnis dynamisierte, so dynamisierte Marx Feuerbachs Idealmenschen, wie er uns zum Beispiel in seiner Ethik und in seiner Religionsphilosophie begegnet, als Mensch vom gesellschaftlich tätigen Mensch abstrahierend, dialektisch in historische Tiefe und gesellschaftliche Breite zum „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. Es darf im Kontext der proletarischen Revolution niemals übersehen werden, dass sich die Dialektik von Marx fundamental von der des Halbmaterialisten Feuerbach und der des Vollidealisten Hegel unterscheidet. Hegels Denken ist ein Kreisen in sich selbst, von der insgeheim a priori gesetzten absoluten Idee (oder Gott) zur absoluten Idee zurück. Er spricht in seiner ‚Logik‘ von der sich als Kreis erreicht habenden Linie. Keines der Werke von Hegel trägt selbst im Gegensatz zu Kant das Wort ‚Kritik‘ im Titel. Seine Identität von Vernunft und Wirklichkeit ist für den Beamtensohn aus Stuttgart eine runde Sache. Schon der junge Marx will dagegen im Alter von 25 Jahren die Kritik der Junghegelianer an die Kritik der Politik anknüpfen. „Wir treten dann nicht der Welt doktrinär mit einem neuen Prinzip entgegen: Hier ist die Wahrheit, hier kniee nieder!“, heißt es in einem Brief im September 1843 aus Kreuznach an Ruge. „Wir entwickeln der Welt aus den Prinzipien der Welt neue Prinzipien“ (Karl Marx, Brief an Ruge, September 1843, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,345). Den Weg, den Marx gehen will, ist richtig eingeschlagen, er wird kein Utopist werden, der eine Idealgesellschaft aus dem Kopf konstruiert, um sie dann der vor ihm liegenden Gesellschaft aufzuoktroyieren. Er will also nicht seine Prinzipien der Welt aufzwingen, will dialektisch denken ohne abschließendes System. Aber noch geht es ihm erst um Prinzipien, noch nicht um den geschichtlichen ökonomischen Verlauf der Welt. Diesen Standpunkt wird Marx bald durch das Studium der ökonomischen Entwicklungsgesetze der verschiedenen Gesellschaftsformationen bald überwunden haben. Jetzt entwickeln sich aus den ökonomischen Gesellschaftsformationen der Welt neue ökonomische Gesellschaftsformationen. Und zwar entwicklen sie sich aus den dialektischen Widersprüchen zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen  einer Epoche neue gesellschaftliche, aber nicht im Selbstlauf. 1789 waren die Jakobiner Geburtshelfer, 1917 die Bolschewiki. Revolutionäre kürzen die Geburtswehen einer neuen, heute einer sozialistisch-internationalen Gesellschaft, die kein Revolutionär herbeizwingen kann, ab und mildern sie, wie es im Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals vom 25. Juli 1867 heißt. Das ist und wird die große, weltgeschichtliche Aufgabe unserer Zeit. Das muss an einem Tag betont werden, den Volksfeinde ausgewählt haben,um das deutsche Volk um seine kommunistische Revolution zu betrügen.

 

 

 

 

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Marxismus und Religionskritik

29. September 2017

 

Feuerbach bemerkt im Paragraphen elf seiner „Grundsätze der Philosophie der Zukunft“ ganz richtig, dass die Einheit des Denkenden und Gedachten das Geheimnis des spekulativen, sprich theologischen  Denkens ist. (Vergleiche Ludwig Feuerbach, Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main, 1983,46). Die Philosophie Hegels ist gemäß der Lesart Feuerbachs eine doppelt negierte Theologie als Restauration derselben. Die dem Atheisten Feuerbach zugeschriebene Erkenntnis, dass Philosophie denkend ausgeführte Theologie sei, ist in Hegels Philosophie nun aber selbst schon präsent, denn was ist für ihn Philosophie anderes als aufgehobene oder begrifflich begriffene Religion. Für Hegel verbürgt seine Philosophie die Wahrheit des Christentums im religösen Bereich, und im politischen wird dem Staat eine religiöse Grundlage entzogen. Dieses spezifische Aufheben der Religion in Philosophie verleitete Bruno Bauer in seiner Schrift „Die Posaune vom jüngsten Gericht über Hegel, den Atheisten und Anti Christen, ein Ultimatum“ dazu, Hegel als Atheisten auszurufen, als Marx 1841 noch als Idealist an seiner Dissertation über Epikur und Demokrit brütete.

Es verleitete aber auch die politische Reaktion dazu, gegen Hegel vorzugehen, allerdings bezichtigte sie Hegels Religionsphilosophie ab 1825 in Berlin viel zu kurzsichtig eines Pantheismus. Schelling sprang ihr bei, der Pantheismus Hegels sei nicht der stille Spinozas, sondern in Hegels religiösem Denken gehe die göttliche Freiheit schamlos verloren. Hegel ist in seiner Philosophie oder durch seine Philosophie ja philosophiegeschichtlich der erste Erlöser Gottes, nicht umgekehrt. Das ist natürlich viel radikaler als Friedrichs und Kants Toleranz, jeder solle nach seiner Fasson selig werden dürfen und ist als Revolution in der Geschichte der Philosophie kaum gewürdigt worden. Alles, was bisher in der Geschichte der Philosophie über das Verhältnis von Gott und Mensch geschrieben worden ist, ist durch Hegels Religionsphilosophie lange vor Nietzsches ‚Gekreuzigten‘ wahrlich auf den Kopf gestellt worden.

Der junge Marx unterließ eine fundamentale Kritik der Religion, er überließ diese der bereits von Feuerbach vorliegenden. Aber wir haben gesehen, dass dessen Kritik auch als Bestätigung der Hegelschen Religionsphilosophie gedeutet werden kann. Im Kampf gegen den Idealismus  wendet der Materialist Feuerbach ja zwei simple Waffen der Umkehrung an: Es hat eine Natur vor der Philosophie gegeben, so dass ein Welt- bzw. Naturschöpfungakt, von wem auch immer,  nicht mehr angenommen werden darf  und die einfache Umkehrung religiösen Denkens. Die Religion macht nicht den Menschen, der Mensch macht die Religion. Beides ist richtig und beides ist fundamental, aber beides ist natürlich auch für den wissenschaftlichen Sozialismus nicht ausreichend. Wie wenig Feuerbach ein wirklicher Materialist war, wird deutlich, wenn wir uns seine Religionsphilosophie und Ethik durchlesen. „Er will die Relgion keineswegs abschaffen, er will sie vollenden. Die Philosophie selbst soll aufgehn in Religion“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,283).

Feuerbach hatte sich durch sein primär anthroplogisches Denken die Sicht auf die primär sozialen Wurzeln der Religion selbst versperrt, die Marx im ‚Kapital‘ auf den Punkt gebracht hatte.  „Der religiöse Widerschein der wirklichen Welt kann überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des praktischen Werkeltagslebens den Menschen tagtäglich durchsichtig vernünftige Beziehungen zueinander  und zur Natur darstellen“. (Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,94). Das Wechselverhältnis zwischen Ökonomie und Politik und wie in diesem der Schwerpunkt zu setzen ist, blieb Feuerbach unbekannt und so sind seine großen Leistungen nur auf dem Gebiet der Philosophie zu verzeichnen. In seinem Kampf gegen den Idealismus sah sich Feuerbach gezwungen, auf den französischen Materialismus zurückzugreifen, der im Zuge der bürgerlichen Aufklärung durchaus radikale atheistische Konsequenzen gezogen hatte. Aber warum ist es bis heute trotz der phantastischen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten weltweit nicht gelungen, die Fessel der Religion abzuwerfen?

Ein Blick in die bürgerlichen Massenmedien genügt. Sie verdrehen tagtäglich alles, klären nicht auf, sondern verdrehen die Tatsachen, erklären zum Beispiel den millionenfachen Hungertod der Kinder weltweit als Folge von Kriegen und Naturkatastrophen, weil bei ihnen gar kein Interesse vorliegen kann, dass die Menschen untereinander und zur Natur transparente Beziehungen herstellen. Im Gegenteil, dieser ganze perverse Brei, den uns die bürgerliche Journaille tagtäglich vorsetzt, das alles ist oberflächlich, ist Gegenaufklärung, Konterrvolution. Und solange die kapitalistische Ausbeutung, die in den Tagesnachrichten nicht vorkommt, in denen Blutsauger Arbeitgeber genannt werden, noch am Blutsaugen ist, solange wird es Religion geben.

Die wirklich fundamentale marxistische Kritik der Religion findet sich neben der sehr wichtigen, eben zitierten Passage im ‚Kapital‘ in den Thesen über Feuerbach,  im  Feuerbachkapitel der ‚Deutschen Ideologie‘ aus dem Jahr 1845 und in einer Spätschrift von Friedrich Engels,  in der Studie:  „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, geschrieben 1868, veröffentlicht 1888, fünf Jahre nach dem Tod von Karl Marx. Engels schreibt: „Die Religion ist entstanden zu einer sehr waldursprünglichen Zeit aus mißverständlichen, waldursprünglichen Vorstellungen der Menschen über ihre eigne und die sie umgebende äußere Natur … Daß die materiellen Lebensbedingungen der Menschen , in deren Köpfen dieser Gedankenprozess vor sich geht, den Verlauf dieses Prozesses schließlich bestimmen, bleibt diesen Menschen notwendig unbewußt, denn sonst wäre es mit der ganzen Ideologie zu Ende“. (a.a.O.,303). Diese viel zu wenig bekannten und zu wissenschaftlichen Zwecken so gut wie gar nicht  herangezogenen atheistischen Passagen von Engels sind auch insofern bemerkenswert, als dass der Name des Philosophen Feuerbach hier gar nicht mehr eine Erwähnung findet.  

Die ganze Ausbildung im kapitalistischen System und die Massenmedien arbeiten Hand in Hand. Erwachsene Menschen glauben, was in den Tagesblättern steht, während sie doch eine Fehlerquelle ersten Ranges sind und verhindern, dass politische Diskussionen auf einer gesellschaftswissenschaftlichen Ebene stattfinden. Die Menschen behalten ihre waldursprünglichen Vorstellungen, denn das Kapital kann keine aufgeklärten Menschen gebrauchen, sondern Hinterwäldler, damit die Hinterwelt der Lohnarbeit bestehen bleibt.

24. 9. 2017 Parlamentswahlen in der BRD

25. September 2017

Nach 12jähriger Amtszeit ist der bisheriger Bundestagspräsident Lammert mit einer stattlichen-staatlichen  Pension von 17 000 € pro Monat in die Altersruhe gegangen, also mit einer Summe, von der wenigstens zehn  arme Familien satt werden könnten. Dass aus seinem Munde der Satz kam: „Im Bundestag schlage das Herz der Demokratie“ ist nachvollziehbar. In seiner Abschiedsrede sprach er davon, die Bundestagswahlen am 24. September zu „einem Festtag der Demokratie“ zu gestalten und gab  ’seinem‘ Volk den Ratschlag:  „Nehmen Sie das Königsrecht aller Demokraten, in regelmäßigen Abständen zu bestimmen, von wem sie regiert werden wollen, so ernst wie es ist.“ Von wem sie regelmäßig regiert werden wollen !!  Hier haben wir es ohne Zweifel mit einem Volksfeind und Sklavenhalter zu tun, denn der Zweck aller Regierung ist, so der bürgerliche deutsche Philosoph Fichte in seiner zweiten Vorlesung über die Bestimmung des Gelehrten, die Regierung überflüssig zu machen.  Aber in Zeiten des explodierenden Imperialismus ist der Gedanke Fichtes ganz offensichtlich obsolet. Hegel, ein weiterer bürgerlicher Philosoph, bestimmte die französische Revolution als die die Anarchie zu konstituieren strebende Anarchie im Sinne von Abwesenheit von Herrschaft. Das war in politischer, nicht in ökonomischer Hinsicht, der Kerngedanke der französischen Revolution, in ökonomischer war es die Durchsetzung des Kapitalismus mit seiner ganz andersartigen Anarchie der Produktion, hier im Sinne von Chaos.  Der Ratschlag Lammers stellt eine Verletzung der Menschenrechte dar, dieser Volksfeind gehört schon allein nach bürgerlichen Maßstäben hinter Schloss und Riegel. Überhaupt stellt in bürgerlichen Parlamenten jedes dritte Wort eine Menschenrechtsverletzung dar. Alle bürgerlichen Parteien sind heute imperialistische Parteien und der deutsche Bundestag ist ein imperialistisches Parlament, bestimmt, die Ausplünderung des deutschen Volkes durch die Kapitalisten  demokratisch zu verbergen.  „Ohne Wahlen geht es in unserem Zeitalter nicht, ohne die Massen kommt man nicht aus, die Massen aber können im Zeitalter des Buchdrucks und des Parlamentarismus nicht geführt werden ohne ein weit verzweigtes, systematisch angewandtes, solide ausgerüstetes System von Schmeichelei, Lüge, Gaunerei, das mit populären Modeschlagworten jongliert, den Arbeitern alles mögliche, beliebige Reformen und beliebige Wohltaten verspricht – wenn diese nur auf den revolutionären Kampf für den Sturz der Bourgeoisie verzichten. Ich möchte dieses System Lloyd-Georgeismus nennen, nach einem der maßgebendsten und geschicktesten Vertreter dieses Systems … nach dem englischen Minister Lloyd George“. (Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,114f.). Nun, das Format von Lloyd George haben die bundesrepublikanischen Berufspolitiker wohl kaum, ich würde eher von Westentaschenausgaben Lloyd Georges sprechen. 

In Berlin spielt auch gar nicht die Musik, sondern in Frankfurt am Main, an der Wertpapierbörse. Aus dieser Stadt steigt eine Pestwolke auf und legt sich lähmend über die ganze Republik. Bereits Lysis kam 1908 in seiner Studie mit dem Titel: ‚Gegen die Finanzoligarchie in Frankreich‘ zu dem Ergebnis, dass die französische Republik in Wirklichkeit die Herrschaft einer Finanzoligarchie bemäntelt. „Die französische Republik ist eine Finanzmonarchie !“, ruft er aus, “ … sie herrscht unumschränkt über Presse und Regierung“.   Die BRD ist – mutatis mutandis – eine Finanzmonarchie und man kann sich noch so sehr auf den Boden des Parlaments legen oder sein Ohr an die Wände des sogenannten ‚Hohen Hauses‘ pressen, man wird das Herz der Demokratie dort nicht schlagen hören. Parlamentarismus und Demokratie schließen sich aus.

Die öffentlichen Gebäude, die Bibliotheken, die sogenannten Kultureinrichtungen sind nicht für die Habenichtse da. Das Volk ist im ‚Deutschen Bundestag‘ nicht vertreten, man nehme das Handbuch des Bundestages zur Hand, man findet Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter, arme Bäuerinnen und arme Bauern nicht in den Listen. Seit der Pariser Commune wissen wir aus ihrer politischen Praxis, dass der Parlamentarismus der Welt von gestern angehört. Die Pariser Commune war eine Regierung der Arbeiterklasse. Die Gewählten waren rechenschaftspflichtig, jederzeit absetzbar und bekammen keine fetten Diäten, sondern den durchschnittlichen Arbeiterlohn. Schon von ihrer ganzen sozialen Zusammensetzung her handelt es sich um eine volksfeindliche Institution. In der parlamentarischen Schwatzbude wird zum Beispiel gegen die AfD geredet,  wenn aber Demokraten Parteitage dieser rechtsextremen Partei blockieren, wo also das wahre Herz der Demokratie auf der Straße schlägt, da wird der Polizeiknüppel in die Höhe gehoben, da schlägt das falsche Herz der falschen Demokratie brutal zu.

Bald sind es 100 Jahre her, dass die Bolschewiki am 5. Januar 1918 in Russland das bürgerliche Parlament auflösten. Dieser Tag ist der „wahre Festtag der Demokratie“. In der kapitalistischen Bundesrepublik kann es einen Festtag der Demokratie nicht geben, denn eines kann man mit Sicherheit vorhersagen: Nach vier Jahren Legislaturperiode werden die Millionäre noch reicher, das Volk aber wird noch ärmer sein. Was soll also das Gerede von einem Festtag der Demokratie ?

 

Der Bauernfrage der Oktoberrevolution

18. September 2017

„Der Bauer ist ein kleines Kind“ (Lenin, An die Dorfarmut)

1917 und 1929 sind für die Entwicklung der russischen Landwirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die beiden markantesten Jahre. 1917 verteilten die Bolschewiki nach ihrer erfolgreichen Revolution den russischen Boden an die große Mehrheit der Bauern und 1929 rollte eine Kollektivierung der Landwirtschaft über die UdSSR. Wie es vor der Kollektivierung in der Landwirtschaft herging, schildert uns Genosse Kalinin 1937 in seiner Broschüre „Was hat die Sowjetmacht den Werktätigen gegeben ?“: „ … der eine Bauer sät eine Getreideart, ein zweiter eine andere; der eine Bauer verfügt über Qualitätssaatgut, der andere über schlechtes Saatgut; das Getreide des einen Bauern wird bereits abgeerntet, während auf dem Streifen des Nachbarn das Getreide noch grün ist; der eine sät Hafer, der andere, gleich daneben, setzt Kartoffeln. Dieses Durcheinander in der Landwirtschaft – und bei der kleinen Einzelwirtschaft war es nicht zu überwinden – führte dazu, daß die Felder der Bauern verwahrlosten und eine schlechte Ernte hergaben“. 1. Die Anarchie in der Landwirtschaft verhinderte die Anwendung von Maschinen in der Landwirtschaft, verhinderte kollektive Arbeitsprozesse, die erst von schwerer körperlicher Arbeit befreien.  Also ein Bündel von Widersprüchen, vom Privateigentum bedingt, die aus ihrer Komplexität heraus den Vortrag über den Revolutionsverlauf polydimensional ausgestalten.  Es gibt kein reines Stufenmodell einer Revolution, keine hat reine in sich geschlossene Phasen, sondern komplexe Übergänge, über die nur wenige mit geschultem Auge eine gewisse Übersicht gewinnen, denn jede Revolution weist ihre spezifischen Zickzackbewegungen, auch rückwärtige, auf. Das galt besonders für Russland, ein Land, in dem das Kleinbürgertum überwog, die schwankende Klasse schlechthin und so zeigte auch gerade   die Oktoberrevolution, dass es unmöglich ist, einen Revolutionsverlauf im Voraus bis ins Detail zu bestimmen, die groben Umrisse vielleicht, die Hauptwendungspunkte, denn der konkrete Verlauf erwies sich, wie Lenin eingestehen musste, als „origineller, eigenartiger, bunter“. 2.  In den Bauernsowjets wollte Lenin die unterste Klasse der Tagelöhner und Landarbeiter gesondert zusammengefasst wissen, dem Volk sollte bis in seine untersten Schichten die Kunst der Staatsverwaltung gelehrt werden. Immer wieder betonte Lenin die Notwendigkeit, aufklärerisch unter der rückständigsten Masse, den Landarbeitern in ihrer ganzen Verlorenheit, den Dienstboten und Hilfsarbeitern zu wirken und ebenso notwendig war für ihn eine selbständige Klassenorganisation des Landproletariats, ein besonderer Sowjet der landwirtschaftlichen Lohnarbeiter und Tagelöhner, der Bauern ohne Pferd. Für Lenin waren zwei Schritte in der Agrarbewegung gegen die jahrhundertelange Gewohnheit an die Einzelwirtschaft besonders wichtig: der  ländliche Sondersowjet, die Gründung einer Landarbeitergewerkschaft und die Herausgabe einer speziellen Landarbeiterzeitung,  denn die bürgerlichen Parteien hatten den landwirtschaftlichen, von allen Arbeitern am meisten ausgebeuteten Lohnarbeiter Russlands, den schwächeren Bruder des Fabrikarbeiters, der diesem hinterherhinkt, gleichsam übersehen. Nach 1917 gab es in Russland Kongresse russischer Bäuerinnen und Arbeiterinnen, Kongresse, die, wie Clara Zetkin richtig bemerkt, „wir gar nicht kennen“. Besonders in den Dörfern hatte sich die verfluchte Macht der Gewohnheit als Gottgewolltes eingenistet, besonders den Bauern kommt der Gedanke oft und leicht über die Lippen: ‚Es ist immer so gewesen und es wird immer so sein‘. Jetzt vertrat und verbreitete Lenin den Gedanken, das Gottgewollte zu zertrümmern, indem das Inventar der Gutsbesitzer, nicht das der armen Bauern zu beschlagnahmen ist, um es unbedingt in erster Linie den armen Bauern und Bäuerinnen unentgeltlich zur Benutzung zu überlassen. Der große Bruder in der Stadt, der in den Großbetrieben seine eigene Kraft spürt, muss dem kleinen im Dorf, den Knechten und Tagelöhnern, helfen, sich aufzurichten. Und zweitens die Verwandlung von landwirtschaftlichen Großbetrieben in Musterwirtschaften, „die gemeinschaftlich, zusammen mit den Landarbeitern, mit ausgebildeten Agronomen und unter Verwendung des Viehbestands der Gutsbesitzer und ihrer Geräte usw. bestellt werden. Ohne diese gemeinsame Bestellung unter der Leitung der Sowjets der Landarbeiter wird man nicht erreichen, daß der gesamte Grund und Boden in die Hände der Werktätigen übergeht“. 3.  War die Pariser Kommune noch gescheitert, weil die Provinzen Frankreichs nicht mit ihr gingen, so verstärkte Lenin die Notwendigkeit, unbedingt den Schulterschluss zwischen Stadt und Dorf zu vollziehen und in Russland eine revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft, d.h. mit der in dieser sozialen Zusammensetzung liegenden ungeheuren Massenkraft im Rücken das Übergewicht über die Reaktion durch die Organisierung der Avantgarde des Proletariats qua Partei zur herrschenden Klasse anzustreben. Gegen die neuiskristischen Opportunisten, die analog der ökonomistischen Beschränkung auf den wirtschaftlichen Kampf der Bourgeoisie aus einer vordergründigen Logik heraus die Führungsrolle in der demokratischen Revolution überlassen wollten, beharrte Lenin, der sie als ‚Epigonen des Ökonomismus‘ verspottete, mit dem Vorwurf, der intellektuell-opportunistische Flügel der Partei  fürchtete den Sieg der Revolution, auf den Führungsanspruch der Arbeiterklasse mit ihrem Hauptverbündeten an ihrer Seite, zumal er die russische Bourgeoisie für inkonsequent, sprich: bündnisbereit mit dem Zarismus hielt und die kleinbürgerlichen Demokraten als schwankend einschätzte, schwankend  zwischen der  Bourgeoisie und dem Proletariat, schwankend zwischen der Liebe zu den Arbeitern und der Furcht vor ihrer Diktatur. Lenin wusste von der Abneigung individualistisch gesinnter Intellektueller gegen Disziplin und Organisation, die aus ihrem Edelanarchismus heraus nicht zu praktizieren verstehen, dass das Proletariat im Kampf um die Macht keine andere Waffe besitzt als die Organisation. In einem kleinbäuerlichen Land war der zur Spontaneität neigende Anarchismus präsent und Lenin sah nach der Machteroberung in ihm einen Hemmschuh beim bewussten und massenhaften Vormarsch zu einer höheren Arbeitsproduktivität. Es galt, die Energie des Anarchischen der Revolution in sowjetstaatliche Bahnen zu lenken. Lenin band Revolutionäre mit der Mentalität von Soldaten an sich, nicht solche mit der Mentalität von Intellektuellen, die niemals taugliche Parteiarbeiter werden können. Und die Bauern? Ohne kämpferische Bauern in revolutionären Bauernkomitees geht es besonders in Russland nicht, ohne sie, aber auch ohne das Proletariat, ist an eine Vernichtung des Zarismus, unter dem die Gutsbesitzer die entscheidende Klasse bildeten, und an einer Behauptung der Macht der Werktätigen gar nicht zu denken. Eine wirklich revolutionäre Kraft stellt in Russland nur das Volk dar, und das Volk besteht eben aus dem Proletariat und der Bauernschaft. Und die Einheit dieser beiden großen Kräfte ist in einer demokratischen Revolution größer als in einer sozialistischen, in der sich die Widersprüche zwischen dem Proletariat und den kleinbürgerlichen Bauern viel deutlicher zu Wort melden werden, wenn das Proletariat nach anfänglicher Solidarität über die demokratische Basis hinausgeht. Besonders in Russland mit seinem übermächtigen Anteil von Kleinbauern in der sozialen Zusammensetzung des Volkes waren jahrzehntelange richtige Beziehungen des Proletariats und seiner Partei zu ihnen von ausschlaggebender Bedeutung, nur die richtige Lösung dieser Beziehungen sicherte das Überleben einer proletarischen Revolution spezifisch in Russland. Geht man von den industriellen Erfolgen der Sowjetunion aus, so scheinen diese ja anfänglich und über den Anfang hinaus gestimmt zu haben: Nimmt man für das Jahr 1913 für die Industrieproduktion die Zahl Hundert an, so geht die Kurve zunächst steil nach unten. 1920 auf 25, 1923 auf 75, aber 1932 war die Kurve auf 300 gestiegen, also in knapp zwanzig Jahren eine Verdreifachung, die sich auch einer zunehmenden Kollektivierung der Arbeit verdankt. Man kann den Aufstieg der Sowjetunion nicht verstehen, wenn man im Hintergrund nicht die ‚Kultur des Buches‘ sieht, die eine Höhe erreicht hatte, wie sie der verrohende Kapitalismus in keinem Land erreichen kann. Aller Anfang war allerding schwer und die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis himmelschreiend weit auseinander. Hatte Engels 1847 in den ‚Grundsätzen des Kommunismus‘  geschrieben, durch die große industrielle Revolution, durch die ‚Große Industrie‘ sei man nun endlich in der Lage, die Produktion ins Unendliche zu vermehren, die Bahn des Kommunismus kann beschritten werden, so lag in der Anfangspraxis Mangelwirtschaft vor.  Von der Taktik her sollte die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft den Boden vorbereiten für die Diktatur des Proletariats und der armen Bauern.  Die erste Revolution wächst in die zweite hinüber, ein Revolutionskonzept, das in Russland nach der Dauer einer menschlichen Schwangerschaft aufgegangen war, nicht global. Hier ist nur revolutionäre Impotenz zu konstatieren. Zwei Bezüge zu Marx und Engels sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich. Erstens: In der Stalinschen Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki) wird Lenins Revolutionskonzept nicht nur als eine Vertiefung des Marxismus ausgegeben, sondern auch als ein ganz neues Revolutionskonzept. Das ist sicher überzeichnet, denn für Deutschland hatten die beiden Klassiker 1848 ein vergleichbares Konzept vorgelegt: Im Manifest deuten sie die bürgerliche Revolution „nur als unmittelbares Vorspiel einer proletarischen Revolution“. 4. Der Kerngedanke war jedenfalls vorhanden, wenn auch seine nähere Konkretisierung und Ausführung Lenin vorbehalten blieb. Zweitens: Marx hatte bekanntlich Engels in einem Brief vom 16. April 1856 mitgeteilt, dass es um die Revolution in Deutschland gutstünde, wenn sie ergänzt werden würde „durch irgendeine zweite Ausgabe des Bauernkrieges“. Thomas Müntzer hatte 1525 gepredigt,  dass die hohen Herren es selbst machen, dass der Bauer gegen sie aufstehe.  Den Bauern wurde alles versprochen und nichts wurde gehalten, die Bauern wurden so regelrecht in einen Bauernkrieg hineingetrieben. Diesen Landkrieg gab es in Russland 1917 schon vor der Oktoberrevolution mit wechselnder Intensität, begleitet von Hungerrevolten und Alkoholexzessen. Die kriegerische Intensität nahm naturgemäß zur Erntezeit ab. Der sozialrevolutionäre Bauernkrieg, der die Bezeichnung auch verdient, weil Sozialrevolutionäre ihn anführten, war bunt und vielfältig, zugleich robust und elementar und zunächst nur erst gegen die Überbleibsel der Leibeigenschaft gerichtet. Die Nonnen in den Klöstern gerieten in Panik. Er wuchs sich zur bis dahin  größten Agrarrevolution in der Geschichte aus. Ganze Gutshöfe des Feudaladels wurden, bereits nachts beginnend, auseinandergenommen und seine Bestandteile von den armen Bauern in alle vier Himmelsrichtungen mitgenommen, Holz wurde geschlagen, besonders zum kalten Winter hin, und die großen Gutsbesitzer sprachen vom Wald- und Wiesenfrevel. 5.   Aber der Bauernkrieg war nicht vom Himmel gefallen, die Agrarterroristen waren jahrhundertelang die Feudaladeligen und nun wurde ihnen die Rechnung grausam und gnadenlos vorgelegt. Nur eine sofortige Übergabe des Bodens an die Bauern hätte Mord- und Totschlag verhindert. Es wird von Fällen berichtet, dass Kulaken erschlagen wurden, weil sie an den Plünderungsfeldzügen nicht teilnehmen wollten. Viele Kulaken nahmen aber teil und waren wegen des Besitzes von Pferden und Fuhrwerk bei den Plünderungen im Vorteil.  Der Kulak wurde erst 1918 zum Feind und half zunächst noch mit bei der Wegräumung der Gutsbesitzer. Erst ab 1918 trug die am meisten bisher politisierte Bauernbewegung in der Geschichte einen proletarischen Stempel. Zum Oktober hin steigern sich die Agrarunruhen rapide, auch Kinder nehmen jetzt an den Plünderungen teil, und die reichen Bauern schreien immer lauter über Anarchie. Sicher überzeichnet Trotzki das Bild: Das Dorf war für Trotzki zum Herbst hin völlig aus allen Vernunftangeln gefallen „und ließ an Wildheit des Kampfes alle ‚Irrenhäuser der Städte‘ weit hinter sich“. 6. Zur Erntezeit flaute die Intensität der Bauernerhebungen naturgemäß ab, stieg dann aber wieder weiter an. Gegen die Offensive der Bauern im kalten Spätherbst, nach dem Einbringen der Ernte hatten sie Zeit für Politik, bot die Regierung über hundert Truppenentsendungen auf, mit mäßigem Erfolg, denn die Soldaten sympathisierten mit ihren Klassengenossen. Die Entsendung vermeintlich zuverlässiger Truppen war ein besonders von Kerenski gehandhabtes Mittel konterrevolutionärer Politik, die nach der Oktoberrevolution veröffentlichte geheime militärische Korrespondenz zeigte, dass die Initiative dazu von ihm, nicht von den Generälen ausging,  ebenso wie die nicht nachlassenden Versuche, revolutionäre Regimenter unter Protest von Belegschaften der großen Fabriken, insbesondere der Putilow-Werke, aus Petrograd zu verlegen, wiederum unter der Federführung von Kerenski.  Die Bolschewiki richteten bei nur geringem Einfluss die in Bewegung geratenen Bauern keineswegs rein destruktiv aus, immer suchten die Revolutionäre nach Wegen der Expropriation mit möglichst wenig Sachschaden. Nur in der Staatsfrage war Lenin unerbittlich, vom alten Staatsapparat durfte kein Stein auf dem anderen stehenbleiben. Viele einfache Soldaten wurden zu dieser Herbstzeit aus Soldaten des Imperialismus Soldaten des Bauernkrieges und nahmen im Dorf eine führende Stellung ein. Sie kamen von der Front und brachten zum Teil bolschewistisches Gedankengut mit. Das Dorf vernahm den Namen ‚Lenin‘. Auch Soldatenfrauen sprachen sich mittlerweile für Plünderungen aus. „Die abwiegelnde Führung der sozialdemokratischen Lehrer, Gemeindeschreiber und Beamten wurde durch die Führung der vor nichts zurückschreckenden Soldaten abgelöst“. 7. Es erschien im Namen der Bolschewiki eine Bauernzeitung ‚Bednota‘ (‚Armut‘). Die Bauern wandeln sich und verfolgen aufmerksam den Wandel in den Sowjets, in denen ihre alte Partei der Sozialrevolutionäre immer mehr Boden verliert, die Bolschewiki ihn immer mehr gewinnen. Durch den Bolschewismus aber wird die Bodenfrage an die Entwicklung der Sowjets gebunden.

Das Ganze bewegte sich 1917 im Spannungsfeld zwischen den historischen, im Kommunistischen Manifest erwähnten Tatsachen, dass die Bourgeoisie das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen und den Orient vom Okzident abhängig gemacht hat 8. und der Voraussicht von Friedrich Engels im Anti-Dühring, dass eine umfassende proletarische Revolution zur Auflösung der großen Metropolen führen werde. 9. Der Maoismus (in der Figur Lin Biaos) wollte dieses Ziel dadurch erreichen, dass im ersten Kriegsakt die Dörfer die Städte einkreisen sollten. Was bisher im Marxismus im Argen lag, die Bauernfrage und das Verhältnis der proletarischen Partei zu ihr, bekam jetzt durch Lenins Beachtung der Völker des Ostens eine ganz andere Gewichtung und erschien in einem ganz anderen Licht. Die Peripherie der Weltgeschichte und ihr Zentrum rückten zusammen. Aber was heißt überhaupt Peripherie und Zentrum? Hatte nicht auch die antifeudale europäische Bewegung, deren Höhepunkt die Revolution von 1789 war, ihren Ausgangspunkt in den Städten Oberitaliens? In einem Land, das nur durch ein Meer von Afrika getrennt war und in dem der Sieg des Königtums über den Feudalismus die Vorstufe von 89 war? Alle Marxisten wollten an die Macht und müssen an die Macht wollen, die meisten westeuropäisch geprägten sahen die Machtzentren nur in den Metropolen (der Glanz der Pariser Kommune!), fixierten sich nur auf diese und gerieten in eine Befangenheit, aus der heraus es nur so zu Fehlbeurteilungen der russischen Oktoberrevolution im Osten Europas kommen musste. Es konnte doch nicht ausbleiben, dass ein so qualitativer Sprung vom Konkurrenzkapitalismus des 19. Jahrhunderts zum Monopolkapitalismus des 20. Jahrhunderts für das Verhältnis der urbanen und ruralen Arbeiterbewegung ganz folgenlos bleiben konnte. Vergleicht man die Leninsche ‚Prawda‘ mit marxistischen Zeitungen in Westeuropa, so fällt auf, dass die ‚Prawda‘ eine regelmäßig erscheinende Spalte hatte, die den Dorfkorrespondenten vorbehalten war. Bei den im 19. Jahrhundert steckengebliebenen Marxisten war das Wort „Dorfkorrespondent“ nicht geläufig und ist es auch heute bei den Linken in Deutschland nicht. Der Bauer kommt in der Politik gar nicht vor, was allein schon ein Anzeichen einer konterrevolutionären Grundeinstellung ist. Die Metropolen glitzern im Licht und in den Dörfern ist es dunkel.  Marx und Engels hielten es für wünschenswert, wenn eine proletarische Revolution in Westeuropa von einer Art zweiter Auflage des Bauernkrieges unterstützt werden würde, Lenin, Stalin und Mao („Die Salven der Oktoberrevolution brachten den Marxismus nach China“)  gingen definitiv davon aus, dass die proletarische Revolution ohne Bauernbewegung, ohne Bauernkrieg nicht siegen kann. Aber alle drei waren keine Bauernphilosophen; die Problematik bestand in einer Hegemoniefrage: In Westeuropa hatten die Bauern ihre primitive Scholle bereits aus der Hand bürgerlicher Revolutionäre erhalten, in Russland weigerten sich selbst die Sozialrevolutionäre, obwohl sie die Partei der Provinz waren,  in der Kerenskiperiode, auch die in den Sowjets, praktisch, nicht theoretisch (leere Versprechungen), den Bauern Land zu geben, was Lenins Revolutionskonzept sehr entgegen kam, das immer von der Notwendigkeit einer Führung des von ihm in revolutionärer Hinsicht aufgewerteten Bauern durch den Proletarier ausging. Und die Eigenart der Oktoberrevolution bestand gerade darin, dass in ihr zum ersten Mal in der Weltgeschichte Arbeiter Bauern politisch führten, während der Pariser Kommune funktionierte dies gerade nicht. „Seit über 20 Jahren gibt es in Rußland eine sozialdemokratische Massenbewegung des Proletariats (wenn man von den großen Streiks im Jahr 1896 anrechnet). In dieser großen Zeitspanne, über zwei große Revolutionen hinweg, zieht sich durch die ganze politische Geschichte Rußlands wie ein roter Faden die Frage: Wird die Arbeiterklasse die Bauern vorwärts, zum Sozialismus führen, oder wird die liberale Bourgeoisie sie rückwärts zerren, zur Versöhnung mit dem Kapitalismus ?“ 10 .  Die Sowjets waren durch die Führung der kleinbürgerlichen Parteien in die haltlosen Versprechungen der bürgerlichen Regierungen verstrickt, wie denn auch die oberen Schichten des Kleinbürgertums, die wohlhabenden Bauern und ein Teil der Kleinbesitzer, an der Fortsetzung des imperialistischen Krieges interessiert waren. Man darf von kleinbürgerlichen Ideologen nicht verlangen, dass sie die Interessen der Kapitalisten von denen des Landes unterscheiden können, dass sie den annexionistischen Charakter der bürgerlichen Politik offenlegen, sie waren mitverantwortlich für die blinde Vertrauensseligkeit der bäuerlichen Massen gegenüber der bürgerlich-junkerlichen Regierung, dass sie dieser unter der Losung der „revolutionären Vaterlandsverteidigung“ folgte. „In dieser Vertrauensseligkeit liegt die Wurzel des Übels unserer Revolution“. 11. Proletarier und Halbproletarier folgten dieser, obwohl sie ihrer Klassenlage nach nicht an den Profiten der Kapitalisten und am imperialistischen Krieg interessiert waren. Die Losung aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Arbeiter kein Vaterland haben, wurde nur von der kleinen bolschewistischen Partei hochgehalten. Annexion (Eroberung) bestimmte Lenin als „gewaltsames Festhalten eines fremden Volkes in den Grenzen eines gegebenen Staates“. 12. Es brauchte sehr viel Aufklärungsarbeit, bis erkannt werden konnte, dass die Beendigung des Krieges mit einem System- und Regierungswechsel zusammenhängt. „ … denn wenn die ökonomische Herrschaft der Kapitalisten nicht untergraben wird, wird alles nur auf dem Papier bleiben …“. 13. Die Untergrabung der ökonomischen Herrschaft der Kapitalisten muss zur völligen politischen Unschädlichmachung der Ausbeuter führen. Dazu mussten sich zwei Bewegungen gegeneinander bewegen: der sinkende Einfluss der Menschewiki und Sozialrevolutionäre im Proletariat und der steigende der Bolschewiki. Kommt es hier zum Umschlag von Quantität in Qualität, so haben wir einen weltgeschichtlichen Gehalt vor uns. Lenin sah 1917 im dritten Jahr des ersten Weltkrieges die Möglichkeit, dass anders als in Westeuropa der russische Bauer das Land aus den Händen der durch eine Revolution an die Macht gekommenen Arbeiterklasse erhalten kann und politisch nicht der russischen Bourgeoisie folgt, sondern dem Proletariat. Und so kam es dann auch. Millionen und Abermillionen Bauern ergriffen das Gewehr Hand in Hand neben den zahlenmäßig kleinen, aber schlagkräftigen städtischen Industriearbeitern und die bolschewistischen Revolutionäre mussten diesen mächtigen Menschenwall wie einen Augapfel hüten, ihn immer homogener machen, ihn immer mehr schließen und auf die Überwindung des Gegensatzes zwischen Bauer und Industriearbeiter hinarbeiten. Nur das Kollektiv garantiert den Sieg bei Stalingrad.  

Unter dem Zarismus lagen dreihundert Jahre Unterdrückung, dass den Bauern in der Nacht der ganze Körper von der Tagesarbeit weh tat, wie es Tschechow in seinem Theaterstück ‚Die Bauern‘ 1897 auf die Bühne brachte. Und dreihundert Jahre nationale Unterdrückung, so dass es nach der Oktoberrevolution zu einer „Explosion nationaler Bewegungen“ 14. kommen musste. Nicht nur in der Landwirtschaft hatte durch die Parzellierung des Bodens eine Bewegung stattgefunden, die einer vom Bolschewismus angestrebten Kollektivität widersprach, auch die Autonomiebestrebungen der Nationen verlief gegen den proletarischen Internationalismus. Beides mussten die Bolschewiki mit verkniffenem Gesicht gewähren lassen, beides wird Rosa Luxemburg in ihrer im Gefängnis in Berlin geschriebenen Kritik der Revolutionspolitik den Bolschewiki vors Gesicht halten. Beides hängt ja zusammen: Der Bauer wurde oft doppelt geknechtet, nicht nur vom Grundherren, sondern auch als Nichtrusse. Sie hat nicht gesehen, dass der Bauernkrieg gegen die Grundherren oft einen nationalen Krieg einschloss, dass die Bauernbefreiung ohne Befreiung der Nationen nicht möglich war.  Zudem haut ihre Kritik an der bolschewistischen Revolutionspolitik in eine ähnliche Kerbe wie Kautsky, sowohl in der Demokratiefrage als auch in der Frage der wissenschaftlichen Organisation der Arbeit, die gerade in der Landwirtschaft durch den ‚Run‘ auf die Privatscholle verhindert wurde als auch im industriellen Sektor den Expropriationen hinterher hing. Lenin gab das zu, es erwies sich, dass es in einer revolutionären Epoche viel leichter ist, die Macht zu erobern, aber schwieriger, sie richtig zu gebrauchen. Damit bildeten sich zwei Gewichte, ein kulakisches und ein national-chauvinistisches aus, die einen Höhenflug des Kommunismus hemmten.  Unter dem Zaren stand die Produktion von Produktionsmitteln, nicht von Konsumgütern im Vordergrund, die Rüstung und die Eisenbahn waren ihm wichtiger als das Wohl seiner bäuerlichen und proletarischen Untertanen. Die Werktätigen in den Städten waren noch nicht lange vom Dorf getrennt, Heiko Haumann spricht von „Bauern-Arbeiter“ 15., es bestanden noch enge Beziehungen zum Dorf, was der Revolution und dem zentralen Problem der Brotversorgung des Landes zugutekam, die auf die kommunikative Verbindung der Fabrikarbeiter mit der Masse der Bauern, auf Vereinbarungen zwischen den Sowjets der Arbeiterdeputierten und den Sowjets der Bauerndeputierten, politisch auf ihr Bündnis, ökonomisch auf den Austausch Geräte gegen Lebensmittel angewiesen war. Ohne Zweifel ist diese Austauschbeziehung zwischen Stadt und Dorf, in der nach der Februarrevolution das Geld an Bedeutung verlor, elementar für den Bestand des Sozialismus, ihre geringste Störung kann immer den Ansatz einer Wirtschaftskrise beinhalten. Schon vor der Oktoberrevolution gab es vielfach Güteraustausch ohne Vermittlungsfunktion des Geldes, Bedarfsgüter für die Bauern gegen Brotgetreide für die Städter, Syndikate in der Industrie waren mit der Scholle auf dem Land verbunden, wie überhaupt der Kapitalismus im Gegensatz zu den vorkapitalistischen Systemen der Volkswirtschaft alle Wirtschaftszweige in engste Verbindung und gegenseitige Abhängigkeit gebracht hat. Das Primat der Urbanität sollte zerstört werden.

1. I. Kalinin, Was hat die Sowjetmacht den Werktätigen gegeben?, Verlagsgenossenschaften Ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau, 1937,15

2. Lenin, Briefe über die Taktik, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,26 313

3. Lenin, Erster Gesamtrussischer Kongreß der Bauerndeputierten, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,506

4. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,493

5. Die Axt war in der französischen Revolution das Symbol für die Guillotine, in der russischen Revolution wurden mit ihr die Wälder guillotiniert.

6. Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,312

7. a.a.O.,318f.

8.Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,466

9. Vergleiche Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,277

10.Lenin, Aus dem Tagebuch eines Publizisten, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,284

11.a.a.O.,298

12.Lenin, Konfusion, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,432

13. Lenin, Siebente Gesamtrussische Konferenz der SDAPR (B) (Aprilkonferenz), Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,258

14.Andreas Kappeler, Russland als Vielvölkerreich, Entstehung / Geschichte / Zerfall, München, 1993,295

15. Vergleiche Heiko Haumann (Herausgeber), Die Russische Revolution 1917, Böhlau Verlag, Köln Weimar Wien, 2007,19. Für Heiko Haumann wird die Oktoberrevolution für das Streben nach einer besseren Welt lebendig bleiben. (Vergleiche a.a.O.,156).

 

 

 

Köbele lernt

12. September 2017

„Ohne Verbindung mit dem revolutionären Klassenkampf des Proletariats ist der Kampf für den Frieden nur eine pazifistische Phrase sentimentaler oder das Volk betrügender Bourgeois“. (Lenin, An die Internationale Sozialistische Kommission (ISK), in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1960,67).

Die Frage von Krieg und Frieden ist im Zusammenhang mit der Überwindung der Lohnarbeit und der Anarchie der Produktion die elementarste Frage im Leben der Völker, in der Periode des Imperialismus geht es um Leben und Tod von Millionen und Abermillionen Arbeiterinnen und Arbeitern, wie zwei Weltkriege es bewiesen. Das Proletariat litt am meisten. Die Gefahr eines dritten Weltkrieges ist nicht gebannt, weil Gesellschaften unter dem Diktat des Privateigentums an Produktionsmitteln und der Warenproduktion ständig ungerechte, imperialistische Kriege in ihrem Mutterbauch mit sich tragen, die durch welchen Anlass auch immer in einer Fieberhitze das Licht der Welt erblicken wollen.

In der Septemberausgabe des Rotfuchs (Nr. 236) wurde Patrick Köbele, dem Vorsitzenden der DKP, eine Seite eingeräumt für einen Beitrag, der mit „Stoppt die Hochrüstung ! Raus aus der Nato“ überschrieben ist. Es ist eine leicht gekürzte Rede, die der DKP-Vorsitzende anläßlich  der Blockaden  der Zufahrtsstrassen  zum Fliegerhorst Büchel am 24. Juni gehalten hat. Köbele beginnt diese Rede mit zwei Beschlüssen des evangelischen Kirchentages. Die protestantischen Pfaffen hatten darin die Bundesregierung aufgefordert, an den UN-Verhandlungen zur Ächtung der Kernwaffen teilzunehmen, die nukleare Teilhabe der Bundesrepublik aufzugeben und die Lagerung von Kernwaffen auf deutschem Boden zu verbieten. Die fortschrittsfeindlichen Pfaffen sind der Auffassung, dass diese Art der ‚militärischen Friedenssicherung‘ der Vergangenheit anzugehören habe.

Es stößt schon merkwürdig auf, dass ein Kommunist und Atheist Pfaffen als Stichwortgeber  heranzitiert, dass er gelernt habe, dass ihm viele Christen, die ehrlich für den Frieden eintreten, tausendmal näher sind als ein sozialdemokratischer Außenminister, der Verhandlungen über die Ächtung der Atomwaffen boykottiert. Abgesehen davon, dass ein marxistischer Atheist nicht die Nähe von Christen zu suchen, sondern jegliche Religion in all ihren Facetten zu bekämpfen hat, hat ein Kommunist nicht pauschal eine bestimmte Art von Waffen zu verdammen und das als einen Beitrag zum Frieden zu verkaufen. Nicht darum geht es, die Atomwaffen negativ zu fetischisieren, sie einfach pauschal zu verdammen,  sondern darum, dass als Folge einer proletarischen Revolution der Besitz von Atomwaffen für eine Revolutionsregierung durchaus von Nutzen sein kann angesichts einer immensen imperialistischen Bedrohung. Entscheidend ist in der marxistischen Schule immer noch die Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen und gerade diese nimmt Köbele nicht vor. Nordkorea wäre ohne die Atombomben heute schon  ein Tummelplatz von global playern, Glücksrittern, südkoreanischen Bankiers, Prostituierten und Verbrechern der perversesten Art, wie etwa Faschisten.

Vor allem aber muss ein Kommunist die Hauptaufgabe der heutigen Zeit erfüllen, jeden imperialistischen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln. Das ist der Kern der Sache und gerade diesen umgeht Köbele in seinem ganzen Beitrag. Man kann tausendmal proklamieren: ‚Raus aus der NATO !‘, dem proletarischen Befreiungskrieg kommt man damit nicht näher, die Folge wird vielmehr sein, dass durch diese Parole die Massen verstärkt „im üblichen geistigen Dämmerzustand“ versumpfen. „Der Krieg muß in den Massen unbedingt die stürmischsten Gefühle hervorrufen, die den üblichen geistigen Dämmerzustand durchbrechen“. (Lenin, Über die Niederlage der eigenen Regierung im imperialistischen Kriege, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,52).  Kommunisten verdammen nicht pauschal den Krieg im allgemeinen, sondern nutzen ihn aus zum Sturz der Bourgeoisie. Ja mehr noch: „Sozialdemokraten können sogar in die Lage kommen, selbst einen Angriffskrieg zu fordern. Im Jahr 1848 … hielten Marx und Engels einen Krieg Deutschlands gegen Russland für notwendig. Später suchten sie auf die öffentliche Meinung Englands zu dem Zwecke einzuwirken, dieses Land zu kriegerischem Vorgehen gegen Rußland zu bewegen“ (Lenin, Der streitbare Militarismus und die antimilitaristische Taktik der Sozialdemokratie, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,22). Hier könnte man einwenden, das sei doch Schnee von gestern, Schnee aus dem 19. Jahrhundert, Schnee aus der Zeit des klassischen Kapitalismus, als es noch keinen Imperialismus gab. In der Schrift ‚Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa‘, geschrieben im August 1915, fordert Lenin von den kommunistischen Revolutionären, dass sie nach dem Sieg des Sozialismus in einem Land „im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorgehen“. (Lenin, Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1960,65).  ‚Verwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg‘, das war bereits die Losung im ‚Baseler Manifest‘ von 1912, die Lenin als Folie nahm, um den Verrat des ganzen sozialdemokratischen Burgfriedengesindels im Jahrhundert des entfesselten Imperialismus nachzuweisen.

Wenn Köbele heute eine starke Pazifismusbewegung fordert, so erinnern wir uns an Lenins Hinweis, dass der Pazifismus der Irreführung der Arbeiterklasse dient, wenn er nicht gleichzeitig mit dem Aufruf der Massen zu revolutionären Aktionen verbunden wird, wie zum Beispiel der Revolution gegen die eigene Regierung (der Hauptfeind steht immer noch im eigenen Land !),  dem Aufruf zur Volksbewaffnung nach dem Beispiel der Pariser Commune, der Liqudierung des bürgerlichen Offizierskorps , der Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg, der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates ..u.s.w. Insbesondere ist nach Lenin der Gedanke an die Möglichkeit eines sogenannten demokratischen Friedens ohne eine Reihe von Revolutionen grundfalsch (Vergleiche Lenin, Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,44). Lenin unterscheidet zwei Formen des Opportunismus, den offenen, zynischen (zu seiner Zeit vertreten durch Plechanow, Scheidemann, Legien …) und den verdeckten Opportunismus der Kautskyaner. Im ersten Weltkrieg vertuschte der Opportunismus systematisch die Frage des Zusammenhangs zwischen diesem Krieg  und der proletarischen Revolution. Ohne Zweifel ist der Opportunismus Köbeles zum offenen und zynischen zu rechnen.

Den Gedanken an eine Reihe von Revolutionen findet man bei Köbele nämlich nicht, nicht einmal den an eine. Immer wieder aber betont Lenin die Notwendigkeit einer Reihe von Revolutionen zur Beendigung des imperialistschen Krieges. Wer diese Hinweise Lenins auf diese Notwendigkeit vertiefen möchte, der nehme seine im Juli und August 1915 geschriebene Broschüre ‚Die Frage des Friedens‘ zur Hand, deren Hauptgedanke ist, den Gegensatz zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu vertiefen. Die Losungen der klassenbewußten Avantgarde der Arbeiterschaft und die spontanen Forderungen der Massen sind für Lenin zwei Paar Schuhe. Eine Kommunistin/ein Kommunist darf nicht einfach die Losungen der Pfaffen wiederholen, er würde im Grunde nur die „Wichtigtuerei machtloser Schönredner“ wiederholen, die das Volk irreführen. „Nein, wir müssen die Friedensstimmung ausnutzen, um den Massen Klarheit darüber zu verschaffen, daß die guten Dinge, die sie vom Frieden erwarten, unmöglich sind ohne eine Anzahl von Revolutionen“ (Lenin, Die Frage des Friedens, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1960,57). Fügt sich nicht Köbele ein in die Reihe „machtloser Schönredner“ ?

Man kann nicht den konkret-historischen Charakter eines Krieges einfach ignorieren. In der Mitte seiner Rede ist es denn auch zu einem regelrechten Blackout gekommen, als Köbele sich positiv auf Heinz Keßler, dem letzten Verteidigungsminister der DDR, bezieht. Keßler hat das Verdienst, die ganze Verwahrlosung des dialektischen Denkens in den Endzeiten der SED zum Ausdruck gebracht zu haben mit dem Satz: „Wenn diese Armee (also die NVA) in den Krieg zieht, dann hat sie ihren wichtigsten Klassenauftrag nicht erfüllt, den Krieg nicht zuzulassen“ (Vergleiche Patrick Köbele: Stoppt die Hochrüstung ! Raus aus der Nato !, Rotfuchs Nr. 236, September 2017,4). Für diese Perle müssen wir Keßler dankbar sein ! Hier wird der konkret-historische Charakter des Krieges, den herauszuarbeiten die materialistischen Dialektik zwingend gebietet, einfach ignoriert. Vergessen, was Marx, Engels, Lenin und Stalin jemals über die Unterscheidung von gerechten und ungerechten Kriegen geschrieben haben ! Wir sehen, zu welcher Konsequenz die Ignorierung der materialistischen Dialektik durch die friedliche Koexistenz geführt hat, nicht der Kampf der Gegensätze wurde unterstrichen, sondern deren Einheit. So konnte Keßler gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, dass die NVA gegebenenfalls auch Angriffskriege zu führen, im Notfall sogar mit Waffengewalt gegen die Ausbeuterklassen und ihre Staaten vorzugehen hatte. Diese Ausbeuterklassen waren für die NVA primär die in der BRD das deutsche Volk ausbeutenden gewesen. Die NVA pflegte aber keine Bürgerkriegskultur, sondern eine sozialdemokratische Burgfriedenspolitik. Am Ende der DDR fiel deshalb auch kein Schuss.

In der BRD waren es zur gleichen Zeit, zur Zeit des sogenannten kalten Krieges, intelligente Menschen, denen eine Dummheit unterlief. Das war die Kriegsdienstverweigerung, der Verzicht, sich mit der Kriegsfrage in der Praxis auseinanderzusetzen. Lenin lehrte uns, dass man das Gewehr, das bürgerliche Offiziere dem jungen Proletariat reichen, nehmen muss, um alles Militärische gründlich zu lernen. „Kriegsdienstverweigerung, Streik gegen den Krieg usw. ist einfach eine Dummheit, ein jämmerlicher und feiger Traum von unbewaffnetem Kampf gegen die bewaffnete Bourgeoisie, ein Seufzen nach Beseitigung des Kapitalismus ohne verzweifelten Bürgerkrieg oder eine Reihe von Kriegen“ (Lenin, Lage und Aufgaben der sozialistischen Internationale, in:Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1956,30f.).

Eine Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg ist natürlich nicht leicht und kann nicht auf Wunsch einzelner Parteien vollzogen werden. „Aber gerade diese Umwandlung liegt in den objektiven Bedingungen des Kapitalismus überhaupt, seiner Endepoche insbesondere. In dieser und nur in dieser Richtung haben die Sozialisten zu wirken … Der Krieg ist nichts Zufälliges, er ist keine ‚Sünde‘, wie die christlichen Pfaffen denken (sie predigen nicht schlechter als die Opportunisten Patriotismus, Humanität und Frieden), es ist vielmehr eine unvermeidliche Etappe des Kapitalismus, eine ebenso gesetzmäßige Form des kapitalistischen Lebens wie der Friede. Der Krieg unserer Tage ist ein Volkskrieg“  (a.a.O.,30). Der Krieg unserer Tage ist ein Volkskrieg. Das gilt heute trotz der reaktionären Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht durch den Plagiatshalunken von und zu Guttenberg, der sich heute wieder beim deutschen Volk einschmeicheln will. Was in der BRD nottut, das ist auch schon unter spätbürgerlichen Bedingungen eine Militarisierung, die durch Mark und Bein geht. „Heute militarisiert die imperialistische  – und andere – Bourgeoisie  nicht nur das ganze Volk, sondern auch die Jugend. Morgen wird sie meinetwegen auch die Frauen militarisieren. Wir antworten darauf: Desto besser ! Nur immer schneller voran – je schneller, desto näher ist der bewaffnete Aufstand gegen den Kapitalismus“. (Lenin, Das Militärprogramm der proletarischen Revolution, Werke Band 23, 1960,77). Das ist eine der simplen Wahrheiten des Leninismus, die die Elemente, die sich an die Arbeiterklasse anbiedern, so hartnäckig nicht verstehen wollen, weil der bewaffnete Aufstand gegen den Kapitalismus in ihrem Sklavengehirn gar nicht durchgespielt wird, von der Praxis schon gar nicht zu reden. Elemente, die sich rot angestrichen haben, aber in der realen Politik auf der Linie von Guttenberg liegen. Bei der Diskussion um die allgemeine Wehrpflicht führte Engels 1865 in seiner Schrift ‚Die preußische Militärfrage und die deutsche Arbeiterpartei‘ an, dass die proletarischen Revolutionäre in dieser Frage eben den preußischen Reaktionären beistehen. Das eben ist Dialektik.

Man sieht, ein Marxist-Leninist hat nichts aus der Friedensheuchelei der christlichen Pfaffen zu lernen, die vom Evangelischen und Katholischen Militärbischofsamt gesteuert werden, von Ideologen, die ihr Gesicht dem Mittelalter zugewandt haben, sondern ein Marxist-Leninist geht in die Schule von Marx und Lenin. Dort lernt er Dinge, die alle Pfaffen der Welt zusammen ihm nicht beibringen können.

Wie sich im Spätwerk von Marx und Engels eine radikale soziale Revolution in Russland abzeichnet

11. September 2017

Die  vor hundert Jahren ausgebrochene Oktoberrevolution  hat das ganze 20. Jahrhundert geprägt und darüber hinaus. Vieles ist 2017 schon zu dieser epochalen Revolution geschrieben worden und  wird noch geschrieben werden. Ich möchte heute den theoretischen Unterbau skizzieren, den die Vorläufer von Lenin und Stalin angelegt hatten und den Lenin und Stalin weiterentwickelten. Marx und Engels wandeln sich in ihrer Einschätzung Russlands in dem Maße, in dem der Schwerpunkt der Revolution von Westen nach Osten wanderte. Die Dreh- und Angelpunkte sind dabei die Niederlage Russlands im Krimkrieg und die Niederlage der Pariser Kommune im Jahr 1871.

Am Anfang ihres theoretischen Schaffens waren Marx und Engels von zwei Ländern in Europa wenig angetan: Deutschland und Russland. In einer seiner ersten Veröffentlichungen in den ‚Deutsch-Französischen Jahrbüchern‘, in der ‚Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung‘  hebt Marx sowohl die politische Rückständigkeit Deutschlands als auch die politische Rückständigkeit Russlands besonders hervor 1. Der junge Engels legt seinen Schwerpunkt ganz auf das Studium der sozialen Bewegung in England (siehe: Die Lage der arbeitenden Klasse in England).  Liest man das 1848 geschriebene ‚Kommunistische Manifest‘ aufmerksam, so fällt auf, dass die Lethargie in Bezug auf Deutschland  gewichen ist, nicht aber in Bezug auf Russland. „Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerlichen Revolution steht und weil es diese Umwälzung unter fortgeschritteneren Bedingungen  der europäischen Zivilisation überhaupt und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als England im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert, die deutsche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann“ 2.  Dieser hier von Marx und Engels skizzierte Ablauf fand erst cirka 70 Jahre später in Russland statt, während 1848 Russland im Kommunistischen Manifest‘, das erst 1869 in Genf von Bakunin ins Russische übersetzt wurde, nicht einmal erwähnt worden ist. So sehr lag Russland in der Mitte des 19. Jahrhunderts abseits der Weltstraße des Sozialismus und ein Jahr später wird diese Abseitsstellung noch verstärkt. Mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes durch die Truppen des Zaren wird Russland auf Jahrzehnte  zum Gendarmen der europäischen Konterrevolution. In diesem Milieu konnte kein Lenin groß werden. Und gegen dieses Milieu richteten Marx und Engels die Hauptaufmerksamkeit des Proletariats, indem sie 1848 zum Krieg gegen Russland aufriefen. Den ersten ernsthaften Hieb erhielt das Bollwerk der europäischen Reaktion durch den Krimkrieg, der 1853 ausbrach und 1856 mit einer Niederlage Russlands endete. Dieser Krieg, der einen europäischen Charakter angenommen hatte,  deckte schonungslos auf, wie hoffnungslos unterlegen eine auf einer alten Produktionsform beruhende Armee einer modernen war. Die Leibeigenschaft geriet auf den Prüfstand und das Tor zu einer umfassenden Industriealisierung wurde in diesem riesigen Agrarland aufgestoßen. Die Leibeigenschaft wurde 1861 eher formal als wirklich abgeschafft, aber immerhin breitete sich  eine  warenproduzierende Landwirtschaft aus. Die Naturalwirtschaft machte der Tauschwirtschaft Platz und der russiche Grund und Boden wurde in eine Ware verwandelt.

Ich sprach von dem Dreh- und Angelpunkt der Pariser Kommune. Die Niederlage des Pariser Proletariats bewirkte, dass sich der Schwerpunkt der Revolution nach Osten verschob.  Aber schon vor der Pariser Kommune hatte Marx aus der Lektüre des Buches von Flerowski ‚Die Lage der Arbeiterklasse in Rußland‘ heraus in einem Brief an Engels vom 12. Februar 1870 prophezeit, dass für Russland eine furchtbare soziale Revolution bevorstehe. Und knapp sechs Wochen später, am 24. März 1870, schrieb Marx an die Mitglieder des Komitees der russischen Sektion der I. Internationale, dass Russland an der allgemeinen Bewegung des Jahrhunderts teilzunehmen beginne. Das Wesen der Kommune bestand aus zwei sich auseinander ergebenden Kernelementen: sie war eine Regierung der Arbeiterklasse, die die Abschaffung der Klassen, dieses wahre Geheimnis der proletarischen Bewegung, intendierte. Anlässlich des Slawischen Meetings zum 10. Jahrestag der Pariser Kommune schrieben Marx und Engels 1881 an den Vorsitzenden dieser Kundgebung: „Als die Pariser Kommune dem furchtbarem Massaker unterlagen, das die Verteidiger der Ordnung organisiert hatten, dachten die Sieger wohl nicht daran, dass keine zehn Jahre vergehen würden, bis sich im fernen Petersburg ein Ereignis abspielen würde, das, wenn auch vielleicht nach langen und heftigen Kämpfen letzten Endes und mit Sicherheit zur Errichtung einer russischen Kommune führen müsse“. 3.  Ich weise in diesem Zusammenhang auf eine Studie von Bernhard Dohm aus dem Jahr 1955 hin, in der er zu folgendem Ergebnis kommt: „Nach der Niederschlagung der Pariser Kommune und nach dem Eintritt einer Ebbe in der revolutionären Bewegung im Westen sahen Marx und Engels allein in Rußland das Land, von dem eine Neubelebung dieser revolutionären Bewegung ausgehen werde, mehr noch: Sie sahen in der bevorstehenden russischen Revolution das Signal für die Revolution des Proletariats im Westen“. 4. Die Vorzeichen wechselten also.

Ist nicht das Aufkommen eines Titans des Marxismus wie Lenin Ausdruck eines revolutionären Potentials, das in der russischen Arbeiterklasse schlummerte ?  1902 hatte Kautsky den Artikel ‚Die Slawen und die Revolution‘ in der revolutionären ‚Iskra‘ veröffentlicht, in dem er darlegte, dass Russland längst aufgehört habe, für Westeuropa ein bloßer Hort der Reaktion und des Absolutismus zu sein. Wörtlich schrieb er: „Die Slawen waren 1848 der eisige Frost, der die Blüten des Völkerfrühlings tötete. Vielleicht ist es ihnen beschieden, nun zum Föhnsturm zu werden, der das Eis der Reaktion zum Bersten bringt und einen neuen, glücklichen Völkerfrühling mit Macht herbeiführt“ 5. Auch Stalin hatte diesen Aufsatz aufmerksam gelesen. Das Denken der russischen Revolutionäre wandelte sich, immer weniger waren sie bereit, in politischer Hinsicht vom Westen zu lernen, in ökonomischer und technischer Hinsicht natürlich immer noch. Anfang August 1917 fielen im Vorfeld der Oktoberrevolution Stalins berühmte Sätze: „Man muß die überlebte Vorstellung fallen lassen, daß nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren“. 6. Schon hier liegt wohl die erste Äußerung Stalins vor, dass Russland den Sozialismus auch ohne westliche Revolutionsunterstützung wird aufbauen können. In der Tat haftete den Kritikern Stalins ein Dogmatismus an, der sie die tiefe Bedeutung der Oktoberrevolution nicht erkennen ließ, die sie zu eingefleischt immer nur mit westeuropäischen Augen anstierten und bewerten wollten. Die Dogmatiker kannten nur einen eurozentristischen Marxismus. Die Oktoberrevolution gehört nicht nur in den Kontext rein europäischer Revolutionen, sie schert als eurasische aus ihm aus.  Das wird wichtig für die Kontroverse mit Trotzki, der letztendlich auf dem Standpunkt von 1848 verharrte: Die Rettung der europäischen Arbeiterrevolution kann nur aus dem Westen Europas kommen ! Trotzki hatte nichts vergessen und nichts gelernt. Der Imperialismus und der erste imperialistische Krieg hatten zur Folge, dass durch beide die Auffassung außer Kraft gesetzt wurde, die Sache der Demokratie und die Sache des Sozialismus seien nur mit Europa verknüpft.

 Im Hintergrund von Stalins Äußerung stand also der Gedanke, dass sich das Zentrum der revolutionären Bewegung vom Westen nach Osten verlagert habe, das Zentrum der Reaktion aber immer mehr nach Westen. In diesem Zusammenhang ist auch Stalins Kritik an der Auffassung des alten Friedrich Engels aus dem Jahr 1890 zu sehen, Russland sei, so seine Darlegung in dem Artikel ‚Die Außenpolitik des russischen Zarentums‘ nach wie vor das Bollwerk der Reaktion in Europa. Stalin führt an, dass die Bedeutung Russlands in Europa nach seiner Niederlage im Krimkrieg ständig gesunken sei und dass es im ersten Weltkrieg nur noch eine Art ‚Hilfsreserve‘ für die Hauptmächte Europas dargestellt habe. 7. Erst zwischen 1891 und 1893 erkennt Engels die unumkehrbare Gebrechlichkeit des alten Gendarmen im Osten.  Er fiel in der Februarrevolution, aber erst die Oktoberrevolution gab ihm in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 in Jekaterinburg   den Todesstoß.

Die Oktoberrevolution stellte alles auf den Kopf. Hatte der junge Marx um die Jahreswende 1843/44 zwischen der russischen Rückständigkeit und der deutschen noch ein Gleichheitszeichen gesetzt, so geriet dieses in Lenins Bild von den zwei Küken ins Positive: Lenin erspürte bereits Anfang 1921 bei der Begründung der NEP eine Art zwillingshafter Verwandtschaft zwischen beiden Ländern: Sozialismus wäre, wenn Rußland Deutschland politisch und Deutschland Rußland ökonomisch ergänze. „Die Geschichte (von der niemand, vielleicht außer den menschewistischen Flachköpfen ersten Ranges, erwartet hatte, daß sie uns glatt, ruhig, leicht und einfach den „vollen“ Sozialismus bringen werde) nahm einen so eigenartigen Verlauf, daß sie im Jahr 1918 zwei getrennte Hälften des Sozialismus gebar, eine neben der anderen, wie zwei künftige Küken unter einer Schale des internationalen Imperialismus. Deutschland und Rußland verkörpern 1918 am anschaulichsten die materielle Verwirklichung einerseits der ökonomischen, produktionstechnischen, sozialwirtschaftlichen Bedingungen und anderseits der politischen Bedingungen für den Sozialismus“. 8. Kurz: Sozialismus wäre ein Sowjetstaat vom Typus der Pariser Commune plus einer Wirtschaft mit großkapitalistischer Technik und planmäßiger Organisation, noch kürzer: Pariser Commune und deutsche Post, Sowjetmacht und Elektrifizierung.

1. Vergleiche Karl Marx, Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,383

2. Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,493

3. Karl Marx, Friedrich Engels: Ausgewählte Briefe, Dietz Verlag Berlin, 1953,411

4. Bernhard Dohm, Marx und Engels und ihre Beziehungen zu Russland, Schriftenreihe Vorlesungen des Marx-Engels-Lenin-Stalin Instituts, Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Dietz Verlag Berlin, 1955,23

5. Karl Kautsky, Die Slawen und die Revolution, in: Iskra Nr. 18 vom 10. März 1902. Lenin bringt dieses Zitat in seinem ‚Linken Radikalismus‘ von 1920 mit dem anschließenden (negativen) Werturteil: „Wie gut schrieb Karl Kautsky doch vor 18 Jahren“ (Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,7).

6. Josef Stalin, Reden auf dem VI. Parteitag der SDAPR (B), Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,173

7. Vergleiche Josef Stalin, Über Engels‘ Artikel ‚Die auswärtige Politik des russischen Zarentums‘, in: Marx/Engels/Lenin/Stalin, Zur deutschen Geschichte, Band II, Dietz Verlag Berlin, 1952,1211f.

8. Lenin, Über die Naturalsteuer, Werke Band 32, Dietz Verlag Berlin, 1961,346f.

Der faschistische Teufel steckt im Detail Vor 40 Jahren begann der deutsche Herbst Die RAF und Schleyer

9. September 2017

Vor dem Gesetz, vor Gericht, vor Gott und im Tod sind alle Menschen gleich, aber nicht in Deutschland. Auf den Ehrenfriedhöfen  für gefallene Soldaten der Monarchie England  sind zum Beispiel alle Grabsteine gleich, völlig unabhängig vom Dienstrang. Am 5. September 2017 besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Gedenkstätte in Köln, die an der Kreuzzung der Vincenz-Statz und der Friedrich-Schmidt-Straße liegt. An dieser Kreuzung überfielen Kampfaktivisten der RAF vor vierzig Jahren den Wagen des Arbeitgeberpräsidenten Schleyer und töteten seine Begleiter, den Chauffeur Heinz Marcisz und drei Polizisten: Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer. Schleyer wurde als treuer Soldat der Konterrevolution (SS-Leitspruch: ‚Unsere Ehre heißt Treue‘) am 19. Oktober 1977  in Mühlhausen im Elsass tot aufgefunden.

An diese Vorfälle erinnert das Mahmmal in Form eines christlichen Kreuzes an der Kölner Kreuzung. Aber dieses Mahmmal hat einen kleinen Schönheitsfehler, das Portrait des Arbeitgeberpräsidenten – oder war er ein Präsident, der Arbeit nahm ? Von nichts kommt nichts ! – ist in der Mitte, wo sich die Balken kreuzen, wesentlich größer geraten als die der anderen Beteiligten, die ja nur Beifahrer waren und das Bild von Schleyer oben und unten einrahmen. Man muss sehr nahe herantreten, um ihre Gesichter überhaupt zu erkennen.  Schleyer war eben ein Mann, der Rasse hatte. Also hatte Gudrun Ensslin völlig Recht, als sie feststellte, dass in Deutschland die Generation von Auschwitz herrsche. Auch vierzig Jahre später hat ein SS-Mann einen höheren Stellenwert als  andere Bundesbürger. Die faschistische Konterrevolution hat in Deutschland auch nach vierzig Jahren nichts vergessen und nichts gelernt. Konnte es ausbleiben, dass Helmut Schmidt, der schon 1944 zum handverlesenen Nazihardcorepersonal gehörte, das im preußischen Kammergericht zu Berlin bei Freislers Schauprozessen gegen die sogenannten Widerstandskämpfer, die den Krieg gegen die Sowjetunion fortsetzen wollten, als Zuschauer dabei sein durfte, zur Reinkarnation Gustav Noskes wurde ?

Rousseau hatte schon 1762, 27 Jahre vor dem Ausbruch der französischen Revolution, in seinem Gesellschaftsvertrag entwickelt, dass in undemokratischen Systemen die Herrschenden als Menschen und die Untertanen als Tiere zu betrachten sind und ganz in diesem Sinn spricht Marx in einem in Köln geschriebenen Brief an Ruge im Mai 1843 vom deutschen Tierreich, das benutzt und beherrscht werden will (MEW 1,339). Die RAF war der Versuch, aus diesem perversen Tierreich auszubrechen, die kapitalistischen Herrenmenschen und die lohnabhängigen Untermenschen einzuebnen, das deutsche Volk eins zu machen in einem Tierreich, in dem das oberste Gericht die Partei des arbeitenden Volkes verbietet, nicht aber rechtsextreme Nationalisten, die 1945 durch den Nerobefehl Hitlers das ganze deutsche Volk ausrotten wollten. Das ist die ‚Alternative für Deutschland‘, die die Rechte anzubieten hat. Die Bundesverfassungsrichter kommen und gehen, das deutsche Volk aber wird nicht untergehen.

Es gilt den ganzen perversen konterrevolutionären Sumpf in Betracht zu ziehen, das total braune Milieu, durchsetzt von sozialdemokratischen und LINKEN Rosa, das nur das Proletariat zerstören kann. Nehmen wir den aktuellen Fall Zschäpe. Bisher sind dem deutschen Volk durch diesen langwierigen Prozess 57 Millionen Euro gestohlen worden. Der Prozess wird vier Jahre dauern. Gehen wir einmal in ein anderes Milieu. 1792 hätten revolutionäre Volksmassen in Paris mit einer solchen ‚Schauspielerin‘ mit Hilfe eines Stricks und einer Laterne innerhalb von vier Minuten abgerechnet. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, als befände sich Deutschland noch in der Periode vor 1792 bzw. 1789, in der Periode der feudalen Leibeigenschaft.

Die RAF hat nicht alles falsch gemacht. Die Tötung von einzelnen konterrevolutionären Personen durch kleine bewaffnete Gruppen ist ebenso eine marxistische Kampfform wie die Beschlagnahme von Geldmitteln sowohl von Einzelpersonen als auch von der Regierung (Vergleiche Lenin, Der Partisanenkrieg, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1960,205). Ulrike Meinhof  lernte zum Beispiel von Josef Stalin den Überfall auf Banken, heute studiert die „linke“ Sahra Wagenknecht lieber Bücher von Ludwig Erhard, während ihr Kulturclown Dr. Dehm, ein Menschewik,  vor ihren Wahlkampfauftritten auf der Bühne herumhampelt.

Durch den Angriff auf das Hauptquartier der US-Army am 24. Mai 1972 in Heidelberg zeigte die RAF während ihrer ‚Mai-Offensive‘ an, dass die Flamme der Abrechnung mit dem US-Imperialismus in Deutschland nocht nicht erloschen ist. Im großen Befreiungskrieg gegen den US-Imperialismus werden die Volksarmisten Kriegsmethoden der Stadtguerilla vitalisieren müssen. In diesem Befreiungskrieg werden imperialistische Barbaren mit und ohne Uniform bei Kriegsaktivitäten gegen das deutsche Volk  auf deutschem Territorium (zu Lande, zu Wasser und in der Luft) kein Existenzrecht haben. Hierzu sind unbedingt die kriegstheoretischen Schriften von Engels und Lenin, von Mao tse Tung und vom vietnamesischen General Giap, dem Bezwinger zweier Imperialismen, hinzuzuziehen. In zwei Biografien wird No Nguyen Giap sowohl von Laslo Havas als auch von John C. Levanter reißerisch als Napoleon Vietnams angepriesen, wass wohl ganz offensichtlich daneben liegt. Für das deutsche Volk sind diese Schriften kein Schnee von gestern. 1968 veröffentlichte der Trikont-Verlag das Buch ‚Volkskrieg, Volksarmee‘ und  sein Buch ‚Nationaler Befreiungskrieg in Vietnam‘ erschien 1973 im Verlag Rote Fahne.

Ein Hauptfehler der RAF bestand darin, dass die kleinbürgerlichen Studenten meinten, man könne eine proletarische „Revolution machen“,  man könne sie künstlich herbeifabrizieren aus Anleitungen aus Marighelas Handbuch der brasilianischen Stadtguerilla. Dieser Fehler geht schwer zu Lasten des Subjektivisten und Abenteurers Che Guevara, der durch sein Todesfoto weltberühmt wurde, nicht durch seine fehlerhafte „focus-theorie“, die weithin unbekannt geblieben ist. Lenins Hinweise, dass der Entschluss zur Revolution nur aus den Erfahrungen der Massen geboren werden kann, blieben unberücksichtigt. Die Baaders und Meinhofs kamen unzeitgemäß daher, wie Blanquisten, aber auch aus Unzeitgemäßem können Schlüsse gezogen werden. Zwei Pressefotos waren es, die damals in den unruhigen Zeiten Weltpolitk machten. Das Foto der neunjährigen Kim Phúc aus Vietnam nach einem Napalmangriff der US-Kriegsverbrecher aus dem Jahr 1972 und das Foto mit der Leiche Ches vom neunten Oktober 1967, das die linken Studenten weltweit erschütterte und aufrüttelte. Das Bild verdrängte den Text und die Theoriearmut unserer Zeit kommt heute eindeutig der Konterrevolution zugute, die die Völker politisch-ideologisch verdummen muss.

Ein weiterer Hauptfehler der RAF bestand darin, dass sie keinerlei Gedanken an eine Dorfguerilla für notwendig hielt, eine proletarische Revolution aber zwingend die Konjunktion bewaffnete Kämpfe in der Stadt und bewaffnete Kämpfe auf dem Land gegen das kapitalistische System erfordert. Revolutionen müssen reifen, und zur Zeit der Studentenbewegung gab es in der BRD keine revolutionäre Situation und an ein Eingreifen der NVA, die ganz im Sinne einer sozialdemokratischen Burgfriedenspolitik auf Bürgerkriegsverzicht ausgerichtet war, war ohnehin nicht zu denken.  Die Stasi ließ die RAF-Fische, die im reaktionären Wasser der BRD nicht mehr schwimmen konnten, allenfalls untertauchen. Beim Zusammenbruch der DDR rührte sich dann auch kein Finger der NVA für ihren Erhalt, es fiel kein Schuss, so kam es auf Grund der reaktionären Burgfriedenspolitik der SED zu einer sogenannten friedlichen Revolution. Ein friedliche Revolution ist allerdings in Zeiten des entfesselten Imperialismus ein Unding, es konnte sich nur um Konterrevolution handeln.

Von den heute noch lebenden RAF-Aktivisten forderte Steinmeier, sich endlich zu erklären, und die Herrenmenschen ? Sie halten die Akten über die RAF erst einmal bis zum Jahr 2042 vorsorglich unter Verschluss. Warum wohl ? In der ‚Frankfurter Rundschau‘ stand dieser Tage (6.9.17) ein aufschlussreicher Leserbrief von Edeltraud Schnegelsberg aus Darmstadt: ‚Noch viele Fragen offen‘ , in dem einige der wunden Punkte der offiziellen Stammheimer Selbstmordtheorie aufgeführt werden. Hier nur ein Beispiel: Der Bruder von Gudrun hatte 2012 eine Neuaufnahme des Todesermittlungsverfahrens beantragt, als herausgekommen war, dass der Aufsichtsbeamte Hans Springer in der Todesnacht durch einen Behördenanruf für drei Stunden, zwischen 0 uhr 30 und 3 uhr 30 von der Aufsicht abberufen worden war. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart lehnte 2013 Neuermittlungen ab. Warum wohl ?   Der Rechtsanwalt Otto Schily sprach 1977 von Stammheimer Morden, unternahm als sozialdemokratischer Innenminister aber nichts zu ihrer Aufklärung. Warum wohl ?

 

 

Ein Buch-Tipp der MLPD zum 100. Geburtstag der Oktoberrevolution

7. September 2017

In der ‚Roten Fahne‘ vom 1. September 2017 wird auf ein Buch von Albert Rhys Williams  aus dem manifest Verlag (marxistische schriften) aus diesem Jahr aufmerksam gemacht, das als eine Mischung aus „Augenzeugenbericht, Abenteuerroman und vor allem Zeugnis, mit welcher Entschlossenheit die Menschen des jungen Sowjetstaates ihre Revolution verteidigten“ (Seite 43 der RF), schmackhaft gemacht wird. Das ist von der Rückseite des Buches werbewirksam abgeschrieben worden, schlagen wir indess das Buch, das auch über ‚www.peopel-to-people.de‘ zu bestellen ist, einmal auf und beginnen, es zu lesen.

Schon im von einer Anna Shadrova und einem René Kiesel verfassten Vorwort traut man seinen Augen nicht. Als Leitbuch zur Oktoberrevolution wird Trotzkis ‚Permanente Revolution‘ angegeben, der zugleich als ‚Meister der Dialektik‘ vorgestellt wird. Der Aufstieg Stalins habe zur Kopflosigkeit der KPR (B) geführt (Seite 14). Sachlich falsch ist die Behauptung, die von Stalin entwickelte Theorie des Sozialismus in einem Land habe zur Festigung der Verbürokratisierung des Lebens und zum Gulag mit seinem unvorstellbarem Leid geführt. Um die Konjunktion Lenin-Stalin zu knacken und um die Konjunktion Lenin-Trotzki herzustellen, müssen die Trotzkisten zu Mitteln der  Geschichtsfälschung greifen. Natürlich ist die Ein-Land-Theorie nicht von Stalin erfunden worden, sondern von Lenin aus seiner Imperialismusanalyse entwickelt worden. Aus dieser Analyse heraus bezeichnete Lenin schon vor der Oktoberrevolution den Durchbruch des Sozialismus in nur einem Land als den wahrscheinlichsten Fall, nach 1917 betonte Lenin, dass in Russland alles vorhanden sei, um den Sozialismus aus eigener Kraft aufzubauen. Shadrova/Kiesel streiten das ab und stellen am Ende ihres Vorworts Trotzkis Machwerk ‚Verratene Revolution‘ als Klassiker des Marxismus hin.

Das belletristische Buch von Williams leistet keinen Beitrag zur Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus und zur Vorbereitung der Revolution der Arbeiter und Bauern. Williams, der Sohn eines Pfaffen der kongregationalistischen Kirche, hat kein essentielles Buch über die Oktoberrevolution geschrieben, ein Schwank aus der Revolution plätschert einem anderen hinterher, wobei der Autor oft episodenhaft ins Folkloristische abgleitet. Durch das Schwärmerische sind Fehler unterlaufen: General Kornilow habe am 9. November 1917 gegen Kerenski geputscht (Seite 67). Dieser Putsch fand aber bereits am 25. August statt, Kerenski war bereits Anfang November 1917 als Krankenschwester ausstaffiert aus Petrograd geflohen. Er sollte die Stadt nie wieder betreten. Einen wahren blackout hatte das Lektorat auf Seite 84, drei Fehler in dreizehn Zeilen.Auf Seite 145 fehlt in einem Satz der Schlusspunkt, ohne den man nicht mit einem großen Buchstaben weiterschreiben kann. Auf Seite 182 liest man: „Hier aber wurden unsere Männer vor unseren Augen tötet“. Im Anhang des Buches sind Dokumente abgedruckt, bei einigen fehlt eine exakte Quellenangabe, zum Beispiel zu einem Text von Gorki, der mit „Gestern und Heute“ überschrieben ist, manche(r) Leserin/Leser würde das gern im Werk von Gorki lokalisieren, vertiefen; sicher ist nur, dass der Text nach der erfolgreichen Oktoberrevolution geschrieben sein muss. Lapidar steht oben vor dem Text: ‚Von Maxim Gorki‘. Das reicht nicht.

Besonders übel muss aufstoßen, dass Williams die revolutionären Volksmassen mehrmals als Mob bezeichnet, auf Seite 107 sogar in einer Überschrift: „Der Mob beschließt den Tod der Weißgardisten“. Daraus spricht eine trotzkistische Arroganz und als Fazit steht fest, dass der Buch-Tipp der ‚Roten Fahne der MLPD‘, dass also das Buch von Williams, mehr noch das Vorwort zu seinen Tagebuchaufzeichnungen, die durch guten Stil einschmeichelnd trotzkistisches Gift weiterleiten – und zwar von people to people. 

Trotzki und die Oktoberrevolution

31. August 2017

 

Gern stellen die Trotzkisten die Sache so dar, als habe nur Trotzki mit seiner Theorie der permanenten Revolution die Februarrevolution über ihren bürgerlichen Horizont hinausgedacht und nur Lenin hätte von den Bolschewiki die Richtigkeit der Einsichten Trotzkis erkannt und diese übernommen. Nicht nur die Schriften Lenins widerlegen diese Geschichtsfälschung. Als Lenin seine berühmten Aprilthesen verkündete, die den kleinbürgerlich beschränkten Horizont der Februarrevolution aufsprengten, saß Trotzki in einem Internierungslager in Hallifax fest. Er kam erst Anfang Mai nach Russland, am zweiten Tag des Eintritts der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre in die Koalitionsregierung.

Um sich als Mann der Stunde zu präsentieren, tritt Trotzki mit der Mär von den zwei Etappen der Oktoberrevolution auf. Entscheidend sei die erste in der ersten Oktoberhälfte gewesen, als Lenin wegen politischer Verfolgung noch abwesend war: Die Weigerung der Petrograder Garnison, sich von Kerenski zu zwei Dritteln an die Front verlegen zu lassen. Mit dieser Weigerung sei man de facto in den bewaffneten Aufstand eingetreten – eine sehr gewagte Behauptung.  Lenin habe diesen Umstand nicht in seiner ganzen Bedeutung erkannt, habe nicht erkannt, dass der berühmte Aufstand vom 25. Oktober bereits durch diesen Umstand zu drei Viertel, wenn nicht mehr, entschieden war (Vergleiche Leo Trotzki, 1917 – Die Lehren des Oktobers, in: Leo Trotzki, Revolution in Russland, manifest marxistische schriften, Berlin, 2017,139).  Trotzkis Mär von den zwei Etappen der Oktoberrevolution könnte auch nur auf Petrograd zutreffen, in Moskau gab es ja keinen Befehl an die Garnison, die Stadt zu verlassen.

Was aber hier neben der dreisten Behauptung Trotzkis, das Entscheidende der Oktoberrevolution habe sich in Abwesenheit von Lenin vollzogen, zum Ausdruck kommt, ist wiederum eine mechanische Denkweise Trotzkis. Dass ein großer Teil einer Garnison in einer Hauptstadt verbleibt ist zwar gewichtig, hat aber als Einzelpunkt nicht die dezisionistische Allgewalt, die allein in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution liegt, ein komplexer Prozess, der im entscheidenden Umschlagsblitz mehr intuitiv denn mathematisch den Ausschlag gibt. In ihm, im Blitz, liegt das, was man das „Genie der Revolution“ nennt.   Allein die Tatsache der Abzugsverweigerung, Trotzki spricht vom ‚Garnisonsexperiment‘, machte nicht zwei Drittel der Garnison automatisch bolschewistisch oder zur Anhängerschaft eines bewaffneten Aufstandes.

Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Schriften Lenins zum bewaffneten Aufstand im Jahr 1917, und nicht nur in diesem, die Befürchtung, dass die mit ihm Befassten das mathematische Räsonnement favorisieren und einknicken, denn die numerische Lage neigte sich recht eindeutig zur Konterrevolution. Die noch immer in der weiten Provinz unter der ideologischen Fuchtel der Sozialrevolutionäre stehenden Millionenmassen von Kleinbauern standen der Kommune ablehnend oder neutral gegenüber. Die Oktoberrevolution war zunächst eine Revolution in den Industriemetropolen Petrograd und Moskau, in denen die Sowjets im Oktober 1917 mehrheitlich bolschewistisch ausgerichtet waren. Das russische Dorf zog erst nach einem Jahr nach. Ohne diese urbanen Mehrheitsverhältnisse wäre ein bewaffneter Aufstand ein zum Scheitern verurteiltes Abenteuer gewesen. Für Lenin waren diese sowjetischen Mehrheitsverhältnisse ausschlaggebend und nicht irgendwelche Stimmungen in  der Petrograder Garnison.

ZUM ENDE DES PARLAMENTARISMUS IN RUSSLAND

30. August 2017

Es erwies sich, dass nach der Revolution vom 27. Februar 1917 in Abwesenheit von Lenin das erste Dekret der Kommune von Paris nicht verkündet worden war: die Unterdrückung des Heeres- und Beamtenapparates und seine Ersetzung durch die allgemeine Volksbewaffnung, obwohl diese Forderung in den Programmen der linken Parteien standen, und alle täuschten die Massen mit der Propaganda, dass das allgemeine Stimmrecht im heutigen Staat den Willen der Mehrheit zum Ausdruck bringen könne. Die aus der Pariser Kommune stammende Forderung, das stehende Heer zu unterdrücken  und es durch das bewaffnete Volk zu ersetzen, stand zwar in den Programmen der Parteien, die sich als sozialistisch ausgaben … aber alle kleinbürgerlichen Demokraten hatten sich als unfähig erwiesen, in einer revolutionären Situation den Staatsfetisch abzulegen.  So steuerten sie ihr klappriges Februarschiff in den Orkan des Oktober. Der Sinn der Oktoberrevolution in der Staatsfrage war, den bürgerlichen Staat durch eine Macht aufzuheben, die sich unmittelbar auf die bewaffnete Gewalt der Massen stützt und die die Bedingungen schafft, damit der proletarische sofort abzusterben beginnt. Engels sprach bewusst vom Einschlafen des Staates und der Demokratie, Kautsky hingegen entstellte den Marxismus direkt, indem er zunächst die marxistische Auffassung, der bürgerliche Staat sei ein parasitärer Organismus, zur Sichtweise nur der Anarchisten verdrehte und sodann in seiner im August 1918 erschienenen Broschüre „Die Diktatur des Proletariats“ diese direkt ablehnte. Wäre die Arbeiterklasse in Russland Kautsky gefolgt, so wäre sie im Sumpf der Duma, im Sumpf des Parlamentarismus gelandet und damit im Wechselspiel von bestimmender bürgerlicher Regierung und einer ohnmächtigen ‚linken‘ Opposition, die waffenlos das Recht der Regierungskritik gehabt  hätte, deren politische Bedeutung noch unterhalb der der Räte der Zwischenperiode gewesen wäre. Kautsky begriff in seiner „mitleiderheischenden Altersschwäche“ (Clara Zetkin) nicht den Doppelcharakter der proletarischen Diktatur, demokratisch für die große Mehrheit der Proletarier und Besitzlosen und diktatorisch gegen die Bourgeoisie zu sein. Die Oktoberrevolution war die zweite große Mehrheitsrevolution nach der Pariser Kommune in der Menschheitsgeschichte und deshalb und als Projekt der Organisation der Produktion durch die Arbeiter selbst brauchte sie wie die Kommune schon keinen Staat im eigentlichen Sinne mehr.  Lenins Konzept der Volksmiliz sieht die Bewaffnung aller armen und ausgebeuteten Schichten vor, damit sie so selbst die Staatsmacht bilden. Die Sprengung der Duma durch revolutionäre Truppen, die auf Anweisung Lenins agierten,  ergab sich zwangsläufig, denn ein Parlament ist die Krönung einer bürgerlichen Revolution, nicht einer proletarischen. Genosse Uritzki, der am 30. August 1918 von dem jüdischen Kadetten Leonid Kannegiesser erschossen wurde, sagte in einem Referat am 12. Dezember 1917: „Einige Genossen glauben aber, daß wir eine bürgerliche Revolution machen, deren Endziel die konstituierende Versammlung sein soll“. 1. In einem Artikel aus dem Jahre 1923: „Lieber weniger, aber besser“, der der Verbesserung der Arbeiter- und Bauerninspektion gewidmet ist, schreibt Lenin von der Möglichkeit einer eigenartigen Verschmelzung von Partei- und Sowjetinstitutionen. Aber aus der Sonderstellung des Proletariats, einer „besonderen Klasse“ im Produktionsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, die der Sonderstellung der Kapitalisten, dieser modernen Sklavenhalter korrespondiert, ergab sich zwingend, dass dessen politische Kampfpartei auch eine einnimmt. Am Ende hatte die Partei immer Recht. Es ist sehr fragwürdig, ob das marxistisch ist, es steht aber außer Frage, dass man im Ozean der Revolution zunächst das Schiff der Partei sichern musste. Diese ist nach Stalin eine Art Schwertträgerorden, dessen Mitglieder nach ihm „aus besonderem Material geformt“ sind und die alle Formen des Krieges zu meistern haben. 2. Über die Auflösung des Parlaments machten und machen bürgerliche Ideologen viel Krakeel, dabei hatte die Partei der Bourgeoisie, die Kadetten (kadety), in den Wahlen weniger als 2,5 Prozent erhalten. 

Wir, die wir unter dem Joch des Kapitals aufgewachsen sind und heute darunter leben und leiden, sind viel zu sehr befangen in Denkkategorien mit schwerer Vergangenheitslast und in alltäglichen Vorurteilen. Unser Denken kann nicht vollständig frei und vollständig revolutionär sein. Deshalb spricht Engels von einer zukünftigen, unter dem Sozialismus aufgewachsenen Generation, die dereinst erst in der Lage sein wird, den ganzen Staatsplunder von sich abzuwerfen. Dazu müssten freiere Gesellschaftszustände gekommen sein, man kann den Staatsplunder, der zugleich auch Demokratieplunder ist, nicht im Sinne der Anarchisten von heute auf morgen einfach wegwerfen. Der Sozialismus wächst in den Kommunismus hinüber, nachdem und wie schon die bürgerliche Revolution in die sozialistische hinübergewachsen ist.  Gern stellen die Trotzkisten die Sache so dar, als habe nur Trotzki mit seiner Theorie der permanenten Revolution die Februarrevolution über ihren bürgerlichen Horizont hinausgedacht und nur Lenin hätte von den Bolschewiki die Richtigkeit der Einsichten Trotzkis erkannt und diese übernommen. Die Schriften Lenins widerlegen diese Geschichtsfälschung. Und solange ein Staatsplunder noch existiert, ist die Klage Rosa Luxemburgs nachvollziehbar, dass es in jedem sibirischen Dorf humaner zugehe als unter deutschen Sozialdemokraten, die in der Regel aus Geldgier von einem Staatsfetisch regelrecht verblendet sind. Nur naive Menschen leben konfliktfrei im Gegebenen und können sich nicht vorstellen, dass Menschen ohne Staat zusammenleben können.

Wer an sich arbeitet, wer sich entwickelt, wer in seinem Denken eine Ebene erreicht hat, von der aus die gesellschaftlichen Klassenverhältnisse in ihren objektiven Zusammenhängen erfasst werden können, der bricht heraus aus den vom Kapital vorgegebenen engen Lebensstrukturen, aus dem Ekel vor dem Alltag, der muss auf eine befreiende Explosion gegen die Mächte der Vergangenheit und Finsternis, die unseren Horizont einschnüren, hinarbeiten, kurz: er steht vor der Alternative: Revolutionär zu werden oder weiterhin auf dem Friedhof des Kapitals dahinzuvegetieren bis ins Grab, das für die Armen früher kommt als man denkt. Reiche leben laut Statistik länger. Das Kapital, das keinen Tag, keine Stunde, keine Minute zurückgibt, das Kapital und sein Staat brauchen in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht unreife Menschen. So haben zum Beispiel die Pariser Kommune, die russische demokratische Revolution von 1905 mit ihrer Herausbildung der Räte, besonders die proletarischen Revolutionen im 20. Jahrhundert den Beweis erbracht, dass Demokratie und Parlamentarismus sich ausschließen. Der Parlamentarismus basiert auf einem Gedankengut der bürgerlichen Aufklärung aus dem 18. Jahrhundert, das vornehmlich zuerst in vornehmen Kreisen Englands und dann in Frankreich durch Montesquieu und der Gironde gepflegt wurde. Der Parlamentarismus gehört heute zu den Mächten der Finsternis und der Vergangenheit, die unser Gehirn vernebeln. Man frage heute 10. 000 Menschen, was Engels unter dem „Absterben der Demokratie“ verstand und wie er dieses Absterben mit dem „Absterben des Staates“ verband … und 9. 999 beginnen … zu stottern, wenn überhaupt etwas über ihre Lippen kommt. Das Privateigentum hat uns so einseitig und dumm gemacht. Heute gibt die Befangenheit im parlamentarischen Denken ein Beispiel ab, wie Aufklärung bei Höherentwicklung der Produktivkräfte in Finsternis umschlagen kann.

Historisch hat die Pariser Kommune diesen Umschlag bewirkt, sie war nicht nur in der Staatsfrage der Leuchtturm in den Wogen der Oktoberrevolution, die das prostitutive Treiben der Duma beendete. Denn die Pariser Proletarierinnen  und Proletarier hatten die Alternative aufgetan: Diktatur der Bourgeoisie oder Diktatur des Proletariats ? Wer besiegt wen ? Besiegen kann das Proletariat die Bourgeoisie auch ohne Diktatur, diese ist aber notwendig, so Stalin, um deren Widerstand zu brechen. Die Bourgeoisie bleibt auch nach dem Sieg des Proletariats mächtiger. In der gesamten Epoche nach dem Sieg des Proletariats, Marx sprach von 15, 20, 50 Jahren Bürgerkrieg, sind zeitweilige Niederlagen des Proletariats nicht ausgeschlossen. 3. Auch die Oktoberrevolution war gegen eine Niederlage nicht gefeit, aber selbst im Falle einer Niederlage wären ihre Erfahrungen kommenden Revolutionen lehrreich. Hatte sich mit dem Aufkommen des Kapitalismus der moderne Staat in seinem eigentlichen Sinne herausgeputzt, so hatte die Kommune den Beweis erbracht, dass ein Zusammenleben befreiter Arbeiterinnen  und Arbeiter möglich ist mit objektiv gesellschaftlichen Strukturen, von denen man behaupten kann, dass sie schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr sind.  Der „Staat“ der Pariser Kommune war ein ‚Übergangsstaat‘ zum Kommunismus hin. Im Zahn der bürgerlichen Zeit war die Kommune der erste Stich des Schmerzes, der ankündigte, dass der Zahn von Fäulnis befallen ist und der zweite Weltkrieg gegen die Sowjetunion war die heftige Reaktion auf die zunehmenden Schmerzen, die von der  Oktoberrevolution bewirkt wurden. Können sich Kleinbürger ein Leben ohne Staat gar nicht vorstellen, so bildet für die Kapitalisten, für die modernen Sklavenhalter diese Vorstellung verständlicherweise ein Horrorszenario, denn eine Kommune beginnt mit der einfachen Organisation der bewaffneten Massen, sie ist ein Staat, den die bewaffneten Arbeiter als Keim einer neuen Armee bilden, die dazu übergehen, das gesamte Volk zur Beteiligung an der Miliz heranzuziehen…“  4., Volk und Miliz in eins zu setzen. In Kanawino, Gouvernement Nishi-Nowgorod, hatte sich in fast allen Bertrieben eine von der Betriebsleitung bezahlte Arbeitermiliz gebildet, Lenin maß dieser gigantische Bedeutung bei. Den „richtigen Weg betreten die Arbeitermassen selber. Das Beispiel der Nishni-Nowgoroder Arbeiter muß zum Vorbild für ganz Rußland werden“. 5.. Ist aber das gesamte Volk, also auch die Frauen, bewaffnet und ist es als bewaffnetes Volk selbst die Regierung, dann ist darunter kein Platz für die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten mehr möglich. Und deshalb ist der Staat der Kommune schon kein Staat im eigentlichen Sinne. Die höchste Reife, die in der Natur und in der Geschichte erreicht wird, ist diejenige, in der der Untergang beginnt. Und das gilt auch für die Demokratie, die erst als Kommune ihre höchste historische Stufe erreicht hat. „Je vollständiger die Demokratie, umso näher der Zeitpunkt, zu dem sie überflüssig wird. Je demokratischer der „Staat“, der aus bewaffneten Arbeitern besteht und „schon kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ ist, umso rascher beginnt jeder Staat abzusterben“. 6. Die Lehre aus der Pariser Kommune bestätigte, was Marx und Engels fast vierzig Jahre, von 1852 bis 1891, ‚predigten‘, dass in einer Revolution der Arbeiter und Arbeiterinnen der bürgerliche Staatsapparat zerschlagen werden und dass man ihn durch einen neuen ersetzen muss, ein zweiter Schritt, den die Anarchisten nicht mitvollzogen, im „Ersetzen“ sahen sie den Kardinalfehler der marxistischen Sozialisten. Und gerade vor dem „Zerschlagen“ wichen sowohl Kautsky als auch Bernstein, der vor einem ‚doktrinären Demokratismus‘ warnte, aus, nicht aber Proudhon und Bakunin.  Engels hatte mit seiner Aussage Recht, dass die deutschen Sozialisten abergläubisch den Staat als Staat verehren, hatte Recht mit seiner Aussage, dass die deutsche Philosophie dazu mitgewirkt hatte. Aber die Notwendigkeit der Zerschlagung der Staatsmaschine war gerade die große Lehre aus der Kommune: Proletariat und Bourgeoisie waren in ihr direkt entgegengesetzt: bürgerliche Revolutionen geben die Staatsmaschine von einer Hand in die andere weiter, proletarische Revolution zerbrechen die Staatsmaschine, die durch tausend Fäden mit der Bourgeoisie verbunden ist, und ersetzen sie durch eine neue. Sie ist destruktiv und konstruktiv in einem, sie kommandiert und regiert mit einer neuen Maschine, die es aber aufzuheben gilt: „Im Sozialismus werden alle der Reihe nach regieren und sich schnell daran gewöhnen, daß keiner regiert“. 7. Daß keiner regiert ! Nur das kann die Quintessenz der Weltgeschichte sein, so sie Sinn hat. Man begreift in diesem Zusammenhang die Wichtigkeit der Erkenntnis, dass die Geschichte gesetzmäßig ablaufe, obwohl ihre Gesetze und ihre finale Anarchie nicht in einem unmittelbaren Zusammenhang stehen, ja sich auf den ersten Blick auszuschließen scheinen. Nur die Negation der Negation: Urgesellschaft – Klassengesellschaft – Urgesellschaft auf der höchsten Form macht eine finale Geschichtsbetrachtung zwingend. Man entferne die Dialektik aus dem geschichtlichen Ablauf und er wird anarchisch. Die naiven, Politik ablehnenden Anarchisten verfahren in ihrer Negativität nur eindimensional, man könne den Staat von heute auf morgen abschaffen.  Die Geschichte verläuft aber prozesshaft und gesetzmäßig in ihr Gegenteil hinein: in die Gesetzlosigkeit, im Zusammenleben der Menschen ohne Staat. Die objektive Gesetzmäßigkeit der Geschichte endet in politische, Politik negierende Gesetzlosigkeit. Hier ist nun der Punkt erreicht, sich Lenins politischem Hauptwerk zuzuwenden.

1. Moissei Uritzki, Referat auf der Sitzung des Petrograder Komitees der SDAPR, in: Leo Trotzki, Die Lehren des Oktobers, in: Oktoberrevolution, Oberbaumpresse Berlin, 1967,54. „Mit der Auflösung der konstituierenden Versammlung schließt nicht nur ein großes Kapital der Geschichte Russlands, sondern ein nicht weniger bedeutsamer Abschnitt unserer Parteigeschichte“ (Leo Trotzki, 1917 – Die Lehren des Oktobers, in: Leo Trotzki, Revolution in Russland, manifest. Marxistische Schriften, Berlin, 2017,132). 

2. Vergleiche Josef Stalin, Zur Frage der Strategie und Taktik der russischen Kommunisten, Werke Band 5, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,148. Alle Formen des Krieges meistern ! Bekanntlich vollzog sich der Aufbau des Sozialismus unter dem Feuer der imperialistischen Artillerie. „Stellen Sie sich einen Maurer vor, der mit einer Hand baut und mit der anderen das Haus verteidigt, das er baut“. (Josef Stalin, Drei Jahre proletarische Diktatur, Werke Band 4, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,342f.). Auf Clara Zetkin geht der Satz zurück: „Das russische Proletariat philosophiert mit Schwert und Kelle“ (Clara Zetkin, Im revolutionären Rußland, in: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1989,257).

3. Vergleiche Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Werke Band 6, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,96ff.

4. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,487

5. Lenin, Über die proletarische Miliz, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,170

6. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,489

7. a.a.O., 503