Die französische Revolution

 

Die Große Französische Revolution weist sowohl einige Grundmuster von Revolutionen überhaupt auf als auch spezifisch französische. Sie erfüllt zunächst das Kriterium, das Lenin an eine Revolution stellte: nach einer erfolgreichen Revolution müssen sich die Beziehungen unter den Menschen geändert haben. Das bürgerliche Klassenherrschaft zum Ausdruck bringende bürgerliche Gesetzbuch trat als Regulativ gesellschaftlichen Handelns an die Stelle der alten Führungs- bzw. Unterdrückungseliten Klerus und Adel mit einem absolutistischen Monarchen an der Spitze, der willkürlich Verhaftungen von Untertanen durch Evokation anordnen konnte.(1.) Schon vor der Revolution, diese anbahnend, zeichnete sich ab, dass nicht länger die Sonntagspredigt der Pfaffen die Gemüter indoktrinierte (hier auf Erden jede Abscheulichkeit der Obrigkeit geduldig zu ertragen, dafür aber ein gutes Leben nach dem Tode mit den Engeln (2.) zu führen), sondern dass die Untertanen Ihrer Majestät sich zunehmend durch Aufklärungsbroschüren oft politischen und kirchenfeindlichen Inhalts bildeten.Die Manipulierung der öffentlichen Meinung durch den Klerus wurde immer brüchiger.Und in der Tat hatte die Religionskritik der Aufklärung eine viel größere Bedeutung als es die Religionskritik bei der Vorbereitung einer sozialistischen Arbeiterrevolution hat.Voltaire schleuderte dem Klerus, insbesondere den für ihn eine Sekte von Fanatikern darstellenden Jesuiten den Ausruf entgegen: Ecrasez l´infame. (Zerdrückt die Infame), dazu gehören auch seine Spötteleien über die heilige Jungfrau von Orleans. Auffällig in Voltaires Philosophie der Geschichte (3.) ist zudem eine Verschiebung ihres Ursprungs: die Weltuhr fing in der nicht-christlichen Zivilisation Chinas an zu ticken, was den traditionellen Rahmen der biblischen Schöpfungsgeschichte sprengte.

An eine blutige Revolution hatte die große Mehrzahl der Aufklärer, auch deren radikalster Atheist und Materialist La Mettrie,  gar nicht gedacht, man hoffte auf einen einsichtsvollen Monarchen. Geht umgekehrt ja auch auf Voltaire der Satz zurück, dass man Gott erfinden müsste, wenn es ihn nicht gäbe (zur Betörung des Pöbels). Freilich blieb diese Aufklärung auf einen kleinen Kreis beschränkt, 80 % der Franzosen waren Bauern, nur wenige von ihnen des Lesens kundig. Besonders die katholischen Gegenden wiesen eine hohe Analphabetenquote auf. Mit Lesen allein ist es allerdings auch nicht getan. Wie weit wir heute in der Bundesrepublik hinter der Aufklärung zurück sind, wird  schon allein dadurch deutlich, dass es noch heute dem Klerus erlaubt ist, sich in Schulen an Minderjährige heranzumachen, um ihnen das Gift der Untertanenmentalität einzuträufeln. (Staatsautorität und Klerus arbeiten hier Hand in Hand, beide Linien treffen sich dann in den christlichen Kreuzen, die die Gerichtssäle der bürgerlichen Klassenjustiz „schmücken“, vor der die Untertanen buchstäblich zu Kreuze kriechen sollen). „… jeder Religionslehrer (ist) ein Feind des wahren Fortschritts der Menschheit , er ist gefährliches Unkraut unter  dem Volksweizen, das ausgerottet werden muss.“ (4.) Die Aufklärung suchte in ihrem Studium der Geschichte vor allem nach antiautoritären, antikirchlichen und technischen Fortschrittsergebnissen in der Vergangenheit, um aus diesen Linien phantastische Zukunftsprojektionen mit sehr hoher Realisierungswahrscheinlichkeit zu entwerfen. Die Menschheit befinde sich in einem unaufhaltsamen Prozess ständiger Vervollkommnung. Aber es ist ein Perfektibilismus ohne Abschluß, so daß seine Beurteilung immer nur intentional bleibt, der Abschluss des Vollkommenen wäre der Maßstab seines Gelingens.

Obwohl sowohl die Aufklärung als auch die Guillotine die Aufmerksamkeit ganz auf den Kopf lenkten (eine selbstdenkende Gesellschaft braucht kein Oberhaupt, selbstdenkende Bürger keinen Bürgermeister, die Konsequenz der Aufklärung ist die Anarchie allseitig gebildeter Atheisten), ist gegenläufig eine enorme Zunahme der Bedeutung der Hand zu konstatieren, wie ja auch anthropologiegeschichtlich der sich wechselseitig befruchtende Parallelismus beider Entwicklung bedingte. Bewußt begingen die Enzyklopädisten einen Tabubruch, als sie in ihrem Jahrhundertwerk neben den schönen Künsten, Metaphysik und Philosophie den Komplex der zeitgenössischen Handwerke vorstellten. Es ging ihnen laut Diderot um „nützliche Künste“, von hier war es nur noch ein kleiner Schritt zur Frage nach den nützlichen Gesellschaftsmitgliedern, die Unproduktiven galten bald als Schmarotzer.Wendet man den Gedanken der Nützlichkeit konsequent auf die Natur und die Gesellschaft an, können die mit Gattungsbewußtsein handelnden Menschen kongenial nur die Naturbeherrschung als totale Verfügbarkeit und die Anarchie ohne jede Bürokratie anstreben. Um die Zeichen der neuen Zeit zu setzen, entrissen die Revolutionäre nach der Guillotinierung des Königs den minderjährigen Thronfolger im Gefängnis  seiner Mutter Marie Antoinette  und gaben ihn dem Schuhmacher Simon in die Lehre, damit er ein anständiges Handwerk erlerne, der Aristokratie war es traditionell untersagt, sich  überhaupt handwerklich zu betätigen. Das Leben einer der Nachfolger des Sonnenkönigs sollte sich ganz um die Sonne der Arbeit drehen. Während der Revolutionsperiode wurden pädagogische Konzepte entwickelt, asymmetrische Schulgärten und Werkstätten anzulegen, damit den jungen Republikanern auch praktisch-handwerkliche Fertigkeiten vermittelt werden konnten. Schwerpunkte lagen auf der Gymnastik, Botanik – insbesondere Heilpflanzen -, Wehrertüchtigung – insbesondere Schwimmen -, und Patriotismus, ein Drittel ihrer Ernten sollten kostenlos an die Armen verteilt werden. (5.) „Il faut cultiver notre jardin !“ so lautete ja schon der Schlußsatz in Voltaires Candide.
Die bürgerliche Klasse, die ihre Geldherrschaft im Zuge der Verwandlung naturwüchsigen Kapitals in industrielles gegen die mittelalterlichen Instanzen endgültig durchsetzen wollte, war jedoch gezwungen, an die Massen zu appellieren und ihr spezifisch volksfeindliches Interesse als das des Volkes selbst auszugeben. Damit aber bekam die Revolution einen Selbstlauf, den die bürgerliche Klasse nicht immer steuern konnte. Der dritte Stand, sagte Alexis de Tocqueville, hatte den Bauern Waffen in die Hand gegeben und dann bemerkt, dass er Leidenschaften weckte, „…von denen er nicht einmal eine Ahnung gehabt, die er ebensowenig zu zügeln als zu lenken vermochte, und deren Opfer er werden sollte…“ (6.) Der kleine Terror, ebenfalls eine Notwendigkeit, ohne die keine große Revolution auskommt, richtete sich zu einem Teil auch gegen Vertreter der Großbourgeoisie. Ich spreche vom kleinen Terror, der 0,2 % der französischen Bevölkerung in der bürgerlichen Revolution das Leben kostete, im Vergleich zu den Opfern der dynastischen Kriege eine sehr geringe Zahl. Dieser innere Terror hing spezifisch mit der äußeren militärischen Bedrohung durch royalistische Mächte zusammen, als diese Bedrohung nach der für Frankreich erfolgreichen Schlacht von Fleurus 1794 (7.)abnahm, sank der Stern Robespierres innerhalb eines Monats und  der revolutionäre Terror erlahmte. Nicht aber der Terror überhaupt. Systematisch unterschlägt die bürgerliche Geschichtsschreibung (siehe z. Bsp. Schulbücher), dass nach dem Sturz Robespierres ein wahre blutige Hetzjagd gegen Jakobiner, Terroristen genannt, einsetzte, gesteuert von sog. Jesus- und Sonnenvereinen. Jesuskleriker und Sonnenkönigskinder arbeiteten besonders im Süden Frankreichs weiterhin mörderisch Hand in Hand. Bei der Thematiserung des Terrors der  Revolution werden die Greueltaten religiöser Terroristen nur allzu gerne verschwiegen. So findet in den Schulen der Republik nicht nur eine religiös motivierte geistige Verstümmelung der Jugend statt, sondern diese wird auch kriminalisiert: die emanzipative Gewalt der Volksmassen sei Terror, die weltgeschichtlichen Blutorgien der herrschenden Minderheiten aber gottgewollt. „Bis wie lange noch wird man die Wut der Despoten Gerechtigkeit, und die Gerechtigkeit des Volkes Barbarei oder Empörung nennen ? Wie zärtlich man doch gegen die Unterdrücker, und wie unerbittlich man gegen die Unterdrückten ist !“ (8.)
Als eine Art Kursbuch des Jakobinismus gilt der Gesellschaftsvertrag von Rousseau, Robespierre versuchte sich streng nach diesem Buch zu richten und scheiterte damit, der Rousseauismus ist utopisch und reaktionär zugleich. Zwar ist der Mensch für ihn von Natur aus gut und nur die Institutionen verderben ihn, folglich: nur ein kranker Mensch strebt danach, seine Mitmenschen zu regieren, gleichwohl findet sich im Gesellschaftsvertrag der doppelgesichtige Satz: „…manchmal muß man dem Volk die Dinge zeigen, wie sie sind, manchmal so, wie sie ihm erscheinen sollen…“ (9.) Das Volk kann also sehr wohl getäuscht werden und am Ende des Gesellschaftsvertrages  wird sogar noch eigens eine Art Bürgerreligion aus der Taufe gehoben. Im Prozess gegen Marie Antoinette wurde die Doppelgesichtigkeit praktisch angewandt. Die ehemals, nach der Hofetikette,  wichtigste Frau Frankreichs hatte ebenfalls die Guillotine zu besteigen, so wurde ihr sexueller Mißbrauch ihres eigenen minderjährigen Sohnes,des Dauphins, und Anleitung zur Onanie angedichtet (der Jakobiner Hébert trat hier als Zeuge vor das Revolutionstribunal und zitierte aus Verhörprotokollen des Jungen). In diesem Fall sollte das Volk sehen, dass auch eine Frau als eine neue Agrippina, „…welche mit allen Verbrechen vertraut ist…“ (so der Ankläger Fouqier-Tinville) das Fallbeil verdient habe. In der Publikmachung der mechanischen Handbewegungen eines von seiner Mutter losgerissenen Dauphins, seiner Onanie, in der er durch seine Mutter Marie Antoinette eingewiesen worden sei, findet die Säkularisierungstendenz der Aufklärung ihren Abschluß. Dem Dauphin ging es um infantilen Lustgewinn, nicht um eine patriarchalische Thronfolge. Aufklärung hat sich nicht autoaggressiv als Dialektik der Aufklärung, Hegel variierend, dass die Aufklärung über sich selbst nicht aufgeklärt sei, gegen sich selbst zu wenden, sondern ihre Gegner letztendlich der Schwachsinnigkeit zu überführen. Auf dem Gebiet der Sexualität, in  deren Befreiung alle gesund verlaufende Aufklärung mündet, ist dies durch Nachweis der Genesis der borniert-mittelalterlichen Leibfeindlichkeit zu demonstrieren. Der Kirchenvater Augustinus bekennt in seiner Autobiografie, dass er im Jahr 386 in einem Mailänder Garten göttliche, immer nur das eine wiederholende Knabenstimmen gehört habe: Nimm und lies (Tolle lege). Er ging ins Haus und schlug die Paulusbriefe auf: „… zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zu Erregung eurer Lüste.“ Danach pflegte Augustinus keinen Beischlaf mehr, sondern. begann  fieberhaft schreibend mit der inhumanen Verteufelung der Sexualität. So hat  die Ausgeburt des Fieberwahns eines geisteskranken Klerikers Millionen und Abermillionen Menschen Jahrhunderte lang sexuell verkrüppelt, auch der Katholik und Jesuitenschüler Robespierre war nicht frei davon.“…als sei es eine Schande, Vergnügen zu empfinden und zu seinem Glück geschaffen zu sein…“ (10.)

Anders verhält es sich in einer Arbeiterrevolution, die Rousseausche Doppelgesichtigkeit fällt hinweg. (Es ist immer sinnvoll, das Wort Minister zu vermeiden und eine Regierung von VOLKSKOMMISSAREN zu bilden) Da eine Diskrepanz zwischen Volk und Regierung in einer sozialistischen Republik weitgehend nicht mehr vorliegt, da nach Lenins Werk „Staat und Revolution“ es sich um einen Übergangsstaat, „kein Staat im eigentlichen Sinne mehr“ handelt, kann diese auch ganz frei und offen die Protokolle der Revolutionstribunale veröffentlichen. So geschah es nach den sogenannten Moskauer Schauprozessen. Seit der Veröffentlichung der Protokolle der Moskauer Prozesse hat die internationale Konterrevolution nichts unversucht gelassen, dass die Volksmassen die Prozesse wieder nach der Sichtweise der Konterrevolution sehen sollen. Welch ein Unterschied in der Revolutionsgerichtsbarkeit: Während das jakobinistische Tribunal pädophile Unzucht andichtet, ist das bolschewistische so souverän, Bucharins Fehltritt in Japan aus dem Jahre 1917 unerwähnt zu lassen: er hatte während eines Bordellbesuches sexuelle Beziehungen zu einer Minderjährigen, worauf in Japan die Todesstrafe stand. (11.) In der Zeit des Volkschädlings Gorbatschow setzte dann eine wahre Rehabilitierungswelle ein, ohne dass aber die Begründungen der Rehabilitierungen veröffentlicht wurden. Der deutsche Aufklärer Kant hatte in seiner Schrift zum Ewigen Frieden Recht, als er das Kriterium der uneingeschränkten Öffentlichkeit von Regierungssachen als notwendige Bedingung einer aufgeklärten Gesellschaft forderte. Auf dem politische Parkett küßt heute jeder jeden, und in den Dunkelkammern der Geheimdienste werden Völkermorde vorbereitet.
Entscheidend für Ausbruch und Verlauf der französischen Revolution waren ohne Zweifel die asozial-perversen Eigentumsverhältnisse; dass eine verschwindend geringe von Steuerabgaben sogar noch befreite klerikal-adelige Schmarotzerkaste ohne Hemmnisse das französiche Volk, das um 1789 nur zu 16 % in der Stadt lebte,  blutsaugen konnte. Zugleich war ein besonders großer Preisanstieg bei den Grundnahrungsmitteln zu registrieren.Schon im November 1788 griff Abbé Sieyès in seiner Broschüre „Essay über die Privilegien“ die Herschaft von 200 000 Privilegierten über 25 Millionen Franzosen an. Wie fruchtlos aber eine bürgerliche Revolution in dieser Beziehung ist, zeigen heute die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln in den „allerfreiesten“ bürgerlichen Republiken. In ausnahmslos allen bürgerlichen Republiken herrschen heute asozial-perverse Eigentumsverhältnisse, die verdammt nach dem revolutionären Vorabend dieser Ancien Regimes in spe riechen. Und in der Tat: der Marxismus Leninismus hat, wie früher die bürgerliche Aufklärung das mittelalterliche Gedankengut zersetzte, theoretisch das Herrschaftsgeflecht der bürgerlich-sozialdemokratischen Ideologie zerpflückt, aber eine Arbeiterrevolution ist qualitativ von ganz anderem Kaliber (über die Diktatur des Proletariats Anarchie als Ziel) als eine bürgerliche Revolution (Wechsel in der Klassenherrschaft als Ziel). Die bürgerliche Revolution von 1789 setzte zum Beispiel nicht einmal das Wahlrecht für Frauen durch, Engels bemerkte einmal, alle Revolutionen des 18. Jahrhunderts waren halbe (12.), und die Frauen sind die Hälfte des Himmels.Nicht nur wird der Radikalismus der Revolutionären Republikannerinnen vom Mai 1793, die Marat verherrlichten und ihre Kinder in dessen Geist erziehen wollten, bereits am 8. November 1793 durch den Berichterstatter des Komitees für allgemeine Sicherheit, Amar, gebrochen, sondern dieser schreibt ein Frauenbild des Mittelalters, in dem persönliche Abhängigkeitsverhältnisse dominierten, fest: „Fügen wir schließlich hinzu, daß die Frauen durch ihr Wesen zu einer Erregtheit disponiert sind, die sich für die öffentlichen Angelegenheiten als verderblich auswirken müßte, und daß die Staatsinteressen bald allem geopfert würden, was die Lebhaftigkeit der Leidenschaft an Verwirrung und Unordnung erzeugen kann.“ (13.), so daß Frauenvereinigungen daraufhin verboten wurden.Im Gesetz vom 24. Mai 1795 wird Frauen dann sogar verboten, an politischen Sitzungen überhaupt teilzunehmen. Es war dann der Franzose Fourier, ein utopischer Sozialist, der die Höhe der menschlichen Emanzipation von derder Frauen abhängig machte.

Revolutionären Arbeitern drängen sich nur allzu leicht Assoziationen zu 1789 auf, aber zwischen 1917 und 1789 gibt es einen dicken Trennungsstrich: schon Marx kritiserte die Pariser Kommunarden von 1871 ob Rückfälle in jakobinistisch-kleinbürgerliche Traditionen. Seine Analyse der Klassenkämpfe in Frankreich führte dann auch zu der Einsicht: „Bürgerliche Revolutionen wie die des achtzehnten Jahrhunderts stürmen rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich. Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt zu sein, die Ekstase ist der Geist des Tages, aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht, und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft…Proletarische Revolutionen dagegen wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisieren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eigenen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von neuem anzufangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche…schrecken stets von neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke…“ (14.) Diese Ungeheuerlichkeit ist eine menschliche Gesellschaft. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ! Ohne Zweifel hatte die französische Revolution einen humanistischen Grundzug, sowohl in universeller Hinsicht als auch in sozialer: „…daß es nicht nur ein Volk ist, für welches wir streiten, sondern das Weltall…“ Das Ziel sei, „…so viele Freunde (zu) haben, als diese Erde Bewohner zählt…“. (15.) Achtzehn ausländische Persönlichkeiten erhielten während der Revolution die französischen Ehrenbürgerrechte, u.a. Schiller (16.), Campe, Klopstock, Pestalozzi, Thomas Paine und George Washington. Ganz im sozialistischen Sinn forderte St. Just, daß es in einer Republik weder Arme noch Reiche geben dürfe.(17.) (Weder Arme noch Reiche, und alle Republikaner einheitlich gekleidet, entweder Arbeiterkleidung oder  Soldatenuniform, was erst Maos Kulturrevolution in die Praxis umsetzte). Größe und Illusion des Jakobinismus fallen hier zusammen: dem Ideal stand die Realität entgegen und diese arbeitete daran, entgegen dem Wunsch St. Justs, die bürgerliche Gesellschaft in Lohnarbeit und Kapital zu polarisieren. „Die bürgerliche Revolution stand nur vor einer Aufgabe: alle Fesseln der früheren Gesellschaft hinwegzufegen, beiseite zu werfen, zu zerstören. Jede bürgerliche Revolution, die diese Aufgabe erfüllt, erfüllt alles, was von ihr verlangt wird: sie stärkt das Wachstum des Kapitalismus.“ (18.) Nun dürfte klar sein, warum man mit den Mitteln von 1789 der heutigen Kapitalistenklasse nicht beikommen kann.(19.) Gleichwohl aber hat die französische Revolution „…Ideen hervorgetrieben, welche über die Ideen des ganzen alten Weltzustandes hinausführen. Die revolutionäre Bewegung, welche 1789…begann…hatte die kommunistische Idee hervorgetrieben…Diese Idee, konsequent ausgearbeitet, ist die Idee des neuen Weltzustandes“. (20.).  Diese Idee wurde von Marx, Engels, Lenin und Stalin konsequnet ausgearbeitet: Über die Diktatur des Proletariats zur realen historischen Erfüllung dessen, was in der bürgerlichen Revolution nur eine Idee ihrer sozialistisch-anarchistischen Strömung war. Auf diese Strömung darf am 14. Juli ein Glas Rotwein erhoben werden.(21.)

1.Ein Magistrat bezeichnete diesen Umstand folgendermaßen: „Der ordentliche Richter ist an feste Regeln gebunden, die ihn nötigen, etwas dem Gesetz Zuwiderlaufendes zu reprimieren; der (königliche/Zusatz von mir) Rat aber kann jederzeit zu einem nützlichen Zweck die Regeln umgehen.“ (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, Rowohlt Verlag 1969, 56) Und Tocqueville gibt zugleich ein Beispiel für einen nützlichen Zweck: Ein Aufseher im Dienste des  Brücken- und Straßenbauamtes,der die Fronarbeit  beaufsichtigt, hat ohne Zweifel einen Bauern mißhandelt, aber dessen Klage muss evoziert werden, da Prozesse dieser Art die Arbeiten stören.(a.a.0.,58)

2.Im Zuge der Säkularisierung der Aufklärung lag die Tendenz der radikalen bürgerlichen Revolutionäre, die Gedoppeltheit der Welt in eine dies- und jenseitige aufzuheben. Die Guillotinierung des Königs wurde daraus zwangsläufig, Ludwig der XVI. stand in der Tradition: LÉtat cést moi, sanktioniert durch Gott. Der Tod des Königs war die Geburt eines Neuen Staates ohne Heiligenschein. Aufschlußreich ist die Reaktion Papst Pius VI. (am 17.6.1793): „O glorreicher Tag für Ludwig, dem Gott die Kraft gab, Verfolgung und Martyrium geduldig zu durchleiden. Voller Vertrauen wissen wir, daß er die zerbrechliche Krone der königlichen Herrschaft und die Vergänglichkeit der weltlichen Lilien gegen die Lilienkrone der Ewigkeit eingetauscht hat, die Engel ihm wanden.“ Acta quibus ecclesiae catholicae catamitatibus in Gallia consultum est, Rom 1871, Bd.2,34 Die Ungleichheit unter den Menschen korrespondiert mit einer gespaltenen Welt,Emanzipation ist die Rückführung des Menschen auf ihn selbst. Wie unzulänglich die bürgerliche Revolution in diesem Sinne jedoch war, wird dadurch deutlich, dass sie versucht, den christlichen Gott sklavisch durch den Glauben an ein Höchstes Wesen zu ersetzen.

3. Siehe: Voltaire: Essai sur les Moeurs et l´Esprit des Nations (1756) Das kirchlich-katholische Christentum steht disparat zur göttlichen und menschlichen Vernunft: „Diese Größe der Päpste und ihre noch unzähligemal weitergetriebenen Ansprüche  sind der Politik und der Vernunft ebensowenig gemäß als dem Worte Gottes, weil sie Europa zerrüttet und binnen siebenhundert Jahren ganze Ströme Blut fließen gemacht haben.“ (Voltaire, Die Rechte der Menschen und die Anmaßungen der Päpste, in: Republikanische Ideen Schriften 2, Syndikat Verlag 1979, 292).

4. August Bebel, Über die materialistische Geschichtsauffassung, in: August Bebel: Die moderne Kultur ist eine antichristliche, Alibri Vlg. 2007,61

5.Lecreulx: Mémoire sur les projets d´instruction publique présentés aux deux Législatures; ders.: Mémoire sur l´établissement d´une École des Arts et des Sciences dans la Ville de Nancy pour y completter l´instruction publique, Nancy 1793,A.N.,F17 1009C – 2290,in: Hans-Christain und Elke Harten, Die Versöhnung mit der Natur, Gärten, Freiheitsbäume, republikanische Wälder, heilige Berge und Tugendparks in der Französischen Revolution, Rowohlt Verlag Hamburg, 1989,85ff.

6. Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker, Rowohlt Verlag Hamburg, 1969,120. Nach Engels hatten die besitzlosen Massen die bürgerliche Revolution, „selbst GEGEN (kursiv von F-E.) das Bürgertum“ (Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, Karl Marx und Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,421) , zum Sieg geführt.

7.Damals sprach ganz Europa vom militärischen Heldenmut der Sansculottenkrieger, dessen Wurzel im freien bäuerlichen Bodenbesitz lag.Der von der Insel Korsika stammende konterrevolutionäre Militärdiktator Napoleon konnte dies ausbeuten, schon Rousseau hatte 1762 im Gesellschaftsvertrag „…eine gewisse Vorahnung, dass diese kleine Insel Europa eines Tages in Staunen versetzen wird.“ (Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag 2008,56).

8. Maximilian Robespierre, Über die Prinzipiem der politischen Moral, Reden der französischen Revolution, dtv Text-bibliothek, München, 1974,349

9. Jean Jacques Rousseau, Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag 2008,42

10. La Mettrie, Der Mensch eine Maschine, Reclam 2007,50

11.Vielleicht schenkte der japanische Geheimdienst Bucharin für Gegenleistungen das Leben, siehe: Nikolai Bucharin: Revisionist, Renegat, Verräter. Schriftenreihe

der KPD Heft 71/ I, Berlin 2001,22

12. Vergleiche Friedrich Engels: Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, MEW 1,500

13. Paul Noack, Olympe de Gouges, dtv Biographie, München August 1992,139

14. Karl Marx: Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Ausgewählte Werke Bd. 1, Dietz Vlg. Berlin 1971,229

15. Robespierre: Über die politische Lage der Republik, 17.11.1793, in der gleichen Rede auch: „Die französische Revolution hat in der ganzen Welt eine Erschüt-

terung verursacht.“in: Reden der französischen Revolution, dtv text-bibliothek München 1974,323 und 319. Joachim Heinrich Campe schrieb in seinen Briefen

aus Paris: „Welch ein Beispiel für das ganze ünrige Europa und für alle, ihrer menschlichen Rechte…beraubte Menschen in allen fünf Welttheilen.“ ( Joachim

Heinrich Campe, Briefe aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben.Mit Erläuterungen, Dokumenten und einem Nachwort von Hans-Wolf Jäger. Hildesheim

1977, 30

.

16. Schillers republikanisches Schauspiel „Die Räuber“ wurde unter dem Titel „Robert, chef des brigands“ in Paris zum größten Theatererfolg der Revolutionszeit,

 nachdem es am 10. März 1792 im „Theatre du Marais“ zum ersten Mal gespielt wurde.

17. So sahen die Gesetze vom Windmond des Jahres II vor, das Vermögen der verdächtigen Konterrevolutionäre unter die armen Städter und Bauern zu verteilen. 

Auf dem Lande gab es im Hochsommer 1789 einen großen Bauernaufstand, ab dann schwelte der Bauernkrieg vor sich hin. Eine große Jacquerie im Juli reichte

hin, die Konterrevolution niederzuhalten. 

18. Lenin, Referat über Krieg und Frieden, LW 27, Berlin 1961,75. Der Kapitalismus wurde aus der feudalen Bodenhaftigkeit gesprengt und machte die Individuen  unabhängig voneinander, was im Katalog der bürgerlichen Rechte als Freiheit erscheint. Es ging um eine Dominanzverschiebung von der naturwüchsigen

Herrschaft zu der der akkumulierten Arbeit, des Kapitals. (siehe Marx/Engels: Die Deutsche Ideologie, Naturwüchsige und zivilisierte Produktiosinstrumente und

Eigentumsformen, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,65). „In der Vorstellung sind daher die Individuen freier als früher, weil ihnen ihre   

Lebensbedingungen zufällig sind; in der Wirklichkeit sind sie natürlich unfreier, weil mehr unter sachliche Gewalt subsumiert.“ (a.a.O.,76).

19. Eine bürgerliche Revolution stärkt das Wachstum des Kapitalismus, man kontrastiere diese Feststellung Lenins mit der Aussage Hegels über die französische   Revolution, dass in ihr sich der Mensch auf den Kopf gestellt habe, und es wird deutlich, wie eminent wichtig es in der Wissenschaftsgeschichte war, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die französische Revolution stellt im Grunde den Übergang von der landwirtschaftlichen zur industriellen Sklaverei dar, für die Physiokraten lag die Quelle allen Reichtums noch in der Landwirtschaft, und so sahen es auch die Bauernsoldaten in ihren Jacquerien. Neben der bäuerlichen Bedrohung tauchte nun ein viel mächtigerer Feind des Bürgertums auf, das deshalb die industrielle Sklaverei  gleich am Anfang seiner Emanzipation durch Dekret vom 14. Juni 1791 festschrieb: Arbeiterkoalitionen seien eine Verletzung der Menschenrechte. (La Loi Le Chapelier).

20. Karl Marx, Die Heilige Familie, MEW 2,126

21.Endlich ist es Babeuf, der der Demokratie Fleisch und Blut gibt. Unter dem Deckmantel der Demokratie finde die Ausplünderung der Volksmehrheit durch eine Schmarotzerminderheit statt, Demokratie aber bedeute Glück und Wohlstand für alle (Le bonheur commun). In: Das Manifest der Plebejer vom 30.11.1795, es erschien in Babeufs Zeitschrift: Der Volkstribun Nr. 35. Dieser Gedanke wurde im Marximus entideologisiert, die „Demokratie ist…eine Spielart des Staates. Folglich ist sie, wie jeder Staat, eine organisierte, systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen.“ (Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25,486).Mögen bürgerliche Ideologen 1789 als systematische Gewaltanwendung gegenüber Menschen feiern und die französische Reaktion dies durch den alljährlichen Aufmarsch der Fremdenlegion am 14. Juli vorführen, Engels und Lenin waren weiter, sie sprachen vom Einschlafen der Demokrtie im Kommunismus.(a.a.O.,409).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: