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„…es wimmelt von Schwindeleien.“ Zum Tod von Paul Samuelson

10. Januar 2010

Am 13. Dezember 2009 verstarb in Belmont/ Massachusetts der us-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Samuelson, der der zweite Träger des Wirtschaftsnobelpreises war (1970). Er war der Popularisierer Keynes und die Frankfurter Allgmeine Zeitung würdigte ihn als den letzten Generalisten. (1.)

Geboren wurde Samuelson am 15. Mai 1915 als Sohn eines Apothekers in Gary, einer Industriestadt im Bundesstaat Indiana nicht weit entfernt von Chicago. Prägend wurde für ihn der Zusammenbruch der örtlichen Stahlindustrie nach dem „Black Friday“ 1929, auf den hohe Massenarbeitslosigkeit und das Elend der Großen Depression folgte.

An der Universität von Chicago hörte er Vorlesungen der namhaften Professoren Knight, Viner und Simons, die alle einen uneingeschränkten Wirtschaftsliberalismus vertraten, Samuelson aber war der Überzeugung, dass der Staat viel mehr regulieren müsse. Da erschien 1936 J.M. Keynes „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“, die auch als die „Keynsche Revolution“ bezeichnet wird. Die Aufgabe, das Volumen der Investitionen zu steuern, kann nicht in privaten Händen gelassen werden, er forderte eine zahme indirekte geld- und fiskalpolitische Globalsteuerung der Investitionen und der Konsumgüternachfrage. Der Staat solle Anreize und Belastungen geben (zum Beispiel über Steuern), die Unternehmer aber nicht direkt zu einer bestimmten Verhaltensweise verpflichten. 2. Das läßt natürlich die Grundpfeiler der kapitalistischen Ausbeuterordnung unangetastet. die ja eben zu der schweren Depression geführt hat. Marx und Engels sprachen 1848 im Manifest von despotischen Eingriffen in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktionsverhältnisse, „…durch Maßregeln also, die ökonomisch unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben und als Mittel der Umwälzung der ganzen Produktionsweise unvermeidlich sind.“ 3.

Aber Samuelson folgte nicht diesen Ausführungen von Marx und Engels, sondern der Lehre von Keynes, obwohl er feststellte, dass seine Theorie von Schwindeleien wimmele. 4. So werden Nobelpreise anvisiert. Er erkannte, dass mit der populärwissenschaftlichen Darstellung der Keynschen Theorie viele Dollars zu machen sind und verfasste daraufhin das Buch „Economics“.  „Nicht nur begründete dieses Lehrbuch Samuelsons (populär-)wissenschaftlichen Ruhm, es machte ihn auch reich. Er ging zum Verlag McGraw-Hill…und sagte: Die ersten 100 000 Exemplare könnt ihr ohne Honorar verkaufen; von allem, was darüber hinausgeht, bekomme ich 20 Prozent. Das war sehr viel für Autoren.“ 5. Die Tantiemen flossen reichlich und wie sein Ziehvater Keynes spekulierte er – sozusagen als Fachmann – erfolgreich an der Börse. Er war längst ein gemachter Mann. als er John F. Kennedy private Nachhilfestunden in Ökonomie erteilte.

Die Grundpfeiler der kapitalistischen Gesellschaft und der mit ihr verbundenen Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft blieben aber immer sakrosant, es ging ihm in seinen wissenschaftlichen Studien, um ein Wort Rousseaus abzuwandeln, um seine eigene Glückseligkeit, nicht um das Wohl aller. „Wo die bürgerlichen Ökonomen ein Verhältnis von Dingen sahen (Austausch von Ware gegen Ware). dort enthüllte Marx ein Verhältnis von Menschen.“  6.  „Diejenigen, welche so glücklich sind, sich wissenschaftlichen Zwecken widmen zu können, sollen auch die ersten sein, welche ihre Kenntnisse in den Dienst der Menschheit stellen. – Für die Welt arbeiten, war einer seiner Lieblingsaussprüche.“ 7.

1. Der letzte Generalist, Zum Tode des Nobelpreisträgers Paul Samuelson, einer prägenden Gestalt der Wirtschaftswissenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2009,12

2. Keynes blieb auf einem wirtschaftsliberalen Fundament mit einer Prise staatlichen Managements. Zwar sprach er sich, der die Goldwährung als barbarisches Relikt bezeichnete, für feste Wechselkurse aus, die aber bei wirtschaftlichen Notwendigkeiten durchaus flexibilsierbar waren. Im Namen der britischen Finanzoligarchie erhob er seine Anklage gegen den US-Imperialismus und kritisierte, dass die Außenhandelsüberschüsse der USA in Form von Goldbarren in Fort Knox unter der Erde verschwanden. Außenhandelsüberschüsse müßten zum Kauf  von Waren in einem anderen Land ausgegeben werden.

3.Marx/Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 50

4.Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2009,12. Wörtlich sagte Samuelson: Keynes Buch sei zwar „…arrogant, übelgelaunt, polemisch, es wimmelt von “ Schwindeleien und Verirrungen…Doch um es kurz zu machen: Es ist das Werk eines Genies.“ Wie ganz anders Marx: „Es ist manchmal, als glaubten diese Herren, es sei alles gut genug für die Arbeiter. Wenn diese Herren wüßten, wie Marx seine besten Sachen noch immer nicht gut genug für die Arbeiter hielt, wie er es als ein Verbrechen ansah, den Arbeitern etwas Geringeres als das Allerbeste zu bieten !“ (M. Glasser,A. Primakowski,B. Jakowlew: Studieren, Propagieren, Organisieren, Drei Texte zu den Arbeitsmethoden von Marx, Engels, Lenin und Stalin, Verlag Olga Benario und Herbert Baum,2001,16f.)

5.a.a.O.

6.Lenin, Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Ausgewählte Texte, Reclam Leipzig 1986,12.

7. Paul Lafargue, Erinnerungen an Karl Marx,150

Wovon lebt der Schmarotzerauswurf Staat ?

14. Juni 2009

„Und unter tausend solchen Gelehrten wird sich vielleicht nur einer finden, der an die Arbeiterbewegung wissenschaftlich herantritt, das ganze gesellschaftliche Leben wissenschaftlich erforscht…“   (Josef Stalin, Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei, Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin 1950,88).

Am 14.3.2006 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein ganzseitiger Artikel von Prof. Dr. Uwe Volkmann: Wovon lebt der Staat ? Immerhin bringt dieser Professor es fertig, eine ganze Seite in der FAZ vollzuschreiben, ohne daß bei diesem Thema überhaupt das Wort Steuern fällt, obwohl ein bürgerlicher Klassiker schrieb, daß es „…beinahe keine öffentlichen Angelegenheiten gibt, die nicht auf einer Steuer beruhen oder auf eine Steuer hinauslaufen…“ (Alexis de Tocqueville, Der alte Staat und die Revolution, rororo klassiker, Rowohlt Verlag, 1969,83). Und ein proletarischer Klassiker ? „…während gerade die Steuern den Zweck haben, den Bourgeois die Mittel zu verschaffen, sich als herrschende Klasse zu behaupten“. (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977,164).  Der Professor müht sich ab, für den spätbürgerlichen Staat ein Fundament zu suchen, das ihn dauerhaft tragen könnte. Im Jahr 1919 hielt Lenin an der Swerdlow-Universität eine Vorlesung „Über den Staat“, in der er ausführte: „…daß sich wohl kaum eine Frage finden wird, die von den Vertretern der bürgerlichen Wissenschaft, Philosophie, Jurisprudenz, Politischen Ökonomie und Publizistik absichtlich und unabsichtlich so verwirrt worden ist, wie die Frage des Staates.“ (Lenin, Ausgewählte Werke Band 3, Dietz Vlg. Berlin 1970, 289).

Liest man den Aufsatz von Prof. Volkmann, so kommt es einem vor, als habe Lenin diesen Satz erst gestern geschrieben, als sei die Tinte noch ganz frisch. Der Professor übersieht bei der Staatsfrage einige fundamentale Punkte, er übersieht, „…daß es nicht immer einen Staat gegeben hat.“ (ebd.291) Der Professor versucht weiterhin darzulegen, daß der Staat immer auf einen Konsens, auf einen „Einklang der Seelen“ basiert. Er übersieht, daß man in der Staatsfrage „…stets den Kampf der verschiedenen Klassen untereinander…“ (ebd.290) wahrnimmt. Das Essentielle wird verschwiegen, daß der Staat nur dann entstehen kann, wenn durch die  gesellschaftliche Arbeit ein gewisser Überschuß produziert wird, der „…für die allerarmseligste Existenz des Sklaven nicht mehr absolut notwendig war.“ (ebd.296) Man kann den Artikel von Prof. Volkmann ein zweites Mal lesen und dabei die Lupe zur Hand nehmen, die Worte Arbeiterklasse, Steuern, Überschußproduktion, unproduktive Bürokratie…etc. findet man nicht. Der Grund ist einfach: der Artikel ist eine Apologie der Arbeiter/innenversklavung (und der Bauern und Bäuerinnen).

Der Hauptfehler des Professors besteht darin, daß er die Staatsfrage nicht dialektisch untersucht und als Apologet der Lohnsklaverei sie auch nicht dialektisch untersuchen kann und darf. Die Herrschaft des bürgerlichen Staates über die Arbeiter/innen, Bauern und Bäuerinnen, die Herrschaft des Kapitals über die Lohnarbeit soll ewig sein, deshalb soll der Staat als etwas Unantastbares gelten. Entstehung und Untergang, das Prozesshafte wird von den Ideologen der Konterrevolution zum Zwecke der Herrschaftsabsicherung beständig unterschlagen. Der ganze unwissenschaftliche Charakter der metaphysischen Staatsbetrachtung kommt sofort zum Vorschein, wenn wir den Staat in seiner Entwicklung verfolgen, wie ist er entstanden, welche Hauptetappen macht er in seiner Entwicklung durch (Staat der antiken Sklavenhalter, Staat der mittelalterlichen Leibeigenschaft, Staat des Kapitals), wie wird er historisch zur Aufhebung gebracht (kommunistische Revolution) ?

Stattdessen verschiebt der Apologet Volkmann die Staatsfrage auf etwas Sekundäres: er zeichnet die Hauptetappen der den Staat ideell tragenden identitätsstiftenden Gemeinschaftsidee nach 1. (Aristoteles: der Mensch sei ein zoon politikon, Religion im Mittelalter, Nation im 19. Jahrhundert…und ab hier beginnt Volkmann zu suchen, was die Krise der spätbürgerlichen Staatsideologie widerspiegelt: Kann die Kultur/ eine Leitkultur die Staatseinheit, das Wir-Gefühl stiften ? Kann es der Konsumismus ?) Wir-Gefühl ist erstens sachlich falsch, der Staat ist immer das Produkt eines Klassenkampfes, und zweitens wird der Staat nicht von Ideen getragen, sondern durch Steuern und Staatsschulden, von dem Blut, dem Schweiß und den Tränen der unterdrückten arbeitenden Volksmassen.

Staatsideologien spiegeln nur die Produktionsbedingungen wider, auf denen der jeweilige Staat basiert, zugleich schützen sie den Staat vor den Ideologien der progressiven Klassen, die im Schoße der jeweiligen Produktionsbedingungen weiterführende Produktivkräfte widerspiegeln. Zwar zitiert der Professor aus pluralistischer Höflichkeit auch den jungen Marx, übersieht aber dessen zentrale Aussage zum Staat (oder will sie nicht kundtun): „Die Existenz des Staats und die Existenz der Sklaverei sind unzertrennlich.“ (Karl Marx, Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1, 401 f.) Und aus der Pariser Kommune zog Marx die Schlußfolgerung, daß die Arbeiter/innen in ihrer Revolution die bürgerliche Staatsmaschine zerschlagen, zerbrechen müssen.

Ich erspare es dem Leser, die dürftigen Bildungsbrocken im FAZ-Aufsatz zu referieren, die Schlußbemerkung, das Fazit sozusagen sei dafür in ihrer ganzen Länge zitiert: „Zunehmend abgelöst von seinen legitimierenden Wurzeln und seinen Traditionen muß er (der Staat) wie ein moderner Sisyphos die Voraussetzungen, von denen er lebt, in immer neuen Anläufen selbst und täglich neu hervorbringen.“

Der Staat produziert also täglich die Arbeiter/innen. Genau umgekehrt wird ein Schuh draus: Zerschlagen wir die bürgerliche Staatssklavenmaschinerie, das wird auch unserm Professor zugute kommen. Nach einer Arbeiter/innenrevolution sollte er 6,7 Jahre konzentriert in der Produktion arbeiten, damit er der Beantwortung seiner Frage: Wovon lebt der Staat ? näher kommt. Wie in den Naturwissenschaften sollte man such in den Gesellschaftswissenschaften den Wirt nicht übersehen. Volkmann lehrt Rechtsphilosophie und Öffentliches Recht an der Universität Mainz.

1. „Es muß diese Geschichtsmethode, die in Deutschland, und warum vorzüglich, herrschte, entwickelt werden aus dem Zusammenhang mit der Illusion der Ideologen überhaupt, z. B. den Illusionen der Juristen, Politiker (auch der praktischen Staatsmänner darunter), aus den dogmatischen Träumereien und Verdrehungen dieser Kerls, die sich ganz einfach erklärt aus ihrer praktischen Lebensstellung, ihrem Geschäft und der Teilung der Arbeit.“  (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: Ausgewählte Werke Marx Engels Band I, Dietz Verlag Berlin, 1974, 242)

Heinz Ahlreip, 2006