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Marx auf Abwegen

31. Dezember 2009

Es gab eine Zeit in Deutschland, in der die Bibel sozial in Aktion trat, namentlich durch Thomas Müntzer. Im Bauernkrieg wandten sich die aufbegehrenden rebellischen bäuerlichen Bundschuhhaufen an und gegen die Obrigkeit: „Als Adam grub und Eva spann, wo blieb denn da der Edelmann ?“ War dies extrem nach rückwärts gewandt – und doch mit einem  urchristlichen anarchistischen Impuls – so wurde aber auch die Abschaffung des Zehnten verlangt. Das war – nach Friedrich Engels – die „Anticipation des Kommunismus durch die Phantasie“ (1.), wie er überhaupt des weiteren „merkwürdige Berührungspunkte“ zwischen Urchristentum und moderner Arbeiterbewegung feststellte.

Ich gedenke heute über einen Artikel von Reinhard Marx in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.12. 2009 zu schreiben, und doch war diese Rückerinnerung an ein Ereignis vor fast einem halben Jahrtausend notwendig, denn Reinhard Marx ist derzeitiger Erzbischof von München und Freising und die FAZ, das Pflichtblatt der Frankfurter Wertpapierbörse, hat diesem Vertreter des Mittelalters, der katholischen Reaktion eine ganze Seite eingeräumt, auf der er über die katholische Soziallehre als Kompass aus der Finanzkrise doziert. Nanu – könnte man sagen, an der Börse soll doch der schnelle Euro gemacht werden, und doch braucht die Börse Dunkelmänner, denn ohne Verdummung des arbeitenden Volkes läßt sich nun mal kein schneller Euro machen. Marx tritt auf als Vertreter des Papstes, der seine Glanzzeit im Feudalismus hatte, insofern sind wir mit dem deutschen Bauernkrieg erst mal auf gleicher Augenhöhe. Er nimmt Bezug  besonders auf die erste Sozialenzyklika „Rerum novarum“ des Papstes Leo XIII. von 1891.

Es kann nicht ausbleiben, dass der Kapitalismus von zyklischen Krisen heimgesucht wird und es kann auch nicht ausbleiben, dass in diesen allerlei Quacksalber, Krisenkapitäne mit Kompass und Krisenlöser auftreten, die diese Krise noch ausschlachten und ihre Allheilmittel anpreisen (2.) Schauen wir heute, wie uns der Erzbischof aus der Krise führen will.  Zunächst doziert er über das Positive einer Krise, als sei er vom Kranken, Gebrechlichen fasziniert. „Das geflügelte englische Wort „You must not waste a crisis“ deutet auf die produktive Chance der Krise hin.“ (3.) Krisen werden wir nicht verhindern können, diesen Satz mag man einem Kirchenmann verzeihen, die Aufgabe der politischen Ökonomie ist es gerade, die Ursachen der kapitalistischen Krisen aufzuzeigen und die Mittel ihrer Überwindung, (das hat dann allerdings ein anderer Marx getan). „Die Krise ist ein produktiver Zustand…“(4.), mit diesem Satz beginnt (Reinhard) Marx und sie sei ja auch nicht zu einer Katastrophe geworden, denn nur rund ein Viertel der Haushalte in Deutschland spürt die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Das heißt doch aber nicht, dass die Krise für 75 % positive Auswirkungen hat. Im Gegenteil, global betrachtet hatte doch eine Kettenreaktion von Insolvenzen Millionen Menschen außer Lohn und Brot gesetzt, die nun unproduktiv dahinvegetieren. Der Erzbischof muß selbst zugeben, dass die Krise stets die Schwachen und Armen am stärksten trifft und er will ihnen mit dem „Licht“ (!!) der katholischen Soziallehre helfen. Ein Licht käme demnach aus dem Mittelalter auf uns zu, vergessen wir indeß nicht den Hinweis von Lenin, dass die Religion eine Art geistiger Fusel ist.(5.)  Und Engels verortet Religion in den „bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.“ (6.) Der Marxismus Leninismus verwirft ja die Priestertrugstheorie, die von den französischen Aufklärern verwandt wurde und die in Friedrich dem II. von Preußen einen Anhänger fand,nach der der Pfaffe naive unschuldige Menschen manipuliert, nein, es sind die Ausbeutungsverhältnisse, die diesen Fusel produzieren und der Konsumenten wie Prediger gleichermaßen benebelt. Oder ist es sonst zu verstehen, dass der Wunsch des Bischofs, dass es nicht um Märkte, sondern um Menschen gehe, gerade in der Sozialen Marktwirtschaft in Erfüllung gehen soll, dass diese auf moralischen Entscheidungen fusse, dass ihr moralische Maßstäbe zugrunde liegen. (7.) Eine striktere moralische Einhaltung der Regeln dieser Wirtschaftsordnung dämpfe zukünftige Krisen. Da muss der Bischof aber einen großen Schluck Fusel zu sich genommen haben, denn gerade das Jahr 2009 hat doch demonstriert, wie sehr der Mensch in der Sozialen Marktwirtschaft im Mittelpunkt steht, die nach Marxens Meinung auch die Schwächeren beteiligt: eine Altenpflegerin wurde entlassen, weil sie sechs übrig gebliebene Maultaschen aus der Heimverpflegung mitgenommen hatte, bei Arbeitsgerichten sind anhängig Kündigungen wegen einer Frikadelle, Brotaufstrich, das Aufladen eines Handys sowie zwei Pfandbons im Wert von 1,30 €.(8.) Thomas Müntzer hielt zu Beginn des Bauernkrieges eine Predigt im Schloß zu Allstedt:“Die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Räuberei seien die Fürsten und Herren; sie nehmen alle Kreaturen zum Eigentum,die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, das Gewächs auf Erden. Und dann predigen sie gar noch den Armen das Gebot: Du sollst nicht stehlen, sie selber aber nehmen wo sie´s finden, schinden und schaben den Bauern und den Handwerker; wo aber dieser am Allergeringsten sich vergreife, so müsse er hängen, und zu dem Allen sage dann der Doktor Lügner Amen.“ (9.) Mit dem Doktor Lügner ist Martin Luther gemeint, aber sagt nicht auch Reinhard Marx zu dem Allen Amen, was die Soziale Marktwirtschaft an Menschen verstümmelt ? Abgesehen davon, dass die Sätze Müntzers, wiedergegeben aus der Schrift von Friedrich Engels über den deutschen Bauernkrieg, belegen, wie wichtig und aktuell das Studium dieser Schrift von Engels ist, ist doch deutlich, wie sehr das ganze offizielle Deutschland noch im Mittelalterlichen steckt, dass das deutsche Bürgertum vor der selbständigen Regung der Arbeiter und Bauern mehr Furcht hat als vor jeder beliebigen feudalen Reaktion. Das Bürgertum mit seinen Juristen, dem Klerus, der Bürokratie, den Bankiers und den an ihren Fäden hängenden Politikern, das sogenannte offizielle Deutschland…repräsentieren diese Elemente nicht alles  das, was in Deutschland abgestorben ist ?  „Von allen Klassen, welche heutzutage der Bourgeoisie gegenüberstehen, ist nur das Proletariat eine wirklich revolutionäre Klasse. Die übrigen Klassen verkommen und gehen unter mit der großen Industrie, das Proletariat ist ihr eigenstes Produkt. Die Mittelstände, der kleine Industrielle, der kleine Kaufmann, der Handwerker, der Bauer, sie alle bekämpfen die Bourgeoisie, um ihre Existenz als Mittelstände vor dem Untergang zu sichern. Sie sind also nicht revolutionär, sondern konservativ. Noch mehr, sie sind reaktionär, sie suchen das Rad der Geschichte zurückzudrehen.“ (10.) Nach Reinhard Marx hatte der Staat in der Finanzkrise gar keine andere Chance, als die großen Banken zu retten. Ein anderer Marx forderte im Kommunistischen Manifest: „Zentralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol.“ (11.) Reinhard Marx wurde 1953 als Sohn eines Schlossermeisters geboren, stammt also auch nicht gerade aus Kreisen der Hochfinanz, und es ist betrüblich, wie er so auf Abwege kommen konnte. Einen Weg aus der Krise kann er im Grunde nicht aufzeigen, viele gestelzte Worte, aber mit Gedankengut aus dem Feudalismus ist man ja auch auf dem Holzweg. Viele hochtrabende Sätze über Moral, Verantwortung, Haftung, Wechselspiel zwischen Freiheit und Ordnung…usw…usf. Aber einen Lösungsweg ? Rien ! (12.)

1. Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkrieg, MEGA I,10 Dietz Verlag Berlin, 1977,382. „Die Gemeinschaft aller Güter, die gleiche Verpflichtung Aller zur Arbeit und die Abschaffung aller Obrigkeit wurde verlangt.“ (a.a.O.,432).

2.Im Kommunistischen Manifest heißt es: „Die bürgerlichen Produktions- und Verkehrsverhältnisse, die bürgerlichen Eigentumsverhältnisse , die moderne bürgerliche Gesellschaft, die so gewaltige Produktions- und Verkehrsmittel hervorgezaubert hat, gleicht dem Hexenmeister, der die unterirdischen Verhältnisse nicht mehr zu beherrschen vermag, die er heraufbeschwor.“ Marx Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 19f.

3. Reinhard Marx, Die Soziallehre als Kompass, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12. 2009,12

4.a.a.O.

5. „Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenanlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen…“ Lenin, Sozialismus und Religion, in: Ausgewählte Werke Band II, Dierz Verlag Berlin 1980,200.

6. Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berlin 1975, 275

7. Charles Fourier schreibt über den ach so sozialen Handel: “ Ich war im Katechismus unterrichtet und man hatte mir gepredigt, nicht zu lügen, Dann nahmen sie mich in das Geschäft, um mich in die noble Kunst des Betrugs und die noble Kunst des Verkaufs einzuweisen.“ (Charles Fourier, Ewiger Hass dem Handel, in: Charles Fourier, Der Philosoph der Kleinanzeige, Semele Verlag Berlin, 2006,51f. Ein biblischer Deckmantel über einen Wirtschaftsmarkt ist widersinnig. Moralphilosophie und Moraltheologie gleiten an jeder Marktwirtschaft ab, sei diese nun sozial oder asozial. Asoziale Marktwirtschaft ist viel treffender.

8.siehe Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 30.12.2009,12: BAG verteidigt Kündigung wegen Bagatellen. Nach Aussage der Präsidentin des Bundesarbeitsgerichts Ingrid Schmidt in der Süddeutschen Zeitung „…gibt es keine Bagatellen…“. Eine diensteifrige Juristin im Dienste des Kapitals. Kann noch befördert werden. Man denkt unwillkürlich an Rousseaus Gedanken, dass der Mensch von Natur aus gut ist und dass es nur die Institutionen sind, die ihn verderben. Vor Freislers Volksgerichtshof gab es auch keine Bagatellen, ein Witz über Hitler konnte tötlich sein, besser: war ein Todesurteil.

9.Friedrich Engels, Der deutsche Bauernkreig, MEGA I,10, Dietz Verlag Berlin 1977,390. So auch noch der Gedankengang bei James Baldwin: „Wir wissen, dass Wasser und Luft der gesamten Menschheit gehören, nicht nur den Industriellen.“ (James Baldwin: Offener Brief an meine Schwester Angela Davis (1970) in: absolute Black Beats, orange press Freiburg 2003,122f.

10. Marx Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1984, 29f.

11.a.aO.,50. In den Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland hieß es in der Neuen Rheinischen Zeitung: „An die Stelle aller Privatbanken tritt eine Staatsbank, deren Papier gesetzlichen Kurs hat. Diese Maßregel macht es möglich, das Kreditwesen im Interesse des ganzen Volkes zu regeln, und untergräbt damit die Herrschaft der großen Geldmänner.“ (zit. in: Karl Marx, Einleitung und Auswahl von Franz Borkenau, Fischer Taschenbuch 1973,117

12. Dazu stellt ein Leserbrief in der FAZ vom 5.1.2010 von Peter Weber aus St.Leon- Rot (Titel: Eine Soziallehre ohne konkrete Vorschläge)  fest, dass der Artikel vom Bischof auf den ersten Blick kreative Denkansätze enthalte, dass er es dann aber versäume, die Soziallehre als Kompass darzustellen. „…oder liegt es an der fehlenden  Substanz derselben, praktische Fragen des Lebens beantworten zu können ?“ (FAZ 5.1.2010, 6) Ich kann dieser Frage nur zustimmen, der Bischof gibt ja keinerlei konkrete Angaben über den substantiellen Inhalt der Lehre, wie will er sie dann als Kompass aus der Krise anwenden ?

Heinz Ahlreip, geschrieben in der Sylvesternacht 2009

TOD DER FASCHISTISCHEN BESTIE

17. September 2009

Seit der Luther´schen Reformation, besonders seit der schweren Niederlage im deutschen Bauernkrieg 1525 ist in Deutschland eine Untertanenmentalität ohnegleichen gängig, ein ekelhaftes Katzenbuckeln vor jeder beliebigen Obrigkeit: Preußenkönige, Bismarck, Bürgermeister, Führer, Kanzlerin. Luther hatte alle Deutschen in Mönche verwandelt (so Karl Marx, siehe: Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung, MEW 1, 386) und gegen die progressiven, aufrührerischen Bauern Müntzers gehetzt: „…Man soll sie zerschmeißen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund zerschlagen muß.“ Luther war der erste Sozialdemokrat in Deutschland.

Die Liquidierung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs unter Beihilfe der reaktionären Sozialdemokratie steht ganz in der Tradition konterrevolutionärer Raserei gegen fortschrittliche Menschen, die dann im Nerobefehl Hitlers auf ein ganzes Volk ausgedehnt wurde, ein in der Weltgeschichte EINMALIGER Akt. Der Nerobefehl Hitlers beinhaltete, alle ökonomischen Grundlagen in Deutschland zu zerstören, damit das deutsche Volk nicht mehr leben kann, es sollte für immer ausgelöscht werden. Das ist die Quintessenz des Faschismus, der wiederum die Quintessenz des menschen-/völkerverachtenden Kapitalismus ist. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. (Bertolt Brecht) Es gibt keine größeren Volksfeinde für das deustche Volk als die Faschisten, die Liquidierung eines Faschisten darf strafrechtlich gar nicht verfolgt werden, denn es ist ein Notwehrakt des deutschen Volkes. Gegen die Faschisten ist an Lenins Partisanentaktik zu erinnern: Liquidierung von einzelnen Personen durch bewaffneten Kampf, der von kleinen Gruppen geführt wird. (LW 11,205). Listen von Faschisten erstellen, auflauern, liquidieren…kurz und bündig, human…in gut-guillotinistischer Tradition…(1.) frei nach Luther: „Man soll sie zerschlagen, würgen und stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund zerschlagen muß.“ So bekommen die Worte Luthers einen Sinn. Die partisanenmäßige Liquidierung von Faschisten nach revolutionärem Standrecht ist heute auch eine vorrangig politische Aufgabe angesichts der Tatsache, dass sich das Kapital durch sein Verfassungsgericht die Faschisten als konterrevolutionäre Terrortruppe gegen die Arbeiterklasse und das Volk warmhält. Das Verfassungsgericht, das 1956 die KPD verboten hatte, hat kein Interesse an der Existenz des deutschen Volkes (was schon das KPD-Verbot in der Tradition Luthers bezeugt).

Keinesfalls können wir die Bekämpfung der Anhänger Neros staatlichen Organen wie Polizei, BND und Verfassungsschutz überlassen. Diese Organe distanzieren sich zwar verbal vom Faschismus, sind aber durch 1000 Fäden mit ihm verbunden. Die angeblich der Republik dienende und auf sie vereidigte Polizei schützt zum Beispiel bei Antinazidemos die Volksfeinde vor dem Volk. Die „Republik“ wird beständig dem braunen Strassenpöbel ausgeliefert.

Aber die gefährlichsten, weil verdecktesten Helfeshelfer des Faschismus sitzen in den antifaschistischen Ausschüssen selbst, sie wollen gewaltfrei „sauber“ gegenüber den Faschisten bleiben. Ihnen ist nicht gegenwärtig, daß die Völker ein RECHT AUF BESTRAFUNG DER KONTERREVOLUTION haben.“Die Unterdrücker der Menschheit bestrafen ist Gnade; ihnen verzeihen ist Barbarei.“ (Robespierre: Rede über die Prinzipien der politischen Moral am 1.2. 1794) Säubert die Ausschüsse von diesen Barbaren.

1. Für die ländliche Guerilla gilt: Auch Sensen und Sicheln; Beile und Heugabeln  sind Tötungsinstrumente. Das ist in der deutschen Geschichte nichts Neues. Siehe das königlich preußische Edikt über den Landsturm vom April 1813. Schon 1777 erklärte es Marat in seinem Plan einer Criminalgesetzgebung für durchaus zulässig, dass Mitglieder der patriotischen Gesellschaften berechtigt sind, Volksfeinde zu töten. (Siehe: Jean Paul Marat, Plan einer Criminalgesetzgebung, Vorwort von Professor A.A. Herzenson, VEB Deutscher Zentralverlag Berlin, 1955,24).

Gesine Schwans „persönlich-maßvolle“ Beziehung zu Karl Marx

22. August 2009

Die Kandidatur von Gesine Schwan zum Amt der Bundespräsidentin sollte Anlaß genug sein, ihre vor 35 Jahren erschienene Habilitation über „Die Gesellschaftskritik von Karl Marx, Politökonomische und philosophische Voraussetzungen“ (1.) genauer unter die Lupe zu nehmen. Da es sich um eine komplexe Habilitationsthematik handelt, bitte ich Leser/innen vorweg um Verständnis für (zuviel?) Zitiererei. Ein Schwerpunkt der Habilitation von Gesine Schwan ist das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie.

Sie rechtfertigt eine weitere „philosophische“ Schrift zum Marxismus mit dem Hinweis auf die zunehmende Komplexität hochindustrieller Gesellschaften, in denen viele Beziehungen in die Brüche gingen, so dass viele, vorwiegend junge Menschen bei Marx Ordnung im Chaos suchten. (2.) Na ja !! Als Ergebnis einer chaotischen Ehescheidung greifen beide hinterher zum „Kapital“ !?

Der Marxismus entwickelt bekanntlich die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats von der Lohnarbeit und vom Kapital, wie denn auch diese Dialektik durch alle oberflächlich komplizierten Chaosgebilde der spätkapitalistischen Gesellschaft hindurch als roter Faden im Auge zu behalten ist (3.) Für Lenin war der Marxismus „….die allerrevolutionärste Doktrin der Welt.“ (4.)

Das Verhältnis des Marxismus zur Philosophie ist seit der Spätschrift von Friedrich Engels: „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ (1888) geklärt: „Die Frage des Verhältnisses des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur, die höchste Frage der gesamten Philosophie hat also, nicht minder als alle Religion, ihre Wurzel in den bornierten und unwissenden Vorstellungen des Wildheitszustandes.“ (5.) Der Marxismus, führt Engels weiter aus, „…entschloß sich, die wirkliche Welt- Natur und Geschichte- so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt, der ohne vorgefaßte idealistische Schrullen an sie herantritt; man entschloß sich, jede idealistische Schrulle unbarmherzig zum Opfer zu bringen, die sich mit den in iihren eignen Zusammenhang, und in keinem phantastischen, aufgefaßten Tatsachen nicht in Einklang bringen ließ. Und weiter heißt Materialismus überhaupt nichts.“ (6.) Auf diese Schlüsselschrift, die vor Lenins Empiriokritizismus das durchdachteste philosophische Werk des Marxismus ist, geht Gesine Schwan nicht ein einziges mal (!) ein ! Dafür aber um so mehr und um so ausführlicher auf einen unausgereiften Text des jungen Marx, den dieser vom April bis August 1844 im Pariser Exil schrieb und der jahrzehntelang im Berliner Archiv der SPD lagerte.

Erst 1932 erschienen erstmals vollständig in deutscher Sprache die Pariser Manuskripte des jungen, 26jährigen Marx, denen man den Titel: „Ökonomisch Philosophische Manuskripte“ gab. Diese nicht zur Veröffentlichung, sondern zur Selbstverständigung, zudem fragmentarischen Manuskripte (7.) trugen noch einen geringen idealistischen und einen grösseren anthropologischen Charakter. Und es konnte nicht ausbleiben; gerade auf diese beiden Schwachstellen des Werkes stürzten sich die Revisionisten wie eine lechzende Meute, allen voran Herbert Marcuse. (8.) Nun sei Marx doch überwiegend ein Philosoph gewesen (9.), seine Theorie habe eine durchgehende philosophische Basis, ja eine Korrektur am späten Engels sei notwendig, Marx habe „…die innere Verbundenheit der revolutionären Theorie mit der Philosophie Hegels in aller Deutlichkeit ausgesprochen. “ (10.) Vergessen offensichtlich Marxens präzise Aussage im Nachwort zur zweiten Auflage des Kapitals, dass seine dialektische Methode „…der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil…“ (11.) sei. Die idealistische Dialektik Hegels ist nach Engels „unbrauchbar“ (12.), denn politisch lief sie bei Hegel auf eine ständische Monarchie hinaus, diese Dialektik kann die Arbeiterklasse in der Tat nicht gebrauchen. Und Gesine Schwan, die sich offen zur „philosophischen“, fast möchte man sagen hegelschen Tradition im (!) Marxismus bekennt (13.), radikalisiert Marcuse noch weiter nach rechts, geht noch weiter in die alte philosophische Wildnis zurück. „Marcuse…räumt immerhin ein, dass die Philosophie mit dem Aufweis der Möglichkeit der Entfremdung aus dem Wesen des Menschen ihre Grenze erreicht habe und das Aufzeigen des realen Ursprungs der Entfremdung Sache der ökonomisch-historischen Analyse sei. Ich kann ihm darin nicht zustimmen.“ (14.) Da Marx die Entfremdung intransingent aufheben will, deren Ursache der Philosoph Marx wie alle anderen Philosophen nie richtig geklärt habe, falle seine Theorie der Unglaubwürdigkeit anheim. (15.) Was Gesine Schwan auf keinen Fall möchte, ist eine radikale Weltveränderung der kapitalistsichen Ausbeuterordnung und so beschäftigt sie sich vornehm philosophisch mit dem Marxismus, sie schreibt ihren philosophsichen Unsinn hinter das Marx´sche Original, um den Marxismus förmlich zu entmannen. Oder, wenn man will: den Marxismus zu entwaffnen. Friedrich Engels bezeichnete gerade die materialistische Dialektik „…als unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe…“ (16.) , denn nur sie erfasst die schroffen Wendungen und Sprünge, Blitze in der Geschichte. Die Aprilthesen von Lenin waren 1917 gerade so ein Gedankenblitz, der die neue Welt mit einem Male hinstellte.  (Weshalb sie der alte materialistische Gelehrte G.W. Plechanow, der die Oktoberrevolution nicht verstand, als „Fieberphantasie“ abtat). Von solchen Fieberphantasien ist auch Frau Schwan weit entfernt: „Aber wir können den bedeutenden Hinweis aufgreifen, mit dem Marx auf Zusammenhänge zwischen der Arbeitswelt und den übrigen Daseinsweisen des Menschen zeigt. Diese Zusammenhänge…zu orten, wäre ein wichtiges Feld für die Wissenschaft, die sich in den Dienst einer praktsichen Politik stellt mit dem Ziel der schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, die er nicht selbstbewußt eingeht….“ (17.) Der Schlußsatz ihrer Habilitation kann nunmehr kaum noch überraschen: „Wer den Wert der Marxschen Theorie nicht daran mißt, ob sie als Heilslehre in ihren Jüngern innere Sicherheit, Selbstbestätigung und Überlegenheitsbewußtsein zu nähren vermag, sondern daran, welchen Beitrag sie für die Lösung der sozialen Probleme der konkreten Menschen hier und jetzt leistet, der wird zu dem Schluß kommen: Karl Marx-aber mit Maßen.“ (18.)

Hier ist nun jegliche Dialektik, egal ob materialistisch oder idealistisch, über Bord geworfen worden. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel packen. (19.)

Sollte Frau Schwan Bundespräsidentin werden, darf man gespannt sein auf ihren Beitrag zur schrittweisen Verbesserung der komplexen hochindustriellen Gesellschaft, zur schrittweisen Befreiung des Menschen von allen Unterordnungen, Schon ihre Kandidatur widerspricht dem, denn zur radikalen Befreiung des Menschen gehört die Überwindung des Staates, konkret: die Axt an die Wurzel der bürgerlichen Staatsmaschinerie legen, sie aber strebt ja gerade den allerhöchsten Repräsentanzposten der Diktatur der Bourgoisie an.

1. Gesine Schwan: Die Gesellschaftskritik von Karl Marx, Politökonomische und philosophische Voraussetzungen, Kohlhammer Vlg. 1975

2.a.a.O.,7

3. Vgl. auch: W.I. Lenin: Staat und Revolution: „Auf die Frage, warum besondere über die Gesellschaft gestellte und sich ihr entfremdende Formationen bewaffneter Menschen (Polizei, stehendes Heer) nötig geworden seien, ist der westeuropäische und russische Philister geneigt, mit ein paar bei Spencer und Michailowski entlehnten Phrasen zu antworten, auf die Komplizierung des öffentlichen Lebens, die Differenzierung der Funktionen u. dgl. m. hinzuweisen. Ein solcher Hinweis hat den Anschein der „Wissenschaftlichkeit“ und schläfert den Spießbürger vortrefflich ein. da er das Wichtigste und Grundlegende vertuscht: die Spaltung der Gesellschaft in einander unversöhnlich feindliche Klassen. (W.I. Lenin: Ausgewählte Werke, Progress Vlg. Moskau 1971, 292)

4.W.I. Lenin: Über den Partisanenkrieg, LW 11,210

5.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21,275

6.a.a.O.,292

7. In der Vorbemerkung zu „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“ gibt uns Friedrich Engels einen interessanten Hinweis zum Umgang mit marxistischen Frühschriften, selbst das Feuerbach-Kapitel aus der „Deutschen Ideologie“ von 1845 sei für seine Schrift über Feuerbach 1888 unbrauchbar gewesen, über 40 Jahre muß er auch feststellen, dass die „Deutsche Ideologie“ zeige, „…wie unvollständig unsere damaligen Kenntnisse der ökonomischen Geschichte damals noch waren.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach, a.a.O.,264) Bürgerliche und kleinbürgerliche Intellektuelle haben die Neigung, alle Werke großer Denker zu Klassikern zu machen,  eben weil sie Geistesschaffende sind (der Geist in sich selbst verliebt), sie gehen nicht vom Aspekt der Verwertbarkeit für die rauhe proletarische Revolution aus. Vom letzteren aber allein kann die Weiterentwicklung der Theorie ausgehen, denn man kann den Marxismus nicht weiterentwickeln, wenn man nicht die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet und umgekehrt.

8.Frei nach dem Sinnspruch des Blaise Pascal aus seinen Pensées: Der Philosophie spotten, das heißt wahrhaft philosophieren. (Blaise Pascal: Grösse und Elend des Menschen, Klett Vlg. Stuttgart 1947,52) Karl Korsch vertrat zum Beispiel die Auffassung, Marx sei in seinem Spätwerk immer philosophischer geworden. Die für bürgerliche Ideologie charakteristische Trennung von Theorie und Praxis habe Marx aufgehoben, das Bürgertum wollte die separierte Wirklichkeit nach Ideen verbessern. (siehe: Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Frankfurt Wien 1966,151 f.)

9.Siehe auch: Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt/M. 1963. Neuerdings auch wieder Barbara Zehnpfennig: Einleitung zu Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Felix Meiner Vlg. Hamburg 2005. Die Manuskripte hätten für Marx einen bestimmenden Einfluß auf sein Gesamtwerk ähnlich wie Platons Frühdialoge und Nietzsches „Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ für deren Gesamtwerk. (a.a.O., VIII f.) Die Reaktion verwässert gern den Marxismus philosophisch. So kommt der Jesuit Pater Calvez nach seinem Studium des Kapitals zu der Einsicht, diese ökonomische Theorie sei eine ganz und gar von Philosophie durchdrungene. (Vergleiche Jean-Yves Calvez SJ., Karl Marx. Darstellung und Kritik seines Denkens, Olten und Freiburg/Br. 1964,280).

10. Herbert Marcuse: Neue Quellen zur Grundlegung des Historischen Materialismus, Interpretation der neuveröffentlichten Texte von Marx, in: Die Gesellschaft, Jg. 9, 1932,174. Vergleiche dagegen Heinrich Heine: „Unsere philosophische Revolution ist beendet. Hegel hat ihren großen Kreis geschlossen.“ (Heinrich Heine: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland). Engels weist darauf hin: „Was aber weder dieRegierungen noch die Liberalen sahen, das sah bereits 1833 wenigstens ein Mann, und der hieß allerdings Heinrich Heine.“ (Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach…a.a.O.,265) Knapp 100 Jahre später hat Marcuse das noch nicht gesehen.

11.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,27

12.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach…a.a.O.,292

13.Schwan,a.a.O.,10

14.Schwan,a.a.O.,145

15.Vgl. a.a.O.

16.Friedrich Engels, a.a.O.,293

17.Schwan, a.a.O.,134

18.Schwan, a.a.O.,135. Gesine Schwan erinnert mich an Joan Robinson, die die Marxschen Theoreme mit exakteren und verfeinerten Methoden moderner Analyse neu überprüfen wollte, um die schwachen von  den starken Seiten seiner Theorie zu trennen. Zu einem Ergebnis kam sie zum Beispiel beim Wertgesetz, das sie in den Bereich der Metaphysik ansiedelt. (Vergleiche Joan Robinson, An Essay on Marxian Economics, London (2. Auflage) 1947, Seite V f. und: Doktrinen der Wirtschaftswissenschaft, München 1965,50. Vergleiche auch: Ernst Theodor Mohl, Anmerkungen zur Marxrezeption, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, edition suhrkamp 226, 1967, 18).

19.Karl Marx, Zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie / Einleitung, MEW 1,385