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Zum 140. Geburtstag Lenins: Der Kampf ist absolut

17. April 2010

Am 22. April erblickte vor 140 Jahren ein außergewöhnlicher Mensch in Simbirsk das Licht der Welt, dessen Außergewöhnlichkeit aber weniger Anlaß zu einem Personen- oder Geniekult geben sollte, weil sein Schaffen  zusammen mit den werktätigen Massen der Befreiung eben dieser aus der kapitalistischen Lohnsklaverei gewidmet war, an deren Spitze  er stand und denen er den Weg der gewaltsamen Emanzipation gegen die kapitalistischen Ausbeuter und imperialistischen Unterdrücker wies. Der Gedanke der gewaltsamen Revolution der Arbeiter und Bauern zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch das Gesamtwerk des Genossen Lenin.

Alle großen Fragen im Leben der Völker werden durch Gewalt gelöst, und gibt es heute eine größere Frage als die Zerschlagung des kapitalistischen Ausbeutersystems ? Auch durch sein theoretisches und praktisch-revolutionäres Wirken ist den fortgeschrittenen arbeitenden Menschen heute bewußter denn je, dass die Kernfrage ihres gesellschaftlichen Daseins nicht mehr lauten kann, ob das kapitalistische Geldsystem zerschlagen werden muss, sondern allein wie dies geschehen soll ? Lenin wies uns darauf hin, dass es primär nicht darauf ankommt, sich mit politischen Einzelpersonen zu beschäftigen, sondern dass es vielmehr gilt, die objektiven Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Warenproduktion zu studieren, in deren Prozesszusammenhängen die verschiedenen gesellschaftlichen Klassen (so und nicht anders) handeln. Schon Marx und Engels hatten im Kommunistischen Manifest den Personenkultlern ins Stammbuch geschrieben: „Die theoretischen Sätze der Kommunisten beruhen keineswegs auf Ideen, auf Prinzipien, die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden oder entdeckt sind. Sie sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung.“ 1. So sind denn auch die Werke Lenins nur die Widerspiegelung der zu seiner Zeit vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung und er überprüfte immer mit strengstem Maßstab, ob seine Schriften die soziale Wirklichkeit richtig widerspiegeln. Und in der Tat liegt es auf der Hand, dass alle sozialistischen Theoretiker, die in dieser Frage leichtfertig handeln, zum historischen Scheitern verurteilt sind.

An Lenin spalten sich die Geister, während der bewußteste Teil der Lohnsklav/inn/en ihn nicht nur tief in seinem Herzen trägt, sondern auch eifrig studiert, aus seinem Werk Kraft im Klassenkampf gegen die Konterrevolution  und Anleitung zum revolutionären Handeln gegen die Ausbeuter schöpft, hassen diese diesen glühenden Revolutionär, können aber heute nur ohnmächtig konstatieren, dass sowohl seine wissenschaftliche als auch seine praktisch revolutionäre Tätigkeit das Leben aller Völker der Erde tangiert. Er hat Recht behalten mit seiner Vorhersage, daß ALLE (kursiv von Lenin) Länder in einigen sehr wesentlichen Fragen unvermeidlich dasselbe werden durchmachen müssen, was Rußland durchgemacht hat. 2. Auf allen Kontinenten fordern heute die Lohnsklaven, die leibeigenen Bauern ihr Recht, Mensch zu sein. Das öconomische System des Imperialismus, die daraus entspringenden imperialistischen Kriege und die Oktoberrevolution haben das Blatt der Weltgeschichte in gewisser Weise gewendet. Die Mehrheit der Weltbevölkerung, die Völker des Ostens, sind seit Beginn des XX. Jahrhunderts zum politischen Leben erwacht. Ein Aufbruch, den bereits Kautsky 1902 in seinem in der „Iskra“ veröffentlichte Aufsatz „Die Slawen und die Revolution“ („Das revolutionäre Zentrum wandert von West nach Ost“) und 1909 in seinem Werk „Der Weg zur Macht“  richtig erfasste, er datierte das revolutionäre Zeitalter ab 1905. Auf der anderen Seite sehen wir den Niedergang des alten Europas, der Weltbourgeoisie, „…die sich bei der imperialistischen Ausplünderung und Unterdrückung der Mehrheit der Erdbevölkerung überfressen hat.“ 3. Deutschland, einst die Blüte der bürgerlichen Weltkultur (Kant, Fichte, Hegel, Schelling, Goethe, Schiller…) ist heute unter der kulturellen Hegemonie des US-Imperialismus eines der rückständigsten Länder der Welt, statt Aufklärung mediale Massenverdummung, von Kopf bis Fuß nur noch Dekadenz und Panamaskandale ausschwitzend. China, das kämpferische Nepal, Nordkorea, Indien, wo die Naxaliten, (benannt nach dem Dorf Naxalbari in Westbengalen) gegen den Staatsterrorismus kämpfen, sind heute kulturell viel höher entwickelt.( In Lenins  Schrift: „Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx“  kann man diese Entwicklung sehr gut nachlesen.) Ich verweise auf die vorzügliche, Stalin gewidmete Studie des Inders Harpal Brar über den Zusammenbruch der Sowjetunion: Perestrojka Der vollständige Zusammenbruch des Revisionismus (Herausgeber offensiv, Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 2002) In dem einst theoretisch so hochstehenden Land der Dichter und Denker sind massenhaft Studien über den Zusammenbruch des sowjetischen Sozialismus erschienen, die zu dem fadenscheinigen Argument der Verschwörungstheorie Zuflucht nahmen, ohne zu beachten, dass der Erklärungsschlüssel in der Ökonomie zu suchen ist, ohne zu bedenken, das schon Friedrich Engels nach dem Scheitern der 48er Revolution es für wenig sinnvoll hielt, die Erfolge der Konterrevolution darin zu suchen, „Herr X oder Bürger Y habe das Volk verraten.“ 4.

Marx und Engels nahmen aktiv nur an einer Revolution teil, der bürgerlich demokratischen Revolution 1848 in Deutschland, und erst ein Jahr (!) nach der Herausgabe der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zu Köln, die sie „Organ der Demokratie“ nannten, wandten sich die Kommunisten Marx und Engels der Organisierung einer besonderen Arbeiterpartei zu. „Marx hat erst aus den Erfahrung der demokratischen Revolution, fast ein Jahr nachher, praktisch diese Schlußfolgerung gezogen, so spießig, so kleinbürgerlich war damals die ganze Atmosphäre in Deutschland. Für uns ist diese Schlußfolgerung eine seit langem feststehende, aus der halbhundertjährigen Erfahrung der internationalen Sozialdemokratie gezogene Erkenntnis – eine Erkenntnis, mit der wir BEGONNEN (kursiv von Lenin, H.A.) haben, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands zu organisieren.“ 5.

Lenin nahm schon aktiv an der bürgerlich demokratischen Revolution 1905 in Rußland teil und zog in ihr die Schlußfolgerung: „Das Proletariat muß die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand der Selbstherrschaft mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muß die sozialistische Umwälzung vollbringen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgoisie zu paralysieren.“ 6. (Im Vorbeigehen bemerke ich für „unsere“ deutsche LINKE, daß  hier zweimal das Wort Gewalt vorkommt).

Die Revolution wurde blutig niedergeschlagen und gegen alle Wankelmütigkeit, Verzagtheit (Pornografie statt Politik) und Kapitulationen, Irrationalismus, Gottbildnertum (Lunatscharski), es setzte eine Massenflucht aus der Partei ein, nicht nur von Intellektuellen, sondern auch von Arbeitern – in den finsteren Jahren der Reaktion zeigte sich Lenins ganze Stärke – und er sollte Recht bekommen: die Revolution von 1905 erwies sich als die Generalprobe für die Große Sozialistische Oktoberrevolution, die bis heute insofern der entscheidende Wendepunkt in der Weltgeschichte ist (und deren Genius Lenin war), weil sie den Völkern die Parole der bürgerlichen französischen Revolution FREIHEIT GLEICHHEIT BRÜDERLICHKEIT als historisch einlösbar nur jenseits des Privateigentums an den Produktionsmitteln aufzeigt, während jede bürgerliche Revolution dieses juristisch politisch ideologisch und militant polizeilich festschreibt. Die vom jungen Marx in seiner Schrift „Zur Judenfrage“ herausgearbeitete Differenz  zwischen menschlicher und politischer Revolution hat sich in jeder Arbeiter- und Bauernrevolution zu bewahrheiten. Das Humanistische liegt jenseits des Politischen. Die Oktoberrevolution 1917 fand selbstredend noch in einem politischen Gewand statt, kann aber von ihrem ganzen Ansatz und ihrer ganzen Intention her als die nach der Pariser Kommune zweite menschliche Revolution in der Weltgeschichte bezeichnet werden. „Die Revolution überhaupt, der Umsturz der bestehenden Gewalt und die Auflösung der alten Verhältnisse ist ein politischer Akt. Ohne Revolution kann sich aber der Sozialismus nicht ausführen. Er bedarf dieses politischen Aktes, soweit er der Zerstörung und Auflösung bedarf. Wo aber seine organisierende Tätigkeit beginnt, wo sein Selbstzweck, seine Seele hervortritt, da schleudert der Sozialismus die politsiche Hülle weg.“ 7.

Bekanntlich bezeichnete Friedrich Engels die primär von Marx entwickelte materialistische Dialektik als „…unser bestes Arbeitsmittel und unsere schärfste Waffe.“ 8. Lenin schärfte diese Waffe, vertiefte die Marx´sche Dialektik, wies besonders in der Schrift „Empiriokritizismus und Materialismus“  nach, dass die neuesten Ergebnisse der Naturwissenschaften die materialistische Dialektik glänzend bestätigten. Er kehrte also keineswegs nur zur Marxdialektik  zurück, wie Bucharin meinte. 9. Dialektisches Denken spiegelt Prozesse der Natur und der Gesellschaft wider als entwicklungsbedingt durch deren inneren Kampf von Gegensätzen unter Einschluß ihrer relativen Einheit (zum Beispiel Wirkung und Gegenwirkung in der Mechanik, Lohnarbeiter/innen gegen Kapitalist/inn/en in der bürgerlichen Gesellschaft). Prozesse bedürfen keinen Anstoß durch eine „höhere Instanz“, sondern sind selbstbewegt durch deren immanente Widersprüchlichkeit. Der Kampf zwischen Altem und Neuem, ohne den Prozesse weder möglich noch denkbar sind, vollzieht sich durch Abbruch der Allmählichkeit, durch Sprünge, dadurch, dass die Gegensätze ineinander umschlagen. Besonders arbeitete Lenin heraus, dass die Anzahl der Seiten dialektischer Erkenntnis ewig zunimmt, also keineswegs durch irgendein absolutes Wissen zum Abschluß kommt, wie Hegel meinte. „Die menschliche Erkenntnis ist nicht (resp. beschreibt nicht) eine gerade Linie, sondern eine Kurve, die sich einer Reihe von Kreisen, einer Spirale UNENDLICH (kursiv/H.A.) annähert.“ 10. Wir müssen in der Frage der Dialektik primär  beachten, dass die Einheit der Gegensätze unbedingt relativ ist, denn natürlich erkennen auch die Revisionisten Gegensätze und deren Kampf an, stellen aber zum Beispiel den Klassenkampf  so dar, dass dieser relativ, die Einheit zwischen den Klassen aber absolut sei (parlamentarische Koalitionen, friedliche Koexistenz, wie sie auch der sozialistische Utopist und Schüler Fouriers, Considérant, in seinem „Demokratischen Manifest“ vertrat, siehe auch den Fehler Bucharins, dass die Kulaken in den Sozialismus hineinwachsen, dargelegt in seiner Schrift: „Der Weg zum Sozialismus“.  Stalin sagte dazu: „Kapitalisten in Stadt und Land, Kulaken und Konzessionäre, die in den Sozialismus hineinwachsen – bis zu einer solchen Dummheit hat sich Bucharin verstiegen.“ (Stalin: Über die rechte Abweichung in der KPdSU, Rede auf dem Plenum  des ZK und der ZKK der KPdSU (B) im April 1929, Stalin Werke Dietz Verlag Berlin, 1954,26). „Die Einheit (Kongruenz, Identität, Wirkungsgleichheit) der Gegensätze ist bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ. Der Kampf der einander ausschließenden Gegensätze ist absolut, wie die Entwicklung, die Bewegung absolut ist.“ 11. Also kommt es im Klassenkampf darauf an, die Kapitalistenklasse, die Bankiers…etc. mit ihren ganzen Anhängseln von Politikern, Juristen und Polizisten, diese perverse, gebildete, arbeitsscheue und  blutsaugende Minderheit am Körper der Völker mit Feuer und Schwert gewaltsam-diktatorisch niederzuhalten.  In diesem letzten Gefecht verlangte Lenin zur Erkenntnis der Klassenkriegslage  alle Seiten, alle Zusammenhänge zu erfassen und zu erforschen. „Wir werden das niemals vollständig erreichen, die Forderung der Allseitigkeit wird uns aber  vor Fehlern und vor Erstarrung bewahren.“ 12.

Wenn Lenin das Streben nach Allseitigkeit in der Erkenntnis gesellschaftlicher Prozesse forderte, so konnte man bei der Marx´schen Analyse des sogenannten klassischen Manchesterkapitalismus nicht stehenbleiben, man mußte neue Entwicklungen im Wirtschaftsleben aufmerksam verfolgen und berücksichtigen, dass bereits der späte Engels Formen des Übergangs von der Konkurrenz zum Monopol entdeckt hatte. Der Kapitalismus ging ab 1900 dialektisch (die Gegensätze schlagen ineinander um: Konkurrenz wird zum Monopol) in sein höheres Stadium, den Imperialismus über. Die von Lenin dargelegte Imperialismusanalyse kommt bis heute der Allseitigkeit der imperialistischen Entwicklung am nächsten, er sprach von einem besonderen historischen Stadium des Kapitalismus. „Diese Besonderheit ist eine dreifache: der Imperialismus ist 1. monopolistischer Kapitalismus; 2. parasitärer Kapitalismus; 3. sterbender Kapitalismus. Die Ablösung der freien Konkurrenz durch das Monopol ist der ökonomische Grundzug, das WESEN (kursiv von Lenin/H.A.) des Imperialismus.“ 13.

Wenn Lenin das Streben nach Allseitigkeit in der Erkenntnis gesellschaftlicher Prozesse forderte, so konnte man bei der von Marx und Engels entwickelten Theorie des internationalen Charakters der proletarischen Revolution nicht stehenbleiben,  man mußte die internationale Entwicklung des Imperialismus aufmerksam verfolgen und neue Widersprüche in den Kräfteverhältnissen berücksichtigen. Lenin entwickelte während des ersten Weltkrieges in polemischer Auseinandersetzung mit dem Pseudointernationalismus Trotzkis die Theorie, daß die Front des Imperialismus auf Grund der Ungleichmäßigkeit der politischen und ökonomischen Entwicklung im Imperialismus sogar in einem einzelnen, kapitalistisch wenig entwickelten Land durchbrochen werden kann unter Fortbestand höherentwickelter kapitalistischer Länder. „Die Entwicklung des Kapitalismus geht höchst ungleichmäßig in den verschiedenen Ländern vor sich. Das kann nicht anders sein bei der Warenproduktion. Daraus die unvermeidliche Schlußfolgerung: Der Sozialismus kann nicht gleichzeitig in ALLEN (kursiv von Lenin/H.A.) Ländern siegen. Er wird zunächst in einem oder einigen Ländern siegen, andere werden für eine gewisse Zeit bürgerlich oder vorbürgerlich bleiben.“ 14.

So hatte aber der Marxismus nach 66 Jahren ein ganz anderes Gesicht bekommen, denn 1845/46, in „Die deutsche Ideologie“ sahen Marx und Engels die proletarische Revolution noch als eine ultrainternationalistische an: „Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden Völker „auf einmal“ und gleichzeitig möglich, was die universelle Entwicklung der Produktivkraft und den mit ihm zusammenhängenden Weltverkehr voraussetzt. “ 15.  1847 verwies Engels in den „Grundsätzen des Kommunismus“ auch noch auf den Weltmarkt und sah eine gleichzeitige Revolution in allen zivilisierten Ländern, „d.h.  wenigstens in England, Amerika, Frankreich und Deutschland“16.  kommen.  1850 sah Marx nach der Analyse der Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, daß nicht das klassische Land der bürgerlichen Revolution der Ausgangspunkt der internationalen proletarischen Revolution sein kann, da das höchstentwickelte kapitalistische Land England sei. “ Sie wird nicht in Frankreich gelöst, sie wird in Frankreich proclamirt. Sie wird nirgendwo gelöst innerhalb der nationalen Wände, der Klassenkrieg innerhalb der französischen Gesellschaft schlägt um in einen Weltkrieg, worin sich die Nationen gegenübertreten. Die Lösung, sie beginnt erst in dem Augenblick, wo durch den Weltkrieg  das Proletariat an die Spitze des Volkes getrieben wird, das den Weltmarkt beherrscht, an die Spitze Englands.“ 17. Diesen Gedanken  hatte Karl Marx 1850 in den „Klassenkämpfen in Frankreich 1848 bis 1851“ entwickelt, es war gerade der Fehler des sich  (zusammen mit Sinowjew) zum bewaffneten Oktoberaufstand attentistisch verhaltenden Kamenews, unter Versteifung auf diese Frankreichschrift von Marx die Aprilthesen Lenins als zu radikal zurückzuweisen. Darüber hinaus sprach er sich sogar für eine Zusammenarbeit mit den Menschewiki aus. 18. Also diesen interessanten verschlungenen Lauf hat die kommunistische Weltbewegung genommen: Von der Weltrevolution  „auf einmal und gleichzeitig“  zum Aufbau des Sozialismus in einem Lande. Marx und Engels erwarteten von der komunistischen Revolution, dass sie  Geschichte in Weltgeschichte verwandele, daß die universelle Entwicklung der Produktivkräfte es ausschließe, dass der Kommunismus nur als eine Lokalität existiere. 19. Dass diese auf dem Gebiet eines Sechstels der Erde geschah, ändert nichts am lokalen Charakter.

Und so weist uns kein anderer als Lenin selbst darauf hin, dass es nicht darauf ankommt, Zitate auswendig zu lernen und Szenen vergangener Klassenkämpfe als Parodie zu kopieren, sondern den aktuellen Klassenkrieg möglichst allseitig  zu anaylsieren, den kapitalistischen Wolf genau und scharf im Auge zu behalten unter Berücksichtigung, dass zum Abschlachten  dieses Blutsaugers die Bewaffnung der Arbeiter und Bauern unbedingt erforderlich ist.  Man kann den Leninismus nicht innerleninistisch weiterentwickeln, sondern man kann ihn nur weiterentwickeln, wenn man die Revolution der Arbeiter und Bauern vorbereitet, und umgekehrt, man kann diese nicht vorbereiten, wenn man nicht den Leninismus weiterentwickelt. 20.

Aus ihren eigenen Eingeweiden schleudert die bürgerliche Gesellschaft fortwährend Augenblicksgötzen auf die politische Bühne, weil sie zur Unterdrückung der Lohnarbeiter eines politischen Überbaus bedarf, in weltgeschichtlicher Hinsicht Eintagsfliegen, im Vergleich zum Giganten Lenin wahre Nullen. Warum ? Man könnte antworten, dass Lenin einen wesentlich höheren Intelligenzquotienten hatte. Und so zutreffend auch diese Feststellung ist, immerhin wurde Lenins Gehirn zwei Jahre nach seinem Tod von dem führenden Gehirnforscher Professor Oskar Vogt nach der zytoarchitektonischen Methode  untersucht und diese Vermutung  wissenschaftlich bestätigt 21., der Kern der Sache ist ein anderer. Lenin lehrte uns, dass sich die Revolutionäre bis zu einem gewissen Grad mit den Massen verschmelzen müssen 22. Mit den Massen bis zu einem gewissen Grad verschmelzen sich auch die bürgerlichen Politikaster regelmäßig vor den Wahlen, um sie nach diesen wie eine Weihnachtsgans auszuschlachten. Die von Lenin inspirierte Oktoberrevolution schlug einen anderen Weg ein: „Die Diktatur des Proletariats und der revolutionären Bauernschaft…ist eine offene Diktatur, eine Diktatur der Massen, die weder des Betrugs in der Innenpolitik noch der Geheimdiplomatie in der Außenpolitik bedarf.“ 23. Deshalb verehren die Massen diesen revolutionären Titanen. Er brachte ihnen eine viel höhere Form des Demokratismus als es der bürgerliche Parlamentarismus je bringen wird. Im Grunde hält dieser die Massen von der Demokratie fern. Das von Lenin ausgearbeitete  Dekret des Gesamtrussischen Zentralexekutivkomitees über das Abberufungsrecht von Deputierten (datiert vom 4. Dezember /21.November 1917) beginnt denn auch mit dem Satz: „Jedwede gewählte Körperschaft oder Vertreterversammlung kann als wirklich demokratisch und als wirkliche Vertretung des Willens des Volkes nur dann gelten, wenn das Recht der Wähler, ihre Abgeordneten ABZUBERUFEN (kursiv/H.A.), anerkannt wird und dieses Recht Anwendung findet.“ 24. Die heute unter dem bürgerlichen Parlamentarismus entmündigten Massen können nur frei atmen, wenn sie diesen zerschlagen. Die Augenblicksgötzen, die politischen Eintagsfliegen, die Nullen täuschen sich, wenn sie den Marxismus-Leninismus für vernichtet halten. Den Marxismus-Leninismus kann man nur vernichten, wenn man die Arbeiterklasse vernichtet. Das kann die Bourgeoisie nicht, aber umgekehrt geht es. Das historische Schicksal des Marxismus-Leninismus kann dann auch nicht sein, von einem Klassenfeind vernichtet zu werden, er stirbt mit dem Staat ab.

Von Lenin verfasst worden ist auch die „Deklaration der Rechte des werktätigen und ausgebeuteten Volkes“ (angenommen vom Dritten Gesamtrussischen Sowjetkongress 25. (12.) Januar 1918). Sozialisierung des Grund und Bodens, Arbeiterkontrolle in der Produktion, Übergang aller Banken in das Eigentum des Arbeiter- und Bauernstaates, allgemeine Arbeitspflicht gegen die parasitären Schichten der Gesellschaft – das sind nur einige Stichworte aus der Deklaration, die als Ziel vorgibt, „…die Menschheit den Klauen des Finanzkapitals und des Imperialismus zu entreißen.“ 25. Das  – abgesehen von den fundamentalen Texten der Klassiker –  wohl wichtigste Dokument der Weltgeschichte ist heute in Vergessenheit geraten. In einer vom Kapital beherrschten Gesellschaft kann es auch gar nicht anders sein. Die dem Kapital (ge-) hörigen Massenmedien verbreiten heute stündlich täglich millionenfach die Deklaration der Rechte des parasitären und ausbeuterischen Kapitalistenpacks in Permanenz. Wir Kommunisten müssen diese ersten, hauptsächlich von Lenin und Stalin ausgearbeiteten Dekrete der Sowjetmacht wie einen Augapfel hüten, sie enthalten die Grundlagen für die Errichtung eines Arbeiter- und Bauernstaates. Angesichts der vom Kapital angelegten wildwuchernden Medienlandschaft  ist dies einem Marsch durch einen dichten, noch nie von Menschen durchschrittenen Dschungel vergleichbar, der kontinentale Ausmaße hat.

Für Lenin war entscheidend, daß der Kommunismus den Arbeitermassen als ihr eigenes Anliegen eingehen muß. 26.  Seine Genialität bestand darin, mit einfachen Mitteln, mit dem „Kleingedruckten“ zu arbeiten. Deshalb hielt er die Parteikader an, auf Versammlungen genauestens auf die Kritik gerade der „einfachen“ Arbeiter und Bauern zu achten, aufmerksam auch die lokalen Zeitungen zu studieren, einen regen Briefwechsel mit den Arbeitern und Bauern zu führen, das Netz der bolschewistischen Zeitungen mit ihren Arbeiter- und Bauernkorrespondenten immer engmaschiger zu knüpfen, die Zeitung als kollektiver Organisator, bei Massenveranstaltungen Gespräche zu führen, jedes Flugblatt genau zu analysieren, alle Beschwerden Ernst zu nehmen. „Sehr aufmerksam verhielt sich Lenin zu den Zetteln, die er auf den verschiedenen Versammlungen, Kundgebungen, Konferenzen und Tagungen erhielt. Am 20. März 1921 übersandt er seinem Sekretär eine Menge solcher Zettel und gab ihm den Auftrag: Alles sammeln, nach Themen gliedern, ein Verzeichnis machen, mir zeigen.“ 27. Statt hochtrabender Reden Mitarbeit am Subbotnik, die Jugend muß lernen lernen lernen, aber nicht auf alte Art. „Nur in der gemeinsamen Arbeit mit den Arbeitern und Bauern kann man ein wahrer Kommunist werden.“ 28. Ein einfacher Satz – und doch enthält er die Genialität Lenins. Ein Revolutionär, der nicht von den Massen lernt, ist verloren. Auch Marx lernte mit ihnen im Kampf. 29. Lenin vertraute dem proletarischen Klasseninstinkt im Gegensatz zu den belesenen und „hochgebildeten“, in der Geschichte der Revolution bewanderten Bolschewiki. „Von den Massen lernen, den Sinn ihres Handelns erfassen, die praktische Erfahrung des Kampfes der Massen sorgfältig studieren….In den Tagen der Wendepunkte der Revolution blühte er gleichsam auf, wurde zum Hellseher, erriet die Bewegung der Klassen und die wahrscheinlichen Zickzackwege der Revolution, sah sie ganz klar vor sich. Nicht umsonst heißt es in unseren Parteikreisen, daß „Iljitsch in den Wellen der Revolution zu schwimmen versteht wie der Fisch im Wasser.“ 30. Man sagt, Lenin sei ein pragmatischer Politiker durch und durch gewesen und sein Pragmatismus spiegele sich besonders in der „knochentrockenen“ Schrift: Was tun ? wider. 31. Aber gerade in dieser Schrift wirft er den Bolschewiki selbstkritisch vor, dass sie zu wenig träumen. Ein Revolutionär, der nicht auch träumt, kommt über den alten Weltzustand nicht hinaus. 32.


1. Marx, Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Dietz Verlag Berlin 1983, 60. Die Volksmassen machen die Geschichte. „Wenn es also darauf ankommt,…die eigentlich letzten Triebkräfte der Geschichte auszumachen, so kann es sich nicht so sehr um die Beweggründe bei einzelnen, wenn auch noch so hervorragenden Menschen handeln, als um diejenigen, welche große Massen, ganze Völker, und in jedem Volk wieder ganze Volksklassen in Bewegung setzen.“ (Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, 298).

2. Lenin, Der „linke Radiakalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, in: Lenin Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau, 1971,572

3.Lenin, Zum Zehnjährigen Jubiläum der Prawda, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971, 734. Schopenhauer hat die Hinwendung zum Osten philosophisch vorgeahnt, aber natürlich mit Spinnereien (Upanischaden…etc). Carl Schmitt wiederum deutet die revolutionäre Entkernung Europas, geht man von Engels Schwerpunktlegung: „England Frankreich Deutschland“ in den Grundsätzen des Kommunismus von 1847 aus, so kann man diesen Ausdruck getrost in Anwendung bringen, aus militärischer Sicht an Hand der nach seiner Auffassung das 20. Jahrhundert prägenden und von Lenin totalisierten neuen Gestalt des Weltgeistes, den Partisanen, aus. „Das Bündnis der Philosohie mit dem Partisanen, das Lenin geschlossen hat, entfesselte unerwartete neue , explosive Kräfte. Es bewirkte nicht weniger als die Sprengung der ganzen europa-zentrischen Welt, die Napoleon zu retten und die der Wiener Kongreß zu restaurieren gehofft hatte.“ (Carl Schmitt, Thorie des Partisanen, Duncker & Humblot Verlag Berlin, 2006,57). Der Kardinalfehler Carl Schmitts, der seiner Lenindarstellung zu Grunde liegt, ist offenbar: Lenin deutet gesellschaftliche Phänomene nie von der Philosophie, sondern immer von der Ökonomie aus, der wissenschaftlichen Disziplin, in der der Schlüssel zum Verständnis  gesellschaftlicher Entwicklungen liegt. Ebenso unsinnig ist die Unterstellung, Lenin hätte ein Bündnis Hegelischer Geschichtsphilosophie mit entfesselten Massenkräften zustande gebracht. (a.a.O.,58) Mit solchen schwachen Kräften ist Lenin nicht ins Feld  der Weltrevolution gezogen, denn die Hegelsche Geschichtsphilosophie gab nach seiner Beurteilung der Menschheit „sehr,sehr wenig…Hier ist Hegel am meisten veraltet und antiquiert.“ (Lenin, Konspekt von Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“, in: Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Ausgewählte Texte, Reclam Verlag Leipzig, 1968,228). Er führt hier die Linie der Hegelkritik aus der Deutschen Ideologie von Marx und Engels fort: „Die Hegelsche Geschichtsphilosophie ist die letzte, auf ihren „reinsten Ausdruck“ gebrachte Konsequenz dieser Gesamten Deutschen Geschichtsschreibung…(der) Hirngespinste.“ (Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,39f.) Carl Schmitt ist nicht allein mit seiner Philosophielastigkeit, es ist überhaupt ein Grundübel, den Marxismus immer wieder mit Philosophie zu revisionieren. „Die selbständige Philosophie verliert mit der Darstellung der Wirklichkeit ihr Existenzmedium.“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Marx Engels Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1969,27). Das ist das Todesurteil  nicht nur der klassischen deutschen idealistischen Philosophie. Sowohl für den kleinen als auch für den großen Krieg kann man deshalb zum Beispiel heute nicht mehr bei den für Schmitt vorbildlichen  Clausewitz in die Schule gehen, wie dies offensichtlich Kapitän zur See Professor Dr. Wolfgang Scheler tut, der in seinem Aufsatz „Clausewitz und das militärtheoretische Denken in der DDR“ bei Clausewitz die Verbindung von Erfahrung und Philosophie für das wissenschaftliche Denken als befruchtend deutet. (siehe: google: Scheler Clausewitz DDR).

4.Friedrich Engels, Revolution und Konterrevolution in Deutschland, in: Ausgewählte Werke in 6 Bänden, Band II, Dietz Verlag Berlin, 184

5.Lenin: Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Lenin Werke Band 9,128f.

6.a.a.O.,90

7.Karl Marx: Kritische Randglossen zu dem Artikel eines Preußen, MEW 1,409. Ähnlich wie mit der Politik verhält es sich auch mit der Gewaltfrage. Zur Zerschlagung des kapitalistischen Systems ist unbedingt Gewalt erforderlich, wo aber der Sozialismus seine aufbauende Tätigkeit beginnt, da beinhaltet die Diktatur des Proletariats nicht hauptsächlich Gewalt, sondern stellt einen „höheren Typus der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit“ dar. (Vergleiche: Lenin, Die große Initiative, Leinin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,529).

8.Friedrich Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, MEW 21, Dietz Verlag Berin 1975,293

9.Siehe: M. Mitin, Ergebnisse der philosophischen Diskussion,in: Wilhelm Goerdt: Die Sowjetphilosophie Wendigkeit und Bestimmtheit, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 1967,258

10. Lenin, Über Hegelsche Dialektik, Zur Frage der Dialektik, Reclam Leipzig 1986,46. Hegel hingegen gestaltet in seiner „Logik“ das Denkbild: die sich als Kreis erreicht habende Linie.

11.a.a.O.,44. „Die Erkenntnis, dass diese Gegensätze und Unterschiede in der Natur  zwar vorkommen, aber nur mit relativer Gültigkeit, dass dagegen jene ihre vorgestellte Starrheit und absolute Gültigkeit erst durch unsre Reflexion in die Natur hineingetragen ist – diese Erkenntnis macht den Kernpunkt der dialektischen Auffassung der Natur aus. “ (Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, in: Marx Engels, Ausgewählte Werke, Band V, Dietz Verlag Berlin, 1972, 20) Und auf dem Gebiet der Geschichte sagt  Friedrich Engels, dass zum Beispiel  der Staat das Eingeständnis ist, dass diese Gesellschaft sich in UNVERSÖHNLICHE (kursiv/H.A.) Gegensätze gespalten hat. In seiner Schrift „Staat und Revolution“ stellte Lenin heraus, dass es besonders kleinbürgerliche Ideologen philiströs dazu treibt, den Staat als Organ der Klassenversöhnung darzustellen. In der historisch politischen Praxis haben das die Sozialrevolutionäre und Menschewiki „mit einem Schlag“ gezeigt. In der Theorie ist Kautsky geschickter vorgegangen: aus der anerkannten Unversöhlichkeit der Klassen wird nicht die Schlußfolgerung gezogen, auf die Notwendigkeit der Vernichtung des Staatsapparates hinzuwirken. (Vergleiche: Lenin, Staat und Revolution, Lenin Werke Band 25, Dietz Verlag Berlin 1960, 399f.).

12.Lenin, Noch einmal über die Gewerkschaften, die gegenwärtige Lage und die Fehler Trotzkis und Bucharins, LW 32, Dietz Verlag Berlin, 1961,85

13. Lenin, Der Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus, LW 23, Dietz Verlag Berlin, 1978,102

14. Lenin; Das Militärprogramm der proletarischen Revolution, LW 23, Dietz Verlag Berlin 1957,74. Was also Hans Kalt in seinem Buch: „In Stalins langem Schatten Zur Geschichte der Sowjetunion und zum Scheitern des sowjetischen Modells“ als eine Erkenntnis aus dem Zusammenbruch des Sowjetsystems entwickelt, die dazu zwingt, „…die Vorstellungen von einer Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus neu zu überdenken. Diese wird wahrscheinlich nicht als eine , schließlich die ganze Welt erfassende revolutionäre Welle erfolgen.“ (Hans Kalt, In Stalins langem Schatten, Papy Rossa Verlag, Köln, 2010, 255. I, Kapitel: Wo Marx irrte), ist von Lenin im Grunde schon vor seinem Entstehen dargelegt worden.

15. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin, 1974, 226.

16. Friedrich Engels, Grundsätze des Kommunismus, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin, 1976,349

17.Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin 1977,182

18: Siehe: Jürg Ulrich: Kamenew: Der gemäßigte Bolschewik Das kollektive Denken im Umfeld Lenins,  VSA Verlag Hamburg 2006, 96f.

19. Vergleiche  Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin, 1974,226

20. Lenin ist deshalb mehr als nur ein Ratgeber, der uns in allen künftigen Klassenkämpfen begleitet. (Siehe: Prof. Dr. Götz Dieckmann: Lenin – Fanal, nicht Ikone, Rotfuchs 13. Jg. , Nr. 147, April 2010,3) Wir dürfen an Lenin nicht so herantreten wie, sagen wir, bürgerliche Offiziere an Clausewitz herantreten, als Ratgeber in allen Kriegslagen. Wir müssen den Leninismus an Hand der real vor sich gehenden Klassenkämpfe überprüfen, so wie Lenin die Werke von Marx und Engels einer ständigen Überprüfung an den realen Klassenkämpfen unterwarf und diese Werke auch korrigierend weiterentwickelte. Ganz im Sinne von Karl Marx, der das menschliche Denken der Kritik unterworfen und an der Arbeiterbewegung überprüft hatte. (Vergleiche Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971,670) Insbesondere sind heute die ökonomischen Fehlentwicklungen der sowjetischen Wirtschaft zu analysieren, zum Beispiel, dass entegen der Warnung Stalins durch die Auflösung der Maschinen-Traktor-Stationen ungeheure Mengen von Produktionsinstrumenten der Landwirtschaft in die Bahn der Warenzirkulation geworfen, die Warenzirkulation schließlich Überhand nahm.  (Siehe Harpal Brar:  Perestrojka Der vollständige Zusammenbruch des Revisionismus (Herausgeber offensiv, Zeitschrift für Sozialismus und Frieden 2002, 212ff.) und Heinz Ahlreip, Aufstieg und Fall der Sowjetunion, Über den wissenschaftlichen Charakter des Marxismus, Eigenverlag, 48 ff.)

21. Siehe Dokument Nr. 18: Das Gehirn W.I. Lenins, in: Jochen Richter: Rasse, Elite, Pathos. Eine Chronik zur medizinischen Biographie Lenins und zur Geschichte der Elitegehirnforschung in Dokumenten, Centaurus Verlag Herbolzheim 2000, 187 f. Lenin hatte einen überragenden, nicht nur marxistischen Wissensschatz, aber auch sein Wissen konnte natürlich nicht allseitig sein. Eine kleine Anmerkung: 1919 lehrte er uns, dass man zum Sieg über den Kapitalismus „Hunderte und Tausende neuer Methoden, Verfahren, Kampfmittel“ ausprobieren müsse, um die geeignetsten zu finden, so wie ein japanischer Gelehrter im Kampf gegen die Syphilis 605 Präparate ausprobierte und erst das 606. (Salvarsan) den Durchbruch brachte. (Vergleiche: Lenin, Die große Initiative, in: Lenin, Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau, 1971,535). Diese medizinische Glanztat vollbrachte aber kein japanischer Gelehrter, sondern der deutsche Arzt Paul Ehrlich. Man kann daraus ersehen, dass weder die bei konservativen Ideologen beliebte Kriminalisierung von Revolutionären, sie seien verschwörerische Drahtzieher im Hintergrund von Revolutionen, noch ihre Verzerrung ins Übermenschliche, zwei Kehrseiten einer Medaille sind: Lenin war ein außergewöhnlicher Mensch, aber immer doch ein Mensch.

22. Vergleiche Lenin, Der Linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Progress Verlag Moskau, 1971,567

23.J.W.Stalin, Die Regierung der bürgerlichen Diktatur, in: Stalin Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin 1951, 291

24. W.I. Lenin, Die ersten Dekrete der Sowjetmacht, Ausgabe zur Lenin-Hundertjahrfeier, herausgegeben von Juri Achapkin, Berlin Verlag 1970,46

25.a.a.O.,89

26. Lenin, Rede auf der Gesamtrussischen Konferenz der Ausschüsse für politisch-kulturelle Aufklärung bei den Gouvernements- und Kreisabteilungen für Volksbildung 3. November 1920, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971, 693

27. B.Jakowlew, Lenin über die operative Beweglichkeit in der organisatorischen Arbeit, in: M. Glasser, A. primakowski, B. Jakowlew: Studieren Propagieren Organisieren, Drei Texte zu den Arbeitsmethoden von Marx, Engels, Lenin uns Stalin, Verlag Olga Benarioa und Herbert Baum, 156

28. Lenin, Die Aufgaben der Jugendverbände, in: Lenin, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1917,681

29. Vergleiche Lenin, Vorwort zur russischen Übersetzung der Briefe von K. Marx an L. Kugelmann, Lenin Werke Band 12, Dietz Verlag Berlin, 1959, 103

30. Stalin, Über Lenin, Stalin Werke Band 6, Dietz Verlag Berlin 1952, 54 f. Wenn ich schrieb, seine Genialität bestand darin, mit einfachen Mitteln, mit dem Kleingedruckten zu arbeiten, so macht dies doch nur die halbe Genialität Lenins aus. Lenin wäre wohl ein herausragender Politiker gewesen, wenn nicht noch eine andere Komponente der Genialität hinzukäme. Man könnte sagen, eine „klassische“ Komponente, wie sie der englische Dichter Edward Young prägte (die bestimmend wurde für den Geniebegriff der Klassik in der Literatur, siehe auch: Jochen Schmidt, Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750 – 1945, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1985): „Regeln sind wie Krücken, eine notwendige Hilfe für den Lahmen, aber ein Hindernis für den Gesunden. Ein Homer wirft sie von sich.“ (H.A. und E. Frenzel: Daten deutscher Dichtung, dtv 1969, Bd. II, 202 f.) Plechanow hatte so Unrecht nicht, als er die Aprilthesen eine „Fieberphantasie“ nannte, mit der er alles aufs Spiel setzte und als sich wenige Tage nach der Oktoberrevolution der Oberbefehlshaber der russischen Vierzehnmillionenarmee General Duchonin weigerte, einen Befehl des Rates der Volkskommissare auszuführen (unverzüglich Waffenstillstandsverhandlungen mit den Deutschen aufzunehmen), setzte Lenin in einem Sonderbefehl über die Köpfe des Kommandeurskorps Duchonin ab und an seine Stelle den blutjungen Matrosen Krylenko ein und richtete einen Aufruf an die Soldaten, die Generale zu verhaften. „Es war ein Sprung ins Ungewisse. Aber Lenin fürchtete diesen Sprung nicht…“ (J.W. Stalin, Über Lenin, Stalin Werke Band 6,Dietz Verlag Berlin 1952,57) In diese Richtung geht auch Stalins Äußerung in seinem Referat vom 1. November 1926; „Über die Gefahr der sozialdemokratischen Abweichung in unserer Partei“: „Engels würde sich, wenn er noch lebte, nicht an die alte Formel (alte Formel aus den Grundsätzen des Kommunismus von 1847: es kann keinen Sozialismus in einem Lamd geben/H.A,) klammern, sondern er würde im Gegenteil unsere Revolution aus vollem Herzen begrüßen und sagen: „Zum Teufel mit allen alten Formeln, es lebe die siegreiche Revolution in der UdSSR.“ (J.W. Stalin, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin 1952, 271)

31. In seiner Schrift: Der „linke Radikalismus“, die Kinderkranheit im Kommunismus“ kritisiert Lenin die linken Kommunisten Englands wegen ihrer mangelhaften Parlamentarismuskritik, läßt aber die Beantwortung der Frage, ob sich die Kommunisten der Arbeiterpartei anschließen sollen offen, da er zuwenig Material über diese Frage habe. (Vergleiche Lenin, Der „linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Lenin Ausgewählte Werke Progress Verlag Moskau, 1971,624) Daohne ist alles Schwafelei. Das unterscheidet den Wissenschaftler vom Politikaster.

32. Träumen im Sinne von Pissarew (Fehlschlüsse eines unreifen Gedankens, Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Band II).

Heinz Ahlreip
22.4.2010

Über den wissenschaftlichen Charakter des Marxismus

18. Juni 2009

von Heinz Ahlreip

Die Konstellation der wissenschaftlichen Erkenntnis als eine der Widerspiegelung und Reflexivität zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisgegenstand erfährt wissenschaftsgeschichtlich eine Neubegründung durch Descartes, der das aus der Antike stammende passiv-hinnehmende Vernehmen der ewigen kosmischen Ordnung aufbrach, insofern die Körperwelt in „res cogitans“ (denkende Körper) und „res extensa“ (ausgedehnte Körper) unterschieden wurde. Es liegt auf der Hand, daß sich die wissenschaftliche Erkenntnistheorie fortan um die Frage der Identität in dieser neuen Konstellation bewegte. Ohne identität wären wahre und unwahre Aussagen nicht zu unterscheiden.

Daß diese Übereinstimmung von Begriff und Gegenstand wissenschaftlich, also die wissenschaftliche Wahrheit sei, wurde von den verschiedenen philosophischen Schulen mehr oder weniger postuliert, aber natürlich nur assertorisch, daher der Streit unter den Schulen. Der Marxismus allein behauptet, daß erst durch die revolutionäre Weltveränderung die richtige Übereinstimmungserkenntnis von Subjekt und Objekt herzustellen sei, zugleich gibt diese revolutionäre Veränderung die Begründung, daß außer dem bewußten Vortrupp der revolutionären Arbeiterklasse als Partei alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft ideologisch befangen sind und ein notwendig falsches Bewußtsein haben. Ohne kommunistische Partei als Kampfstab kann man nicht die bürgerlichen Klassen und ihr konterrevolutionäres Bewußtsein liquidieren. In den Streit der bürgerlichen Politparteien untereinander und gegen die KP sind die verschiedenen philosophischen Schulen involviert.

Der entscheidende Ausbruch aus der inzestuösen Reflexivität der Wissenschaft in ihrer immanenten Verharrung gelingt in den Feuerbachthesen. Diese stellen insofern ein einzigartiges Dokument der Revolution der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte dar, als Marx die wissenschaftliche Tätigkeit im Materialismus nicht nur mit der revolutionären Tätigkeit verbindet, sondern jene dieser subordiniert. Revolutionäre Praxis bringt dann Forschersubjekt und Forschungsobjekt in eine stimmige Widerspiegelungsrelation, wenn die Welt: Natur Geschichte Gesellschaft Denken ein Komplex von Prozessen ist. Welt als Komplex fertiger Dinge erübrigt revolutionäre Praxis. Weltinterpretation als Prozeß treibt hingegen über sich selbst als bloß Interpretatorisches hinaus.

Prozesse entwickeln sich gemäß einer ihnen immanenten Gesetzmäßigkeit, in der Übergänge von einer Prozessformation in eine andere in einem einheitlichen Zusammenhang abfolgen. Damit ist für den praktisch politisch tätigen Revolutionär der Forschungsgegenstand vorgegeben: um die Geburt der neuen, höheren Formation zum Ausbruch zu verhelfen, studiert er die spezifische Form der Formationsübergänge. Marx läßt im Nachwort zur 2. Auflage des Kapitals nicht von ungefähr den Petersburger Professor I.I. Kaufmann über die Dialektik zu Wort kommen, war Marx doch der Auffassung, daß es sich um eine treffende Darstellung handelt: „Für Marx ist nur eins wichtig: das Gesetz der Phänomene zu finden, mit deren Untersuchung er sich beschäftigt. Und ihm ist nur das Gesetz wichtig, das sie beherrscht, soweit sie eine fertige Form haben und in einem Zusammenhang stehen, wie er in einer gegebenen Zeitperiode beobachtet wird. Für ihn ist noch vor allem wichtig das Gesetz ihrer Veränderung, ihrer Entwicklung, d.h. der Übergang aus einer Form in die andere.“ 1.)

Genau angegeben werden kann nun der fundamentale Unterschied zur idealistischen Dialektik, die Hegel als eine des Geistes entwickelt. Für den Idealisten vollziehen sich Übergänge von einer Gestalt des Geistes zu einer anderen so, daß dem Philosophen nur das bloße Zusehen bei der Gestaltenabfolge bleibt: „Der Übergang nemlich, vom ersten Gegenstande und dem Wissen desselben, zu dem anderen Gegenstand an dem man sagt, daß die Erfahrung gemacht worden sey, wurde so angegeben, daß das Wissen vom ersten Gegenstande…der zweyte Gegenstand selbst werden soll…In jener Ansicht zeigt sich der neue Gegenstand als geworden durch eine Umkehrung des Bewußtseyns selbst. Diese Betrachtung der Sache ist unsere Zuthat, wodurch sich die Reihe der Erfahrungen des Bewußtseyns zum wissenschaftlichen Gange erhebt und welche nicht für das Bewußtseyn ist, das wir betrachten.“ 2.) Dieses bloße Betrachten des Welt-Geist-Prozesses führt bei Hegel zu recht zahmen politischen Ambitionen, die Konsequenz der Marxschen Dialektik ist der Berufsrevolutionär im Dienste der Arbeiter, das dem Weltgeist verschlossen gebliebene Rätsel seiner Substanz, weil in der Theorie als Widerspiegelung der Übergangsdialektik aus dieser die revolutionäre Strategie und Taktik abgeleitet wird, die dann wiederum die Art und Weise der revolutionären Tätigkeit vorschreibt. Da alle essentiellen Übergänge in Gestalt einer gewaltsamen Revolution stattfinden, befähigt eine tiefe wissenschaftliche Durchdringung der Gesetze der Übergangsprozesse den Revolutionär, die Belastung der revolutionären Anstrengung für die bisher unterdrückten Klassen abzukürzen. Marx pflegte zu sagen:“…die Geburtswehen abzukürzen…“ 3. Und umgekehrt: das opportunistische Versagen der sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale, die widerstandslos in den Sozialchauvinismus umfielen, führte zu den extremen Verheerungen des ersten Weltkrieges, der sich durch die Politik des Burgfriedens imperialistisch entfesselt entfalten konnte.

Im Zusammenhang des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus legten Marx und Engels die revolutionäre Haupttätigkeit auf den Aufbau einer politischen Kampfpartei, obwohl die durch diese Partei angestrebte kollektive Form der gesellschaftlichen Organisation der Produktion ohne Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft die Existenz politischer Parteien obsolet macht. Im Zuge einer zunehemenden Kollektivierung der Produktion erfolgt deshalb die Selbstnegierung der revolutionären Kampfpartei, die diese Kollektivität historisch durchzusetzen hatte. Der in Ausbeuterordnungen vorliegende Mangel an innerer und äußerer Naturbehrrschung spiegelt sich unter anderem auch in der Pluralität verschiedener politischer Parteien wider. Die ideologische Akzeptanz einer Parteienpluralität durch das Proletariat käme einer Verewigung seiner kapitalistischen Knechtschaft gleich.

Die Analyse des Übergangsprozesses legt die Konfliktdialektik zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen frei, die die zwischen revolution und Konterrevolution einschließt. Das Epochemachende der Marxschen Forschungen lag neben der Entdeckung des Mehrwerts in dem Resultat, die ideologischen Überbauformen auf ihre ökonomische Basis zurückführen zu können. Von hier an datieren die Gesellschaftswissenschaften als exakte Disziplinen. „In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen der materiellen naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzung in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten.“ 4. Gelingt es nicht,  die Gesellschaftswissenschaften als Naturwissenschaft zu beherrschen, verbleibt man im Wirrwarr der ideologischen Formen- daher der ökonomisch gesteuerte Interessenkrakeel der Parteien in der bürgerlichen Gesellschaft. Die Dialektik zwischen der Partei der Arbeiterklasse und den bürgerlichen Parteien ist nur der Reflex der Dialektik von Revolution und Konterrevolution, in der sich zugleich der Charakter der Gesellschaftswissenschaft als exakte Wissenschaft entscheidet. Revolutionäre Praxis ALLEIN sichert, daß die Dialektik von Revolution und Konterrevolution im Bewußtsein der Revolutionäre nicht ideologisch verzerrt wird. Damit ist die Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Ideologie markiert.

Ohne revolutionäre Praxis wird Dialektik als Prozesswissenschaft das Sich-Selbst-Erfassen der Gesetzmäßigkeit der Prozesse in immanenter Selbstreflexivität dialektisch widergespiegelter dialektischer Gesetze. Geschichte ist dann Prozess der Selbsterkenntnis ihrer Gesetze, daher fallen für Hegel das Ende der Philosophie als dialektischer Prozesswissenschaft mit dem Ende der Geschichte zusammen. Durch die revolutionäre Praxis hingegen fallen revolutionäre Veränderung der Umstände und Selbstveränderung des Revolutionärs zusammen: „Das Zusammenfallen des Änderns der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden.“ 5.  Sehr folgerichtig verrennt sich dagegen Hegel in eine Sackgasse der Distanzierung von allem Weltlichen und in das inzestuöse Zuhausesein der Philosophie in seiner spekulativen Religionsphilosophie: Philosophie sei „…ein abgesondertes Heiligtum und ihre Diener bilden einen isolierten Priesterstand, der mit der Welt nicht zusammengehen darf und das Besitztum der Wahrheit zu hüten hat. Wie sich die zeitliche, empirische Gegenwart aus ihrem Zwiespalt herausfinde, wie sie sich gestalte, ist ihr zu überlassen und nicht die unmittelbar praktische Sache und Angelegenheit der Philosophie.“ 6. Ganz in diesem Sinne ist die Bemerkung von Josef Dietzgen dem Älteren zu verstehen, daß die Philosophen überwiegend diplomierte Lakaien der Pfafferei sind.

Für den Idealismus war es nicht möglich, Gesellschaftswissenschaft als Naturwissenschaft zu entwickeln, da für ihn die Natur lediglich das Anders-Sein des Geistes war.  Im historischen-dialektischen Materialismus hingegen sind Existenz und Entwicklung der Gesellschaftswissenschaften an Existenz und Entwicklung von Klassengesellschaften und den ihnen immanenten entfremdeten Beziehungen unter den Menschen gebunden. Klassengesellschaften bedürfen Gesellschaftswissenschaften wie Gesellschaften ohne Klassen nur noch Naturwissenschaften. Wird bei zunehmender Kollektivierung der Produktion die revolutionäre Kampfpartei aufgehoben, so wissenschaftsgeschichtlich der Marxismus selbst als die letzte mögliche Gesellschaftswissenschaft in Klassengesellschaften. „Die Geschichte selbst ist ein wirklicher Teil der Naturgeschichte, des Werdens der Natur zum Menschen. Die Naturwissenschaft wird später ebensowohl die Wissenschaft von dem Menschen wie die Wissenschaft von dem Menschen die Naturwissenschaft unter sich subsumieren: es wird eine Wissenschaft sein.“ 7. Dagegen steht die Bestimmung dieses Verhältnisses im Philosophischen Wörterbuch der DDR Stichwort: Wissenschaft „…daß die Verwandlung der Wissenschaft in eine unmittelbare Produktivkraft der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft keine Angelegenheit der Naturwissenschaft allein ist, sondern im Zusammenwirken von Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft erfolgt.“8. Ein Zusammenwirken kann es im Kommunismus nicht geben, denn die geschichtliche Natur und die natürliche Geschichte sind in eins. So ist der Kommunismus im übrigen auch eine Gesellschaft frei von Marxisten. Endgültig Aufschluß über die Dialektik von Natur und Gesellschaft gibt die Analyse der Ware, durch die zugleich erläutert werden kann, warum die bürgerliche Gesellschaft für Marx nur ein Spezialfall der Dialektik ist. Die bürgerliche Ökonomie hat zwar Epoche gemacht mit der Entdeckung, dass die Arbeitsprodukte als Werte bloß sachliche Ausdrücke der in ihrer Produktion verausgabten menschlichen Arbeit sind, löst aber nicht das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware. Die bürgerliche Gesellschaft erscheint den in der Befangenheit der Warenproduktion verhafteten Gesellschaftswissenschaftlern  als ebenso endgültig, „als daß die wissenschaftliche Zersetzung der Luft in ihre Elemente die Luftform als eine physikalische Körperform fortbestehn läßt.“ 9. Damit wäre die bürgerliche warenproduzierende Gesellschaft und auch die gesellschaftswissenschaftlich im Sinne der Bürgerlichkeit und Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft tätigen Menschen auf ewig als bürgerliche verankert, wenigstens solange, als die warenproduzierenden und gesellschaftswissenschaftlich tätigen Menschen dazu die Luft zum Atmen brauchen.  Die revolutionäre Aufhebung der kapitalistischen Ausbeutung und der menschlichen Arbeistkraft als Ware setzt die bürgerlichen Gesellschaftswissenschaften, für die die bürgerliche Gesellschaft kein Spezialfall der Dialektik ist und sein darf, an die frische Luft. Ist aber die bürgerliche Gesellschaft kein Spezialfall der Dialektik, so resultiert aus dieser ideologischen Befangenheit typisch stagnatives Denken, Marx veranschaulicht das an der Gleichgültigkeit der politischen Ökonomie an der Wertform, selbst bei ihren besten Repräsentanten Adam Smith und David Ricardo, nachdem der Inhalt der Form annähernd erkannt worden war. Die Wertform des Arbeitsprodukts ist die allgemeinste Form der bürgerlichen Produktionsweise und verwandelt sich auf Grund ihrer Allgemeinstheit unter der Hand zur ewigen „Naturform gesellschaftlicher Produktion“. 10. Eine besondere historisch vorübergehende Produktionsform wird eine endgültige. 11. So galt den Ökonomen des klassischen Kapitalismus die freie Konkurrenz als Naturgesetz dieser Produktionsweise, Marx aber wies schon im dritten Band des Kapitals eine gewisse Tendenz zum Monopol nach: mit den Banken sei „die Form einer allgemeinen Buchführung und Verteilung der Produktionsmittel auf gesellschaftlicher Stufenleiter gegeben, aber auch nur die Form“.  12.

Der wissenschaftliche Charakter des Marxismus liegt in seiner in revolutionärer Praxis entwickelten Methodik der prozessualen Abbildung der Entwicklungsgesetze der Natur und der Gesellschaft im menschlichen Denken, um die revolutionäre Selbstveränderung historisch-politisch handelnder Subjekte in dialektischer Reziprozität zur objektiven Entwicklung zu gestalten, also bei gleichzeitiger Umgestaltung der objektiven Wirklichkeit von Klassengesellschaft, bis die Reziprozität historisch-politisch handelnder Subjekte als Revolutionäre nicht mehr bedarf. Im Gegensatz zur idealistischen Dialektik mit ihren als Quelle von Ideologiegehalten wirkenden Leitmotiven: Identität-Finalismus-Teleologie begreift materialistische Dialektik wissenschaftlich-revolutionäre Tätigkeit als ein Kettenglied in der sich ständig entwickelnden Materie. Hegel offenbart alles: „Das Ziel aber ist dem Wissen ebenso notwendig als die Reihe des Fortgangs gesteckt; es ist da wo es nicht mehr über sich selbst hinaus zu gehen nötig  hat, wo es sich selbst findet und der Begriff dem Gegenstande, der Gegenstand dem Begriffe entspricht.“ 13. Alle Ideologiemomente der idealistischen Dialektik sind in diesem Satz Hegels versammelt, insofern in der absoluten Identität der am Anfang des Weltgeistprozesses mit „gesteckte“ Zweck abschlußhaft sich eingeholt hat. Weltgeschichte wird ideologisch und dient klassenspezifischen Herrschaftsinteressen, die von der sich historisch durchsetzenden kollektiven Produktionsweise überholt sind. „In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffasst, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist.“ 14. Das die materialistische Dialektik kritisch anwendende revolutionäre Subjekt ist dabei selbst nur ein sich aufhebendes Moment in der sich ins Unendliche fortsetzenden produktiven  Tätigkeit der Menschen, deshalb formulierte Marx den Kommunismus nicht als Ziel der Weltgeschichte. „Der Kommunismus ist die notwendige Gestalt und das energische Prinzip der nächsten Zukunft, aber der Kommunismus ist nicht als solcher das Ziel der menschlichen Entwicklung, die Gestalt der menschlichen Gesellschaft.“ 15. Der revolutionäre Wissenschaftler hebt sich in der dialektischen Erfahrung objektiver Gesetzmäßigkeit auf. „Es wird sich endlich zeigen, daß die Menschheit keine neue Arbeit beginnt, sondern mit Bewußtsein ihre alte Arbeit zustande bringt.“ 16.

Das Abbilden der Entwicklungsgesetze  der Natur und der menschlichen Gesellschaft im menschlichen Denken ist philosophie- und wissenschaftsgeschichtlich insofern widersprüchlich, als es von spezifisch widersprüchlichen Klassenkonstellationen bedingt ist, die den Nachweis ermöglichen, daß der wissenschaftliche Konflikt ein Reflex der Dialektik von Revolution und Konterrevolution ist.  Der dialektischen Abbildung als dialektischer Prozess steht die ideologische entgegen, die den lebendigen Weltprozess unter die Kategorie der Ewigkeit auf eine zeitlich befristete Klassenherrschaft deformativ fixiert. Aus der Fixierung von Prozessualität ergibt sich die ideologische Weltinterpretation als verzerrte Realität, in der sich Klassenherrschaft als unabänderlich ergibt. In der Vereinnahmung einer historisch, also nur für einen bestimmten Zeitraum tätigen und gültigen Prozesskonstellation als ewige, spiegelt sich die prätendierte Allmacht einer bestimmten Eigentumsform über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Negierung von Weltprozess überhaupt. 17. Marx und Engels haben dargelegt, daß adialektische Denkblockaden eigentumsbedingt sind: „Die interessierte Vorstellung, worin ihre eure Produktions- und Eigentumsverhältnisse aus geschichtlichen, in dem Lauf der Produktion vorübergehenden Verhältnissen in ewige Natur- und Vernunftgesetze verwandelt, teilt ihr mit allen untergegangenen herrschenden Klassen. Was ihr für das antike Eigentum, was ihr für das feudale Eigentum begreift, dürft ihr nicht mehr begreifen für das bürgerliche Eigentum.“18.  DER KERN DER MARXISTISCHEN WELTVERÄNDERUNG IST DIE REVOLUTIONÄRE VERÄNDERUNG DER BÜRGERLICHEN EIGENTUMSVERHÄLTNISSE.

1. Karl Marx, Das Kapital, MEW 23,25

2. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes,  Einleitung, Meiner Verlag, Hamburg 1980, 60f.

3. Karl Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, MEW 23,16. Stalin betont in seinem Artikel „Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“ aus dem Jahre 1905 zwar, dass die Arbeiterklasse auch ohne die Wissenschaft vom Sozialismus zu diesem gelangen wird, aber dieser Weg wird wesentlich härter und qualvoller sein. Lenin, auf den sich Stalin in seinem Werk bezog, hatte mit seinem Werk „Was tun ?“ alle rein öconomistischen apolitischen und tradeunionistischen Spontanansätze in der Arbeiterbewegung widerlegt. „Es galt vor aller Welt den Gedanken auszusprechen, dass die spontane Arbeiterbewegung ohne den Sozialismus ein Umherirren im Dunkeln ist – von dem, auch wenn es irgendeinmal zum Ziele führt, doch niemand weiß, wann und um den Preis welcher Qualen – dass das sozialistische Bewußtsein folglich für die Arbeiterbewegung von sehr großer Bedeutung ist.“ (Josef Stalin, Kurze Darlegung der Meinungsverschiedenheiten in der Partei“, Stalin Werke Band 1, Dietz Verlag Berlin, 1950,80). Ohne den wissenschaftlichen Sozialismus käme die Arbeiterbewegung nicht vom Fleck, verbleibe im Rahmen des Kapitalismus, sei ein „Umherirren um das Privateigentum“. (a.a.O.,83). Im Juni 1917 schrieb Lenin anläßlich der Brusilow Offensive, dass der Übergang der Macht an das revolutionäre Proletariat, das von der armen Bauernschaft unterstützt wird, der Übergang zum revolutionären Kampf für den Frieden in den sichersten und schmerzlosesten Formen ist, die die Menschheit je gekannt hat. (Vergleiche Lenin, Erster Allrussischer Kongress der Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten 3. bis 24. Juni (16. bis 7. Juli) 1917, in: Lenin, Über den Kampf um den Frieden, Dietz Verlag Berlin 1956,163).

4. Karl Marx, Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13,9

5. Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW 3,6

6. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Zweiter Band, Jubiläumsausgabe in zwanzig Bänden, von Hermann Glockner, Band 16, Stuttgart Bad Canstatt 1965, Friedrich Fromann Vlg., 356 Ganz in der abendländisch platonischen Tradition stehend: die Weisen distanzieren sich von den Staatsgeschäften, da sie sehen, wie die Leute im Dauerregen durchnäßt werden, dem Rat der Weisen aber nicht folgen, unter die Dächer zu gehen, so bleiben die Weisen gleich ganz unter den Dächern und lassen sich nicht herab durch fruchtloses Apellieren an die Vernunft selbst naß zu werden.

7. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I,544

8.Manfred Buhr, Georg Klaus: Philosophisches Wörterbuch, VEB Vlg. Enzyklopädie, Leipzig, Stichwort: Wissenschaft, 1965, 615 f.

9. Karl Marx, Das Kapital, Marx Engels Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin, 1975,88

10.a.a.O.,95

11.a.a.O.,88

12.Karl Marx, Das Kapital, Band III, Berlin 1959,655

13. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Einleitung, Meiner Vlg. Hamburg, 1980,57

14.Karl Marx, Das Kapital, MEW 23, 27f.

15. Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I, 546

16.Karl Marx an Arnold Ruge, Kreuznach im September 1843, MEW 1,346

17.Vgl. Karl Marx, Vorwort zur ersten Auflage des Kapitals, MEW 23, 16: „…daß die jetzige Gesellschaft kein fertiger Kristall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist.“ An diesen fertigen Kristall klammert sich die Ideologie der Gegenrevolution, Nietzsche sprach schon in der „Fröhlichen Wissenschaft“ vom nichtgewordenen Kreislauf der Geschichte. Alles Werden sei nur innerhalb dieses Kreislaufs. Nach seiner Proklamation des Sieges des Seins über das Werden bezichtigt er alle Denker, die die Geschichte als einen ständig Neues produzierenden Prozess abbilden, der Theologie. Die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ist für Nietzsche noch die mildeste Form der Grausamkeit des Lebens.

18. Karl Marx, Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4,478. Engels weist bei der Behandlung der spezifisch kapitalistischen Wohnungsfrage durch den bürgerlichen Sozialismus darauf hin, daß dieser die Lösung dieser Frage durch die völlige Umwälzung der bürgerlichen Gesellschaft tabuisieren muss. „Er DARF (kursiv von Engels) sich die Wohnungsnot nicht aus den Verhältnissen erklären.“ (Friedrich Engels, Zur Wohnungsfrage, in: Marx Engels Werke Band IV, Dietz Verlag Berlin, 1920,220).