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DIE APRILTHESEN Heute vor 100 Jahren verkündete Lenin seine Aprilthesen

4. April 2017

Durch die Oktoberrevolution hatte sich ein Name unauslöschlich in die Weltgeschichte eingebrandt. Die ganzen äußeren Umstände des (Sich-)Einfügens Lenins in den Revolutionsablauf via einer Eisenbahnreise im plombierten Waggon 1.,   lassen zwei ungleichgewichtige Überlegungen beharrliche Konturen gewinnen, die gewichtige: als sollte durch ihn und seine Anhänger als weltgeschichtlicher Auftrag der Sozialismus in Rußland „eingeführt“ werden. Nichts ist irriger, immer wieder warnte Lenin vor einem, zumal vorzeitigen „Einführen des Sozialismus“. Man kann einen Sozialismus nicht einführen ebensowenig wie man eine Revolution einführen oder machen kann. Und die lapidare der deutschen Agentenschaft wie auch Hindus, Irländer und Juden in Agentendiensten der deutschen Armee standen. Lenin war also kaum aus dem Exil zurück und gab nach einer Aussage Molotows damit der Partei festen Boden unter den Füßen, da verkündete er (am russischen Ostermontag) seine Aprilthesen, die er im Gepäck mitgebracht hatte. Diese wiederum verwirrten. Insbesondere diese waren es, die der marxistischen Orthodoxie der II. Internationale (1889 bis 1914) mitten ins Konzept schlugen, nicht zufällig wurde Lenins Antipode Karl Kautsky, der die größte Autorität dieser Internationalen war. Die Thesen, die Plechanow als eine Fieberphantasie denunzierte – Plechanow, der im Jahr 1917 mit seiner eigenen politischen Gruppe „Jedinstwo“ hervortrat und mit ihr auf der Junidemonstration Schiffbruch erlitt, blieb sich hier treu, schon vor dem ersten Weltkrieg schimpfte er die im Basler Manifest von 1912 niedergelegte revolutionäre Taktik, den kommenden Weltkrieg in einen Bürgerkrieg umzuwandeln, ein „Mittelding zwischen Traum und Farce“. Die Thesen schlugen in ein künstlich errichtetes theoretisches Lehrgebäude ein, dessen Zentralsatz lautete, dass die proletarische Revolution nicht in einem zurückgebliebenen Agrarland zum Ausbruch kommen könne. Die Aprilthesen waren fundamental und stellten einen Bruch in der Kontinuität dar, diese Thesen waren bereits die ‚Oktoberrevolution in der Theorie‘, so dass das Jahr 1917 auch noch eine ‚Aprilrevolution in der Theorie‘ aufzubieten hat. Die eindeutige Aussage von Clara Zetkin, die Oktoberrevolution sei die konsequente Weiterentwicklung der Februarrevolution gewesen, ist sicherlich nicht falsch, aber präziser gehören markant und wegbestimmend die Aprilthesen in diesen Kontext, die Kontinuität und Bruch in dieser zugleich beinhalten und ohne die es nicht so rasch zum roten Oktober gekommen wäre. Sie bedingten einen qualitativen Sprung in der Revolutionstheorie, einen neuen Begriff der Revolution. Konsequente Entwicklungen gibt es streng genommen in der Geschichte nicht. Revolutionen, Krisen und Kriege zeigen vielmehr die Brüche, Halbheiten und Inkonsequenzen auf, wie die folgende: Karl Marx hatte Ende Oktober 1847, ohne Russland Beachtung zu schenken, ohne es zu erwähnen, noch die Notwendigkeit herausgestellt, dass der Sieg des Proletariats „nur vorübergehend, nur ein Moment im Dienst der bürgerlichen Revolution selbst sein“ wird, „wie Anno 1794, solang im Lauf der Geschichte, in ihrer ‚Bewegung‘, die materiellen Bedingungen noch nicht geschaffen sind, die die Abschaffung der bürgerlichen Produktionsweise und darum auch den definitiven Sturz der politischen Bourgeoisherrschaft notwendig machen“. 2. Waren 1917 in Russland die materiellen Bedingungen vorhanden oder nicht ? Darum ging es, und Martow wandte auch dieses Marx-Zitat gegen Lenins Aprilthesen ein. Nach dem Aufbruch einer Revolution schwirren viele Theorien in noch mehr Köpfen und es fehlte noch der ordnende und richtende Geist. Die Darstellung der geheimdiplomatischen Umstände, die zur Reise Lenins und seiner Anhänger im sogenannten ‚plombierten Waggon‘ führten, sind ein Kapitel für sich, das aber nicht zum Kern der Oktoberrevolution gehört. Kerenski spürte, was da auf Russland zukam: „Lenin ist unterwegs, jetzt wird es erst richtig losgehen“: Nach seiner Ankunft in Russland wurde Lenin frenetisch begrüßt, sodann aber erst einmal als Folge seines ‚Gegen-den-Strom-des Bolschewismus-Schwimmens‘ in die linkeste Ecke verbannt, in der er nahezu isoliert war, Stalin aber hielt zu ihm.  Man irrte sich, wenn man meinte, Lenin sei zu lange im Ausland gewesen, kenne die Situation nicht; Lenin war bereits weiter. Die Ankunft Lenins und seine Thesen vom vierten April gehören von allen Ereignissen vor der Oktoberrevolution zu den genuinsten, die zu ihr führten. Die Aprilthesen sind mit ein entscheidendes Kettenglied im Entwicklungsprozess zur Oktoberrevolution. Die Kernfrage lautete: Wie verhält sich eine revolutionäre proletarische Partei in bzw. zu einer soeben ausgebrochenen bürgerlichen Revolution ? Die Antwort Lenins verursachte einen heilsamen Schock unter den Bolschewiki, alles, was diese bisher seit dem Ausbruch der Revolution politisch gedacht und politisch getan hatten, wurde von Lenin kühn verworfen. Der Lehrer der Revolution war gekommen und es setzte eine Periode schmerzhafter Korrekturen ein. Ohne diese Kurskorrekturen wäre es nicht einmal zu einem Aufflammen der Oktoberrevolution gekommen, jedenfalls zu keiner erfolgreichen. Lenin sah die Partei im Fahrwasser des Menschewismus und riss sie nicht nur aus dieser „Entwicklung nach rechts“ heraus, sondern trieb sie auf Neuland, stellte sie vor Aufgaben, die bisher noch keine kommunistische Partei zu lösen hatte. Gegen die politische Mauschelei mit Fingerspitzengefühl zwischen menschewistisch dominierten Sowjets und ‚Provisorischer Regierung‘ wurde Klartext gesprochen, die proletarische Faust schlug nun zu: Diese Regierung sei kapitalistisch, räuberisch und imperialistisch. Die Bankiers wurden als Volksfeinde bezeichnet. Die bürgerliche Etappe der Revolution sei bereits vorbei ! Das Gelingen einer proletarischen Revolution würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen. Bereits am sechsten März hatte Lenin in einem Telegramm noch aus der Schweiz die Partei gewarnt: Keine Annäherungen an andere Parteien ! Nach Lenins Konzept einer Doppelrevolution galt es, das Schwert zur Enthauptung der russischen Bourgeoisie zu schärfen. Überall gab es Verwässerungen des Marxismus und – – – vergegenwärtigen wir uns noch einmal die Intention von „Staat und Revolution“, es ging in diesem einige Wochen später im September 1917 geschriebenen Fundamentalwerk um die Wiederherstellung des revolutionären Marxismus. Auf seinem Weg blieb Lenin stur und Trotzki sah in dem Revolutionsführer einen „pedantischen Notar“, für Keresnski sah dieser Notar der Revolution alles durch die Brille seines Fanatismus. Lenin stand gegen die Mehrheit seiner Partei, die politische Parolen auswendig gelernt hatte, mit denen man natürlich keine grundlegenden Fragen der Revolution lösen konnte. Lenin kannte keine Schonung und die russische Öffentlichkeit bekam mit, dass selbst die höchsten „Generäle“ der Partei von ihm angegriffen wurden.  Es galt sowohl für die Marxisten Westeuropas als auch für die in Russland als ausgemacht, dass nach der Februarrevolution eine längere Periode der Herrschaft der Bourgeoisie ‚an der Reihe‘ wäre und nicht wenige rechneten in Jahrzehnten. Das war Konsens und galt quasi als offizieller Marxismus, der meinte, revolutionäre Ungeduld gemeistert zu haben. Und jetzt kam der ‚Anarchist Lenin‘ und überraschte alle. Der Mann, dem in praktisch-politischer Hinsicht auf Grund der ganz eigenartigen Umstände seiner Rückkehr nach Russland der Vorwurf gemacht wurde, Agent im Dienste des kaiserlichen Deutschland zu sein und in theoretischer Hinsicht ein Anarchist geworden zu sein, ein ‚Mietling Wilhelms‘, hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Über die Wirkung von Lenins Reden wird berichtet, dass den Zuhörern schwindelig wurde, es konnte über das Ausgesprochene keine Diskussionen mehr stattfinden, im Nu hatte sich Fassungslosigkeit ausgebreitet. „Alle waren zu betäubt, und jeder wollte erst seine Gedanken sammeln“ 3. Lenin schlug mit dem Hammer zu und Suchanow notierte: „Ich ging auf die Straße hinaus, ich hatte das Gefühl, als wäre ich in dieser Nacht mit Ketten auf den Kopf geschlagen worden“. Nach dem Verkünden der Aprilthesen gab es ein „Gestern“ der Bolschewiki. Gestern ? Gestern glaubten die Bolschewiki noch, die bürgerliche Revolution sei in Russland noch nicht abgeschlossen und man müsse mit der ganzen Bauernschaft gehen. Lenin engte das Bündnis ein, seine Thesen brachten eine Neuorientierung auf die armen Landarbeiter und auf die armen Bauern. Die Parteimitglieder stolperten nicht über das Phänomen der Doppelherrschaft, das sie hätte stutzig machen müssen, es gab mehr als nur eine bürgerliche Herrschaft als Frucht der demokratischen Revolution vom Februar und dieses ‚Mehr‘ wurde einfach hingenommen, wurde nicht gedeutet, nicht gedanklich weiterentwickelt, im Keim war die Möglichkeit des Sieges der revolutionären Diktatur über die formale Demokratie möglich, kurz: die Bolschewiki waren auf ihrem linken Auge blind. Indem Lenin anfing, Schachzüge im Geiste der Pariser Commune zu vollziehen, öffnete er das linke Auge wieder: Seid kreativ mit einer eigenständigen proletarische Politik gegen die Bourgeoisie– das war die Botschaft der berühmten Frühlingsthesen. Der Leninistin Ludmilla Stahl ist das Wort zu geben: „Alle Genossen haben bis zur Ankunft Lenins im Dunkeln getappt“.

1. Es hatte auch Überlegungen gegeben, aus der Schweiz mit einem Flugzeug nach Russland zu fliegen. Von den vielen russischen Emigrantenklüngeln in der Schweiz wurden die Leninisten natürlich vom deutschen Generalstab bevorzugt behandelt, denn nur sie traten konsequent für eine Niederlage der bürgerlichen Regierung ein. Der deutsche Generalstab sah durch die Leninisten die Chance, diese zu einem Friedensschluss zu zwingen.

2. Karl Marx, Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1977, 338f.

3. Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution, Februarrevolution, Mehring Verlag, Essen, 2010,254