Partei und Räte – ein Problem der Oktoberrevolution

28. August 2017

Warum muss die bolschewistische Partei die Räte dominieren, obwohl die Parole vor, während und nach der Oktoberrevolution lautete: ‚Alle Macht den Sowjets‘ ? Alle Macht den Sowjets beinhaltet zweifelsfrei, dass die ganze Regierungsgewalt in den Händen der Räte liegt. Waren also die Kronstädter Anarchisten und Matrosen die wahren Helden der Revolution, die die parteibolschewistisch entartete Revolution auf Ihren Grund zurückführen wollten ?  

Die Räte dürfen nicht zu einem Fetisch gemacht werden. Sowjets ohne Bolschewiki hätte bedeutet, die Oktoberrevolution zu halbieren. Im Russland des Jahres 1917 bestand der politische Fortschritt darin, dass die Räte jederzeit abwählbar waren, legislative und exekutive Gewalt vereinigten und nach Arbeiterlohn bezahlt wurden. Der Wahlkreis der Räte war zudem nicht territorial definiert, wie im bürgerlichen Parlamentarismus, sondern bestimmte sich in und aus der Arbeitswelt: Fabrik, Regiment, Bauernhof (Arbeiter-, Soldaten und Bauernsowjet). Die Eroberung des allgemeinen politischen Wahlrechts gegenüber den feudalen Mächten war einst zweifelsfrei eine progressive Angelegenheit. Heute aber ist die Demokratie gegen den Feudalismus nicht nur in ihrer parlamentarischen Variante zu einer reaktionären Sache verkommen. Die Reaktion ist heute demokratisch, Demokratie ist das große Wort im Munde aller Klassenpolitiker, Demokratie ist die Selbstverständlichkeit unserer Zeit. Aber hat nicht der Volksmund Recht, wenn er ausspricht, dass Politik ein schmutziges Geschäft ist und den Charakter verdirbt ? Und wenn es das Volk ist, das herrscht, ist das Volk dann nicht schmutzig und hat nicht das Volk dann einen verdorbenen Carakter ? In der Tat haben wir es in der modernen Demokratietheorie mit schmutzigen und vrdorbenen Völkern zu tun. In einer proletarischen Erhebung wird der Versuch unternommen werden, den ganzen perversen politischen Dreck von sich abzuwerfen. Lenin pflegte zu sagen, dass wir in der Frage des Zieles mit den Anarchisten gar nicht auseinandergehen. Die Völker tappen heute politisch weitgehend im Dunkeln, als gäbe es nur in den Naturwissenschaften Gesetze. Die frühere Verdopplung der Welt durch die Metaphysik hat sich als Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften kontinuiert. Der Kampf zwischen Revolution und Konterrevolution ist auch ein Kampf zwischen einer monistischen und dualistischen Weltanschauung. Die Sklaven der Konterrevolution sind in sich gebrochene Individuen, jenseits der Einheit von Mensch und Natur. Immer verdrängt Ideologie den Menschen als Naturwesen, um sich als ‚Zwei-Welten-Theorie‘ festzusetzen.

Wer kommt schon in der Ekelwelt des Alltäglichen dazu, sich ernsthafte Gedanken zu machen, was es bedeutet, wenn Lenin davon spricht, dass in der Politik die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug sind. 1. Die sowjetische Sphinx gibt den bürgerlichen Politikern Rätsel auf. Grundsätzlich sind die Sowjets Keimformen des Absterbens jedes Staates, sie sind nicht nur die höchste Form des Demokratismus, sondern auch der Anfang der sozialistischen Form des Demokratismus. 2. Die Räte sind die „zweckmäßigste Organisationsform für den Kampf der Arbeiterklasse um die Macht“, sind „Totengräber der bürgerlichen Staatsmaschine“, in ihnen liegt der Keim dafür, dass die Revolution den Krieg besiegen kann. 3.   Für Stalin war der Sowjet ein „neuer Typus des Staates, der nicht den Aufgaben der Ausbeutung und Unterdrückung der werktätigen Massen angepaßt ist, sondern den Aufgaben ihrer völligen Befreiung von jeder Unterdrückung und Ausbeutung“. 4. Natürlich ist der Wähler seinem Gewählten in der Rätedemokratie näher als in der parlamentarischen Republik. Der Gewählte kann in jedem Augenblick gemaßregelt, auch abgewählt werden. Der Parlamentarismus hat nicht die für die Demokratie notwendige Formierung der Massen zur Voraussetzung, er geht von lockeren Massen aus, wobei er nicht zugeben kann, dass diese in Klassen aufgeteilt sind und hinterläßt am Ende ein vom imperialistischen Krieg verwüstetes Land.  Es hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts auf der anderen Seite herausgestellt, dass die Existenz der Sowjetunion mehr an die Kaderpartei gebunden war als an die Institution, die ihr den Namen gab. Der Theorie nach sollten die Arbeiterräte alle Macht im Staate haben. Als im roten Oktober die revolutionäre Sache auf Messers Schneide stand, fand Stalin am 15. Oktober 1917 in der ‚ Rabotschi Putj‘ die Worte: „Ist es nicht klar, daß die Sowjets und nur die Sowjets berufen sind, die Revolution vor der nahenden Konterrevolution zu retten ?“ 5. Nur die Sowjets !! Der Sieg im bewaffneten Oktoberaufstand war zugleich der Höhepunkt der Sowjetbewegung, denn der Petrograder Sowjet, der Leuchtturm für alle anderen Sowjets in Russland, erhielt ja tatsächlich die Staatsgewalt durch den Aufstand, allerdings nicht aus den Händen einer kommunistischen Partei, sondern aus den Händen des aus Bolschewisten gebildeten ‚Revolutionären Militärkomitees‘. So war der konkrete historische Ablauf.

Es ist an dieser Stelle angebracht, zur Thematik des Verhältnisses von Partei und Rat Grundsätzliches herauszuheben: Dass die Sowjets Keimformen des Absterbens jedes Staates sind, das war bewußtseinsmäßig nicht intern in den Sowjets. Die Sowjets waren Ausdruck eines an sich seienden Marxismus, der noch nicht ein Marxismus für sich geworden war und seit der Februarrevolution auch nicht werden konnte. Sie konnten daher das Volk nicht auf die lichten Höhen des Kommunismus führen. Wie die Gewerkschaften nur ein trade-unionistischen Bewußtsein haben konnten, so die theoriedefizitären Räte nur ein demokratisches. Die große Mehrheit der Sowjetmitglieder konnte sich unter der Aussage von Engels, dass die Demokratie im Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus einschläft, nichts vorstellen. Vor der kommunistischen Partei als oberste Erziehungsinstanz der Volksmassen sterben auf einer hohen Entwicklungsstufe der Revolution zunächst die Räte ab. Auch die Partei ist dann im weiteren eine sich selbst aufhebende. Dass sowohl die Partei als auch der Rat den Todeskeim in sich tragen, das ist etwas Gemeinschaftliches zwischen beiden.   Gorki verstand nach einer Feststellung von Lenin wenig von Politik, er nahm die Räte gegen die Partei Lenins in Schutz. Die Räte herrschten für Gorki nur auf dem Papier. Der amerikanische Journalist Louis Fischer, der neben einer Biografie über Lenin auch eine über Gandhi verfasst hat, schrieb kurz und lapidar: „Die Sowjets wurden zu Werkzeugen der Kommunistischen Partei“. 7. Festzuhalten ist, dass die Sowjets nach der Oktoberrevolution qualitativ andere waren als nach der Februarrevolution. So klingt es gut in den Ohren des offiziellen Marxismus. Oder ist nicht vielmehr festzuhalten, dass sich die Sowjets vorher und nachher als Fetischdiener erwiesen hatten ? In der Periode zwischen den Revolutionen ist das ganz deutlich zu sehen. Obwohl die Kadetten bei Wahlen durchgefallen waren, hatten die kleinbürgerlichen Sowjets nichts Eiligeres zu tun als diese wieder aufzuwerten, ihnen gleich nach den Wahlen, nach einem Wort Trotzkis, einen „Ehrenplatz“ in der Koalitionsregierung anzubieten.

Die Frage des Verhältnisses von Kaderpartei und Sowjetmacht hängt eng mit der Frage der Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft zusammen. Die Missachtung dieser Sonderstellung führt zu Missverständnissen während der Beleuchtung des Verhältnisses zwischen proletarischer Partei und proletarischem Rat. Eine in der politischen Praxis beschränkte, ideologisch überhöhte bürgerliche Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), in der das Kapital aus allen Poren bluttriefend zur Welt gekommen war, wurde vollzogen im Licht eines in der ‚Enzyklopädie‘ Diderots angeblich vorliegenden Weltwissens (siehe auch Hegels absolutes Weltgeistwissen) und im Namen des ganzen Volkes; eine totale kommunistische kam ohne eine solche Erkenntnis und ohne ein solches Wissen aus und vollzog sich im Namen einer besonderen Klasse, die wie die kapitalistische eine Sonderstellung in der modernen Gesellschaft einnimmt.  Die Sonderstellung der Kapitalisten und die Sonderstellung der Proletarier in der bürgerlichen Gesellschaft sind antagonistisch entgegengesetzte Stellungen. Nimmt man die Parole der französischen Revolution „Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit“ an, nimmt man sie plakativ, so hätte es auf den ersten Blick einer Arbeiterrevolution, also einer Oktoberrevolution nicht mehr bedurft. Aber die Bürgerlichen legten diese Parole primär politisch-juristisch aus, nicht primär sozial. Der bürgerliche Vernunftstaat endete in der Anarchie der Produktion und vor allem in der Lohnsklaverei, aus der die Sozialisten einen Ausweg suchten und auch fanden:  Die Sonderstellung des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft ist eine gedoppelte: Im kapitalistischen Produktionsprozess ist es eine geknechtete Klasse, in dem der Verlust des Menschen durch Entwertung seiner Arbeit stattfindet. Nur der Speer, der die Wunde schlug, kann sie auch wieder heilen. Zugleich führt dieser völlige Verlust des Menschen zu seiner Umkehr durch diesen Produktionsprozess selbst: die ökonomische Rolle des Proletariats in der Großproduktion ergibt die zu einer erfolgreichen Revolution notwendige Disposition: das Proletariat wird unter kapitalistischen Produktionsbedingungen nicht wie die anderen Klassen zersplittert, sondern vereint, konzentriert, zu intensiver Schlagkraft geformt. „Die Herrschaft der Bourgeoisie stürzen kann nur das Proletariat als besondere Klasse, deren wirtschaftliche Existenzbedingungen es darauf vorbereiten, ihm die Möglichkeit und die Kraft geben, diesen Sturz zu vollbringen. Während die Bourgeoisie die Bauernschaft und alle kleinbürgerlichen Schichten zersplittert und zerstäubt, schließt sie das Proletariat zusammen, einigt und organisiert es. Nur das Proletariat ist – kraft seiner ökonomischen Rolle in der Großproduktion – fähig, der Führer aller werktätigen und ausgebeuteten Massen zu sein, … die zu einem selbständigen Kampf um ihre Befreiung nicht fähig sind“. 8. Eine soziale Revolution, noch notwendig, die letzte der Weltgeschichte, schleudert, wie es Marx formulierte „die politische Hülle fort“. Jeder Klassenkampf ist ein politischer Kampf und es galt, die Gesellschaft von den Klassenkämpfen zu befreien durch Abschaffung der Klassen selbst. Man kann das Wesen des Marxismus und das Wesen des Leninismus nicht erfassen, wenn man nicht die ausgesprochene Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft berücksichtigt. Lenin hat diese schon sehr früh erkannt, im Alter von 27 Jahren. Noch im 19. Jahrhundert hatte er eine kleine Schrift verfasst, die mit Bedacht gelesen sein will und die zwei charakteristische Elemente des Leninismus enthält, sie trägt bezeichnenderweise den Titel: „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie“. In Weiterführung der Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Kommunistischen Manifest, dass die Kommunisten „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ 9.  haben und dass nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse ist, dass alle übrigen Klassen mit der großen Industrie verkommen und untergehen 10., pocht er vehement auf die proletarische Sonderrolle 11., zugleich betont er vehement die Hauptwaffe des Proletariats, seine Organisation. 12. Man kann es als einen Merksatz aufstellen: Für den Leninismus liegt die Befreiung in der Organisation, die wiederum Disziplin voraussetzt. Organisation ! Organisation ! Organisation ! „Die Kraft der Arbeiterklasse ist die Organisation. Ohne Organisation der Massen ist das Proletariat nichts. Organisiert ist es alles“. 13. Schon 1897 zeichnet sich im Denken Lenins, Marx und Engels gedanklich fortsetzend, Sozialismus als Parteidiktatur ab, eine Gesellschaftsformation geleitet und angeleitet von einer Kaderpartei, die gegenüber allen anderen Organistionen des Proletariats einen Sonderstatus einnimmt, denn nur diese Partei hat auf der Grundlage des wissenschaftlichen Sozialismus die Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung inne. Die Sonderrolle des Proletariats in der bürgerlichen Gesellschaft bedingt den Sonderstatus der kommunistischen Partei in der sozialistischen. Diese Sonderrolle der Arbeiterklasse hatte der junge Marx 1843/44 in seiner kritischen Auseinandersetzung mit Hegels Staatskonzept in dessen Rechtsphilosophie zuerst prägnant auf den Begriff gebracht. Das Proletariat ist eine Klasse, die „kein besonderes Recht in Anspruch nimmt, weil kein besondres Unrecht, sondern das Unrecht schlechthin an ihr verübt wird …“. 14. Schon allein in der Existenz des Proletariats liege die Auflösung der inhumanen bürgerlichen Gesellschaft. Das staatlich fixierte „Unrecht schlechthin“ muss der totalen Emanzipation zu einem staatsfreien Zusammenleben vorausgehen.

Könnte es denn für einen Kommunisten den leisesten Zweifel geben, wenn es um die Wahl zwischen Parteidiktatur und Rätediktatur ginge ? Besteht nicht die Aufgabe dieser Partei darin, das Streben der Ausgebeuteten nach Befreiung bewusst zum Ausdruck zu bringen. Um dieses Bewusstsein, respektive um den wissenschaftlichen Sozialismus kreist das parteimäßig organisierte Proletariat im ersten Orbit, die Räte im zweiten. Dem trug auch Stalin Rechnung, indem er in seiner Rede zum Tode Lenins als wichtigste Vemächtnisse des gerade Einbalsamierten hervorhob, die Reinheit und die Einheit der Partei zu bewahren. Die Räte werden in dieser Rede nicht einmal erwähnt, sie sind für Stalin wohl nicht wie die Bolschewiki aus besonderem Material geformt.  Alle Versuche, am Sonderstatus der selbstkritischen kommunistischen Partei zu rütteln, wie es die Matrosen 1921 in Kronstadt taten, enden in der Auflösung der Diktatur des Proletariats.

1. Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8 

2. Vergleiche Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, Werke Band 27, Dietz Verlag Berlin, 1960,259

3. Vergleiche Lenin, Krieg und Revolution, Werke Band 24, Dietz Verlag Berlin, 1960,411

4. Josef Stalin, Über die Grundlagen des Leninismus, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,106

6. Josef Stalin, Die Streikbrecher der Revolution, Werke Band 3, Verlag Roter Morgen, Dortmund, 1976,355 

7. Louis Fischer, Das Leben Lenins, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1970,302

8. Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin, 1960,416. Insbesondere aus der politischen Unselbständigkeit der russischen Bauern leitete Trotzki zum Überleben der Oktoberrevolution die Notwendigkeit eines Bündnisses des russischen Proletariats mit dem westeuropäischen ab, während nach dessem Ausbleiben und seiner Unwahrscheinlichkeit in der nächsten Zukunft, auf die der Faschismus Anspruch erhob, ab 1925 die Clique um Stalin immer mehr die Notwendigkeit eines rein innerrussischen Bündnisses zwischen proletarischen Lohnarbeitern und Kleinbauern auf dem Land und städtischen Proletariern betonte, bei zeitweiliger Neutralisierung des Mittelbauern

9. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,474

10. a.a.O.,472

11. Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der russischen Sozialdemokratie, Werke Band 2, Dietz Verlag Berlin, 1960,337

12. a.a.O.,332 

13. Lenin, Der Kampf gegen die kadettisierenden Sozialdemokraten, Werke Band 11, Dietz Verlag Berlin, 1960,314

14. Karl Marx, Kritik der HegelschenRechtsphilosophie. Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,390

 

 

 

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Die weltgeschichtliche Bedeutung Josef Stalins

23. August 2017

 

DIE WELTGESCHICHTLICHE BEDEUTUNG JOSEF STALINS

 

Stalin, der Sohn eines Schusters, war im Mai 1917 zum Mitglied des Politbüros gewählt worden, war also schon fast ein Vierteljahrhundert in dieser Position, als die deutschen Faschisten sein Land überfielen, und blieb Politbüromitglied bis zu seinem Tod, 36 Jahre. Stalin hatte ein phänomenales Gedächtnis und merkte sich sehr genau die Fehler der anderen Revolutionäre, die Abweichungen vom Leninismus, noch zu Lebzeiten von Lenin. Fünf Jahre nach Lenins Rückkehr aus dem Schweizer Exil wurde Stalin am dritten April 1922 zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei gewählt und blieb es bis an sein Lebensende, 31 Jahre. Wer die Zentrale der revolutionären Monopolpartei inne hatte, konnte in den Besitz des Monopols der Macht gelangen. Man nehme nun nur noch das sogenannte Testament Lenins hinzu (Stalins Grobheit), und fertig ist der Diktator, Tyrann und Unmensch. Dass die Position eines Generalsekretärs der Kommunistischen Partei im Rätekomplex der Diktatur des Proletariats brisant ist, dürfte klar sein und dürfte auch im Hintergrund von Lenins Personalüberlegungen gestanden haben. Aber so einfach ist der – man erlaube mir hier einmal dieses Wort  – ‚Mechanismus‘ der Diktatur des Proletariats natürlich nicht, es gab zum Beispiel in Moskau einen Stalin-Wahlbezirk, in dem er sich regelmäßig zur Wahl stellen musste.  Bei der Untersuchung dieser Sachverhalte darf man nicht den aus der bürgerlichen Ideologie stammenden personalpolitischen Ansatz auswählen: der Charakter des Führers präge die Politik des Landes, sondern man muss u. a. (also nicht nur) die Dialektik von Revolution und Konterrevolution zu Grunde legen, und da zeigt sich, dass Stalin zwar nicht bei jeder Klippe, aber insgesamt den Kurs der Revolution gehalten hat. Den Kurs bei jeder Klippe ganz korrekt halten ? – einen solchen Kapitän gibt es nicht, und die 72 Tage ‚Pariser Commune‘ gaben für den Aufbau des Sozialismus in der UdSSR zum Beispiel auf dem Gebiet der Ökonomie nicht viel her. Aber auf dem theoretischen Gebiet konnte er aus den Spätschriften Lenins profitieren und Stalin kannte alle wichtigen Passagen Lenins zum Aufbau des Sozialismus in der UdSSR wie aus dem Effeff, und nicht nur diese. Diese Kenntnis galt für das Gesamtwerk Lenins. Natürlich kannte auch Trotzki die Passagen zum nationalen Aufbau des Sozialismus, aber diese waren für ihn ‚kalter Kaffee‘, er hielt sie für falsch.

In seiner Rede vom 24. Mai 1945 zur Siegesfeier im Kreml, als Hitler schon durch eigene Hand tot war, sagte Stalin, dass es das Vertrauen des russischen Volkes zu seiner Regierung gewesen sei, das der entscheidende Faktor gewesen sei, der den Sieg über den Faschismus, den Feind der Menschheit, gebracht habe. 1. Lenin blieb das Ausnahmewesen, schon allein das Mausoleum sorgte dafür, Lenin galt als derjenige, der den Grundstein für den Sozialismus gelegt hatte. Aber als Baumeister des Sozialismus ging Stalin in die Geschichtsbücher ein, ja in seiner letzten großen Schrift ‚Ökonomische Probleme in der UdSSR‘ trat er bereits als Planungsarchitekt des Kommunismus auf.  Welche Erfolge waren aber auch mit seinem Namen verknüpft ! 1929 gab es kein Privateigentum an den Produktionsmitteln mehr, 1935 Eintritt in den Völkerbund, der Aufbau des Sozialismus galt schon ab 1937 als ‚im wesentlichen‘ abgeschlossen, unter Stalins Federführung galt bereits das Gesetz der Übereinstimmung der Produktionsverhältnisse mit den Produktivkräften in der UdSSR, die unvorstellbar harte Bewährungsprobe dieses Sozialismus‘ im zweiten Weltkrieg wurde bestanden und nach 1945 blühte das teilweise sehr verwüstete Land erstaunlich schnell wieder aus. Mit der Ausrufung der Volksrepublik China am ersten Oktober 1949 durch Mao und mit dem Satellitenstaatengürtel im Westen war eine kapitalistische Einkreisung nicht mehr gegeben. Der japanische Militarismus galt nach Hiroshima und Nagasaki als gezähmt. 1949 wurde der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) gegründet. Das alles war mit dem Namen ‚Stalin‘ verbunden. Dieser strahlte für die Sowjetrussinnen und Sowjetrussen Sicherheit aus und er stand für eine Kontinuität eines Erfolges, an dem alle, außer den Konterrevolutionärinnen und Konterrevolutionären, partizipierten.

Für Stalin war das Wertgesetz eine historische Kategorie. Nach Stalins Tod und nachdem man einen anderen Plan dem Kommunismus zugrunde gelegt hatte, sozusagen einen Kommunismus auf Grundlage des Wertgesetzes, ging es durch die Erweiterung  des Wirkungsbereiches der Warenproduktion bergab. Das war auch von wachen Marxisten weltweit bemerkt und kritisiert worden. Vor dieser Erweiterung, die noch zu Lebzeiten Stalins in sowjetischen Fachzeitschriften im Schwange war, hatte Stalin immer gewarnt, besonders in seiner letzten großen Schrift über die ökonomischen Probleme des Sozialismus in der UdSSR. Stellt sich Arbeit im Wert dar und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsproduktes, so bedeutet das, dass der Produktionsprozess die Menschen, nach dem Ausdruck von Karl Marx, „bemeistert“. 2. Man kann den Zusammenbruch der Sowjetunion ohne Stalins Ökonomieschrift nicht verstehen. Diese vermittelt immerhin schon den Eindruck, dass der Kommunismus in bescheidener Form nicht mehr in weiter Ferne liegt. Stalin war es nicht mehr vergönnt, er, der zusammen mit Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern, mit Millionen Bauern und Bäuerinnen die Bedingungen des gesellschaftlichen Glücks geschaffen hatte, die glückliche, sozial homogene Gesellschaft im sozialen Paradies selbst noch zu erleben.

Er ahnte, dass das Schiff der Revolution nach ihm wohl auf der Sandbank des Revisionismus stranden wird. Die Völker der Sowjetunion standen schon vor dem Tor des sozialen Paradieses, als die Umkehr zur Höllenfahrt in den Kapitalismus begann. Die Chrutschowianer haben ganz gegen den Geist der Schrift Stalins (Versuch der Ersetzung der Warenproduktion durch den Produktenaustausch) gehandelt, womit aber nicht umgekehrt gesagt werden kann, dass bei Beachtung der Hinweise Stalins die Sowjetunion heute noch existent wäre.  Das kann keiner wissen. Aber das führt gerade vom Kommunismus ab. Hier scheint sich die Weltgeschichte einen Scherz erlaubt zu haben, indem sie durch den Professor Ostrowitjanow das Verkehrteste vom Verkehrten hat initiieren lassen. So hatte die internationale Konterrevolution eine dritte Militärintervention, auf die sie gierig fieberhaft, gleichwohl planmäßig, Tag und Nacht draufhin gearbeitet hatte, gar nicht mehr nötig, der Sowjetkoloss implodierte, zerstörte sich von innen heraus. Heute ist die russische Gesellschaft eine voll warenproduzierende Gesellschaft und nur ganz oberflächliche Menschen stellen Putin in eine rosarote Ecke. Er ist kein Sozialist, gerade er ist einer der Nutznießer der größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts. In ein paar Wochen wird in Russland nicht der hundertste Geburtstag der ‚Großen Sozialistischen Oktoberrevolution‘ gefeiert, sondern eine ‚russische Revolution‘.  Die Sowjetunion ist über ihre Grenze hinausgegangen und wurde dadurch ein Opfer der Weltgeschichte.

Die Abwehr der Konterrevolution gegen den Oktober, die Siege in den Bürgerkriegen, die Abwehr der kapitalistischen Interventen Anfang der 20er Jahre und Anfang der 40er Jahre ließen den Eindruck entstehen, der ‚Koloss Sowjetunion‘ sei unvernichtbar. Der Koloss konnte nur durch sich selbst fallen und ist durch sich selbst gefallen. Die DDR war ein Kind der Roten Armee, das sich von ihr nicht hat abnabeln können, so dass mit dem Rückzug der Mutter das Kind bodenlos wurde und in ein tödliches tiefes Loch fiel. Es fehlte im Geburtsland von Marx und Engels ein eigener revolutionärer Ansatz, die Bürger der DDR hatten die Revolution nur in der Form einer progressiven, auch mit für sie entsetzlichen Reparationen verbundenen Eroberung kennengelernt und der Zusammenbruch der Sowjetunion gab den westdeutschen Spaltern der Nation (Adenauers Abweisung der Stalin-Note 1952) und Kaltekriegsgewinnlern die Chance, die Leiche der Revolution noch einmal zu schänden.

Es ist während dieses Zusammenbruchs des sowjetischen Sozialismus kaum beachtet worden, was denn Lenin als Kriterium der Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus ausgemacht hatte – eine höhere Arbeitsproduktivität –  und damit ein Phasendenken untermauerte, das oberflächliches marxistisches Denken mechanisch auffasste, so dass der Sozialismus für dieses als historisch unumkehrbar galt. Das Gleichgewicht des ‚Kalten Krieges‘, mehr noch die europäische Entspannungspolitik ließen eine große Katastrophe für Millionen Menschen in weite Ferne rücken zu Lasten des dialektischen Denkens, dass gerade in Krisen- und Kriegssituationen im Vordergrund steht. Lenin hatte als Dialektiker beachtet, dass die Geschichte auch im global-epochalen Rahmen manchmal Riesensprünge rückwärts machen kann und mehrmals Überlegungen angestellt, dass der Sozialismus seiner Prägung auch wieder einbrechen kann. Von Stalin liegt die Äußerung vor, dass die Sowjetunion durch Versagen der revolutionären Wachsamkeit zusammenbrechen kann. Nach genuin marxistisch-dialektischem Maßstab ist der reale Sozialismus in der Arbeitswelt zusammengebrochen, denn Lenin sah in der Tatsache, dass der Sozialismus sich durch eine „höhere Organisation der Arbeit“ 3., geplante Arbeit, auszeichnet das entscheidende Unterpfand der Überlegenheit des Sozialismus über den Kapitalismus in seinem höchsten imperialistischen Stadium, der letztendlich den Idiotismus und die millionenfache Qual, die in der Anarchie der Produktion, in der kleinbürgerlichen Desorganisation als dem Hauptfeind des Sozialismus liegen, nicht überwinden kann. Entscheidend sind Erkenntnisse von Lenin wie diese: Die soziale Unterdrückung im Kapitalismus nimmt Formen an, die den einfachen arbeitenden Menschen „täglich und stündlich tausendmal mehr entsetzlichste Leiden und unmenschlichste Qualen bereitet als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. …“. 4. 

Der Kapitalismus ist in seinem Wesen zutiefst inhuman und nicht mit der kreativen Natur des Menschen vereinbar, sich durch Arbeit zu entfalten und sich durch sie und in ihr selbst zum Ausdruck zu bringen. Im Kapitalismus vegetiert die große Mehrheit des Volkes in einer menschenunwürdigen Arbeitswelt als Objekte des Kapitals, als seine Lastesel dahin und wird durch ihre eigene Arbeit geknechtet. Im kapitalistischen Produktionsprozess ist der Mensch eine Ware unter Waren, eine Sache, wie denn Aristoteles den Sklaven der Antike als vernunft- und seelenloses Werkzeug bestimmte. In einer klassenantagonistischen Gesellschaft können die Menschen nicht mehr füreinander da sein wie in der urwüchsigen kommunistischen Urgesellschaft. Man hat in der französischen Revolution wie übrigens auch bourgeoise Ideologen während der Oktoberrevolution immer Analogien zu einem angeblich antiken Republikanismus gezogen und kam nicht auf den Gedanken, dass die Parole ‚Freiheit Gleichheit Brüderlichkeit‘ viel tiefer in die Geschichte zurückreicht. Alle Revolutionen, die einen sozialen Fortschritt brachten und der Zukunft zugewandt waren, hatten im Unterbewusstsein eine Sehnsucht nach dem Mutterbauch der Geschichte, in dem die Menschen an sich frei waren, eine Sehnsucht nach einer „Renaissance des Urkommunismus“, die nicht einmal industrielle Revolutionen kappen konnten. Marx brachte in seiner Theorie den Urkommunismus und die Industrialisierung zusammen, um die arbeitenden Menschen nicht nur an sich, sondern auch für sich frei gestalten zu lassen, lange vor Morgans ‚Ancien Society‘, ein Werk, das 1877 erschien und Marx bestätigte. 5.

1.Vergleiche Josef Stalin, Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau, 1946,222f.

 2. Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,95

 3. Lenin, Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1975,455

 4.Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Lenin, Marx-Engels-Marxismus, Grundsätzliches aus Schriften und Reden, Dietz Verlag Berlin,1967,261f.

 5. Der Fortschritt, den wir den Kämpfern der französischen Revolution, mehr noch denen der Oktoberrevolution zu verdanken haben, liegt darin, dass der kapitalistische Unternehmer seine Lohnsklaven nicht mehr straffrei töten kann. Allerdings haben die faschistischen Vernichtungslager mit ihrem Konzept der Vernichtung durch Arbeit die antiken Sklavenhalter, die ja gar kein Interesse an der Tötung ihrer Sklaven haben konnten, weit in den Schatten gestellt. Vernichtungslager bleiben, solange Kapitalisten das Blut der Völker zum Vorteil von einem Prozent der Weltbevölkerung aussaugen, eine Variante bürgerlicher Herrschaft. Dass der Lohnsklave 1917 aufgestanden war, aus einem Objekt Subjekt wurde, das konnten die Kapitalisten nicht überwinden und nachdem die liberal-demokratischen Warlords mit ihren Vernichtungsfeldzügen gegen das sowjetische Russland gescheitert waren, ließen die Plutokraten in London und Washington Hitler mit seiner „Theorie“ vom bolschewistischen Untermenschen“ ran, dieselben Plutokraten, die Hiroshima und Nagasaki dem Erdboden gleichmachten. Diese Plutokraten dachten gar nicht daran, Hitler zu stürzen, wie sie mit links linke Staatsmänner nach Belieben in allen Teilen der Welt stürzten. Wer heute im Kapitalismus noch einen Funken Humanität entdeckt, gehört ganz einfach mit einem Lasso eingefangen und unter die Kängurus Australiens ausgesetzt. Es fällt auf, dass auch die bürgerliche Konterrevolution nach 1917 antike Anklänge aufwies. So sagte der Petrograder Bürgermeister gegen die Bolschewiki: „ … nur über unsere Leichname werden sie in diesen Saal eindringen, wir werden, den römischen Senatoren der Antike gleich, mit Würde das Kommen der Barbaren erwarten …“. (John Reed, 10 Tage, die die Welt erschütterten, Dietz Verlag Berlin, 1983,217).

Auf diesen Artikel habe ich eine  email folgenden Inhalts erhalten, die ich nicht vorenthalten will. Möge jede Leserin / jeder Leser sich selbst ein Urteil bilden über einen Mann, der von sich gibt, die Rote Armee hätte im zweiten Weltkrieg Panzer gegen Kartoffeln und Benzin gegen Brot getauscht. “ … wurden die Waren mit der Roten Armee ausgetauscht“. Wie aufschlussreich ! Wie wissenschaftlich ! Lernt man wirklich so etwas bei Enver Hodscha ? In Wirklichkeit stand darauf die Todesstrafe:

Hallo Heinz,
Du hast Stalin nicht kapiert. Solltest hierzu mal Enver Hoxha studieren.
Aber den verschmähst Du lieber. Da war ja Kurt Gossweiler weiter.
Produktionsverhältnisse sind Verhältnisse, die die Menschen eingehen um
zu produzieren und um ihre Produkte auszutauschen. Hätte dieser Tausch
nicht funktioniert, wäre die Rote Armee auf ihrem Marsch nach Berlin
verhungert. Aus den Fabriken und Äckern wurden die Waren mit der Roten
Armee ausgetauscht. Und selbst die war eine Arbeitsarmee und sorgte nach
dem Krieg auf Äckern für ihre Nahrung. Sozialistische
Produktionsverhältnisse sind die Vereinigung von Arbeiter, Bauern und
Soldaten. Alle Revisionisten meinen der Sozialismus bedürfe keine solche
Produktionsverhältnisse und scheitern regelmäßig. Chruschtschows
Gulaschkommunismus verhieß was in den Topf und dabei wurde er immer
leerer und die Felder darbten mit seinem Hybridmais. Darum wurde er auch
Mister Kukurush genannt.
L.

 

 

 

 

Der Atheismus und die technisch-industrielle Revolution

19. August 2017

 

Die Degradierung der Philosophie im Gefolge der Feuerbachschen Religionskritik, nach seiner 1841 im ‚Wesen des Christentums‘ veröffentlichten Feststellung, dass sie nur eine andere Form  der Theologie sei, ging bereits gegen die Ideen von 1789, denn die bürgerliche Aufklärung hatte die Philosophie gegen die Theologie nach oben gehievt, über sie, während Feuerbach beide ineinander schob. 1789 wurde die alte Welt auf den Kopf gestellt, was auch beinhaltet, dass die bürgerliche Revolution eine von Philosophen vorangetriebene war, eine von politisierenden Kopfarbeitern für politisierende Kopfarbeiter. Die Revolution von 1789 war keine menschliche Revolution; gerade die das kulturelle Leben dominierenden bürgerlichen Intellektuellen verhinderten die Erkenntnis und Organisation der ‚forces propres‘ als gesellschaftliche.

Hegel nun ist noch sehr stark ein sich selbst genügender Denker der vorindustriellen Zeit, er ist nach Löwith ein philosophierender Theologe. Auch für Hegel beginnt der Tag mit dem Sonnenaufgang, aber am Ende des Tages wird der Mensch ein Gebäude vollendet haben, eine innere Sonne, und diese wird er höher schätzen als die äußere des Morgens. Aber in dieser Überlegung Hegels aus der ‚Philosophie der Weltgeschichte‘ steckt beides: Idealismus und die universelle Bedeutung der menschlichen Arbeit. Mit gleichem Recht kann gesagt werden, die Hegelsche Philosophie sei eine ‚Theologie der Arbeit‘, eine inkommensurable Komposition aus Mittelalter und Neuzeit. In dem Schlusssatz der Philosophie der Geschichte heißt es am Ende des 51. Kapitels: „Nur die Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, daß das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist“. 1. Gott verwirklicht sich als geschichtliche Vernunft und man kann sich gegen eine Interpretation, die den Schwerpunkt auf das ‚Wirken‘, auf das „Werk“ legt, nicht ohne weiteres abweisen. Hegel und auch noch Feuerbach, dieser in gewissen Passagen seines Werkes, gehen noch von einer zweigeteilten, einer himmlischen und einer irdischen Welt aus und es kam gegen sie auf eine Verbindung von Atheismus und Technik an, die Marx und Engels zunächst unabhängig voneinander herstellten. 

Erst die technisch-industrielle Revolution mit ihren phantastischen Möglichkeiten, in das Naturgeschehen einzugreifen und sie zu bearbeiten, ausreichend Lebensmittel für alle zu produzieren und sich die Natur untertan zu machen, hat das Studierzimmer des Philosophen verwüstet und ihn in eine Weltwirksamkeit zur Gründung einer neuen atheistischen Gesellschaft hinausgeschleudert, in der der Mensch frei und weltimmanent schöpferisch sein kann. Es war die Bearbeitung der Natur, durch die seine Intelligenz wuchs und Gott dahinsiechte, das Werk seiner selbst schon längst aus der Hand gegeben. Die durch die technisch-industriellen Revolution auf der praktischen Seite freigesetzte, bis an den Rand des Größenwahns gehende Omnipotenz menschlicher Gestaltungsmöglichkeiten, unvereinbar mit dem Christentum, entsprach auf der theoretischen Seite die Entthronung Gottes, der Sieg des Atheismus, die Einsetzung des Menschen als Prometheus, beides zusammen ergab einen Eingriff in das Weltgeschehen, das in der bisherigen Weltgeschichte nicht für möglich gehalten wurde.

Dadurch, dass durch die technisch-industrielle Revolution, diese wirklich große Revolution hinter den politischen Ereignissen, Engels sagt einmal, James Watt habe eine größere Bedeutung für die Weltgeschichte als Robespierre, dadurch also, dass alle Menschen der Welt eines Tages ein gutes und sorgenfreies Leben führen können, wird der Atheismus garantiert werden. Marx recht verstanden: Das allgemeine Elend ist die Wurzel der Religion („Kommt zu mir ihr mühselig Beladenen“), der allgemeine Wohlstand die des Atheismus. Spätestens seit Spinozas Analyse der Bibel ist davon auszugehen, dass auch diese von Menschenhand geschrieben und gesellschaftliche Verhältnisse wiederspiegelt: ‚Kommt zu mir, ihr mühselig Beladenen‘. Mit seiner Industriereligion stellt sich der utopische Sozialist Claude Henri Saint-Simon noch als Mittelglied dar. Mit dem Tod Gottes ist die Welt nicht sich selbst überlassen worden, im Gegenteil, dieser „kolossale“ Tod war notwendig zur projizierten Freisetzung eines eigenmächtig Megapotenzen entwickelnden Kollektivs, in der zehnten Feuerbachthese „gesellschaftliche Menschheit“. 2. genannt. Der ganze industrielle Komplex blieb bei fast allen bürgerlich-professoralen Stubenhockern in der Anmerkung, auch hier musste vom Kopf auf die Füße gestellt werden, die Anmerkung wurde Haupttext und Gott geriet in die Anmerkung zur Industrie.

Deshalb reichte das von Feuerbach angebotene ‚Du‘ außerhalb des Studierzimmers in diesem Zusammenhang nicht hin. Die sich bisher schwer depressiv gestaltende Weltgeschichte ohne Aussicht auf positive Umkehr verleitete zu ihrer metaphysischen Betrachtung. Hegel legt sie trotz der Not und des Elends aus als eine von Vernunft geprägte. Saint-Simon, der den Spruch prägte: ‚Jeder nach seinen Fähigkeiten – jedem nach seinen Werken‘, sah in der industriellen Revolution die richtige Weichenstellung für eine positive Entwicklung bis hin zu einem vereinten Europa. Marx reinigt nüchtern die von ihm auf eine materialistische Basis gestellte Geschichte von jedem Aberglauben und Fideismus, also auch von Hegels Vernunft, Feuerbachs Geschichtsidealismus und Saint-Simons Utopismus. Für Marx bedingen sich die Geschichte der Natur und die Geschichte des Menschen, Naturgeschichte und Gattungsgeschichte gegenseitig. Die Geschichte ist die wahre Naturgeschichte des Menschen, der selbst ein Naturwesen ist.

So sah alles in der Theorie aus, und doch barg der gigantische Wurf der technisch-industriellen Revolution einen Widersinn in sich. Das Ergebnis der technischen Entwicklung scheint zu sein, dass materielle Kräfte mit geistigem Leben ausgestattet werden und der Mensch zu einer materiellen Kraft verdummt wird. Es verschwand der Revolution die richtige Proportion zwischen Produktion und Konsumtion und Prosperität und Depression wechselten einander ab. „In den Krisen bricht eine gesellschaftliche Epidemie aus, welche allen früheren Epochen als ein Widersinn erschienen wäre – die Epidemie der Überproduktion“. 3.  Die technisch-industrielle Revolution zerschnitt auch die schwachen Netze sozialer Absicherung von christlicher Barmherzigkeit aus, die vorkapitalistischen ökonomischen Gesellschaftsformationen noch eignete.

Mit der Hartz-IV-Gesetzgebung bestätigt sich die Aussage von Lenin, dass Revisionisten es fertig bringen, eine schlechtere sogenannte Sozialgesetzgebung zu fabrizieren als konservative bürgerliche Regierungen. Ohne Zweifel gehört diese sogenannte Gesetzgebung zu den schmutzigsten und schäbigsten Stücken in der Geschichte der deutschen Sozialgesetzgebung. Sie verhindert den Durchbruch zum frei-schöpferischen und atheistischen Menschen und lässt über den in bürgerlichen Gesellschaften so heimtückisch grassierenden Kult der Arbeit den Arbeistlosen mit dem subjektiven Bewußtseins eines Sündenkrüppels zum Altar des Herren kriechen. Es ist gerade ein paar Wochen her, dass ein Kumpel von mir aus Angst vor Hartz-IV Suizid beging. In der Tat, kann man die Bundesagenturen für Arbeit anders bezeichnen als ‚Houses of Terror‘ ?

1. Georg Wilhelm Friedrich  Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Reclam Verlag, Leipzig, 1924,311

2. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960,7

3. Karl Marx / Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,468

Rousseau Hegel Marx und die Theorie menschlicher Befreiung

16. August 2017

 

Es ist bekannt, dass und wie Rousseau Philosoph und Anarchist wurde. Als er auf dem Weg von Paris nach Vincennes im ‚Mercure de France‘ 1749 die gleichjährige Preisfrage der Akademie zu Dijon las: Haben Künste und Wissenschaften zum Fortschritt der menschlichen Kultur beigetragen ?, geriet er in eine folgenschwere Metanoia und erkannte plötzlich, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Rousseau sah ein anderes Universum und wurde ein anderer Mensch. In diesem Augenblick war ihm alles klar, alle aus dieser oder auf diese Metanoia folgenden Schriften sind für Rousseau eher krampfhafte, zum Scheitern verurteilte Versuche, sich der Reinheit des sogenannten Vincenneserlebnisses erneut zu vergegenwärtigen. Seine Schriften reichen im Zeitalter des Lichts nicht hin an dieses, Rousseau ist so Aufklärer und Gegenaufklärer in einem.

Es ist bekannt, dass der an Depressionen leidende Hegel die ‚Phänomenologie des Geistes‘ am Rande des Wahnsinns geschrieben hat, sein Jugendfreund Hölderlin ist wahnsinnig geworden. Hegel sieht die Heraufkunft der Neuen Welt unter dem Signum des Blitzes. Schon vor der ‚Phänomenologie‘ hatte Hegel in der Differenzschrift 1802 den markanten Satz geprägt: ‚Je besser die Methode, desto greller die Resultate‘. Die Dialektik ist tief innerlich, vor allem ruhelos. Hegel transformiert den ökonomischen Inhalt der französischen Revolution, die Durchsetzung der kapitalistischen Warenproduktion, ins Idealistische und Politische als die die Anarchie zu konstituieren strebende Anarchie. Eine Welt ohne Herrschaft aus freien und gleichen Brüdern,  dieses Prinzip der Anarchie in die Weltgeschichte einzubilden, bleibt die gigantische Aufgabe, die noch heute vor uns liegt.

Auch Marx hat in seinem ersten Semester in Berlin eine schwere seelische Krise, er schildert sie unverkennbar. Nach dem gescheiterten Projekt ‚Kleanthes oder vom Ausgangspunkt und notwendigen Fortgang der Philosophie“, die Arbeit ist nicht erhalten geblieben, gesteht er: „Vor Ärger konnte ich einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten an der Spree schmutzigem Wasser, „das Seelen wäscht und Tee verdünnt“, umher … und wollte jeden Eckensteher umarmen“. 1. Ich bitte Sie, der größte Sohn des deutschen Volkes 2. konnte einige Tage gar nichts denken, lief wie toll im Garten umher.

Das sind Geständnisse aus erster Hand, keine Augenzeugenberichte, die ja auch gar nicht mitteilen könnten, Marx habe einige Tage gar nichts gedacht. Marx wurde krank. Ein Arzt riet ihm, aufs Land nach Stralow zu ziehen. „Wiederhergestellt, verbrannte ich alle Gedichte und Anlagen zu Novellen etc. in dem Wahn, ich könne ganz davon ablassen …“. 3. Und dann in dem Brief die folgenschwere Mitteilung: „Während meines Unwohlseins hatte ich Hegel von Anfang bis Ende samt den meisten seiner Schüler, kennengelernt“. 4. Gegen Ende des Briefes hebt Marx noch einmal die vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung seines Gemütes  hervor.

Das sind die inneren und äußeren, leider wenig bekannten Umstände, in denen Marx Hegelianer wurde. Aber wenig später, nachdem Feuerbach Hegels Idealismus 1841 religionsphilosophisch widerlegt hatte,  werden Gedanken bei ihm rege, ob nicht der Idealismus, ob nicht insbesondere die Symbiose des Idealismus mit dem Christentum und seiner unbefleckten Empfängnis der Wahn schlechthin sei. Das nimmt den noch nicht festgeformten Marx, wie ihn die Propaganda nicht weitergibt, mit. Zeitzeugen, seine Tochter und Ruge, teilen uns übereinstimmend mit, dass Marx ein besessen lesendes Arbeitstier war. Es ist aufschlussreich, was Ruge Feuerbach in einem Brief mitteilte: „Marx … liest sehr viel; er arbeitet mit ungemeiner Intensität .., aber er vollendet nichts, er bricht überall ab und stürzt sich immer von neuem in ein endloses Büchermeer“. 5. Diese Bemerkungen von Ruge treffen zu auf die geniale Kritik des Hegelschen Staatsrecht, sie bleibt unvollendet. Ist die Hektik ein Preis subjektiver Genialität oder Ausdruck des objektiven Zwanges der bürgerlichen Produktionsweise, sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse im Zuge der technisch-industriellen Revolution fortwährend zu revolutionieren, ohne den Menschen selbst als frei gestalten zu können ?

Ich tendiere zum letzteren. Durch Hegel erlas er sich, wie schwer, wie gewaltsam, wie  unentrinnbar und allumfassend der uns überwölbende, für Marx atheistische Himmel gesellschaftlicher Objekivität ist, ein Gewaltzusammenhang, in den die Menschen eingezwängt sind, so dass sich ihnen die Möglichkeit gar nicht eröffnen kann, andere Menschen zu werden und  andere Universen zu sehen. Schließlich sagt Hegel, die existierende Welt sei die existente Vernunft. Eine Identität, die für Marx falscher Schein ist. Im Gegensatz zu Hegel gilt: Der Arbeiter ist eine Ware und die Arbeiter stellen die Mehrheit des Volkes, das verstümmelte Milieu, in dem wir alle leben. Die Rechnung der reichen Kapitalisten, die Arbeiter, die sich stückweise verkaufen müssen, zu schinden, um in Saus und Braus zu leben, geht nicht auf.  Statt ein anderer Mensch wird der Arbeiter ein „bloßes Zubehör der Maschine, von dem nur der einfachste, am leichtesten erlernbare Handgriff verlangt wird … Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt erhält, so fallen die andern Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.“. 6.

Es sieht also zunächst nicht so aus, als sei hier eine emanzipative Kehrtwendung zu erwarten. Dass sie historisch notwendig sei, dieser Nachweis wird zur Lebensaufgabe von Marx. Die gigantische Objektivität, die im Vollzug der technisch-industriellen Revolution liegt, enthält in sich die Potenz, aus Objekten Subjekte zu machen. Die Ketten der Sklaverei von 1789 hatte noch Marat in der französischen Revolution deutlich genug gesehen und noch einen subjektiven Ansatz zur Befreiungslösung angeboten, Fourier sah das Allheilmittel in der Auflösung der bürgerlichen Familie; die industrielle Großraumproduktion, das Gegenteil des Idiotismus des Landlebens, entwertet alle subjektiven Ansätze in der Emanzipationstheorie und lehrt dem genauen Prozessbeobachter die Macht des Kollektiven, in ihm liegt der Zauberschlüssel, der nun das Tor zu subjektiven Freiheit des je Einzelnen aufschließt. Die Menschen können ohne kollektive Befreiung nicht freie Subjekte werden. Das alles entscheidende Resultat der großen industriellen Revolution ist ein Objektives, die bisher individuellen Arbeitsmittel sind in nur noch gemeinsam verwendbare verwandelt worden.  7.  Nur ergibt sich die Theorie des Marxismus nicht aus dieser Kollektivität, aus ihr ergibt sich auch keine proletarische Denkweise. Träger des wissenschaftlichen Sozialismus sind bürgerliche Wissenschaftler, „welche zum theoretischen Verständnis der ganzen gesellschaftlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben“. 8. Die nur noch gemeinsam verwendbaren Arbeitsmittel bilden auch die Linie, an der sich die Gewerkschaften bilden, denen es primär nicht theoretisch um die Erfassung des Zusammenhangs zwischen Lohnarbeit und Kapital und ihrer Unversöhnlichkeit geht, sondern um die Verbesserung der Bedingungen des Verkaufs der Ware des Arbeiters, seiner Arbeitskraft. Die Führungen der Gewerkschaften richten sich im Kapitalismus antikommunistisch aus, nachdem sie im Verlauf ihrer Karriere die antagonistischen Fundamentakategorien ‚Lohnarbeit und Kapital‘ in ihrem Gehirn ausgeblendet haben. Über die Gemeingefährlichkeit, kriminelle Energie und Asozialität dieses Abschaums der Arbeiterbewegung braucht man wohl keine Worte mehr zu verlieren.

In der von Bourgeoisideologen, die sich nicht zu dieser Höhe des theoretischen Verständnisses emporgarbeitet haben, abgefassten bürgerlichen Freiheitsideologie werden die Subjekte dagegen frei nur gegen das Kollektiv, als einzelne, als bezugslose Monaden. Das ist auch ganz stimmig und trifft zu auf die Eigner der Produktions- und Lebensmittel, für die die Masse nur aus Ausbeutungsobjekten existieren kann. Für diese ist das Tierische, der Konsum, menschlich, und das Menschliche, die Selbstbestätigung durch Arbeit, tierisch. Alle bürgerlichen Befreiungstheorien sind Ideologie, in der ein Humanismus nur auf dem Papier bleiben kann, weil sie auf das angebliche Axiom ‚Lohnarbeit-Kapital‘ festgeschrieben bleiben müssen. Das ‚Kapital‘ von Marx dient dem wissenschaftlichen Nachweis, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem ein historisch vorübergehendes ist. Wer heute noch darüber grübelt, ob der Kapitalismus durch den Sozialismus überwunden werden muss, gehört der Welt von gestern an und es ist ihm zu wünschen, dass er sich erhebt zu der heute allein aktuellen Fragestellung, wie ist der Kapitalismus zu zerschlagen ? Wer heute noch darüber grübelt, ob der Kapitalismus friedlich oder gewaltsam überwunden werden muss, gehört ebenfalls noch der Welt von gestern an. Unter imperialistischen Bedingungen kann der Spätkapitalismus nur mit Feuer und Schwert ausgerottet und niedergebrannt werden.

1. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

2. Vergleiche die Broschüre „Karl Marx, Der größte Sohn des deutschen Volkes, Vorbild und Ratgeber eines jeden deutschen Patrioten“, Kongress Verlag Berlin, 1953

3. Karl Marx, Brief an den Vater in Trier vom 10ten November 1837 aus Berlin, in: Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,9

4. a.a.O.,10

5. Arnold Ruge, Briefwechsel und Tagebuchblätter 1825 bis 1880, hrsg. von Paul Nerrlich, 2 Bände, Berlin, 1886, Band 1,343   

6. Karl Marx /  Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlg Berlin, 1960,468f.

7.  Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,790

8. Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,472

 

 

Helmut Kohl – der ‚Kanzler der Einheit‘

12. August 2017

Ich schreibe diesen Artikel bewusst am 13. August, am 56. Jahrestag des Berliner Mauerbaus. Am 16. Juni 2017  ließ die Partei DIE LINKE zum Ableben von Helmut Kohl verlauten, mit ihm verliere Deutschland eine prägende Persönlichkeit. Träfe das zu, so wäre das schlimm für das deutsche Volk, man muss sich von solch einem Konterrevolutionär nicht prägen lassen, sondern man muss solche Type weit von sich spucken. Kohl wurde 1930 geboren und trat mit 16 Jahren, also 1946, in die Partei Adenauers ein. Bekanntlich wies Adenauer 1952 die Stalin-Note zurück, Kohl hätte als Mann der Einheit des deutsche Volkes sofort aus dieser spalterischen Verräterpartei am deutschen Volk austreten müssen, aber dieser  Konterrevolutionär war insgesamt 71 Jahre, bis zu seinem Tod, Mitglied der Partei, die die Spaltung Deutschlands zu verantworten hat. Gerhard Schiller hat in seinem Aufsatz ‚Gedanken über und um Kohl‘ betont, dass die Wiedervereinigung Kohl nur zugefallen sei (Vergleiche Gerhard Schiller, Gedanken über und um Kohl, in: offensiv, Nummer 4 / 2017,25).  Das ist richtig, deshalb gilt: Josef Stalin – ein Freund des deutschen Volkes / Helmut Kohl – ein Feind des deutschen Volkes.

Können wir denn überhaupt von einer deutschen Einheit sprechen, wenn zur Einheit einer Nation auch die territoriale Souveränität gehört ? Noch immer gibt es auf dem Territorium des deutschen Volkes imperialistische Militärbasen, auf denen jeden Morgen ausländische Fahnen hochgezogen werden. Die bürgerliche Kompradorenregierung steht aus Angst vor einer Volksbewaffnung unter proletarischer Führung vor allem unter dem us-amerikanischen Militärstiefel, den sie  begierig leckt. Sie macht sich vor aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen lächerlich, wenn sie das Wort von der deutschen Einheit in dem Mund nimmt.

Die Bourgeoisie hat zwar stets die grossen Wörter ‚Einheit des Volkes‘ und ‚Einheit der Nation‘ in den Mund genommen, aber schon während der französischen Revolution verbot die französische Bourgeoisie der Arbeiterklasse Frankreichs durch ein Dekret vom 14. Juni 1791, sich zu vereinigen, spaltete also das Volk. Selbst die Jakobiner, die das Land ein Jahr lang, vom Juni 1793 bis Juni 1794, regierten, ließen dieses Dekret unangetastet und traten die Rechte der Mehrheit des französischen Volkes mit Füßen. (Vergleiche Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,769f.). Die französische Revolution von 1789 wird von interessierten Kreisen gern als eine große Revolution verbreitet, aber wir müssen bedenken, dass es in ihr gerade nicht zur Zerschlagung des Staatsapparates der absoluten Monarchie gekommen war, sondern zu seiner Weiterentwicklung und Vollendung durch Napoleon. Die Dialektik der Geschichte des klassischen bürgerlichen Staatsapparates verlief gerade so, dass die Bourgeoisie das Instrument, das zur halbherzigen Befreiung vom Feudalismus diente, umschlug in einen Repressionsapparat des Kapitals gegen die Arbeit. Die Herrschaft der Bourgeoisie bedeutet Volksausplünderung, die schon der bürgerliche Aufklärer, der nicht gerade arme Voltaire als die wahre Staatskunst des Bourgeois denunzierte. Die Kunst der Politik bestand für Voltaire darin, das Geld aus der Tasche von Leuten einer Klasse in die Taschen von Leuten einer anderen Klasse zu bewegen. Das fand auch unter Helmut Kohl in unverschämter Weise statt und er selbst wirtschaftete Beträge in seine eigene Tasche. Marx hatte schon 1844 im ‚Elend der Philosophie‘ die wechselseitige Bedingtheit von Reichtum und Armut als Fundamentalkonstellation der bürgerlichen Gesellschaft herausgearbeitet. Deshalb  können nur  proletarische Revolutionäre die großen Einiger der Völker sein, die nach Einheit, Frieden und Beseitigung von Klassenunterschieden streben.

Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 kam es in der Generallinie zur Verwässerung, ja zur Fälschung dialektischen Denkens, was zur Folge hatte, dass die Revisionisten auf den revolutionären Klassenkampf verzichteten und den nationalrevolutionären Gedanken von der Einheit der Nation preisgaben. In Berlin wurde 1961 eine Mauer errichtet, im gleichen Jahr, als man in Moskau Stalin, der der  Garant der deutschen Einheit gewesen war, aus dem Lenin-Mausoleum entfernte. Ich erinnere mich noch an einen Vortrag des DDR-Chefphilosophen Manfred Buhr im Jahr 1982 im Leibniz-Saal der niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover. In der dem Vortrag folgenden Diskussion belog er dreist die Anwesenden mit der Aussage, dass für Lenin die Einheit der Gegensätze absolut, der Kampf der Gegensätze nur relativ sei. Genau umgekehrt verhält es sich. Aber diese Vertauschung war notwendig, um die friedliche Koexistenz zu rechtfertigen. Es gibt keine Dialektik der Welt, die die Errichtung des Reiterdenkmals Friedrichs des sogenannten Großen vor der Humboldt-Universität mit Blick auf das damals abgeriegelte Brandenburger Tor zusammenbringen kann mit dem von Chrutschow und seinen DDR-Ablegern proklamierten Übergang vom Sozialismus zum Kommunismus, insbesondere, wenn man sich vor Augen hält, was Marx und Engels über das reaktionäre Preußentum geschrieben haben. Es stehen einem nicht nur die Haare zu Berge, sie fallen aus. Friedrich der II. kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz; als Volksfeind. „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageron“ (ich glaube, ich werde euer Spiel spielen; bekomme ich die Asse, so teilen wir) – das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog.“ (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,418f.)   Man war außerdem auf den Lassalleanismus zurückgefallen, bekanntlich nannte Marx die Lassalleaner „königlich preußische Sozialisten“. (Vergleiche Lenin, Über den Nationalstolz der Russen, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin, 1960,36).

Dem deutschen Volk steht also der große Befreiungskrieg noch bevor, in dem die ausländischen NATO-Militärbasen durch die Wucht eines Volkskrieges zermalmt werden. Natürlich haben proletarische Revolutionäre ihren Schwerpunkt auf den Verfolg der Dialektik von Lohnarbeit und Kapital zu  setzen, um den geeigneten Augenblick zu erfassen, in dem diese unter der Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates gesprengt werden kann. Für die Vorbereitung der großen Volkserhebung gegen den Imperialismus sind die militärtehoretischen Schriften von Engels, Lenin, Stalin, Mao und Giap kein Schnee von gestern. Stalin wies uns nach dem zweiten Weltkrieg darauf hin, dass man heute nicht mehr bei Clausewitz in die Schule gehen könne. Was noch, allerdings sehr bedingt, von Interesse ist, das sind die Schriften von Gneisenau und Scharnhorst zur Kleinkriegführung. Ein großer Befreiungskrieg schließt eine Guerillakriegführung unbedingt ein. Es versteht sich von selbst, dass das höhere Offizierskorps der Bundeswehr, das durch Belecken imperialistischer Militärstiefel schon ganz wunde Zungen bekommen hat, weder für den großen noch für den kleinen Verwendung finden kann, ohnehin wird man es in den Kasernen  der Imperialisten wiederfinden.

Anmerkungen zur ‚Schizophrenie in der Bundestagswahl 2017‘

6. August 2017

Alle bisher in der Geschichte der Religion und Philosophie vorgebrachten Beweise für das Dasein Gottes sind für Marx ebensosehr  Beweise für sein Nichtdasein, also für den Atheismus. Die Beweise widerlegen sich selbst, sie müssten, und hier belegt bereits der junge Marx in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation aus dem Jahr 1841 seine in gesellschaftswissenschaftlicher Hinsicht tiefe Einsicht in den Zusammenhang zwischen einer verkehrten Welt, einer verkehrt eingerichteten Welt und einer religiösen Verkehrung, (sprich: Perversion), umgekehrt lauten. Die Religion ist der himmlische Widerschein, Reflex einer verkehrten Welt, keine Erfindung von Priestern. Vielmehr gilt es, von der Erde, von der Natur ausgehend, den Zusammenhang aufzuzeigen zwischen einer unvernünftigen Welt und unvernünftigen Religionen. Den weltlichen Perversionen entspricht die religiöse Perversion. „Weil eine unvernünftige Welt ist, ist Gott“ (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,373). Die Existenz der Religion verweist auf eine gedoppelte Perversion. Das Verkehrte ergänzt sich verkehrt. Die Religion ist Ausdruck des Perversen schlechthin, der verkehrten Welt des Geldes, auch Ausdruck einer perversen Weltverdopplung.   Die perverse Religion ist zugleich auch Ausdruck und Protestation gegen eine perverse Welt. Alle philosophisch-theologischen Beweise  eines überirdischen Wesens enthalten den Verweis auf den wechselseitigen Verweis einer perversen Verdopplung in zwei Reiche. Bernard Delfgaauw hat in seinem kleinen Buch über den jungen Marx das Wort ‚Entdoppelung‘ ins Spiel gebracht, programmatisch ginge es dem jungen Marx um eine ‚Entdoppelung der Wirklichkeit‘. (Vergleiche Bernard Delfgaauw, Der junge Marx,Manz Verlag München, 1962,37). Nach seinem ersten Semester schreibt der Student Marx in einem Brief vom 10. November 1837 aus Berlin  an seinen Vater: „Hatten die Götter früher über der Erde gewohnt, so waren sie jetzt das Zentrum derselben“ (Karl Marx, Brief an den Vater vom 10. November 1837, in Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 8).  Ganz offensichtlich ein Zwischenstadium, es galt nun die Götter im Zentrum der Erde zu vernichten.

So können zum Beispiel sich auf ein religiöses Fundament beziehende politische Parteien gar kein Interesse an einer sozial befriedeten Gesellschaft Gleicher, an einer Demokratie, haben, sie müssen die in Klassen gespaltene Gesellschaft aufrecht erhalten, denn die Qual der Ausgebeuteten ist zugleich ihr Lebenselexier. Die Aufrechterhaltung der Spaltung der Gesellschaft in Arme und Reiche koppelt die Armen auf der Suche nach einem Ausweg aus der sozialen Misere immer auch schafsköpfig an eine jenseitige Lösung. Die ausgebeuteten Lohnarbeiterinnen und Lohnarbeiter dürfen nicht mit der Wissenschaft ihrer Befreiung in Berührung kommen, die mit der Kritik der Religion anhebt, denn „die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,378). Der Kommunismus beginnt sogleich mit dem Atheismus. Die sich in einer Sackgasse befindliche niedergedrückte Kreatur kann als niedergedrückte nicht anders als hoffen, dereinst zu einem selbstbewusstem Wesen, gegebenenfalls im Jenseits, erlöst zu werden, das heißt im Himmel ein Leben zu führen, wie ein Reicher es ihm hier bereits auf Erden vorgelebt hat. Das Bildungssystem der spätkapitalistischen Gesellschaft hält zu diesem das Lebensglück vertagenden Versäumnis an. Religiös bedingte Barmherzigkeit wird hier und da gewährt, ein ordentliches, warmes Essen einmal im Jahr am sogenannten Heiligen Abend, ein Wintermantel gegen die Eiseskälte,Winterwagen, Tafeln, Suppenküchen, Klosterspeisung,  Marx und Engels sprechen im ‚Kommunistischen Manifest‘ vom pfäffischen Sozialismus, aber in ihrem politisch-sozialen Kern schützen die das Volk mit der Religion verdummenden Politiker  die Reichen und Mächtigen und sind hart und grausam gegen die Kleinen und Schwachen. Immer wieder muss die spätkapitalistische Gesellschaft ihre Maske der Humanität fallen lassen, damit ihre terroristische Visage zum Vorschein komme. Diese Politiker sind falsche Menschen, Heuchler durch und durch. Marx gibt uns diesbezüglich in seinen Anmerkungen zur Doktordissertation einen bemerkenswerten Hinweis zum Verhältnis von fortschrittlichen gesellschaftlichen Kräften (die aus Linkshegelianern bestehende liberale Partei) und reaktionären (die religiös-dogmatische Partei der Rechtshegelianer). „Die erste aber ist sich … des Prinzips im allgemeinen bewußt und ihres Zweckes. In der zweiten erscheint die Verkehrtheit, sozusagen die Verrücktheit, als solche. (Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1960,331). Die Heuchler spiegeln ihre Seele in der Reinheit des himmlischen Lichtes, während sie ihre Exkremente auf die von den Kapitalisten ausgebeuteten Völker fallen lassen. Denn ihr Reich ist ja nicht von dieser Welt. Auch wenn es verrückt ist, so ist es  in bürgerlichen Wahlsystemen gang und gäbe, Parteien zur Wahl zuzulassen, die im Kern auf einem anderen Planeten im Jenseits wohnen. Eine dem gesellschaftlichen Fortschritt dienende Demokratie beginnt mit dem Verbot von sich auf  religiöse Fundamente beziehenden „politischen“Parteien.

Wie man Marx und Engels nicht interpretieren sollte

21. Juli 2017

„Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehen“. (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.Einleitung, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,391). Proletariat und Philosophie sind aufeinander angewiesen, um sich wechselseitig aufzuheben. War für den jungen Marx Anfang 1844 noch die Philosophie die Schlüsselwissenschaft, so wird das in Kürze für ihn die politische Ökonomie werden, in ihr liegt für ihn die Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft.

Die Verbindung von Gedankenblitz und Naivität kann leicht dazu führen, das deutsche Volk als ein geniales zu deuten, denn dem Genialischen hängt immer auch ein Quäntchen Naivität, ein ‚Michel‘ an. Das Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED hatte im Vorwort zur deutschen Gesamtausgabe der Werke von Marx und Engels geschrieben, dass beide in allen Etappen ihres kämpferischen Lebens sich besonders Deutschland und der deutschen Arbeiterbewegung verbunden gefühlt hätten. „Wahrhaft patriotisches Denken und Handeln erfüllte das Leben dieser größten deutschen Wissenschaftler und Revolutionäre. (Vergleiche Vorwort zur deutschen Ausgabe vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1957,XV). Man beachte, dass das 1957 geschrieben worden ist, zwölf Jahre, nachdem das deutsche Spießbürgertum Deutschland über alles, über alles auf der Welt gestellt hatte und ein Jahr nach dem XX. Parteitag. Das im Vorwort Stehende ist sachlich falsch. Abgesehen davon, dass es niemals im Interesse einer internationalen Emanzipationsbewegung stehen kann, ein Land, ein Volk besonders hervorzuheben,  Engels betont dies in seiner Einleitung zum ‚Deutschen Bauernkrieg‘, so waren für den jungen Marx Anfang 1844 die Deutschen, und zwar alle, nicht nur bestimmte Klassen, noch keine Menschen. Das ist aber kein wahrhaft patriotisches Denken. Marx und Engels gossen ihren proletarischen Klassenhass gleich tonnenweise auf das deutsche Spießbürgertum und man braucht seine Nase nicht wirklich tief in die Werke von Marx und Engels gesteckt zu haben, um zu bemerken, dass sie drei sogenannte historische Persönlichkeiten des deutschen Volkes besonders hassten: Luther, Friedrich der sogenannte Große und Bismarck. Alle drei wurden aber in der DDR nach und nach aufgewertet, und eines Tages  prangte das Reiterstandbild von Friedrich wieder vor der Humboldt-Universität. Besser hätten es die ‚deutschen wahren Sozialisten‘ auch nicht machen können. Die Frage ist berechtigt, worin in diesem Akt die Weiterentwicklung des Sozialismus zum Kommunismus bestehen sollte ? Bei Büchner war es Ausdruck eines Geschichtsfatalismus, dass sein Revolutionsdrama ‚Dantons Tod‘ mit dem Ausruf endete: ‚Es lebe der König !‘ Friedrich kommt bei Marx und Engels ganz schlecht weg, Engels bezeichnet ihn als Teiler Deutschlands im Bunde mit dem Ausland, kurz: Als Volksfeind ! „Je vais, je crois, jouer votre jeu; si les as me viennent, nous partageront“: (Ich glaube, ich werde euer Spiel spielen, bekomme ich die Asse, so teilen wir) – das waren Friedrichs Abschiedsworte an den französischen Gesandten (Beaurau), als er in seinen ersten Krieg zog“. (Friedrich Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, Werke Band 21, Dietz Verlag Berlin, 1960,418f.) Selbst wenn man sich mit der sehr fragwürdigen Auffassung von Alexis de Tocqueville anfreundet, dass Friedrich als Vorläufer der französischen Revolution zu betrachten sei, ja bereits als deren „Agent“, so bleibt die Frage,  ob das bereits hinreichend ist, ihn in einer Hauptstadt einer Arbeiter- und Bauernrepublik zu huldigen. (Vergleiche Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo Klassiker, Rowohlt Verlag, Hamburg, 1969,15). 

Im gleichen Vorwort wird der Gedanke vorgetragen, dass der Marxismus-Leninismus die tiefste Sehnsucht des deutschen Volkes „nach einem glücklichen Leben in einem einheitlichen, friedliebenden und demokratischen Deutschland, in dem die Werktätigen die Macht in den Händen halten“ (a.a.O.,XVIII), verkörpert. Wenn die Werktätigen die Macht in Händen halten, dann beginnt aber nach Engels die Demokratie einzuschlafen und nach Lenin abzusterben, was letztendlich auf das Gleiche hinauskommt. Dass der Kerngehalt der sozialistischen Demokratie ihre Selbstaufhebung beinhaltet, daran scheiterten die Revisionisten und Opportunisten, Lenin gibt uns in seinem ‚Staat und Revolution‘ eine Reihe von Beispielen. Dort kann man auch nachlesen, dass Demokratie und Staat noch immer aufeinander verweisen, folglich  hatten der Opportunismus und Revisionismus auch gegenüber dem Anarchismus, der in der Frage des Zieles mit dem Marxismus übereinstimmt, eine schiefe Position bezogen. „Man könnte wetten, daß von 10 000 Menschen, die vom „Absterben des Staates“ gelesen oder gehört haben, 9 990 überhaupt nicht wissen, oder sich nicht entsinnen, daß Engels seine Schlußfolgerungen aus diesem Satz nicht nur gegen die Anarchisten richtete. Und von den übrigen zehn Menschen  wissen neun sicherlich nicht, was der ‚freie Volksstaat‘ ist und warum in dem Angriff auf diese Losung ein Angriff auf die Opportunisten steckt. So wird Geschichte geschrieben ! So wird die große revolutionäre Lehre unmerklich dem herrschenden Spießbürgertum angepaßt“. Als Chrutschow 1956 den Marxismus-Leninismus mit den Losungen vom ‚freien Volksstaat‘ und  von der ‚Partei des ganzen Volkes‘ förmlich entmannte, wäre es da nicht Pflicht der Marxisten-Leninsten in der SED gewesen, diese Losungen anzugreifen ?

 

Liu Xiaobo – Zum Tode eines edlen Menschen

16. Juli 2017

Am 14. Juli 2017, am 228. Jahrestag des Sturms auf die Bastille, flossen in den bürgerlichen Massenmedien breite Krokodilstränen. In der fernen chinesichen Stadt Shenyang war am Vortag im Alter von 61 Jahren der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo an einem Krebsleiden gestorben, den die bürgerliche Journaille stets als edlen Menschen hervorgehoben hatte. Schauen wir uns diesen edlen Menschen einmal näher an. Als Maßstab der Beurteilung können wir nur die Frage zulassen, ob sein ganzer Lebenswandel den Idealen der Revolution entsprach oder nicht ? Positiv sieht ihn Angela Merkel, sie würdigte ihn als „mutigen Kämpfer für Bürgerrechte“, die ‚Süddeutsche Zeitung sprach von „Chinas großem Menschenrechtler“.  Ich werde zu einer entgegengesetzten Beurteilung kommen.

Liu wurde am 28. Dezember 1955 als Sohn eines Professors für chinesische Sprache geboren und zeigte schon in der Schule schöne Neigungen zu den schönen Künsten. Er studierte Literaturwissenschaften, auch in den USA, als sich im Frühjahr 1989 in Peking auf dem ‚Platz des Himmlischen Friedens‘ Studentendemonstrationen in Gang setzten.  Liu stieg in den USA ins nächste Flugzeug nach Peking, um nichts zu verpassen. Diese Studentenunruhen sind natürlich nicht vom Himmel gefallen. Nach der Großen Proletarischen Kulturrevolution verfiel die Kommunistische Partei Chinas in schwere revisionistische Fehler, indem sie auf der Linie Tengs korrupten und geldbesessenen Karrieristen den Druck wegnahm, damit diese sich bereichern konnten. Unter diesen mischte Liu als Theoretiker, denen Krümel abgegeben wurden, kräftig mit. Das ging soweit, dass er 2008 mit einigen Spießgesellen (eine Schickeria aus Künstlern, Schriftstellern, Publizisten und Anwälten) eine ‚Charta O8‘ veröffentlichte, in der ein Mehrparteiensystem und Privatisierungen gefordert wurde.

Das war natürlich ein Angriff auf den Marxismus-Leninismus, konterrevolutionäre Forderungen, denn im bunten Spektrum der Parteien können kapitalistische Parasiten gut gedeihen. Hierzulande kommt man sich mächtig fortschrittlich vor, wenn man die Parole ‚Bunt statt braun‘ auftsellt, man übersieht aber all zu leicht, dass kapitalistische Parasiten heute so geschickt sind, außer rot jede beliebige Farbe anzunehmen, auch eine LINKS-rosarote, um die rote besser bekämpfen zu können. Beim Lesen der Charta O8, die sich stark an die tschechische ‚Charta 77‘ unter Federführung von Václav Havel anlehnte, atmet man Modergeruch, denn die ‚belebende Seele der Dialektik von Revolution und Konterrevolution‘ ist in ihr nicht vorhanden. Liu nannte Havel seinen „spirituellen Vater“, über Mao aber sagte er, dieser sei  ein Teufel in Menschengestalt  – eine Ehre übrigens, denn schon der Bauernfeind Martin Luther, der im deutschen Bauernkrieg zum Massenmord am deutschen Volk aufgerufen hatte,  nannte Thomas Müntzer den „Teufel von Allstedt“.  Es passt zu dem Nietzscheaner Liu auch die folgende Äußerung über Mao: Keiner habe die Chinesen so verstanden, wie Mao, „daher sei zuvor niemand in der Lage gewesen, das Volk so zu verdummen wie er“ (Jens Christoph Damm, Liu Xiaobo Ein moderner Ikonoklast in der Tradition des vierten Mai, Magisterarbeit im Fachbereich Sinologie, Universität Trier, Seite 23, siehe: google: damm ikonoklast liu xiaobo. (Ein Ikonoklast zerstört die Bilder der eigenen Religion). Auch Rosa Luxemburg begriff zu Beginn der russischen Oktoberrevolution die Dialektik von Revolution und Konterrevolution nicht sofort und forderte (wie die Chartisten von 2008) gegen die Leninisten eine Presse- und Versammlungsfreiheit für Russland. Später korrigierte sie diese Fehler und setzte durch, dass der im Frauengefängnis Breslau geschriebene Text mit starken anti-bolschewistischen Untertönen zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde.

Liu wurde wegen der Charta zu elf Jahren Haft verurteilt. In einer für seinen Gerichtsprozess vorbereiteten Rede hatte er den Satz hineingeschrieben, dass er in einem Land leben möchte, wo alle (!) politischen Ansichten unter der Sonne ausgebreitet werden dürfen. Das kommt davon, wenn man sich der Belletristik zuwendet, ohne dass die Kardinalbücher des Marxismus-Lenismus daneben  liegen und wenn man ohne die Dialektik politisch-historischer Prozesse im Kopf zu haben durch die Gegend geistert. Vor allem aber meinte er die Gedanken Friedrich Nietzsches, den manche Rechte  für einen Philosophen halten. Liu trat vor Gericht als Ökonom des Reformismus auf. „Schritt für Schritt, friedlich, geregelt, kontrollierbar und Interaktion zwischen Von-unten-nach-oben und Von-oben-nach-unten sind für mich die Schlüsselbegriffe für politische Reformen in China, denn auf diese Weise erzielt man mit den geringsten Kosten den größten Effekt“ (Mark Siemons, Der große Einsame, Aus dem intellektuellen Rauhbein wurde ein Kämpfer für ein demokratisches, nichtzynisches China: Zum Tod des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juli 2017, Seite 11). Das ist ein Musterbeispiel für Anti-Dialektik. Der Dialektik ist das Blitzartige immanent, Lenins Aprilthesen waren Gedankenblitze, die der junge Marx Anfang 1844 für den naiven Volksboden Deutschlands vergebens herbeigesehnt hatte.

Ich habe eben aus einem Nachruf der FAZ zitiert, in dem klipp und klar die Sätze zu lesen sind: „Sein Vorbild war Nietzsche, dessen Mut zum Selberleben im Angesicht unausweichlicher Tragödien er seinen Studenten anempfahl. Die üblichen politischen Streitthemen langweilten ihn dagegen. ‚Wer sich auf einen trivialen Kampf einlässt, wird selbst trivial‘, schrieb er 1983“. Eben eben, die schönen Künste, neben denen der Klassenkampf natürlich trivial ist. Und weiter: „Rationalität und Ordnung , Ruhe und Ausgeglichenheit müssen die Regeln unseres Kampfes für Demokratie sein“ (a.a.O.). Hier kommt nun schon einiges zusammen: Ein Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse stellt am Tag der Bastille kritiklos Nietzsche als Vorbild hin ! Ganz offensichtlich spekuliert man hier auf die Unwissenheit der Leser. Nehmen wir zur Kenntnis, wie der grundlegende Theoretiker der bürgerlichen Demokratie den Kampf und Einsatz für sie gestaltet wissen wollte: „In dieser Verfassung muß der Bürger … jeden Tag im Grunde seines Herzens wiederholen, was ein tugendhafter Woiwode im polnischen Landtag gesagt hat: Malo periculosam libertatem quam quietum servitium“. (Ich ziehe eine gefährdete Freiheit einer ruhigen Knechtschaft vor)“ (Jean Jacques Rousseau, Von der Demokratie, in: Jean Jacques Rousseau, Der Gesellschaftsvertrag, Reclam Verlag, Stuttgart, 1968,72). Hier haben wir einen wirklich ‚mutigen Kämpfer für Bürgerrechte‘ vor uns.

Nietzsches Mut zum Selberleben endete kläglich. Als habe Karl Marx Anfang der 40er Jahre diesen Typ vorausgesehen, als er von „Exkrementenphilosophen“ sprach. (Vergleiche Karl Marx, Anmerkungen zur Doktordissertation, Marx Engels Werke, Ergänzungsband Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin,1974,331). Die letzten neun Jahre seines Lebens vermelden die Krankenakten der Psychatrie, dass Nietzsche weder Stuhl noch Urin an sich halten konnte. „Schmiert oft mit Kot“, „Ißt Kot“ (Vergleiche Wilhelm Lange-Eichbaum, Nietzsche als psychiatrisches Problem, Hamburg, 1945,4).  Was für ein edler Mensch. Der Arzt Möbius warnte die Leser Nietzsches: ‚Seid mißtrauisch, denn dieser Mann ist ein Gehirnkranker‘. Wir sehen an dieser Stelle, wo die Bourgeoisie, die 1789 vorgab, durch eine Revolution alle Menschen zu Brüdern zu fügen, gelandet ist. Wie sieht er aus, Nietzsches Kampf für Demokratie ? Der deutsche Philosophieprofessor Karl Löwith bezeichnete Nietzsche als ‚umgekehrten Rousseau‘. (Vergleiche Karl Löwith, Von Hegel zu Nietzsche, Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1964,281). In der Tat: Hatte Rousseau die Herrschaftssysteme seiner Zeit  kritisiert, da in ihnen die Regierten Tiere und die Regierenden Menschen oder die Regierten Menschen und die Regierenden Götter seien, so kehrt Nietzsche das um, er bejaht diesen von Rousseau verachteten Zustand: Die Demokratie wird die Menschen zu Herdentieren verkleinern, damit die Herrenmenschen erscheinen. Diese Herrenmenschen werden den Herdenmenschen der Demokratie ein Ziel ihres Daseins geben. Mit den Herdentieren entstehen die Führertiere, die ersteren bilden die leicht dressierbare große Masse der Mittelmäßigkeit, die letzteren die Ausnahmen. Die Demokratie erzeugt eine gefügige Masse in der Hand der ‚großen Politik‘. So hätte es Angela Merkel auf dem G-20-Gipfel in Hamburg wohl gern gehabt. Nietzsche forderte, dass die neuen Herren der Erde den ungläubig gewordenen Massen Gott ersetzen sollen. Die Arbeitermassen werden unter der Führung der Herrenmenschen soldatisch diszipliniert und ausführen, was man ihnen befiehlt (Vergleiche a.a.O.,282f.). Wer wirft denn da mit Molotowcocktails ? Endlich, am Jahrestag des Sturms auf die Bastille ist es geschafft, die bürgerliche Revolution ist mit Liu und Nietzsche endlich auch noch abgewürgt. Es gelte, hatte Liu nach seiner Haftentlassung geschrieben, die in der kommunistischen Kultur tief verankerte ‚Obsession mit der Revolution‘ loszuwerden (Vergleiche FAZ, a.a.O.). Allerdings famose ‚mutige Kämpfer für Bürgerrechte‘, die da Merkel, Tillerson, Trump und das norwegische Nobelkomitee ausgesucht haben.

Natürlich ging und geht es den Imperialisten nicht um Liu. Mit der Marionette Liu hatten die Imperialisten versucht, an die von der chinesischen Arbeiterklasse geschaffenen Reichtümer heranzukommen. Das steckt hinter dem mutigen Kampf für Demokratie, den die US-Marionette Merkel der Marionatte Liu attestiert. Marionetten können Marionetten nicht als Marionetten erkennen, in der Politik sind die Menschen immer Opfer von Betrug und Selbstbetrug. (Vergleiche Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, Werke Band 19, Dietz Verlag Berlin, 1960,8). Liu war eine Edelmarionette, die 2010 ganz bewusst vom Nobelpreiskomittee in Oslo unter Vorsitz des Sozialdemokraten Jagland den Friedensnobelpreis zugedacht bekommen hatte. Es war der erste Nobelpreis  für  einen  Chinesen. Weltweit täuschten damals die sich in den Händen der Kapitalisten befindlichen Massenmedien die Öffentlichkeit: der Friedensengel wurde für 1,3 Milliarden Chinesen und für den Rest der Welt als Vorbild für gewaltfreies demokratisches Verhalten dargestellt, die Peitsche Nietzsches war nicht zu sehen. Übersehen wurde auch, dass derjenige, der sich für Demokratie einsetzt, sich auch für Gewalt einsetzt. Denn „Demokratie ist eine Staatsform, einer der Spielarten des Staates“ (Lenin, Staat und Revolution, Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960,486). Landläufig wird Demokratie so erklärt, dass sich in ihr die Minderheit der Mehrheit zu beugen hätte. „Demokratie ist NICHT (kursiv von Lenin) identisch mit Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit. Demokratie ist ein die Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit anerkennender STAAT (kursiv von Lenin), d.h. eine Organisation zur systematischen GEWALTANWENDUNG (kursiv von Lenin) einer Klasse gegen die andere, eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen“ (a.a.O., 469). Der Friedensnobelpreis wurde also einem Sträfling zugesprochen, der sich für die systematische Gewaltanwendung eines Teils der Bevölkerung gegen den anderen ausgesprochen hatte. Das Nobelpreiskomittee hat noch nie geprüft, ob es sich um eine Unterdrückerdemokratie der reichen Minderheit gegen die Volksmassen oder um eine Demokratie in Gestalt der Diktatur des Proletariats gegen reiche Volksfeinde handelt, deren Beschneidung ihrer demokratischen Rechte durchaus zulässig ist.


 


Der junge Marx 1843/44 und Frau Sahra Wagenknecht 2017

16. Juli 2017

Karl Marx hat seinen schwierigsten Text im Sommer 1843 geschrieben, als 25jähriger. In diesem Zeitraum nahm er in Kreuznach und dann in Paris eine  von Arnold Ruge initiierte sehr gründliche Auseinandersetzung mit Hegels Staatstheorie vor, die „Kritik des Hegelschen Staatsrechts“, auch betitelt: „Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ (Karl Marx, Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 203ff.). In seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Hegelschen Rechtsphilosophie ist er zu der Erkenntnis gekommen, dass jeder Philosoph in der bürgerlichen Gesellschaft, der unterstellt, dass Menschen ohne Staat nicht lebensfähig seien und dementsprechend eine ideale Staatsform konstruiert, an immanenten Widersprüchen der  bürgerlichen Gesellschaft notwendig scheitern muss und Hegel sowieso, da er als Idealist die Wirklichkeit nicht richtig widerspiegelt. Marx steht in der Kritik des Hegelschen Staatsrechts vor der Tür der Anarchie, die aber noch geschlossen bleibt. Sie öffnet sich einen Spalt einige Wochen später: „Erst wenn der wirklich individuelle Mensch den abstrakten Staatsbürger in sich zurücknimmt und als individueller Mensch in seinem empirischen Leben, in seiner individuellen Arbeit, in seinen individuellen Verhältnissen Gattungswesen geworden ist, erst wenn der Mensch seine ‚forces propres‘ als gesellschaftliche Kräfte erkannt und organisiert hat und daher die gesellschaftliche Kraft nicht mehr in der Gestalt der politischen Kraft von sich trennt, erst dann ist die menschliche Emanzipation vollbracht“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960, 370). Hier zeichnen sich erste Umrisse eines Subbotniks ab: kollektives Arbeiten mit Gattungsbewusstsein, zudem unentgeldlich. In der ‚Judenfrage‘ heißt es, dass das Geld ein dem Menschen fremdes Wesen ist, das er anbetet. Marx braucht nun die Tür nur noch aufzustoßen und er tut dies knapp ein halbes Jahr später, am 7. August 1844: „Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich“. (Karl Marx,  Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen‘, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,401f.). Unter dem Pseudonym ‚Ein Preuße‘ verbirgt sich der bereits oben genannte idealistische Linkshegelianer Arnold Ruge. 

Frau Sahra Wagenknecht hat ihre Magisterarbeit über den jungen Marx und seine Hegelkritik geschrieben. Hegel zeichnete sich ja im negativen Sinn dadurch aus, dass er seinen preußisch-monarchistischen Staat seiner Zeit, unter dem er selbst lebte, zum  Musterstaat schlechthin verfälschte. Marx sparte nicht mit drastischen Worten: „Hier wird … der ‚obrigkeitliche‘ Sinn Hegels wirklich ekelhaft. (Karl Marx, Kritik des Hegelschen Staatsrechts, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,330). Die von Marx schriftlich fixierte Erkenntnis, dass die Existenz des Staates und die Existenz der Sklaverei unzertrennlich sind, kann Frau Sahra Wagenknecht bei ihren Studien zur Magisterarbeit nicht entgangen sein. Es fragt sich nur, ob sie diese Erkenntnis in ihrem klugen Köpfchen überhaupt durchdacht hat, wenn als Fazit eines Interviews mit ihr zu lesen ist, dass sich DIE LINKE für ein  gerechtes Steuersystem einsetze (Vergleiche clara, Das Magazin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag, Nr. 44, 2017, S. 8). Eine gerechte Steuer ist ein ähnlicher Unsinn wie ein gerechter Lohn.

Jeder Staat kann nur auf einer Überschussproduktion, in der die Sklaven das tätige Element sind,  basieren, auf einem Überschuss, den sich eine unproduktive, parasitäre Schicht von sogenannten staatlichen Funktionsträgern aneignet. Die periodisch wiederkehrenden Diätenerhöhungen der Parlamentarier der Landesparlamente und des Bundestages übersteigen in der Regel stets die gesamte Durchschnittsrente einer Arbeiterin. Es kann in der bürgerlichen Gesellschaft kein gerechtes Steuersystem geben, denn jedes Steuersystem zementiert die der bürgerlichen Gesellschaft immanent einsitzende Sklaverei, hier und heute spezifisch die Lohnsklaverei.  Das Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft ist das Naturfundament, worauf der moderne Staat basiert. (Vergleiche Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel ‚Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen, MEGA I,2, Dietz Verlag Berlin, 1982, 456).

In der Antike war die Sklaverei allerdings ein Fortschritt, sie erst machte die Arbeitsteilung zwischen Ackerbau und Industrie auf größerem Maßstab möglich, auf der die Blüte Griechenlands unter dem „Demokraten“ Perikles beruhte, eine Staatssklaverei aber 2017, hundert Jahre nach der Oktoberrevolution, als Ergebnis ‚linker Politik‘ im BRD-Sklavenstaat auszugeben, das ist allerdings starker Tobak. Hier wird Frau Sahra Wagenknecht wirklich ekelhaft. Die deutsche Klassenkampfgeschichte hat die eigenartige Wendung genommen, das heute gerade die Partei ‚Die LINKE‘ das Sklaventum der bürgerlichen Gesellschaft gegen das deutsche Volk verteidigt und den Fortschritt des Kampfes hemmt.

Die Hegelsche Aufhebung des Widerspruchs zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen im bzw. durch den Staat  ist unzulänglich, diese Aufhebung hebt nicht wirklich auf, man muss darüber hinauskommen, und das geschieht dadurch, dass Marx eine Klasse in der bürgerlichen Gesellschaft eruiert, die ihr nicht zugehört und die Hegel als Pöbel ohne staatsbildende Kraft und ohne politische Substanz abtat, der im praktischen Sinne von der bürgerlichen Gesellschaft aus auch nicht geholfen werden kann, wohl aber im theoretischen durch Bourgeoisideologen, „welche zum theoretischen Verständnis der ganzen geschichtlichen Bewegung sich hinaufgearbeitet haben“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,472),  die eine Klasse ausbilden, die dann durch ihre parteipolitisch gesteuerte Selbstbefreiungsbewegung gegen das Privateigentum an den Produktionsmitteln das weltgeschichtliche Werk der Aufhebung aktiv-aktionistisch betreibt. Ein Teil der Bourgeoisideologen geht zum Proletariat über und richtet es despotisch-destruktiv auf das Privateigentum an den Produktionsmitteln aus, lehrt es, diesen Punkt besonders wie einen Augapfel zu hüten. Die Konterrevolution setzt alles daran, dass dieser Blick getrübt wird, zum Beispiel durch eine Lehre von der proletarischen Denkweise. Im Gegensatz zu Hegel, für den der Pöbel nicht wusste, was er wollte, vermitteln die Marxisten dem Proletariat den wissenschaftlichen Sozialismus, damit die Arbeiterinnen und Arbeiter ihren Klassenkampf auf wissenschaftlicher Grundlage führen können, mit einem klaren Feindbild, mit einem gesunden Klassenhass und mit einer ständigen fanatischen Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft dem bürgerlichen Staat gegenüber. Erst im ‚Elend der Philosophie‘, am Ende dieses Werkes von 1844, wird Marx perspektivisch von einem schrecklichen Bürgerkrieg zwischen Lohnarbeit und Kapital ausgehen. Damit sind auch seine Illusionen von 1843 überwunden, durch demokratische Wahlen allein Klassenwidersprüche aufzuheben, durch Wahlen allein die bürgerliche Gesellschaft aufzulösen. 1917 erfolgte die Auflösung der russischen bürgerlichen Gesellschaft nicht allein durch Wahlen und Mehrheitsverhältnisse, sondern primär durch einen relativ unblutig verlaufenden bewaffneten Aufstand mit sechs Toten. War die Rolle der Bolschewiki in den aus der Februarrevolution geborenen Sowjets noch sehr marginal, so genügten ihnen knapp acht Monate, um sich zeitgemäß zu machen.

Im Zuge der Spaltung der modernen bürgerlichen Gesellschaft in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehenden Klassen, Bourgeoisie und Proletariat, ist es im Überschlag zu einer links-emanzipativen (Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao) und rechts-terroristischen Strömung (Hegel und seine Epigonen) im Bereich der politischen Klassenkämpfe gekommen, die rechte Linie will den Staatsterror forcieren (à la Fussfesseln für Menschen, die dem Sklavenstaat BRD kritisch gegenüberstehen – ein Vorhaben de Maizières); die linke Freiheit und Anarchie, die die marxistische Strömung durch ihr Gegenteil, durch die Diktatur des Proletariats erreichen will. Seit dem Aufstand der Seidenweber 1831 in Lyon stehen sich bis heute proletarische Freiheitskämpfer/innen und Staatsterrorist/innen gegenüber. Babeuf hatte um 1795 im Zuge der bürgerlichen Revolution in Frankreich nur erst eine Verschwörung für einen rohen Gleichheitskommunismus angezettelt, die als solche scheitern musste. Seine Hinrichtung erfolgte Ende Mai 1796. Nicht umsonst hatten Marx und Engels notiert, dass sich das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen Gesellschaft nicht erheben, sich nicht aufrichten kann, „ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird“ (Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,473). Dass also auch ein gerechtes Steuersystem in die Luft gesprengt werden muss.  Während sich die rechte Repression in einen faschistischen und liberalen Flügel, der im Imperialismus immer mehr zurückgedrängt wird, spaltete, so die linke in einen revisionistischen und einen revolutionären. Der Imperialismus brachte diese Physiognomien ab 1900 ganz deutlich zum Vorschein. Ganz deutlich ist auch, auf welcher Seite der Barrikade sich Frau Sahra Wagenknecht postiert hat und man kann ihr nur nachrufen, was ein Franzose bei einer projektierten Hundesteuer ausrief: Arme Hunde ! Man will euch wie Menschen behandeln !


 

Zur Lage der Textilarbeiterinnen in Indien und Bangladesch Eine Veranstaltung der verdi

9. Juli 2017

Am 23. Juni 2017 fand im Verdi-Gewerkschaftshaus in Hannover  eine sehr informative Veranstaltung zur Lage der Textilarbeiterinnen in Indien und Bangladesch statt. Die Besucher der Veranstaltung erhielten Informationen aus erster Hand und konnten nach den Vorträgen durch Fragen ihr erworbenes Wissen noch vertiefen. Eingeladen hatte die Gewerkschaft u.a.: Faru Dithhi Bhattacharya, tie Asien Koordinatorin; Frau Prathibha Ramanath, Vorsitzende der Garment and Textile Workers Union in Bangalore; Herr Amirul Haque Amin, Vorsitzender der National Garment Worker Federation aus Bangladesch und Frau Taslima, Betriebsgewerkschafterin aus Bangladesch, Mitglied der NGWF (National Garment Workers Federation) und Näherin. Ihr wurde wegen gewerkschaftlicher Betätigung gekündigt und sie schlägt sich mit Minijobs auf Tagelöhnerbasis und Unterstützung durch die Gewerkschaft mehr schlecht als recht über die Runden.

Frau Ramanath begann die Vortragsreihe mit einer Schilderung der Lage der Textilarbeiterinnen in Indien.  Sowohl in Indien als auch in Bangladash beträgt der Anteil der Frauen in der Textilindustrie 85 %, von denen fast alle als Näherinnen ihrem Brot nachgehen. Ihr monatlicher Verdienst liegt in Indien bei umgerechnet 104 € und es ist nicht möglich, davon ein zufriedenstellendes Leben zu bestreiten, zumal sie ohne Kündigungsschutz ihre Haut zu Markte tragen. Noch schlimmer ist die konkrete Situation am Arbeitsplatz. Die Sicherheitsbestimmungen in den Farbrikhallen werden nicht eingehalten, trotz der erheblichen Zahl der Arbeitsunfälle, die oft ihre Ursache in der Ermüdung haben. Denn acht Stunden reichen nicht aus, die Produktionsvorgaben zu erfüllen und eine enorme Arbeitshetze stresst die Gesundheit der Frauen. Beleidigungen und sexuelle Belästigungen sind an der Tagesordnung. Welchen Wert die Frauen in der indischen Kastengesellschaft haben wird schon allein dadurch deutlich, dass fünfzehn Prozent Männer in der Textilbranche es wagen, Mitarbeiterinnen, die   85 Prozent der Belegschaft stellen, sexuell zu belästigen. Die Frauen in Indien sind die Untersten der Unteren, aber es sind genau die Frauen, zu denen Lenin uns den Weg wies. (Vergleiche Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1960,117). Lenin wird bestätigt.  2002 fingen die Textilarbeiterinnen in Indien an, sich zu organisieren, 2006 gründeten sie eine Gewerkschaft, die natürlich zunächst als erstes und wichtigstes Interesse die Erhöhung der Löhne in den Vordergrund stellen musste. Seit 2010 finden in Indien Tarifverhandlungen zwischen Textilarbeiterinnen und ihren Blutsaugern statt und das war für Indien etwas völlig Neues, 2014 konnten hier erste Erfolge verzeichnet werden, aber immer ist noch kein Lohn erreicht, von dem man leben kann. Millionen Menschen führen täglich weltweit einen Kampf mit der Not des Lebens, vor dem der Spießer den Blick abwendet und zur Fernbedienung greift.

Über die Lage in Bangladesch berichtete der Vorsitzende der Textilgewerkschaft Herr Amin: In „seinem“ Land gibt es zirka 5. 000 Textilfabriken, in denen 4,2 Millionen Menschen tätig sind. 82 % der hergestellten Textilien gehen in den Export. In der Regel arbeiten die Frauen zwölf bis vierzehn Stunden am Tag, aber nur acht bezahlt. Die Frauen arbeiten achtzehn Tage ununterbrochen und erhalten dann einen freien, bezahlten Tag. Natürlich haben Fabrikdirektoren mit einer solchen ‚humanistischen Ausrichtung‘ keinen einzigen Gedanken an eine Kinderbetreuung in ihren Fabriken verschwendet. „Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dieses fremde Wesen beherrscht ihn, und er betet es an“. (Karl Marx, Zur Judenfrage, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1960,375).

Die Kinder werden von den Großeltern in den Dörfern aufgezogen, ihre Mütter leben in den Städten, genauer um ihnen herum in den Slumvierteln, in denen sich acht bis zehn Frauen ein Zimmer teilen. Dort herrschen Zustände, wie sie Friedrich Engels 1844 in Manchester vorfand und wie sie heute in der BRD auf dem dark-market vorliegen. Die Mütter sehen ihre Kinder in der Regel nur einmal im Monat. Ungenügend, nicht mangelhaft, den Schulnoten nach, ist die medizinische Betreuung der Frauen und der Schwangeren insbesondere. Die privaten Geburtszentren in den Städten sind viel zu teuer und so müssen die Frauen zur Niederkunft aufs Land gehen. Immer wieder kommt es vor, dass entkräftete Frauen bei der Geburt sterben.   Im Durchschnitt verdient eine Textilarbeiterin in Bangladash umgerechnet 58 € im Monat. Die Unternehmer treten die Gesetze mit Füßen und haben dabei die Sicherheit, von der Regierung gedeckt zu werden. Bei den sogenannten Arbeitgebern kursieren schwarze Listen über Sklavinnen, die es gewagt hatten, humanistische Gedanken wenn auch nur ansatzweise in die Tat umzusetzen. Bei einer Suche nach einem Arbeitsplatz in Vollzeit sind sie dann chancenlos. Bei sich anbahnenden Unruhen in den Fabrikkomplexen heuern die Fabrikherren Schlägertrupps aus Kleinkriminellen an, wie es in kapitalistischen Ländern üblich ist. Die Blutsauger züchten sich eine faschistische Reservearmee heran zur Unterstützung ihrer Parasitenpolizei und Parasitenarmee.  Humanismus ist insbesondere seit dem Aufkommen des Kapitalismus in der Arbeitswelt ein Fremdwort geworden, weder in Bangladash noch in der BRD sind menschliche Verhältnisse in der Arbeitswelt zu entdecken, man nehme auch die schärfste Lupe in die Hand. Marx und Engels sprachen von einer Fabrikdespotie, die um so kleinlicher, gehässiger, erbitternder ist, „je offener sie den Erwerb als ihren Zweck proklamiert“. (Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistsichen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,469). Unbegründete Entlassungen gibt es in Bangladesch oft, auch regelrechte Massenentlassungen. Der Arbeitsprozess wird zu einem Martyrium, das Lenin wie folgt empfand: der Kapitalismus fügt den einfachen arbeitenden Menschen täglich und stündlich tausendmal mehr der entsetzlichsten Leiden und unmenschlichsten Qualen zu als irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse wie Kriege, Erdbeben usw. (Vergleiche Lenin, Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion, in: Lenin, Marx-Engels-Marxismus, Dietz Verlag Berlin, 1959,261).

Immer wieder gibt es schreckliche Brandkatastrophen in den rapide aufgebauten Textilfabriken mit Hunderten von Toten, im April 2013 stürzte in Sabhar, etwa 25 km nordwestlich von Dhaka, ein Hochaus ein, in dem Textikfabriken untergebracht waren. 1135 Menschen starben unter den Trümmern. Der Unfall gilt als der schwerste Fabrikunfall in der Geschichte des Landes. Das Rana Plaza gehört dem Politiker Rana.  Am Vortag, dem 23. April, waren in dem Gebäude Risse festgestellt worden und der Zutritt war von der Baupolizei verboten worden, dennoch waren mehr als 3.000 Menschen im Gebäude, größtenteils Textilarbeiterinnen. Sie waren von den Fabrikdirektoren gezwungen worden, ihre Arbeit trotzdem aufzunehmen. Hier kommt schlagend zum Ausdruck, dass das Prinzip des Kapitalismus die Menschenverachtung ist. Mit der Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu, die Verwirklichung der Arbeit hat  die Entwirklichung der Arbeiter und Arbeiterinnen zur Folge. Eine Handvoll Politiker und eine Handvoll  Millionäre zerstören  nicht nur das Lebensglück von Millionen und Abermillionen Menschen, sondern das Leben selbst. Auch in der BRD herrschen noch Zustände wie in Bangladesch, H & M hat drei linken Betriebsräten die Kündigung ins Haus geschickt, worauf die Firma einen Protestbrief der Textilgewerkschaft aus Bangladesch erhielt. Das ist eine ganz wichtige Aktion, denn im Hintergrund der Millionen Kulis und ihres bürokratisch-unproduktiven Abschaums in den sogenannten armen Ländern (diese Länder sind nicht arm, es ist die kapitalistische Ausbeutung, die die Masse des Volkes arm hält) stehen die Textilmillionäre in den G-20 Ländern, diese streichen den Hauptmehrwert ein und sind auch verantwortlich für die Hölle auf Erden in den sogenannten Entwicklungsländern. In der Tat entwickeln sich diese Ländern, aber anders als die Massenmedien es darstellen, die Hölle wird für die dort lebenden Völker immer heißer. Anders kann es auch gar nicht sein, denn Lohnarbeit und Kapital sind verdammt, sich mehr und mehr zu polarisieren. Der Gewerkschaftsführer Amin verbreitete in Hannover noch Illusionen in eine nicht vorhandene Humanität der Ausbeuter, diese müssten doch endlich einsehen, dass ein Profitverzicht, also gerechtere Löhne allen zugute käme. Gerechtere und/oder gerechte Löhne gibt es nicht. Das größte Problem sei die Erreichung einen Lohnes, von dem man leben könne. Wie kann man so ein Entgegenkommen von Ausbeutern erwarten, die den Mutterschutz mit Füßen treten, die ihre Arbeiterinnen so sehr unter Druck setzen, dass ihre Schwangerschaften mit dem Risiko der Sterblichkeit sowohl der Mütter als auch der Kinder verbunden sind, die Überstunden nicht bezahlen, nach fünf Jahren keine Zuschläge auf den Lohn geben, obwohl das Gesetz diese vorschreibt und die die Zahlung von Feiertagsboni verweigern ? Denn die Boni werden woanders gebraucht, in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, kurz – überall dort, wo die kapitalistischen Hauptmagnaten sitzen. Sie werden gebraucht für die Manager von Hennes & Mauritz, Lidl, Adidas, Wal-Mart, Tesco, Primark und Zara … Sie werden gebraucht für die Bestechung der Sozialdemokraten, der Partei der Linken u.s.w. In Sabhar finden 1135 Fabrikarbeiterinnen den Flammentod und in Hamburg beim G-20 Gipfel bieten die kapitalistischen Brandstifter über 20 000 Polizisten auf, die die Luxuslimousinen der kapitalistischen Parasiten vor dem Abfackeln schützen sollen. Das waren in Hamburg keine Polizisten des deutschen Volkes, sondern Polizisten des Kapitals, Polizisten in Knechtsdiensten der kapitalistischen Klasse, deren Knüppel sich gegen Millionen und Abermillionen ausgebeutete Menschen auf der ganzen Welt, gegen die Völker der Welt richten. In Hamburg trafen sich die gleiche Geldgier, die gleichen Sittenstrolche, die gleichen Rüpel, permanent die Menchenrechte mit Füßen tretend wie in Indien und Bangladesch, nur auf einer höheren Stufenleiter, und ließen sich von Hooligans in Uniform vor dem Volkszorn schützen. Besonders widerwärtig auch die Kriecherei vor einem Polit-Stümper aus den USA, die Feigheit vor einem Mann, der ein Schandfleck der ganzen Menschheit ist. Die Arbeiterklasse kann keine Schlägertrupps anheuern und sie hat dies auch gar nicht nötig. Sie muss sich nur bewaffnen gegen ihre Blutsauger und diesen den Polizei- und Armeeknüppel in einem kolossalen Bürgerkrieg aus der Hand schlagen. In einem großen Umerziehungsprozess werden die arbeitenden Menschen den Bütteln klarmachen, dass man der Menschheit einen wirklichen  Dienst erweist, wenn ihre Hände Maschinen bedienen oder Briefe, Päckchen und Pakete verteilen, als einer Minderheit des Volkes das Terrain für eine hemmungslose Bereicherungssucht mit Waffengewalt abzusichern.

Von einem T-Shirt, das in der BRD für fünf Euro verkauft wird, erhält die produktive Klasse der Näherinnen in Bangladesch drei Cent. Wohin wandern die 4,97 € ? Man rechne das auf 5 000 T-Shirts hoch. Schon stehen sich 150 € zu 24 850 € gegenüber. So sollen nach Auffassung der Bourgeoisie alle Menschen Brüder werden. Der Gipfel der G-20-Extremisten ist in Hamburg zusammengekommen, um unter den Klängen von Beethovens Neunter dieses Verhältnis noch mehr zu Ungunsten der Arbeiterinnen zu wenden.  Einem politischen Analphabeten, einem Polittrampel wie Trump, dessen Beitrag zur Völkerverbrüderung die Errichtung einer Mauer an der Grenze zu Mexiko ist, Beethovens Neunte vorzuspielen, beweist ungefähr so viel Fingerspitzengefühl, das ein Deutschlehrer hätte, der  einem Analphabeten zur Erlernung des Alphabets als Einstiegsbuch die Hegelsche Begriffslogik vorlegen würde.

Am 14. Juni 2017 erschien im Wirtschaftsteil der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ ein interessanter Artikel. Nüchtern stellte das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse fest: „Die Reichen werden immer reicher“. (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. Juni 2017, Seite 27). Der Artikel nimmt Bezug auf die alljährlich erscheinende Studie der BCG (Boston Consulting Group), die sich darauf spezialisiert hat, weltweit die Millionärsentwicklung zu beobachten. In dieser Studie ‚Global Wealth 2017‘ wird hervorgehoben, dass die Zahl der Millionäre besonders schnell im Raum Asien-Pazifik wachse, vor allem aber sagt die Gruppe voraus, dass im Jahr 2021 die 50-%-Schallmauer durchbrochen sein wird. In diesem Jahr wird es den Millionären der Welt, zur Zeit 17,9 Millionen, zum ersten Mal gelingen, über 50 % des Weltvermögens an sich zu raffen. Millionen und Abermillionen Kinder werden bis dahin weltweit an Hunger gestorben sein. So wird in der bürgerlichen Welt brüderlich geteilt. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass das Eigentum in wenigen Händen konzentriert wird (Vergleiche Karl Marx / Friedrich Engels, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960,467). Die Tendenz ist natürlich steigend und es muss notwendig zu einem ‚point of return‘ kommen, um zu verhindern, dass die Weltbevölkerung auf 18 Millionen Millionäre schrumpft, die sich dann als kleiner Rest der Weltpopulation gegenseitig zerfleischen werden. Je ein Kapitalist schlägt viele tot und die Millionäre werden sich ganze Armeen Arbeitsroboter und  Kampfroboter zulegen.  Es muss notwendig zu weltweiten, aber nicht gleichzeitigen  Ausbrüchen von Volkserhebungen und Volksbewaffnungen kommen, in denen die Schlägertrupps des Herrn Rana und die Hamburger Polizei, die Schulter an Schulter mit ihm steht und die für diese Zwergmissgeburt junge, politisch wache Menschen hierzulande kriminalisiert und die die Millionäre schützt, untergehen werden. Der G-20-Gipfel in Hamburg bestätigt die Erkenntnis von Karl Marx aus dem Jahr 1871, dass die bürgerliche Polizei ein Kriegswerkzeug des Kapitals gegen die Arbeit ist. (Vergleiche Karl Marx, Der Bürgerkrieg in Frankreich, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Ausgewählte Werke,, Progress Verlag Moskau, 1975,300). Wenn es stimmt, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, und es stimmt, so stellt sich zwangsläufig die Frage, wie asozial müssen Menschen sein, die im politischen Führungszeugnis der kapitalistischen Polizei keinen Eintrag haben ? Diese sind wertlose Menschen, ungeeignet für die Zukunft der Menschheit, Versager durch und durch, verhängnisvolle Kreaturen, das Glück der Völker aufhaltend. Die politischen Handlanger der Millionäre, die der Welt von gestern angehören, wollen Dateien über Linke anlegen. Die Blutspuren, die diese Millionäre in ihrem Ausbeutungsfeldzügen global hinterlassen, haben sich tief in die Gehirne der Völker  eingebrannt. Von jedem Blutsauger existieren weltweit gleich mehrere Tausend Dateien, eingebrandt in die Gehirne der Lohnsklavinnen und Lohnsklaven, gespeichert für viele Generationen, dem Tage entgegenfiebernd, an dem sie durch Zeuginnen und Zeugen den Revolutionsgerichten übergeben werden.