Das 20. Jahrhundert endete düster

11. Januar 2017

Das 20. Jahrhundert ist ganz eigentlich das Jahrhundert der Revolutionen und Konterrevolutionen: Aus historischer Sicht wären die idealen Lebensdaten im 20. Jahrhundert: 1905 geboren worden zu sein und zu leben, sagen wir, bis 1995. In diesen 90 Jahren hätte ein europäischer Mensch, wenn er denn zu den Überlebenden zählte, folgende Globalereignisse mit Bewußtsein registrieren und miterleben können: Den ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution, den Aufstieg Stalins und Hitlers, den zweiten Weltkrieg, den kalten Krieg und den Aufstieg Maos, endlich seine Kulturrevolution und schließlich als Letztes den Zerfall des real existierenden Ostblocks. Wir müssen nur bewusst leben, um bemerken zu können, dass sich eigentlich in jeder Sekunde unseres Lebens eine Totalität von Weltgeschichte konzentriert wie in einem Tropfen Wasser das ganze Universum.

Die Wurzeln von 1917 reichen politisch und geschichtlich zurück in die die Aufstandsbemühungen des ‚Bundes der Gleichheit‘ unter Babeuf. Der Bund repräsentierte den sogenannten vierten Stand der Lohnarbeiter und Handwerker, die 1789 in der bürgerlichen Revolution zu kurz gekommen waren. Ideologisch reichen die Wurzeln zurück bis in  die Frühschriften von Marx und besonders in die geniale ökonomische Skizze des jungen Friedrich Engels ‚Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie‘ aus dem Jahr 1844 und in das Schaffen von Tschernyschewski, durch dessen Lektüre der junge Lenin nach eigenen Worten „ganz und gar umgepflügt“ worden war. Alle genannten Ereignisse interessieren uns heute noch so, als gehörten sie nicht zur neueren Geschichte, sondern zur Gegenwart. Kein Mensch kann heute ihre Auswirkungen in die Zukunft bemessen.

In dieser konzentrierten Fülle der Ereignisse im 20. Jahrhundert halten positive und negative Züge nicht das Gleichgewicht, die Perestroika, die die Weltgeschichte auf Richelieu (als Figur des prärevolutionären Zustandes) zurückgeworfen hat, hat den zukünftigen Weg der Menschheit in eine Dunkelheit getaucht, die keine verlässlichen Konturen mehr zuzulassen scheint. Demnach wäre der Zerfall des aus der Oktoberrevolution geborenen Staatsgebildes das epochemachende Ereignis des 20. Jahrhunderts, nicht der zweite Weltkrieg, der die Hölle selbst war, und nicht die Wirbel des Jahres 1917 selbst. Das 21. Jahrhundert hat ein ganz schweres Erbe angetreten und die politische Entwicklung zu seinem Beginn hat die Menschheit vehement unter den Schatten einer terroristischen Geschichtsauffassung gebannt. Es scheint sich nichts zum Besseren zu entwickeln und es bleibt auch nicht so wie es ist.

Eine Schlüsselfigur für das Ende des 20. Jahrhunderts wurde der wackelige Greis Chomeni, der ausgerechnet aus Paris kommend in das Vakkum stieß, das durch die Auflösung einer bipolaren Welt entstanden war. Er prägte einen Steinzeitislam, der sich auf eine Weltmission begab und den Maoismus als weltrevolutionäres Potential verdrängte. Chomeni personifizierte wie kein anderer, dass die grosse rote Flutwelle, die aus der Oktoberrevolution entsprang, sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts verbraucht hatte. Das Schiff der Weltrevolution war auf der Sandbank der Endlichkeit gestrandet.

 Kein Jahrhundert der Weltgeschichte hat so erwartungsvoll begonnen (der Sieg des kleinen gelben Japans 1905 über das große weite und weiße Russland des Zaren / die drei russischen Revolutionen) und kein Jahrhundert endete so kläglich, mit so düsteren Aussichten für das nächste. Kriege, Terror und Gewalt stehen heute auf der Tagesordnung und Freund-Feind-Konstellationen beherrschen den ganzen Erdball. Wie schon vor der Oktoberrevolution verzeichnen wir heute wieder mehr reaktionäre als revolutionäre Kriege. Soll der Gaul der Geschichte auf ewig hinken, zieht der Mensch eine gebückte Haltung einem aufrechten Gang vor ?


Einfaches und Komplexes, Vergangenheit und Gegenwart

10. Januar 2017

In theoretischer Hinsicht bereitete sich Lenin mit der Inangriffnahme der Fundamentalschrift ‚Staat und Revolution‘ auf die Oktoberrevolution vor. Er gab ihr den Untertitel „Die Lehre des Marxismus vom Staat und die Aufgaben des Proletariats in der Revolution“. Obwohl Lenin erwartungsvoll in die Zukunft blickte, da die Oktoberrevolution bereits an den Bauch der Weltgeschichte pochte, befasste er sich, verblüffend genug, mit einer Rückbesinnung auf fundamentale Texte aus dem vorherigen Jahrhundert, ging es ihm um die Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre vom Staat. 1. (Vergleiche Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag, Berlin, 1960,397)  Lenin bereitete sich auf eine Revolution durch eine Rückbesinnung auf Klassikertexte vor – ein merkwürdiger Spagat, ohne den aber kein gewichtiger Prozessumfang der Revolution erarbeitet werden kann. Eher werden die Köpfe der Mitläufer abgehackt als dass die Verbindung zur Vergangenheit ganz gekappt werden darf.

Hegel hatte erarbeitet, dass der Geschichtsprozess durch ständiges Aufheben seiner selbst sich bewegt. Der Weltprozess ist die Totalnegativität seiner selbst, aber nicht als nichtiger. Er selbst hat eine substantielle Schwere wie denn die Werke der Klassiker, das Gold der arbeitenden Menschheit, auch der Vergangenheit angehören. Lenin ging auf das ‚Kommunistische Manifest‘, auf die ‚Pariser Commune‘ zurück, um Maßstäbe zu entwickeln, die in zukünftigen Klassenschlachten heranzuziehen sind zur Aburteilung von Abweichungen von der Lehre des Marxismus vom Staat. Alle drei Quellen des Marxismus liegen selbstredend in der Vergangenheit, ja eine kommunistische Revolution geht weiter zurück, als man gemeinhin meint, sie geht auf die kommunistische Urgesellschaft zurück, die zugleich absolute Zukunft in skizzenhafter Form ist. Der historische Materialismus hat das Studium der Geschichte zu einer Lebensaufgabe gemacht, es darf vom kommunistischen Revolutionär erwartet werden, gerade in dieser Disziplin bewanderter zu sein als die Koryphäen des Spießbürgertums.

In einer kommunistischen Revolution wirft sich Weltgeschichte in ihrer Totalität aus wie sie denn intendiert, Geschichte in Weltgeschichte zu verwandeln. 2. (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin , 1960, 23). Diese Bahn hat die industrielle Revolution eröffnet. Während Malthus in der durch diese bewirkten Bevölkerungsexplosion das Ende der Christenheit sah, erblickte Marx durch eine Kettenabfolge von industriellen Revolutionen in Verbindung mit der proletarischen Revolution eine von Politik befreite Menschheit. Es gehört zur Tragik des deutschen Volkes, das nach dem 30jährigen Revolutionskrieg völlig am Boden lag, ein Volk ohne geschichtliche Praxis geworden war, ein leidendes, passives Volk, dass es nicht weltgeschichtlich Weltgeschichte bewirkt hat, sondern borniert-national, rassistisch, kleinbürgerlich-spießerhaft. Die weltgeschichtliche Einlösung geschah provinziell.

In der Theorie der Evolution verliert die Vergangenheit an Dignität, je weiter der Progress in seiner Eindimensionalität voranschreitet. Geht die Entwicklung lediglich von einfachen über zu immer komplexeren Formen, so bleibt das Einfache in einer grauen Vorzeit liegen. In der sich dialektisch ausspreizenden Spirale der Weltentwicklung dagegen entwickelt sich das Einfache mit und es kommt vor, das gerade durch das Einfache tiefe wissenschaftliche Erkenntnisse inspiriert werden. So war es mit der Erkenntnis, dass der moderne Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt. Die Theorie des bloßen Klassenkampfes stammt keineswegs von Marx ab. Engels weist uns darauf hin, das gerade durch eine Vereinfachung der Zusammenhänge eine qualitativer Sprung in der menschlichen Erkenntnisfähigkeit erfolgte, so dass die hintergründigen Triebkräfte der vordergründigen Triebkräfte der Geschichte gefunden werden konnten. „Während aber in allen früheren Perioden die Erforschung dieser treibenden Ursachen der Geschichte fast unmöglich war – wegen der verwickelten und verdeckten Zusammenhänge mit ihren Wirkungen -, hat unsre gegenwärtige Periode diese Zusammenhänge so weit vereinfacht, daß das Rätsel gelöst werden konnte“. 3. (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,298f.). Die heutige Klassenspaltung der Gesellschaft in zwei große Lager führte zur Einsicht in die Notwendigkeit der Diktatur des Proletariats. Deren Hauptaufgabe ist die Vergesellschaftung des Privateigentums an Produktionsmitteln, die den entscheidenden Maßstab abgibt, um die Echtheit einer proletarischen Revolution zu prüfen. Lenins Oktoberrevolution bestand diese Prüfung. Es zeigte sich, dass Lenin sich mit der grauen Theorie der Klassiker beschäftigen musste, um durch das russische Proletariat und seinen Verbündeten einen gesellschaftlichen Zustand herbeizuführen, in dem die Gegenwart über die Vergangenheit herrscht.

Zur Auflösung des Parlaments im Prozess der bolschewistischen Revolution

9. Januar 2017

 

Rosa Luxemburg warf den Bolschewiki die Auflösung des Paralaments am 5. Januar 1918 vor und forderte stattdessen: „Sowohl Sowjets als Rückgrat wie Konstituante und allgemeines Wahlrecht“ 1. Das ist eben falsch, die revolutionäre Entwicklung war bereits über die Phase der Doppelherrschaft hinausgegangen, eine Revolution in aufsteigender Linie, die Luxemburg den Bolschewiki ja bescheinigte, muss sich in ihrer Radikalität auf eine Einparteienherrschaft und auf die Auflösung der Konstituante bei Strafe des Untergangs konzentrieren. Da die Oktoberrevolution am 25. Oktober 1917 per Dekret alle wichtigen sozialen Fragen bereits im Sinne des Volkes gelöst hatte, erübrigte sich eine in der Tradition Graf Mirabeaus stehende Konstituante bereits. Die früheren Verschiebungen ihrer Einberufung zwischen den beiden Revolutionen 1917 ist als Zeichen der politischen Impotenz der russischen Bourgeoisie zu deuten.

Es war der Kommandeur der Palastwache, der Matrose Shelesnjakow, der nachts um halb drei die letzten Dumaabgeordneten mit den Worten nach Hause schickte: „Die Wache ist müde“. Wolfgang Ruge urteilt hellsichtig über die Parlamentarier wie folgt: „Verschiedentlich ist angemerkt worden, dass mit dem Ende der Konstituante die letzte Chance zu einer demokratischen Weichenstellung in Russland verspielt worden sei. Dem ist entgegenzuhalten, dass es unter den Abgeordneten im Taurischen Palais – wie vorher in der Provisorischen Regierung – kaum entscheidungsfreudige, risikobereite und realistische Perspektiven entwickelnde Persönlichkeiten gab, so dass die Versammlung in ihrer Gesamtheit zu geschichtsträchtigem Handeln offenbar außerstande war. Fest steht jedenfalls, dass die bolschewistische, von Lenins Zielstrebigkeit und seinem Machtwillen disziplinierte Führung in puncto Handlungsfähigkeit ihren Rivalen haushoch überlegen war. Ähnlich lagen die Dinge bei den zu den verschiedenen Fraktionen tendierenden Massen, auf deren Unterstützung die Politiker angewiesen waren. Während sich die Anhänger der Bolschewiki, in der Regel in straff organisierten Parteizellen zusammengefasst, durch Aktivismus auszeichneten, waren die hinter der Mehrheit der Konstituante stehenden Wähler zumeist nicht willens, sich für Dinge einzusetzen, die außerhalb ihres engen Blickfeldes lagen“. 2. Was anderes beschreibt Ruge hier als das, was Marx als ‚parlamentarischen Kretinismus‘ bezeichnete.

Der Antikommunist Pipes hat herausgefunden, dass die Bevölkerung der Leninschen Auflösung der Konstituante am fünften Januar 1918, ein noch von Kerenski festgelegter Termin, keinen nennenswerten Widerstand leistete. Die Bevölkerung begenete der Auflösung mit erstaunlicher Gleichgültigkeit. 3. Keinesfalls löste sie einen Bürgerkrieg aus, den manche Reaktionäre befürchtet hatten. Das Volk hatte 1918 eine natürliche Abneigung gegen parlamentarische Einrichtungen, wenn Räte eine neue Perspektive eröffnen, in denen es selbst zur Sprache kommen kann. „Die revolutionäre Situation, in der sich Rußland damals befand, bot dem parlamentarischen Demokratieverständnis keine Chance mehr“. 4. Das hatte Lenin bereits in den Aprilthesen vorformuliert. Es galt, die Aprilthesen von Lenin dialektisch auszulegen: die Kommune stand nicht neben einer bürgerlichen Regierung, sondern sollte das Alte ersetzen. Das war der Blitz, den Lenin mit den Thesen in das Gebäude der Doppelherrschaft geschleudert hatte. Die Leninisten verbannten die kleinbürgerlichen Sozialrevolutionäre und Menschewiki auf das historische Abstellgleis, weil die Bolschewiki zur politischen Praxis erhöhten, was diese zwischen der Februar- und Oktoberrevolution nur im Munde führten: sofortiger Frieden und Umverteilung des Bodens. Maxim Gorki lästerte mal wieder: Der bolschewistische Staatsstreich habe das ‚Parlament der revolutionären Demokratie‘ in einen Apparat verwandelt, „der mechanisch mit seinem Stempel den Direktiven des bolschewistischen Zentralkomitees die allgemeine Billigung verlieh“. 5. Gorkis Stimme wurde in Russland gehört, wurde aber überlagert durch Lenins Stimme: Gorki verstehe nichts von Politik ! Das Parlament ist ein Hindernis für die Arbeiterklasse auf ihrem Weg zum Kommunismus, Gorki erkannte nicht die Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Konstituante sollte zu einer Speerspitze gegen den Rat der Volkskommissare geformt werden. Die Bolschewiki wurden zur Auflösung der Konstituante gezwungen, ungeachtet der Tatsache, dass sie nur die Hälfte der Stimmen der Sozialrevolutionäre erhalten hatten auf Stimmzetteln allerdings, die noch vor der Oktoberrevolution aufgestellt worden waren. Es gab sehr viele Unstimmigkeiten, wie sie bei Parlamentswahlen üblich sind. Recht früh, am 30. November 1917 erschien ein Artikel in der ‚Prawda‘, in dem es hieß, dass die Konstituante nur eine Aufgabe hätte: die Republik der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten zu proklamieren und sich dann aufzulösen. Aristoteles hatte schon in der Antike begründet, dass man über die wissenschaftliche Wahrheit gar nicht abstimmen könne, ebensowenig konnte Anfang Januar 1918 über den wissenschaftlichen Sozialismus abgestimmt werden, der sich in der ‚Wissenschaftlichen Wahrheit Lenin‘ verkörperte.

Schon Engels hatte in der 48er Revolution gesehen, dass der größte Teil der Parlamentsmitglieder in der Frankfurter Paulskirche obskurante Lebensläufe aufwies. Die Oktoberrevolution und die Wahl zur Konstituante bestätigte ihn. Ein erheblicher Teil der rechtsgerichteten Parlamentarier erwies sich nach Auskunft des rechten Sozialrevolutionärs Sokolow als Anhang und Aufstachler eines weißen Terrors. Der Bolschewismus hält sich im Kern nicht durch Gewalt, sondern durch eine höhere Arbeitsproduktivität als sie im Kapitalismus erreicht wird: In der Sitzung des Petrograder Sowjet erklärte Lenin am 17. November 1917, dass es einen Terror, wie ihn die französischen Jakobiner anwandten, die waffenlose Menschen guillotinierten, in Russland nicht geben werde. 6. Einen Tag nach der Oktoberrevolution wurde die Todesstrafe aufgehoben. Das stand ganz in der Tradition der Pariser Commune, in der Arbeiterinnen und Arbeiter die Guillotine von 1789 unter lautem Jubel des Volkes verbrannten.

1. Rosa Luxemburg, Die russische Revolution, in: Rosa Luxemburg, Schriften zur Theorie der Spontaneität, Texte des Sozialismus und Anarchismus, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1970,185

2. Wolfgang Ruge, Vom Roten Oktober zur Alleinherrschaft der Bolschewiki. Machtkämfe nach der Machtübernahme, in: Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, „Die Wache ist müde“, Neue Sichten auf die russische Revolution von 1917 und ihre Wirkungen, hrsg. Von Wladislaw Hedeler / Klaus Kinner, Dietz Verlag Berlin, 2008,73

3. Vergleiche Richard Pipes, Die Russische Revolution, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1992,369ff.

4. Dietrich Geyer, Die Russische Revolution, Historische Probleme und Perspektiven, Kohlhammer Verlag, Stuttgart Berlin Köln Mainz, 1968,112

5.  Maxim Gorki, in: Novaja Shisn vom 9. November 1917

6. Vergleiche Lenin, Rede in der Sitzung des Petrograder Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten zusammen mit den Vertretern der Front am 17. November 1917, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,289

Gegen die Pluralisten

3. Januar 2017

War Russland zwischen 1907 und 1917 keine reine Autokratie mehr, immer wieder musste der angeschlagene Zarismus eine Duma einberufen, so lag in Russland ab dem März 1917 kein reiner Parlamentarismus vor, es gab eine in der Geschichte des westeuropäischen Parlamentarismus unbekannte Doppelherrschaft, die balancierte und bis zum Oktober weder eine reine Rätediktatur noch einen reinen demokratischen Parlamentarismus emporkommen ließ. Die bürgerliche Revolution ging mit einer proletarischen schwanger. Die Februarrevolution, die die deutsche Spartakusgruppe als „proletarische Übergangsrevolution“ deutete, lief im Gegensatz zur Oktoberrevolution ohne die Führung durch eine kommunistische Kaderpartei ab. Es ist daher ganz natürlich, dass in den Augen der Bourgeoisie die Februarrevolution eine viel demokratischere Revolution war als die Oktoberrevolution, wie es andererseits ganz natürlich ist, dass eine proletarische Revolution im Zuge einer zunehmenden Demokratisierung und Volksaufklärung notwendig zu einer Einparteienherrschaft der Revolutionspartei führt, deren Generalsekretär die Einheit des Volkes und die Diktatur des Proletariats schützt.

Nichts ist unerträglicher als Widersprüche im Volk und die Geburtenrate und die Selbstmordstatistik zeigen neben der Höhe der Arbeitsproduktivität das Glück der Völker an. Regierungen manipulieren an Statistiken, sei es an der über die Arbeitslosigkeit, sei es an der über die Selbstmorde in einem Land. In einem Land, in dem es der Regierung gelänge, eine innere Wohlfühlwärme des Volkes zu fördern, fühlen sich kleine Kinder wohl und kein Ewachsener denkt an Selbstmord. Es liegt nun aber in der Natur des Kapitalismus/Imperialismus, dass er mit zunehmender Lebensdauer Brutalität und Amokläufe, Mord und Totschlag und Weltkriege fördert. Deshalb sind bürgerliche Regierungen quasi gezwungen, das Volk mit Hilfe von manipulierten Statistiken zu betrügen. Die Versprechungen vor den Wahlen schlagen nach ihnen in ihr Gegenteil um.

Ein Volksfreund eint die Völker, ebnet Unterschiede, ebnet Klassen ein; ein Volksfeind spaltet Völker und verschärft die Klassenkonturen, mischt Buntes mit Buntem, weil man gespaltene Völker sowohl vom Inland als auch vom Ausland her leichter ausbeuten kann. Den Kurs auf die Einheit des Volkes nahm Russland erst durch die Oktoberrevolution, während in der Februarrevolution eine Doppelherrschaft durch eine andere abgelöst wurde. Kurz nach der Februarrevolution zog Lenin noch aus dem Schweizer Exil für die Bolschewiki eine ganz klare Trennungslinie: Keine Zusammenarbeit mit den Menschewiki, die mit dem Klassenfeind paktierten. Zum Vokabular der Perestroika hingegen gehörten die Worte: Vielfältigkeit, Pluralismus, Nuancierung  und Offenheit. Rosa Luxemburgs tölpelhafter Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenken“, sogar noch als Kritik an Lenins Oktoberrevolution vorgetragen, erschien den rosarot angemalten Jüngern Gorbatschows als das Nirwana politischer Klugheit. Ein Adler darf indess keine zwei Köpfe haben.

Die Pluralisten bilden sich auf eine vielfältige, bunte Gesellschaft wunder was ein, weil sie unfähig sind, antagonistische soziale Probleme zu erkennen und zu lösen und sich in Wirklichkeit vom Volk absetzen wollen. Kriminelle Grenzüberschreitungen fallen in einer bunten Gesellschaft weniger auf als in einer einheitlichen. Den Pluralisten, die Probleme mit den Gesetzen haben, ist nicht bewußt, dass sie nur die Anarchie der Produktion widerspiegeln und dass sie leugnen, dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft gesetzmäßig verläuft. Sie verfallen ohne  Reflexion einem ausgelaugten Begriff der Toleranz, der französischen Intellektuellen vor 1789 in Pariser Kaffeehäusern zu Kopfe gestiegen war. Der Pluralismus ist heute eine zutiefst reaktionäre Ideologie, weil in seinem Traum einer vielfältigen und bunten Welt Platz für die kapitalistischen Volksfeinde bleibt, er mogelt sich gerade um das Entscheidende herum: die völlige Vernichtung der Bourgeoisie, mit der keine physische gemeint ist, „ … man kann ihnen das Eigentumsrecht an vielen Gegenständen des persönlichen Gebrauchs und eine gewisses bescheidenes Einkommen lassen“. (Lenin, Wie schüchtern die Kapitalisten das Volk ein ?, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,440). So stand es im Prospekt der Oktoberrevolution. Die Verdammung der braunen Farbe ist das Vordergründige, in der bunten Welt saugt der kapitalistische Parasit und er saugt bis zum Nerobefehl. Die Pluralisten sollten sich die Bilder von der Verwüstung Europas und Asiens aus dem Jahr 1945 ansehen, so schlägt die bunte Welt in Verwüstung und Heimsuchung um.

Unfähig, in die tiefen Schluchten der Politik zu blicken, Politik als Klassenkampf zu begreifen, übertragen sie den Begriff der Promiskuität aus dem privaten Sexualbereich auf die öffentlichen Plätze vor den Rathäusern. Eine offensichtlich unzulässige Übertragung.  Für einen Revolutionär kann die endgültige Parole nicht lauten: ‚Bunt statt braun‘, sondern sie kann nur lauten: ‚Rot statt braun‘. Der Parasit tarnt sich heute mit aller Couleur. In seiner biographischen Skizze über Friedrich Engels, ein Nachruf aus dem Jahr 1896, schrieb Lenin, dass Marx und Engels stets „als Einiger“ der Arbeiterklasse tätig waren. (Vergleiche Lenin, Friedrich Engels, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,12). Als Russland im Inneren auf eine große soziale Krise zusteuerte, einte Lenin seine Partei, verbot 1921 Fraktionen. Er zog es vor, mit einer Partei ‚Grau in Grau‘ in die Schlacht zu ziehen als mit einem bunten verlotterten Haufen. Er sah die Gefahr jenseits der Grenzen auch und wappnete Russland vier Jahre vor seinem Tod durch Einheit, so dass das Land mit Stalin an der Spitze der größten Militärmaschine der Welt, der deutschen Wehrmacht, widerstehen konnte. Der Faschismus wurde im von ihm ausgelösten zweiten Weltkrieg weniger durch die Stärke der Waffen geschlagen, als durch eine politisch-moralische Einheit der Völker der Sowjetunion, aus der sich eine machtvolle Partisanenbewegung entwickeln konnte. In einer bunten Gesellschaft ist jeder ein Partisan für sich selbst, ein klägliches Subjekt, das nur für irgendeine Statistik lebt. Wenn man sich vor Augen hält, dass die Sowjetunion von innen heraus ihre Auflösung fand, so war ein Grund hierfür in der systematischen Zerstörung der Einheit des Volkes eben von innen heraus zu sehen.

Durch Gorbatschows Perestroika wurde eine immer weniger rote Gesellschaft endgültig durch eine bunte abgelöst.  „Wir gehen davon aus, daß der Sozialismus eine Gesellschaft der zunehmenden Mannigfaltigkeit von Urteilen, Beziehungen und Tätigkeitsformen der Menschen ist“: (Michail Gorbatschow, Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozess und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,57). Hier geht jemand in die Irre und verhält sich destruktiv zum Sozialismus, in dem es darauf ankommt, in dem darauf hingewirkt werden muss, dass alle, außer den mundtot zu machenden Konterrevolutionären, wie Lenin denken. „Die gesamte Gesellschaft wird ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein“. (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1060,488). Der Jakobiner St. Just, der Chef der politischen Geheimpolizei Robespierres, schlug schon auf dem Höhepunkt der französischen Revolution vor, dass alle französischen Staatsbürger die gleiche Uniform tragen sollten. Verwirklicht wurde seine Idee erst in der maoistischen Kulturrevolution, in der mit diesem ganzen herabwürdigenden modischen Plunder aufgeräumt wurde. Je modebewußter, je narzistischer ein Mensch ist, desto mehr konterrevolutionäre und antikollektivistische Energie steckt in ihm.

Lenin, gestorben am 21. Januar 1924 in Gorki

25. Dezember 2016

Am 21. Januar 2017 werden Millionen und Abermillionen Lohnsklavinnen und Lohnsklaven weltweit mit tiefer Trauer im Herzen aufwachen. 92 Jahre sind es dann her, dass Lenin im achten Jahr der Oktoberrevolution an den Folgen eines Pistolenattentats durch die linke Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan starb. Er konnte von keinem Berufsrevolutionär seiner Garde ersetzt werden. Im Gegensatz zu dem eitlen Trotzki, der sich nach Lenins Tod vergeblich als Lenin ebenbürtig vor der Weltöffentlichkeit prostituierte, bezeichnete sich Stalin bis in seine letzten Tage als ‚Schüler Lenins‘, was den Nagel auf den Kopf traf. Wir sind auch heute noch alle nur Schüler von Marx, Lenin und Stalin und sollten einmal bedenken, wie es ganz jämmerlich um unser Leben bestellt sein dürfte, wären wir nicht nach diesen lichtbringenden Giganten, sondern vor ihnen geboren worden und wie es um unsere wissenschaftliche Qualifikation stehen würde, wäre der Rousseau’sche Gesellschaftsvertrag für uns das letzte Wort der Revolutionswissenschaft.

Das Ende der Biografie Lenins (von 1917 bis 1924) ist zugleich auch eine Geschichte der Oktoberrevolution. Millionen und Abermillionen Arbeiter und Bauern gerieten durch die Revolution in Gärung und doch könnte man die Revolution in ihrem Massenverlauf fast als die Teilbiografie eines Mannes darstellen. Die tiefste Revolution in der Weltgeschichte ist dank der Schriften von Lenin die am einfachsten zu verstehende, in seinen Schriften verständigte Lenin sich selbst und seine Leser vor den politischen Taten, die aus ihnen folgten.Der russische Historiker Suchanow, ein Menschewik, verglich Lenin mit der Sonne. Wie die Planeten um sie kreisen, so kreisten die höchsten Parteikader um ihn. Stalin nannte Lenin den genialsten unter den genialen Führern des Proletariats und sehr bezeichnend ist, dass Stalin bei seinem ersten persönlichen Zusammentreffen mit Lenin 1905 im finnischen Tammersfors sofort die „unwiderstehliche Kraft der Logik in Lenins Reden“ hervorhob, „die zwar ein wenig trocken ist, dafür aber die Zuhörer in ihren Bann schlägt“. „Ein wenig trocken“ ist nicht negativ zu deuten, der wissenschaftliche Sozialismus ist in der Tat „ein wenig trocken“. In einem Brief an Kugelmann schreibt Marx am 17. April 1871 aus London, dass sich Zufälligkeiten in der Weltgeschichte kompensieren und dass Beschleunigung und Verzögerung geschichtlicher Prozesse sehr von solchen ‚Zufälligkeiten‘ abhängen, „unter denen der „Zufall“ des Charakters der Leute, die zuerst an der Spitze der Bewegung stehen, figuriert“.

Für Stefan Engel ist die proletarische Denkweise der Schlüssel zu Lenins Genialität. 1. Das ist falsch, das ist grundfalsch. In der Tat kann man so etwas nur behaupten, beweisen kann man es nicht und es wird auch gar nicht erst die Mühe aufgewand, einen Zusammenhang herzustellen. Ein Materialist, für den  nach Friedrich Engels das „Denken, so übersinnlich es scheint, das Erzeugnis eines stofflichen , körperlichen Organs, des Gehirns ist“ 2. packt die Sache anders an, wie denn auch die Materialisten in der Sowjetunion zwei Jahre nach Lenins  Tod Lenins Gehirn von dem führenden Gehirnforscher Professor Oskar Vogt aus Berlin, der nach Moskau gekommen war, nach der zytoarchitektonischen Methode  untersuchen ließen. Professor Vogt las an Lenins Ausnahmegehirn nach seinem Tod seine genialen Fähigkeiten ab.  3. Bleiben wir nocht etwas beim Kopf des Menschen. Schon sehr früh in ihrer Entwicklung konnten Menschen im Kopf geplante Arbeit von Händen ausführen lassen, zu denen andere Köpfe gehörten. Die Quellen des Nils sind in gewisser Weise die Quellen der Bürokratie, die Quellen für die Teilung der Arbeit in körperliche und geistige, denn durch seine Überschwemmungen wurde die Erde so fruchtbar, dass ein Überschuss an Lebensmitteln für unproduktive Klassen herauskam und darauf bildete sich allmählich eine von der wirklichen Arbeit befreite kleine Priesterkaste, die „in Staatsgeschäften machte“, für die der Mehrheit der Malocherkaste jetzt keine Zeit mehr blieb.  Alle produktiven und unterdrückten Klassen hatten danach den schwierigen Spagat zwischen produktiver und politischer Tätigkeit zu vollführen, während die Müßiggänger Zeit für politische Geschäftchen aller Art zur persönlichen Bereicherung und zur Einfädelungen von Kriegen zwecks dieser hatten und haben. Das gab den Menschen jahrtausendelang dem Irrtum anheim, dem Kopf, der Entwicklung und Tätigkeit des Gehirns allen Fortschritt der menschlichen Zivilisation zuzuschreiben. Dieser Irrtum war zur Gewohnheit geworden und brachte schließlich unter Verdrängung des urwüchsigen antiken Materialismus‘ die idealistische Weltanschauung und die platonisch-christliche Leibfeindlichkeit als Reflex von arbeitsteiliger Klassenherrschaft hervor. Noch heute leiden wir unter dem Idealismus und der Leibfeindlichkeit. Der klassischen deutschen Philosophie, die eine übergewichtig idealistische war, galt die Philosophie deshalb als die höchste Wissenschaft, weil ihr Gegenstand reine Gedanken waren, so dass sie als die nur durch das menschliche Denken zustande gekommene Wissenschaft erfolgreich Führung der anderen, unreinen  Wissenschaften beanspruchen konnte.

Auch die bürgerlichen Ideologen, mechanische Materialisten, die die französische Revolution vorbereiteten, verhedderten sich noch in etwas Zwitterhaftes: Sie erkannten als Materialisten zwar die objektive Existenz einer Materie unabhängig vom unserem Bewußtsein an,  behaupteten aber zugleich, dass unsere Ansichten die Welt regieren und dass man zwischen guten und schlechten Ansichten zu unterscheiden lernen müsse. Holbach gibt hierfür das beste Beispiel ab. Der Baron erwartete von einem charakterlich starken, vor allem aufgeklärten Monarchen ein harmonisches Zusammenleben der Gesellschaft. Die Bourgeoisie konnte sich ideologisch nicht selbst ans Messer liefern, Philosophen hatten Interpreten der Welt zu bleiben, um Ideen zu kultivieren. Und nach der idealistischen Weltanschauung haben die menschlichen Tätigkeiten ihren Ursprung im Denken und nicht in den menschlichen Bedürfnissen. 4. Von allen französischen Aufklärern kam Helvètius dem richtigen Gegenteil am nächsten. Der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft ist nicht im menschlichen Denken zu suchen, sondern in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit. 5. Die ganze sogenannte Weltgeschichte ist nichts anderes als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit. 6.  Zwischen Friedrich Engels und Stefan Engel liegen Lichtjahre. Und in dieser Entwicklungsgeschichte der Arbeit ist die Frage des Eigentums (an den Produktionsmitteln) besonders zu beachten, die Marx im ‚Achtzehnten Brumaire‘ mit der Denkweise der Menschen in Zusammenhang bringt. Man beachte diese Eigentumsfrage, und die Lehre von der Denkweise erweist sich als gegen den Marxismus gerichtet. „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlage heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum … kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden“. (kursiv/H.A.). 7. Stalin sagte, wie die Lebensweise der Menschen, so ihre Denkweise. 8.

Stefan Engel und seine Mitläufer/innen haben Stalin um 180 Grad gedreht … und das soll eine Weiterentwicklung des Marxismus-Leninsmus sein ! Engel entwickelte sich von einem Handwerker zu einem Journalisten, der ein Werkzeug nach dem anderen aus der Hand legte, um dann einseitig nur noch Papier in die Hand zu nehmen, auf das er etwas über Dialektik und Denkweise schrieb. Er bildet sich nach seiner „Emanzipation“ aus der Welt der Arbeit heute ein, sein Tun, das Tun der Arbeiterklasse, das Tun der ganzen Menschheit aus sogenannten proletarischen und kleinbürgerlichen Denkweisen erklären zu können. Er hätte lieber bei seinen Leisten bleiben sollen, anstatt sich von seiner Jüngerschar als Erbe Dickhuts und Weiterentwickler des Leninsmus ausrufen zu lassen. Läge der Schlüssel zu Lenins Genialität in einer sogenannten proletarischen Denkweise, so wäre Lenins Kritik am Idealismus des Empiriokritizismus nicht so genial ausgefallen. Das Leninsche Denken fand seine Wurzeln im dialektischen und historischen Materialismus, den er im Gegensatz zu Stefan Engel essentiell weiterentwickelte.

Die Lehre von der Denkweise verbaut den Weg zu einer Weiterentwicklung. Wie will man auf die „Triebkräfte der Triebkräfte historischer Prozesse“ (Engels) stoßen, wenn man behauptet, eine proletarische Revolution hänge von dem Höhegrad einer proletarischen Denkweise der Arbeiterinnen und Arbeiter ab ? „Die Philosophen wurden … von Descartes bis Hegel und von Hobbes bis Feuerbach keineswegs, wie sie glaubten, allein durch die Kraft des reinen Gedankens vorangetrieben. Im Gegenteil. Was sie vorantrieb, das war namentlich der gewaltige und immer schneller voranstürmende Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie“. 9. Die MLPD ist bis heute der Arbeiterbewegung den Nachweis schuldig geblieben, wie die Lehre von der Denkweise von dem gewaltigen und immer schneller voranstürmenden Fortschritt der Naturwissenschaft und der Industrie vorangetrieben worden ist. Heute wäre insbesondere der Zusammenhang zwischen der „Theorie der Denkweise“ und der rasanten Entwicklung der Computerindustrie wissenschaftlich nachzuweisen.  Die Partei führt uns stattdessen eine Narrenposse auf, als könne man durch die proletarische Denkweise, nicht durch die kleinbürgerliche, auf die Triebkräfte der ‚Triebkraft Denkweise‘ stoßen. Die MLPD glaubt dies und stellt sich außerhalb des wissenschaftlichsn Sozialismus auf. Eigentore bringen die Arbeiterbewegung nicht voran, sondern werfen sie zurück.

Auch kann man Engel nicht folgen in seiner Lobpreisung Lenins, dieser sei stets mit den Massen der Arbeiter und Bauern verbunden gewesen. 10. Hier kommt es auf eine wichtige Nuancierung an. (Vielleicht ist das Wort ‚Nuancierung‘ zu schwach ?). Lenin lehrte den Bolschewiki, sich stets mit den Massen zu verschmelzen, aber nur bis zu einem gewissen Grad. 11. Warum ? Weil nur diese Distanz den Marxismus vor seinem Untergang bewahrt, dieser ist eben kein Produkt der Arbeiterbewegung und wohin es führt, wenn man die Würfel verdreht, die Nuance missachtet, dass haben die russische ‚Partei des ganzen Volkes‘ und der sogenannte ‚Staat des ganzen Volkes‘, verbunden mit der These, man könne bürgerkriegsfrei zum Sozialismus gelangen, gezeigt. In seiner Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution wiederholte Gorbatschow 1987 Chrutschows Leier von der Partei des ganzen Volkes. 12.

Die unmittelbar in der Produktion Tätigen bringen keinen wissenschaftlichen Sozialismus hervor, heute noch weniger als zu Zeiten Kautskys, denn heute haben bürgerliche Ideologen ein viel feineres Werkzeug, die Massen von der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital durch Vermittlung von bildungsbürgerliches, zusammenhangloses technisches Wissen abzubringen. Das geht heute so weit,  dass durch Quizsendungen die Demontage dialektischen Denkens, das Denken der Zusammenhänge im Gesamtzusammenhang, bei Millionen und Abermillionen Menschen betrieben wird. Die Zusammenkünfte der Programmdirektoren „unserer“ Medienzaren, deren Hauptzweck darin besteht, den Volksmassen Einsicht in die Bedingungen ihrer Befreiung vom kapitalistischen Joch unmöglich zu machen, scheinen mir Wannseekonferenzen zu sein, auf denen die Endlösung der Dialektikfrage besprochen wird. Die Ära der fröhlichen Wissenschaften soll anheben, als ob man im Kapitalismus alles nach dem Lustprinzip ausrichten könne.  Vergegenwärtigen wir uns nur für einen kurzen Augenblick das Pathos der klassischen deutschen Philosophie und wir können schon den ganzen Kultur- und Sittenverfall ermessen, der seit dieser zweiten großen Blüte der Weltphilosophie seinen Lauf nahm: „Das Leben Gottes und das göttliche Erkennen mag also wohl als ein Spielen der Liebe mit sich selbst ausgesprochen werden; diese Idee sinkt zur Erbaulichkeit und selbst zur Fadheit herab, wenn der Ernst, der Schmerz, die Geduld und Arbeit des Negativen darin fehlt“.  13. Die Philosophie müsse sich hüten, erbaulich sein zu wollen, hatte Hegel in der Vorrede zur ‚Phänomenologie des Geistes‘ angemahnt und der Weg der Philosophie sei nicht der des Zweifels, sondern der der Verzweiflung. Der Philosoph ist von Gott dazu verdammt, unglücklich zu sein. Die klassische deutsche Philosophie, und das ist als Hochblüte der Weltphilosophie das Wahre an ihr,  ist abgepresst dem Schmerz und dem Elend des weltgeschichtlichen Prozesses, den sie als einen Arbeitsprozess Gottes begreift und in dem sie sich zu einem Kult der Arbeit versteift, ohne die Bedeutung des natürlichen Reichtums der Natur für die Befreiung der Menschheit zur Natürlichkeit durch den Geldfetisch hindurch zu erkennen. Das ist auch bis heute der Kardinalfehler der Sozialdemokratie, die den Reichtum der Natur den Kapitalisten zueignet statt der arbeitenden Menschheit. Solange der Kult der Arbeit den Kult der Natur bricht, solange verkrüppelt der Mensch sein Leben ängstlich kauern unter einem ‚Ora et labora‘.

Aber was darf man in einem Abschnitt der Weltgeschichte erwarten, den Lenin als stinkenden, faulenden und parasitären Kapitalismus bestimmt hat ? Kann es in dieser schrecklichen Dekadenzphase eine Kultivierung der höchsten Form des Denkens, des dialektischen Denkens geben ? Wir sind in der Phase des Imperialismus Zeugen zweier heißer Weltkriege und nach der zutiefst schmerzhaften Abweisung der Stalin-Note Zeugen eines dritten, kalten Weltkrieges.  Ein vierter Weltkrieg wird von den Imperialisten gierig fieberhaft, gleichwohl planmäßig vorbreitet. Zu diesen Vorbereitungen gehört auf dem Gebiet der Ideologie die systematische Zerstörung dialektischen Denkens. Es war den Kulturbarbaren ein Leichtes, die Lesekultur der Jugend zu zerstören. Ich sehe heute in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Jugendlichen mehr, die in einem Buch lesen, ich sehe nur noch Jugendliche, die mit flinken Fingern auf einer kleinen, kalten  Platte spielen. Ohne Buch aber geht die Wissenschaft und ohne Wissenschaft geht die Menschheit zugrunde. Die technische Intelligenz hat die Jugend der Völker in eine Wüste ohne Kultur manipuliert. Man hat Mao vorgeworfen, die chinesische Jugend aufs Land geschickt zu haben. In den imperialistischen Kernländern wird die Jugend in die glitzernden Metropolen gezogen, um durch technischen Schnickschnack zu verblöden.

Die Kehrseite der Medaille des technischen Fortschritts wird immer unterbelichtet: Wie der Computer die geistige Arbeit des Menschen mehr und mehr minimisieren kann, so der Roboter die körperliche. Aber gerade bei der geistigen Arbeit kann der Computer nicht in die Tiefe gehen, er arbeitet begriffsassoziativ, also oberflächlich, und summarisch, ohne ein Thema ganz durchdringen zu können. Durch Textverarbeitungsprogramme ist die Gefahr gegeben, dass der Text dem Autor mehr und mehr entgleitet, ich will schon gar nicht an den intellektuellen Eros erinnern, der nach Plato zwischen Autor und Text in Beziehung tritt. Durch die Übernahme geistiger Arbeit durch einen technischen Apparat, der nicht dialektisch denken kann, ist die Gefahr der Infantilisierung der Menschen groß geworden. Es ist nicht immer vorteilhaft, wenn andere oder etwas anderes dem Menschen Arbeit abnimmt. Gerade die Oktoberrevolution Lenins hat doch deutlich gemacht, dass Analphabeten politisch weiterentwickelt sein können als die damals fortschrittlichsten Industriearbeier in den imperialistischen Kernländern. Ihre „Oktoberrevolutionen“, etwa in Ungarn oder Deutschland (Kiel, Bayern, Thüringen, Hamburg) endeten kläglich. Außer dem bolschewistischen Kern war die Oktoberrevolution eine Revolution der Ungebildeten, ja der Analphabeten. Sie bestätigte Rousseaus Erkenntnis, die im Zeitalter der Aufklärung wie ein Schock wirkte: dass zwischen Wissenschaft und Kultur keine Affinität bestehe. Noch mehr als im Osten Europas wurde Rousseau im 20. Jahrhundert in Westeuropa bestätigt. In Deutschland, das Land. auf das Lenin so große Hoffnungen gesetzt hatte, hatten von den Teilnehmern der Wannseekonferenz zur Endlösung der Judenfrage ausser dem Vorsitzenden SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich alle maßgebenden Teilnehmer den Doktorgrad einer deutschen Universität.

Dass im Vertragsverhältnis zwischen Lohnarbeit und Kapital im Schein der Unmöglichkeit von Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft durch das Kapital diese gerade stattfindet, das hat im Schatten einer Glitzerwelt betäubender Unterhaltung zu bleiben. Der Mund des Volkes kann ruhig aussprechen,  dass die Armen immer ärmer, die Reichen immer reicher werden, solange sein Gehirn nicht dahinter kommt, wie das geschieht. Würden die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Stadt und auf dem Land morgens mit der Frage auf den Lippen aufwachen, wie es kommt, dass durch die Arbeit der Vielen, durch ihre Arbeit, die Wenigen immer reicher werden, wenn ihnen in der Mittagspause durch den Kopf geht, dass die entscheidende Frage heute nicht mehr lauten kann, ob sie das kapitalistische Ausbeutungssystem überwinden müssen, sondern allein wie, wenn ihnen abends der tiefe Sinn des Schlußwortes ‚Proletarier aller Länder, vereingt Euch‘ ! durch den Kopf geht, dann beginnt bereits die Stunde der kapitalistischen Blutsauger zu schlagen, und die bisherigen Malocher kommen unter Einsatz modernster Robotertechnologie (auch in der Landwirtschaft) dahin, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen und abends Viehzucht zu treiben. Dahin können sie ohne Führung durch eine kommunistische Kaderpartei nicht gelangen, die sich aber davor hüten muss, zur Stärkung einer proletarischen Denkweise sich in einem Bierzelt auf einem Volksfest auf lumpenproletarische Manier mit den ‚Massen‘ vollaufen zu lassen, als Ausdruck einer steten Engelschen Verbundenheit mit den Massen der Arbeiter und Bauern. Wir achten hier lieber auf die rote Linie, die Lenin gezogen hat. Hatte sich Lenin zum Beispiel nach dem Ausbruch des ersten Weltkrieges mit den Massen verschmolzen ? Nein ! Er isolierte sich von ihnen, zog sich in die  Bibliotheken zurück und las philosophische Bücher.

Die von Hegel den Philosophen zugewiesene Sonderstellung in der Gesellschaft, sie seien ein „isolierter Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf“ 14., hat sich als Form, nicht inhaltlich,  bis in unsere Zeit durchzuhalten, wenn auch nur noch als nicht ganz leicht zu erkennende Spur. Aber es gibt sie, soll denn das Adjektiv ‚vulgärmarxistisch‘ überhaupt einen Sinn haben. Lenins Organisation von Berufsrevolutionären, die einen ganz anderen Tatinhalt haben als die Hegelschen ‚Heroen der denkenden Vernunft‘, die im Grunde in christlicher Tradition nicht weltorientiert sind, ist dennoch als eine Art Orden zu deuten, dem anzugehören laut Stalin nicht jedem gegeben ist. In der Tat ist es nicht jedem gegeben, die materialistische Dialektik auf die gesellschaftliche Praxis der Klassenkämpfe anzuwenden und die Stürme und Unbilden zu ertragen, die mit der Mitgliedschaft in der Partei Lenins verbunden sind. Selbst Gewerkschaftsmitglieder kommen in der Regel über ein trade-unionistisches Bewußtsein nicht hinaus, ja bei den sogenannten Spitzengewerkschaftlern liegt mittlerweile ein solches gar nicht mehr vor, sondern ein staatserhaltendes-konterrevolutionäres Bewußtsein ins Quadrat erhoben. 

Was Lenin auch charakterisierte, war die permanente Abwehr des Dionysischen, dem nur ein rigoros geringer Platz eingeräumt wurde, sei es Musik, Sexualität und Drogen, ja Drogen überhaupt nicht. Wir finden hierzu sehr Interessantes in Clara Zetkins „Erinnerungen an Lenin“. 15. Immer wieder richtete er seine Konzentration auf die sozialen und politischen Fragen, auf den dialektischen und historischen Materialismus, von dem stets auszugehen war. Dieser Materialismus ist eine Art Zwangsjacke (ich meine das hier nicht im negativen Sinn), man darf ihn nicht aus dem Kopf lassen, denn die konterrevolutionären Ideologen suchen ja gerade nach Lücken im dialektisch operierenden Gehirn des Revolutionärs. 1905, im Jahr der Revolution, schrieb Lenin: „Die Arbeiter müssen um die Freiheit kämpfen, ohne auch nur einen Augenblick aufzuhören, an den Sozialismus zu denken, ohne aufzuhören, für die Verwirklichung des Sozialismus zu arbeiten …“ 16. Er war hart gegen sich selbst, schlicht bis an die Grenze des Asketischen und wusste schon in jungen Jahren, dass man ohne Disziplinierung seiner Neigungen nicht zum Revolutionsführer taugt. Er wusste um sich. Der Sieg ist uns sicher, denn das Volk ist am Rande der Verzweiflung, wir aber weisen dem Volk den sicheren Ausweg“. 17. Er war ein Mann der Revolution und der Wissenschaft durch und durch. Auf dem Gebiet der Wissenschaft war er rigoros in guter Tradition Bacons. Kritiker wie Fritz Klein werfen ihm vor, der Illusion der Weltrevolution aufgesessen zu sein. 18. Lenin konnte gar nicht anders, und das war seiner wissenschaftlichen Weltanschauung geschuldet. Seine dialektischen Studien hatten ihn zu der Auffassung geführt, dass in der Gesellschaft fundamental die gleichen dialektischen Gesetze wirken wie in der Natur. Einer Aufzählung von Naturwissenschaften fügt er nahltlos die Gesellschaftswissenschaft an mit dem ihr folgenden Wort ‚Klassenkampf‘. Dieser bedeute in der Gesellschaft das Gleiche wie die Wirkung und die Gegenwirkung in der Mechanik oder wie die positive und die negative Elektrizität in der Physik. 19.

Hätte Lenin, der Mann, der sein Gesicht der Zukunft zugewandt hatte, zur Zeit der romantischen 68er Bewegung gelebt, die Parole ‚Sex, Drugs & Rock’n Roll‘ wäre ihm zutiefst zuwider gewesen. Im Wort ‚Revolution‘ klingt das sich ständig Steigernde an, das stets über sich Hinausgehende, (sie ist hier dem dialektischen Denken gleich), das bis an die Grenze seiner Kräfte Gehende. Wer in die Breite wirken will, muss sich auf sein Innersten zurückziehen und das In-sich-Konzentrierte aus sich weit herauswerfen können, es Kreise aus Kreisen gebären lassen. Wie ein sehr religiöser Mensch seine Gebetsstunden streng einhält, so hielt Lenin seine Bibliotheksstunden streng ein. Er konnte wie ein Uhrwerk arbeiten, um der Weltuhr einen neuen Gang zu diktieren. Was im Umkreis der französischen Revolution von 1789 noch auseinander fiel, Rousseau, der einen markerschütternden Aufsatz über die Entstehung der sozialen Ungleichheit unter den Menschen geschrieben hatte, und Robespierre, der Rousseau als seinen Stichwortgeber ansah, fiel in Lenin zusammen. Rousseau hatte in seinem ‚Gesellschaftsvertrag‘ geschrieben: „Man wird mich fragen, ob ich Fürst oder Gesetzgeber sei, weil ich über Politik schreibe. Nein, antworte ich, gerade deswegen schreibe ich über Politik. Wenn ich Fürst oder Gesetzgeber wäre, würde ich meine Zeit nicht damit verlieren, zu sagen, was getan werden müßte. Ich würde es tun oder schweigen“. 20. Der Citoyen Rousseau steht noch in der platonischen Tradition eines intimen Verhältnisses des Autors zu seinem Text, er endete in einer permanenten Selbstbespiegelung seiner Person, um die es nur noch in seinen letzten Schriften geht (Rousseau richtet über Jean Jacques). Der Berufsrevolutionär Lenin indess musste diese Tradition sprengen, um mit seinem Schreiben auf die Volksmassen einzuwirken, sich und sie zu verändern.  Während Rousseau in seinen letzten traurigen Lebensjahren als ein völlig vereinsamter Spaziergänger sein Dasein fristet, hat Lenin einen Grad der Ausstrahlung erreicht, der ihn in eins setzt mit dem Weltproletariat. Es kam bei ihm noch etwas hinzu, was bei Rousseau nicht vorlag und was in der russischen Militärtradition stand: wir finden in den Werken Lenins einen absoluten Vernichtungswillen des Feldherren, wie er Suworow eigen war. Vergessen wir niemals Lenins Vermächtnis, seine Bestimmung des Hauptinhaltes der proletarischen Revolution: „die völlige Vernichtung der Bourgeoisie“. 21. 

1.Vergleiche Stefan Engel, Die Oktoberrevolution lebt, Zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Neuer Weg Verlag, Düsseldorf,1987,40

2. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen dutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,277

3. Siehe Dokument Nr. 18: Das Gehirn W.I. Lenins, in: Jochen Richter: Rasse, Elite, Pathos. Eine Chronik zur medizinischen Biographie Lenins und zur Geschichte der Elitegehirnforschung in Dokumenten, Centaurus Verlag, Herbolzheim, 2000, 187 f.

4. Vergleiche Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Karl Marx / Friedrich Engels: Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,379

5. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,307

6. Vergleiche Karl Marx, MEGA, Berlin, 1932, Erste Abteilung, Band 3,125. Hegel dringt zwar tiefer in die Materie der Geschichte ein als die französischen Materialisten und erkennt, dass in ihr hinter den vordergründigen Triebkräften noch verborgene hausen müssen. Sein Fehler war, diese Kräfte nicht in der Geschichte selbst, sondern in der Philosophie zu suchen. Hegel ist damit unfähig geworden, ein Historiker zu sein, er ist immer ein Geschichtsphilosoph. Der wahre Mensch ict für ihn nicht der Mensch, sondern der Philosoph.

7. Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960,139

8. Vergleiche Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volksverlag Singen (Hohenwiel), 1946,32). So auch Lenin: „Der entsprechende Umschwung in den Lebensbedingungen (und folglich auch in der Denkweise) der einfachen werktätigen Masse hat eben erst eingesetzt“. (Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,261). Was in einem Satz in Klammern steht, ist immer das Unwesentliche. Die Lehre von der Denkweise ist eine Perversion des historischen Materialismus.

9. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,277 

10. a.a.O.,41

11. Vergleiche Lenin, Der ‚Linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit des Kommunismus, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,567

12. Michail Gorbatschow: Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozeß und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,51

13. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Akademie-Ausgabe, Felix Meiner Verlag, Hamburg, 1980,18.

14. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden von Hermann Glockner, Band 16, Friedrich Fromann Verlag, Stuttgart Bad Canstatt, 1965,356

15. Vergleiche Clara Zetkin, Erinnerungen an Lenin, in: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Band III, Dietz Verlag Berlin, 1960,93ff. Als die Sitzung, auf der es um den bewaffneten Aufstand in Petrograd ging, sich mit zehn Ja- gegen zwei Neinstimmen für einen Aufstand mit Waffen ausgesprochen hatten, wollte Sinowjew den Tag mit einer Runde Wodka beenden, aber Lenin stieß die Flasche vom Tisch: „Dies ist eine Revolution der Reinen“.

16. Lenin, Ein neuer revolutionärer Arbeiterbund, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960,505 

17. Lenin, Marxismus und Aufstand, Werke Band 26, Dietz Verlag Berlin, 1960,6

18. Vergleiche Fritz Klein, Schicksaljahr 1917: Wilson oder Lenin ?, in: Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus, „Die Wache ist müde“, Neue Sichten auf die russische Revolution von 1917 und ihre Wirkungen, hrsg. Von Wladislaw Hedeler / Klaus Kinner, Dietz Verlag Berlin, 2008,21

19. Vergleiche Lenin, Zur Frage der Dialektik, Werke Band 38, Dietz Verlag Berlin, 1960,338f.

20. Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 1960,5

21. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,425. Die völlige Vernichtung der Bourgeoisie ist ohne Kampf gegen den Revisionismus, Opportunismus, Sozialdemokratismus, Trotzkismus und ohne die völlige Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates nicht möglich. Nicht aufgezählt werden darf in dieser Beziehung der Anarchsimus, denn in den Fragen der völligen Vernichtung des bürgerlichen Staates und des Zieles der Bewegung stimmen Anarchismus und Marxismus überein. Es geht im Sozialismus nicht um den Menschen, wie es Gorbatschow zum Besten gab, es geht nicht um den Menschen als solchen, um den Menschen als solchen ging es den Philosophen Kant und Feuerbach. Liest man das Kommunistische Manifest aufmerksam, so wird man zugeben müssen, dass das Wort Menschheit in ihm nicht vorkommt.  Es geht im Sozialismus um die Niederringung der kapitalistischen Klasse und ihrer Mitläufer durch eine harte Diktatur, die sich gegen ihre Feinde nicht immer human verhalten kann.

 

 

 

 

 

 


Revisionismus in der DDR am Beispiel einer Broschüre zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution

19. Dezember 2016

Das Jahr 2016 neigt sich dem Ende zu.  2017 ist nicht nur  der 500. Wiederkehr des Thesenanschlags Martin Luthers an die Schloßkirche zu Wittenberg zu gedenken, der den deutschen Bauernkrieg auslöste, es ist auch das Jahr der 100. Wiederkehr der großen sozialistischen Oktoberrevolution. Manche meinen, diese Revolution sei so gewaltig, dass man die  Adjektive mit großen Anfangsbuchstaben schreiben müsse. Ich mache das bewußt nicht mit, eingedenk der Worte Lenins, dass Revolutionäre sich hüten sollten, das Wort ‚Revolution‘ mit großen Buchstaben zu schreiben. Beim Durchlesen von Artikeln zu den Jahrestagen der Oktoberrevolution stieß ich auf eine Broschüre, die mich mehr als nur einmal stutzig machte.

Die Oktoberrevolution war gerade ein halbes Jahrhundert alt, da erschien 1967 im Akademie-Verlag zu Berlin eine interessante Broschüre zu ihrem 50. Jahrestag. Der Titel lautet schlicht „Oktoberrevolution“ und die Verfasser sind Manfred Buhr und Matthäus Klein. Aber der Untertitel lässt aufhorchen: „Grundanliegen der Menschheit – Humanismus, Menschenrechte, Frieden“. Das ist unscharf genug, denn natürlich gehören auch die Imperialisten zur Menschheit, die ökonomisch bedingt objektiv zum Krieg gegen die Oktoberrevolution gezwungen sind. Sie haben also ein entgegengesetztes Grundanliegen und der präzise Untertitel hätte lauten müssen: Grundanliegen des Weltproletariats und der armen Bauernklassen weltweit.

„Humanismus, Menschenrechte, Frieden“, das sind gewiss süße Worte, bei denen aber revolutionäre Wachsamkeit angebracht ist. Für Karl Marx blieb jede soziale Reform eine Utopie, „bis die proletarische Revolution und die feudalistische Konterrevolution sich in einem Weltkrieg (kursiv von Marx) mit den Waffen messen“. 1. Das sind nun schon bittere Worte, die so gar nicht in das Konzept einer friedlichen Koexistenz passen. Beide Autoren ergeben sich in einer allgemeinen Menschheitsduselei, als ob das Proletariat eine menschheitsbefreiende Mission hätte, eine Duselei, in der das Feindbild immer mehr verwischt. Schließlich muss die Oktoberrevolution herhalten, um mit ihr den Prozess, „die Rechte der Menschheit herzustellen“ (Imanuel Kant) beginnen zu lassen. Die Revolution wird hier verbal in eine zu mildes Licht getaucht. Sie hat endlich einen richtigen Begriff von Asozialität geprägt. Es galt, die bisher schmarotzende Minderheit der Kapitalisten zu stigmatisieren, auszugrenzen, vom Wahlrecht auszuschließen, nicht die Rechte der Menschheit herzustellen, sondern den gleichen Arbeitszwang für alle einzuführen. Die Commune hatte keide Ideale zu verwirklichen, schrieb Marx über das Pariser Revolutionsereignis von 1871. Die Tscheka wurde bestimmt nicht gegründet, die Rechte der Menschheit im kantischen Sinne herzustellen, sondern die Asozialen zu disziplinieren. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen und nicht wählen. Auf der Tagesordnung stand ein Bürgerkrieg der schrecklichsten Art als ein weltgeschichtlicher Endkampf mit militärischen Operationen, die mittels der Diktatur des Proletariats das Krebsgeschwür ‚Kapital‘ zu entfernen hatten. In diesem Zusammenhang bemerken die Autoren der Broschüre, dass der „Arbeiter-und-Bauern-Staat“ einer sei, dessen Funktionen sich von denen eines Klassenstaates qualitativ unterscheiden. 2. 

Broschüre hin, Broschüre her – man kann das nicht passieren lassen, denn das ist falsch, das ist grundfalsch. Auch für den Staat, der sich als Folge einer proletarischen Revolution herausbildet, gilt zunächst die umfassende Bestimmung eines Klassenstaates, wie sie Marx und Engels im ‚Manifest‘ gegeben haben: „Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern“. 3. Der „Arbeiter-und-Bauern-Staat, ist ein Klassenstaat, eine Maschine zur Unterdrückung der alten Ausbeuterklassen, er ist eine Diktatur, die an keinerlei Gesetz gebunden ist und sich unmittelbar auf Gewalt stützt. Naiv schreiben die Autoren: „Ein Staat, der nicht mehr gegen, sondern für den Menschen und sein Glück besteht, braucht keinen Angriff und verdient ihn nicht“. (kursiv von M.B /M.K.) 4. Die Existenz eines Staates ist immer Ausruck der Tatsache, dass eine Gesellschaft sich mit sich selbst in einem Widerspruch befindet, das gilt auch noch für eine aufsteigende sozialistische Gesellschaft. Je mehr sie sich entwickelt, desto mehr schläft der Staat aber ein.

Der Faschist Carl Schmitt gab mal den Satz zum Besten: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Die Autoren der Broschüre bemühen sich, angebliche Entwicklungslinien von der klassischen deutschen Philosophie zum Marxismus-Leninismus nachzuzeichnen. Herders Briefe zur Beförderung der Humanität kommen da gerade Recht, in ihnen ruft Herder aus: „Humanität ist der Charakter unseres Geschlechts !“ 5. Ich kontrastiere das gerne mit einer Feststellung von Friedrich Engels, dass es gerade die schlechten Eigenschaften der Menschen sind, Habgier und Herrschsucht, die zwar nicht die Humanität, aber den geschichtlichen Fortschritt befördern. 6. Wir tun gut daran, an die Parteilichkeit des Marxismus-Leninismus zu erinnern, an ihr festzuhalten und statt einer allgemeinen Formel den Begriff des Weltproletariats zu präzisieren. Im Licht des Marxismus-Leninismus ist der Begriff ‚Menschheit‘ kein wissenschaftlicher, für die Revolutionstheorie verwertbarer Begriff. Er kommt im ‚Kommunistischen Manifest‘ nicht vor, stattdessen: Die kommunistische Partei unterläßt keinen Augenblick, „bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten“. 7.

„Wir kämpfen nicht nur für Frankreich, sondern für die ganze Menschheit“, sagte Robespierre, der die rote Fahne mit der Trikolore niederschlug, damit der Weltbourgeoisie kosmopolitische Nahrung gebend, nach der sie verlangt. Das Weltproleariat kämpft keineswegs für die ganze Menschheit, sondern primär natürlich nur für sich und wenn es die weltpolitische Konstellation ergibt, auch primär für den Aufbau des Sozialismus nur in einem Land. Im Trotzkismus, der diesen Aufbau ablehnte, wurden die ihm immanenten kosmopolitischen Züge immer deutlicher. Schließlich warf Trotzki Stalin vor, sich nationalsozialistisch nur um Russland, nicht um die Menschheit zu kümmern

Nachweislich falsch ist die Behauptung von Buhr und Klein, Marx hätte durch seine Theorie von der Gesetzlichkeit der Geschichte dafür gesorgt, „daß der Humanismus vollkommen politisch und die Politik wahrhaft humanistisch werden konnten“. 8. Es gibt im Werk von Marx keine Stelle, an der er Politik und Humanismus gleichsetzt, stattdessen: „Die Revolution überhaupt – der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse – ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und der Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg“. 9. Aus humanistischer Intention schleudert Marx die Politik gerade fort. Politik hat eine Affinität zum Krieg, nicht zum Humanismus. Die sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft wird immer mehr eine unpolitische werden. Die Vorgeschichte mit ihren Mythen hört auf, die eine von Klassenkämpfen und damit eine politische war. Marx unterscheidet ja gerade die politische Revolution von der menschlichen. In Russland gab es 1917 eine Doppelrevolution, eine politische im Februar und eine menschliche im Oktober. Das erste Dekret der Oktoberrevolution war das Dekret über den Frieden und bereits in ihm sehen Buhr und Klein die Leninsche Idee von der Möglichkeit der Koexistenz zweier Systeme mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen. Tatsache ist, dass Lenin zu diesem Zeitpunkt auf eine proletarische Revolution in Westeuropa setzte, nicht auf eine längerfristige Koexistenz zwischen Sozialismus und Kapitalismus. Eine längere Koexistenz zweier entgegengesetzter Gesellschaftssysteme (sie waren nicht nur unterschiedlich) hielt Lenin im übrigen für ausgeschlossen.

Es mag nun schon fast 30 Jahre her sein, dass ich in der Leibniz-Gesellschaft zu Hannover einen philosophischen Vortrag von Manfred Buhr lauschte. Er sprach über Leibniz, an den genauen Titel kann ich mich nicht einmal mehr erinnern, aber ein Lüge des Professors aus Ostberlin hat sich mir bis heute tief in mein Gehirn eingebrannt, zumal ich ihm diese die Dialektik betreffende Frage gestellt hatte, auf die er antwortete: Lenin hätte nicht den Kampf der Gegensätze, sondern deren Einheit primär gesetzt. (Eben friedliche Koexistenz). So meinte er, mich korrigieren und belehren zu müssen. Zu dieser Zeit konnte man in den Buchläden der DDR schon Bücher erwerben, die im Titel einen status quo festschrieben: ‚Ewige Freundschaft UdSSR-DDR‘. Hier verstummen nun alle und das Grübeln über die Vergänglichkeit des Ruhmes kann einsetzen.

1. Karl Marx, Lohnarbeit und Kapital, Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin, 1960,397f.

2. Vergleiche Manfred Buhr, Matthäus Klein: Oktoberrevolution, Grundanliegen der Menschheit, Humanismus Menschenrechte Frieden, Akademie Verlag Berlin, 1967,45. Zwanzig Jahre nach Buhr und Klein trat Gorbatschow hervor mit einer Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution: ‚Der Faktor Mensch dringt unmittelbar ins Weltgeschehen ein‘. (Vergleiche Michail Gorbatschow, Oktoberrevolution, Umgestaltungsprozess und der Frieden, Rede zum 70. Jahrestag der Oktoberrevolution, Pahl-Rugenstein Verlag, Köln, 1987,89).

3. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,482

4. Manfred Buhr, Matthäus Klein: Oktoberrevolution, Grundanliegen der Menschheit, Humanismus Menschenrechte Frieden, Akademie Verlag Berlin, 1967,47

5. Johann Gottfried Herder, Briefe zur Beförderung der Humanität, Werke Band 5, Weimar, 1957,102f.

6. Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,287

7. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1974,492

8. Manfred Buhr, Matthäus Klein: Oktoberrevolution, Grundanliegen der Menschheit, Humanismus Menschenrechte Frieden, Akademie Verlag Berlin, 1967,28

9. Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen‘ Vorwärts Nr. 60, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,409

 

 

 

 

 

 

 

Über den fundamentalen Unterschied zwischen Gesellschafts- und Naturwissenschaften

14. Dezember 2016

Wie es ein Wechselverhältnis zwischen sozialer Revolution, Materialismus und Atheismus gibt, so gibt es auch ein Wechselverhältnis zwischen Konterrevolution, Idealismus und Religion und sodann noch ein Wechselverhältnis zwischen Revolution und Konterrevolution selbst.  Der vormarxsche Materialismus wusste zwar, dass das Sein das Bewußtsein bestimmt, nicht aber, dass es das gesellschaftliche Sein ist, das das Bewußtsein bestimmt. 1. Der alte Materialismus konnte den politisch-historischen Ereignissen noch keinen Klassensinn unterlegen und die sich wandelnden Wechselbeziehungen der Klassen wissenschaftlich eruieren und zur Sprache bringen. Dieser Sprung nach vorn in der menschlichen Erkenntnis wurde bedingt durch die naturwüchsig vor sich gehende große industrielle Revolution 2., von der der Marxismus stark abhängt, insofern durch sie die Vergesellschaftung der Arbeit einen ungeheuren Schub erfuhr. Durch die Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende industrielle Revolution, die mit einer starken Bevölkerungsvermehrung und dem Aufkommen des Malthusianismus verbunden war, wurde die Erkenntnis der materiellen und gesellschaftlichen Zusammenhänge ungemein gefördert und die Bedingungen für den Sprung vom mechanischen zum dialektischen Materialismus waren durch sie gegeben.

Der historische Materialismus mit der ihm entwachsenen Klassenkampftheorie konnte erst wissenschaftlich entwickelt werden, nachdem sich die Gesellschaft in zwei große Lager gespalten hatte: in das des Proletariats und in das der Bourgeoisie. Auch diese Spaltung ist eine Frucht der industriellen Revolution und der Expropriation des Landvolks von Grund und Boden im Zuge der Herstellung eines inneren Marktes für das industrielle Kapital. Das Proletariat ist durch die Einführung der Maschinen ins Leben gerufen worden, stellte der junge Engels 1842 in Manchester fest. Die industrielle Revolution mit der Potenz, die Produktion ins Unendliche zu vermehren, setzte omnipotente Phantasien frei und wies zugleich die historische Vergänglichkeit von allem an. Der Prozess ist ein Vorwärts und Rückwärts zugleich, gegen sich arbeitend.  Ohne Phantasien im Hintergrund wäre die Oktoberrevolution in Russland nicht erfolgreich gewesen. In diesem rückständigen Agrarland beflügelte die Tatsache, dass in ihm in sehr kurzer Zeit Industrien emporgeschossen waren, bis zu deren Blüte Westeuropa Jahrhunderte brauchte. Eine Industrialisierung könnte sich also rasch nachholen lassen. Diese Überlegung hatte sich in den Gehirnen der führenden bolschewistischen Revolutionäre festgesetzt. Eine zügige Industrialisierung – das war ja nun wohl die Leimrute, die die Geschichte für die jungen bolschewistischen Vögelchen, trunken von den aufgepickten Aprilthesen, nach der Februarrevolution 1917 ausgelegt hatte.

Der mechanische Materialismus, so historisch notwendig er war, auch er bereits eine wenn auch nicht immer scharfe Waffe gegen die feudale Ideologie, war beschränkt, er konnte zur Erklärung der Bewegung der Materie nur äußere Anstöße anführen. Goethe war auf der Höhe der Zeit, auf der Höhe Hegels, als er Faust besessen forschen ließ, was die Welt im Innersten zusammenhält. „Im eigentlichen Sinne ist die Dialektik die Erforschung des Widerspruchs im Wesen der Dinge selbst“. 3. Im Zuge der Emanzipation der Bourgeoisie gegen die feudalen Gewalten ‚Adel und Klerus‘ werden wir Zeugen der Ablösung der von Descartes begründeten mathematischen Rationalität als dem Kern wissenschaftlichen Denkens, dem sich noch Kant verpflichtet fühlte, durch die Durchdringung von Objektivität durch die tief innerliche und ruhelose Dialektik. Ein Rationalist steht der Hegelschen Intention des Denkens, durch sich selbst ich allem sich selbst zu fiinden, ganz fremd gegenüber. Dialektisches Denken ist ein sich stets selbst transzendierendes, sich steigerndes Denken, das sich damit auch immer zugleich negativ gegen sich selbst richtet, es denkt sich als ein in sich Entgegengesetztes als Abbild widersprüchlicher Prozesse. Ohne Wechselspiel zwischen Sein und Nichts, Existenz und Nichtexistenz gäbe es keine Prozesse, die sich immer negativ gegen sich selbst verhalten.

Der mechanische Materialismus war zu eng geworden, das Weltgeschehen zu erfassen. Das Weltbild wandelte sich: die Welt ist nicht ein Komplex fertiger Dinge, sondern ein Komplex von Prozessen. Die mathematische Methode reichte nicht mehr hin, die Dialektik kam auf als eine „Prozesswissenschaft“, genauer: als eine wissenschaftliche Methode, die für Hegel die Bewegung des Begriffes selbst ist. Die dialektische Methode eruiert, nach welchen Gesetzen Prozesse ablaufen, wobei sie sich besonders auf die Übergänge von einer Prozessperiode zur folgenden konzentriert. Es reicht nicht aus, eine Prozessperiode nur gemäß ihren Faktenknochen abzubilden, sondern es gilt zu eruieren, dass und wie das zunächst kleine Neue sich im zunächst großen Alten  entwickelt.   Konnte sich in den der Natur zugewandten Agrargesellschaften noch ein Weltbild halten, das analog der immer in der gleichen Abfolge wiederkehrenden Jahreszeiten Geschichte als ständige Wiederkehr des Gleichen deutete, weil die unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise die erste Existenzbedingung der industriellen Klassen war 4., so brachte die urbane Dynamik ein Weltbild hervor, das vom Gedanken der Entwicklung, der ständigen Höherentwicklung geprägt war. Durch die technisch-industrielle Revolution waren Stätten der Produktion nicht mehr primärabhängig von natürlichen Kraftquellen. Sie konnten wandern, und sobald sie sich niedergelassen hatten, konnten qualifiziertere Arbeiter leicht von einer Arbeit in eine andere wandern.  Durch die technisch-industrielle Revolution war die Möglichkeit gegeben, dass der Bauer aus dem Idiotismus des Landlebens, aus einer Naturbefangenheit  herausgerissen wurde und von einem Herrn über eine Handvoll Hühner zu einem Ausbeutungsobjekt in den großen Städten wurde, in denen die Naturwissenschaft Naturbefangenheit verdrängt hatte. Die bürgerliche Wissenschaft muss mit Vorbehalten anerkennen, dass die Welt ein Komplex von Prozessen ist, nur deutet sie diese lediglich evolutionär (sozialdemokratisch), nicht dialektisch. Sie operiert summativ, so dass ihr  Einfaches immer komplexer wird. Damit ist sie nicht auf der Höhe der kommunistischen Urgesellschaft, die in der bestimmten Negation aufgehoben ist und sich durch die Negation ihrer Negation zum Kommunismus hinentwickelt.

Politisch entsprach die bürgerliche Revolution diesem Prozess, in der das bisherige rurale Objekt der Naturgeschichte ein urbanes der industriellen Produktion wurde. Die mechanischen Materialisten, die einseitig mit den Naturwissenschaften ihrer Zeit korrespondierten und noch nicht die Früchte der technisch-industriellen Revolution kennen und ernten konnten, waren noch nicht in der Lage, den Materialismus auf gesellschaftlich-historische Prozesse stichhaltig anzuwenden. Daran ‚krankte‘ die ganze bürgerliche Aufklärung, die auf das Ideal eines aufgeklärten Monarchen ausgerichtet blieb (siehe Kants plumpes Lob auf Friedrich), auch weil sie über keinen wissenschaftlich durchdachten Begriff einer objektiven Geschichtsentwicklung verfügte, den erst Hegel, ein Kritiker der bürgerlichen Aufklärung, auf den Begriff brachte. Für Engels war die Revolution von 1789 nur ein halbe Revolution. Sie hatte nicht einmal das Wahlrecht für Frauen durchgesetzt.

Die technisch-indutrielle Revolution hatte auch eine Revolution im Verhältnis der Gesellschaftswissenschaften zu den Naturwissenschaften ausgelöst und gerade die Bedeutung der Gesellschaftswissenschaften akzentiert, so widersinnig dies zunächst erscheinen mag. Die bürgerlichen Ideologen vor der französischen Revolution konnten, nachdem sie die Einschränkung der Forschungen durch die Theologie beiseite geschoben hatten, ihren Materialismus nur wesentlich naturwissenschaftlich untermauern und hatten für die großen Fragen der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft noch keine wissenschaftlichen Grundlagen. Erst die theoretische Emanzipation der Arbeiterklasse ist sowohl naturwissenschaftlich als auch gesellschaftswissenschaftlich untermauert. Wir erhalten also auch von der theoretischen Seite her den Wink, dass die Emanzipation der Arbeiterklasse keine ausbeuterische Minderheit an die Macht bringen wird, die die Totalität der Gesellschaftswissenschft scheut.“Sozialistisches Bewußtsein kann sich erst dann entwickeln, wenn zu der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeiten der Natur auch die der Gesellschaft hinzugekommen ist“. 5.  In Ausbeuterordnungen kann es kein übergreifendes Korrespondenzverhältnis zwischen Gesellschafts- und Naturwissenschaften geben, auch der Gaul der  Geschichte der Wissenschaften hinkt.  „Daher wird die Entfaltung des sozialistischen Bewußtseins durch alle Vorgänge gefördert, die die Klassengrundlage der bürgerlichen Gesellschaft auflösen“ 6.

Heute besteht der fundamentale Unterschied zwischen den Gesellschaftswissenschaften, deren Bedeutung wissenschaftsgeschichtlich später als die der Naturwissenschaften bewußt wurde, noch Bacon sieht nur in der Natur Vermehrung, nicht in den Meinungen, und den Naturwissenschaften darin, dass erstere durch den Marxismus ihren höchsten Grad an Totalität erreicht haben. „Aber das moderne bürgerliche Privateigentum ist der letzte und vollendetste Ausdruck der Erzeugung und Aneignung der Produkte, die auf Klassengegensätzen, auf die Ausbeutung der einen durch die andern beruht“. 7. Es kann in den Naturwissenschaften keinen Satz geben, der selbst nur rudimentär analog ginge. Die Gesellschaftswissenschaften kamen später zum Bewußtsein ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung als die Naturwissenschaften.  Festen Boden unter die Füße bekamen diese  bereits durch Galileis Kritik an  Thomas von Aquin, der aus Gründen päpstlicher Hoheitsansprüche über die Wissenschaften die wissenschaftliche Unberechenbarkeit der Natur vertrat. Gegen das mittelalterliche Naturbild, dass die Natur unbeständig und unsicher sei und – so Thomas von Aquin in „De Trinitatis“ – die Naturwissenschaften auf Grund dieses ihres Gegenstandes nicht zu endgültigen ganz abgesicherten Erkenntnisse gelangen könnten, vertrat Galilei eine logische Struktur der Natur: sie bilde ein geordnetes Ganzes, handele mit Notwendigkeit und verstoße nie gegen ihre eigenen Gesetze, zudem bediene sie sich der einfachsten Mittel. 8. 

Die Gesellschaftswissenschaften  hatten dagegen niemals eine Begründung durch sich selbst, im Gegenteil, ihre Auflösung ist gegeben im Proletariat, dem das Kapital trotz Kultivierung der bürgerlichen Rechtspflege Unrecht schlechthin zufügt und das daher die bestehende Ausbeuterordnung nicht verbessern kann, sondern um sein Menschsein willen gezwungen ist, eine neue Gesellschaft ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu gründen … eine Gesellschaft ohne Klassen, ohne Klassenkampf und folglich auch ohne Marxismus. Dieser als Anleitung zum politisch-revolutionären Handeln in Klassengesellschaften erübrigt sich in einer klassenlosen Gesellschaft, in der es keine Klasse mehr zu bekämpfen und zu unterdrücken gilt, die Aufhebung der bürgerlichen Klassengesellschaft durch die revolutionäre Tätigkeit des Proletariats schließt die Selbstaufhebung des Proletariats und die des Marxismus bei Aufhebung des nichtantagonistischen Widerspruchs zwischen Arbeitern und Bauern mit ein. Wie schwierig es ist, den philosophischen Materialismus auf gesellschaftliche Prozesse anzuwenden, wird deutlich im Wirken Ludwig Feuerbachs. Trotz fruchtbarer materialistischer Ansätze bestimmen sich die Charaktere historischer Epochen für ihn durch – ? … durch die Religion.

Die vom Kapital befreite menschliche Gesellschaft wird dagegen nicht nur nicht ohne Naturwissenschaften auskommen können, diese werden bei Freisetzung der Produktivkräfte in Dimensionen vorstoßen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Klassenbedingte Herrschaft des Menschen über den Menschen und politische Gesellschaftswissenschaften verhalten sich ebenso reziprok wie Anarchie und nur noch benötigter Naturwissenschaften. Hier erst wirklicher Freiraum und disponible time für Kunst und Musik. Die Geschichte der Gesellschaftswissenschaften in ihrem Verhältnis zu den ökonomischen Gesellschaftsformationen zeigt uns, dass man mit den Gesellschfatswissenschaften nicht fertig werden kann durch ihre abstrakte Negation durch die bis 1917 herrschenden Klassen, die bis zu Bücherverbrennungen ging. Nicht erst die Nazis, schon Minister des Absolutismus ließen 1762 Rousseaus Gesellschaftsvertrag und Rousseau Erziehungsroman ‚Emile‘ gleichzeitig auf den Treppen des Pariser Justizministeriums verbrennen. Brauchten die ausbeutenden Klassen die Naturwissenschaften zur Steigerung der Produktion, so hatten sie natürlich kein Interesse an einer gesellschaftswissenschaftlichen Weiterentwicklung ihrer Ausbeutungsobjekte, nur an einer technischen. Die große kapitalistische Industrie schafft erst die Bedingungen, unter denen die verknöcherten Gestalten des Produktionsprozesses „stetem Wechsel der Arbeit, Fluß der Funktion und allseitiger Beweglichkeit des Arbeiters weichen“. 9. Aber das alles verläuft einseitig, es ist ganz abwegig, es für möglich zu halten, dass sich aus der Belegschaft eines großen Industrieunternehmens  ein Literaturkreis bildet, um in der sogenannten Freizeit, sagen wir, kollektiv Goethes Werther zu lesen und kollektiv zu besprechen. Das geht schon deshalb nicht, weil die Arbeit, sobald sie tagesmäßig vertraglich endet, wie die Pest geflohen wird. Die bloße Konzentration in der Fabrik gibt keinen Hebel der Revolution ab.

Obwohl die Bourgeoisie sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde schafft, sind ihre Ideologen nicht in der Lage, diese wissenschaftlich richtig widerzuspiegeln. Das Abbilden der Entwicklungsgesetze der Natur und der menschlichen Gesellschaft im menschlichen Denken ist insofern widersprüchlich, als es von spezifisch widersprüchlichen Klassenkonstellationen bedingt ist, die den Nachweis ermöglichen, dass der wissenschaftliche Konflikt ein Reflex der Dialektik von Revolution und Konterrevolution ist. Der dialektischen Abbildung als dialektischer Prozess steht die ideologische entgegen, die den lebendigen Weltprozess unter der Kategorie der Ewigkeit auf eine zeitlich befristete Klassenherrschaft deformativ fixiert. Aus der Fixierung von Prozessualität ergibt sich die ideologische Weltinterpretation als verzerrte Realität, in der sich Klassenherrschaft als unabänderlich ergeben soll. In der Vereinnahmung einer historisch, also nur für einen bestimmten Zeitraum tätigen und gültigen Prozesskonstellation als ewige, spiegelt sich die prätendierte Allmacht einer bestimmten Eigentumsform über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wider. Marx und Engels haben dargelegt, dass die Blockade dialektischen Denkens eigentumsbedingt ist: „Die interessierte Vorstellung, worin Ihr eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen herrschenden Klassen. Was ihr für das antike Eigentum begreift, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum“. 10. Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Veränderung der bürgerlichen Eigentumsverhältnisse.

Der Frühkommunist Wilhelm Weitling zum Beispiel sagte der Humanmedizin im Kommunismus eine große Zukunft voraus, was sehr verheißungsvoll ist. Wer ist der schäbige Lump, der sich dagegen ausspricht, dass in kollektiven, nicht profitorientierten Produktionsprozessen die Zahl der Arbeitsunfälle rapide zurückgeht, während auf der anderen Seite eine technisch hochentwickelte Humanmedizin bereitsteht, immer bessere und kürzere Heilmethoden zu entwickeln, die uns heute noch phantastisch vorkommen. Als Fourier im 19. Jahrhundert verkündete, dass die Menschen in einem nichtkapitalistischen Produktionssystem 144 Jahre alt werden können, hatte man das als Spinnerei abgetan, heute kann man das nicht mehr machen. Diese schäbigen Lumpen gibt es heute. Aus ihren eigenen Eingeweiden produziert die bürgerliche Gesellschaft fortwährend diese schäbigen Lumpen, Bücherverbrenner und Volksfeinde, die niedergehalten werden müssen. “Das Eigentum ist abscheulich“…schrieb  Morelly schon 1755 in seinem „Gesetzbuch der Natur“: “ … und wer es wieder einzuführen versucht, soll wie ein rasender Narr und Feind der Menschheit zeitlebens eingesperrt werden.“ 11. Im kommenden US-Präsidenten Trump ist jetzt dieser rasende Narr aufgetaucht, der nicht auf einen Präsidentenstuhl gehört, sondern im Namen der Völker der Welt hinter Schloss und Riegel.

1. Vergleiche Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie,  Werke Band 13, Dietz Verlag Berlin, 1960, 9

2. Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 233, Dietz Verlag Berlin, 1960,499

3. Lenin, Konspekt zu Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Reclam Verlag Leipzig, 1986,179. Hegel dringt zwar tiefer in die Materie der Geschichte ein als die französischen Materialisten und erkennt, dass in ihr hinter den vordergründigen Triebkräften noch verborgene hausen müssen. Sein Fehler war, diese Kräfte nicht in der Geschichte selbst, sondern in der Philosophie zu suchen. (Vergleiche Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,298). Hegel ist damit unfähig geworden, ein Historiker zu sein, er ist immer ein Geschichtsphilosoph. Der wahre Mensch ist für ihn nicht der Mensch, sondern der Philosoph.

4. Vergleiche Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,465

5. Hermann Ley, Oktoberrevolution und Wissenschaft, in: Oktoberrevolution und Revolution, Beiträge der Deutschen Zeitschrift für Philosophie zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, 1958,103). 

6. a.a.O.

7. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,475

8. Siehe sein Brief an Castelli vom 21. Dezember 1613 

9. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,451f. 

10. Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,478

11. Siehe: Alexis de Tocqueville: Der alte Staat und die Revolution, rororo klassiker, Rowohlt Verlag Hamburg 1969,143. Fünf Jahre früher hatte Rousseau Analoges verfasst. In den  anklagenden Sozialtexten dieser beiden Theoretiker begegnen wir dem Höhepunkt der Sozialkritik der französischen Aufklärung. Zu erinnern ist auch an die Aussagen Jean Paul Marats und Denis Diderots, dass die Klasse der unglücklichen Arbeiter der gesündeste Teil der Nation sei (Marat) und dass das Unglücklichsein des Tagelöhners das Unglück der ganzen Nation nach sich ziehe (Diderot).

 

 

 

 

 


AUFRUF ZUR LUXEMBURG-LIEBKNECHT-DEMONSTRATION 2017

9. Dezember 2016

„Krieg“, so Rosa Luxemburg während des I. Weltkrieges, „ist ein methodisches, organisiertes, riesenhaftes Morden“. Die Kriegsprofiteure meuchelten Rosa und Karl und viele ihrer Weggefährten für diese Unbestechlichkeit des Denkens und Handelns.

ES FOLGTE DAS MASSENMORDEN DES DEUTSCHEN FASCHISMUS.

Und heute warnen Fidel Castro, Papst Franziskus und ungezählte andere Menschen vor dem nuklearen Inferno. Kriege und kriegerische Konflikte überziehen die Erde. 60 Millionen sind auf der Flucht vor Krieg, Terror und Hunger. Zynisch machen Nazis gerade diese geschundenen Menschen verantwortlich für die Sorgen derer hierzulande. Und die Ausbeuter teilen und herrschen, betreiben Sozialabbau, bauen am Überwachungsstaat, schnüren die Asylpakete, liefern Waffen in Krisengebiete, lassen töten mittels Drohnen, schicken Soldaten – machen so Profit.

DEMONSTRIEREN WIR – LINKE VERSCHIEDENER COULEUT – AM 15. JANUAR 2017

friedlich für die Solidarität unter den Ausgebeuteten, wo immer sie geboren sind. Demonstrieren wir gegen Kriege und Faschismus – für eine gerechte und solidarische Welt. Dafür kämpften und starben Rosa und Karl. Wir führen ihren Kampf weiter.

                                                                                                       LL-Bündnis, September 2016

Bitte schickt Eure Unterstützerunterschriften (Name, Vorname, ggf. Titel, Ort) an Klaus Meinel, Platz der Vereinten Nationen 25, 10249 Berlin, E-Mail: klaus_meinel@web.de

 

Die Oktoberrevolution und die Frage der Mittelschichten

4. Dezember 2016

 

Es war eines der Verdienste Lenins, der mit seinen Aprilthesen als Einzelgänger dastand, seine Bolschewiki auf die Notwendigkeit der Verbindung von Prolet und Bauer, von Stadt und Land aufmerksam gemacht zu haben, eine Verbindung, der sowohl die russischen Menschewiki als auch die westlichen Sozialdemokratien relativ gleichgültig gegenüberstanden. Ihre Fixierung auf Urbanität ist urbürgerlich. Die meisten menschewistisch geprägten Abhandlungen über die russische Revolution leiden an dieser Einseitigkeit, die großen Städte und den Gegensatz zwischen Stadt und Land nicht aufheben zu wollen. Die Schlüssel zum Verständnis dieser  Fundamentalrevolution liegt im Grunde nicht in Petrograd – dort fanden lediglich die politischen Haupt- und Revolutionsaktionen statt. Die Bourgeoisie hat das Land der Herrschaft der Stadt unterworfen, heißt es im Kommunistischen Manifest. Viele Ausfälle Lenins gegen Sozialdemokraten sind auf dem Hintergrund dieser für den Sieg der Revolution unbedingt notwendigen Konjunktion zu sehen, die erkannt zu haben seine theoretische Überlegenheit ausmachte. Die revolutionsschwangeren Monate des Jahres 1917 zeigten neben der wahren Natur der verschiedenen Gesellschaftsklassen, wie grau alle Theorie ist und wie grün und vielsprießig die Keime einer neuen sozialistischen Welt das Licht der roten Sonne suchen. Als Lenin aus dem Exil zurückkam und seine Aprilthesen verkündete, da musste er auch verkünden, dass seine Partei in den meisten Sowjets der Arbeiterdeputierten in einer schwachen Minderheit gegenüber dem kleinbürgerlichen Block war. Die Lage war zu diesem Zeitpunkt so, dass die Sowjets die Staatsmacht freiwillig an die Provisiorische Regierung abgetreten hatten. Ein Mathematiker hätte ob dieser Marginalität resigniert, ein Dialektiker weiß, dass das momentan Schwache triumphieren wird, wenn es das entsprechende Entwicklungspotential in sich birgt. 1. Aus dem bolschewistischen Kampf gegen die Volkstümler war dies bekannt, die in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts die im Vergleich zum zahlenmäßig schwachen Proletariat die Mehrheit der Bevölkerung repräsentierten. Lenin und seine Bolschewiki setzten damals auf das Proletariat und 1917 auf die Aufklärung der Volksmassen, nach Lenins Worten auf die „Erhellung der Köpfe“und das heißt Entwicklung des proletarischen Klassenbewußtseins, damit diese „sich durch die Erfahrung von ihren Irrtümern befreien“. 2. Und schwerpunktmäßig kamen diese durch den Einfluss des zahlenmäßig mächtigen Kleinbürgertums. Angesichts dieser Lage: ungenügende zahlenmäßige Stärke des Proletariats, sein ungenügend entwickeltes Klassenbewusstsein und seine ungenügende Organisiertheit, kam alles auf den ideologischen Sieg über das kleinbürgerliche Bewusstsein und den kleinbürgerlichen Taumel an. Wieder einmal mussten die Marxisten gegen den Strom der Ereignisse anschwimmen. Das Kleinbürgertum, die schwankende Klasse, war in Russland, im Revolutionsjahr 1917, im Februar und im Oktober, das Zünglein an der Waage. Stalin hat sich diesem Thema im November 1923 in einem Artikel in der Prawda angenommen: „Die Oktoberrevolution und die Frage der Mittelschichten“, in dem er die Frage der Mittelschichten als eine fundamentale Frage der Arbeiterrevolution bezeichnete. Zumindest müsse deren Neutralisierung erreicht werden. Er führte die 48er Revolution, die Pariser Commune und die russische Revolution von 1905 an, um zu belegen, dass ihr Scheitern darin zu suchen sei, dass der Widerstand der Mittelschichten gegen die Roten zu groß gewesen sei. Aber die russische Revolution von 1905 hat im russischen Volk, das den Blutsonntag nicht vergessen hatte, unterschwellig weitergewirkt. Schon am Blutsonntag wurden Weichen gestellt in ‚Richtung Oktoberrevolution‘ und in dieser sprach Stalin von einer glücklichen Verbindung von ‚Bauernkrieg‘ und ‚proletarischer Revolution‘. 3. Im Prozess der Vorbereitung der Oktoberrevolution kommt es zu einer entscheidenden Spaltung der Bauernschaft. Die Bauernschaft als Ganzes hatte unter Führung der proletarischen Kampfpartei die demokratische Revolution vollbracht, die ein Nebenprodukt der sozialistischen war. Zugleich war aber die Vollendung der bürgerlichen Revolution eine Hauptaufgabe der sozialistischen. Die bürgerliche und die proletarische Revolution waren sonderbar verflochten und entscheidend in diesem Prozess war die Entwicklung der Bauernschaft. Man verfehlt das Wesen der Oktoberrevolution, wenn man nicht die Vollendung der gesamten bürgerlich-demokratischen Revolution durch die proletarisch-bäuerliche begreift und die dazu notwendige Abspaltung der armen Bauernschaft von der Mittelbauernschaft nach der Februarrevolution. Die Bauernschaft schwankte und paktierte 1917 zunächst mit dem Großbürgertum, dann nach Abspaltung der armen Bauernschaft war die Mittelbauernschaft neutral und das ergab die entscheidende Weichenstellung. Die Komplexitiät dieser Prozesse innerhalb der Bauernschaft und ihre Verflochtenheit mit dem Gesamtprozess hat Stalin in zwei diesbezüglich wichtigen Briefen beleuchtet, die im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution zu wenig zur Kenntnis genommen worden sind, es sind dies die Briefe an Jan-Ski im „Bolschewik“ Nummer 7/8 vom 15. April 1927 und an S. Pokrowski vom 20. Mai 1927. Stalin verteidigt in diesen Briefen die drei Grundlosungen der bolschewistischen Partei in der Bauernfrage und diese beiden Briefe bringen mit ihren Korrekturen an den fehlerhaften Auffassungen von Jan-Ski und Pokrowski entscheidendes Licht in die schwankenden Haltungen der Bauernschaft in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Betrachten wir die drei Grundlosungen im einzelnen: Die erste bereits von Lenin in der Schrift ‚Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution‘ dargelegte lautete: Zusammen mit der gesamten Bauernschaft gegen den Zaren und die Gutsbesitzer bei Neutralisierung der Bourgeoisie für den Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution. Das galt für die erste Periode der russischen Revolution von 1905 bis zur Februarrevolution einschließlich und enthält die Eigenart, dass die Bourgeoisie für den Sieg der bürgerlichen Revolution neutralisiert werden musste. Die russische Bourgeoisie war über ein Stadium der politisch-revolutionären Verkrüppelung nicht hinausgekommen, war in klassenkämpferischer Hinsicht ganz einfach unfähig, in ihrer eigenen Revolution eine positive Rolle zu spielen, sie stand bereits daneben. Wir finden die Eigenart vor, dass eine bürgerlich-demokratische Revolution durch eine Paralyse des Bürgertums stattfinden muss und dass sich das im Vergleich zur bäuerlichen Masse des Volkes quantitativ sehr kleine Proletariat als revolutionäre Ersatzklasse zur Übernahme der Haupttriebkraft der bürgerlich-demokratischen Revolution gezwungen sieht. Das sollten vor allem die Ideologen berücksichtigen, die von einer politisch-ideologischen Unreife des russischen Stadt- und des russischen Landproletariats, ja des ganzen Landes selbst ausgehen und von einer angeblich fortschrittlichen Warte die Leninisten kritisieren. Die bürgerlichen Ideologen wollen sich die Krüppelgestalt der russischen Bourgeoisie nicht eingestehen, die im Februar 1917 noch nicht so weit waren wie die französische Bourgeoisie am 21. Januar 1793, als ein Königskopf in einem Korb unter der Guillotine fiel. Um Schlimmeres zu verhindern, trägt die russische Bourgeoisie dem Bruder des abgedankten Zaren gleich nach Ausbruch der Februarrevolution monarchische Würde an. Haben wir es mit einer derart impotenten Bourgeoisie zu tun, so führen sich eine bürgerliche – und dann auch proletarische Revolution – auch mit Beisatz von Analphabeten durch. Die Sünden der alten Klassen werden in einer Revolution eingeholt. In hochindustrialisierten Ländern ist eine grosse Masse von Analphabeten ein Hemmschuh für eine proletarische Revolution. 4. Die zweite Losung, die für die Periode der Vorbereitung der sozialistischen Revolution, lautete: Zusammen mit der armen Bauernschaft, gegen den Kapitalismus in Stadt und Land, bei Neutralisierung der Mittelbauernschaft, für die Macht des Proletariats. In dieser Losung drückte sich der Kurs auf die Oktoberrevolution aus. Es fällt auf, dass das bäuerliche Potential in der Vorbereitung und bei der Durchführung der Oktoberrevolution, sein Anteil, geringer ist als beim Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution und auch geringer ist als beim Aufbau des Sozialismus. Denn auf dem VIII. Parteitag, also nach dem Sieg der Oktoberrevolution, gab Lenin die Losung aus: Gestützt auf die Dorfarmut und im festen Bündnis mit dem Mittelbauern vorwärts für den sozialistischen Aufbau. Es ist die Tatsache festzuhalten, dass in einem stark kleinbürgerlichen Land wie Russland die erfolgreiche proletarische Revolution gerade die Neutralisierung des Mittelbauern zur Voraussetzung hatte. Es fällt weiterhin auf, dass Neutralisierungen der Bauern, einmal eine größere Neutralisierung, dann eine kleinere, nur in Sinne und zum Nutzen der beiden Revolutionen, der Doppelrevolution, stattfinden, so dass die Revolutionen sich zueinander in Affinität und Entgegensetzung halten. Fahren wir fort, die drei Grundlosungen untereinander zu betrachten, so ergibt sich als Brennpunkt die Abspaltung der armen Bauernschaft bzw. die Neutralisierung der Mittelbauernschaft als Vorbedingung für den Sieg der Oktoberrevolution. Also nur zur Vorbereitung der Oktoberrevolution nach dem Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution im Februar gab es eine Neutralisierung der Mittelbauernschaft, vor und nach der Oktoberrevolution einen Schulterschluss mit der Mittelbauernschaft. Die Neutralsisierung des Mittelbauern gab es nur einmal, in der zweiten Periode vor dem Oktoberumsturz, eine Neutralisierung des Mittelbauern gab es nicht nach der Oktoberrevolution, wie es Jan-Ski behauptete und einen Schulterschluss mit dem Mittelbauern durchzog den Revolutionsprozess auch nicht bis zur Oktoberrevolution als ihre Vorbedingung, wie es Kamenjew sah, im Gegenteil, es musste sich vor der Oktoberrevolution ein Prozess einer sich mehr und mehr verschärfenden Polarisierung der Klassenkräfte eingesetzt haben.

Das Ende der Neutralisierung nahm Jan-Ski als ihren Anfang und Kamenjew verstand nicht das Neue: die fundamentale Bedeutung der Abspaltung der armen von der mittleren Bauernschaft nach der Februarrevolution im Prozess der Vorbereitung der Oktoberrevolution. Die proletarische Partei darf jetzt (kursiv/H.A.) nicht ihre Hoffnungen auf die Gemeinsamkeit der Interessen mit der Bauernschaft setzen“. 5. Bedarf es näherer Ausführung, dass sich das widersprüchliche bzw. schwankende Wesen der Mittelbauernschaft besonders vor und im Zuge einer proletarischen Revolution hervorkehrt ? Die Mittelbauernschaft gerät ins Grübeln, nach welcher Seite der Würfel denn fallen wird ? Jan-Ski verfehlt das Wesen der Oktoberrevolution, indem er sie nur als Vollendung einer bürgerlichen Revolution deutet. Er verwechselt die Substanz der Oktoberrevolution mit einer ihrer Hauptaufgaben, die aber vom revolutionären Inhalt her eine Nebenerscheinung blieb. Das Wesen der Oktoberrevolution wäre bürgerlich gewesen, wenn die Leninisten die nach der Machtergreifung der Räte gewählte Konstituante nicht auseinandergejagt hätten, diese ihre unvermeidbaren Dominanzansprüche gegenüber den Räten angemeldet und durchgesetzt hätte, kurz: wenn es zu einem Machtzustand gekommen wäre wie in der Kerenski-Periode. Die Geschichte hat sich aber nicht im Kreis bewegt, weil sich in der Phase der Doppelherrschaft eine  sich mehr und mehr vertiefende Kluft zwischen armen und besitzenden Bauern aufgetan hatte, ohne die es nicht zu einer erfolgreichen Revolution im Oktober gekommen wäre. Zur Bauernschaft nahm also die Partei nacheinander folgende Positionen ein: sie ging mit der ganzen Bauernschaft zusammen zum Sturz der Selbstherrschaft, sie stürzte mit der armen Bauernschaft bei Neutralsierung der Mittelbauernschaft die Bourgeoisie und sie stützte sich auf die arme Bauernschaft, um im festen Bündnis mit den Mittelbauern den Sozialismus aufzubauen. Sowohl der Zarismus als auch die russische Bourgeoisie mussten in einer Doppelrevolution sukzessive gestürzt werden, in der es zwischendurch zu einer eigentümlichen Doppelherrschaft gekommen war. In der Zeit zwischen den Revolutionen gab es eine Doppelherrschaft, die, was nur allzu oft übersehen wird, zugleich keine war, nur eine auf dem Papier: Die zaristischen Machtapparate wurden ungesäubert einseitig von der der Hand der russischen Bourgeoisie übernommen und nach dem rasch gescheiterten Kornilowputsch, durch den die Möglichkeit einer friedlichen Revolution suspendiert wurde,  wurden die fortschrittlichen Kräfte von der Bourgeoisie und ihren Paktiererparteien (Sozialrevolutionäre und Menschewiki) politisch verfolgt. Sind die sich verlagernden Bündnisse vor der Februar- und vor der Oktoberrevolution explizit Kampfbündnisse, die Februarrevolution hat selbstverständlich eine andere Grundlage für den Klassenkampf gelegt als die Oktoberrevolution, so heißt das nicht, dass die dritte Grundlosung: „Gestützt auf die Dorfarmut und im festen Bündnis mit der Mittelbauernschaft vorwärts für den sozialistischen Aufbau“ nicht auch Kampfbündnisse enthält, denn die Dialektik von Revolution und Konterrevolution wird in einer Revolution in aufsteigender Linie nicht blasser, sondern sie nimmt schärfere Konturen an. Die Geschichte nicht nur der Sowjetunion bestätigt hier Lenins in die Diktatur des Proletariats eingebrannten Gedanken, dass sich nach einer Revolution, und in diesem Fall nach einer zum Aufbau des Sozialismus in einem zunächst agrarwirtschaftlich dominanten Land führenden, der Klassenkampf verschärft.

1.“Es kommt nicht auf die Zahl an, sondern auf den richtigen Ausdruck der Ideen und der Politik des wirklich revolutionären Proletariats“. (Lenin, Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1978,68).

2. Lenin, Über die Aufgaben des Proletariats in der gegenwärtigen Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1978,5. Es ist bemerkenswert, wie Lenin den Zustand des russischen Proletariats 1917 zur Zeit der Aprilthesen einschätzte: „Das Proletariat ist unorganisiert, schwach, nicht klassenbewußt“. (Lenin, Entwurf eines Artikels oder einer Rede zur Verteidigung der Aprilthesen, Werke Band 24, Dietz Verlag 1978,14). Die Loslösung des Proletariats von der kleinbürgerlichen Bevormundung, die sich in den Machtproportionen in den Sowjets widerspiegelte, war oberste Pflicht.

3. Vergleiche Josef Stalin, Die Oktoberrevolution und die Mittelschichten, Werke Band 5, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,301

4. Es ist in diesem Zusammenhang auf den bekannten Hinweis Lenins im ‚Linken Radikalismus‘ aufmerksam zu machen, dass es in Russland relativ leicht war, die politische Macht gegen Idioten wie Nikolaus und Rasputin zu erobern, während in den hochindustrialisierten Ländern Westeuropas eine wirkliche Elite der Bourgeoisie die Macht vertritt und es deshalb dort viel schwieriger für die Arbeiterklasse werden wird, die politische Macht zu erobern. Auf der anderen Seite würde der gesunde Menschenverstand eine große Masse von Analphabeten in hochindustrialisierten Ländern für gar nicht mehr möglich halten, aber es gibt diesen groben und schweren Hemmschuh des Fortschritts. In der BRD gibt es noch heute 7,5 Millionen funktionale Anaphabeten. Bei einer solchen Quote kann nicht das Volk  in einem hochindustrialisierten Land im Mittelpunkt der Bildung stehen, es sind die Profitinteressen der Kapitalisten, die die Bildung des Volkes steuern. Es gibt eine industrielle und eine ungebildete Reservearmee.

5. Lenin, Referat zur poltischen Lage am 24. April 1917, zitiert nach: Josef Stalin, Über die Losung der Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft in der Periode der Vorbereitung des Oktober, Antwort an S. Pokrowski, in: Josef Stalin, Über den Grossen Oktober, Kleine Bücherei des Marxismus-Leninismus, Verlag Rote Fahne, Kiel, 1974,153 . Frida Rubiner arbeitet ungenau, wenn sie in ihrer Broschüre zum 30. Jahrestag der Oktoberrevolution schreibt, dass Lenin und seine Partei uns lehrten, „daß die Arbeiterklasse nur im Bündnis mit der Bauernschaft (kursiv/F.R.) zum Sieg gelangen konnte“ (Frida Rubiner, Eine Wende in der Menschheitsgeschichte, Zum 30. Jahrestag der Oktoberrevolution, Dietz Verlag Berlin, 1947,17). Welcher Sieg ist gemeint ? Der im Oktober kann es nicht sein! Das Kursive ist folglich ganz unangebracht. Auch macht sie es sich zu einfach, das Problem der Reife der russichen Völker für den Sozialismus mit folgenden Sätzen zu lösen: „Es gibt Sozialisten, die glauben, zuerst müssen die Volksmassen für den Sozialismus ‚reif‘ gemacht werden, und dann könne man erst an die Abschaffung des Kapitalismus denken. Der Sowjetstaat ist das umgekehrte: zuerst das Volk von den Fesseln des Kapitalismus befreien und damit ihm die Möglichkeit geben, für den Sozialismus reif zu werden“. (a.a.O.,22f.). Abgesehn davon, dass die angesprochenen Sozialisten nicht behaupten, dass das Volk reif gemacht werden muss, sondern dass es reifen müsse, knirscht es erheblich im marxistischem Gebälk: das Volk ist in beiden Fällen ein Spielball fremder Mächte. Beachtenswert im negativen Sinn ist auch der Schlusssatz ihrer Broschüre zum 30. Jahrestag der Revolution: „Wir müssen lernen, die Sowjetunion zu verstehen und müssen alles tun, um für alle Zeiten in der Sowjetunion einen Bundesgenossen zu gewinnen (a.a.O.,64). Und was ist mit Lenins Bestimmung der Sowjets als Keimformen des Absterbens jedes Staates ? Zu viele Sozialisten galten im realen Sozialismus durch das Parteibuch automatisch als Meister der Dialektik, für die es aber ein „Für alle Zeiten“ nicht gibt ! Was ist aus der „Ewigen Freundschaft UdSSR-DDR“ geworden ? xx Bedarf es näherer Ausführung, dass sich das widersprüchliche bzw. schwankende Wesen der Mittelbauernschaft besonders vor und im Zuge einer proletarischen Revolution hervorkehrt ? Die Mittelbauernschaft gerät ins Grübeln, nach welcher Seite der Würfel denn fallen wird ? Jan-Ski verwechselt das Wesen der Oktoberrevolution, indem er sie nur als Vollendung einer bürgerlichen deutet. Er verwechselt die Substanz der Oktoberrevolution mit einer ihrer Hauptaufgaben, die aber vom revolutionären Inhalt her eine Nebenerscheinung blieb. Das Wesen der Oktoberrevolution wäre bürgerlich gewesen, wen



 

Das 20. Jahrhundert – eine Übersichtsskizze, mit einem Ausblick auf das 21.

23. November 2016

 

Der französische Agronom und Ökologe René Dumont sieht das 20. Jahrhundert nur als ein Jahrhundert der Massaker und der Kriege an. Auf den ersten Blick mag das zutreffen wie es auf jedes bisherige Jahrhundert zutrifft. Man kann mit Fug und Recht das 20. Jahrhundert als das des totalen Krieges bezeichnen und das in einer Radikalität, die die bisherigen Jahrhunderte in den Schatten stellt.   Und doch scheinen mir die nach der Hälfte des Jahrhunderts Geborenen seine glücklicheren Kinder zu sein. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist wegen der beiden Weltkriege die tragischste Jahrhunderthälfte der Weltgeschichte, während in der zweiten Hälfte der Korea- und der Vietnamkrieg trotz aller Ausweitung der Kriegsherde relativ lokal begrenzt blieben, obwohl sie den fundamentalen Weltkonflikt zwischen Sozialismus und Kapitalismus zum Austrag und Ausdruck brachten. Der zweite Weltkrieg war viel zu kolossal und läßt uns die Frage aufwerfen, ob es in der Weltgeschichte ein vergleichbares Jahrhundert gibt, das in der Mitte einen vergelicbaren Bruch aufweist. Die USA, die noch im ersten Weltkrieg durch den Kriegseintritt am 6. April 1917 mit der Kriegerklärung an Deutschland den ersten Weltkrieg entschieden hatten, verloren im zweiten den Wettlauf um Berlin.  Mittlerweile zum Haupthort des Antikommunismus „aufgestiegen“, wollten die USA den Krieg in Vietnam, in den sie als einzige Großmacht frontaktiv verwickelt waren, mit einer Siegerpose beenden. Gerade diese frontaktive Verwicklung zeigt die Kehrtwendung der US-amerikanischen Außenpolitik seit 1898 an, die sich völlig von dem Rat ihres Gründergenerals George Washingtons abgewendet hatten, der die US-Amerikaner auf eine ’splendid isolation‘ eingeschworen hatte. Einen Sieg des Vietcong hielten die westlichen Militärexperten für völlig absurd.  Der Vietnamkrieg wurde erheblich durch die vom Fernsehen weltweit vermittelte Bilderwelt beeinflusst, ein Faktor, den die Experten nicht berücksitigt hatten und wohl auch zunächst gar nicht berücksichtigen konnten. Auf Grund einer Kommunikationstechnologie, die wesentlich höher entwickelt war als 1939, war es dieser Krieg, der den Begriff der Globalisierung als einen substantiellen an den Horizont der neueren Geschichte zeichnete, obwohl der Kernbegriff ‚Weltmarkt‘ in ihm aufgehoben blieb. Nicht Europa, Asien brachte im Zeitalter der Medien den Schlüsselgeneral des 20. Jahrhunderts hervor. Der vietnamesische Bauernsohn Giap ging als Bezwinger zweier Kolonialmächte in die Geschichte ein. Die Blamage der USA im Vietnamkrieg verhinderte, dass man das 20. Jahrhundert als ein amerikanisches bezeichnen konnte, ebenso wie die Perestroika zur Einsicht zwang, dass man es auch nicht als ‚das russische oder sozialistische Jahrhundert‘ in die Weltgeschichte eingehen  lassen konnte. Letzteres hätte man in der Mitte des Jahrhunderts behaupten können, denn nur 33 Jahr nach der Oktoberrevolution hatte das bolschewistische Prinzip ein Drittel der Menschheit zum aufrechten Gang angehalten. Als am 29. August 1949 in der Sowjetunion die erste Atombombe gezündet worden war, hatte die Welt eine zweite Supermacht. Die Sowjetunion war also nur 27 Jahre nach ihrer Gründung am 30. Dezember 1922 eine Supermacht geworden, aber Staaten, die als Supermacht glänzen, sind bereits im Abstieg begriffen. Auch die USA werden ihrem historischen Schicksal nicht entgehen können. Trotz der Niederlage des Kommunismus werden zukünftige Revolutionäre in zweifacher Hinsicht rückfällig werden: Das Lenin’sche Parteikonzept und die maoistische Guerillakriegführung haben kaum an Faszination eingebüßt. Hart gesottene Kommunisten sehen den Kommunismus natürlich noch nicht am Ende. Deutet man die Oktoberrevolution als eine gewonnene Schlacht im Weltrevolutionskrieg, der nach 1923 erst einmal erlosch, und die Stalin ab dieser Zeit in einen erfolgreichen Krieg selbst umschrieb, so galt ab 1991 die Niederlage im Weltrevolutionskrieg bis heute nur als eine verlorene Schlacht. Diese Sichtweise ist im Kontext der Sowjetideologie unvermeidbar. Der Koreakrieg, in dem der Kommunismus ja nicht nur in einem Land zur Disposition gestellt wurde,  und die Gründung der NATO zeigten nach 1945 an, dass der Ost-West-Konflikt auf dem Rücken der asiatischen und westeuropäischen Völker ausgetragen werden sollte. Ein neues Wort hatte sich im Wörterbuch des Krieges eingenistet: der Stellvertreterkrieg. Das 20. Jahrhundert begann für Europa unter einem ungünstigen Stern und sollte das Jahrhundert des Niedergangs des Eurozentrismus werden: 1905 wurde Russland, das größte von Weißen bewohnte Land auf Erden vom kleinen Japan, von den Gelben militärisch bezwungen. Die weiße Rasse war fassungslos. Die europäische Bourgeoisie hat heute kein Selbstbewußtsein mehr und zittert dem Amtsantritt des gewählten, designierten  US-Präsidenten Trump im Januar 2017 nicht nur mit einem Fragezeichen, sondern mit einem ganzen Bataillon von Fragezeichen entgegen.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die Kurzlebigkeit der chinesischen Kulturrevolution, ja ihr Abbruch, haben den Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts stark beschattet, das sein einschneidendes Kriegserlebnis schon 1812 bei Borodino hatte. Karl Kraus bereitete ab 1915 in Wien ein Buch über den ersten Weltkrieg mit dem Titel ‚Die letzten Tage der Menschheit‘ vor. Zwei Weltkriege, der erste 99 Jahre nach der Schlacht von Waterloo ausbrechend, die Massaker von Shanghai und  Nanking, Auschwitz-Birkenau und Buchenwald, der Kommissarbefehl, Hiroshima und Nagasaki, überhaupt die Ausweitung des Krieges auf die Zivilbevölkerung – bekanntlich lehnte Hitler die Evakuierung der Zivilbevölkerung Berlins 1945 mit dem Satz ab: ‚Wir müssen auch hier eiskalt bleiben, in  diesem Krieg gibt es keine Zivilisten‘, was im übrigen auch die Denkweise der anglo-amerikanischen Luftwaffenkommandos war, wahre Barbaren in der Auslöschung der Zivilbevölkerung   – belasten die Zukunftshoffnungen schwer, sind aber geschichtskonform, wenn man den Imperialismus wie Lenin als stinkenden, faulenden und parasitären Kapitalismus begreift. So gesehen musste das 20. Jahrhundert, das Eric Hobsbawm für das mörderischste von allen hielt – vielleicht war der größte Ketzermord der Geschichte, der Eispickelmord 1940 in Mexiko, der Mord des Jahrhunderts ? – im Vergleich zum neunzehnten, das frisch nur elf Jahre nach 1789 einsetzte, ein dahinfaulendes sein.

Siebzehn Jahre nach 1900 und achtzehn Jahre nach 1950 gab es aber immerhin zwei große und einen kleinen Emanzipationsschub: die Oktoberrevolution proletarisch-bäuerlicher Provenienz, die von ihr eingeleitete anti-koloniale Emanzipation in Asien, Afrika und Lateinamerika und die 68er Bewegung bürgerlicher und kleinbürgerlicher Provenienz. Die 68er Bewegung war allerdings nur die Farce der Oktoberrevolution und der chinesischen Kulturrevolution. Sowenig es der 68er Bewegung gelang, zwei, drei, viele Vietnams zu schaffen, sowenig gelang es der Perestroika zwei, drei, viele Lenins hervorzubringen. Die wirklichen Revolutionen hatten die Gleichstellung der Frau gebracht, die es in Ländern, in denen die 68er Bewegung Schrecken der Spießbürger war, bis heute nicht gibt, man findet in ihnen nicht das Prinzip des gleichen Lohns für gleiche Arbeit gesetzlich verankert. Gleichwohl kann gar nicht geleugnet werden, dass im 20. Jahrhundert ‚das Feminine‘ mächtig aufgeholt hat gegenüber ‚dem Maskulinen‘. Im Fußball zum Beispiel spielt die deutsche Frauennationalmannschaft, die es erst ab 1982 gibt, mittlerweile erfolgreicher als die Herrenelf, die seit 1908 Länderspiele bestreitet. Den Höhepunkt erreichte die Frauenbewegung im 20. Jahrhundert allerdings in der Bildung eines roten Frauenbataillons in Shanghai, der Hochburg der chinesischen Kulturrevolution. In dieser Millionenmetropole zitterte die Volkspolizei vor der Schlagkraft dieser Truppe.

Ohne den endgültigen Kollaps der Sowjetunion im Dezember 1991 hätte man der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sogar einen optimistischen Unterton beipflichten können. Es sieht heute so aus, als habe sich die Menschheit nach dem zweiten Weltkrieg rascher gefangen als nach der Todesmelodie der Perestroika. Auch Korea erholte sich auffallend rasch von den Folgen des Bürgerkrieges. Die Perestroika brachte eine Sinnentleerung der Geschichte und nahm damit der Menschheit das Fundament weltweiter Homogenität und Solidarität. Die Angst vor der Verelendung geht heute weltweit, auch besonders in Russland,  als Gespenst umher. Der Satz aus dem ‚Kommunistischen Manifest‘, die Bourgeoisie gleiche dem Hexenmeister, der die von ihm heraufbeschworenen Kräfte nicht mehr bannen könne, ist heute aktueller als zur Zeit der KPdSU. Die Zerstörung des historischen Materialimus brachte sogar eine Zerstörung der aufklärerischen Vernunft mit sich. „Die Zerstörung der Vergangenheit, oder vielmehr die jenes sozialen Mechanismus, der die Gegenwartserfahrung mit derjenigen früherer Generationen verknüpft, ist eines der charakteristischsten und unheimlichsten Phänomene des späten 20. Jahrhunderts. Die meisten jungen Menschen am Ende dieses Jahrhunderts wachsen in einer Art permanenter Gegenwart auf, der jede organische Verbindung zur Vergangenheit ihrer eigenen Lebenszeit fehlt“ (Eric Hobawm, Das Zeitalter der Extreme, Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2014,17).  Der wirtschaftlichen Globalisierung unter kapitalistischer Flagge entspricht heute keine ideologische und kulturelle, bewußtseinsmäßige und kann es auch gar nicht. Unter kapitalistischen Lebensbedingungen kann es nur eine Pseudogegenwart geben, denn im Kapitalismus herrscht die Vergangheit über die Gegenwart, es wird geschuftet, nur um die bereits angehäufte Arbeit zu vermehren, diese dient nicht dazu, den Lebensprozess der Arbeiterinnen und Arbeiter  zu erweitern, im Gegenteil: Sie werden Krüppel „ihrer“ Arbeit.  Der in seinem Arbeitsprozess Fremde kann nicht gegenwartsbezogen leben und sich im Heute, im Hier und Jetzt wohlfühlen. Der Anspruch der Befreiung der Arbeiterinnen und Arbeiter liegt darin, die Künstlichkeit des Daseins, die sich in der Lohnarbeit manifestiert,  abzuschütteln, um als natürlicher Mensch unter natürlichen Menschen im Einklang mit der Natur zu leben. Im Milieu des Sozialismus kann im Gegensatz zur ekelhaften und perversen Arbeitshölle des Kapitalismus ausgerufen werden: ‚Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein !‘.

Die Perestroika hat nicht nur den großen europäischen Sieger des zweiten Weltkrieges auf die Straße der Verlierer gebracht, sie hat der Menscheit die Welt kaputt gemacht und das ausgeführt, wovon Hitler träumte. Der zweite Weltkrieg hatte die Frage ‚Kapitalismus oder Sozialismus‘ die sich bis 1939 konkret nur für die Sowjetvölker sozusagen intern stellte, nach 1945, nachdem sich das kriegsbedingte Bündnis zwischen Sozialismus und Kapitalismus verflüchtigt hatte, globalisiert und eine westliche und östliche Lagergeborgenheit gebracht, aus der heraus der kalte Krieg, der wie das Kaninchen vor der Schlange der thermonuklearen Weltkatastrophe starr blieb, nicht in einen heißen umschlug. Crutschows Staatsstreich zementierte den status quo. Ein Trump wäre zur Zeit des kalten Krieges nicht einmal auf die Kandidatenliste gekommen. Der Osten war revolutionsmüde geworden und der Westen war viel zu dekadent, um der formal gespaltenen Völkergemeinschaft noch einen globalen Hoffnungsimpuls vermitteln zu können. Die Frage kann höchstwahrscheinlich in ein paar Monaten mit Berechtigung aufgeworfen und bejaht werden, ob das Russland nach der Februarrevolution 1917 und nach der Oktoberrevolution 1917, als die zentralen Metropolen Europa noch unter dem Kriegsrecht darbten, nicht freier war als das Russland im Februar 2017 ?

Der Würfel der Weltrevolution war 1917 nun mal auf Russland gefallen und damit auf die Bauermassen. Mit dem maoistischen Kommunismus erlangte der Bauer und die Bauernguerilla eine weltpolitische Bedeutung, an die im 19. Jahrhundert noch nicht gedacht werden konnte. Das ‚Kommunistische Manifest‘ hätte in manchen Passagen ganz anders geschrieben werden müssen. Mit ständig zunehmender hochentwickelter Industrietechnologie in den westeuropäischen Metropolen Paris, London und Berlin werden im 20. Jahrhundert weltpolitisch nicht ihre Industriearbeiter, sondern die armen Bauern in der äußeren Mongolei zur Avantgarde der Welrevolution. Die Maobibel war das massenwirksamste Buch in der politischen Philosophie des 20. Jahrhunderts, sie erreichte eine Auflage von cirka einer Milliarde. Nach den Bauern, durch die der Kommunismus im 20. Jahrhundert hängengeblieben ist, treten heute weitere Gesellen auf, die das marxistische Weltbild vielleicht tödlich durcheinander bringen können. Diese soeben von ruraler Seite dargelegte Entwertung des klassischen Subjekts gesellschaftlichen Fortschritts in den Metropolen wird rapide zunehmen, wenn Roboterkompanien ganze Divisionen von Indutriearbeitern aus kollektiver Organisiertheit herausreissen und vor die Werkstore (ab)schieben, die nach anfänglichem Protest zersplittern und in ihrer isolierten Individualität an von  Massenmedien betriebener Vereinsamung einknicken werden. Amokläufe und Drogenmißbrauch werden Dimensionen erreichen, in die wir uns heute noch gar nicht hineindenken können. Denn soviel kann festgestellt werden, die Massenmedien, die aus Profitgier unterhaltugssüchtig machen müssen, müssen zwecks Steigerung dieser zugleich individuell unterhaltungssüchtig machen, nicht kollektiv. In der Primitivität der kapitalistischen Unterhaltungsindustrie wird der Einzelkämpfer à la John Wayne favorisiert, nicht darf stattfinden, dass Kollektive Problemlösungen finden.

Vielleicht müssen die Kapitalisten schon heute mehr darauf achten, dass die Roboter mit ihrer technischen Autonomie ihnen unterlegen bleibt als dass der noch aktive Industriearbeiter sich mit revolutionärer Intention mit seinesgleichen organisiert. Millionen und Abermillionen werden außer Brot sein, werden auf allen Kontinenten verhungern und ihren Ansturm auf die kapitalistischen Bastionen werden panzerfahrende Werkschutzroboter mühelos niederschlagen. Der Marxismus selbst steht zur Disposition, weil ihm sein Material, die organisierte Arbeiterklasse ausgehen wird, er befindet sich in einem Wettlauf, in dem es um das Schicksal der Gattung geht. Die technische Entwicklung ist jetzt in eine Phase eingetreten, in der die Hegemonie der Klasse nach und nach, aber unbarmherzig und unaufhaltsam aufgefressen wird, die nach der Vorstellung der marxistischen Klassiker in der Großproduktion zum Klassenkämpfer ausgebildet und organisiert wird. Oder es kann zu der anderen Entwicklungsvariante kommen: Dass die Roboter, den Menschen an Intelligenz überlegen, sich zu einem Kommunismus vereingen, und die Menschen wie ihnen nützliche Tiere ansehen. Gelingt der menschlichen Gattung aber der Eingang in den Sozialismus-Kommunismus bei Aufrechterhaltung ihrer geistigen Souveränität über die Technik, die nur nach diesem Eingang möglich sein wird, so würde die Verrichtung der bisher von Menschen zu ertragenden gesellschaftlich notwendigen Arbeit derart peripher werden, das jeder Mensch morgens wird jagen, nachmittags wird fischen und abends wird Viehzucht treiben können. Aber auch dies nur bei Bedarf, denn natürlich werden Roboter auch in der Landwirtschaft einsetzbar sein und die für den Kommunismus notwendige Aufhebung des Gegensatzes zwischen Arbeitern und Bauern, die im 20. Jahrhundert misslang, immens beschleunigen. Von Robotern niedergehaltene Humantiere brauchen ebensowenig ein ‚Kommunistisches Manifest‘ wie die durch revolutionären Akt gegen die Kapitalisten befreite Gattung, die natürlich der Anleitung zu klassenkämpferischen Handeln dann nicht mehr bedarf. So oder so, der Marxismus geht seinem Schicksal entgegen.