1789 und 1917

12. Februar 2017

 

Die menschliche Erkenntnis geht den Weg vom Nichtwissen zum Wissen, allerdings nicht linear. Aufklärung wäre sinnlos, ginge sie nicht diesen Weg. Kant hielt es allerdings für vermessen, ein totales Weltwissen anzustreben, das in Frankreich die Enzyklopädisten zumindest ebenso anvisierten wie Condorcet in seinem Plan der Entfaltung der menschlichen Vernunft. Hegel steht den Enzyklopädisten viel näher, er spricht vom Weltwissen, vom absoluten Wissen und von der Weltvernunft. Der Marxismus steuert keine absolutes Weltwissen an, obwohl dieses ihm besser zu Gesicht stehen würde als das absolute Wissen Hegel, also schon ein erreichtes Weltwissen, der partiellen Revolution von 1789. Eine in der politischen Praxis beschränkte, ideologisch überhöhte (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bürgerliche Revolution, in der das Kapital aus allen Poren bluttriefend zur Welt gekommen war, wurde vollzogen im Licht einer absoluten Erkenntnis und im Namen des ganzen Volkes. Eine totale kommunistische kam ohne eine solche aus und vollzog sich im Namen einer besonderen Klasse, die wie die kapitalistische eine Sonderstellung in der modernen Gesellschaft einnimmt. Die Sonderstellung der Kapitalisten und die Sonderstellung der Proletarier in der bürgerlichen Gesellschaft sind antagonistisch entgegengesetzte Stellungen. Nimmt man die Parole der französischen Revolution „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ an, nimmt man sie plakativ, so hätte es auf den ersten Blick einer Oktoberrevolution nicht mehr bedurft. Aber die Bürgerlichen legten diese Parole primär politisch aus, nicht primär sozial. Der bürgerliche Vernunftstaat endete in der Anarchie der Produktion, aus der die Sozialisten einen Ausweg suchten. Eine soziale Revolution, noch notwendig, die letzte der Weltgeschichte, schleudert, wie es Marx formulierte „die politische Hülle fort“. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und es galt, die Gesellschaft von den Klassenkämpfen zu befreien durch Abschaffung der Klassen selbst. Man kann das Wesen des Marxismus und das Wesen des Leninismus nicht erfassen, wenn man nicht die ausgesprochene Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt. Lenin hat diese schon sehr früh erkannt, im Alter von 27 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert hatte er eine kleine Schrift verfasst, die mit Bedacht gelesen sein will und die zwei Elementarien des Leninismus enthält, sie trägt bezeichnenderweise den Titel: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie“. In Weiterführung der Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Karl Marx,  Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474) haben, pocht Lenin vehement auf die proletarische Sonderrolle (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,337), zugleich betont er vehement die Hauptwaffe des Proletariats, seine Organisation. (Vergleiche a.a.O.,332). Schon 1897 zeichnet sich im Denken Lenins, Marx und Engels gedanklich fortsetzend, Sozialismus als Parteidiktatur ab, eine gesellschaftliche Formation geführt von einer Kaderpartei, die gegenüber allen anderen Organistionen des Proletariats einen Sonderstatus einnimmt, denn nur diese Partei hat auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung inne. Die Matrosen von Kronstadt hatten 1921 diese Entwicklungsgesetze nicht präsent und das Fatale an der Perestroika war, dass diejenigen, die nicht richtig und scharf genug hinschauten, Gorbatschow als wissenschaftlichen Sozialisten fassten, während er nur eine peinliche Zwergmißgeburt war. Er war am 2. März 1931 zur Welt gekommen und hatte den Marxismus-Leninismus schon in der Dekadenzphase der Sowjetunion zu sich genommen, als dieser zum Fusel verkommen war. Was für eine praktische Politik aus diesem folgte, haben die Älteren unter uns noch alle erleben müssen. Gorbatschow hat dreimal den Lenin-Orden erhalten, angebrachter wäre ein Orden für hervorragende Verdienste bei der Verstümmelung der materialistischen Dialektik gewesen.


				

Zur Rolle Kerenskis in der russischen Februarrevolution 1917 (erweiterte Fassung)

29. Januar 2017

 

Kerenski kam die Aufgabe zu, für die bürgerliche Regierung der rote Köder zu sein, auf den die sozialistisch orientierten Arbeiter und Soldaten Petrograds hereinfallen sollten. Der Geruch eines Revolutionärs haftete Kerenski u. a. auch deshalb an, weil er nach der Revolution von 1905 einmal vier Monate im Gefängnis gesessen hatte. Sowohl der deutsche Sozialdemokrat Friedrich Ebert als auch der russische Sozialrevolutionär Kerenski, der mit Robespierre nur den Beruf und ein rhetorisches Geschick gemeinsam hatte, waren im Grunde ihres Herzens Monarchisten, Kerenski selbst gibt uns in seinen Memoiren preis, dass er bei der Nachricht, Zar Alexander der III. sei verstorben (am ersten November 1894) ganz bitterlich zu weinen angefangen habe. Da war Kerenski bereits dreizehn Jahre alt, wenn man bedenkt, dass Lenin bereits im Alter von vierzehn Jahren sein Taufkreuz in den Mülleimer warf. XX Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,25 und 35 xx Es passte zu Kerenski, dass er den deutschen Vaterlandssozialdemokraten Friedrich Ebert, seit 1913 so verhängnisvoll Vorsitzender der SPD, als Ideal eines Staatsmannes hinstellte. (Friedrich Ebert, ein ehemaliger Sattler, war von 1919 bis zu seinem Tod am 28. Februar 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik). In seinen Memoiren liegt die klare Aussage vor, und wir sind Kerenski für seine Offenheit dankbar, dass er sich vom Marxismus abgestoßen gefühlt habe und die christliche Ethik überzeugend finde (Vergleiche a.a.O.,42 und 52). Im Einklang zu bringen mit dieser Ethik war wohl auch sein Kriegsplan für den ersten Weltkrieg, den er auf die Versöhnung zwischen dem Zaren und dem Volk stützte XX (Vergleiche a.a.O.,151). xx In seinen Memoiren entlarvt sich Kerenski mehrmals als Girondist, um neben der Befürwortung eines föderalistischen Bundesstaates („Marx war Zentralist“ / Lenin) und neben der Kriegsbereitschaft auf ein weiteres Beispiel zu verweisen: Er schreibt, „unter keinen Umständen dürfe die Menge selbst das Gesetz in die Hand nehmen“. Darin kommt schon eine Ablehnung des Rätegedankens zum Vorschein, denn nach diesem bestimmt die Menge selbst den Termin der Wahlen und die Kandidaten, bestimmt die Menge die Offiziere, Richter und alle anderen Beamten per Wahl. Für die Jakobiner nimmt gerade die Menge selbst das Gesetz in die Hand und es gibt in Revolutionen Perioden, in denen die Menge bestimmt, dass jetzt kein Gesetz gelte, diese Perioden fürchten Kerenski und die Reaktionäre am meisten. In Petrograd, wie Sankt Petersburg seit dem 14. Augsut 1918 hieß, hatten die Jakobiner zum Beispiel wie es sich gehört, das Hauptquartier der folternden Geheimpolizei, die Polizeistationen und die Gerichtsgebäude in Brand gesteckt, sie taten gut daran, denn wie verdorben müssen Menschen sein, die sich unter reaktionären Regimes der Exekutive anbiedern ? „Überhaupt“, schreibt Kerenski, „besuchte ich die Zusammenkünfte des Sowjets und seine Exekutivkomitees nur selten“ XX (a.a.O.,221). Xx Eben, eben, da ist ja die Menge ! In seinen Memoiren erklärt er seinen Schritt, Justizminister im ersten Februarkabinett zu werden: er mache sich Sorgen um die gefangegenen zaristischen Minister. „Wenn irgendein Minister des ‚Fortschrittlichen Blocks‘ sie wirksam vor der Wut der Massen schützen und so die Revolution frei von Blutvergießen halten konnte, dann war ich es“. XXX a.a.O.,229 xx Leider muss ich Kerenski hier vorführen: „Ganz allgemein unternahm die Provisorische Regierung alles nur Erdenkliche, um die organisierte Arbeiterschaft zu einer dem industriellen Management gleichwertigen Kraft zu erheben“. Xx a.a.O.,247 Das ist köstlich, man stelle sich das vor: Die Regierung erhebt die Arbeiterklasse auf Augenhöhe zu den Kapitalisten. Das ist eine Perle ! Ein Musterbeispiel für parlamentarischen Kretinismus. Das ist Lichtjahre von der Diktatur der organisierten Arbeiterschaft entfernt. Regierungen des gehobenen Mittelstandes mit einem Tribun an der Spitze können nicht das Menschenrecht für die Arbeiterklasse erkämpfen, Friedrich Engels erkannte bereits während seines ersten Manchesteraufenthaltes 1842 bis 1844, dass sich die Arbeiterklasse nur selbst befreien kann und so heißt es dann auch in der ‚Internationalen‘: Aus unserem Elend können wir uns nur selbst befreien. Aber noch musste die ‚Internationale‘ warten, die Stimmung war noch mehr nach der ‚Marseillaise‘. Ende Februar war der bürgerliche und der sowjetische Block, in dem nur sehr wenig Kommunisten waren, zu einem ‚Agreement des Nebeneinander‘ gekommen, ein harter Klassenkampf zeichnete sich ab, war aber noch nicht akut und ließ Platz für den Gedanken einer friedlichen Revolution. „Wir hielten es für dringend notwendig“, schrieb Kerenski, „den Eindruck auszulöschen, die Kräfte der Revolution seien in zwei Lager gespalten, in ein ‚revolutionäres‘ und in ein ‚bourgeoises’“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rwohlt Verlag, Hamburg, 189,253 xx Der Girondist Kerenski befürchtete lediglich, dass die Sowjets sich selbst zur höchsten Autorität Russlands erklären könnten, was sie während seiner Amtszeit bekanntlich nicht taten, aber durchaus hätten tun können, erst die Bolschewiki taten dies durch die Oktoberrevolution. In der russischen Revolution sind die Sowjets von sich aus nicht machtaktiv geworden, waren sie immer nur ein Spielball im Machtkampf zwischen den Weißen und den Roten ? Die Sowjets als auch die Februarregierung hatten sich spontan aus der Februarrevolution ergeben, beiden fehlte die Legitimation durch Wahlen, das gilt besonders für die offizielle Regierung. Diese Dumaregierung hatte keinesfalls eine demokratische Legitimation, die sich aus allgemeinen, direkten und freien Wahlen herleiten konnte, sie hatte das Volk um seine Revolution betrogen, konnte sich aber als oberste Macht halten, weil die Sowjets nichts gegen sie unternahmen, jedenfalls nichts Revolutionäres. Und aus dieser Machtanmaßung heraus beklagte sich Kerenski noch darüber, dass sich die führenden Repräsentanten der Sowjets nicht mit vernünftiger Kritik begnügten, „sondern versuchten, sich aktiv in die Politik einzuschalten“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 198,256 xx Diese vollksfeindliche Äußerung darf selbst einem Ministerpräsidenten nicht zukommen, der aus Volkswahlen Regierungsaoberhaupt geworden wäre, denn natürlich haben die Massen, die durch die Sowjets repräsentiert wurden, jederzeit das Recht, sich aktiv in die Politik einzuschalten, dies um so mehr, als die Kerenskis nur die Gunst der revolutionären Stunde ausgenutzt hatten, um sich als Staatsmacht zu proklamieren. „Wir glaubten nun, daß das Land auf unserer Seite stehe und daß wir den unvermeidlichen Trend zur Disziplinlosigkeit und zur Anarchie überwinden würden“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,261 xx Aber ‚glauben‘ heißt nicht ‚wissen‘. Die bonapartistische Demokratie nach der Februarrevolution war nur eine sich im Glauben der Regierung an angeblich hohe Werte (Disziplin, Notwendigkeit von Herrschaft) gründende, vor Wahlen darf spekuliert werden, nach Wahlen weiß man. Die Sowjets verstanden sich dieser künstlichen Macht gegenüber als Kritikorgane und verkannten sich als Kontrollorgane, so dass eine wirkliche Machtrivalität nicht vorlag. Wer die sich aus der Februarrevolution ergebenden politischen Konstallationen nur ein wenig aufmerksam verfolgte, dem musste das Missverhältniss zwischen der Zusammensetzung der Regierung und den Kräfteverhältnissen im Volk aufgehen. Das war korrekturbedürftig. Die Periode der Lwow-Kerenski-Regierungen blieb Episode, weil sie eine Periode der Revolutionsgewinnler war, im Gegensatz zur französischen Revolution, in der die Abstimmung nach Köpfen den Ausschlag gab zuungunsten der Abstimmung nach Ständen, die immer mit einer 2:1-Niederlage geendet hätte. Was 1789 epochal war, war 1917 Episode und musste Episode bleiben. Die offizielle Regierung benutzte zur Absegnung ihrer Machenschaften die Formeln: „im Einverständnis mit der gesamten Nation“ und / oder nach den Worten Kerenskis: „die gesunden politischen Kräfte an der Front und in der Heimat“ sehen sich veranlasst, das und das zu tun … Ein Einverständnis mit der gesamten Nation kann es in der Politik nicht geben, das war Wunschdenken. Und natürlich mussten die Massen gegen diese Regierung einschreiten, als sie zum Beispiel jeden Gedanken an einen Seperatfrieden mit der Formulierung „im Einverständnis mit der gesamten Nation“ ablehnte. Die Episode kündigte sich bereits mit der Benennung der wichtigsten Aufgabe der ‚Provisorischen Regierung‘ an, sie sah diese in der Erhöhung der Schlagkraft der Truppe, nicht nur für die Defensive, sondern auch für die Offensive. Über die Armee wurde ein dichtes Spitzelnetz geworfen, um eine kommunistische Beeinflussung der Armee abzuwehren. Den Satz aus dem Manifest, die Arbeiter hätten unter dem kapitalistischen Regime kein Vaterland, wurde von den Kerenskis mit Füßen getreten. „ Ich lade euch nicht zu Feierlichkeiten ein, sondern zum Tode !“ XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,300 xx Das waren die Worte Kerenskis, die er an die Fronttruppe richtete und der er eintrichtern wollte, es gäbe einen imperialistischen Krieg rein defensiven Charakters. Das Scheitern der Brusilow-Offensive nach kleineren Anfangserfolgen an der Westfront, deren Entwicklung Lenin mit „krankhaften Interesse“, so Kerenski in seinen Memoiren, verfolgt hätte, ihr Sichtotlaufen trug somit zum Genickbruch der Zwischenregierung erheblich bei. Zum Machtwechsel im Oktober, zum Sturz eines künstlichen bonapartistischen Regimes ist es gekommen, weil die Bolschewiki die Stürmer und Dränger waren und nach Lenin eine „knochenbrecherische Politik“ betrieben. In den Sowjets gab es Schwankungen, Lenins Partei trat geschlossener auf, wenn man sie auch nicht ganz als ‚Partei aus einem Guss‘ ansehen konnte, es gab zwei Streikbrecher und bei den Abstimmungen auch Gegenstimmen und Enthaltungen. Was die Bolschewiki auszeichnete: sie hatten ein klares Feindbild, einen gesunden Klassenhass und waren von einer ständigen Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft gegenüber dem alten, bürgerlich-zaristischen Staatsapparat wie besessen. Sowohl die Jakobiner in der französischen Revolution als auch die Bolschewiki in der russischen geben Beispiele ab für die positive Bedeutung des Fanatismus in der Geschichte, aus dem sich nicht nur für sie der politische Horizont erweiterte: es gibt unveräußerliche Menschenrechte und die produktiven Menschen, die durch ihrer Hände Arbeit das Volk am Leben halten, sind keine Menschen zweiter Klasse. Es zeigt den politischen Horizont Kerenskis an, dass er Russland für eine Republik hielt von dem Augenblick an, an dem Großfürst Michael darauf verzichtete, Nachfolger seines Bruders als Zar zu werden. So einfach vollzieht sich Geschichte nicht. Ein Verzicht auf die Monarchie durch ein Subjekt macht noch keine Republik aus. Diejenigen, die das Hauptquartier der zaristischen Geheimpolizei in Brand steckten, waren näher an der Republik als es Kerenski jemals war. Für diesen setzte sich die ‚Provisorische Regierung‘ aus ‚Vertretern des gehobenen Mittelstandes‘ zusammen, und Mitglieder des gehobenen Mittelstandes machen sich nicht mehr die Hände schmutzig. Der Rechtsanwalt aus dem gehobenen Mittelstand war in den Februartagen glücklich. „Ein Mensch, der einen schickshaften Wendepunkt der Weltgeschichte miterlebt, ist gesegnet, weil er die Möglichkeit hat, die Tiefen der Menschheitsgeschichte auszumessen, Zeuge der Zerstörung einer alten und des Entstehens einer neuen Welt zu werden“. XX a.a.O.,239 xx Kerenski hätte ungefähr 105 Jahre alt werden müssen, um noch die Perestroika und den Zerfall von Lenins Machtzenrum, das Platzen des revolutionären Herzens mitzuerleben, der und dem er sicherlich Beifall gespendet hätte. Er starb am 11. Juni 1970 im New Yorker Exil. Wäre er nicht für eine Sekunde in der Weltgeschichte der Gegenspieler Lenins gewesen, sein Name wäre heute so vergessen wie die Namen der anderen Minister der Privisorischen Regierung aus dem Jahr 1917 in Petrograd, Lenin hat ihn ‚in die Ewigkeit mitgenommen‘. Über die Vergänglichkeit des Ruhmes brauchte Kerenski im Exil, das über ein halbes Jahrhundert währte, jedenfalls nicht zu grübeln, während uns die Frage zu beantworten aufgegeben bleibt: War der Zusammenbruch der Sowjetunion nur ein Rückschritt oder etwas unheilbar zerbrochen Fundamentales ? Bei der Beantwortung dieser Frage bilden sich zwei Lager und das eine wünscht den Kommunismus seinem religiösen Weltbild gemäß für immer zum Teufel. Hat der Marxismus eine innere eschatologische Kraft, seine Krise durchzustehen, um gegen die widerwärtigen Zeitströmungen in der Gesetzmäßigkeit der Geschichte und der gesellschaftlichen Prozesse den Schlüssel in der Hand zu behalten, der das Tor zum Endschicksal der Menschheit dereinst aufschließt ? Die aus Sozialrevolutionären, Parteilosen und Menschewiki gegründeten Sowjets und die büsich noch nicht feindselig gegenüber und die Kommunisten sahen, dass ohne Zerstörung der Vertrauensseligkeit, ohne Entfachung eines gesunden Klassenhasses, nach Lenin „aller Weisheit Anfang“, die ganze Macht nicht den Sowjets zufallen konnte. Am heftigsten wurde im Kabinett und in den Räten über die Frage gestritten, ob die bürgerliche Regierung das Recht habe, Truppen aus der Hauptstadt zu verlegen ? Das wurde im Oktober eine sehr wichtige Frage, wie brisant, wurde am Beginn der Oktoberrevolution deutlich. Valentin Gitermann weist auf den Umstand hin, dass die Petrograder Bolschewiki in der Illegalität gelebt hatten und außerhalb konspirativer Kreise wenig bekannt waren. XXX Vergleiche Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band III, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,481 xx Tatsächlich war die politische Bedeutung der Bolschewiki beim Ausbruch der Februarrevolution marginal und damit lag eine Diktatur des Proletariats noch in weiter Ferne. Das bürgerliche Lager hatte eine 12jährige Dumaberatung des Zaren mit Unterbrechungen vorzuweisen, während Räte seit 1905 nicht mehr getagt hatten. Wie jede Bourgeoisie verstand es auch die russische, sich als Repräsentatntin der Nation auszugeben, besonders in einem rückständigen, politisch wenig aufgeklärtem Land. Die Duma galt ja neben den Sowjets als revolutionäre Errungenschaft von 1905. Die Forderung nach einer Diktatur des Proletariats wurde 1917 in Petrograd nur im Wyborger Stadtteil aufgestellt, dieser 170 000 Einwohner zählenden Hochburg der Bolschewiki, deren Sowjet sie bereits Ende Juni völlig unter Kontrolle hatten. In Wyborg wohnten viele klassenbewußte Arbeiter aus der Metallindustrie, von denen 5. 000 in Lenins Partei organisiert waren. In Wyborg wurde auch unter Anleitung von Nadeshda Krupskaja, die sich für den bewaffneten Aufstand ausgesprochen hatte, begonnen, in den Fabriken Räume einzurichten, um Analphabeten zu unterrichten. XXX Vergleiche Volker Hoffmann, Ich war Zeugin der größten Revolution in der Welt; Leben, Kampf und Werk der Frau und Weggefährtin Lenins, Verlag Neuer Weg, Essen, 2013,108 xx Bei Demonstrationen sah man Wyborger mit der Parole: „Das Recht auf Leben steht über dem Recht auf Privatbesitz“. Die Zeit arbeitete für die Bolschewiki, bereits am 16. Mai wurde im Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets mehrheitlich der Plan befürwortet, die gesamte Volkswirtschaft staatlicher Leitung zu unterwerfen. XXX Vergleiche Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band III, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,506 xx Zwischen Sozialisten und Bürgerlichen lag nach der Februarrevolution zunächst eine Pattsituation vor. Dieses ‚Patt‘ war natürlich für die Lösung sozialer Probleme und für eine energische Regierung, die laut Marx nach einer Revolution erste Pflicht war, nicht förderlich und man hatte die Bequemlichkeit, Probleme unter Berufung auf eine erst noch zu bildende ‚Konstituierende Nationalversammlung‘ vor sich herzuwälzen. Diese noch kommen sollende Nationalversammlung musste auch argumentativ herhalten, den Großgrundbesitz zu schützen, an dem die bäuerliche Untertanenhand nach Auffassung der Liberalen eigenmächtig nichts zu suchen hatte. Nicht der geschundene Gaul der Agrargeschichte hatte über die Bodenfrage zu entscheiden, sondern rechtskundige Advokaten mit ihren zarten Händen. So schlängelten sich die bürgerlichen Regierungen bis zum Oktober an der Wand der Macht entlang und für die kleinbürgerlichen Sozialisten war die ‚Diktatur des Proletariats‘ ein Fremdwort. Gitermann spricht richtig von einem Selbstverständnis der Sowjets als Interessenvertreter ohne Machtambitionen, nachdem ein halbherziger Versuch der embryonalen Sowjets, dem Duma-Komitee die Macht zu entreißen, am 27. Februar gescheitert war. Einen Tag später brach der Aufstand in Moskau los. XXX a.a.O.,480f. Xx Wenn es Anhaltspunkte für die Macht der Sowjets gab, so lagen sie in den Tatsachen, dass die in Verhaftungswellen festgenommen Schergen des Zarismus nicht dem Parlament, sondern den Sowjets übergeben wurden, dass die Sowjets die konterrevolutionäre Presse unterdrückte und stattdessen die ‚Iswetija‘ herausgaben Xx a.a.O.,481f. Xx In ihr stand der legendäre „Befehl Nr. 1“. Dieser Befehl ist für alle bürgerlich-imperialistischen Offiziere ein rotes Tuch, denn er zeigt deren menschenverachtende-feudalistische Fratze auf: Er beinhaltete, dass alle Komitees nur von unten zu wählen seien und dass den Parlamentsbefehlen nur zu gehorchen sei, wenn sie zu den Befehlen der Sowjets nicht im Widerspruch stünden, dass den Offizieren die Verfügung über die Waffen zu entziehen sei und dass nur im militärischen Sektor eine Grußplicht gegenüber den Offizieren bestehe. Gab es in der französischen Revolution ein Dekret, dass alle Franzosen untereinander Brüder seien und sich duzen sollten, so war es im militärischen Sektor in der Februarrevolution umgekehrt: die Offiziere sollten die sogenannten einfachen Soldaten nicht mehr duzen dürfen. Etwas ‚Kommunistisches‘ findet man in diesem „Befehl Nr. 1“ noch nicht, aber er steht in einer gut-humanistischen Tradition bürgerlicher Aufklärung. Überhaupt gibt es zwischen der klassischen bürgerlichen Revolution und der Oktoberrevolution eine gewissen Ähnlichkeit von Konturen an der Oberfläche als auch in der Tiefe, wenn auch beide Revolutionen in ihrem qualitativen Kern sogar entgegengesetzt sind. Eine Beispiel für eine oberflächliche Analogie: Sowohl Marie-Antoinette als auch die Zarin mussten sich aus der Gosse kommende Obszönitäten gefallen lassen. Und es ist bezeichnend, das sich die Girondisten mit Kerenski an der Spitze schützend vor die kriminelle Zarensippe stellten. Immer wird der Satz an Kerenski haften bleiben: „Niemals werde ich der Marat der russischen Revolution sein“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1889,260 xx Minimale Kenntnisse über den großen Jakobiner lagen bei Kerenski gewiss vor, so dass seine Äußerung die ganze Charakterlosigkeit eines Girondisten zeigt. Schon tiefer geht die Tatsache, dass es beiden Revolutionen eignet, dass der Lebensstandard nach dem Machtwechsel zunächst gesunken war und teilweise erheblich unter dem des ‚Ancien Regimes‘ lag. Wie alle Religionen irgendwie ein Paradies im Jenseits versprechen, so versprechen soziale Revolutionen eine Verbesserung der Lage der Massen, besonders der sozialen, im Diesseits. Mit der Verbesserung der sozialen Lage wachse der Atheismus, alle sozialen Revolutionen hätten einen Zug gegen die Religion und in der Tat müsste diese mit dem Aufkommen des Paradieses auf Erden schrumpfen. Je weniger sich die Massen ein Paradies im Himmel vorstellen müssen, desto weniger verstellt die Religion das Paradies auf Erden. Die Gegensätze der Paradiese schlagen ineinander um, und in der Beantwortung der Fragen des Abbé Sièyes: ‚Was ist der dritte Stand ?‘ Er sei nichts; und: ‚Was könnte er sein ?‘: Er könnte alles sein ! zeichnet sich der Umschlag ab, der das alles vertauschende Ideal der bürgerlichen Revolution beinhaltet. Nebenbei sei bemerkt, dass es in der klassischen französischen Revolution nur eine kurze, aber heftige Entchristaianisierungsbewegung gegeben hatte. Auch das Proletariat war zunächst – frei nach Sièyes – nichts. 1917 wurde eine vom dritten Stand und vom Adel in ihrer Gewichtigkeit völlig verkannte Partei Staatspartei, wodurch Russland und Deutschland im ‚Jahrhundert der Extreme‘ die Länder der Extreme wurden. Die Schlacht von Stalingrad wurde zur extremsten des 20. Jahrhunderts. Auch an Verschwörungstheorien hat es beiden Revolutionen nicht gefehlt, die bekannteste (Pseudo-)Theorie der französischen Revolution war die, sie als Folge einer Freimaurerverschwörung auszugeben, wie es der Jesuit Abbé Barruel getan hatte. Zu Phasen, in denen Volksmassen sich und die Verhältnisse wie eine Naturkraft umwälzen, können Verschwörungstheorien am allerwenigsten etwas zur Erklärung beitragen, in diesen Zeiten werden die Regierungsagenten auf ein ganz peripheres Gleis der Geschichte abgestellt. Geheimdienste können einer Volksrevolution gelegentlich das eine oder andere Bein stellen, generell aufhalten können sie sie nicht. Sie halten allenfalls her für Satanisierungen der Revolution, aber weder haben Satan noch Gott Einfluss auf die Geschichte. In der russischen Revolution war verschwörungstheoretisch federführend der abergläubige Kerenski, der, sekundiert von G. Katkow (Russia 1917, The February Revolution, London, 1966 – Die Februarrevolution war eine Agentenrevolution.) LITLI, Lenins Rückkehr nach Russland mit den Worten begleitete, er sei gekommen, „um bei der Durchführung der Pläne General Hoffmanns zu helfen“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,285. Siehe auch Seite 407, auf dieser gelingt ihm die Konjunction Ludendorff-Lenin und auf Seite 424 gar Lenin-Mussolini-Hitler, die er in einem Atemzug nennt. Von der historischen Bedeutung her genügt es, Kerenskis Sichtweise der politischen Dinge in eine Anmerkung zu packen: „Nach dem Sturz der Monarchie hatte Rußlands Kampf an der deutschen Front zu einer bizarren Verteilung der Kräfte geführt. Es gab nicht nur zwei einander feindlich gegenüberstehende Lager – Rußland und die Verbündeten versus Deutschland und Lenin -, sondern ein Dreiecksverhältnis: Rußland und die Provisorische Regierung, Kornilow und die Verbündeten Russlands, und Ludendorff und Lenin“ (a.a.O.,407). Eine fürwahr bizarre Konstellation, ich möchte vom spezifischen Dreieck Kerenskis reden. „Es war fast so“, fährt Kerenski fort, „als sei jemand in London und Paris hinter den Kulissen am Werke, um die Sache Ludendorffs und Lenins zu fördern und den Zusammenbruch einer Regierung herbeizuführen, die ihre ‚Verbündeten‘ auf dem Schlachtfeld unter unglaublich schwierigen Umständen fortgesetzt unterstützt hatte“. (a.a.O.,408). Kein Land hätte durch den Weltkrieg mehr gelitten als Russland, das im übrigen aber für Kerenski immer noch eine Großmacht darstellte. Es gab nach diesen Ausführungen nicht nur die Spaltung der Imperialisten in zwei Militärblöcke, sondern auch zumindest Risse unter den Alliierten, die durch diplomatisches Lächeln kaschiert wurden. Kerenski war insgesamt eine bejammernswerte Gestalt, die sich für die Seite der Imperialisten entschieden hatte und merken musste, dass auch diese sein Ideal („mein Russland“) zertraten. Im Licht linker Scheinwerfer war er ein ‚Söldling des britischen Kapitals‘ und ein ‚Bonaparte‘, im Licht rechter ein ‚Semi-Bolschewik‘ (Vergleiche a.a.O.,415).

Bereits in seiner ersten Rede auf dem Bauernkongress im Mai 1917, auf dem sich mehrheitlich Sozialrevolutionäre trafen, erklärte der neue Kriegsminister Kerenski, der Geschichte („Ich las viel über primitive Völker“) und Rechtswissenschaft studiert hatte, in der Armee wieder eine eiserne Disziplin herstellen zu wollen. Er verbot zunächst Meetings an der Front und ließ sich vom Exekutivkomitee des Arbeiter- und Soldatensowjets außerordentliche Vollmachten zur Unterdrückung bolschewistischer Umtriebe, zur strengen Disziplierung der Eisenbahner und zur Wiedererrichtung der Disziplin in der Armee geben. XXX Zur Problematik der Todesstrafe hat sich Lenin dezidiert im September 1917 geäußert: „Ich hatte bereits Gelegenheit, in der bolschewistischen Presse darauf hinzuweisen, daß als triftiges Argument gegen die Todesstrafe nur gelten kann, daß sie von den Ausbeutern im Interesse der Erhaltung der Ausbeutung gegen die Massen der Werktätigen angewandt wird. Ohne die Todesstrafe gegen die Ausbeuter (d.h. die Gutsbesitzer und Kapitalisten) wird eine wie immer geartete revolutionäre Regierung wohl kaum auskommen können“. (Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,351). ENDE DER ANM Eine ‚Deklaration der Rechte des Soldaten‘ wurde von den Kerenskianhängern ersonnen, die demokratische Errungenschaften der Februarrevolution, hier konkret den ‚Befehl Nr. 1‘ zurücknahm (zum Beispiel Wahl der Kommandeure) und Befehlsverweigerern auf Drängen auch des Sozialrevolutionärs Sawinkow wieder mit der Todesstrafe bedrohte. Vergatterung und Bindung der Soldaten zu einer geschlossenen Armee machten deutlich, dass eine Agrarumwälzung nicht auf dem Tagesplan der Provisorischen Regierung stand, denn diese Umwälzung hätte unweigerlich zur Auflösung der noch immer von zaristischen Generalen kommandierten Armee geführt. Ende Februar 1917 konnte man von dem Rechtsanwalt Kerenski noch ganz andere Töne vernehmen. Um sich bei den Soldatenmassen beliebt zu machen, rief er aus, dass das russische Volk von Eroberungen nichts wissen wolle. Deshalb konnte die Bourgeoisie den „Sozialisten“ Kerenski gut gebrauchen, er entpuppte sich aber bald als ein Kriegshetzer, der auch vor der Todesstrafe für Deserteure nicht zurückschreckte. In seinen Memoiren tat er andersherum, er bezeichnete dort die Abschaffung der Todesstrafe als eines der heiligsten Ziele der russischen Befreiungsbewegungen. XX Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,122 xx Es ist an dieser Stelle zu Kerenski nur so viel zu bemerken, dass er sich in seinen Memoiren mit Jesus Christus vergleicht und meinte vor der Lesewelt ausbreiten zu müssen, dass er sich in Analogie zum Opferjesus in der Religion auf dem Feld der Politik für das russische Volk aufgeopfert habe. So wohl auch in der ersten Duma, die für ihn „Herz und Seele Rußlands“ verkörperte. Das ist ziemlich dick aufgetragen, das liest und hört man ganz ganz selten über ein bürgerliches Parlament, zumal nach der Verfassung des russischen Reiches die Außenpolitik ausschließliche Angelegenheit des Zaren war, dem zudem Heer und Flotte direkt unterstanden. Das Wahlrecht der Semstwo (Landschaft) war ein großer Volksbetrug. Basierend auf ein Kurienwahlrecht von 1890, das bis zum ersten Weltkrieg nicht gelöscht worden war, konnte die große Masse der Bauern nie mehr als zehn Prozent der Sitze erhalten, während dem Schmarotzerauswurf der Landadeligen immer die Mehrheit gesichert war. Schon allein wegen dieser Verhöhnung des Volkes konnte der Zar aus der Revolution nicht straffrei hervorgehen.

Der Sekretär der Sozialistischen Partei der Schweiz, Robert Grimm, der die Möglichkeit eines Separatfriedens zwischen Deutschland und Russland ermitteln wollte, wurde von Kerenski des Landes verwiesen. Ein Staatssicherheitsgesetz für „Ruhe im Staate“ war von Minister Perewersew in Planung gegeben worden. Miljukow warf die Frage auf, warum Lenin und Trotzki noch frei spazieren konnten ? Derselbe Miljukow, der vor der Revolution noch erklärt hatte, wenn der Weg zum Sieg über die Revolution führe, dann sei er gegen den Sieg.

 

Zur Rolle Kerenskis in der russischen Februarrevolution 1917

26. Januar 2017

Die Februarrevolution, die sich nach westlichem Kalender im März vollzog, begann unter dem Schatten des Weltkrieges, der für Russland erhebliche militärische Niderlagen und von allen kriegführenden Ländern die größten Erschütterungen brachte, durch Streiks von Textilarbeiterinnen, Müttern und Hausfrauen, also von den am meisten Ausgebeuteten, im Petrograder Stadtteil Wyborg. Am nächsten Tag entbrannte der Protest auch in andern Stadtteilen. 1917 verdienten die Frauen nur halb so viel wie die Männer. Diese Arbeiterinnen initiierten alles und schickten Delegationen zu den schlagkräftigen Metallarbeitern, die sich überzeugen ließen. So kam die Lawine von unten in Gang. Auslöser der Februarunruhen war die Brotknappheit, Ende 1916 waren die Preise sprunghaft angestiegen, während die Warenmenge abnahm, ab dem 16. Januar wurden in Petrograd Brotkarten ausgegeben, einige Plünderungen waren bereits zu verzeichnen. Die „einfachen“ Soldaten der Petrograder Garnison weigerten sich, gegen die Demonstrationen vorzugehen und gingen eher auf Polizisten los, die auf Arbeiter schossen. Den Polizisten wurden die Waffen abgenommen, damit die Arbeiter sich bewaffnen konnten. In Petrograd hatte sich durch die Lebensmittelunruhen, die es zeitgleich auch in Berlin und anderen deutschen Städten gab, ein Dumakomitee, das sich aus Angst vor zaristischen Repressalien als „rein privat“ bezeichnete, herausgebildet und Keimformen eines Sowjets, in Moskau ein Volkskomitee, dem sich die Moskauer Garnison unterstellte, ebenfalls mit Keimformen einer Gegenmacht. In Petrograd setzte sich das Exekitivkomitee des Sowjets aus sechs Menschewiken, zwei Sozialrevolutionären, zwei Bolschewiken und fünf Parteilosen zusammen. Zugleich rang sich die liberale Bourgeoisie, fern vom Pulvergeruch der Revolution, zu einem „Provisorischen Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“ durch, aus dem sich die sogennante ‚Provisorische Regierung‘ bildete, deren Ministerkabinette bis zum Machtantitt der Bolschewiki insgesamt sechsmal wechselten. Kerenski übernahm im Juli 1917 den Vorsitz der ‚Provisorischen Regierung‘ als Ministerpräsident, zusätzlich zu seinen bereits bestehenden Ämtern eines Kriegs- und Marineministers. Auch er packte das heißeste Eisen, die Beendigung des imperialistischen Krieges, nicht an, im Gegenteil er forcierte eine militärische Offensive gegen das deutsche Heer, das in einem Desaster endete und nicht unerheblich zum Sieg der Bolschewiki im Oktober beitrug. Während die französische Revolution bereits 1789 gleich zu Beginn eine Konstituante hatte, wurde deren Einberufung in Russland von der ‚Provisorischen Regierung‘ immer wieder hinausgeschoben.

Kerenski kam die Aufgabe zu, für die bürgerliche Regierung der rote Köder zu sein, auf den die sozialistisch orientierten Arbeiter, Arbeiterinnen und Soldaten Petrograds hereinfallen sollten. Sowohl der deutsche Sozialdemokrat Friedrich Ebert als auch der russische Sozialrevolutionär Kerenski, der mit Robespierre nur den Beruf und ein rhetorisches Geschick gemeinsam hatte, waren im Grunde ihres Herzens Monarchisten, Kerenski selbst gibt uns in seinen Memoiren preis, dass er bei der Nachricht, Zar Alexander der III. sei verstorben (am ersten November 1894) ganz bitterlich zu weinen angefangen habe. Da war Kerenski bereits dreizehn Jahre alt, wenn man bedenkt, dass Lenin bereits im Alter von vierzehn Jahren sein Taufkreuz in den Mülleimer warf.  Es passte zu Kerenski, dass er den deutschen Vaterlandssozialdemokraten Friedrich Ebert, seit 1913 so verhängnisvoll Vorsitzender der SPD, als Ideal eines Staatsmannes hinstellte. (Friedrich Ebert, ein ehemaliger Sattler, war von 1919 bis zu seinem Tod am 28. Februar 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik). In Kerenskis Memoiren liegt die klare Aussage vor, und wir sind Kerenski für seine Offenheit dankbar, dass er sich vom Marxismus abgestoßen gefühlt habe und die christliche Ethik überzeugend finde (Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989, a.a.O.,42 und 52). Im Einklang zu bringen mit dieser Ethik war wohl auch sein Kriegsplan für den ersten Weltkrieg, den er auf die Versöhnung zwischen dem Zaren und dem Volk stützte (Vergleiche a.a.O.,151). In seinen Memoiren entlarvt sich Kerenski mehrmals als Girondist, um neben der Befürwortung eines föderalistischen Bundesstaates („Marx war Zentralist“ / Lenin) und neben der Kriegsbereitschaft auf ein weiteres Beispiel zu verweisen: Er schreibt, „unter keinen Umständen dürfe die Menge selbst das Gesetz in die Hand nehmen“. Darin kommt schon eine Ablehnung des Rätegedankens zum Vorschein, denn nach diesem bestimmt die Menge selbst den Termin der Wahlen und die Kandidaten, bestimmt die Menge die Offiziere, Richter und alle anderen Beamten per Wahl. Für die Jakobiner nimmt gerade die Menge selbst das Gesetz in die Hand und es gibt in Revolutionen Perioden, in denen die Menge bestimmt, dass jetzt kein Gesetz gelte, diese Perioden fürchten Kerenski und die Reaktionäre am meisten. In Petrograd, wie Sankt Petersburg seit dem 14. Augsut 1918 hieß, hatten die Jakobiner zum Beispiel wie es sich gehört, das Hauptquartier der folternden Geheimpolizei, die Polizeistationen und die Gerichtsgebäude in Brand gesteckt, sie taten gut daran, denn wie verdorben müssen Menschen sein, die sich unter reaktionären Regimes der Exekutive anbiedern ? „Überhaupt“, schreibt Kerenski, „besuchte ich die Zusammenkünfte des Sowjets und seine Exekutivkomitees nur selten“  (a.a.O.,221).  Eben, eben, da ist ja die Menge ! Der Pöbel ! In seinen Memoiren erklärt er seinen Schritt, Justizminister im ersten Februarkabinett zu werden damit, dass er sich Sorgen mache um die gefangenen zaristischen Minister. „Wenn irgendein Minister des ‚Fortschrittlichen Blocks‘ sie wirksam vor der Wut der Massen schützen und so die Revolution frei von Blutvergießen halten konnte, dann war ich es“.  (a.a.O.,229). 

Leider muss  Kerenski hier vorgeführt werden: „Ganz allgemein unternahm die Provisorische Regierung alles nur Erdenkliche, um die organisierte Arbeiterschaft zu einer dem industriellen Management gleichwertigen Kraft zu erheben“.  (a.a.O.,247). Das ist köstlich, man stelle sich das vor: Die Regierung erhebt die Arbeiterklasse auf Augenhöhe zu den Kapitalisten. Das ist eine Perle ! Ein Musterbeispiel für parlamentarischen Kretinismus. Das ist Lichtjahre von der Diktatur der organisierten Arbeiterschaft entfernt. Regierungen des gehobenen Mittelstandes mit einem Tribun an der Spitze können nicht das Menschenrecht für die Arbeiterklasse erkämpfen, Friedrich Engels erkannte bereits während seines ersten Manchesteraufenthaltes 1842 bis 1844, dass sich die Arbeiterklasse nur selbst befreien kann und so heißt es dann auch in der ‚Internationalen‘: Aus unserem Elend können wir uns nur selbst befreien. Aber noch musste die ‚Internationale‘ warten, die Stimmung war noch mehr nach der ‚Marseillaise‘. Ende Februar war der bürgerliche und der sowjetische Block, in dem nur sehr wenig Kommunisten waren, zu einem ‚Agreement des Nebeneinander‘ gekommen, ein harter Klassenkampf zeichnete sich ab, war aber noch nicht akut und ließ Platz für den Gedanken einer friedlichen Revolution. „Wir hielten es für dringend notwendig“, schrieb Kerenski, „den Eindruck auszulöschen, die Kräfte der Revolution seien in zwei Lager gespalten, in ein ‚revolutionäres‘ und in ein ‚bourgeoises’“. (a.a.O.,253). Der Girondist Kerenski befürchtete lediglich, dass die Sowjets sich selbst zur höchsten Autorität Russlands erklären könnten, was sie während seiner Amtszeit bekanntlich nicht taten, aber durchaus hätten tun können, erst die Bolschewiki taten dies durch die Oktoberrevolution.

In der russischen Revolution sind die Sowjets von sich aus nicht machtaktiv geworden, waren sie immer nur ein Spielball im Machtkampf zwischen den Weißen und den Roten ? Die Sowjets als auch die Februarregierung hatten sich spontan aus der Februarrevolution ergeben, beiden fehlte die Legitimation durch Wahlen, das gilt besonders für die offizielle Regierung. Diese Dumaregierung hatte keinesfalls eine demokratische Legitimation, die sich aus allgemeinen, direkten und freien Wahlen herleiten konnte, sie hatte das Volk um seine Revolution betrogen, konnte sich aber als oberste Macht halten, weil die Sowjets nichts gegen sie unternahmen, jedenfalls nichts Revolutionäres. Und aus dieser Machtanmaßung heraus beklagte sich Kerenski noch darüber, dass sich die führenden Repräsentanten der Sowjets nicht mit vernünftiger Kritik begnügten, „sondern versuchten, sich aktiv in die Politik einzuschalten“. (a.a.O.,256).  Diese vollksfeindliche Äußerung darf selbst einem Ministerpräsidenten nicht zukommen, der aus Volkswahlen Regierungsaoberhaupt geworden wäre, denn natürlich haben die Massen, die durch die Sowjets repräsentiert wurden, jederzeit das Recht, sich aktiv in die Politik einzuschalten, dies um so mehr, als die Kerenskis nur die Gunst der revolutionären Stunde ausgenutzt hatten, um sich als Staatsmacht zu proklamieren.

Frohe und gesegnete Weihnachten 2017 !

16. Januar 2017

Weltweit feiern die  Werktätigen am 1. Mai den Kampftag der Arbeiterklasse. Am 5. Mai hat Karl Marx Geburtstag , der Mann, dem die Arbeiterklasse die Einsicht in die Bedingungen sowohl der kapitalistischen Ausbeutung als ihrer Überwindung verdankt. Ich unterbreite daher den Vorschlag: weltweit die Zeit vom 1. bis 5. Mai bei vollem Lohnausgleich als arbeitsfreie Kampfwoche einzuführen.

Der Kalender der Arbeiterklasse ist heute in Europa weitgehend „christlich-abendländisch“ geprägt: Ostern, Pfingsten, Christi Himmelfahrt, das Christkindl und allerlei weiterer mittelalterlicher Spuk … In Berlin haben perverse Spießbürger Buden auf einem sogenannten Weihnachtsmarkt aufgebaut, der Fusel macht dort seine Runde, und man muss sich doch die Frage vorlegen: Wie infantil können erwachsene Menschen nur sein ? Was für eine erhebliche Reifeverzögerung muss vorliegen, um sich von solch einer perversen mittelalterlichen Scheiße angezogen zu fühlen ? Ihr ideologischer Ausgangspunkt  ist die Geburt eines Kindes, die ohne vorherige wechselseitige Benutzung von Geschlechtsorganen zustande gekommen sein soll.Und wie verantwortungslos handeln Eltern, die ihre Kinder gegen eine wissenschaftliche Lebensgestaltung ausrichten.

Durch das LKW-Attentat witterten sowohl der islamische Mullah als auch der christliche Pfaffe ihre Chance: Einen Tag später zelebrierten sie gemeinsam eine gespenstische Orgie in der neuen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die zum Himmel stank und in der viele Mitglieder der sogenannten politischen Elite der BRD ihren Infantilismus zur Schau stellen konnten. Die christlichen Massenmedien, die von morgens bis abends lügen, stellen die Sache so dar, als sei Irrationalismus nur auf Seiten des IS vorhanden. Schon vergessen, dass es in Paraguay einen JS, einen Jesuitenstaat gab, der die Guarani-Indianer auf sogenannten Reduktionen bis aufs Blut ausbeutete ? Nicht präsent, dass die Kirchen in der BRD zu den reichsten der Welt gehören ?   Wer hat ihren Reichtum erarbeitet ?

Zerschlagen wir diese ganze Verdummungsorgie der herrschenden Kapitalistenklasse, die ohne religiösen Fusel nicht auskommt, dies um so mehr, als immer mehr die Verbrechen der klerikalen Kinderschänder aus den mittelalterlichen Folterschulen und Dunkelkammern ans Tageslicht kommen. Die bürgerlichen Massenmedien vertuschen hier, dass es sich vor allem um Söhne und Töchter der Arbeiterklasse handelt, an denen der parasitäre Klerus seine Perversionen auslässt. Die Bestrafung dieser klerikalen Dunkelmänner kann die Arbeiterklasse denn auch keineswegs einer Handvoll selbst mit dem ‚Rauschgift Religion‘ vollgepumpter bürgerlicher Staatsanwälte überlassen. Wir dürfen nicht übersehen, dass in den meisten bundesrepublikanischen Gerichtssälen das christliche Kreuz noch immer angebracht ist, das dort gar nichts zu suchen hat. Écrasez l‘ Infame ! (Zertrümmert die Infame !) Das war der Schlachtruf der Aufklärung, die Voltaire dieser gegeben hatte. In diesem Sinne: Frohe und gesegnete Weihnachten !

Die Oktoberrevolution 1917 – Einfaches und Komplexes durchdringen sich und die Gegenwart herrscht über die Vergangenheit

13. Januar 2017

In theoretischer Hinsicht bereitete sich Lenin mit der Inangriffnahme der Fundamentalschrift ‚Staat und Revolution‘ auf die Oktoberrevolution vor. Er gab ihr den Untertitel „Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution“. Obwohl Lenin erwartungsvoll in die Zukunft blickte, da die Oktoberrevolution bereits an den Bauch der Weltgeschichte pochte, befasste er sich, verblüffend genug, mit einer Rückbesinnung auf fundamentale Texte aus dem vorherigen Jahrhundert, ging es ihm um die Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre vom Staat. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,397).  Lenin bereitete sich auf eine Revolution durch eine Rückbesinnung auf Klassikertexte vor – ein merkwürdiger Spagat, ohne den aber kein gewichtiger Prozessumfang der Revolution erarbeitet werden kann, der sich auch aus der Verbindung zur Vergangenheit bildet.

Hegel hatte erarbeitet, dass der Geschichtsprozess durch ständiges Aufheben seiner selbst sich bewegt. Zeit und Geschichte sind negativ gegen sich selbst. Der Weltprozess ist die Totalnegativität seiner selbst, aber nicht als nichtiger. Er selbst hat eine substantielle Schwere wie denn die Werke der Klassiker, das Gold der arbeitenden Menschheit, rein revolutionschronologisch, nicht inhaltlich  auch der Vergangenheit angehören. Lenin ging auf das ‚Kommunistische Manifest‘, auf die ‚Pariser Commune‘ zurück, um Maßstäbe zu entwickeln, die in zukünftigen Klassenschlachten heranzuziehen sind zur Aburteilung von Abweichungen von der Lehre des Marxismus vom Staat. Das erste Friedensdekret der Bolschewiki richtete sich insbesondere an die klassenbewussten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit: England, Frankreich und Deutschland wendet. Auf sie sei das Vertrauen zu lenken, denn sie hätten durch die Chartistenbewegung, durch weltgeschichtliche Revolutionen in Frankreich und durch die Schaffung von disziplinierten Massenorganisationen in Deutschland dem Fortschritt des Sozialismus größte Dienst erwiesen. Alle drei Quellen des Marxismus liegen selbstredend in der Vergangenheit. Ja eine kommunistische Revolution geht weiter zurück, als man gemeinhin meint, sie geht auf die kommunistische Urgesellschaft zurück, die zugleich absolute Zukunft in skizzenhafter Form ist. Der historische Materialismus hat das Studium der Geschichte zu einer Lebensaufgabe gemacht, es darf vom kommunistischen Revolutionär erwartet werden, gerade in dieser Disziplin bewanderter zu sein als die Koryphäen des Spießbürgertums.

In einer kommunistischen Revolution wirft sich Weltgeschichte in ihrer Totalität aus wie sie denn intendiert, Geschichte in Weltgeschichte zu verwandeln. (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin , 1960,36). Diese Bahn hat die industrielle Revolution eröffnet. Während Malthus in der durch diese bewirkten Bevölkerungsexplosion das Ende der Christenheit sah, erblickte Marx durch eine Kettenabfolge von industriellen Revolutionen in Verbindung mit der proletarischen Revolution eine von Politik befreite Menschheit. Es gehört zur Tragik des deutschen Volkes, das nach dem 30jährigen Religionskrieg völlig am Boden lag, ein Volk ohne geschichtliche Praxis geworden war, ein leidendes, passives Volk, dass es nicht weltgeschichtlich Weltgeschichte bewirkt hat, sondern borniert-national, rassistisch, kleinbürgerlich-spießerhaft. Die weltgeschichtliche Einlösung geschah provinziell. Durch die Abschlagung der Stalin-Note blieb Deutschland ein Spielball fremder Mächte

In der Theorie der Evolution verliert die Vergangenheit an Dignität, je weiter der Progress in seiner Eindimensionalität voranschreitet. Geht die Entwicklung lediglich von einfachen über zu immer komplexeren Formen, so bleibt das Einfache in einer grauen Vorzeit liegen. In der sich dialektisch ausspreizenden Spirale der Weltentwicklung dagegen entwickelt sich das Einfache mit und es kommt vor, das gerade durch das Einfache tiefe wissenschaftliche Erkenntnisse inspiriert werden. So war es mit der Erkenntnis, dass der moderne Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt. Die Theorie des bloßen Klassenkampfes stammt keineswegs von Marx ab. Engels weist uns darauf hin, das gerade durch eine Vereinfachung der Zusammenhänge eine qualitativer Sprung in der menschlichen Erkenntnisfähigkeit erfolgte, so dass die hintergründigen Triebkräfte der vordergründigen Triebkräfte der Geschichte gefunden werden konnten. „Während aber in allen früheren Perioden die Erforschung dieser treibenden Ursachen der Geschichte fast unmöglich war – wegen der verwickelten und verdeckten Zusammenhänge mit ihren Wirkungen -, hat unsre gegenwärtige Periode diese Zusammenhänge so weit vereinfacht, daß das Rätsel gelöst werden konnte“. 3. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,298f.). Die heutige Klassenspaltung der Gesellschaft in zwei große Lager führte zur Einsicht in die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats. Deren Hauptaufgabe ist die Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die den entscheidenden Maßstab abgibt, um die Echtheit einer proletarischen Revolution zu prüfen. Lenins Oktoberrevolution bestand diese Prüfung. Es zeigte sich, dass Lenin sich mit der grauen Theorie der Klassiker beschäftigen musste, um durch das russische Proletariat und seinen Verbündeten einen gesellschaftlichen Zustand herbeizuführen, in dem die Gegenwart über die Vergangenheit herrscht.

Der Arbeiterklasse wird weisgemacht, der Mensch könne die immer komplexeren Formen sowohl der technischen als auch der staatlichen Entwicklungen nur bedingt beherrschen, nicht in der Form der Commune total. Lenin verweist auf westeuropäische und russische Philister, die „mit ein paar bei Spencer oder Michailowski entlehnten Phrasen … auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen u. dgl. m.“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,401) hinweisen. Das sind meistens Intellektuelle, die sich mit ihrer Sprache nicht mehr dem Volk verständlich machen können und also gescheitert sind.

Dass sich das Einfache und Komplexe in der Natur und in der Geschichte durchdringen, möchte ich in kurzen Skizzen präsentieren: Nur der Urkommunismus als erste gesellschaftliche Daseinsform einer ökonomischen Gesellschaftsformation überhaupt ist bereits Kommunismus, alle späteren verweisen  nicht auf ihn. In der Philosophie Hegels ist die rudimentärste Erkenntnisstufe, die sinnliche Gewißheit, bereits das unmittelbare, absolute Wissen. Die Ursache des Kindbettfiebers blieb lange im Dunkeln, bis der Gynäkologe Ignaz Semmelweis gegen den erbitterten Widerstand seiner Kollegen auf die Notwendigkeit des einfachen Händewaschens mit Chlorkalk vor geburtshilflichen Untersuchungen hinwies. Der junge Marx schreibt 1844 in den Pariser Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, einen Gedanken von Moses Heß aufgreifend, das Eigentum habe aus dem Hilfszeitwort ‚haben‘ ein Hauptwort gemacht, dass das Privateigentum uns dumm und einseitig gemacht habe, der Sinn des Habens dominiere alle anderen Sinne, es liege im Kapitalismus die einfache Entfremdung aller anderen Sinne vor (Vergleiche Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahr 1844, MEW Ergänzungsband Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,540 und Anmerkung 117, Seite 674). In den  Anti- Dühring von Engels floss von Karl Marx der Abschnitt ‚Aus der Kritischen Geschichte‘, in dem er über Quesnays physiokratisches Tableau schrieb, es sei ebenso genial wie einfach. (Vergleiche Friedrich Engels, Anti-Dühring, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,236). Engels schrieb über die Materialisten vor Marx, dass sie den Zusammenhang zwischen Bewegung und Materie nicht erfassen konnten, obwohl die Lösung „einfach genug“ war: „Die Bewegung ist die Daseinsweise der Materie“ (a.a.O.,55). Im Anti-Dühring bezeichnet Engels das dialektische Denken als die höchste Form des menschlichen Denkens, zugleich sei es einfach und allgemeingültig (a.a.O.,19 und 11). Im Kommunismus werden die Produzenten alles sehr einfach abmachen, schrieb Engels in der gleichen Schrift, ohne Dazwischenkunft des vielberühmten Werts. (Vergleiche a.a.O.,289).  Lenin lehrte seinen Bolschewiken, dass im Sozialismus unvermeidlich vieles von der primitiven Demokratie wieder aufleben wird. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,503). Dagegen kommt in Kautskys antibolschewistischer Schrift „Kommunismus und Terrorismus“ aus dem Jahr 1919 ein adialektisches Denken zum Vorschein, wenn er die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nur als sich immer komplizierter steigernd auslegt. Erinnert sei auch an die Aussage von Brecht, dass der Kommunismus das Einfache sei, das schwer zu machen ist. Wer Komplexes und Einfaches abstrakt trennt, sagt aus, dass das „einfache“ Volk zu dumm zur Demokratie sei.

Die heutige Klassenspaltung der Gesellschaft in zwei große Lager führte zur Einsicht in die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats. Deren Hauptaufgabe ist die Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die den entscheidenden Maßstab abgibt, um die Echtheit einer proletarischen Revolution zu eruieren. Lenins Oktoberrevolution bestand diese Prüfung. Es zeigte sich, dass Lenin sich mit der grauen Theorie der Klassiker beschäftigen musste, um durch das russische Proletariat und seinen Verbündeten einen gesellschaftlichen Zustand herbeizuführen, in dem die Gegenwart über die Vergangenheit herrscht. Ausschlaggebend ist dabei, dass die Weltgeschichte die Erzeugung des Menschen durch menschliche Arbeit ist und dass sich die bisherigen Erzeugungsweisen durch eine proletarische Revolution umkehren müssen. „In der bürgerlichen Gesellschaft ist die lebendige Arbeit nur ein Mittel, die aufgehäufte Arbeit zu vermehren. In der kommunistischen Gesellschaft ist die aufgehäufte Arbeit nur ein Mittel, um den Lebensprozes der Arbeiter zu erweitern, zu bereichern, zu befördern. In der bürgerlichen Gesellschaft herrscht also die Vergangenheit über die Gegenwart, in der kommunistischen die Gegenwart über die Vergangenheit“. (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,476).  Und diese Umkehrung, die zur Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit führt, wurde in der Oktoberrevolution unternommen. Durch sie wurden auch die schaffenden Menschen als Menschen anerkannt. „In der bürgerlichen Gesellschaft ist das Kapital selbständig und persönlich, während das tätige Individuum unselbständig und unpersönlich ist“.  (a.a.O.).

Das 20. Jahrhundert endete düster

12. Januar 2017

Das 20. Jahrhundert ist ganz eigentlich das Jahrhundert der Revolutionen und Konterrevolutionen: Aus historischer Sicht wären die idealen Lebensdaten im 20. Jahrhundert: 1905 geboren worden zu sein und zu leben, sagen wir, bis 1995. In diesen 90 Jahren hätte ein europäischer Mensch, wenn er denn zu den Überlebenden zählte, folgende Globalereignisse mit Bewußtsein registrieren und miterleben können: Den ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution, den Aufstieg Stalins und Hitlers, den zweiten Weltkrieg, den kalten Krieg und den Aufstieg Maos, endlich seine Kulturrevolution und schließlich als Letztes den Zerfall des real existierenden Ostblocks. Wir müssen nur bewusst leben, um bemerken zu können, dass sich eigentlich in jeder Sekunde unseres Lebens eine Totalität von Weltgeschichte konzentriert wie in einem Tropfen Wasser das ganze Universum.

Die Wurzeln von 1917 reichen politisch und geschichtlich zurück in die die Aufstandsbemühungen des ‚Bundes der Gleichheit‘ unter Babeuf. Der Bund repräsentierte den sogenannten vierten Stand der Lohnarbeiter und Handwerker, die 1789 in der bürgerlichen Revolution zu kurz gekommen waren. Ideologisch reichen die Wurzeln zurück bis in die die Frühschriften von Marx und besonders in die geniale ökonomische Skizze des jungen Friedrich Engels ‚Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie‘ aus dem Jahr 1844. Alle genannten Ereignisse interessieren uns heute noch so, als gehörten sie nicht zur neueren Geschichte, sondern zur Gegenwart. Kein Mensch kann heute ihre Auswirkungen in die Zukunft bemessen.

In dieser konzentrierten Fülle der Ereignisse im 20. Jahrhundert halten positive und negative Züge nicht das Gleichgewicht, die Perestroika, die die Weltgeschichte auf Richelieu (als Figur des prärevolutionären Zustandes) zurückgeworfen hat, hat den zukünftigen Weg der Menschheit in eine Dunkelheit getaucht, die keine verlässlichen Konturen mehr zuzulassen scheint. Demnach wäre der Zerfall des aus der Oktoberrevolution geborenen Staatsgebildes das epochemachende Ereignis des 20. Jahrhunderts, nicht der zweite Weltkrieg, der die Hölle selbst war, und nicht die Wirbel des Jahres 1917 selbst. Das 21. Jahrhundert hat ein ganz schweres Erbe angetreten und die politische Entwicklung zu seinem Beginn hat die Menschheit vehement unter den Schatten einer terroristischen Geschichtsauffassung gebannt. Es scheint sich nichts zum Besseren zu entwickeln und es bleibt auch nicht so wie es ist.

Eine Schlüsselfigur für das Ende des 20. Jahrhunderts wurde der wackelige Greis Chomeni, der ausgerechnet aus Paris kommend in das Vakkum stieß, das durch die Auflösung einer bipolaren Welt entstanden war. Er prägte einen Steinzeitislam, der sich auf eine Weltmission begab und den Maoismus als weltrevolutionäres Potential verdrängte. Chomeni personifizierte wie kein anderer, dass die grosse rote Flutwelle, die aus der Oktoberrevolution entsprang, sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts verbraucht hatte. Das Schiff der Weltrevolution war auf der Sandbank der Endlichkeit, auf einem muslimischen Gebetsteppich gestrandet.

 Kein Jahrhundert der Weltgeschichte hat so erwartungsvoll begonnen (der Sieg des kleinen gelben Japans 1905 über das große weite und weiße Russland des Zaren / die drei russischen Revolutionen) und kein Jahrhundert endete so kläglich, mit so düsteren Aussichten für das nächste. Kriege, Terror und Gewalt stehen heute auf der Tagesordnung und Freund-Feind-Konstellationen beherrschen den ganzen Erdball. Wie schon vor der Oktoberrevolution verzeichnen wir heute wieder mehr reaktionäre als revolutionäre Kriege. Soll der Gaul der Geschichte auf ewig hinken, zieht der Mensch eine gebückte Haltung einem aufrechten Gang vor ?

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12. Januar 2017

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Das 20. Jahrhundert endete düster

11. Januar 2017

Das 20. Jahrhundert ist ganz eigentlich das Jahrhundert der Revolutionen und Konterrevolutionen: Aus historischer Sicht wären die idealen Lebensdaten im 20. Jahrhundert: 1905 geboren worden zu sein und zu leben, sagen wir, bis 1995. In diesen 90 Jahren hätte ein europäischer Mensch, wenn er denn zu den Überlebenden zählte, folgende Globalereignisse mit Bewußtsein registrieren und miterleben können: Den ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution, den Aufstieg Stalins und Hitlers, den zweiten Weltkrieg, den kalten Krieg und den Aufstieg Maos, endlich seine Kulturrevolution und schließlich als Letztes den Zerfall des real existierenden Ostblocks. Wir müssen nur bewusst leben, um bemerken zu können, dass sich eigentlich in jeder Sekunde unseres Lebens eine Totalität von Weltgeschichte konzentriert wie in einem Tropfen Wasser das ganze Universum.

Die Wurzeln von 1917 reichen politisch und geschichtlich zurück in die die Aufstandsbemühungen des ‚Bundes der Gleichheit‘ unter Babeuf. Der Bund repräsentierte den sogenannten vierten Stand der Lohnarbeiter und Handwerker, die 1789 in der bürgerlichen Revolution zu kurz gekommen waren. Ideologisch reichen die Wurzeln zurück bis in  die Frühschriften von Marx und besonders in die geniale ökonomische Skizze des jungen Friedrich Engels ‚Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie‘ aus dem Jahr 1844 und in das Schaffen von Tschernyschewski, durch dessen Lektüre der junge Lenin nach eigenen Worten „ganz und gar umgepflügt“ worden war. Alle genannten Ereignisse interessieren uns heute noch so, als gehörten sie nicht zur neueren Geschichte, sondern zur Gegenwart. Kein Mensch kann heute ihre Auswirkungen in die Zukunft bemessen.

In dieser konzentrierten Fülle der Ereignisse im 20. Jahrhundert halten positive und negative Züge nicht das Gleichgewicht, die Perestroika, die die Weltgeschichte auf Richelieu (als Figur des prärevolutionären Zustandes) zurückgeworfen hat, hat den zukünftigen Weg der Menschheit in eine Dunkelheit getaucht, die keine verlässlichen Konturen mehr zuzulassen scheint. Demnach wäre der Zerfall des aus der Oktoberrevolution geborenen Staatsgebildes das epochemachende Ereignis des 20. Jahrhunderts, nicht der zweite Weltkrieg, der die Hölle selbst war, und nicht die Wirbel des Jahres 1917 selbst. Das 21. Jahrhundert hat ein ganz schweres Erbe angetreten und die politische Entwicklung zu seinem Beginn hat die Menschheit vehement unter den Schatten einer terroristischen Geschichtsauffassung gebannt. Es scheint sich nichts zum Besseren zu entwickeln und es bleibt auch nicht so wie es ist.

Eine Schlüsselfigur für das Ende des 20. Jahrhunderts wurde der wackelige Greis Chomeni, der ausgerechnet aus Paris kommend in das Vakkum stieß, das durch die Auflösung einer bipolaren Welt entstanden war. Er prägte einen Steinzeitislam, der sich auf eine Weltmission begab und den Maoismus als weltrevolutionäres Potential verdrängte. Chomeni personifizierte wie kein anderer, dass die grosse rote Flutwelle, die aus der Oktoberrevolution entsprang, sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts verbraucht hatte. Das Schiff der Weltrevolution war auf der Sandbank der Endlichkeit gestrandet.

 Kein Jahrhundert der Weltgeschichte hat so erwartungsvoll begonnen (der Sieg des kleinen gelben Japans 1905 über das große weite und weiße Russland des Zaren / die drei russischen Revolutionen) und kein Jahrhundert endete so kläglich, mit so düsteren Aussichten für das nächste. Kriege, Terror und Gewalt stehen heute auf der Tagesordnung und Freund-Feind-Konstellationen beherrschen den ganzen Erdball. Wie schon vor der Oktoberrevolution verzeichnen wir heute wieder mehr reaktionäre als revolutionäre Kriege. Soll der Gaul der Geschichte auf ewig hinken, zieht der Mensch eine gebückte Haltung einem aufrechten Gang vor ?


Einfaches und Komplexes, Vergangenheit und Gegenwart

10. Januar 2017

In theoretischer Hinsicht bereitete sich Lenin mit der Inangriffnahme der Fundamentalschrift ‚Staat und Revolution‘ auf die Oktoberrevolution vor. Er gab ihr den Untertitel „Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution“. Obwohl Lenin erwartungsvoll in die Zukunft blickte, da die Oktoberrevolution bereits an den Bauch der Weltgeschichte pochte, befasste er sich, verblüffend genug, mit einer Rückbesinnung auf fundamentale Texte aus dem vorherigen Jahrhundert, ging es ihm um die Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre vom Staat. 1. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag, Berlin, 1960,397)  Lenin bereitete sich auf eine Revolution durch eine Rückbesinnung auf Klassikertexte vor – ein merkwürdiger Spagat, ohne den aber kein gewichtiger Prozessumfang der Revolution erarbeitet werden kann. Eher werden die Köpfe der Mitläufer abgehackt als dass die Verbindung zur Vergangenheit ganz gekappt werden darf.

Hegel hatte erarbeitet, dass der Geschichtsprozess durch ständiges Aufheben seiner selbst sich bewegt. Der Weltprozess ist die Totalnegativität seiner selbst, aber nicht als nichtiger. Er selbst hat eine substantielle Schwere wie denn die Werke der Klassiker, das Gold der arbeitenden Menschheit, auch der Vergangenheit angehören. Lenin ging auf das ‚Kommunistische Manifest‘, auf die ‚Pariser Commune‘ zurück, um Maßstäbe zu entwickeln, die in zukünftigen Klassenschlachten heranzuziehen sind zur Aburteilung von Abweichungen von der Lehre des Marxismus vom Staat. Alle drei Quellen des Marxismus liegen selbstredend in der Vergangenheit, ja eine kommunistische Revolution geht weiter zurück, als man gemeinhin meint, sie geht auf die kommunistische Urgesellschaft zurück, die zugleich absolute Zukunft in skizzenhafter Form ist. Der historische Materialismus hat das Studium der Geschichte zu einer Lebensaufgabe gemacht, es darf vom kommunistischen Revolutionär erwartet werden, gerade in dieser Disziplin bewanderter zu sein als die Koryphäen des Spießbürgertums.

In einer kommunistischen Revolution wirft sich Weltgeschichte in ihrer Totalität aus wie sie denn intendiert, Geschichte in Weltgeschichte zu verwandeln. 2. (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin , 1960, 23). Diese Bahn hat die industrielle Revolution eröffnet. Während Malthus in der durch diese bewirkten Bevölkerungsexplosion das Ende der Christenheit sah, erblickte Marx durch eine Kettenabfolge von industriellen Revolutionen in Verbindung mit der proletarischen Revolution eine von Politik befreite Menschheit. Es gehört zur Tragik des deutschen Volkes, das nach dem 30jährigen Revolutionskrieg völlig am Boden lag, ein Volk ohne geschichtliche Praxis geworden war, ein leidendes, passives Volk, dass es nicht weltgeschichtlich Weltgeschichte bewirkt hat, sondern borniert-national, rassistisch, kleinbürgerlich-spießerhaft. Die weltgeschichtliche Einlösung geschah provinziell.

In der Theorie der Evolution verliert die Vergangenheit an Dignität, je weiter der Progress in seiner Eindimensionalität voranschreitet. Geht die Entwicklung lediglich von einfachen über zu immer komplexeren Formen, so bleibt das Einfache in einer grauen Vorzeit liegen. In der sich dialektisch ausspreizenden Spirale der Weltentwicklung dagegen entwickelt sich das Einfache mit und es kommt vor, das gerade durch das Einfache tiefe wissenschaftliche Erkenntnisse inspiriert werden. So war es mit der Erkenntnis, dass der moderne Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt. Die Theorie des bloßen Klassenkampfes stammt keineswegs von Marx ab. Engels weist uns darauf hin, das gerade durch eine Vereinfachung der Zusammenhänge eine qualitativer Sprung in der menschlichen Erkenntnisfähigkeit erfolgte, so dass die hintergründigen Triebkräfte der vordergründigen Triebkräfte der Geschichte gefunden werden konnten. „Während aber in allen früheren Perioden die Erforschung dieser treibenden Ursachen der Geschichte fast unmöglich war – wegen der verwickelten und verdeckten Zusammenhänge mit ihren Wirkungen -, hat unsre gegenwärtige Periode diese Zusammenhänge so weit vereinfacht, daß das Rätsel gelöst werden konnte“. 3. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,298f.). Die heutige Klassenspaltung der Gesellschaft in zwei große Lager führte zur Einsicht in die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats. Deren Hauptaufgabe ist die Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die den entscheidenden Maßstab abgibt, um die Echtheit einer proletarischen Revolution zu prüfen. Lenins Oktoberrevolution bestand diese Prüfung. Es zeigte sich, dass Lenin sich mit der grauen Theorie der Klassiker beschäftigen musste, um durch das russische Proletariat und seinen Verbündeten einen gesellschaftlichen Zustand herbeizuführen, in dem die Gegenwart über die Vergangenheit herrscht.

Zur Auflösung des Parlaments im Prozess der bolschewistischen Revolution

9. Januar 2017

 

Rosa Luxemburg warf den Bolschewiki die Auflösung des Paralaments am 5. Januar 1918 vor und forderte stattdessen: „Sowohl Sowjets als Rückgrat wie Konstituante und allgemeines Wahlrecht“ 1. Das ist eben falsch, die revolutionäre Entwicklung war bereits über die Phase der Doppelherrschaft hinausgegangen, eine Revolution in aufsteigender Linie, die Luxemburg den Bolschewiki ja bescheinigte, muss sich in ihrer Radikalität auf eine Einparteienherrschaft und auf die Auflösung der Konstituante bei Strafe des Untergangs konzentrieren. Da die Oktoberrevolution am 25. Oktober 1917 per Dekret alle wichtigen sozialen Fragen bereits im Sinne des Volkes gelöst hatte, erübrigte sich eine in der Tradition Graf Mirabeaus stehende Konstituante bereits. Die früheren Verschiebungen ihrer Einberufung zwischen den beiden Revolutionen 1917 ist als Zeichen der politischen Impotenz der russischen Bourgeoisie zu deuten.

Es war der Kommandeur der Palastwache, der Matrose Shelesnjakow, der nachts um halb drei die letzten Dumaabgeordneten mit den Worten nach Hause schickte: „Die Wache ist müde“. Wolfgang Ruge urteilt hellsichtig über die Parlamentarier wie folgt: „Verschiedentlich ist angemerkt worden, dass mit dem Ende der Konstituante die letzte Chance zu einer demokratischen Weichenstellung in Russland verspielt worden sei. Dem ist entgegenzuhalten, dass es unter den Abgeordneten im Taurischen Palais – wie vorher in der Provisorischen Regierung – kaum entscheidungsfreudige, risikobereite und realistische Perspektiven entwickelnde Persönlichkeiten gab, so dass die Versammlung in ihrer Gesamtheit zu geschichtsträchtigem Handeln offenbar außerstande war. Fest steht jedenfalls, dass die bolschewistische, von Lenins Zielstrebigkeit und seinem Machtwillen disziplinierte Führung in puncto Handlungsfähigkeit ihren Rivalen haushoch überlegen war. Ähnlich lagen die Dinge bei den zu den verschiedenen Fraktionen tendierenden Massen, auf deren Unterstützung die Politiker angewiesen waren. Während sich die Anhänger der Bolschewiki, in der Regel in straff organisierten Parteizellen zusammengefasst, durch Aktivismus auszeichneten, waren die hinter der Mehrheit der Konstituante stehenden Wähler zumeist nicht willens, sich für Dinge einzusetzen, die außerhalb ihres engen Blickfeldes lagen“. 2. Was anderes beschreibt Ruge hier als das, was Marx als ‚parlamentarischen Kretinismus‘ bezeichnete.

Der Antikommunist Pipes hat herausgefunden, dass die Bevölkerung der Leninschen Auflösung der Konstituante am fünften Januar 1918, ein noch von Kerenski festgelegter Termin, keinen nennenswerten Widerstand leistete. Die Bevölkerung begenete der Auflösung mit erstaunlicher Gleichgültigkeit. 3. Keinesfalls löste sie einen Bürgerkrieg aus, den manche Reaktionäre befürchtet hatten. Das Volk hatte 1918 eine natürliche Abneigung gegen parlamentarische Einrichtungen, wenn Räte eine neue Perspektive eröffnen, in denen es selbst zur Sprache kommen kann. „Die revolutionäre Situation, in der sich Rußland damals befand, bot dem parlamentarischen Demokratieverständnis keine Chance mehr“. 4. Das hatte Lenin bereits in den Aprilthesen vorformuliert. Es galt, die Aprilthesen von Lenin dialektisch auszulegen: die Kommune stand nicht neben einer bürgerlichen Regierung, sondern sollte das Alte ersetzen. Das war der Blitz, den Lenin mit den Thesen in das Gebäude der Doppelherrschaft geschleudert hatte. Die Leninisten verbannten die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre und Menschewiki auf das historische Abstellgleis, weil die Bolschewiki zur politischen Praxis erhöhten, was diese zwischen der Februar- und Oktoberrevolution nur im Munde führten: sofortiger Frieden und Umverteilung des Bodens. Maxim Gorki lästerte mal wieder: Der bolschewistische Staatsstreich habe das ‚Parlament der revolutionären Demokratie‘ in einen Apparat verwandelt, „der mechanisch mit seinem Stempel den Direktiven des bolschewistischen Zentralkomitees die allgemeine Billigung verlieh“. 5. Gorkis Stimme wurde in Russland gehört, wurde aber überlagert durch Lenins Stimme: Gorki verstehe nichts von Politik ! Das Parlament ist ein Hindernis für die Arbeiterklasse auf ihrem Weg zum Kommunismus, Gorki erkannte nicht die Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Konstituante sollte zu einer Speerspitze gegen den Rat der Volkskommissare geformt werden. Die Bolschewiki wurden zur Auflösung der Konstituante gezwungen, ungeachtet der Tatsache, dass sie nur die Hälfte der Stimmen der Sozialrevolutionäre erhalten hatten auf Stimmzetteln allerdings, die noch vor der Oktoberrevolution aufgestellt worden waren. Es gab sehr viele Unstimmigkeiten, wie sie bei Parlamentswahlen üblich sind. Recht früh, am 30. November 1917 erschien ein Artikel in der ‚Prawda‘, in dem es hieß, dass die Konstituante nur eine Aufgabe hätte: die Republik der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten zu proklamieren und sich dann aufzulösen. Aristoteles hatte schon in der Antike begründet, dass man über die wissenschaftliche Wahrheit gar nicht abstimmen könne, ebensowenig konnte Anfang Januar 1918 über den wissenschaftlichen Sozialismus abgestimmt werden, der sich in der ‚Wissenschaftlichen Wahrheit Lenin‘ verkörperte.

Schon Engels hatte in der 48er Revolution gesehen, dass der größte Teil der Parlamentsmitglieder in der Frankfurter Paulskirche obskurante Lebensläufe aufwies. Die Oktoberrevolution und die Wahl zur Konstituante bestätigte ihn. Ein erheblicher Teil der rechtsgerichteten Parlamentarier erwies sich nach Auskunft des rechten Sozialrevolutionärs Sokolow als Anhang und Aufstachler eines weißen Terrors. Der Bolschewismus hält sich im Kern nicht durch Gewalt, sondern durch eine höhere Arbeitsproduktivität als sie im Kapitalismus erreicht wird: In der Sitzung des Petrograder Sowjet erklärte Lenin am 17. November 1917, dass es einen Terror, wie ihn die französischen Jakobiner anwandten, die waffenlose Menschen guillotinierten, in Russland nicht geben werde. 6. Einen Tag nach der Oktoberrevolution wurde die Todesstrafe aufgehoben. Das stand ganz in der Tradition der Pariser Commune, in der Arbeiterinnen und Arbeiter die Guillotine von 1789 unter lautem Jubel des Volkes verbrannten.

1. Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,185

2. Wolfgang Ruge, Vom Roten Oktober zur Alleinherrschaft der Bolschewiki. Machtkämfe nach der Machtübernahme, in: Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, „Die Wache ist müde“, Neue Sichten auf die russische Revolution von 1917 und ihre Wirkungen, hrsg. Von Wladislaw Hedeler / Klaus Kinner, Dietz Verlag Berlin, 2008,73

3. Vergleiche Richard Pipes, Die Russische Revolution, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1992,369ff.

4. Dietrich Geyer, Die Russische Revolution, Historische Probleme und Perspektiven, Kohlhammer Verlag, Stuttgart Berlin Köln Mainz, 1968,112

5.  Maxim Gorki, in: Novaja Shisn vom 9. November 1917

6. Vergleiche Lenin, Rede in der Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten zusammen mit den Vertretern der Front am 17. November 1917, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,289