DIE OKTOBERREVOLUTION – EINE AKTION ELITÄRER MINDERHEITEN ODER EINE IM DIENST DER MENSCHHEIT?

29. April 2017

Die Oktoberrevolution war eine in sich gebrochene Totalität permanenter Selbstkorrektur revolutionärer Massenbewegungen (Partei Lenins, Fabrikarbeiter/innen, arme Bauern und arme Bäuerinnen, Frauen und Räte) per Bürgerkrieg, eine sich quälende, wie es Karl Marx einer proletarischen Revolution im 18. Brumaire vorhergesagt hatte. In seiner Analyse der Pariser Kommune sagte Marx, man dürfe keine Wunder von dieser erwarten, und so durften die auf ein besseres Morgen Hoffenden auch 1917 keine Wunder von der ersten russischen Diktatur des Proletariats erwarten. Es fehlte ihr trotz gigantischer Naturreichtümer des Landes nach Lenins Worten an Zivilisation, um unmittelbar zum Sozialismus überzugehen.

Für Dietrich Geyer, einem bürgerlichen Geschichtsprofessor, der auf der 68er-Bewegung mitschwamm, besteht die Oktoberrevolution darin, dass sie im sozialen Kern  eine „Agrarevolution kleinbäuerlicher Massen“, im politischen Kern eine „Aktion elitärer Minderheiten“ war. „Das fehlende gesellschaftliche Mandat wird durch den Anspruch der Revolutionäre ersetzt, die Interessen der übergroßen Mehrheit des Volkes zu vertreten; die Diktatur der Partei substituiert den Willen einer Bevölkerung, die zu eigener Organisation und Orientierung noch nicht gekommen ist“. 1.  Es stimmt trübe, am Ende eines ansonsten nicht einmal so schlecht  geschriebenen Buches über die Oktoberrevolution so etwas zu lesen. In dem Zitat von Geyer ballen sich viele Vorurteile bürgerlicher Historiker über den Massencharakter der Oktoberrevolution zusammen, die sie gerne auf einen trotzkistischen Militärputsch verkürzen. Auf dem Prüfstand soll die Aussage von Marx und Engels aus dem ‚Kommunistischen Manifest‘ kommen, dass alle bisherigen Bewegungen Bewegungen von Minoritäten oder im Interesse von Minoritäten waren. „Die proletarische Bewegung ist die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der ungeheuren Mehrzahl“. 2. Zu Aktionen elitärer Minderheiten gelangt man, wenn man die Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 als wirkliche Aufhebung hinnimmt, was sie doch nur auf dem Papier war. In seinem Artikel ‚An die Dorfarmut‘ (Die Ziele der Sozialdemokraten, dargelegt für die Bauern) schreibt Lenin im März 1903: „Nirgends in der Welt gibt es eine solche Erniedrigung, eine solche Verelendung der Bauern, ein so fürchterliches Hinsterben von Millionen Bauern durch den Hungertod wie in Rußland. Der Bauer ist bei uns dem Hungertod preisgegeben, weil ihn schon die Adelskomitees ausgeplündert haben, weil man ihn seither Jahr für Jahr plündert, weil man den alten, an die Erben der alten Fronherren zu zahlenden Tribut aus ihm herauspreßt, Ablösegelder und Fronzinsen aus ihm herauspreßt“ 3. So spiegelt Lenin 1903 die soziale Wirklichkeit Russlands, die Lage der um den Zweck ihres Daseins gänzlich Betrogenen wider, eine Wirklichkeit und eine Lage, die im Jahr 1905 die gewaltigste Streikwelle der Welt brachte und im Jahr 1917 mit zwei Revolutionen der hundertsechzig Millionen gänzlich um den Zweck ihres Dasein Betrogenen dazu führte, die Bestimmung einer Revolution von Engels zu bestätigten:  Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen“, hatte Engels am 13. Februar 1851 an Marx geschrieben, „das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten die Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor“. 4. Es gilt also, das gesellschaftliche Mandat der Oktoberrevolution, ihre materielle Gewalt der Notwendigkeit herauszuarbeiten, dass sie eine Massenrevolution mit einer aus dem Volk kommenden Sowjetbewegung und keine Ersatzrevolution für diese war, dass erst durch sie die noch existierende halbe Leibeigenschaft in Russland aufgehoben wurde.  Die Sowjets waren eine Selbstorganisation des Volkes. Nur in diesem Sinne, unter dieser Voraussetzung kann man die Oktoberrevolution eine authentische nennen. Noch unter Kerenski wurden Bauern, Matrosen und Soldaten von den Gutsherren und ihren Offizierssöhnchen wohl ‚aus Gründen der materiellen Gewalt der Notwendigkeit‘ geprügelt. Das geschah in der Periode, die uns von bürgerlichen Gesellschaftswissenschaftlern als die freieste in der Geschichte Russlands angedreht wird, Russland sei damals das freieste Land unter den kriegführenden Staaten gewesen. 5. Und aus diesen Geprügelten bildete sich die oberste“Staats“macht, die den Rat der Volkskommissare gemäß der Sowjetverfassung kontrollierte.

Geyer verkürzt die Weltveränderung aus „marxistischem Geist“ bzw. konkreter aus massenproletarisch-bäuerlichen Interessen auf eine „Weltveränderung nach programmatischen Zukunftsentwürfen elitärer Kleingruppen“. 6. Die Bestimmung einer Revolution als ‚Aktion‘ greift doch zu kurz, die ein Komplex komplizierter ineinander verschlungener Prozesse ist, dem man durch keine Schablone Herr werden kann. Abweichungen vom eigenen Anspruch machen eine Sache angreifbar und diese lagen im roten Oktober allerdings vor: weder konnte das Programm strikt eingehalten werden, siehe zum Beispiel die Übernahme des Agrarprogramms der Sozialrevolutionäre durch die Bolschewiki, noch der Fahrplan, noch realisierte sich die weltrevolutionäre Intention. Die Oktoberrevolution rührte her aus dem Massenelend, aus dem Massenhunger, aus den Massen von Kriegskrüppeln, dem Landhunger von Millionen Kleinbauern, man  kann doch nicht eine Revolution mit so elementarer Wucht als eine von elitären Kleingruppen inszenierte bezeichnen. Man beachte auch das riesige Terrain, auf dem sich diese Revolution letztendlich behauptet hat. Rousseau ging 1762 in seinem Gesellschaftsvertrag noch von der Unregierbarkeit Russlands aus, was für Minderheitsregierungen allerdings etwas für sich hatte. Die Oktoberrevolution korrigierte gerade diese spezifische ‚russische Anarchie‘ im Sinne von Marx, der während der 48er Revolution eine „energische Diktatur“ der Revolution gefordert hatte. In der Prawda erschien im Mai 1917 ein Artikel von Lenin, in dem er sich für  eine feste revolutionäre Staatsmacht‘ aussprach. Die Revolution war 1917 auch eine mit starken Defiziten, aber wie jede Revolution war auch sie keine zu machende, keine zu inszenierende. Improvisieren sollte eine fundamentale Eigenschaft eines Revolutionärs sein. Wer kann schon in einem so großen Ozean alle Inseln ausmachen ? Die Defizite der Revolution bewirkten den hohen Ausstoß an Ketzern. Heute spielt die Putin-Administration die Zeit des starken Staates unter Stalin, der die Zersplitterung des Volkes (rasdroblennost) aufgehoben hatte, gegen die Oktoberrevolution aus, die sie als Zeit der Wirren denunziert und mit der Zeit der Wirren (smutnoje wremja) 1598 bis 1613 analogisiert.

Lenin pflegte zu sagen, dass man eine Revolution nicht machen, dass man höchstens für sie arbeiten könne, dass eine Revolution reifen müsse. Die überragende Position, die Lenin in der Oktoberrevolution einnahm, zu der er zudem durch eine von der deutschen Geheimdiplomatie eingefädelten Reise in einem plombierten Waggon gelangte, Kontakte zwischen bolschewistischen Ultras und deutschen Geheimdiplomaten gab es seit 1914, verführen bürgerliche Historiker leicht zu der Annahme, dass Männer Geschichte machen. So kommt das „Machen“, das „In-Szene-Setzen“ von Revolutionen in die Debatte. So noch jüngst Manfred Hildermeier: Lenin könne als ein Beispiel dafür gelten, „dass Persönlichkeiten Geschichte gestalten“. 7. Stalin als ein roter Zar darzustellen gehört auch dazu. Diese Oberflächlichkeit, die Darstellung einer Revolution aus  den revolutionären Hauptaktionen und Hauptakteuren und ihrem Charakter, der in der Regel düster gezeichnet wird,  zu entwickeln, verhindert den Durchbruch zu den „Triebkräften der Triebkräfte“ der Geschichte, von denen Engels in seiner Polemik gegen Starcke Buch über Feuerbach sprach und die er in der Polemik gegen Dühring meisterhaft stets in der Ökonomie liegend lokalisierte. Die Flut an Publikationen zum hundertsten Geburtstag der Oktoberrevolution hat bereits zu steigen begonnen und wir sollten bei ihrer Lektüre stets darauf achten, ob es den Autoren gelingt, zu den Triebkräften der Triebkräfte dieser Revolution durchzudringen, zu den Entwicklungen der Produktivkräfte und zu denen der Klasenkämpfe.

Nehmen wir kurz Notiz von der Einschätzung der Oktoberrevolution, die Michail Gorbatschow vorgenommen hat. Wohl selten hat die Weltgeschichte einem Mann so schlechte Karten in die Hand gegeben und noch seltener hat ein Mann so schlecht mit ihnen gespielt. „Die Oktoberrevolution war ein machtvolles Aufbegehren von Millionen Menschen, in dem die grundlegenden Interessen der Arbeiterklasse, die in Jahrhunderten gehegten Hoffnungen und Wünsche der Bauernschaft, der Friedenswille der Soldaten und Matrosen und die unbezwingbare Sehnsucht der Völker des multinationalen Rußland nach Freiheit und Licht zu einer Einheit verschmolzen“. 8. Die ‚grundlegenden Interessen der Arbeiterklasse‘ hätten hier viel schärfer gefasst werden müssen, ich meine in ökonomischer Hinsicht die „Vergesellschaftung des Privateigentums an den Produktionsmitteln“, die Vergesellschaftung des Grund und Bodens und der Fabriken, in politischer die Zerschlagung des Kerenski-Kischkin-Staates, auf dass keine öffentliche Angelegenheit mehr von Beamten erledigt werden konnte.  Zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution trug Gorbatschow vor, dass das Hauptanliegen der Oktoberrevolution die Gestaltung eines neuen Lebens gewesen sei. Das ist eine schwindelerregende Aussage. In ihr wird ein Hintertürchen offen gehalten. Die Aussage ist viel zu pauschal und gilt für eine Revolution überhaupt, durch deren Erfolg sich stets die Beziehungen unter den Menschen gewandelt haben bzw. geben veränderte Beziehungen unter den Menschen das Kriterium einer erfolgreichen Revolution ab. Das Spezifische der Oktoberrevolution und zugleich ihr Hauptanliegen im marxistischen Kontext war die ‚Vergesellschaftung des Privateigentums an den Produktionsmitteln‘, nach der sich erst ein ‚Neuer Mensch‘ herausbilden kann. Die unverdorbene Generation, die den ganzen Staatsplunder in kommunistischer Intention von sich abwirft, muss erst noch im Sozialismus heranwachsen. Für die Anarchisten ist diese Generation bereits unmittelbar da, es ist ihre eigene.

Der Vollständigkeit halber und der Korrektur halber fügen wir hinzu, dass Lenin die Bolschewiki stets anhielt, nach  der Februarrevolution zu den Menschewiki auf Distanz zu gehen. In Revolutionen liegt eine viel schärfere Trennung der Klassen und ihrer Parteien vor als in Friedenszeiten. Revolutionen klären in dieser Beziehung auf, die Klassen sind gezwungen, offen aufzutreten und  in der Praxis ihren Klassen- und Kampfinhalt bloßzulegen. Es ging in der Oktoberrevolution nicht primär  um eine neue Lebensgestaltung noch um das Wohl der ganzen Menschheit (zu der im übrigen auch der konterrevolutionäre Abschaum gehören würde). Das Wort Menschheit kommt im ‚Kommunistischen Manifest‘ nicht vor. Es ist ein Kennzeichen des Revisionismus, die konkreten ökonomischen und politischen Interessen konkreter Klassen durch eine allgemein-abstrakte Menschheitsduselei verschwimmen zu lassen. Sie schwimmen dann im Fahrwasser bürgerlicher Ideologie, die den offen vorliegenden Gegensatz zwischen arm und reich immer benutzt hat und benutzt, um wie die Aufklärer als Vertreter der ganzen leidenden Menschheit aufzutreten, selbst die utopischen Sozialisten ideologisierten noch kosmopolitisch. 9.  Die reaktionäre Menschheitsduselei wurde Ende der 80er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts bei der regierungsamtlichen Verbreitung der Perestroika immer penetranter. Die französischen Jakobiner, die 1789 noch nicht mit einem Klassenbegriff politisch operieren konnten und nur einen abstrakten Gleichheitsbegriff entwerfen konnten, waren kosmopolitisch ausgerichtet, Robespierre sagte, wir kämpfen für das Wohl der ganzen Menschheit, der Mainzer Rebell und Jakobiner Georg Forster bezog 1794 in einem Essay über die Staatskunst diese auf das Glück der ganzen Menschheit. 10. Der Abiturientenaufsatz des 17jährigen Karl Marx im Fach Deutsch ‚Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes‘ aus dem Jahr 1835 ist noch ganz im Geiste eines bürgerlich-aufklärerischen Kosmopolitismus, im Sinne einer allumfassenden Beglückung der Gattung und ihrer Vervollkommnungsfähigkeit verfasst. Der Jüngling solle den Beruf wählen, durch den er am meisten für die Menschheit bewirken könne. 11. Parallelen zu Fichtes ‚System der Sittenlehre‘ aus dem Jahr 1798 sind leicht zu finden. Der Leninsche Berufsrevolutionär stand noch nicht zur Debatte. Im übrigen schließt sich ein Kreis.  Es ist bezeichnend, dass sich der letzte Generalsekretär der KPdSU mit seiner Menschheitsduselei in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts auf dem geistigen Niveau eines 17jährigen in den 30er Jahren des neunzehnten befand.

Wir brauchen uns doch nur an den Schlußsatz des Kommunistischen Manifestes zu erinnern: nur eine spezifische Klasse wird angesprochen. Der Fortschritt der Gesellschaftswissenschaften, der Übergang vom bürgerlichen Kosmopolitismus zum proletarischen Internationalismus besteht in dieser Beziehung in einer Verengung, aber eben nicht auf elitäre Kleingruppen. Es liegt eine Verengung und Erweiterung zugleich vor, denn die proletarische Emanzipation ist weiter gefasst als die bürgerliche und zwar gerade dadurch, dass sie ein begrenztes, ein umrissenes Epochenbewußtsein hat, während dieses spezifische Kriterium historischer Relativität der bürgerlichen Aufklärung noch abging, dass eben alles abhängt vom Raum, von der Zeit und den gesellschaftlichen Bedingungen. Das dialektische Denken war in der bürgerlichen Aufklärung nur rudimentär vorhanden, Allgemeinplätze wie ‚die ewige Natur‘, der ‚ewige Mensch‘, die ‚ewige Vernunft‘ und die ‚ewige Gerechtigkeit‘ dominierten sie.  Die wissenschaftliche Forschung war noch angelegt auf das Auffinden ewiger Gesetze, selbst die utopischen Sozialisten appellierten noch an die Vernunft, um ihre Projekte zu realisieren. Man malte sich im Kopf gesellschaftliche Paradiese aus, weil man in der Wirklichkeit noch keine Grundrisse dieser fand. Konnten die utopischen Sozialisten  also den Sozialismus noch nicht als notwendiges Ergebnis der Geschichte begreifen, so konnten die bürgerlichen Aufklärer sich höchstens eine Abschaffung der Klassenprivilegien vorstellen, nicht aber der Klassen selbst im endlosen Prozess der Weltgeschichte. Es wäre ein interessantes Thema für sich, einmal dem Zusammenhang zwischen technisch-industrieller Revolution und der Herausbildung dialektischen Denkens nachzugehen, bei den bürgerlichen Aufklärern finden wir jedenfalls noch ein Nichtverstehen der Relativität wissenschaftlicher Theorien vor. So auch in der bürgerlichen Ökonomie: Für sie kam die Eigenschaft, Profit zu erwirken, jeder Wertsumme zu, als ob  die Ausbeutung der Mehrarbeit freier Arbeiter ein Axiom sei und nicht in Italien im 15. / 16. Jahrhundert aufgekommen war. Im Wesen war nach Hegel alles relativ. In dem Werk von Friedrich List ‚Das nationale System der politischen Ökonomie‘ (1841) finden wir den Hinweis auf den italienischen Ökonomen Antonio Serra aus Neapel, der 1613 ein Werk schrieb, um den Königreichen einen Überfluß an Gold und Silber zu verschaffen. 12. Wie tief die bürgerliche Revolution ging, wird schon deutlich in ihrer ersten Äußerungsform: die US-amerikanische Verfassung ließ Farbige außen vor. Der „große Humanist“ und pfäffische Friedensengel, der Südstaatler  Woodrow Wilson, der während des ersten Weltkrieges die Welt retten wollte, betrachtete die Afroamerikaner immer als Menschen zweiter Klasse und führte die Rassentrennung ein. Die tiefste Revolution der Weltgeschichte, die Oktoberrevolution  auf Aktionen elitärer Kleinbürger  zu minimisieren, spiegelt eben auch das subjektive Bewußtsein bürgerlicher Autoren wider, die in der Regel in Kleingruppen auftreten.

1. Dietrich Geyer, Die Russische Revolution, Historische Probleme und Perspektiven, Kohlhammer Verlag, Stuttgart Berlin Köln Mainz, 1968,139

2. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,472

3. Lenin, An die Dorfarmut, Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin, 1960,409. In den Memoiren des bekannten Anarchisten Kropotkin ist nachzulesen, dass sein Vater, ein Großgrundbesitzer, nach 1861 doppelt soviel Pacht erhielt als vor der Reform. (P. A. Kropotkin, Zapiski revoljucionera, Moskau, 1966,150).

4. Zu dieser Fundamentalbestimmung von Engels gerät Leo Trotzki in Widerspruch: „Unmittelbare Ursachen der Revolutionsereignisse sind Veränderungen im Bewusstsein der kämpfenden Klassen“. (Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Oktoberrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,219). Auch Mao Tse tung sieht in seiner Schrift ‚Über den Widerspruch‘ das Verhältnis von Basis und Überbau eher trotzkistisch denn mit den Augen von Engels. Eine Denkweise, ob kleinbürgerlich, ob proletarisch, geht unter in der materiellen Gewalt der Notwendigkeit. In der Arbeitsteilung zwischen Hand- und Kopfarbeit lag die Verführung, das Tun der Menschen aus ihrer Denkweise, statt aus ihren Bedürfnissen zu erklären (Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379).  Es war diese materielle Gewalt in Form von Massendemonstrationen während der Moskauer Prozesse, die im 20. Jahrhundert selbst den ‚Liebling der Partei‘ vor Gericht brachte. Wir sehen hieran auch, wie sehr die revolutionären Prozesse 1917 und ff. von einer elitären Minderheit von Intellektuellen noch idealistisch gedeutet werden mussten. Es gibt auch heute noch diese elitäre Minderheit, die sich unbeachtet aller Revolutionsphysik an dem Schnuller der proletarischen Denkweise festgebissen hat, Intellektuelle, deren geistige Kraft nicht ausreicht, sich aus idealistischer Befangenheit zu lösen. Warum ? Das menschliche Denken hat nun mal die Eigenschaft,  sich  auf einer gewissen Entwicklungsstufe von  der wirklichen Welt zu trennen, um sich dann nicht mehr auf seine Basis zurückzubesinnen, im Gegenteil, aus der Trennung eine Selbständigkeit gegenüber der Wirklichkeit zu behaupten. (Vergleiche Friedrich Engels, Anti-Dühring, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,36). So hat dann die MLPD ein ganzes System der Lehre von der Denkweise entwickelt, dass der kapitalistischen Gesellschaft aufgepropft werden soll, wie es für Utopisten üblich ist: die Lösung gesellschaftlicher Widersprüche soll im menschlichen Kopf, im richtigen, sprich: im proletarischen Denken erzeugbar sein.  Der Kommunismus ergäbe sich dann daraus, dass alle Mitglieder der Gesellschaft von Stefan Engel abgerichtete Vögel in ihrem Kopf herumflattern haben, die ihnen von morgens bis abends, vom Aufwachen bis zum Schlafengehen die proletarische Melodey vortrillern. Das deutsche Volk tut gut daran, der MLPD einen Vogel zu zeigen. Es ist bereits ausgeschlossen, dass das deutsche Volk auf den Denkweiseschwindel der MLPD hereinfällt und zwar auf Grund seiner ganzen vielfältigen materiellen Tätigkeiten. „Aber gerade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens, und im Verhältnis, wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältnis wuchs seine Intelligenz“. (Friedrich Engels, Dialektik der Natur, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,498). Die MLPD kann also nicht im Proletariat Fuß fassen, sondern nur bei An-Intellektualisierten, die in einer kleinbürgerlichen Atmosphäre groß geworden sind bis zur mittleren Reife, gerade unreif genug, auf der einen Seite die Natur zu sehen und getrennt davon auf der anderen das Denken. So konnte die Lehre von der Denkweise bei ihnen greifen. Für die MLPD ist die proletarische Revolution kein reines Naturphänomen wie für Engels, sondern ein Denkweisephänomen wie für Engel. Liegen zwischen beiden nicht Lichtjahre ?

5. Vergleiche Leonid Luks, Das kurze Jahr der Freiheit, in: ZEITGeschichte Nr. 2, Epochen, Menschen, Ideen. Revolution in Russland, Kriegseintritt der USA: Ein Jahr, das die Welt verändert, Hamburg, 2017,36

6. Dietrich Geyer, Die Russische Revolution, Historische Probleme und Perspektiven, Kohlhammer Verlag, Stuttgart Berlin Köln Mainz, 1968,140

7. Manfred Hildermeier, Genie des Augenblicks, in: ZEITGeschichte Nr. 2, Epochen, Menschen, Ideen. Revolution in Russland, Kriegseintritt der USA: Ein Jahr, das die Welt verändert, Hamburg, 2017,24. In diesem Magazin der ZEIT wird noch ganz die These vertreten, dass die Oktoberrevolution keine der Massen war. Zwar bemerkt Klaus Latzel am Anfang seines Beitrages „Der Weg zur Revolution“ganz richtig, dass diese Revolution nicht auf einen Putsch verkürzt werden dürfe, um ihn aber gerade mit diesem Gedanken am Ende zu betonen (Vergleiche Klaus Latzel, Der Weg zum roten Oktober, in: ZEITGeschichte Nr. 2, Epochen, Menschen, Ideen. Revolution in Russland, Kriegseintritt der USA: Ein Jahr, das die Welt verändert, Hamburg, 2017, 82 und 87). Und Michael Thumann gibt gleich zu Beginn seines Beitrages „Der gefährliche Lenin“zum Besten, dass die eigentliche Revolution im Februar stattgefunden habe, während „Lenins Machtübernahme eher ein Putsch war“. (Michael Thumann, Der gefährliche Lenin, in: ZEITGeschichte Nr. 2, Epochen, Menschen, Ideen. Revolution in Russland, Kriegseintritt der USA: Ein Jahr, das die Welt verändert, Hamburg, 2017,103).

8. Michail Gorbatschow, Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozeß und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,15

9. Vergleiche Friedrich Engels, Anti-Dühring, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,17f.

10. Vergleiche Georg Forster, Über die Beziehung der Staatskunst auf das Glück der Menschheit, in: Friedenspräliminarien, 6. Band, 23. und 24. Stück, 1794,373ff. Anarcharsis Cloots, der vielleicht vehementeste Vertreter einer universalen Auslegung der bürgerlichen Revolution, die zunächst einen einheitlichen Nationalstaat zu erwirken hatte, wurde von Robespierre als preußischer Spion in Richtung Guillotine geschickt.

11. „Die Hauptlenkerin aber, die uns bei der Standeswahl leiten muß, ist das Wohl der Menschheit, unsere eigene Vollendung. Man wähne nicht, diese beiden Interessen könnten sich feindlich bekämpfen, das eine müsse das andere vernichten, sondern die Natur des Menschen ist so eingerichtet, daß er seine Vervollkommnung nur erreichen kann, wenn er für die Vollendung, für das Wohl seiner Mitwelt wirkt“. (Karl Marx, Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,594).

12. Vergleiche Friedrich Engels, Anti-Dühring, Werke Band 20, Dietz Verlag Berlin, 1960,215

 

 

DIE APRILTHESEN Heute vor 100 Jahren verkündete Lenin seine Aprilthesen

4. April 2017

Durch die Oktoberrevolution hatte sich ein Name unauslöschlich in die Weltgeschichte eingebrandt. Die ganzen äußeren Umstände des (Sich-)Einfügens Lenins in den Revolutionsablauf via einer Eisenbahnreise im plombierten Waggon 1.,   lassen zwei ungleichgewichtige Überlegungen beharrliche Konturen gewinnen, die gewichtige: als sollte durch ihn und seine Anhänger als weltgeschichtlicher Auftrag der Sozialismus in Rußland „eingeführt“ werden. Nichts ist irriger, immer wieder warnte Lenin vor einem, zumal vorzeitigen „Einführen des Sozialismus“. Man kann einen Sozialismus nicht einführen ebensowenig wie man eine Revolution einführen oder machen kann. Und die lapidare der deutschen Agentenschaft wie auch Hindus, Irländer und Juden in Agentendiensten der deutschen Armee standen. Lenin war also kaum aus dem Exil zurück und gab nach einer Aussage Molotows damit der Partei festen Boden unter den Füßen, da verkündete er (am russischen Ostermontag) seine Aprilthesen, die er im Gepäck mitgebracht hatte. Diese wiederum verwirrten. Insbesondere diese waren es, die der marxistischen Orthodoxie der II. Internationale (1889 bis 1914) mitten ins Konzept schlugen, nicht zufällig wurde Lenins Antipode Karl Kautsky, der die größte Autorität dieser Internationalen war. Die Thesen, die Plechanow als eine Fieberphantasie denunzierte – Plechanow, der im Jahr 1917 mit seiner eigenen politischen Gruppe „Jedinstwo“ hervortrat und mit ihr auf der Junidemonstration Schiffbruch erlitt, blieb sich hier treu, schon vor dem ersten Weltkrieg schimpfte er die im Basler Manifest von 1912 niedergelegte revolutionäre Taktik, den kommenden Weltkrieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln, ein „Mittelding zwischen Traum und Farce“. Die Thesen schlugen in ein künstlich errichtetes theoretisches Lehrgebäude ein, dessen Zentralsatz lautete, dass die proletarische Revolution nicht in einem zurückgebliebenen Agrarland zum Ausbruch kommen könne. Die Aprilthesen waren fundamental und stellten einen Bruch in der Kontinuität dar, diese Thesen waren bereits die ‚Oktoberrevolution in der Theorie‘, so dass das Jahr 1917 auch noch eine ‚Aprilrevolution in der Theorie‘ aufzubieten hat. Die eindeutige Aussage von Clara Zetkin, die Oktoberrevolution sei die konsequente Weiterentwicklung der Februarrevolution gewesen, ist sicherlich nicht falsch, aber präziser gehören markant und wegbestimmend die Aprilthesen in diesen Kontext, die Kontinuität und Bruch in dieser zugleich beinhalten und ohne die es nicht so rasch zum roten Oktober gekommen wäre. Sie bedingten einen qualitativen Sprung in der Revolutionstheorie, einen neuen Begriff der Revolution. Konsequente Entwicklungen gibt es streng genommen in der Geschichte nicht. Revolutionen, Krisen und Kriege zeigen vielmehr die Brüche, Halbheiten und Inkonsequenzen auf, wie die folgende: Karl Marx hatte Ende Oktober 1847, ohne Russland Beachtung zu schenken, ohne es zu erwähnen, noch die Notwendigkeit herausgestellt, dass der Sieg des Proletariats „nur vorübergehend, nur ein Moment im Dienst der bürgerlichen Revolution selbst sein“ wird, „wie Anno 1794, solang im Lauf der Geschichte, in ihrer ‚Bewegung‘, die materiellen Bedingungen noch nicht geschaffen sind, die die Abschaffung der bürgerlichen Produktionsweise und darum auch den definitiven Sturz der politischen Bourgeoisherrschaft notwendig machen“. 2. Waren 1917 in Russland die materiellen Bedingungen vorhanden oder nicht ? Darum ging es, und Martow wandte auch dieses Marx-Zitat gegen Lenins Aprilthesen ein. Nach dem Aufbruch einer Revolution schwirren viele Theorien in noch mehr Köpfen und es fehlte noch der ordnende und richtende Geist. Die Darstellung der geheimdiplomatischen Umstände, die zur Reise Lenins und seiner Anhänger im sogenannten ‚plombierten Waggon‘ führten, sind ein Kapitel für sich, das aber nicht zum Kern der Oktoberrevolution gehört. Kerenski spürte, was da auf Russland zukam: „Lenin ist unterwegs, jetzt wird es erst richtig losgehen“: Nach seiner Ankunft in Russland wurde Lenin frenetisch begrüßt, sodann aber erst einmal als Folge seines ‚Gegen-den-Strom-des Bolschewismus-Schwimmens‘ in die linkeste Ecke verbannt, in der er nahezu isoliert war, Stalin aber hielt zu ihm.  Man irrte sich, wenn man meinte, Lenin sei zu lange im Ausland gewesen, kenne die Situation nicht; Lenin war bereits weiter. Die Ankunft Lenins und seine Thesen vom vierten April gehören von allen Ereignissen vor der Oktoberrevolution zu den genuinsten, die zu ihr führten. Die Aprilthesen sind mit ein entscheidendes Kettenglied im Entwicklungsprozess zur Oktoberrevolution. Die Kernfrage lautete: Wie verhält sich eine revolutionäre proletarische Partei in bzw. zu einer soeben ausgebrochenen bürgerlichen Revolution ? Die Antwort Lenins verursachte einen heilsamen Schock unter den Bolschewiki, alles, was diese bisher seit dem Ausbruch der Revolution politisch gedacht und politisch getan hatten, wurde von Lenin kühn verworfen. Der Lehrer der Revolution war gekommen und es setzte eine Periode schmerzhafter Korrekturen ein. Ohne diese Kurskorrekturen wäre es nicht einmal zu einem Aufflammen der Oktoberrevolution gekommen, jedenfalls zu keiner erfolgreichen. Lenin sah die Partei im Fahrwasser des Menschewismus und riss sie nicht nur aus dieser „Entwicklung nach rechts“ heraus, sondern trieb sie auf Neuland, stellte sie vor Aufgaben, die bisher noch keine kommunistische Partei zu lösen hatte. Gegen die politische Mauschelei mit Fingerspitzengefühl zwischen menschewistisch dominierten Sowjets und ‚Provisorischer Regierung‘ wurde Klartext gesprochen, die proletarische Faust schlug nun zu: Diese Regierung sei kapitalistisch, räuberisch und imperialistisch. Die Bankiers wurden als Volksfeinde bezeichnet. Die bürgerliche Etappe der Revolution sei bereits vorbei ! Das Gelingen einer proletarischen Revolution würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen. Bereits am sechsten März hatte Lenin in einem Telegramm noch aus der Schweiz die Partei gewarnt: Keine Annäherungen an andere Parteien ! Nach Lenins Konzept einer Doppelrevolution galt es, das Schwert zur Enthauptung der russischen Bourgeoisie zu schärfen. Überall gab es Verwässerungen des Marxismus und – – – vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Intention von „Staat und Revolution“, es ging in diesem einige Wochen später im September 1917 geschriebenen Fundamentalwerk um die Wiederherstellung des revolutionären Marxismus. Auf seinem Weg blieb Lenin stur und Trotzki sah in dem Revolutionsführer einen „pedantischen Notar“, für Keresnski sah dieser Notar der Revolution alles durch die Brille seines Fanatismus. Lenin stand gegen die Mehrheit seiner Partei, die politische Parolen auswendig gelernt hatte, mit denen man natürlich keine grundlegenden Fragen der Revolution lösen konnte. Lenin kannte keine Schonung und die russische Öffentlichkeit bekam mit, dass selbst die höchsten „Generäle“ der Partei von ihm angegriffen wurden.  Es galt sowohl für die Marxisten Westeuropas als auch für die in Russland als ausgemacht, dass nach der Februarrevolution eine längere Periode der Herrschaft der Bourgeoisie ‚an der Reihe‘ wäre und nicht wenige rechneten in Jahrzehnten. Das war Konsens und galt quasi als offizieller Marxismus, der meinte, revolutionäre Ungeduld gemeistert zu haben. Und jetzt kam der ‚Anarchist Lenin‘ und überraschte alle. Der Mann, dem in praktisch-politischer Hinsicht auf Grund der ganz eigenartigen Umstände seiner Rückkehr nach Russland der Vorwurf gemacht wurde, Agent im Dienste des kaiserlichen Deutschland zu sein und in theoretischer Hinsicht ein Anarchist geworden zu sein, ein ‚Mietling Wilhelms‘, hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Über die Wirkung von Lenins Reden wird berichtet, dass den Zuhörern schwindelig wurde, es konnte über das Ausgesprochene keine Diskussionen mehr stattfinden, im Nu hatte sich Fassungslosigkeit ausgebreitet. „Alle waren zu betäubt, und jeder wollte erst seine Gedanken sammeln“ 3. Lenin schlug mit dem Hammer zu und Suchanow notierte: „Ich ging auf die Straße hinaus, ich hatte das Gefühl, als wäre ich in dieser Nacht mit Ketten auf den Kopf geschlagen worden“. Nach dem Verkünden der Aprilthesen gab es ein „Gestern“ der Bolschewiki. Gestern ? Gestern glaubten die Bolschewiki noch, die bürgerliche Revolution sei in Russland noch nicht abgeschlossen und man müsse mit der ganzen Bauernschaft gehen. Lenin engte das Bündnis ein, seine Thesen brachten eine Neuorientierung auf die armen Landarbeiter und auf die armen Bauern. Die Parteimitglieder stolperten nicht über das Phänomen der Doppelherrschaft, das sie hätte stutzig machen müssen, es gab mehr als nur eine bürgerliche Herrschaft als Frucht der demokratischen Revolution vom Februar und dieses ‚Mehr‘ wurde einfach hingenommen, wurde nicht gedeutet, nicht gedanklich weiterentwickelt, im Keim war die Möglichkeit des Sieges der revolutionären Diktatur über die formale Demokratie möglich, kurz: die Bolschewiki waren auf ihrem linken Auge blind. Indem Lenin anfing, Schachzüge im Geiste der Pariser Commune zu vollziehen, öffnete er das linke Auge wieder: Seid kreativ mit einer eigenständigen proletarische Politik gegen die Bourgeoisie– das war die Botschaft der berühmten Frühlingsthesen. Der Leninistin Ludmilla Stahl ist das Wort zu geben: „Alle Genossen haben bis zur Ankunft Lenins im Dunkeln getappt“.

1. Es hatte auch Überlegungen gegeben, aus der Schweiz mit einem Flugzeug nach Russland zu fliegen. Von den vielen russischen Emigrantenklüngeln in der Schweiz wurden die Leninisten natürlich vom deutschen Generalstab bevorzugt behandelt, denn nur sie traten konsequent für eine Niederlage der bürgerlichen Regierung ein. Der deutsche Generalstab sah durch die Leninisten die Chance, diese zu einem Friedensschluss zu zwingen.

2. Karl Marx, Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 338f.

3. Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Februarrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,254

 

Sex, Drugs, Rock’n Roll und der Kommunismus

28. März 2017

Es ist noch nicht einmal ein halbes Jahrhundert her, da brach von Berlin bis San Franzisco, von Tokio bis Toronto eine Jugend aus ihrem spießigen, kleinbürgerlichen Milieu aus, steckte sich Blumen ins Haar, creierte die Songs ‚My generation‘ (The Who) und ‚Let’s live for today‘ (The Grass Roots), und hisste die bunte Fahne mit der Parole „Sex, Drugs & Rock’n Roll“. Die Freiheit bestehe darin, dem Augenblick zu gehorchen. Menschen aber, die dem Augenblick gehorchen, müssen das Wort ‚Ratio‘ immer mit kleinen Buchstaben schreiben. Eine verantwortungslose Kulturindustrie heizte nach anfänglichem Zögern die Bewegung an und beutete sie aus. Ein dahergelaufener, heute vergessener Philosoph, Herbert Marcuse, predigte die Vereinigung von sexueller und politischer Revolte. Lennon war damals wichtiger als Lenin. Die Eliten der spätkapitalistischen Gesellschaft ließen schließlich alternative Lebensformen zu, etwa anarchistische Communen in West-Berlin, nachdem sich erwiesen hatte, dass diese keine sprengende Kraft gegen die Ordnung der Ausbeuter in sich ballten. Für die revolutionäre Linke zeigte sich, dass „ein Lebensstil à la Sex, Drugs und Rock’n Roll“ nur auf den ersten Blick progressiv war und sie stellte in einem schmerzhaften Lernprozess nach und nach fest, dass diese kleinbürgerliche Strömung die Arbeiterbewegung nicht voranbrachte, im Gegenteil, sie ging dazu über, den reaktionären Gehalt der schillernden Parole herauszustreichen, die sich angeblich gegen das Establishment und eine bürokratisch verwaltete Welt richtete.

Um sich zum in der bürgerlichen Gesellschaft breitgetretenen, die Frau missachtenden Thema ‚Sexualität‘ eine Leitlinie zu erarbeiten, so sind die Erinnerungen von Clara Zetkin an Lenin so aufschlussreich, dass sie als maßgebend einzuordnen sind. Sie hatte im Herbst 1920 die Gelegenheit, ausführlich die Fragen der proletarischen Frauenbewegung und der Sexualität mit Lenin zu erörtern. Lenin kritisierte Clara Zetkin ! Warum ? Weil sie in ihrer praktischen Arbeit in Deutschland in Lese- und Diskussionsabenden mit Arbeiterinnen besonders die sexuelle Frage in den Mittelpunkt gestellt hatte. „Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen, als ich das hörte. Der erste Staat der proletarischen Diktatur ringt mit den Gegenrevolutionären der ganzen Welt. Die Lage in Deutschland selbst fordert die größte Konzentration aller proletarischen, revolutionären Kräfte zur Zurückwerfung der immer mehr vorwärtsdringenden Gegenrevolution. Die tätigen Genossinnen aber erörtern die sexuelle Frage … Die gelesenste Schrift soll die Broschüre einer jungen Wiener Genossin über die sexuelle Frage sein. Ein Schmarren !“ (Clara Zetkin, Erinnerungen an Lenin, Dietz Verlag Berlin, 1957,65). Eindeutig sprach sich Lenin gegenüber Zetkin gegen das Überwuchern sexueller Theorien und gegen das „Herumwühlen im Sexuellen“ (a.a.O.,66) aus. Dieses Wühlen „mag sich noch so wild und revolutionär gebärden, es ist doch zuletzt ganz bürgerlich. Es ist im besonderen eine Liebhaberei der Intellektuellen und der ihnen nahestehenden Schichten. In der Partei, beim klassenbewußten, kämpferischen Proletariat ist kein Platz dafür“. (a.a.O.). An erster Stelle darf nicht die Sexualität stehen, sondern die proletarische Revolution, der wissenschaftliche Sozialismus und die Politik. Ohne Disziplinierung der Neigungen, hier der sexuellen, kann kein effektiver weltgeschichtlicher Beitrag zur Vorbereitung der Revolution der Arbeiter und Bauern und der zu ihr reziprok verlaufenden Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus geleistet werden. In Russland standen 1916 / 1917 solche Idioten wie Rasputin und Nikolaus Romanow an der Spitze des Staates, das ist heute in Westeuropa nirgendwo mehr der Fall. Ist denn nicht klar, dass hier die ganze Schöpferkraft in die Bahn der proletarischen Revolution strömen muss ? Was ist denn ein Orgasmus, gleich welcher Art er zustande gekommen sein mag, im Vergleich mit dem Projekt einer kommunistischen Revolution in Deutschland ?

Natürlich sind wissenschaftlicher Sozialismus und Drogenkonsum unvereinbar. Eine profitsüchtige Alkoholindustrie führt heute bereits Vernichtungsfeldzüge gegen die Völker aller Länder. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZfgA) hat ausgerechnet, dass in der BRD täglich 202 Menschen an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums das Zeitliche segnen. Glaubt ihr schwächlichen, der Natur entfremdet, durch und durch zivilisationskranken Europäer denn allen Ernstes, der destruktiven Kraft der Alkoholmafia widerstehen zu können, wenn selbst so robuste Naturvölker wie die Indianer draufgegangen sind ?  In den russischen Revolution des 20. Jahrhunderts war zu beobachten, dass sowohl die in der Revolution von 1905 als auch die im Februar 1917 geborenen Sowjets die Aufgabe übernommen hatten, das Alkoholproblem in der Arbeiterbewegung zu lösen. Bezeichnend aber ist die Szene, die sich nach der Abstimmung über die Resolution des bewaffneten Aufstandes im Oktober 1917 in Petrograd abspielte, die mit zehn gegen zwei Stimmen angenommen worden war. Als Sinowjew zur Feier des Tages eine Flasche Wodka auf den Tisch stellte, fegte Lenin sie mit den Worten beiseite: „Das ist eine Revolution der Reinen“. (Erik Durschmied, Der Untergang großer Dynastien, bohlau Verlag, Wien Köln Weimar, 2000,94). Prägen wir uns diese Szene gut ein ! Denn im DKP-Büro in Hannover habe ich eine Kiste Herrenhäuser Bier entdecken müssen. Wie passt das mit der gut ausgestatteten Bürobibliothek zusammen ? Noch ärger treibt es allerdings die MLPD. Sie kam auf die famose Idee, zu Ehren, so die Worte der Partei, zu Ehren „100 Jahre Oktoberrevolution“ einen blauen Spätburgunder als Sonderabfüllung des Weingutes Wilmshof für 8, 90 € pro Pulle zu kredenzen, zwei Euro pro Flasche gehen in die Spendenkampagne der MLPD. Um an die Kröten der Proleten heranzukommen, erweisen sich die Tetzels als äußerst einfallsreich. Fallen die Euros in die Spendendosen der MLPD, ist wieder alles im Lot, und eine kleinbürgerliche Seele wird auf wundersame Weise rot. (Ich war selbst Zeuge, wie die Mitglieder der MLPD auf einer Montagsdemo in Hannover am Schillerdenkmal, bei der sie ihre Spendendose kreisen lassen,  eine Bettlerin haben abblitzen lassen. Kommunist/innen geben einer armen, alten Bettlerin nichts ab !! Was für eine Szene ! Was für ein Stoff für Dostojewski !). Hinzu kommt noch, dass der Fusel in der Roten Fahne Nr. 7/17  neben dem Sammelband Marxismus-Leninismus zum Kauf präsentiert wird. So werden der Marxismus-Leninsmus und die Oktoberrevolution besudelt.

Um auf die Schädlichkeit der Musik, die diese in Lenins  Weltbild hatte, hinzuweisen, genügt eine Szene.  Gorki hat sie festgehalten, die Szene,  in der der bekannte Pianist Isaay Dubrowen Lenin Beethovens Appassionata vorspielte: „Ich kenne nichts Schöneres als die Appassionata und könnte sie jeden Tag hören. Eine wunderbare, nicht mehr menschliche Musik ! Ich denke immer mit vielleicht naiv kindlichem Stolz; daß Menschen solche Wunder schaffen können !“ Dann kniff er die Augen, lächelte und setzte unfroh hinzu: „Aber allzu oft kann ich Musik doch nicht hören. Sie wirkt auf die Nerven, man möchte lieber Dummheiten reden und Menschen den Kopf streicheln, die in einer schmutzigen Hölle leben und trotzdem solche Schönheit schaffen können. Aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muß man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen – obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind, Hm Hm – unser Amt ist höllisch schwer.“ (Lenin, in: Georg Lukács, Lenin, Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin, 1969,91f.). Der Blues zum Beispiel thematisiert zwar ständig gesellschaftliche Mißstände, bietet aber keine Lösung an. Der Kommunismus aber „ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung“ (Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,536). Die Redaktion der Roten Fahne der MLPD hat mich in diesem Punkt des Sektierertums bezichtigt. Aber es ist die Partei, die den Leninsmus verwässert, die den Gesang der Gosse höher stellt als eine Aussage von Lenin.  Ein Mann, der Lenin folgt, kann kein Sektierer sein.

Eine weitere Schwierigkeit kommt besonders in Deutschland hinzu. Engels wies uns in der ‚Geschichte des Bundes der Kommunisten‘ darauf hin, dass die meisten Deutschen einen Hang zur inneren Haltlosigkeit haben. Man begreift angesichts der in Deutschland zur Zeit so schwachen kommunistischen Arbeiterbewegung sofort die Gefahr, die ihr durch Sex, Drugs & Rock’n Roll drohen. An einen bolschewistischen Berufsrevolutionär muss deshalb ein sehr strenger Maßstab angelegt werden: ob sein ganzer Lebenswandel den Idealen der Revolution entspricht oder nicht ? Sex, Drugs und Rock’n Roll müssen gegen Null tendieren. Wie es bei Felix Dzierschinski der Fall war. Jakób Hanecki, ein Weggenosse und Mitglied des Hauptvorstandes der SDKPiL, berichtet über ihn in seinen Memoiren: „Man kann sich nur schwer ein Bild von der eisernen, unerschöpflichen Energie machen, mit der er arbeitete. Nachtruhe gönnte er sich selten. Es kam vor, daß man ihn mit Gewalt zum Essen zwingen mußte. Er arbeitete achtzehn bis zwanzig Stunden am Tag“. (Vergleiche Feliks Dzierzynski, Biographie, Dietz Verlag Berlin, 1981, 69). Dass man uns während des Voranbringens der bolschewistischen Sache zum Essen zwingen muss – da müssen wir hinkommen. In einem kapitalistischen Land gegen den Strom zu schwimmen, ist eine dornige Sache, ein langer Weg der bitteren, negativen Erfahrungen, nur so kann man den Marxismus-Leninismus studieren, ihn durch harte Erlebnisse bestätigt finden, ihn in der Praxis des Klassenkampfes weiterentwickeln. Wenn ich mir heute die Linkesten der Linken in den kommunistischen Parteien Deutschlands anschaue: sie gönnen sich Nachtruhe, sie speisen in vornehmen Restaurants, sie arbeiten kaum sechs Stunden  am Tag für die bolschewistische Sache. Die Folge davon ist, dass der Pauperismus mehr und mehr steigt, dass immer mehr Menschen in den Großstädten in Abfallbehältern nach Essbaren suchen, die Folge davon ist, dass Arbeiterkorrespondenzen nicht beantwortet werden. Rosa Luxemburg hatte tausenmal Recht, als sie schrieb, dass in jedem sibirischen Dorf mehr Humanität herrsche als in der deutschen Sozialdemokratie.

Wir haben den Bolschewismus wahrhaft durch Leiden errungen, so schreib Lenin im ‚Linken Radikalismus‘. Keiner ist ohne Sünde. Weg mit dem perversen Dreck ! Weg mit den Pornoheften, wegen mit dem Fusel, weg mit der ganzen anglo-amerikanischen Rockmusik – weg mit dieser ganzen destruktiven Irrationalität, her mit den konstruktiven lichtbringenden Werken von Marx, Engels und Lenin !!! Sie klären uns auf, wie es kommt, dass und wie die Arbeit des Volkes in die Börse einer kleinen Schar von ekelerregenden Volksfeinden mündet. Welches Licht hat denn nun der Marxismus-Leninismus der Arbeiterklasse weltweit aufgesteckt ? Er erklärt, wie durch die Ausbeutung der Arbeiterklasse, ihrer Arbeitskraft als eine Ware, die in ihrem Gebrauchswert Quelle von Wert ist, die Kapitalisten sich an dieser Wertschöpfung aus der Arbeitskraft bereichern und dass die arbeitende Klasse von den Kapitalisten selbst gezwungen wird zur gewerkschaftlichen Organisation, zur Organisation einer revolutionären Kampfpartei und in eine gewaltsame Revolution hineingejagt wird. Das deutsche Volk steuert unvermeidlich auf einen Revolutionskrieg, auf einen Bürgerkrieg der schrecklichsten Art zu, in dem die Marxisten-Leninisten gegen den Strom schwimmen müssen und unbarmherzig auf die führenden Köpfe der AfD, der Grünen, der FDP, der Linken, der SPD, der CDU… usw … einprügeln müssen. Ein höllisch schweres Amt ! Ist denn nicht klar, dass in dem kommenden kolossalsten Bürgerkrieg, den das deutsche Volk je erlebt haben wird und dem sich keiner entziehen kann, nur ein kleiner harter Kern von bolschewistischen Elitesoldaten überleben wird ? 

Die Einschätzung des Lesers H. Ahlreip finde ich sehr rigide und weit übertrieben. Hier werden Sachverhalte ganz unnötig gegeneinander in Stellung gebracht (Sexualverhalten/Musikgeschmack <-> revolutionäre Gesinnung). Und Lenin hat Musik ganz sicher nie als „schädlich“ angesehen, ganz im Gegenteil.
So eine kuriose Sichtweise wollte ich mit meinem Artikel nicht befördern.
Mir ging es um die Problematik eines übertriebenen Alkoholkonsums, die sich aus meiner praktischen Erfahrung in der politischen Arbeit mit der Arbeiterklasse konkret stellt. Dabei wende ich mich auch gegen opportunistische Bestrebungen in „der Linken“, Drogen zu bagatellisieren, gar zu verherrlichen sowie Gender-Ideologie/Feminismus zum Hauptinhalt der Politik zu machen. Aber daraus würde ich nicht den Schluss ziehen, irgendwelche „(sexuellen) Neigungen“ zu disziplinieren. (Das ist überhaupt eine völlig vermischte Darstellung und sprengt Rahmen und Intention des Artikels.)
Gleichzeitig spricht der Leserbrief „den zivilisationskranken Europäern“ ohnehin die Möglichkeit ab, „der Kraft der Alkoholmafia widerstehen zu können“. Das stimmt ja auch zum Teil, zeigt damit aber auch, dass Askesepropaganda nicht der richtige Weg sein kann, zumindest nicht Sache einer politischen Organisation ist, sondern Fragen individueller Lebensgestaltung betrifft, die eher in religiösen oder anderen philosophischen Zusammenhängen diskutiert werden können. Mir geht es darum, auf das „Zuviel“ hinzuweisen, dass sich hier darüber definiert, inwieweit politische Arbeit behindert oder unmöglich wird. Ein Kasten Bier im Parteibüro besagt überhaupt nichts. Eine kritische, ernsthafte Auseinandersetzung mit der Politik der DKP ist da wichtiger.
Mir ist schleierhaft, wie man mit so lebensfernen Losungen heute „bolschewistische Elitesoldaten“ – was auch immer er sich darunter vorstellt – gewinnen will.
A.

hallo Genosse Diethard

Ich bedanke mich für die mail, da ich sie auch als Anlass nehmen kann, meinen Leserbrief zu konkretisieren, was den bolschewistischen Elitesoldaten Felix Dierzynski betrifft. Mittlerweile habe ich die Quelle gefunden, die meiner Darstellung Hand und Fuß gibt. Ich habe den Text an dieser Stelle wie folgt geändert:

An einen bolschewistischen Berufsrevolutionär muss deshalb ein sehr strenger Maßstab angelegt werden: ob sein ganzer Lebenswandel den Idealen der Revolution entspricht oder nicht ? Sex, Drugs und Rock’n Roll müssen gegen Null tendieren. Wie es bei Felix Dzierschinski der Fall war. Jakób Hanecki, ein Weggenosse und Mitglied des Hauptvorstandes der SDKPiL, berichtet über ihn in seinen Memoiren: „Man kann sich nur schwer ein Bild von der eisernen, unerschöpflichen Energie machen, mit der er arbeitete. Nachtruhe gönnte er sich selten. Es kam vor, daß man ihn mit Gewalt zum Essen zwingen mußte. Er arbeitete achtzehn bis zwanzig Stunden am Tag“. (Vergleiche Feliks Dzierzynski, Biographie, Dietz Verlag Berlin, 1981, 69). Dass man uns während des Voranbringens der bolschewistischen Sache zum Essen zwingen muss – da müssen wir hinkommen. In einem kapitalistischen Land gegen den Strom zu schwimmen, ist eine dornige Sache, ein langer Weg der bitteren, negativen Erfahrungen, nur so kann man den Marxismus-Leninismus studieren, ihn durch harte Erlebnisse bestätigt finden, ihn in der Praxis des Klassenkampfes weiterentwickeln. Wenn ich mir heute die Linkesten der Linken in den kommunistischen Parteien Deutschlands anschaue: sie gönnen sich Nachtruhe, sie speisen in vornehmen Restaurants, ohne jedes Schamgefühl, dass der Sohn von Karl Marx, der kleine, hochbegabte Edgar, des Hungers starb, sie arbeiten kaum sechs Stunden  am Tag für die bolschewistische Sache. Auch eine Folge davon ist, dass der Pauperismus mehr und mehr steigt, dass immer mehr Menschen in den Großstädten in Abfallbehältern nach Essbaren suchen, die Zahl der Drogentoten 2016 auf 1333 gestiegen ist, die Folge davon ist, dass Arbeiterkorrespondenzen nicht beantwortet werden. Rosa Luxemburg hatte tausenmal Recht, als sie schrieb, dass in jedem sibirischen Dorf mehr Humanität herrsche als in der damaligen deutschen Sozialdemokratie.

Ich spiele nicht Sachverhalte gegeneinander aus, sondern es ist doch in der bürgerlichen Konsumgesellschaft  ein Zusammenhang, eine Kette festzustellen zwischen Sex, Alkohol und Hooligan-Musik und Musik ganz allgemein. Vorbilder können für einen Revolutionär nur Giganten wie Lenin, Stalin und Dzierzynski sein. Wir alle stecken schon zu sehr im Sumpf der kapitalistischen Barbarei, um diese Giganten erreichen zu können, aber es ist unsere Pflicht, sich ihnen anzunähern, so weit es geht (jeder nach seinen Leistungen). Lenin hat übertriebenen Musikkonsum als schädlich angesehen, ich habe das doch belegt, während der Gegenbeweis nicht erbracht werden kann. Es gibt im Gesamtwerk Lenins keine Stelle, in der er den Musikgenuss in der Vorgeschichte der Menschheit vorbehaltlos als nur positiv sieht. Im Klassenkrieg, in dem wir uns befinden, kommt es für die roten Soldaten darauf an, sich eine strenge Disziplin anzueignen, etwas anderes ist es in der kommunistischen Gesellschaft,  in der es eine wahre Befreiung der Sexualität und Musikkompositionen geben wird, die Beethovens in den Schatten stellen werden.Der junge Genosse vertritt die Auffassung, ein Gläschen schadet nichts. Das mag in anderen Ländern richtig sein, die Deutschen haben nun aber mal den Hang zur inneren Haltlosigkeit (die ein Österreicher auszunutzen wusste). Aus dem Biersuff des Münchener Bürgerbräukellers stieg doch die braune Pest hoch, vergiftete fast ein ganzes Volk und strandete in Stalingrad, die Stadt, die noch heute einer Pariser Metrostation ihren Namen gibt. (Die Pariser haben sie nicht in Eisenhüttenstadt umgetauft !). Als Lenin die Flasche Wodka vom Tisch fegte, ging es da um einen religiösen oder philosophischen Zusammhang oder um einen politischen ?
Was (richtig muss es heißen: wen) ich mir unter einen bolschewistischen Elitesoldaten vorstelle ? Nun, zum Beispiel Feliks Dzierzynski ! Dazu zwei Literaturhinweise: N.I. Subow: Dzierzynski, Eine Biographie, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, 1975, der zweite befindet sich an der erweiterten Stelle meines Leserbriefes.

Solidarische Grüße
Heinz

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Die revolutionären Kommunistinnen und Kommunisten müssen eine klare Trennungslinie zur Partei ‚Die Linke‘ ziehen

26. März 2017

Durch das Studium der Geschichte der Stadtrepublik Venedig vor Ort kam Rousseau 1743 auf den wegweisenden Gedanken, dass in Zukunft das Schicksal der Menschheit von der Politik bestimmt sein wird wie bisher von Metaphysik und Religion. Napoleon, der 1799  die französische Revolution für beendet erklärt hatte, sagte auf St. Helena: „Die Politik ist unser Schicksal“. Das ist das Credo der Reaktion, Politik habe eine unentrinnbare Schicksalsmacht über uns zu sein. Bürgerliche Ideologen vertreten die Auffassung, dass der moderne Mensch ein politischer  zu sein habe, während für wissenschaftliche Sozialistinnen und Sozialisten Politik die Versklavung des Volks anzeigt.

Um sich in dieser Frage Klarheit zu verschaffen, muss man erstens bis in die tiefste Vergangenheit des Marxismus zurückgehen, zurückgehen auf die Erkenntnisse, die der junge Marx aus seiner intensiven Auseinandersetzung mit der klassischen französischen Revolution von 1789 gewonnen hatte. Marx stieß auf die Schranke der bürgerlichen Revolution, die für ihn eine politische, aber keine humane war. „Die Revolution überhaupt – der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse – ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung oder der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg“. (Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,409). Die politische Hülle wird also weggeschleudert, denn die „Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich“. (a.a.O.,401f.).

Um sich in dieser Frage Klarheit zu verschaffen, muss man sich zweitens vergegenwärtigen, wie denn Lenin  ‚Politik‘ in den modernen zivilisierten Ländern bestimmt hat: Die Massen sind in Klassen gespalten, die Klassen werden von Parteien geführt, die in der Regel von mehr oder minder stabilen Gruppen der autoritativsten, einflußreichsten und erfahrensten Personen geleitet werden. (Vergleiche Lenin, Der ‚linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,582). Wer die politische Macht hat, diese Frage entscheidet alles ! Bereits 1913 hatte Lenin Marx in der Bestimmung der Politik vertieft: „Die Menschen waren in der Politik stets die einfältigen Opfer von Betrug und Selbstbetrug …“. (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 31, Dietz Verlag Berlin, 1960,8).

Wenn heute 10 000 von den Massenmedien verdummte Menschen politisieren, so ist 9 990 von ihnen die Bestimmung der Politik durch Marx und Lenin unbekannt und von den restlichen zehn können neun die Gedanken von Marx und Lenin gar nicht nachvollziehen. So wird Geschichte geschrieben, so wird Politik betrieben.

In der ‚clara‘ Nr. 43, dem Magazin der Fraktion ‚Die Linke‘ im Bundestag, findet sich ein aufschlußreiches Interview mit Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch, das überschrieben ist: „Wir wollen einen Politikwechsel“, ein Satz, den Dietmar Bartsch im Interview vorgebracht hatte. Schon aus diesem Satz kann man ablesen, dass es diesen Linken nicht um eine Aufhebung der Diktatur des Kapitals über die Lohnarbeit geht. Es geht ihnen auch nicht um die Aufhebung der Klassen der bürgerlichen Gesellschaft, um die Abschaffung der Klassen überhaupt. Den wirklich linken Klassenkämpferinnen und Klassenkämpfern geht es heute um die Aufhebung von bürgerlichen und proletarischen Klassen, um die Abschaffung von Klassen überhaupt, damit um die Aufhebung des Marxismus-Lenismus, der als ‚Anleitung zum revolutionärem Handeln‘ in einer klassenlosen Gesellschaft nicht mehr benötigt wird. Soll es keine politikfreie Periode in der Geschichte der Menschen  geben, in der sie weder sich selbst noch andere betrügen ?

Als Lenin im „tollen Jahr 1917“ aus dem Schweizer Exil nach Russland zurückkehrte, forderte er die Bolschewiki sofort auf, sich klar und deutlich von den Menschewiki abzugrenzen. Auch die revolutionären Klassenkämpferinnen und Klassenkämpfer im tollen Wahljahr 2017 müssen sich in der BRD sofort  von den sich selbst betrügenden Volksbetrügern abgrenzen. Beispiele aus dem Interview gefällig ? „Wir werden nur in eine Regierung gehen, wenn sie die soziale Ungleichheit spürbar verringert und den Sozialstaat wiederherstellt“. (Sahra Wagenknecht, Wir wollen einen Politikwechsel, in: clara, Das Magazin der Fraktion Die Linke im Bundestag, Nr 43,15). Das deutsche Volk braucht keinen sogenannten Sozialstaat, sondern einen Knüppel. „Der Staat nur = WERKZEUG des Proletariats in seinem Klassenkampf. Ein besonderer Knüppel, rien de plus!“ (Lenin, Über die Dikatatur des Proletariats, Werke Band 30, Dietz Verlag Berlin, 1960,80). Mit diesem Knüppel muss das Proletariat jeden bürgerlichen Staat, auch den schönsten Sozialstaat zerschlagen. Denn durch ihn findet eine optische Täuschung statt: Die Asozialität der Existenz der Lohnsklaverei wird als etwas Soziales ausgegeben. Wenn das Proletariat sich erhebt, um sich den ganzen perversen politischen Dreck vom Halse zu schaffen, dann werden auch die Linken ihren Selbstbetrug bemerken, ihre Naivität, zu glauben, das deutsche Volk werde ihnen auf ewig Zucker in den Arsch blasen, etwa in Form einer monatlichen Abgeordnetendiät von 9 500 €,  damit sie es mit der Fata Morgana eines sogenannten Sozialstaates betrügen, nein ! Dann wird der proletarische Knüppel von oben herabsausen auf ihre im Bundestag breitgesessenen Hinterteile. Und wer   behauptet, die Völker hätten kein Recht, Konterrevolutionäre, Faschisten und Volksfeinde mit dem Knüppel zu bestrafen, muss selbst eine Tracht Prügel bekommen.

Ein weiteres Beispiel für Betrug und Selbstbetrug in der Politik: Eine starke Linke bedeutet Druck für ein gerechteres Land. (Vergleiche Sahra Wagenknecht, Wir wollen einen Politikwechsel, in: clara, Das Magazin der Fraktion Die Linke im Bundestag, Nr 43,15). Das wird man auch 3017 sagen können. Denn die Reichen und Mächtigen sagen sich: Politisiert so viel ihr wollt, Sahra Wagenknecht ist nicht die Frau, die euch über das Wesen der Politik aufklärt. Sie steht in der Tradition von Eugen Dühring, der Politik gegenüber der Ökonomie verabsolutierte und von Engels zurecht gewiesen wurde: Die politische Gewalt wird von der Wirtschaftslage unterjocht. Also muss das kapitalistische Wirtschaftssystem zerschlagen werden, um von der Politik erlöst zu werden. Es gibt viele Dührings unter den Linken bzw. die Linke existiert zu 99 Prozent aus kleinen und großen Dührings.   ‚Clara‘ als Sahra kann man sich vor dem Kapital nicht prostituieren. Sie trompetet: „Wir sind die soziale Protestpartei“. Die Kapitalisten sagen: Na und ! Es muss eben der Knüppel her ! Denn die Reichen und Mächtigen haben viel mehr Zeit, die Wissenschaft ihres Klassenfeindes zu studieren, während es umgekehrt für die Ausgebeuteten aus Zeitmangel und Erschöpfung recht schwierig ist, wissenschaftlich in das Wesen des Kapitalismus/Imperialismus einzudringen. Die proletarische Positionierung an einer Werkbank in einem kapitalistischen Großbetrieb ist zwar der erste richtige Schritt, aber daraus folgt bei weitem noch kein sozialistisches Klassenbewußtsein, nur der materielle Ansatz ist da. „Alles, was die Menschen in Bewegung setzt, muß durch ihren Kopf hindurch“. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,298 ). Es kann keinen tiefen sozialen Fortschritt geben, wenn wir das von Lenin angegebene Ziel aus dem Kopf verlieren: die völlige Vernichtung der Bourgeoisie.

BEMERKUNGEN ZUM WAHLJAHR 2017 IN DER BRD

2. März 2017

 

Zu den wohl faszinierendsten Merkwürdigkeiten der russischen Oktoberrevolution gehört die Tatsache, dass die Matrosen von Kronstadt  im Oktober 1917 ganz entscheidend zum Sieg der Bolschewiki beitrugen, vier Jahre später aber aus Kronstadt  der Ruf durch Russland hallte: Sowjets ohne Bolschewiki !  Jetzt wollten die Matrosen die bolschewistische Partei zur politischen Bedeutungslosigkeit verdammen und ihr Aufstand wurde unter hohen Opfern von Kommunistinnen/Kommunisten niedergeschalgen. Warum muss die bolschewistische Partei die Räte dominieren ? Die Räte dürfen nicht zu einem Fetisch gemacht werden. Sowjets ohne Bolschewiki hätte bedeutet, die Oktoberrevolution zu halbieren. Im Russland des Jahres 1917 bestand der politische Fortschritt darin, dass die Räte jederzeit abwählbar waren, legislative und exekutive Gewalt vereinigten und nach Arbeiterlohn bezahlt wurden. Der Wahlkreis der Räte war zudem nicht territorial definiert, wie im bürgerlichen Parlamentarismus, sondern bestimmte sich in und aus der Arbeitswelt: Fabrik, Regiment, Bauernhof (Arbeiter-, Soldaten und Bauernsowjet).

Aber dass noch gewählt werden sollte zeigt doch politische Unmündigkeit an. Wer sich nicht in der Erarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus befindet, wer ihn nur vom Hörensagen kennt, infantilisiert sich noch im Sandkastenspiel der Politik, so wie in jeder Militärakademie Soldaten an einen Sandkasten spielen.  Wer politisiert, ohne darüber nachzudenken, was es bedeutet, wenn Lenin davon spricht, dass in der Politik die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug  (Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8) sind, hat noch nicht das intellektuelle Niveau von Aristoteles erreicht, der 384 Jahre vor unserer Zeitrechnung geboren wurde und der ganz richtig bemerkt hat, dass man über wissenschaftliche Wahrheiten gar nicht abstimmen könne. Nur was schwammig ist, darüber kann man abstimmen nach dem Prinzip der Mehrheit und wie in der Geschichte so auch in der Gegenwart besteht das politische Geschäft der Ideologen der Konterrevolution darin, auf dem Gebiet gesellschaftlicher Fragen alles schwammig zu halten, die Bücher der Klassiker zu verteufeln, nicht zur wissenschatlichen Klarheit zu gelangen, denn dann erübrigten sich Abstimmungen. Die Großbourgeoisie ist stets sehr interessiert an Akademikerinnen/Akademiker aus dem konfusen Kleinbürgertum, der am meisten schwankenden Klasse in der bürgerlichen Gesellschaft. Trifft ein Revolutionär eine falsche Wegwahl, wird es für ihn in der Praxis niemals zum Wegfall von Wahlen kommen können. In der Frage des Zieles gehen wir mit den Anarchisten gar nicht auseinander, pflegte Lenin zu sagen. 

Die regierungsamtliche Verblendung in Ausbeutergesellschaften besteht darin, dass die Ausbeuter die politische Unmündigkeit, die im freien und im allgemeinen Wahlrecht mittlerweile steckt (dessen Erkämpfung einst eine fortschrittliche Sache war), als letztes Wort der Gesellschaftswissenschaft ausgeben. Wie es in der Religion nur einen Gott geben darf, so soll es in der Politik nur eine Demokratie geben. Das ist falsch. Es gibt Demokratie und Demokratie. Eins teilt sich in zwei. Wir müssen heute in politischen Fragen zum Thema ‚Demokratie‘ stets mit zwei Demokratiebegriffen operieren: Es gibt eine bürgerliche Demokratie gegen den Feudalismus, die angeblich nach den bürgerlichen Ideologen ewig zu bestehen hat (so hätten es diese Volksbetrüger gern) und es gibt eine proletarische Demokratie gegen den Kapitalismus (Vergleiche Lenin, Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky, Werke Band 28, Dietz Verlag Berlin, 1960, 241), die nach Engels einschläft bzw. nach Lenin abstirbt. Die Ausgebeuteten sollen im Sandkastenspiel der Politik ihren Schnuller, auf den sie – als angeblich „mündige Bürger“ – auch an der Wahlurne kauen, im Mund behalten und nicht den Sprung aus dem Sandkasten schaffen, sie dürfen nicht das wissenschaftliche Niveau von Aristoteles, Marx, Engels und Lenin erreichen. Fällt es denn nicht auf, dass Marx zum Beispiel bei der Erklärung der zwangsläufigen Arbeitslosigkeit im Kapitalismus ganz ohne die Nennung von Politikernamen auskommt ? Engels wies die Arbeiterklasse mit größter Entschiedenheit darauf hin, dass das allgemeine Stimmrecht nur ein Werkzeug der Herrschaft der Bourgeoisie ist. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,405).

Die anfangs aufgezeigte Widersprüchlichkeit in der politischen Entwicklung der Matrosen von Kronstadt ist mit einer anderen Widersprüchlichkeit abzurunden. Lenin gab uns ganz präzise Hinweise zum Charakter des bürgerlichen Parlamentarismus, ein System, das er Lloyd-Georgeismus nannte: „Ohne Wahlen geht es in unserem Zeitalter nicht; ohne die Massen kommt man nicht aus, die Massen aber können im Zeitalter des Buchdrucks und des Parlamentarismus nicht geführt werden ohne ein weit verzweigtes, systematisch angewandtes, solide ausgerüstetes System von Schmeichelei, Lüge, Gaunerei, das mit populären Modeschlagworten jongliert, den Arbeitern alles mögliche, beliebige Reformen und beliebige Wohltaten verspricht – wenn diese nur auf den revolutionären Kampf für den Sturz der Bourgeoisie verzichten“ (Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,114). Das Wahljahr 2017 in der BRD bestätigt bereits in seinen Anfängen die völlige Richtigkeit dieser Gedanken aus dem Jahr 1916. Aber es wäre ein Trugschluss einer revolutionären Partei, aus der Erkenntnis des Systems Lloyd-Georgeismus heraus eine generelle Wahlabstinenz zu favorisieren. Ein Arzt hat einen kranken Körper zu heilen, ein Revolutionär hat ein krankes politisches System zu töten. Ohne ständige Erarbeitung des wissenschaftlichen Sozialismus ist die Gefahr dabei sehr groß, dass man durch den perversen bürgerlichen Dreck, der uns aus allen Himmelsrichtungen umgibt und zu dem auch der bürgerliche Parlamentarismus gehört, angesteckt werden kann. Nur der wissenschaftliche Sozialismus immunisiert uns davor.


 


				

Die russische Revolution von 1905 ohne Sowjets und die russische Februarrevolution ohne Frauen – Wie die MLPD zwei russische Revolutionen darstellt

20. Februar 2017

Ausgerechnet in der Ausgabe der ‚Roten Fahne‘ vom 17.2. 2017, die cirka 20 Tage vor dem Internationalen Frauentag 2017 erschien, fällt eine Merkwürdigkeit bezüglich der Bedeutung revolutionärer Frauen für ein historisches Ereignis auf, das Lenin als weltgeschichtlich gewertet wissen wollte. Dieses Ereignis war die russische Februarrevolution 1917. „Solche Etappen wie der Oktober 1905, der Februar und Oktober 1917 haben welthistorische Bedeutung“. (Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,262). Auf Seite 38 ist in der ‚Roten Fahne‘ ein schwarz-weiß Bild einer Massenversammlung mit dem Untertitel „Arbeiter der Putilow-Werke demonstrieren am 23. Februar 1917“ bedacht worden. Nur – auf dem Bild sind fast ausschließlich Frauen und Kinder abgebildet. Die Februarrevolution war keine „reine Männersache“, wie es der Artikel unterstellt.

Im Gegenteil: Der Ursprung der auf acht Tage zu begrenzenden Februarrevolution, der ersten siegreichen Volksrevolution in der Epoche des Imperialismus, war feminin: Die von Männern dominierten Arbeiterkomitees, einschließlich der bolschewistischen, hatten sich gegen Streiks ausgesprochen, aber am 8. März, am Internationalen Frauentag, hielten sich die Frauen aus Brotknappheit nicht mehr daran. Die Februarrevolution, die sich nach westlichem Kalender im März vollzog, begann unter dem Schatten des Weltkrieges, der für Russland erhebliche militärische Niederlagen und von allen kriegführenden Ländern die größten Erschütterungen brachte, durch Streiks von Textilarbeiterinnen, Müttern und Hausfrauen, also von den am meisten Ausgebeuteten, unter der Lebenmittelkrise am meisten Leidenden, im Petrograder Stadtteil Wyborg. Am nächsten Tag entbrannte der Protest auch in andern Stadtteilen. 1917 verdienten die Frauen nur halb so viel wie die Männer. Lenin hatte Recht, dass die Revolutionäre tiefer in die Gesellschaft eindringen müssen, zu den Untersten der Unteren. Diese Arbeiterinnen initiierten alles und schickten Delegationen zu den schlagkräftigen Metallarbeitern, die sich überzeugen ließen. So kam die Lawine von unten in Gang, am Nachmittag des 8. März streikten 90. 000. Es liegt eine eindeutige Revolution von unten, eine spontane gegen die eigenen revolutionären Organisationen vor, die Fahnen der Frauen und des Frauentages rissen die rote Fahne mit sich, und insofern gebührt den vom Kapital exzessiv ausgebeuteten Beginnerinnen der Februarrevolution ein Ehrenplatz in der Geschichte der sozial ausgerichteten Revolutionen. Die Februarrevolution kam für die Berufsrevolutionäre überraschend. Der Stein war ins Rollen gekommen … hin zur Februarrevolution … hin zu Oktoberrevolution … hin zur Weltgeschichte. Ohne die Frauen hätten wir nicht gesiegt, wird Lenin später sagen.

Schon in der Ausgabe vom 20.1.1917 brachte die ‚Rote Fahne‘ einen Artikel zur russischen Revolution von 1905. Diese war für Lenin nicht nur ein weltgeschichtliches Ereignis (siehe oben), sondern die Generalprobe für die Oktoberrevolution. Und mit wieviel Sätzen wird die Arbeiterklasse abgespeist ? Mit 14 Sätzen ! Man stelle sich das einmal vor: Menschen, die sich dem Anspruch verpflichtet wissen, den wissenschaftlichen Sozialismus weiterzuentwickeln, handeln im 100. Jahr des Ausbruchs der Oktoberrevolution deren Generalprobe mit 14 Sätzen ab. Das wirkt für jede kritische und wissenschaftlich gebildete Arbeiterin, für jeden kritischen und wissenschaftlich gebildeten Arbeiter wie dahingeschissen. Was sind 14 Sätze mehr als eine Kalendernotiz ? Für dieses komplexes Thema stellte die ‚Rote Fahne‘ eine Seite zur Verfügung ! Und die eine Hälfte der Seite nahm noch ein Bild von Lenin in Anspruch ! Wohlgemerkt, also ein halbe Seite für die erste Volksrevolution unter imperialistischen Bedingungen im 20. Jahrhundert. Es gibt einen komplexen inneren Zusammenhang zwischen dem Oktober 1905, der Februar- und der Oktoberrevolution, der auch bereits bei der wissenschaftlichen Behandlung der ersten Revolution aufgezeigt werden muss. Zum Beispiel bilden die Sowjets einen roten Faden, der in allen drei Revolutionen gefasst werden muss. Das Wort „Sowjet“ kommt in dem Artikel gar nicht vor, gerade der russische Sowjet aber war die wichtigste, über die Pariser Commune hinausgehende politische Errungenschaft des Massenkampfes gegen den Zarismus, das reaktionärste und das demokratischste Organ Europas standen nebeneinander, mehr noch: antagonistisch blutsonntaglich gegeneinander, die Doppelherrschaft nach der Februarrevolution 1917 im Keim enthaltend.  Auch das Wort ‚Februarrevolution‘ kommt in dem Artikel über die Revolution von 1905 nicht einmal vor, kein Wunder, wenn man nur eine halbe Seite zur Verfügung hat. Und doch haben wir es hier nicht nur mit Weltgeschichte zu tun, sondern auch  mit Kettenglieder eines Prozesses, in dem kein Kettenglied ausgelassen werden darf, mit welcher der drei Revolutionen man sich inhaltlich auch auseiandersetzt. Schon allein dadurch, dass Lenin allen drei Revolutionen eine weltgeschichtliche Bedeutung bescheinigt, liegt zwischen ihnen ein innerer Zusammenhang vor, die weltgeschichtliche Bedeutung ist die markanteste, aber man muss wesentlich tiefer gehen. Die bürgerliche Revolution wächst in die proletarische hinüber, und gerade den Aprilthesen Lenins (ein weiteres Kettenglied) und den Sowjets kommen in diesem Prozess eine ganz wesentliche Rolle zu.

In dem Artikel über die Februarrevolution vom 17.2.1917 scheint sich die Verfasserin/der Verfasser nur auf ein Buch gestützt zu haben. Am Schluss des Textes heißt es: „Alle Zitate Lenins und Stalins sind dem 1939 im Verlag für fremdsprachige Literatur Moskau erschienenen Samelband ‚Lenin, Stalin – das Jahr 1917‘ entnommen“.  Zitate von anderen Autoren gibt es nicht. Das ist natürlich auch eine Masche: Im Text keine Seitenzahlen zu den Zitaten, aber am Ende das Buch angeben. So wird wissenschaftlich nicht gearbeitet. Die Leserin/der Leser, der einen bestimmten Zusammenhang nachlesen will, ist gezwungen, das Buch von Anfang an zu lesen, bis er die entsprechende Stelle gefunden hat !! Man stelle sich einmal diese Vergeudung wissenschaftlicher Kapazitäten vor ! Dahin ist es also gekommen: Eine Darstellung der russichen Revolution von 1905 ohne Sowjets und eine der russischen Februarrevolution ohne Frauen !! Dafür Bilder, Bilder, Bilder … Kurz: Im Mittelalter verdummten die katholischen Pfaffen die Bauern, indem sie ihre Predigt in lateinischer Sprache hielten, die niemand verstand, heute wird die ‚Rote Fahne‘ durch eine Bilderflut auf das Niveau einer Illustrierten, einer BILD-Zeitschrift herabgewürgt, der Arbeiterklasse wird der wissenschaftliche Sozialismus in Diätform verabreicht, als ob es sich um eine kranke, siechende, geistig minderbemittelte Klasse handelt. Ohne Zweifel reiht sich die ‚Rote Fahne‘ der MLPD ein in die Reihe kleinbürgerlicher Massenmedien, die auf die Köpfe der Arbeiterklasse einprügeln.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit im 100. Jahr des Ausbruchs der Oktoberrevolution

15. Februar 2017

Die ganze fortschrittliche Menschheit feiert am 8. März 2017 den internationalen Frauentag im 100. Jahr des Ausbruchs der russischen Oktoberrevolution. Diese Revolution war die erste Revolution in der Geschichte der Menschheit, die die volle Gleichberechtigung der Frauen durchsetzte. Die Pariser Commune, die 72 Tage währte, hatte diesbezüglich fruchtbare Ansätze, die französische Konterrevolution im Pakt mit Bismarck ließ ihr aber nicht die Zeit, diese zu entwickeln. Lassen wir kurz einmal die sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution Revue passieren. 

Zunächst brachte die Revolution rasch per Dekret des Rates der Volkskommissare  eine Erhöhung des Arbeitslohns für alle Werktätigen und den gleichen Lohn für alle Frauen analog dem Lohn der Männer. Eine Verkürzung des Arbeitstages wurde beschlossen mit der Tendenz, die Arbeitszeit auf ein geringes Maß zu reduzieren, gearbeitet werden durfte in gefährlichen und gesundheitsschädlichen Produktionszweigen nur vier bis sechs Stunden. Bereits 1923 gab es  in der Sowjetunion  weltweit den kürzesten Arbeitstag und die Wohltaten der Kranken- und Rentenversicherung.  Eine Verkürzung des Arbeitstages ist immer ganz wichtig für die wissenschaftliche und kulturelle Weiterentwicklung der Arbeiterklasse. Sodann brachte die Revolution das Verbot der Nachtarbeit, was einer Maßnahme der Pariser Commune entsprach. War Nachtarbeit unumgänglich, so durfte sie vier Stunden nicht überschreiten, das völlige Verbot der Überstundenarbeit, das Verbot, Kinder unter sechzehn Jahren in Arbeitsverhältnisse zu zwingen, die Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern, das Verbot der Frauenarbeit in jenen Wirtschaftszweigen, in denen die Arbeit für den weiblichen Organismus schädlich ist, das generelle Verbot der Nachtarbeit für Frauen, Freistellung der Frau von der Arbeit für die Dauer von acht Wochen vor und acht Wochen nach der Niederkunft unter Fortzahlung des vollen Lohnes für die gesamte Zeit bei unentgeltlicher ärztlicher Hilfe und Versorgung mit Arzeneimitteln, nach dem Aufbau eines Netzes von Entbindungsheimen die Einrichtung von Kinderkrippen, von 1917 bis 1927 stieg die Zahl um das Zwölffache, sowie besonderer Räume für stillende Mütter. Eine Folge der Gleichstellung von ehelichen und unehelichen Kindern war die steil auf Null sinkende Kurve der Kindesmörderinnen. Auch saßen keine ‚unbefugten Geburtshelferinnen‘ mehr in den Gefängnissen, weil Schwangerschaftsunterbrechungen jetzt in den Kliniken vorgenommen wurden. Homosexualität war als Sexualpraktik gesetzlich anerkannt. 1. Sofort durchgesetzt wurde auch die  vollständige Sozialversicherung der Arbeit und das Verbot für Unternehmer, vom Lohn Abzüge in Form von Geldstrafen, abzuzweigen. 2.  Es war vorgekommen, dass Kürzungen vorgenommen worden waren wegen Fehlens beim Gottesdienst. Stalin sagte, dass eine charakteristische Besonderheit der Oktoberrevolution darin bestand, dass sie dem Volk nicht nur die Freiheit, sondern auch die materiellen Güter und die Möglichkeit gab, ein wohlhabendes und kluturvolles Leben zu führen. 3.

Wie hatte die Oktoberrevolution Russland in kurzer Zeit verwandelt ! Die Mutter Josef Stalins war noch eine Leibeigene gewesen, der Scholle des Kulaken verhaftet. Bis 1897, zwanzig Jahre vor der Oktoberrevolution, waren Frauen vom Universitätsstudium ausgeschlossen. 4. Erst 1913 war der Zar so gnädig zu erlauben, dass auch Frauen in Agraruniversitäten lehren dürfen, ohnehin befasste sich in diesem riesigen Agrarland die Staatsduma erst im Dezember 1910 mit der Frage, ob an den Universitäten selbständige landwirtschaftliche Fakultäten eingerichtet werden sollen ? 5. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten nur zehn Prozent der Frauen unter der Landbevölkerung lesen, noch 1913 waren 79 Prozent der Farbrikarbeiterinnen Anaphabetinnen. 6. Es gab im zaristischen Russland in sechzehn Städten nur 91 Universitäten, 1939 konnten in den kulturellen Zentren 750 Universitäten registiert werden, 1952 880. Auf einen Wissenschaftler im Oktober 1917 kamen am 30. Jahrestag der Oktoberrevolution 3 000. 7.  Einige Völkergruppen wie zum Beispiel die Mari, Kirgisen, Kasachen und Tadshiken waren durchweg des Lebens und Schreibens unkundig, bei den jakutischen Frauen waren es 99,3 Prozent. Auf diesem Feld konnten nur die Unkräuter der Religion, des Aberglaubens und der patriarchalischen Deformierung blühen. Fünfzig Jahre später konnten die Früchte der sowjetischen Kulturrevolution geerntet werden.  Am 16. Juni 1963 flog die 26jährige Kosmonautin Valentina Tereschkowa, Tochter eines im zweiten Weltkrieg gefallenen Traktoristen und gelernte Näherin, die am 6. März dieses Jahres 80 Jahre alt wird, als erste Frau in den Weltraum. Chrutschow ließ sich mit Juri Gagarin, sein Flug fand 1961 statt, und Valentina Tereschkowa dutzendemal ablichten, aber die Weichen für diese Jahrhundertaten wurden von den Arbeitskollektiven der Sowjetunion zusammen mit Lenin und Stalin gestellt und ohne die sozialen Errungenschaften der Oktoberrevolution, ohne Verbindung der Universitäten mit der Produktion, ohne ständig steigende Bodenfruchtbarkeit, ohne moralisch-politische Einheit der sich im Sozialismus entwickelnden Sowjetvölker, ohne die bahnbrechenden Rekorde der Stachanow-Aktivistinnen und ohne den Sieg im ‚Großen Vaterländischen Krieg‘, in dem über 600 000 Frauen mit Orden und Medaillen ausgezeichnet wurden, wäre es zu diesen Flügen nicht gekommen. Durch die Flüge von Gagarin und Tereschkowa hatte der Faschismus nicht nur den Wettlauf um Stalingrad, sondern der US-Imperialismus auch den Wettlauf in den Weltraum verloren, denn die Weltraumexperten der USA um den Faschisten Wernher von Braun guckten dumm aus der Wäsche, als am 4. Oktober 1957  die Meldung um die Welt ging, der erste vom sowjetischen Boden abgeschossene künstliche Erdsatellit habe eine Erdumlaufbahn erreicht.  Die Eliten der USA erlebten ihren sogenannten Sputnikschock.

Die Oktoberrevolution hatte für alle Bereiche des menschlichen Lebens neue Maßstäbe gesetzt. Jetzt gilt es, sein Haupt mit Scham abzuwenden, wenn wir etwa den Maßstab des gleichen Lohnes für gleiche Arbeit an die soziale Wirklichkeit der Bundesrepublik Deutschland anlegen. Es gibt ihn nicht. Das, was die Sowjetregierung in wenigen Tagen schaffte, hat die SPD in 154 Jahren nicht geschafft. Noch immer verdienen sich die kapitalistischen Blutsauger an der Ausbeutung der weiblichenn Arbeitskraft dumm und dämlich. Die Sozialdemokratin Manuela Schwesig hat jüngst ja nicht den gleichen Lohn für gleiche Arbeit gefordert, sondern ein „Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern“ angeleiert. Vergleicht man diese Sozialdemokratin mit Lenin und seinen  präzisen, zügigen, einheitlichen, in klare Worte gefassten Dekreten zur Gleichberechtigung der Frau, so ist das, was Schwesig abliefert und den Frauen des deutschen Volkes vorsetzt,  auf den ersten und auf den letzten Blick Pfusch. Das Prinzip ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit‘ wird gar nicht bzw. immer noch nicht angestrebt. Es gilt in der Arbeitswelt der BRD die Sure 2,228 des Koran: ‚Und die Männer stehen eine Stufe über ihnen‘. In Firmen mit über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sollen die Frauen anklopfen dürfen und Auskunft über die Lohnlage verlangen. Aus Datenschutzgründen sollen dann aber nur Durchschnittsgehälter genannt werden. Firmen mit mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sollen zudem regelmäßig einen Bericht zur Lohngleichheit vorlegen. Wir müssen dieser Ministerin jedoch in einem Punkt dankbar sein. Sie trägt erheblich dazu bei, richtig zu verstehen, was in der russischen Oktoberrevolution unter der bolschewistischen Losung ‚Rechnungsführung und Kontrolle über die Produktion‘ zu verstehen ist.  Die Unterdrückung der Frau ist in den kleinen und mittleren Betrieben ja noch viel intensiver als in den kapitalistischen Großunternehmen. Die in diesen konzentrierten Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter bilden zwar den sozialen Kern einer sozialen Revolution, dieser Kern wird aber keine Frucht um sich bilden können, wenn nicht die Geschundenen und Getretenen in den Zuliefererbetrieben aus ihrer Schattenwelt heraustreten und von der Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit weiter zum Licht der Befreiung von der Lohnarbeit streben. Sind denn diese Frauen Frauen zweiter Klasse ? Wir müssen zunächst auf den Ausgleich der finanziellen Schäden pochen, die den Frauen durch den grundgesetzwidrigen Lohndiebstahl entstanden sind. Bei den Finanzämtern ist alles registriert, wir dürfen keineswegs den Fehler begehen, diese in einer Revolution in Brand zu stecken, das würde nur den Beifall der kapitalistischen Blutsauger finden, im Gegenteil, wir brauchen diese Unterlagen, um das Ausbeuterpack vor die Revolutionstribunale zu zerren. Denn man wird nicht sofort nach einer proletarischen Revolution einen Wirtschaftsorganismus haben, in dem es keine Lohnarbeit mehr gibt und das Geld der Welt von gestern angehört.

1848 hatten Marx und Engels im ‚Kommunistischen Manifest‘ bereits herausgearbeitet, dass die Prostitution ein elementarer Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft ist und dass sie innerhalb dieses Systems nicht zur Auflösunge gebracht werden kann. An diesem Punkt müssen wir besonders sensibel sein, denn die Kapitalisten und die Zuhälter versuchen uns zusammen mit den Massenmedien ins Bewußtsein einzuimpfen, Prostitution sei etwas Natürliches. Sexualität ist nichts Widernatürliches, aber ihre kapitalistische Form ist es schon. Auch hatten Marx und Engels im Manifest bereits festgestellt, dass der Preis einer Ware, also auch der Arbeit, später korrigierte dies Marx zum Preis der Arbeitskraft, gleich ihren Produktionskosten ist. „In demselben Maße, in dem die Widerwärtigkeit der Arbeit wächst, nimmt daher der Lohn ab“. 8. Gerade Frauen verrichten widerwärtige Arbeiten, schuften sich im sogenannten Niedriglohnsektor kaputt. Der deutsche Bundestag hält sich Saaldienerinnen und Putzfrauen. Schon die Bezeichnungen ‚Saaldienerin‘ und ‚Putzfrau‘ bzw. ‚Reinigungskraft‘ sind entwürdigend und menschenverachtend. Da sitzen sie nun, die Linken und die Sozialdemokraten, und diese feudalen Institutionen bleiben unberührt wie  die Unberührbaren in Indien. Immer schön den Blick zur Regierungsbank richten, gelle ! Man stelle sich mal einen sozialistischen Rätekongress vor, der sich Saaldienerinnen und Putzfrauen hält. Das hat mit Sozialismus nichts zu tun. Friedrich Engels wies uns schon im Zuge der 48er Revolution darauf hin, dass die Mehrzahl der Abgeordneten in der Frankfurter Paulskirche einen obskuranten Lebenslauf aufweise. Die Abgeordneten des ‚Deutschen Bundestages‘, dieser asoziale Abschaum des deutschen Volkes, sollen ihre Sitze selber sauber machen, selber den Plenarsaal fegen und selber die Toiletten im ‚Deutschen Bundestag‘ reinigen, das dürfte doch bei den fetten Diäten (9 500 € im Monat) drin sein. Allzu schmutzig wird es sowieso nicht sein, denn die sogenannten Volksvertreter glänzen in der Regel durch Abwesenheit.

Die fürwahr notwendige Kritik am Parlamentarismus verläuft in der Regel nur auf abstrakt-theoretischer Ebene. Kleinbürgerliche Akademiker und Akademikerinnen schreiben ganze gelehrte Abhandlungen über die einst und auch heute noch politisch fortschrittliche Bedeutung des Parlamentarismus, ganz im Geiste Kautskys, der 1918 gegen die Bolschewiki wegen ihrer angeblichen Verletzung der Demokratie polemisierte. Für ihn war der bürgerliche Parlamentarismus das Kostüm, das Russland nach der Oktoberrevolution am besten stehen würde. Unser Blickwinkel auf den Parlamentarismus muss ein anderer sein. Wir behalten den Niedriglohnsektor des ‚Hohen Hauses‘ im Auge gemäß Lenins Hinweisen:  „Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird erdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft … Die wahre BEFREIUNG DER FRAU (kursiv von Lenin), der wahre Kommunismus wird erst dort beginnen, wo und wann der Massenkampf … gegen diese Kleinarbeit der Hauswirtschaft, oder richtiger, ihre massenhafte Umgestaltung zur sozialistischen Großwirtschaft beginnt.“ 9.  Es versteht sich von selbst, dass in einer sozialistischen Großwirtschaft für ein Parlament kein Platz mehr sein kann. Parlamente haben die Arbeit nicht erfunden und Marx hob hervor, dass die Pariser Kommune gerade im Gegensatz zu bürgerlichen Parlamenten eine arbeitende Körperschaft war, gesetzgebend und vollziehend in einem Akt.

1. Vergleiche Timothy Bay, Die Oktoberrevolution und der Kampf für LGBT-Rechte, Der Funke, siehe (google): Die Oktoberrevolution und der Kampf für LGBT-Rechte.

2. Vergleiche Lenin, Materialien zur Revision des Parteiprogramms, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,476f.

3. Vergleiche Josef Stalin, Fragen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin, 1952,604

4. Vergleiche Laura Engelstein: Zwischen alt und neu, Russlands moderne Frauen, in: amazonen der avantgarde, Deutsche Guggenheim, Berlin, 1999,64

5. Vergleiche Alexander Alexandrowitsch Nikonow / Eberhard Schulze, Drei Jahrhunderte Agrarwissenschaft in Russland: Von 1700 bis zur Gegenwart, Studies on the Agricultural and Food Sector in Central and Eastern Europe, Iamo Verlag, Halle (Saale), 2004,44 

6. Vergleiche Jane Mc Dermid und Anna Hillyar, Women and Work in Russia 1880 – 1930. A Study in Contiuity through Change, Logman Verlag, London und New York, 1998,35. Die Autorinnen stützen sich auf statistisches Material, das A.P. Korelinin in ‚Rossia 1913 god, Statistiko-dökumental’nji sprawotschnik‘ 1995 veröffentlicht hat. Smirnin gibt sogar noch einen höheren Prozentsatz an, nach ihm waren 87 % der russischen Frauen vor dem ersten Weltkrieg Analphabetinnen.(Vergleiche I. Smirnow, Lenin und Stalin über die Kultur und Kulturrevolution, Dietz Verlag Berlin,1952,13

7. Vergleiche I. S. Smirnow, Lenin und Stalin über die Kultur und Kulturrevolution, Dietz Verlag Berlin, 1952,25

8. Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,469

9. Lenin, Die Große Initiative, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,538

 

 

 

 

 

 

 


1789 und 1917

12. Februar 2017

 

Die menschliche Erkenntnis geht den Weg vom Nichtwissen zum Wissen, allerdings nicht linear. Aufklärung wäre sinnlos, ginge sie nicht diesen Weg. Kant hielt es allerdings für vermessen, ein totales Weltwissen anzustreben, das in Frankreich die Enzyklopädisten zumindest ebenso anvisierten wie Condorcet in seinem Plan der Entfaltung der menschlichen Vernunft. Hegel steht den Enzyklopädisten viel näher, er spricht vom Weltwissen, vom absoluten Wissen und von der Weltvernunft. Der Marxismus steuert keine absolutes Weltwissen an, obwohl dieses ihm besser zu Gesicht stehen würde als das absolute Wissen Hegel, also schon ein erreichtes Weltwissen, der partiellen Revolution von 1789. Eine in der politischen Praxis beschränkte, ideologisch überhöhte (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bürgerliche Revolution, in der das Kapital aus allen Poren bluttriefend zur Welt gekommen war, wurde vollzogen im Licht einer absoluten Erkenntnis und im Namen des ganzen Volkes. Eine totale kommunistische kam ohne eine solche aus und vollzog sich im Namen einer besonderen Klasse, die wie die kapitalistische eine Sonderstellung in der modernen Gesellschaft einnimmt. Die Sonderstellung der Kapitalisten und die Sonderstellung der Proletarier in der bürgerlichen Gesellschaft sind antagonistisch entgegengesetzte Stellungen. Nimmt man die Parole der französischen Revolution „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ an, nimmt man sie plakativ, so hätte es auf den ersten Blick einer Oktoberrevolution nicht mehr bedurft. Aber die Bürgerlichen legten diese Parole primär politisch aus, nicht primär sozial. Der bürgerliche Vernunftstaat endete in der Anarchie der Produktion, aus der die Sozialisten einen Ausweg suchten. Eine soziale Revolution, noch notwendig, die letzte der Weltgeschichte, schleudert, wie es Marx formulierte „die politische Hülle fort“. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und es galt, die Gesellschaft von den Klassenkämpfen zu befreien durch Abschaffung der Klassen selbst. Man kann das Wesen des Marxismus und das Wesen des Leninismus nicht erfassen, wenn man nicht die ausgesprochene Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt. Lenin hat diese schon sehr früh erkannt, im Alter von 27 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert hatte er eine kleine Schrift verfasst, die mit Bedacht gelesen sein will und die zwei Elementarien des Leninismus enthält, sie trägt bezeichnenderweise den Titel: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie“. In Weiterführung der Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ (Karl Marx,  Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474) haben, pocht Lenin vehement auf die proletarische Sonderrolle (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,337), zugleich betont er vehement die Hauptwaffe des Proletariats, seine Organisation. (Vergleiche a.a.O.,332). Schon 1897 zeichnet sich im Denken Lenins, Marx und Engels gedanklich fortsetzend, Sozialismus als Parteidiktatur ab, eine gesellschaftliche Formation geführt von einer Kaderpartei, die gegenüber allen anderen Organistionen des Proletariats einen Sonderstatus einnimmt, denn nur diese Partei hat auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung inne. Die Matrosen von Kronstadt hatten 1921 diese Entwicklungsgesetze nicht präsent und das Fatale an der Perestroika war, dass diejenigen, die nicht richtig und scharf genug hinschauten, Gorbatschow als wissenschaftlichen Sozialisten fassten, während er nur eine peinliche Zwergmißgeburt war. Er war am 2. März 1931 zur Welt gekommen und hatte den Marxismus-Leninismus schon in der Dekadenzphase der Sowjetunion zu sich genommen, als dieser zum Fusel verkommen war. Was für eine praktische Politik aus diesem folgte, haben die Älteren unter uns noch alle erleben müssen. Gorbatschow hat dreimal den Lenin-Orden erhalten, angebrachter wäre ein Orden für hervorragende Verdienste bei der Verstümmelung der materialistischen Dialektik gewesen.


				

Zur Rolle Kerenskis in der russischen Februarrevolution 1917 (erweiterte Fassung)

29. Januar 2017

 

Kerenski kam die Aufgabe zu, für die bürgerliche Regierung der rote Köder zu sein, auf den die sozialistisch orientierten Arbeiter und Soldaten Petrograds hereinfallen sollten. Der Geruch eines Revolutionärs haftete Kerenski u. a. auch deshalb an, weil er nach der Revolution von 1905 einmal vier Monate im Gefängnis gesessen hatte. Sowohl der deutsche Sozialdemokrat Friedrich Ebert als auch der russische Sozialrevolutionär Kerenski, der mit Robespierre nur den Beruf und ein rhetorisches Geschick gemeinsam hatte, waren im Grunde ihres Herzens Monarchisten, Kerenski selbst gibt uns in seinen Memoiren preis, dass er bei der Nachricht, Zar Alexander der III. sei verstorben (am ersten November 1894) ganz bitterlich zu weinen angefangen habe. Da war Kerenski bereits dreizehn Jahre alt, wenn man bedenkt, dass Lenin bereits im Alter von vierzehn Jahren sein Taufkreuz in den Mülleimer warf. XX Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,25 und 35 xx Es passte zu Kerenski, dass er den deutschen Vaterlandssozialdemokraten Friedrich Ebert, seit 1913 so verhängnisvoll Vorsitzender der SPD, als Ideal eines Staatsmannes hinstellte. (Friedrich Ebert, ein ehemaliger Sattler, war von 1919 bis zu seinem Tod am 28. Februar 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik). In seinen Memoiren liegt die klare Aussage vor, und wir sind Kerenski für seine Offenheit dankbar, dass er sich vom Marxismus abgestoßen gefühlt habe und die christliche Ethik überzeugend finde (Vergleiche a.a.O.,42 und 52). Im Einklang zu bringen mit dieser Ethik war wohl auch sein Kriegsplan für den ersten Weltkrieg, den er auf die Versöhnung zwischen dem Zaren und dem Volk stützte XX (Vergleiche a.a.O.,151). xx In seinen Memoiren entlarvt sich Kerenski mehrmals als Girondist, um neben der Befürwortung eines föderalistischen Bundesstaates („Marx war Zentralist“ / Lenin) und neben der Kriegsbereitschaft auf ein weiteres Beispiel zu verweisen: Er schreibt, „unter keinen Umständen dürfe die Menge selbst das Gesetz in die Hand nehmen“. Darin kommt schon eine Ablehnung des Rätegedankens zum Vorschein, denn nach diesem bestimmt die Menge selbst den Termin der Wahlen und die Kandidaten, bestimmt die Menge die Offiziere, Richter und alle anderen Beamten per Wahl. Für die Jakobiner nimmt gerade die Menge selbst das Gesetz in die Hand und es gibt in Revolutionen Perioden, in denen die Menge bestimmt, dass jetzt kein Gesetz gelte, diese Perioden fürchten Kerenski und die Reaktionäre am meisten. In Petrograd, wie Sankt Petersburg seit dem 14. Augsut 1918 hieß, hatten die Jakobiner zum Beispiel wie es sich gehört, das Hauptquartier der folternden Geheimpolizei, die Polizeistationen und die Gerichtsgebäude in Brand gesteckt, sie taten gut daran, denn wie verdorben müssen Menschen sein, die sich unter reaktionären Regimes der Exekutive anbiedern ? „Überhaupt“, schreibt Kerenski, „besuchte ich die Zusammenkünfte des Sowjets und seine Exekutivkomitees nur selten“ XX (a.a.O.,221). Xx Eben, eben, da ist ja die Menge ! In seinen Memoiren erklärt er seinen Schritt, Justizminister im ersten Februarkabinett zu werden: er mache sich Sorgen um die gefangegenen zaristischen Minister. „Wenn irgendein Minister des ‚Fortschrittlichen Blocks‘ sie wirksam vor der Wut der Massen schützen und so die Revolution frei von Blutvergießen halten konnte, dann war ich es“. XXX a.a.O.,229 xx Leider muss ich Kerenski hier vorführen: „Ganz allgemein unternahm die Provisorische Regierung alles nur Erdenkliche, um die organisierte Arbeiterschaft zu einer dem industriellen Management gleichwertigen Kraft zu erheben“. Xx a.a.O.,247 Das ist köstlich, man stelle sich das vor: Die Regierung erhebt die Arbeiterklasse auf Augenhöhe zu den Kapitalisten. Das ist eine Perle ! Ein Musterbeispiel für parlamentarischen Kretinismus. Das ist Lichtjahre von der Diktatur der organisierten Arbeiterschaft entfernt. Regierungen des gehobenen Mittelstandes mit einem Tribun an der Spitze können nicht das Menschenrecht für die Arbeiterklasse erkämpfen, Friedrich Engels erkannte bereits während seines ersten Manchesteraufenthaltes 1842 bis 1844, dass sich die Arbeiterklasse nur selbst befreien kann und so heißt es dann auch in der ‚Internationalen‘: Aus unserem Elend können wir uns nur selbst befreien. Aber noch musste die ‚Internationale‘ warten, die Stimmung war noch mehr nach der ‚Marseillaise‘. Ende Februar war der bürgerliche und der sowjetische Block, in dem nur sehr wenig Kommunisten waren, zu einem ‚Agreement des Nebeneinander‘ gekommen, ein harter Klassenkampf zeichnete sich ab, war aber noch nicht akut und ließ Platz für den Gedanken einer friedlichen Revolution. „Wir hielten es für dringend notwendig“, schrieb Kerenski, „den Eindruck auszulöschen, die Kräfte der Revolution seien in zwei Lager gespalten, in ein ‚revolutionäres‘ und in ein ‚bourgeoises’“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rwohlt Verlag, Hamburg, 189,253 xx Der Girondist Kerenski befürchtete lediglich, dass die Sowjets sich selbst zur höchsten Autorität Russlands erklären könnten, was sie während seiner Amtszeit bekanntlich nicht taten, aber durchaus hätten tun können, erst die Bolschewiki taten dies durch die Oktoberrevolution. In der russischen Revolution sind die Sowjets von sich aus nicht machtaktiv geworden, waren sie immer nur ein Spielball im Machtkampf zwischen den Weißen und den Roten ? Die Sowjets als auch die Februarregierung hatten sich spontan aus der Februarrevolution ergeben, beiden fehlte die Legitimation durch Wahlen, das gilt besonders für die offizielle Regierung. Diese Dumaregierung hatte keinesfalls eine demokratische Legitimation, die sich aus allgemeinen, direkten und freien Wahlen herleiten konnte, sie hatte das Volk um seine Revolution betrogen, konnte sich aber als oberste Macht halten, weil die Sowjets nichts gegen sie unternahmen, jedenfalls nichts Revolutionäres. Und aus dieser Machtanmaßung heraus beklagte sich Kerenski noch darüber, dass sich die führenden Repräsentanten der Sowjets nicht mit vernünftiger Kritik begnügten, „sondern versuchten, sich aktiv in die Politik einzuschalten“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 198,256 xx Diese vollksfeindliche Äußerung darf selbst einem Ministerpräsidenten nicht zukommen, der aus Volkswahlen Regierungsaoberhaupt geworden wäre, denn natürlich haben die Massen, die durch die Sowjets repräsentiert wurden, jederzeit das Recht, sich aktiv in die Politik einzuschalten, dies um so mehr, als die Kerenskis nur die Gunst der revolutionären Stunde ausgenutzt hatten, um sich als Staatsmacht zu proklamieren. „Wir glaubten nun, daß das Land auf unserer Seite stehe und daß wir den unvermeidlichen Trend zur Disziplinlosigkeit und zur Anarchie überwinden würden“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,261 xx Aber ‚glauben‘ heißt nicht ‚wissen‘. Die bonapartistische Demokratie nach der Februarrevolution war nur eine sich im Glauben der Regierung an angeblich hohe Werte (Disziplin, Notwendigkeit von Herrschaft) gründende, vor Wahlen darf spekuliert werden, nach Wahlen weiß man. Die Sowjets verstanden sich dieser künstlichen Macht gegenüber als Kritikorgane und verkannten sich als Kontrollorgane, so dass eine wirkliche Machtrivalität nicht vorlag. Wer die sich aus der Februarrevolution ergebenden politischen Konstallationen nur ein wenig aufmerksam verfolgte, dem musste das Missverhältniss zwischen der Zusammensetzung der Regierung und den Kräfteverhältnissen im Volk aufgehen. Das war korrekturbedürftig. Die Periode der Lwow-Kerenski-Regierungen blieb Episode, weil sie eine Periode der Revolutionsgewinnler war, im Gegensatz zur französischen Revolution, in der die Abstimmung nach Köpfen den Ausschlag gab zuungunsten der Abstimmung nach Ständen, die immer mit einer 2:1-Niederlage geendet hätte. Was 1789 epochal war, war 1917 Episode und musste Episode bleiben. Die offizielle Regierung benutzte zur Absegnung ihrer Machenschaften die Formeln: „im Einverständnis mit der gesamten Nation“ und / oder nach den Worten Kerenskis: „die gesunden politischen Kräfte an der Front und in der Heimat“ sehen sich veranlasst, das und das zu tun … Ein Einverständnis mit der gesamten Nation kann es in der Politik nicht geben, das war Wunschdenken. Und natürlich mussten die Massen gegen diese Regierung einschreiten, als sie zum Beispiel jeden Gedanken an einen Seperatfrieden mit der Formulierung „im Einverständnis mit der gesamten Nation“ ablehnte. Die Episode kündigte sich bereits mit der Benennung der wichtigsten Aufgabe der ‚Provisorischen Regierung‘ an, sie sah diese in der Erhöhung der Schlagkraft der Truppe, nicht nur für die Defensive, sondern auch für die Offensive. Über die Armee wurde ein dichtes Spitzelnetz geworfen, um eine kommunistische Beeinflussung der Armee abzuwehren. Den Satz aus dem Manifest, die Arbeiter hätten unter dem kapitalistischen Regime kein Vaterland, wurde von den Kerenskis mit Füßen getreten. „ Ich lade euch nicht zu Feierlichkeiten ein, sondern zum Tode !“ XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,300 xx Das waren die Worte Kerenskis, die er an die Fronttruppe richtete und der er eintrichtern wollte, es gäbe einen imperialistischen Krieg rein defensiven Charakters. Das Scheitern der Brusilow-Offensive nach kleineren Anfangserfolgen an der Westfront, deren Entwicklung Lenin mit „krankhaften Interesse“, so Kerenski in seinen Memoiren, verfolgt hätte, ihr Sichtotlaufen trug somit zum Genickbruch der Zwischenregierung erheblich bei. Zum Machtwechsel im Oktober, zum Sturz eines künstlichen bonapartistischen Regimes ist es gekommen, weil die Bolschewiki die Stürmer und Dränger waren und nach Lenin eine „knochenbrecherische Politik“ betrieben. In den Sowjets gab es Schwankungen, Lenins Partei trat geschlossener auf, wenn man sie auch nicht ganz als ‚Partei aus einem Guss‘ ansehen konnte, es gab zwei Streikbrecher und bei den Abstimmungen auch Gegenstimmen und Enthaltungen. Was die Bolschewiki auszeichnete: sie hatten ein klares Feindbild, einen gesunden Klassenhass und waren von einer ständigen Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft gegenüber dem alten, bürgerlich-zaristischen Staatsapparat wie besessen. Sowohl die Jakobiner in der französischen Revolution als auch die Bolschewiki in der russischen geben Beispiele ab für die positive Bedeutung des Fanatismus in der Geschichte, aus dem sich nicht nur für sie der politische Horizont erweiterte: es gibt unveräußerliche Menschenrechte und die produktiven Menschen, die durch ihrer Hände Arbeit das Volk am Leben halten, sind keine Menschen zweiter Klasse. Es zeigt den politischen Horizont Kerenskis an, dass er Russland für eine Republik hielt von dem Augenblick an, an dem Großfürst Michael darauf verzichtete, Nachfolger seines Bruders als Zar zu werden. So einfach vollzieht sich Geschichte nicht. Ein Verzicht auf die Monarchie durch ein Subjekt macht noch keine Republik aus. Diejenigen, die das Hauptquartier der zaristischen Geheimpolizei in Brand steckten, waren näher an der Republik als es Kerenski jemals war. Für diesen setzte sich die ‚Provisorische Regierung‘ aus ‚Vertretern des gehobenen Mittelstandes‘ zusammen, und Mitglieder des gehobenen Mittelstandes machen sich nicht mehr die Hände schmutzig. Der Rechtsanwalt aus dem gehobenen Mittelstand war in den Februartagen glücklich. „Ein Mensch, der einen schickshaften Wendepunkt der Weltgeschichte miterlebt, ist gesegnet, weil er die Möglichkeit hat, die Tiefen der Menschheitsgeschichte auszumessen, Zeuge der Zerstörung einer alten und des Entstehens einer neuen Welt zu werden“. XX a.a.O.,239 xx Kerenski hätte ungefähr 105 Jahre alt werden müssen, um noch die Perestroika und den Zerfall von Lenins Machtzenrum, das Platzen des revolutionären Herzens mitzuerleben, der und dem er sicherlich Beifall gespendet hätte. Er starb am 11. Juni 1970 im New Yorker Exil. Wäre er nicht für eine Sekunde in der Weltgeschichte der Gegenspieler Lenins gewesen, sein Name wäre heute so vergessen wie die Namen der anderen Minister der Privisorischen Regierung aus dem Jahr 1917 in Petrograd, Lenin hat ihn ‚in die Ewigkeit mitgenommen‘. Über die Vergänglichkeit des Ruhmes brauchte Kerenski im Exil, das über ein halbes Jahrhundert währte, jedenfalls nicht zu grübeln, während uns die Frage zu beantworten aufgegeben bleibt: War der Zusammenbruch der Sowjetunion nur ein Rückschritt oder etwas unheilbar zerbrochen Fundamentales ? Bei der Beantwortung dieser Frage bilden sich zwei Lager und das eine wünscht den Kommunismus seinem religiösen Weltbild gemäß für immer zum Teufel. Hat der Marxismus eine innere eschatologische Kraft, seine Krise durchzustehen, um gegen die widerwärtigen Zeitströmungen in der Gesetzmäßigkeit der Geschichte und der gesellschaftlichen Prozesse den Schlüssel in der Hand zu behalten, der das Tor zum Endschicksal der Menschheit dereinst aufschließt ? Die aus Sozialrevolutionären, Parteilosen und Menschewiki gegründeten Sowjets und die büsich noch nicht feindselig gegenüber und die Kommunisten sahen, dass ohne Zerstörung der Vertrauensseligkeit, ohne Entfachung eines gesunden Klassenhasses, nach Lenin „aller Weisheit Anfang“, die ganze Macht nicht den Sowjets zufallen konnte. Am heftigsten wurde im Kabinett und in den Räten über die Frage gestritten, ob die bürgerliche Regierung das Recht habe, Truppen aus der Hauptstadt zu verlegen ? Das wurde im Oktober eine sehr wichtige Frage, wie brisant, wurde am Beginn der Oktoberrevolution deutlich. Valentin Gitermann weist auf den Umstand hin, dass die Petrograder Bolschewiki in der Illegalität gelebt hatten und außerhalb konspirativer Kreise wenig bekannt waren. XXX Vergleiche Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band III, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,481 xx Tatsächlich war die politische Bedeutung der Bolschewiki beim Ausbruch der Februarrevolution marginal und damit lag eine Diktatur des Proletariats noch in weiter Ferne. Das bürgerliche Lager hatte eine 12jährige Dumaberatung des Zaren mit Unterbrechungen vorzuweisen, während Räte seit 1905 nicht mehr getagt hatten. Wie jede Bourgeoisie verstand es auch die russische, sich als Repräsentatntin der Nation auszugeben, besonders in einem rückständigen, politisch wenig aufgeklärtem Land. Die Duma galt ja neben den Sowjets als revolutionäre Errungenschaft von 1905. Die Forderung nach einer Diktatur des Proletariats wurde 1917 in Petrograd nur im Wyborger Stadtteil aufgestellt, dieser 170 000 Einwohner zählenden Hochburg der Bolschewiki, deren Sowjet sie bereits Ende Juni völlig unter Kontrolle hatten. In Wyborg wohnten viele klassenbewußte Arbeiter aus der Metallindustrie, von denen 5. 000 in Lenins Partei organisiert waren. In Wyborg wurde auch unter Anleitung von Nadeshda Krupskaja, die sich für den bewaffneten Aufstand ausgesprochen hatte, begonnen, in den Fabriken Räume einzurichten, um Analphabeten zu unterrichten. XXX Vergleiche Volker Hoffmann, Ich war Zeugin der größten Revolution in der Welt; Leben, Kampf und Werk der Frau und Weggefährtin Lenins, Verlag Neuer Weg, Essen, 2013,108 xx Bei Demonstrationen sah man Wyborger mit der Parole: „Das Recht auf Leben steht über dem Recht auf Privatbesitz“. Die Zeit arbeitete für die Bolschewiki, bereits am 16. Mai wurde im Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets mehrheitlich der Plan befürwortet, die gesamte Volkswirtschaft staatlicher Leitung zu unterwerfen. XXX Vergleiche Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Band III, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, 1965,506 xx Zwischen Sozialisten und Bürgerlichen lag nach der Februarrevolution zunächst eine Pattsituation vor. Dieses ‚Patt‘ war natürlich für die Lösung sozialer Probleme und für eine energische Regierung, die laut Marx nach einer Revolution erste Pflicht war, nicht förderlich und man hatte die Bequemlichkeit, Probleme unter Berufung auf eine erst noch zu bildende ‚Konstituierende Nationalversammlung‘ vor sich herzuwälzen. Diese noch kommen sollende Nationalversammlung musste auch argumentativ herhalten, den Großgrundbesitz zu schützen, an dem die bäuerliche Untertanenhand nach Auffassung der Liberalen eigenmächtig nichts zu suchen hatte. Nicht der geschundene Gaul der Agrargeschichte hatte über die Bodenfrage zu entscheiden, sondern rechtskundige Advokaten mit ihren zarten Händen. So schlängelten sich die bürgerlichen Regierungen bis zum Oktober an der Wand der Macht entlang und für die kleinbürgerlichen Sozialisten war die ‚Diktatur des Proletariats‘ ein Fremdwort. Gitermann spricht richtig von einem Selbstverständnis der Sowjets als Interessenvertreter ohne Machtambitionen, nachdem ein halbherziger Versuch der embryonalen Sowjets, dem Duma-Komitee die Macht zu entreißen, am 27. Februar gescheitert war. Einen Tag später brach der Aufstand in Moskau los. XXX a.a.O.,480f. Xx Wenn es Anhaltspunkte für die Macht der Sowjets gab, so lagen sie in den Tatsachen, dass die in Verhaftungswellen festgenommen Schergen des Zarismus nicht dem Parlament, sondern den Sowjets übergeben wurden, dass die Sowjets die konterrevolutionäre Presse unterdrückte und stattdessen die ‚Iswetija‘ herausgaben Xx a.a.O.,481f. Xx In ihr stand der legendäre „Befehl Nr. 1“. Dieser Befehl ist für alle bürgerlich-imperialistischen Offiziere ein rotes Tuch, denn er zeigt deren menschenverachtende-feudalistische Fratze auf: Er beinhaltete, dass alle Komitees nur von unten zu wählen seien und dass den Parlamentsbefehlen nur zu gehorchen sei, wenn sie zu den Befehlen der Sowjets nicht im Widerspruch stünden, dass den Offizieren die Verfügung über die Waffen zu entziehen sei und dass nur im militärischen Sektor eine Grußplicht gegenüber den Offizieren bestehe. Gab es in der französischen Revolution ein Dekret, dass alle Franzosen untereinander Brüder seien und sich duzen sollten, so war es im militärischen Sektor in der Februarrevolution umgekehrt: die Offiziere sollten die sogenannten einfachen Soldaten nicht mehr duzen dürfen. Etwas ‚Kommunistisches‘ findet man in diesem „Befehl Nr. 1“ noch nicht, aber er steht in einer gut-humanistischen Tradition bürgerlicher Aufklärung. Überhaupt gibt es zwischen der klassischen bürgerlichen Revolution und der Oktoberrevolution eine gewissen Ähnlichkeit von Konturen an der Oberfläche als auch in der Tiefe, wenn auch beide Revolutionen in ihrem qualitativen Kern sogar entgegengesetzt sind. Eine Beispiel für eine oberflächliche Analogie: Sowohl Marie-Antoinette als auch die Zarin mussten sich aus der Gosse kommende Obszönitäten gefallen lassen. Und es ist bezeichnend, das sich die Girondisten mit Kerenski an der Spitze schützend vor die kriminelle Zarensippe stellten. Immer wird der Satz an Kerenski haften bleiben: „Niemals werde ich der Marat der russischen Revolution sein“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1889,260 xx Minimale Kenntnisse über den großen Jakobiner lagen bei Kerenski gewiss vor, so dass seine Äußerung die ganze Charakterlosigkeit eines Girondisten zeigt. Schon tiefer geht die Tatsache, dass es beiden Revolutionen eignet, dass der Lebensstandard nach dem Machtwechsel zunächst gesunken war und teilweise erheblich unter dem des ‚Ancien Regimes‘ lag. Wie alle Religionen irgendwie ein Paradies im Jenseits versprechen, so versprechen soziale Revolutionen eine Verbesserung der Lage der Massen, besonders der sozialen, im Diesseits. Mit der Verbesserung der sozialen Lage wachse der Atheismus, alle sozialen Revolutionen hätten einen Zug gegen die Religion und in der Tat müsste diese mit dem Aufkommen des Paradieses auf Erden schrumpfen. Je weniger sich die Massen ein Paradies im Himmel vorstellen müssen, desto weniger verstellt die Religion das Paradies auf Erden. Die Gegensätze der Paradiese schlagen ineinander um, und in der Beantwortung der Fragen des Abbé Sièyes: ‚Was ist der dritte Stand ?‘ Er sei nichts; und: ‚Was könnte er sein ?‘: Er könnte alles sein ! zeichnet sich der Umschlag ab, der das alles vertauschende Ideal der bürgerlichen Revolution beinhaltet. Nebenbei sei bemerkt, dass es in der klassischen französischen Revolution nur eine kurze, aber heftige Entchristaianisierungsbewegung gegeben hatte. Auch das Proletariat war zunächst – frei nach Sièyes – nichts. 1917 wurde eine vom dritten Stand und vom Adel in ihrer Gewichtigkeit völlig verkannte Partei Staatspartei, wodurch Russland und Deutschland im ‚Jahrhundert der Extreme‘ die Länder der Extreme wurden. Die Schlacht von Stalingrad wurde zur extremsten des 20. Jahrhunderts. Auch an Verschwörungstheorien hat es beiden Revolutionen nicht gefehlt, die bekannteste (Pseudo-)Theorie der französischen Revolution war die, sie als Folge einer Freimaurerverschwörung auszugeben, wie es der Jesuit Abbé Barruel getan hatte. Zu Phasen, in denen Volksmassen sich und die Verhältnisse wie eine Naturkraft umwälzen, können Verschwörungstheorien am allerwenigsten etwas zur Erklärung beitragen, in diesen Zeiten werden die Regierungsagenten auf ein ganz peripheres Gleis der Geschichte abgestellt. Geheimdienste können einer Volksrevolution gelegentlich das eine oder andere Bein stellen, generell aufhalten können sie sie nicht. Sie halten allenfalls her für Satanisierungen der Revolution, aber weder haben Satan noch Gott Einfluss auf die Geschichte. In der russischen Revolution war verschwörungstheoretisch federführend der abergläubige Kerenski, der, sekundiert von G. Katkow (Russia 1917, The February Revolution, London, 1966 – Die Februarrevolution war eine Agentenrevolution.) LITLI, Lenins Rückkehr nach Russland mit den Worten begleitete, er sei gekommen, „um bei der Durchführung der Pläne General Hoffmanns zu helfen“. XXX Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,285. Siehe auch Seite 407, auf dieser gelingt ihm die Konjunction Ludendorff-Lenin und auf Seite 424 gar Lenin-Mussolini-Hitler, die er in einem Atemzug nennt. Von der historischen Bedeutung her genügt es, Kerenskis Sichtweise der politischen Dinge in eine Anmerkung zu packen: „Nach dem Sturz der Monarchie hatte Rußlands Kampf an der deutschen Front zu einer bizarren Verteilung der Kräfte geführt. Es gab nicht nur zwei einander feindlich gegenüberstehende Lager – Rußland und die Verbündeten versus Deutschland und Lenin -, sondern ein Dreiecksverhältnis: Rußland und die Provisorische Regierung, Kornilow und die Verbündeten Russlands, und Ludendorff und Lenin“ (a.a.O.,407). Eine fürwahr bizarre Konstellation, ich möchte vom spezifischen Dreieck Kerenskis reden. „Es war fast so“, fährt Kerenski fort, „als sei jemand in London und Paris hinter den Kulissen am Werke, um die Sache Ludendorffs und Lenins zu fördern und den Zusammenbruch einer Regierung herbeizuführen, die ihre ‚Verbündeten‘ auf dem Schlachtfeld unter unglaublich schwierigen Umständen fortgesetzt unterstützt hatte“. (a.a.O.,408). Kein Land hätte durch den Weltkrieg mehr gelitten als Russland, das im übrigen aber für Kerenski immer noch eine Großmacht darstellte. Es gab nach diesen Ausführungen nicht nur die Spaltung der Imperialisten in zwei Militärblöcke, sondern auch zumindest Risse unter den Alliierten, die durch diplomatisches Lächeln kaschiert wurden. Kerenski war insgesamt eine bejammernswerte Gestalt, die sich für die Seite der Imperialisten entschieden hatte und merken musste, dass auch diese sein Ideal („mein Russland“) zertraten. Im Licht linker Scheinwerfer war er ein ‚Söldling des britischen Kapitals‘ und ein ‚Bonaparte‘, im Licht rechter ein ‚Semi-Bolschewik‘ (Vergleiche a.a.O.,415).

Bereits in seiner ersten Rede auf dem Bauernkongress im Mai 1917, auf dem sich mehrheitlich Sozialrevolutionäre trafen, erklärte der neue Kriegsminister Kerenski, der Geschichte („Ich las viel über primitive Völker“) und Rechtswissenschaft studiert hatte, in der Armee wieder eine eiserne Disziplin herstellen zu wollen. Er verbot zunächst Meetings an der Front und ließ sich vom Exekutivkomitee des Arbeiter- und Soldatensowjets außerordentliche Vollmachten zur Unterdrückung bolschewistischer Umtriebe, zur strengen Disziplierung der Eisenbahner und zur Wiedererrichtung der Disziplin in der Armee geben. XXX Zur Problematik der Todesstrafe hat sich Lenin dezidiert im September 1917 geäußert: „Ich hatte bereits Gelegenheit, in der bolschewistischen Presse darauf hinzuweisen, daß als triftiges Argument gegen die Todesstrafe nur gelten kann, daß sie von den Ausbeutern im Interesse der Erhaltung der Ausbeutung gegen die Massen der Werktätigen angewandt wird. Ohne die Todesstrafe gegen die Ausbeuter (d.h. die Gutsbesitzer und Kapitalisten) wird eine wie immer geartete revolutionäre Regierung wohl kaum auskommen können“. (Lenin, Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,351). ENDE DER ANM Eine ‚Deklaration der Rechte des Soldaten‘ wurde von den Kerenskianhängern ersonnen, die demokratische Errungenschaften der Februarrevolution, hier konkret den ‚Befehl Nr. 1‘ zurücknahm (zum Beispiel Wahl der Kommandeure) und Befehlsverweigerern auf Drängen auch des Sozialrevolutionärs Sawinkow wieder mit der Todesstrafe bedrohte. Vergatterung und Bindung der Soldaten zu einer geschlossenen Armee machten deutlich, dass eine Agrarumwälzung nicht auf dem Tagesplan der Provisorischen Regierung stand, denn diese Umwälzung hätte unweigerlich zur Auflösung der noch immer von zaristischen Generalen kommandierten Armee geführt. Ende Februar 1917 konnte man von dem Rechtsanwalt Kerenski noch ganz andere Töne vernehmen. Um sich bei den Soldatenmassen beliebt zu machen, rief er aus, dass das russische Volk von Eroberungen nichts wissen wolle. Deshalb konnte die Bourgeoisie den „Sozialisten“ Kerenski gut gebrauchen, er entpuppte sich aber bald als ein Kriegshetzer, der auch vor der Todesstrafe für Deserteure nicht zurückschreckte. In seinen Memoiren tat er andersherum, er bezeichnete dort die Abschaffung der Todesstrafe als eines der heiligsten Ziele der russischen Befreiungsbewegungen. XX Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989,122 xx Es ist an dieser Stelle zu Kerenski nur so viel zu bemerken, dass er sich in seinen Memoiren mit Jesus Christus vergleicht und meinte vor der Lesewelt ausbreiten zu müssen, dass er sich in Analogie zum Opferjesus in der Religion auf dem Feld der Politik für das russische Volk aufgeopfert habe. So wohl auch in der ersten Duma, die für ihn „Herz und Seele Rußlands“ verkörperte. Das ist ziemlich dick aufgetragen, das liest und hört man ganz ganz selten über ein bürgerliches Parlament, zumal nach der Verfassung des russischen Reiches die Außenpolitik ausschließliche Angelegenheit des Zaren war, dem zudem Heer und Flotte direkt unterstanden. Das Wahlrecht der Semstwo (Landschaft) war ein großer Volksbetrug. Basierend auf ein Kurienwahlrecht von 1890, das bis zum ersten Weltkrieg nicht gelöscht worden war, konnte die große Masse der Bauern nie mehr als zehn Prozent der Sitze erhalten, während dem Schmarotzerauswurf der Landadeligen immer die Mehrheit gesichert war. Schon allein wegen dieser Verhöhnung des Volkes konnte der Zar aus der Revolution nicht straffrei hervorgehen.

Der Sekretär der Sozialistischen Partei der Schweiz, Robert Grimm, der die Möglichkeit eines Separatfriedens zwischen Deutschland und Russland ermitteln wollte, wurde von Kerenski des Landes verwiesen. Ein Staatssicherheitsgesetz für „Ruhe im Staate“ war von Minister Perewersew in Planung gegeben worden. Miljukow warf die Frage auf, warum Lenin und Trotzki noch frei spazieren konnten ? Derselbe Miljukow, der vor der Revolution noch erklärt hatte, wenn der Weg zum Sieg über die Revolution führe, dann sei er gegen den Sieg.

 

Zur Rolle Kerenskis in der russischen Februarrevolution 1917

26. Januar 2017

Die Februarrevolution, die sich nach westlichem Kalender im März vollzog, begann unter dem Schatten des Weltkrieges, der für Russland erhebliche militärische Niderlagen und von allen kriegführenden Ländern die größten Erschütterungen brachte, durch Streiks von Textilarbeiterinnen, Müttern und Hausfrauen, also von den am meisten Ausgebeuteten, im Petrograder Stadtteil Wyborg. Am nächsten Tag entbrannte der Protest auch in andern Stadtteilen. 1917 verdienten die Frauen nur halb so viel wie die Männer. Diese Arbeiterinnen initiierten alles und schickten Delegationen zu den schlagkräftigen Metallarbeitern, die sich überzeugen ließen. So kam die Lawine von unten in Gang. Auslöser der Februarunruhen war die Brotknappheit, Ende 1916 waren die Preise sprunghaft angestiegen, während die Warenmenge abnahm, ab dem 16. Januar wurden in Petrograd Brotkarten ausgegeben, einige Plünderungen waren bereits zu verzeichnen. Die „einfachen“ Soldaten der Petrograder Garnison weigerten sich, gegen die Demonstrationen vorzugehen und gingen eher auf Polizisten los, die auf Arbeiter schossen. Den Polizisten wurden die Waffen abgenommen, damit die Arbeiter sich bewaffnen konnten. In Petrograd hatte sich durch die Lebensmittelunruhen, die es zeitgleich auch in Berlin und anderen deutschen Städten gab, ein Dumakomitee, das sich aus Angst vor zaristischen Repressalien als „rein privat“ bezeichnete, herausgebildet und Keimformen eines Sowjets, in Moskau ein Volkskomitee, dem sich die Moskauer Garnison unterstellte, ebenfalls mit Keimformen einer Gegenmacht. In Petrograd setzte sich das Exekitivkomitee des Sowjets aus sechs Menschewiken, zwei Sozialrevolutionären, zwei Bolschewiken und fünf Parteilosen zusammen. Zugleich rang sich die liberale Bourgeoisie, fern vom Pulvergeruch der Revolution, zu einem „Provisorischen Komitee zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“ durch, aus dem sich die sogennante ‚Provisorische Regierung‘ bildete, deren Ministerkabinette bis zum Machtantitt der Bolschewiki insgesamt sechsmal wechselten. Kerenski übernahm im Juli 1917 den Vorsitz der ‚Provisorischen Regierung‘ als Ministerpräsident, zusätzlich zu seinen bereits bestehenden Ämtern eines Kriegs- und Marineministers. Auch er packte das heißeste Eisen, die Beendigung des imperialistischen Krieges, nicht an, im Gegenteil er forcierte eine militärische Offensive gegen das deutsche Heer, das in einem Desaster endete und nicht unerheblich zum Sieg der Bolschewiki im Oktober beitrug. Während die französische Revolution bereits 1789 gleich zu Beginn eine Konstituante hatte, wurde deren Einberufung in Russland von der ‚Provisorischen Regierung‘ immer wieder hinausgeschoben.

Kerenski kam die Aufgabe zu, für die bürgerliche Regierung der rote Köder zu sein, auf den die sozialistisch orientierten Arbeiter, Arbeiterinnen und Soldaten Petrograds hereinfallen sollten. Sowohl der deutsche Sozialdemokrat Friedrich Ebert als auch der russische Sozialrevolutionär Kerenski, der mit Robespierre nur den Beruf und ein rhetorisches Geschick gemeinsam hatte, waren im Grunde ihres Herzens Monarchisten, Kerenski selbst gibt uns in seinen Memoiren preis, dass er bei der Nachricht, Zar Alexander der III. sei verstorben (am ersten November 1894) ganz bitterlich zu weinen angefangen habe. Da war Kerenski bereits dreizehn Jahre alt, wenn man bedenkt, dass Lenin bereits im Alter von vierzehn Jahren sein Taufkreuz in den Mülleimer warf.  Es passte zu Kerenski, dass er den deutschen Vaterlandssozialdemokraten Friedrich Ebert, seit 1913 so verhängnisvoll Vorsitzender der SPD, als Ideal eines Staatsmannes hinstellte. (Friedrich Ebert, ein ehemaliger Sattler, war von 1919 bis zu seinem Tod am 28. Februar 1925 Reichspräsident der Weimarer Republik). In Kerenskis Memoiren liegt die klare Aussage vor, und wir sind Kerenski für seine Offenheit dankbar, dass er sich vom Marxismus abgestoßen gefühlt habe und die christliche Ethik überzeugend finde (Vergleiche Die Kerenski-Memoiren, Rußland und der Wendepunkt der Geschichte, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1989, a.a.O.,42 und 52). Im Einklang zu bringen mit dieser Ethik war wohl auch sein Kriegsplan für den ersten Weltkrieg, den er auf die Versöhnung zwischen dem Zaren und dem Volk stützte (Vergleiche a.a.O.,151). In seinen Memoiren entlarvt sich Kerenski mehrmals als Girondist, um neben der Befürwortung eines föderalistischen Bundesstaates („Marx war Zentralist“ / Lenin) und neben der Kriegsbereitschaft auf ein weiteres Beispiel zu verweisen: Er schreibt, „unter keinen Umständen dürfe die Menge selbst das Gesetz in die Hand nehmen“. Darin kommt schon eine Ablehnung des Rätegedankens zum Vorschein, denn nach diesem bestimmt die Menge selbst den Termin der Wahlen und die Kandidaten, bestimmt die Menge die Offiziere, Richter und alle anderen Beamten per Wahl. Für die Jakobiner nimmt gerade die Menge selbst das Gesetz in die Hand und es gibt in Revolutionen Perioden, in denen die Menge bestimmt, dass jetzt kein Gesetz gelte, diese Perioden fürchten Kerenski und die Reaktionäre am meisten. In Petrograd, wie Sankt Petersburg seit dem 14. Augsut 1918 hieß, hatten die Jakobiner zum Beispiel wie es sich gehört, das Hauptquartier der folternden Geheimpolizei, die Polizeistationen und die Gerichtsgebäude in Brand gesteckt, sie taten gut daran, denn wie verdorben müssen Menschen sein, die sich unter reaktionären Regimes der Exekutive anbiedern ? „Überhaupt“, schreibt Kerenski, „besuchte ich die Zusammenkünfte des Sowjets und seine Exekutivkomitees nur selten“  (a.a.O.,221).  Eben, eben, da ist ja die Menge ! Der Pöbel ! In seinen Memoiren erklärt er seinen Schritt, Justizminister im ersten Februarkabinett zu werden damit, dass er sich Sorgen mache um die gefangenen zaristischen Minister. „Wenn irgendein Minister des ‚Fortschrittlichen Blocks‘ sie wirksam vor der Wut der Massen schützen und so die Revolution frei von Blutvergießen halten konnte, dann war ich es“.  (a.a.O.,229). 

Leider muss  Kerenski hier vorgeführt werden: „Ganz allgemein unternahm die Provisorische Regierung alles nur Erdenkliche, um die organisierte Arbeiterschaft zu einer dem industriellen Management gleichwertigen Kraft zu erheben“.  (a.a.O.,247). Das ist köstlich, man stelle sich das vor: Die Regierung erhebt die Arbeiterklasse auf Augenhöhe zu den Kapitalisten. Das ist eine Perle ! Ein Musterbeispiel für parlamentarischen Kretinismus. Das ist Lichtjahre von der Diktatur der organisierten Arbeiterschaft entfernt. Regierungen des gehobenen Mittelstandes mit einem Tribun an der Spitze können nicht das Menschenrecht für die Arbeiterklasse erkämpfen, Friedrich Engels erkannte bereits während seines ersten Manchesteraufenthaltes 1842 bis 1844, dass sich die Arbeiterklasse nur selbst befreien kann und so heißt es dann auch in der ‚Internationalen‘: Aus unserem Elend können wir uns nur selbst befreien. Aber noch musste die ‚Internationale‘ warten, die Stimmung war noch mehr nach der ‚Marseillaise‘. Ende Februar war der bürgerliche und der sowjetische Block, in dem nur sehr wenig Kommunisten waren, zu einem ‚Agreement des Nebeneinander‘ gekommen, ein harter Klassenkampf zeichnete sich ab, war aber noch nicht akut und ließ Platz für den Gedanken einer friedlichen Revolution. „Wir hielten es für dringend notwendig“, schrieb Kerenski, „den Eindruck auszulöschen, die Kräfte der Revolution seien in zwei Lager gespalten, in ein ‚revolutionäres‘ und in ein ‚bourgeoises’“. (a.a.O.,253). Der Girondist Kerenski befürchtete lediglich, dass die Sowjets sich selbst zur höchsten Autorität Russlands erklären könnten, was sie während seiner Amtszeit bekanntlich nicht taten, aber durchaus hätten tun können, erst die Bolschewiki taten dies durch die Oktoberrevolution.

In der russischen Revolution sind die Sowjets von sich aus nicht machtaktiv geworden, waren sie immer nur ein Spielball im Machtkampf zwischen den Weißen und den Roten ? Die Sowjets als auch die Februarregierung hatten sich spontan aus der Februarrevolution ergeben, beiden fehlte die Legitimation durch Wahlen, das gilt besonders für die offizielle Regierung. Diese Dumaregierung hatte keinesfalls eine demokratische Legitimation, die sich aus allgemeinen, direkten und freien Wahlen herleiten konnte, sie hatte das Volk um seine Revolution betrogen, konnte sich aber als oberste Macht halten, weil die Sowjets nichts gegen sie unternahmen, jedenfalls nichts Revolutionäres. Und aus dieser Machtanmaßung heraus beklagte sich Kerenski noch darüber, dass sich die führenden Repräsentanten der Sowjets nicht mit vernünftiger Kritik begnügten, „sondern versuchten, sich aktiv in die Politik einzuschalten“. (a.a.O.,256).  Diese vollksfeindliche Äußerung darf selbst einem Ministerpräsidenten nicht zukommen, der aus Volkswahlen Regierungsaoberhaupt geworden wäre, denn natürlich haben die Massen, die durch die Sowjets repräsentiert wurden, jederzeit das Recht, sich aktiv in die Politik einzuschalten, dies um so mehr, als die Kerenskis nur die Gunst der revolutionären Stunde ausgenutzt hatten, um sich als Staatsmacht zu proklamieren.